Jeder, der schreibt – halt. Wäre nicht besser: Jeder, der oder die schreibt? Oder sogar jede und jeder? Oder doch alle, die? Ständig dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Gendern und Nicht-Gendern! Wie man’s auch macht, man macht es irgendwie nicht gut.

Trotzdem wird seit Jahren in unzähligen Artikeln, Interviews und Talkshow-Beiträgen erklärt, entweder das eine oder das andere sei die Lösung.

  • Gendert, denn es ist moralisch geboten! Es ist zeitgemäß, modern und grammatisch richtig!
  • Gendert nicht! Denn es fügt sich nicht in die Sprachstruktur, ist eine flüchtige Mode (wahlweise: eine zweifelhafte Ideologie), und es hat sowieso keine moralische Relevanz.

Was für ein Hickhack! Und es führt nirgendwo hin. Einiges spricht fürs Gendern. Fürs Nicht-Gendern ebenfalls. In beiden Fällen gewinnt man etwas und verliert etwas anderes. Man muss sich nur darüber klar sein, was.

Gerechtigkeit

Was man durchs Gendern gewinnt, ist geschlechtliche Bezeichnungsgerechtigkeit. Die „geschlechtergerechte Sprache“ sollte richtiger bezeichnungsgerechte Sprache heißen. Denn Geschlechtergerechtigkeiten kann es in der Sprache unterschiedliche geben.

Das Sprachgeschehen kann zum Beispiel auch gerechter werden durch eine ausgleichende Balance von Geschlechter-Unvollkommenheiten. Und es ist auch nicht jedes Reden von Menschen eine Bezeichnung oder ein Verweis auf jemand Bestimmtes. Wenn ich sage: Im Durchschnitt schläft ein Mensch sieben Stunden pro Tag, dann referiere ich auf niemanden. Wenn ich aber sage: Nach sieben Stunden Schlaf fühlte sich Karl wie ein neuer Mensch, dann referiere ich auf Karl. Und da bei diesem unmittelbaren Bezeichnen auch das Geschlecht relevant wird, stellt sich die Frage, ob jeder oder jede sprachlich so behandelt wird, wie es seinem oder ihrem Geschlecht entspricht.

Beim Gendern soll ein gerechtes Bezeichnen erreicht werden, indem man alle geschlechtsartigen Merkmale der Sprache konsequent am Geschlecht/Gender der bezeichneten Person ausrichtet. Paula ist Ärztin, Karl ist Bäcker. Denn Paula ist eben – bezeichnungsgerecht gedacht – nicht Arzt und Karl nicht Bäckerin. Und wenn von gemischtgeschlechtlichen Personengruppen die Rede ist, dann soll das ebenfalls kenntlich werden (wobei das eigentliche Referieren dann schon deutlich in den Hintergrund tritt). Etwa: Jeden Morgen treffen sich die Journalistinnen und Journalisten zur Redaktionskonferenz. Oder: Wer seinen oder ihren Stift vergessen hat – es liegen welche auf dem Tisch. Oder: Lehrerinnen und Lehrer haben es oft nicht leicht im Unterricht. Oder: Während der Wind die dunklen Wolken ins Tal hineintrieb und sich das Gewitter über den Gipfeln entlud, saßen die Wanderer und Wanderinnen in der Hütte und diskutierten: War Francine nun die hurtigste Kletterin unter ihnen? Oder nicht doch der hurtigste Kletterer? Denn schließlich durchstieg sie die Felspassagen nicht nur schneller als Barbara, Sonja und Helene, sondern auch schneller als Uwe, Tammo, Vitalij, Ronny und Max.

Bezeichnungsgerechtigkeit ist ein legitimes und lohnendes Ziel. Teils lässt sie sich problemlos realisieren, teils bringt sie ihre Tücken mit sich. Wenn ich Francine in geschlechtlich korrekter Referenz als Kletterin bezeichne, dann kann ich sie nicht mehr mit allen anderen Kletterern vergleichen, denn Kletterer sind dann ja nur die Männer. Behaupte ich aber, dass man doch sowieso alle Gruppenmitglieder in einem allgemeinen Sinne Kletterer nennen kann, dann ist auch Francine ein Kletterer – aber leider geschlechtlich falsch bezeichnet.

