Viele Menschen bundesweit haben ähnliche Gedanken wie wir“, sagte einer der Veranstalter zum Auftakt des Schmalbart-Camps, das am 14. Januar im betahaus Berlin stattgefunden hat. So beginnen politische Bewegungen, und vielleicht ist es endlich so weit. Denn dass die Rechte im Aufwind ist, liegt auch daran, dass es auf der anderen Seite ein Vakuum gibt. Ist das, was sich derzeit formiert, das neue 68? Nicht ganz. Die 68er waren eine Protestbewegung: gegen Vietnamkrieg, Atomkraft und Nazi-Väter. Heute sehen sich die Linken in der Rolle der Bewahrer: Es geht um die Rettung der pluralen Demokratie und die Verteidigung all dessen, was sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen als politische Normalität etabliert hat.

Seit die Trump-Wahl gezeigt hat, welche Dynamik die alt.right-Medien entwickeln, drängt das Unbehagen in der digitalen Kultur zur Tat: Schmalbart ist ein Netzwerk, das der Digital Manager (und gelegentliche Autor von Artikeln) Christoph Kappes gegründet hat, um dem Breitbart News Network etwas entgegenzusetzen, das nach Deutschland expandieren will. Doch die Bewegung, die hier entsteht, betritt ein völlig anderes Diskussionsfeld als seinerzeit die 68er. Mit Demonstrationen lässt sich gegen Fake News nicht viel ausrichten: Diskurshoheit wird durch Worte errungen und verloren, und das Schlachtfeld ist nicht die Straße, sondern das Netz.

Der Umgang einer Gesellschaft mit sich selbst

Wer im Netz gegen Fake News kämpft, ist von vornherein in der schwächeren Position: Man ist verdammt zum Reagieren und spielt damit das Spiel der anderen – ob man will oder nicht. Als Umkehrung von Breitbart verkörpert der Name Schmalbart geradezu die Defensive (dass der prominenteste Schmalbartträger aller Zeiten überdies Gratismunition für Pöbeleien liefert, ist schon fast eine vorauseilende Ironie der Geschichte). Alles ist schwierig in diesem Kampf. Es beginnt damit, dass diese neue Bewegung selbst keinen eigenen politischen Standpunkt vertritt, sondern sich über ihren Gegner definiert: „Wir sind ein Netzwerk von allem, was ‚Non alt.right‘ ist“, so Christoph Kappes in einer Entgegnung auf den ersten Breitbart-Artikel gegen Schmalbart – ein kleiner Diskurs-Erfolg, der den Spieß umdreht: Nun ist Breitbart in der Rolle der Reaktion.

Die neue Bewegung, die sich in Initiativen wie Schmalbart zu Wort meldet, vertritt die Zivilgesellschaft. Ein politisches Programm gibt es nicht, dafür eine Haltung: Es geht darum, welchen Umgang eine Gesellschaft mit sich selbst pflegt.

Uns geht es um Versachlichung und Klärung, um saubere Diskussion und Streit um Standpunkte. (…)  Volksverhetzung, Rassismus, Antisemitismus und jede andere Art von Menschenfeindlichkeit werden wir bekämpfen,

heißt es auf der Schmalbart-Website.

Dialog und Anti-Dialog

Es geht also um Dialog. Dazu gehören Regeln, auf die sich beide Seiten einigen. Und hier liegt der springende Punkt: Der Gesinnungskrawall von rechts schert sich nicht um Anstandsregeln. Es hat keinen Sinn, mit Fakten zu argumentieren, wenn der Gegenseite Fakten und Argumente egal sind. „Es ist, wie wenn man mit Uhrmacherwerkzeug gegen einen Axtmörder antritt“, so ein Tagungsteilnehmer. Einen Eindruck von der Anti-Dialog-Technik kann man sich anlässlich dieses Interviews auf der Website http://www.tichyseinblick.de/ („Das liberal-konservative Meinungssystem“) verschaffen: Der Fachjournalist Frank Zimmer übt sich in Gelassenheit und verweigert wiederum seinerseits den Anti-Dialog – chapeau!

Die Debatte über Fake News zeigt, wie wenig wir die sozialen Mechanismen verstehen, die von dieser Technologie erzeugt werden. Ein Schmalbart-Teilnehmer erinnerte an die Proportionen in Internet-Kommentaren: 90 Prozent der Nutzer schauen schweigend zu, 9 Prozent melden sich gelegentlich mit Kommentaren zu Wort, und das restliche 1 Prozent beherrscht die Bühne. Jede Reaktion auf dieses eine Prozent bläst dessen Wirkung weiter auf: Indem man Haltung zeigt, füttert man die Blase, durch Schweigen wiederum trägt man dazu bei, den Diskurs nach rechts abgleiten zu lassen.

