Unwissenheit erzeugt viel häufiger Sicherheit, als es das Wissen tut.
Charles Darwin

In seinem Buch Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat versucht Adam Rutherford nichts Geringeres als die Widerlegung des Rassismus mit Hilfe der Genomik. Diese Forschungsrichtung, früher „Vererbungslehre“ genannt, war seit Francis Galtons Konzept der Eugenik im späten neunzehnten Jahrhundert immer die Basis einer rassistisch ausgrenzenden Weltsicht. Dass dies heute noch gilt, zeigen Bücher von Hobbybiologen wie Thilo Sarrazin oder seinem amerikanischen Geistesverwandten Nicholas Wade.

Das Reiskorn auf dem Schachbrett

Der Behauptung, einige Menschengruppen hätten ein wertvolleres Genom als andere, setzt der britische Genetiker Adam Rutherford die neusten genomischen Erkenntnisse entgegen. In spannend zu lesenden Beispielen erläutert er die Unhaltbarkeit der These von „überlegenen Rassen“. Er macht deutlich, weshalb sogar der Rassebegriff auf der Müllhalde der Wissenschaftsgeschichte gelandet ist. Dabei ist Rutherfords grundlegende Überlegung ebenso einfach wie genial. Man muss sich nur das berühmte Reiskorn vergegenwärtigen, das sich auf dem Schachbrett von Feld zu Feld verdoppelt. Die Summe der Reiskörner wächst bekanntlich exponentiell. Ebenso exponentiell müsste die Anzahl unserer Vorfahren wachsen: zwei Eltern, vier Großeltern und so weiter. Jeder Mensch hätte demnach zehn Generationen zurück gerechnet bereits 1024 Vorfahren, zwanzig Generationen zurück wären es über eine Million. Diese Million von Vorfahren wäre mit der Anzahl der heute lebenden Menschen zu multiplizieren, abzüglich eines Geschwister- und Inzestfaktors. Doch um das Jahr 1000 gab es deutlich weniger Menschen als heute.

Rutherford erklärt es so:

Sie können sich das vielleicht leichter vorstellen, wenn Sie sich vor Augen führen, dass Sie theoretisch im 11. Jahrhundert Milliarden von Vorfahren hätten haben müssen, damals aber nicht Milliarden von Menschen lebten. Also müssen wir versuchen, irgendwie mit der Zahl von Menschen auszukommen, die damals tatsächlich gelebt haben. Aus dieser vermeintlichen Sackgasse ergibt sich als mathematische Lösung, dass die Milliarden von Abstammungslinien nicht nur in einer kleinen Anzahl von Menschen zusammengelaufen sind, sondern tatsächlich in jedem Mann und jeder Frau, die zu dieser Zeit lebten.

 Konkret ergibt sich daraus Folgendes:

Wenn Karl der Große im 9. Jahrhundert lebte (was wir wissen) und es heute noch Nachkommen von ihm gibt (was wir ebenfalls wissen), dann ist er der Ahnherr jedes einzelnen Menschen, der heute in Europa lebt.

Das familiäre Geflecht

Statt isolierter Familienstammbäume gibt es demnach ein Abstammungsgeflecht: Alle sind mit allen verwandt. So gesehen ist jede Heirat bis zu einem gewissen Grad inzestuös, und jeder Streit ist eigentlich ein Familienstreit.

Rutherford erläutert dies anhand seiner eigenen Familie. Er nimmt sie als Beispiel für seine grundsätzlichen Überlegungen.

Ich denke an meine Kinder, Promenadenmischungen mit genetischen Einflüssen aus Südwales und Irland, […] aus dem Nordosten und aus Schottland […], plus einer Prise Südasien, um dem Ganzen Würze zu geben. Sie sind das Nationalgericht des 21. Jahrhunderts, ein sehr britisches Curry.