Der Anspruch, sich auf Personen stets und immer bezeichnungsgerecht zu beziehen, kollidiert hier mit einem anderen fundamentalen Sprachziel, nämlich mit dem der logischen Konsistenz. Je „geschlechtlicher“ ich die Endungen -er und -in verstehe, desto unmöglicher wird der geschlechtsneutrale Gebrauch von Kletterer, desto weniger taugt Kletterer als Überbegriff und desto unfairer wird die Lage der Kletterin Francine gegenüber. Nicht in sprachlicher, wohl aber in sportlicher Hinsicht. Und solche Fälle gibt es gar nicht selten. Soll, wer als beste Strafverteidigerin des Jahres ausgezeichnet wird, das als Kompliment betrachten oder als gönnerhafte Schmähung?

Geschmeidigkeit

Dass die deutsche Sprache ein Geschlechterproblem hat, liegt auf der Hand. Es zeigt sich an den verallgemeinernden Indefinitpronomina, die deutlich maskulinistisch eingefärbt sind (jeder, keiner, man, jemand, wer etc.); es zeigt sich an der – höchst strittig gewordenen – Doppelfunktion des Maskulinums, einerseits männliche Personen zu bezeichnen, andererseits aber auch eine geschlechtsübergreifende, generische Lesart zuzulassen. Diese maskulinistische Schlagseite stammt aus unserer androzentrischen Kulturgeschichte her und bringt wohl auch heute noch kognitive Auswirkungen mit sich. Da könnte es in der Tat korrigierend wirken, mehr auf Bezeichnungsgerechtigkeit zu achten.

Allerdings muss man sich über alle Konsequenzen im Klaren sein, auch über die unerwünschten.

Denn das systematische Verfolgen von Bezeichnungsgerechtigkeit erzeugt nicht nur, wie im Fall der Kletterin Francine, neue Probleme sprachlogischer Natur, es wirkt sich auch massiv auf eine andere Qualitätsdimension der Sprache aus, nennen wir sie: Geschmeidigkeit. Das soll in unserem Zusammenhang hier mehr bedeuten als nur den flotten eleganten Redefluss – obwohl auch der nicht zu verachten ist und all die -innen, Sternchen und gendernden Formulierungsverrenkungen ihn sicherlich nicht fördern.

Überhaupt: Wie weit lassen sich Rhythmus und Sinn voneinander trennen? In einem rein informativen Text mag das möglich sein, aber wie sieht es in einem literarischen aus? Wie bei Lyrik? Und welche Funktionalität ist für die Sprache (und fürs Menschsein) wichtiger – die informative oder die poetische? Poetik heißt ja nicht, „schön“ zu schreiben. Der Sprachtheoretiker, Übersetzer und Lyriker Henri Meschonnic sieht das Poetische überhaupt als Voraussetzung allen Sprechens, der Begriff Poetizität spielt bei ihm bis ins Politische, ja bis ins Ethische hinüber. Wenn er damit auf der richtigen Spur ist – was ich für plausibel halte –, dann hat nicht nur die Bezeichnungsgerechtigkeit, sondern auch die Geschmeidigkeit einen moralischen Wert. Und dann darf man sie nicht leichtfertig opfern.

Geschmeidigkeit also, in diesem Sinne, meint eine formbare, flexible, sich der jeweiligen sprachlichen Aufgabe anpassende Rhythmizität nicht nur der Prosodie und der Metrik, sondern vor allem auch der Semantik und des Sinns. Denn auch der Sinn muss beim Sprechen fließen können. Was wiederum eine spezifische Art von Freiheit voraussetzt: Sprache geschmeidig zu halten, heißt, selbst entscheiden zu können, was in den Fokus gerückt werden soll und was nicht. Hält man sich aber strikt an das Ideal der Bezeichnungsgerechtigkeit, verliert man diesen Freiheitsgrad. Denn das Gendern gibt einen Fokus vor: den aufs Geschlecht. Und mindert damit die Geschmeidigkeit.