Ein Patentrezept, um aus dieser Zwickmühle herauszukommen, gibt es (bisher) auch auf Schmalbart nicht. Es bleibt Kreativität: die Waffen Humor und Verfremdung. So könnte man etwa eine App programmieren, die populistische Texte und Fake News an Lehrplan-Anforderungen für Texte der 9. Klasse misst. Man kann Verstärkung anfordern, wenn man in einem Thread von rechts gemobbt wird. Und, trotz allem, auf Regeln setzen: Sie sind ein Distanz-Instrument und ermöglichen immerhin einen begründeten Abbruch des gefaketen Dialogs. Die Königsdisziplin ist der Humor. Wenn es gelingt, das böse Spiel zu unterlaufen, stiehlt man dem einen Prozent die Show und hat immerhin nach Punkten gewonnen.

Die Zivilgesellschaft – sprich Menschen, die in der Welt der Fakten und Argumente leben – muss sich ins Zeug legen, wenn sie die Diskurshoheit zurückerobern will. Bei Schmalbart kann jede und jeder mitmachen. Und nicht nur das Schmalbart-Netzwerk hat den Fehde-Handschuh aufgenommen: Auf Facebook soll das Recherche-Organ Correctiv Postings filtern, bei denen es sich um Fake-News handelt. Doch die Rechten haben einen Vorsprung – und es steht viel auf dem Spiel.

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

19 Kommentare

  1. Aufmerksamer Leser 16. Januar 2017 um 16:32

    Correctiv sagen Sie? Fakenews sagen Sie? -> http://meedia.de/2016/11/09/peinliche-letter-panne-wie-correctiv-hillary-clinton-voreilig-als-praesidentin-feierte/
    Und unreflektiert wird noch bejubelt dass solche Personen bald Zensieren dürfen.

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  2. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 16. Januar 2017 um 20:29

    Wenn pegida-nahe Kreise verkünden, es habe wieder mal eine Vergewaltigung durch „die“ (wer auch immer) gegeben, dann geht es darum unwahre Behauptungen zu lancieren und fest zu klopfen. Das Publikum soll wirklich glauben, eine schwangere Frau sei durch drei Männer angegriffen worden, in Rosenheim habe es wirklich eine Vergewaltigung durch Flüchtlinge gegeben.
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/angebliche-vergewaltigung-in-erfurt-polizei-geht-von-facebook-luege-aus-a-1129495.html
    http://www.lvz.de/Nachrichten/Multimedia/Falschmeldung-bei-Facebook-erzuernt-Polizei

    (Nur zwei Beispiele von unzählig vielen. http://www.hoaxmap.org )

    Wollen Sie allen Ernstes behaupten, Schraven habe durch seinen übereifrigen Missgriff Clinton zur Präsidentin ausrufen wollen?

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  3. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 16. Januar 2017 um 20:33

    ergänzend (kann gerne durch die Moderation zusammen gefasst werden): Seriöse Medien zeichnen sich nicht durch Fehlerfreiheit aus – denn Fehlerfreiheit ist menschenunmöglich -, sondern dadurch, wie sie mit Fehlern umgehen. Wie viele ihrer zahllosen „Fehler“ (wenn es denn Fehler waren) hat die AfD zugegeben im letzten Jahr?

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  4. Ich beziehe den Namen Schmalbart eher auf das Original (Charlie Chaplin) nicht auf die Fälschung (Adolf H).

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  5. Kann man Ihre Einleitung so verstehen, das Sie Linke heute als konservativ sehen und die alt.right als Revolutionäre?

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    1. Genau dies ist die Konsequenz. Eine Verschiebung, die noch kaum verstanden ist. Etwas „konservieren“ heißt ja etwas bewahren, und es sieht so aus, als würden die Linken (wobei ich mir je länger je mehr auch mit diesem Wort schwer tue) paradoxerweise den Fortschritt bewahren. Die Antrittsrede von Trump war ein revolutionärer Text, fast schon ein Manifest – in der Zurückweisung dessen, wofür frühere Generationen auf die Barrikaden gegangen sind.

  6. Werte Frau Geisel, ich habe in einem Staat gelebt, in dem die Linke den Fortschritt, den sie erreicht hatte, bewahren (konservieren) wollte. Ganz ehrlich: Dorthin will ich nicht zurück. Wenn die Intelligenzia meint, diesem Geist die Steigbügel halten zu müssen, sollte sie mehr Orwell lesen. Die Methoden, die im vergangenen zwei Jahren zunehmend angewendet wurden, um die Deutungshoheit zu behalten, haben mich nicht ruhiger gemacht.

