„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufalls-Seite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.

Die Seite 99 (Link) des Romans „Was man von hier aus sehen kann“ beginnt mit einem Rätsel, denn gleich im ersten Satz steht etwas, was eigentlich nicht möglich ist.

Um sechs Uhr fünfzehn, siebenundzwanzig Stunden und fünfzehn Minuten nach ihrem Traum, als die Zeit mutmaßlich alle in Sicherheit gebracht hatte, packte Selma meine Butterbrotdose in meinen Schulranzen.

Die Zeit kann niemanden in Sicherheit bringen – das ist eine sprachliche Erfindung. Ich kann mir den Sinn zusammenreimen, denn aus dem Klappentext weiß ich, dass jemand sterben muss, wenn Großmutter Selma von einem Okapi träumt. Die einzige Rettung ist das Vergehen der Zeit. Folglich gibt es keine Rettung, solange die Zeit nicht vergangen ist. Mariana Leky hat das viel eleganter gesagt – und auch unheimlicher.

Dabei geht es erst im nächsten Satz so richtig los – einem Satz, der die Seite 99 sprengen wird.

Ich weiß noch, dass meine Schuhe drückten, dass ich zu Selma sagte: „Ich brauche neue Schuhe“, und dass Selma antwortete, wir würden gleich morgen in die Kreisstadt fahren und neue besorgen (…).

„Ich weiß noch“, dann 3 Mal „dass“. Das „noch“ hängt bereits über der Klippe, und gleich geht es los: „Ich wusste natürlich nicht“ heißt es  3 Mal im nächsten Absatz plus 1 Mal „ich wusste nicht“. Die Konjunktion „dass“ (9 Mal) dient als Sprungbrett für alles, von dem die Ich-Erzählerin „natürlich nicht wusste“, dass es geschehen würde.

Vorausdeutungen sind in der Literatur ein klassisches Mittel, um Spannung zu erzeugen, doch hier bewirkt der Blick in die Zukunft viel mehr als bloße Spannung. Die als Vergangenheit erzählte Zukunft hat etwas Unheimliches, zum einen wegen dem unerbittlichen Konjunktiv („würde“, 10 Mal), zum andern weil der Satz nicht direkt auf das zusteuert, was die Ich-Erzählerin „natürlich nicht wusste“.

Jemand war von der Zeit nicht in Sicherheit gebracht worden. Dass es ein Kind ist, erfahren wir nur in den Worten des Pfarrers, und auch er spricht es nicht aus:

ein Sarg, sagte der Pfarrer, dessen Größe anzeigte, dass hier einer nicht mal das halbe Leben hatte behalten dürfen

Der Pfarrer will es nicht sagen, und auch der Text will es nicht sagen. Bis der Satz bei diesem Sarg ankommt, muss er mehrfach Anlauf nehmen.

Wickeln wir den Satz einmal von seinem dunklen Zentrum her auf:

  • damit ich nicht so genau sähe, wie der Sarg heruntergelassen würde, ein Sarg, sagte der Pfarrer, dessen Größe anzeigte, dass hier einer nicht mal das halbe Leben hatte behalten dürfen
  • damit ich nicht so genau sähe, wie die Welt ihren Lauf genommen hatte, damit ich nicht so genau sähe, wie der Sarg heruntergelassen würde, ein Sarg, sagte der Pfarrer, dessen Größe anzeigte, dass hier einer nicht mal das halbe Leben hatte behalten dürfen
  • Ich wusste natürlich nicht, dass (…) alle, die mir nahestanden, einen Kreis um mich bilden würden, auch der vom Weinen geschüttelte Optiker, Mitarbeiter des Monats, damit ich nicht so genau sähe, wie die Welt ihren Lauf genommen hatte, damit ich nicht so genau sähe, wie der Sarg heruntergelassen würde, ein Sarg, sagte der Pfarrer, dessen Größe anzeigte, dass hier einer nicht mal das halbe Leben hatte behalten dürfen

Vollständig lautet der Satz bis zu dieser Szene mit dem Sarg:

Ich wusste natürlich nicht, dass ich schon wenige Tage später in meinen zu großen Sonntagsschuhen an Selmas Hand auf dem Friedhof stehen würde und alle, die mir nahestanden, einen Kreis um mich bilden würden, auch der vom Weinen geschüttelte Optiker, Mitarbeiter des Monats, damit ich nicht so genau sähe, wie die Welt ihren Lauf genommen hatte, damit ich nicht so genau sähe, wie der Sarg heruntergelassen würde, ein Sarg, sagte der Pfarrer, dessen Größe anzeigte, dass hier einer nicht mal das halbe Leben hatte behalten dürfen

Nun folgt ein Einschub:

aber ich sah es ganz genau, nicht mal alle zusammen waren umfangreich genug, um das verstellen zu können

Eine überraschende Schwachstelle übrigens, denn das Wort „umfangreich“ trifft die Sache nur halb, das Verb „verstellen“ ist seltsam blass.