Wenn ich von Lehrerinnen und Lehrern rede, ja sogar wenn ich das Sternchen verwende (Lehrer*innen), betone ich die Geschlechtlichkeit der erwähnten Personen, ob ich das möchte oder nicht. Hören wir einmal einem solchen Satz zu, er stammt aus einem (übrigens sehr interessanten) Blogeintrag einer Forschungsgruppe, die sich mit dem Erkenntniswert von Metaphern, Metonymien und anderen Vergleichsfiguren beschäftigt:

Im Umgang mit dem neuartigen Virus SARS-CoV-2 greifen Politiker*innen wie Journalist*innen, Wissenschaftler*innen wie Verschwörungsideolog*innen auf eines zurück: auf Vergleiche.

Ja, wir haben verstanden. Es sind in allen vier Gruppen jeweils Männer wie Frauen anzutreffen. Muss man das der Leser*innenschaft derart unter die Nase reiben? Man kann natürlich sagen: Muss man. Denn schließlich ist das Stereotyp des männlichen Politikers, Wissenschaftlers etc. auch in unserer Zeit noch immer weit verbreitet, und es wird möglicherweise durch die generische Verwendung des grammatischen Maskulinums zusätzlich bestätigt. Probieren wir es aus, „entgendern“ wir den Satz:

Politiker wie Journalisten, Wissenschaftler wie Verschwörungsideologen greifen auf eines zurück: auf Vergleiche.

Entsteht ein anderer Eindruck? Ich denke schon. Die zweite Version wirkt – je nachdem, wer sie liest und mit welcher Verstehenshaltung er oder sie sie liest – eine Spur „ungerechter“. Und die erste Version wirkt eine Spur „unfließender“ – oder mehr als nur eine Spur? Auf jeden Fall wirkt sie deutlich geschlechtlicher, weil sie den Geschlechtsfokus zwangsweise setzt. Und beides geht auf Kosten der Geschmeidigkeit.

Auch Partizipialformen wie Forschende bewahren einen nicht davor, in die Falle der zwangsexponierten Zweigeschlechtlichkeit zu tappen. Denn sie sind ‘unechte Generika‘, sie funktionieren nicht im Singular: ein Forschender ist doch wieder ein Mann. Und nicht-persönliche Kollektiva – die Lehrerschaft – schleppen weiter ihren maskulinen Lehrer mit sich herum. Zudem gehen alle derartigen Vermeidungsstrategien auch wieder auf Kosten von Sprachfluss und Rhythmus.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Immer wieder steht Bezeichnungsgerechtigkeit gegen Geschmeidigkeit. Beides zusammen kann man offenbar nicht haben.

Oder vielleicht doch? Es gibt ja Leute, die meinen, man könne Gendern und Nicht-Gendern mischen, um das Beste aus zwei Welten miteinander zu verbinden.

Koexistenz?

An dieser Stelle einmal eine ganz grundsätzliche Frage. Wie funktioniert es, dass Wörter überhaupt etwas bedeuten? Was ist die Bedeutung eines Wortes? Sicher nicht das, was man im Inneren findet, wenn man ein Wort aufknackt wie ein Überraschungsei. Denn da ist normalerweise nichts. Was ein Wort bedeutet, hängt überhaupt weniger von ihm selbst ab als davon, wie wir dieses Wort verstehen – die Bedeutung eines Wortes ist seine Verstehensweise. Und das gilt nicht nur für das Grundlexem des Wortes, sondern auch für dessen Modifikationen durch Endungen für Kasus, Tempus, Numerus oder eben auch Genus.

