Zu den ungeschriebenen Regeln des Page-99-Tests gehört es, nur von der Seite 99 auszugehen. Weder darf man das ganze Buch kennen, noch darf man durch andere Vorabinformationen in der Wahrnehmung beeinflusst sein. Wenn einem allerdings schon auf dem Umschlag substanzielle Informationen ins Auge springen – nun, dann weiß man sie halt und kann nicht mehr dahinter zurück.

Sphinx sticht hervor, weil Garréta das Unmögliche versucht: eine Liebesgeschichte ohne Geschlecht zu erzählen“, so Antje Rávic Strubel auf der Rückseite des Umschlags. Ein sprachliches Akrobatenstück muss das also sein, denn schließlich erkennt man sowohl im Französischen als auch im Deutschen dank der Grammatik immer, welches Geschlecht die handelnden Personen haben. Das ist unumgänglich. Oder nur scheinbar unumgänglich? Ich bin gespannt auf diese Seite 99.

Dann verschwindet der Geschmack, der sich auf meiner Zunge materialisiert hatte (…) – und ich spüre, wie er dahinschmilzt und die Kehle hinunterrinnt.

Elegant setzt Anne Garréta das Dahinschwinden einer Erinnerung parallel mit dem allmählichen Hinunterschlucken eines Geschmacksträgers. Es schmeckt nach Tee und Süßkartoffel (zusammen!), und als sich dieser Geschmack ins Schale hinein aufgelöst hat, folgt etwas Überraschendes, beinahe Surreales:

[Nun] taucht wieder das samtene Gefühl schmelzender Sandkörner auf, die die Schleimhaut bis weit in den Rachen mit einem süßen, dichten Schleier überziehen wie mit Honig.

Es bleibt ein poetisches Rätsel, unter welchen Umständen Sandkörner schmelzen, warum sie dann süß sind – und woher die erzählende Figur diese Erfahrung hat, die ihr anscheinend vertraut ist: Das Gefühl taucht ja „wieder“ auf. Sie empfindet es gar als schützende zweite Haut, wie es im nächsten Satz heißt – schützend und doch fragil:

Ich gab mich dieser Süße in mir schweigend hin, weil ich fürchtete, die zarte, schützende, einer zweiten Haut ähnliche Schicht mit Worten zu verletzen.

Dies ist ein komplexes Gebäude aus poetischen Setzungen. Doch aufgrund des Ernsts im Ton und der beharrlichen Akribie der Beschreibung nehme ich das alles erstmal hin, ohne es reflexhaft als möchtegern-lyrische Angeberei abzutun.

Der zweite Absatz scheint ganz woandershin zu springen:

Mein Englisch ist noch immer von der Zeit geprägt, in der ich fast ausschließlich mit Schwarzen zusammen war (…), ein hässlicher Zwitter, (…) Oxford und Harlem, Byron und Gospel in einen Topf geworfen.

Für die individuell verschlungenen Wege, auf denen man Sprachen lernt, findet Garréta schöne Bilder. Was das mit dem Geschmack von Tee plus Süßkartoffeln zu tun hat, lässt sich nur erahnen – immerhin kommen Süßkartoffeln in der afroamerikanischen Küche vor. Und dass wir uns in den USA befinden, bestätigt der Anfang des nächsten Abschnitts: Die zwei Protagonisten spazieren durch Harlem. Oder auch nicht, denn Figur Nr. 2, genannt A***, hat etwas dagegen:

Mein Wunsch, durch Harlem zu spazieren, stieß bei A*** auf großen Widerstand.

Soweit zum inhaltlichen Ertasten der Zusammenhänge, wie es jeder Page-99-Test mit sich bringt. Was passiert hier sprachlich? Die erzählende Figur blickt trennscharf auf die Welt und auf sich selbst, verbindet subtile Wahrnehmungen mit durchdachten Auswertungen. Und sie nimmt sich Zeit dafür. Ein Eindruck von Nabelschau, in geschmeidigem sprachlichem Gewand: Die Übertragung von Alexandra Baisch setzt einen rückstandsfrei deutschen, natürlichen, vielseitigen, behutsamen Ton.

Dass hier eine Liebesgeschichte erzählt wird, weiß ich nur aus dem Zitat von Antje Rávic Strubel. Ob wohl A*** auch zu Wort kommt? Das Beobachtende und Selbstbeobachtende ist für eine Liebesgeschichte plausibel. Das allerdings, worauf ich so scharf war – die Formen der Sprachgestaltung, mit denen das Geschlecht der beiden Liebenden verschwiegen werden soll –, enthält diese Seite mir vor. Bis auf die Abkürzung verräterischer Vornamen, das ist eines der denkbaren Verfahren. Die Künstlichkeit von „A***“ nervt zwar ein bisschen, wird aber durch die vorgegebene Versuchsanordnung legitimiert. Wie die Neutralisierung sonst funktionieren kann, verrät mir die zufällige Seite 99 nicht.