    Eigentlich finden sich doch rechts wie links die gleichen Muster der Radikalisierung und Ausgrenzung. Aus meiner Sicht scheint es mir deutlich wichtiger, zu verstehen wie die neuen Medien solche Entwicklungen katalysieren, wie die Aufmerksamkeitsökonomie diese Deformation des Diskurses verstärkt. Dann könnten wir vielleicht bessere Antworten geben, als „Auf die Barrikaden!“ oder „Wir legen die Munition bereit. Ihr müsst nur noch abdrücken.“

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    1. Die Linke, von der ich spreche, hat mit den sozialistischen Diktaturen nichts zu tun, und eigentlich ist es nicht einmal eine Linke, sondern jene Kräfte, die demokratische Werte wie Toleranz und Dialog verteidigt. Das ist ein ungeheuer breites Spektrum, das von links bis zum liberalen (und auch durchaus konservativen, aber nicht im alt.right-Sinn) Bürgertum geht.
      Zum Beispiel die 2,5 Millionen Menschen, die weltweit gegen Trump und die rechten Revolutionäre auf die Straße gegangen ist.

  7. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 22. Januar 2017 um 10:23

    Gegen wen wird denn mit Orwellschen Methoden (= mit Lug und Trug, systematisch, staatlich organisiert) gearbeitet? ich sehe derzeit niemanden, auf den das so zuträfe.

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  8. Hartmut Finkeldey
    Hartmut Finkeldey 22. Januar 2017 um 10:25

    Was ich sehe ist ein politisches Movement, welches ungeheuer aggressiv den Anschein zu erwecken sucht, es sei Opfer Orwellscher Machinationen.

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  9. Wer will denn hier „Munition“ bereit legen? Es geht ja gerade darum, den täglichen Salven ein Dialogangebot zu unterbreiten.
    Mich beunruhigen vor allem die „Methoden“ der Neuen Rechten, die allerdings in ihrer Art der Gehirnwäsche orwellsche Qualitäten aufweisen.

    @Sieglinde Dass die Konservativen in der Revolte sind, ist allerdings in den letzten Jahren mehrfach festgestellt und geschrieben worden. Und nichts ist m.E. gefährlicher als revoltierende Konservative. Aber Schreiben und Gehörfinden ist immer noch zweierlei. Genau dafür setzt sich ja Schmalbart ein: Ein Ohr und ein Sprachrohr zugleich den Zwischentönen und den differenzierten Diagnosen zu geben. Also etwas zu unterstützen, was in der täglichen Socialmediaschlacht komplett untergeht.

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  10. Sie meinen also, der Kampf gegen „Hatespeech“ wird nicht dazu benutzt (werden), missliebige, aber rechtlich völlig im Rahmen des GG befindliche Meinungen zum Verstummen zu bekommen? Sie haben keine Idee, was schief gehen könnte, wenn ein Staat NGOs alimentiert, um von ihm (bewusst?) schwammig formulierte Ziele umzusetzen oder zu stützen? Sie glauben wirklich, bei Schmalbart geht es um Zwischentöne und Differenz – also um Eigenschaften, die in der Aufmerksamkeitsökonomie des Internet zunehmend weniger Beachtung finden – und vielleicht nicht auch ein bisschen um rent seeking von Dienstleistern in einem schrumpfenden Markt.

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  11. Mir sind bei der Beschreibung des Vorhabens von Breitbart die memes eingefallen, die beim Kampf gegen Hatespeech von den staatlich alimentierten NGOs den fleißigen Volunären da draussen zusammengestellt wurden. Eins davon war ein Bild aus „Golden Girls“, auf dem Sophia ein Messer nicht unbeachtlicher Länge in der Hand hält und höhnisch lacht. Wer die Serie kennt, weiß, wie gewaltbejahend Sophia ist. Darüber die Überschrift „Men’s rights“. Wenn das eine „lustige“ Antwort auf irgendetwas ist, wie lustig finden Sie dann das gleiche Bild mit der Überschrift „Women’s rights“? Und auf solche vorgefertigten Häppchen im Kampf gegen Rechts wird das angekündigte Konstrukt doch wohl hinauslaufen, oder?

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  12. Ich dachte eigentlich mehr an „Farm der Tiere“ und „Mein Katalonien: Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg“ als an „1984“. … Aber wenn bspw. das Innenministerium ein Abwehrzentrum gegen „Fake-News“ einrichten will, dann muss sich niemand über die Nutzung dieses Sachverhalts im spöttischen oder auch propagandistischen Sinne wundern. Das ist eine Steilvorlage.