Wenn nun in einem gegenderten Text personenbezogene Maskulin-Endungen auftauchen, so sollen diese, gemäß dem referenzialistischen Programm der Bezeichnungsgerechtigkeit, nur und ausschließlich als männlich verstanden werden. Die zuvor existierenden alternativen zwei Lesarten dieser Formen – die männliche versus die generische – sollen auf eine einzige Option verkürzt, die generische Lesart also unmöglich gemacht werden. Das war von Anfang an das Programm der kritischen feministischen Linguistik. Kann Francine der beste Kletterer sein? Nein, nur die beste Kletterin.

Natürlich ist das Verunmöglichen der generischen Lesart legitim – es zielt darauf, den Sprachwandel in eine konkrete Richtung zu lenken. Es hat aber auch Nebenwirkungen: Nicht gegenderte Texte werden von Lesern, die die Verstehensmuster des Genderns verinnerlicht haben, falsch verstanden. Und umgekehrt.

Wer gendert, liest Journalisten oder Wissenschaftler als ausschließlich männlich, auch wenn es, gemäß der generischen Option des Maskulinums, geschlechtsneutral gedacht und geschrieben war; wer nicht gendert, liest Journalisten und Journalistinnen als linkisch, pedantisch und bevormundend („dass es weibliche Journalisten gibt, weiß ich auch so!“), auch wenn es einfach nur bezeichnungsgerecht sein sollte. Im Ergebnis sabotieren Gendern und Nicht-Gendern einander gegenseitig. Das sind keine guten Voraussetzungen für eine friedliche Koexistenz.

Andererseits funktioniert es ja trotzdem mit dem Mischen – so halbwegs jedenfalls. „Flexibles Gendern“ wird das gelegentlich genannt. Wie gut es gelingt, hängt vom Geschick des Schreibenden oder Sprechenden ab – aber auch von der Bereitschaft der anderen Sprachteilnehmer, ihn nicht argwöhnisch misszuverstehen. In jedem Fall aber erfordert das Mischen die Bereitschaft und die Fähigkeit der Rezipienten, immer neu anhand von Kontext und Gegenstand zu erschließen, nach welchem der beiden Paradigmen der Texte gerade vorgeht und warum. Das ist anspruchsvoll. Zum Beispiel für fremdsprachige Deutschlerner, die auf klare Gebrauchsregeln für das sowieso tückische deutsche Genus hoffen, aber noch mehr für Menschen, die auf leichte Sprache angewiesen sind. So dass auch hier gilt: Alles hat seinen Preis, auch das Mischen gegenderter und nicht-gegenderter Formen. Und das eigentliche Grundproblem löst es sowieso nicht.

Neutrale Rollen

Denn dafür brauchte es vor allem eins: neutrale Begriffe für Personenrollen. Und zwar solche, die sich im Plural wie im Singular verwenden lassen und dabei weder ein männliches noch ein weibliches außersprachliches Geschlecht anzeigen. Solche neutralen Rollenbezeichnungen sind in der deutschen Sprache rar. Es gibt der Spitzel, die Person, der Mensch, die Waise und noch eine Handvoll mehr. Wir bilden zu ihnen weder eine Spitzelin noch einen Waiserich, entsprechend funktionieren sie als echte Generika. Überall dort aber, wo das gegengeschlechtliche Pendant leicht gebildet werden kann oder sowieso Teil des Wortschatzes ist – bei Lehrer / Lehrerin, Kämpfer / Kämpferin usw. – schlittert man unausweichlich in die leidige Geschlechterklemme hinein.

Die vorgeschlagenen Strategien, um dem zu entkommen, sind meist drastisch. Lann Hornscheidt etwa, ehemals ProfessX an der HU Berlin, propagiert ans Klingonische gemahnende Sprachschöpfungen wie einen neutralen Artikel ens, der das Paar ein / eine ersetzen soll. Der Wiener Unterhaltungskünstler Hermes Phettberg, inzwischen unterstützt vom Linguisten Thomas Kronschläger, schreibt eine wöchentliche Kolumne an seine Lesys – wäre es ein Podcast, hätte er Hörys. Spätestens bei Terroristys und Diktatorys hört der Spaß wohl aber auf. Denn dafür, dass einem das Neutrum die Geschlechtlichkeit erspart, bezahlt man mit Zwangsverniedlichungen. Sagte ich es schon? Alles hat in der Sprache seinen Preis.