Nicht jede Seite 99 sagt so viel aus, wie man sich wünschen würde. Macht nichts. Ich darf das Buch ja auch ganz lesen.

Hier geht’s zum PS des Page-99-Tests.

Angaben zum Buch
Anne Garréta
Sphinx
Roman
Deutsch von Alexandra Baisch
Mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel
edition fünf 2016 • 184 Seiten • 19,90 Euro
ISBN: 978-3-942374-83-5
Bei Amazon oder buecher.de
Coverbild: edition fünf
Frank Heibert

Von Frank Heibert

Übersetzer, unter anderem von Don DeLillo, Willam Faulkner, George Saunders, Lorrie Moore, Boris Vian, Yasmina Reza und Richard Ford. 2006 erschienen sein erster Roman Kombizangen und das Jazz-Album The Best Thing on Four Feet (zusammen mit der Jazz-Combo Finkophon Unlimited).

2 Kommentare

  1. Wieso springt der zweite Absatz woanders hin? Ich finde, er ist einfach eine Erläuterung zum letzten Absatz des vorausgegangenen Passus, und die Erläuterung ist sogar dringend nötig, damit dieser letzte Satz nicht etwas „überkandidelt“ wirkt: „…weil ich fürchtete. die zarte, schützende, einer zweiten Haut ähnliche Schicht mit Worten zu verletzen.“ Ich dachte schon, ach du Schreck, da macht jemand arg auf hypersensibel, aber dem schließt sich ja die Begründung an, nämlich das Unbehagen an der eigenen Sprechfertigkeit an („Die Sprache, die ich spreche, ist ein hässlicher Zwitter“). Und die wiederum hat einen interessanten Grund, nämlich abgesehen davon, dass es eine Zweitsprache ist, ist die Fremdsprache von zwei diametralen, einander fremden Milieus geprägt, „Akademiker-Hochenglisch“ und dem „afroamerikanischen“ Streetslang von Harlem.
    Wir sind mitten in zeitgenössischen Diskussionen von Globalismus, Angleichung der Milieus bei Aufrechterhaltung der sozialen Trennungen. Und wir sind – vielleicht – auch bei einer Liebesgeschichte, die nicht nur mehr oder weniger der gängige hochliterarische Arztroman ist, sondern etwas mit unserer Zeit zu tun hat, denn die beiden Milieus haben ihre jeweilige Historie, sind aber eben nicht mehr die geschlossenen „Ghettos“, die sie einst waren. Und dann geht es weiter: „Mein Wunsch, durch Harlem zu spazieren, stieß bei A*** auf großen Widerstand. Erst nach mehrfachem Bitten gingen …“. Dass der Widerstand „groß“ war und andererseits die Ich-Person „mehrfach bittet“ ist vielsagend – New York hat ja viel zu bieten und man hätte sich sicherlich auch auf andere Stadtspaziergänge einigen können. Aber es muss unbedingt Harlem sein. Liebesgeschichten, außerhalb der Literatur, die ja das Leben immer anders erleben lässt, als wirklich ist, in der Liebe also läuft am Anfang viel über das Erfühlen und Abfragen von Gemeinsamkeiten. („Spaziergehen – lieber Harlem oder Soho?“ – „Harlem?! Was soll ich denn da? Bloß nicht.“ – „Okayyyyy.“). Ich empfinde daher den Schluss der Seite als echten Cliffhanger und würde mit Sicherheit weiter blättern.
    Zum Schluss: Die ganze Seite enthält zwei Tonlagen, wenn man so will oben und unten. Oben ist dabei ein „Grenzfall“ und daher vermutlich nicht typisch für das ganze Buch, weil es um eine Geschmacksbeschreibung geht. Man kennt das Dilemma aus der Alkoholikerprosa der Weinkenner – es ist schwierig, wenn man Geschmack nicht nur mit den gebräuchlichen Begriffen beschreiben will, sondern feiner, individueller und vermeintlich präziser. Der gebräuchliche Begriff ist hier „süß“ und da herum gibt es nun einigen Aufwand, das Geschmackserlebnis zu beschreiben. Vermutlich könnte man ein kleines Kompendium herausgeben: „Geschmack im Roman – wie sich Schriftsteller ganz gewandt einen abwürgen, wenn sie den Geschmack von Bier, Wurst oder Kuchen beschreiben möchten“. Das muss zu Metaphernüberschuss führen. Die Nähe zum Kitsh gehört da sozusagen zum Genre „Geschmakcserlebnis“. Deshalb darf man diese Stelle – vermutlich – nicht hochrechnen aufs ganze Buch, und tatsächlich klingt es danach ja ganz anders, „sachhaltiger“ und quasi gewöhnlicher. Ich würde vermuten, die Hauptstimmlage des Buchs ist eher „unten“.

    Antworten

    1. Zur Idee eines Kompendiums „Geschmack im Roman“: Hier müssten auch die Sexszenen berücksichtigt werden – „wie sich Schriftsteller ganz gewandt einen abwürgen“, das gilt dafür erst recht!

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