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    1. Auf welche Äußerungen oder Handlungen von Schmalbart stützt sich Ihre Vermutung, es gehe hier um „rent-seeking“? Bei dem meme mit der Satire auf „Golden Girls“ (das mir nicht bekannt ist), sprechen Sie von „den staatlich alimentierten NGOs“ und deren „fleißigen Volontären da draußen“. Eine solche pauschale Behauptung kostet nichts. Von wem sprechen Sie? Wen meinen Sie? Und wie begründen Sie Ihren Verdacht, das „angekündigte Konstrukt“ werde „auf solche vorgefertigten Häppchen im Kampf gegen Rechts wohl hinauslaufen“? “

  13. In diesem konkreten Fall geht es um die „No Hate Speech Kampagne“ des Europarates. Das meme ist nicht mehr auf der Internetseite zu finden, wohl auch aufgrund von begründeten Protesten, z.B. hier zurückgezogen worden. Die Kampange wird vom BMFSFJ mitfinanziert und in Deutschland auch von NGOs ausgestaltet. Dazu zählen nach Informationen des Netzwerks selbst z.B. die Amadeu Antonio Stiftung, Amaro Drom, AYUDH Europe, DJV und viele mehr. Die memes werden nach Auskunft der Kampagne bereitgestellt, damit Leute schnell eine Antwort parat haben, wenn sie meinen, auf hate speech gestoßen zu sein.*

    Es ist aber nur ein Beispiel. Ich unterstelle nicht, dass die Absicht solcher Aktionen von vornherein nicht ehrenwert ist. Aber im Falle von Schmalbart glaube ich – wenn die genannte Intention (Frau Finkeldey: „… Ein Ohr und ein Sprachrohr zugleich den Zwischentönen und den differenzierten Diagnosen zu geben …“) tatsächlich umgesetzt werden würde – nicht an einen Erfolg, weil im Internet nicht in dieser Münze bezahlt wird. In der Tendenz wird den lauten und schrillen Tönen Beachtung geschenkt. Dadurch entsteht ein Druck, der Polarisierung begünstigt. Ein Effekt, der sich nicht nur auf der einen Seite des politischen Spektrums messen lässt, sondern auch auf der anderen. Und da Journalisten Dienstleister in einem schrumpfenden Markt sind, kann ich mir gut vorstellen, dass die postulierte Position des Ausgleichs zugunsten einer Haltung aufgegeben wird, die sich auf die Seite der Fleischtöpfe schlägt. Und Geld vom Staat gibt’s für den ruhmreichen Kampf in seiner Sache (in diesem Fall: Abwehr des politischen Gegners), nicht für Zwischentöne und Differenz zwischen den Lagern (siehe oben).

    Insgesamt halte ich die Verengung des Siegs von Donald Trump auf die Erklärung „in den sozialen Medien wurden Fake News verbreitet, die viele zum Bösen verführt haben“ für reichlich zu kurz gedacht. Dazu ein Beispiel: Ich hatte kürzlich eine Diskussion über die Gefährlichkeit von Donald Trump. Dabei wurden mir die damit verbundenen Befürchtungen erläutert. Ich sagte dann „Es ist doch noch gar nichts passiert. Vor 18 Monaten und in einem anderen Kontext hätte man dich einen ‚besorgten Bürger‘ genannt.“ Die Reaktion, dass können Sie sicher nachvollziehen, war Irritation und Bitterkeit. Daraus können aber alle Beteiligten etwas lernen. Diejenigen, die Bedenken von Menschen gern mit Pauschalurteilen wie „Bersorgter Bürger!“ quittierten, wie sich diese Bürger wohl gefühlt haben müssen und diejenigen, die in anderer Situation irritiert und bitter waren, warum sie jetzt besser zuhören sollten. Diese Bitterkeit, die auch durch Donald Trumps Gegenkandidatin ohne Bedacht konsequent gespeist wurde („deplorables“, etc.), hat sich jetzt in einer Person als Commander in Chief manifestiert, die in ihrer Lächerlichkeit einem Silvio Berlusconi in nichts nachsteht. Aber es war Hillary Clintons Wunschgegner. Frage: Wie schwach muss sie gewesen sein, wenn sie noch nicht mal ihren Wunschgegner besiegen konnte? Kann das wirklich nur auf Fake News zurückgeführt werden?

    * Wie NG ist eigentlich eine O, wenn sie wesentlich aus Mitteln der öffentlichen Hand finanziert wird?

    PS: Ihre Antwortfunktion im Kommentarbereich verhält sich irritierend.