Die womöglich günstigste Version von Rollen-Neutralität hat übrigens kürzlich mein Nachbar Ebbi ins Spiel gebracht. Ebbi, eigentlich Eberhard, ist Rinderzüchter, genauer: Milchbauer. Wir stehen an der Weide, einige Fahrminuten von seinem Hof entfernt, da klingelt sein Telefon. „Gut Elke, ich komm hoch“, spricht Ebbi ins Gerät und geht zum Traktor. „Da kommt se doch wieder nicht in den Kühlraum rein, ich muss mal aufschließen fahren.“ – „Elke? Das ist die Verkäuferin vom Hofladen, oder?“, frage ich. – „Nee, Elke-die-Melke. Kennste nich? Halb sechs, Zeit fürs Abendmelken, mein Lieber, höchste Zeit!“

Elke-die-Melke. Und Tine die Tippse oder was? Und Paula die Putze. Geht’s noch? Aber gut, ich bin von Ebbi das eine oder andere gewöhnt. Und andererseits, bei Licht betrachtet: Die Ableitung nach diesem Schema – nennen wir sie die E-Derivation, weil an den Verbstamm zur Substantivierung ein „e“ angehängt wird – hat im Deutschen ja eine durchaus respektable Geschichte. Aus helfen bildet man die Hilfe, aus wachen wird die Wache, sicher gibt es noch mehr, und das Schönste: das Ergebnis ist immer geschlechtsneutral. Die Hilfe des Gärtners kann ebenso gut ein Mann sein wie eine Frau, die Wache vor dem Tore ist meist sowieso ein Mann, der femininen Grammatik zum Trotz. Wäre ich dann eine Sprachphilosophe? Bitte, gern. Wie eine weibliche Kollegin ebenfalls eine Philosophe wäre, und im Plural ist es eh ganz einfach: Alle bleiben weiter Philosophen. Nur manch einer eben eine männliche und manche andere eine weibliche.

Mag sein, dass dieses Schema nicht immer so reibungslos funktioniert, darüber könnte eine Forsche aus der Sprachwissenschaft sicher mehr sagen. Aber wer weiß – vielleicht ist Ebbi wirklich ganz unvermutet auf etwas gestoßen, das wir alle gut gebrauchen können, auf das noch fehlende Stück zum konsequenten, dauerhaften Genderglück?

Wohlwollen und Nachsicht

Solange die deutsche Sprache noch nicht durch eine mächtige Zauberformel von ihrer Genus-Asymmetrie und ihrem geschlechtlichen Neutralitätsdefizit geheilt ist, werden wir uns wohl weiter irgendwie durchwurschteln müssen. Die Patentlösung für das sprachliche Geschlechterproblem gibt es nicht. Systematisches und unterschiedsloses ‚Durchgendern‘ führt zu Textmonstern und wirkt haarspalterisch und kleinlich: Was progressiv gemeint war, kippt um in sprachliche Spießigkeit. Auch nicht viel besser ist es, stocksteif auf dem generischen Maskulinum zu beharren, denn die Genus-Asymmetrie des Deutschen verlangt nach Abhilfe. Eine goldene Mitte gibt es wohl auch nicht – siehe die Probleme, die das ‚Mischen‘ aufwirft.

Und so muss derzeit wohl jeder (und jede) Einzelne, scheint es, im Umgang mit der Genderfrage seine (und ihre) eigene Sprachpraxis finden. Abschließend drei persönliche Faustregeln, ohne Anspruch auf allgemeine Geltung:

1. Sprich sinnvoll gerecht. Bezeichnungsgerechtigkeit ist eine wichtige Anforderung ans Sprachhandeln, aber nicht die einzige. Sie darf je nach Mitteilungsabsicht und Zusammenhang hinter anderen Sprachzielen zurücktreten. Es zählt das textliche Gesamtergebnis.