An dieser Stelle setzt der Satz neu an. Die Ich-Erzählerin holt Atem mit einem weiteren „ich wusste natürlich nicht“. Nun schlägt die Handlung um:

und ich wusste natürlich nicht, dass ich mich, sobald der Sarg fast lautlos unten angelangt war, umdrehen und weglaufen würde

Gleich ein weiterer, rhythmisch aufgeladener Szenenwechsel:

und dass Selma, dass natürlich Selma mich finden würde, an genau der Stelle unter ihrem Küchentisch

Ein überraschender Tempuswechsel:

an der jetzt meine Füße in den zu kleinen Schuhen standen

Und schon geht es weiter im Text:

dass ich da kauern würde, mein Gesicht verschmiert mit zähflüssiger roter Pampe

Das kurze Einblenden der Erzähl-Gegenwart ruft blitzartig das Motiv der Schuhe wach, mit dem die Zukunftsvision eingesetzt hat, eine halbe Seite und gefühlte Ewigkeit weiter oben:

in meinen zu großen Sonntagsschuhen

So hieß es dort, nun jedoch:

an der jetzt meine Füße in den zu kleinen Schuhen standen

Immer noch ist der Satz nicht zu Ende. Das letzte „ich wusste nicht“ kündigt einen weiteren Szenenwechsel an: Mit verweintem Gesicht kriecht Selma zum rot verschmierten Kind unter den Tisch, „vor mir zahllose leere Hüllen Mon Chéri“, hatte es zuvor geheißen, und Selma sagt „Komm mal her, du kleine Schnapspraline“, womit die Autorin es auch noch schafft, eine direkte Rede in ihren Satz einzuflechten. Und dann, endlich, wird der Ich-Erzählerin schwarz vor den Augen:

ich wusste nicht, dass Selma sich hinhocken und ich ihr verweintes Gesicht sehen würde, dass Selma zu mir unter den Tisch kriechen und sagen würde: „Komm mal her, du kleine Schnapspraline“, und mir dann schwarz vor Augen würde, weil ich meine Augen an Selmas schwarzer“

Hier ist Seite 99 zu Ende, nicht jedoch der Satz.

Für einmal schaffe ich es nicht, das Ende der Seite 99 zu akzeptieren, der Satz hat zu viel Gewalt. Ich blättere um – und siehe da: Die Autorin hat uns eine Falle gestellt, denn die Ich-Erzählerin fällt keineswegs in Ohnmacht, sie sieht nicht einmal schwarz, sie sieht nur etwas Schwarzes:

weil ich meine Augen an Selmas schwarzer Bluse schloss, kranzschleifenschwarz

Eine falsche Fährte auf der Zielgeraden, und dann noch das luxuriöse Adjektiv „kranzschleifenschwarz“. Der Satz ist immer noch nicht zu Ende, aber immerhin kündigt sich das Ende an. Das scheinbar komplizenhafte Wort „natürlich“ offenbart seinen wahren Sinn. Nach all der syntaktischen Dramatik öffnet sich jetzt der Vorhang:

das alles wusste ich natürlich nicht, denn wir würden den Verstand verlieren, wenn wir solche Dinge im Vorhinein wüssten, wenn wir im Vorhinein wüssten, dass sich in nicht mal einer Stunde das ganze großflächige Leben in einer einzigen Bewegung umdrehen wird.

Ein Satz, der nicht nur bis zum Bersten aufgeladen ist mit Ereignissen und mit Ungesagtem, sondern überdies in eine Aussage über die conditio humana mündet.

Doch das eigentliche Ereignis dieses Satzes liegt in seiner Stimmung. In der Vorausdeutung schaut die Ich-Erzählerin sich selbst zu, doch zugleich ist sie gefangen im Geschehen. Die Unentrinnbarkeit, die Mariana Leky heraufbeschwört, kennen wir aus dem Traum. Machtlos schaut das erzählende Ich in ihrem Text zu, wie sein alter ego ein Trauma erlebt, mit unerbittlicher Genauigkeit werden rätselhafte Details registriert („der vom Weinen geschüttelte Optiker, Mitarbeiter des Monats“). Wie in einem Traum haben unscheinbare Details erzählerisch das gleiche Gewicht wie das Unerträgliche, nämlich der Sarg mit der Leiche eines Kindes. Die Ich-Erzählerin ist zugleich Hauptfigur und Zeugin. Der Refrain „ich wusste natürlich nicht“ transportiert diese Spaltung.

Auf der Seite 99 gelingt es Mariana Leky, den Schrecken durch Sprache zu erzeugen und ihn zugleich zu bändigen. Eine Ausnahme-Seite? Es ist kaum vorstellbar, dass ein ganzer Roman in diesem Duktus erzählt werden kann.

Angaben zum Buch
Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann
Roman
DuMont 2017· 320 Seiten · 20 Euro
ISBN: 978-3832198398
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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