Das widerspricht keineswegs der Tatsache, dass bei einigen geografisch abgetrennten Gruppen, wie beispielsweise den Walisern, das Genommuster ein wenig variiert. Rutherford verweist etwa auf die groß angelegte Studie „People of the British Isles“, die einen Querschnitt der britischen Bevölkerung genomisch untersucht hat. Diese Studie zeige nur einige Variationen, keinesfalls jedoch ein genetisches Muster, das die Definition einer Subspezies rechtfertigen würde.

Selbst wenn sie walisischer sind als ihre Nachbarn, betrifft das nur die Details, und sie [die Waliser] sind noch immer teilweise Wikinger, Sarazene, Angel, Sachse und […] Kaiser des Frankenreichs.

Grenzen der genetischen Kausalität

Der Rassebegriff ist nicht zu halten. Dabei dröselt Rutherford die Behauptung, manche Gruppen hätten genetisch „bessere“ Eigenschaften, noch von einer anderen Seite her auf. Im Rahmen des Human Genome Projekt wurde die Vererbbarkeit komplexer Merkmale wie Intelligenz, Schönheit oder auch Erkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose und Krebs untersucht. Dabei konnte bisher kein eindeutiger Kausalbezug zu bestimmten Genen festgestellt werden: Komplexe Merkmale werden komplex vererbt.

Adam Rutherford schreibt dazu:

Es ist unerheblich, ob wir über Kriminalität, psychische Merkmale oder psychiatrisch relevante Störungen reden oder über völlig normales menschliches Verhalten wie die politische Einstellung: […]  die durch die Genetik aufgedeckten biologischen Eigenschaften sind weder Ursachen noch Auslöser oder Grundlagen. Sie sind potenzielle Faktoren: Wahrscheinlichkeiten.

Genetische Ideologen wie Sarrazin insinuieren heute noch, dass komplexe Merkmale einem einfachen mendelschen Erbgang folgen. Der ZEIT-Titel „Ich werde Kanzler“ (17.10. 2018) ist nur das jüngste Beispiel für diesen Denkfehler.

Dabei ist es ziemlich einfach: Erbkrankheiten, deren Ursache im Defekt eines einzigen Genes liegen, sind genetisches Schicksal, so etwa Mukoviszidose oder Chorea Huntington. Hier liegt eine rein lineare Kausalität vor: Das defekte Gen erzeugt ein defektes Enzym, das wiederum die Krankheit auslöst. Vielleicht findet man irgendwann die Vererbungsregeln komplexer Merkmale, Rutherford setzt dabei auf große Genom-Datenbanken, auf Big Data in der Biologie. Für Fernsehshows jedoch, die bei Hitler das Böse und bei Marilyn Monroe das Schöne in den Genen suchen, hat er nur Spott übrig.

Ist das Böse in der DNA codiert? Wie ist es mit der Intelligenz? Intelligenz hat mit Sicherheit eine signifikante erbliche Komponente, doch diese wird in Populationen gemessen, nicht in Individuen, und die Jagd nach spezifischen genetischen Korrelaten der Intelligenz war bisher nicht sonderlich erfolgreich. Was die Schönheit angeht, nun, Marylin Monroe ist nicht mein Fall, und so geht es wohl vielen Menschen weltweit. Ich bin eher ein Fan von Lauren Bacall. Mir kommt da etwas vom „im Auge des Betrachters“ in den Sinn, das diesen Gedanken auf den Punkt bringt.

Das Buch hat den Untertitel „Was unsere Gene über uns verraten“. Sie verraten sehr viel über uns. Nur das, was Rassisten seit anderthalb Jahrhunderten herauslesen wollten, zeigen sie gerade nicht.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Strangmycel des Weißen Porenschwamms. Von Mätes II. [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], von Wikimedia Commons
Buchcover: Rowohlt Verlag
Angaben zum Buch
Adam Rutherford
Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat
Was unsere Gene über uns verraten
Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Coralie Wink
Rowohlt Verlag 2018 · 464 Seiten · 16,99 Euro
ISBN: 978-3-499-63276-1
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

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Von Herwig Finkeldey

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