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  14. Ich war ein paar Tage „off“, deswegen eine kurze, verspätete Reaktion.
    @Werlauer:
    Wenn Sie glauben/unterstellen, dass in den den Sozialen Medien ausschließlich „in der Tendenz [..] den lauten und schrillen Tönen Beachtung geschenkt..“ wird und dadurch ein Druck entsteht, „…der Polarisierung begünstigt…“ und zwar auf allen Seiten, und wenn sie zugleich jedem, der sich gegen die horrible Simplifizierung komplexer Zusammenhänge wehrt, gleich merkantiles Interesse unterstellen („rent-seeking“, „Fleischtöpfe“) – tja, dann kann ich auch nicht helfen.
    Erstens habe ich mich sehr wohl gegen die Falschmeldungen im „Fall Lisa“ gewendet oder gegen die „Vergewaltigung im Gorki-Park“ (weder Park noch Vergewaltigung hat es gegeben), ohne dass sich mein Kontostandszeiger dadurch auch nur einen Milimeter bewegt hätte. Und zweitens glaube ich durchaus, dass das Medium für den Grad der inhaltlichen Differenzierung zunächst einmal unerheblich ist. Nur weil ich online schreibe, muss ich noch lange nicht in die Verfälschung hinein vergröbern.

    Zuletzt: Was hat das Vorgehen gegen bewußte Verleumdungen und Falschmeldungen eigentlich mit der doch gar nicht bestrittenen schweren Mitschuld Hillary Clintons zu tun? Wieso dieses Zusammenwürfeln von Sachen, die zunächst für sich zu verstehen sind. Weil Frau Clinton Wisconsin so verhängnisvoll links liegen ließ, ist der „Fall Lisa“ doch nicht einen Deut wahrer. Oder etwa doch? Darf man lügen, wenn es gegen die „arrogante Elite“ geht? Das, verehrter Herr Werlauer, ginge dann schon in die Richtung „gefühlte Wahrheit“. Und bewiese damit die Existenznotwendigkeit Schmalbarts. Aber ich frage ja zunächst nur.

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  15. Eigentlich habe ich nur darstellen wollen, welcher Dynamik dieses Unterfangen unterliegen kann. Wenn Sie diese Gefahr nicht sehen, umso besser. Sie müssen keine Vergröberung vornehmen. Sehr wohl wird sie aber vorgenommen. Und das betrifft nicht nur den Fall „Lisa“, sondern auch den Fall „GinaLisa“ und nicht nur den Fall „Vergewaltigung im Gorki-Park“, sondern auch den Fall „Khaled Bahray“. Ich würde es begrüßen, wenn die Besonnenen mehr gehört würden und die polarisierenden Schreihälse gedämpft. Nur glaube ich für das Wahljahr nicht daran. Sie müssen einem gelernten DDR-Bürger verzeihen, wenn die Erinnerung an Muster aus vergangenen Tagen Assoziationen beim Betrachten von Vorgängen in der Gegenwart erzeugen und zukünftige Entwicklungen vor diesem Hintergrund nahezu automatisch von mir antizipiert werden.

    Zum Schluss: Wenn Sie alleine oder auch zu dritt vor sich hin bloggen, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dann werden Sie unter dem Aufmerksamkeitshorizont bleiben. Mit einem Zusammenschluss von mehreren Dutzend Journalisten ist es aber leichter, über den Aufmerksamkeitshorizont der Netz-Öffentlichkeit zu gelangen. Und dann gäbe es die Möglichkeit, auf Fördertöpfe zuzugreifen. Nur ginge das nicht mit Differenz, sondern mit Konformität. Wir werden sehen.

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    1. Da auch mir sehr unangenehme Erfahrungen u.a. mit Nachwende-Stasiseilschaften nicht fremd sind, begrüße ich jede Aktion, die dem Gesinnungs- und Verleumdungskrawall zuwider läuft. Die Stasi ist ja als eine große Verleumdungsmaschine zu verstehen, heute würde man vielleicht Mobbingmaschine sagen.
      Die von Ihnen genannten, weiteren Beispiele sehe ich genauso.
      „Vor sich hin bloggen“ – möglicherweise beschreibt das die Melancholie des Aufklärers ganz gut. Mehr bleibt eben nicht. Über Reichweite nachzudenken spare ich mir meist. Ich weiß wenigstens, dass der Widerspruch vorliegt, ob er etwas sofort bewirkt oder zeitverschoben oder gar nicht, das entgleitet doch jedem, der schreibt. Und das zu bedenken ist auch nicht seine primäre Aufgabe.

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