2. Nutze als Standardmodell weiterhin die generische Lesart der ‚maskulinoiden‘ Formen: der Kunde ist König, die Leser werden es dir danken. Bei geschlechtsspezifischen Appellationen und Prädikationen – Sehr geehrte Damen und Herren oder Paula ist Ärztin – kann man das Genus sowieso meist gut am außersprachlichen Geschlecht ausrichten und sollte das auch tun. In Konfliktfällen – wie bei der besten Kletterin Francine – müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Dort, wo das Standardmodell Gefahr läuft, falsch interpretiert zu werden, sind als Mittel der Fokussetzung und zum Aufbrechen von Stereotypen Beidnennungen sinnvoll: Die müden Kämpfer und Kämpferinnen erholten sich schnell oder Kosmetikerinnen und Kosmetiker! Wir haben die Produkte, die ihr braucht! Sternchen und Lücken mag nutzen wer will (ich nicht). Die Sprache ist kein Formelwerk.

3. Übe Nachsicht und Wohlwollen gegenüber der Sprache. Sie vermag nicht alles zu leisten, was du von ihr wünschen würdest. Sie ist ein knorriges Gewächs und hat an ihrem eigenen Schicksal zu knapsen. Und sei nachsichtig nicht nur beim Schreiben und Sprechen, sondern auch beim Lesen und Zuhören. Wer nicht gendert, ist nicht zwangsläufig ein Konservativer, sondern will vielleicht nur spezifische sprachliche Funktionsoptionen nutzen. Und wer gendert, ist nicht zwangsläufig ein*e Ideolog*in, sondern gewährt vielleicht einfach der Bezeichnungsgerechtigkeit eine hohe Priorität. Oft sind nicht wir Sprachteilnehmer schuld an dem, was uns da stört und ärgert, sondern der Fehler liegt in der Sprache selbst.
Also vergib ihr, sei großzügig mit ihr, liebe sie und versuche mit ihr gemeinsam, das Beste aus der Situation zu machen. Vielleicht springt sie dann sogar irgendwann über ihren eigenen Schatten und erfindet Lösungen, von denen wir derzeit noch gar nichts ahnen.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Many Gender Sign, via openclipart.org

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Von Martin Krohs

Martin Krohs ist freier Philosoph in Berlin. Sie finden ihn auch auf seiner persönlichen Website, auf Facebook und auf Twitter.

2 Kommentare

  1. Noch nie habe ich etwas so Gründliches und Abgewogenes über die Frage des Genderns gelesen. Vielen Dank! Einige Versatzstücke der verschiedenen Argumentationen hatten sich bis dahin ziemlich ungeordnet durch mein Hirn bewegt. Jetzt sehe ich für mich klarer. Hervorragend!

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  2. Danke, das freut mich sehr! Mir scheint, es sind in der Tat gerade die literarischen Textproduzenten (ggf. auch als Plural von „eine Produzente“ – nach Ebbi!), die mit den vielen individuellen Konfliktfällen zurechtkommen müssen und sich zudem auch immer noch die Frage stellen: Wie werde ich gelesen, wenn ich so oder so schreibe? Was macht die konkrete Lösung mit dem Text – in den Augen der einen und der anderen Leser?

    Was fehlt, ist ein minimaler common ground. Ohne den geht es im Gemeingut Sprache nicht. Derzeit kann er wohl höchstens durch das „Dilemmabewusstsein“ selbst konstituiert werden. Das ist wäre ziemlich zarte Bodenschicht, der man sich auch entsprechend umsichtig nähern muss. Und eine derart abwägende und zurückhaltende Sichtweise hat keine Lobby. Das ist eigentlich die Frage, die mich derzeit am meisten umtreibt dabei: Wie können sich die Kräfte zusammenfinden, die die Frage aus der Kampfzone herausholen und in die des Hin- und Herwendenden Bedenkens und des unbeschwerteren Experimentierens hineinbugsieren wollen?

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