Sex ist als Gegenstand eines Philosophen würdig, mag sich Peter Sloterdijk gedacht haben, denn in seinem neuen Buch geht es vor allem um den Koitus. Die Gattungsbezeichnung lautet „Bericht“, man könnte diese Prosa auch einen „Essay im Fiktionsmodus“ nennen: kein Roman, keine wissenschaftliche Abhandlung – obwohl es in diesem Buch auch um Wissenschaft geht – sondern eine fiktive Rollenprosa. Fünf Forscher – drei Männer und zwei Frauen – machen es sich zur Aufgabe, unter anthropologisch-philosophischer Perspektive das Lustempfinden der Frau „auf dem Weg von den Hominiden-Weibchen zu den Homo-Sapiens-Frauen aus evolutionstheoretischer Sicht“ zu ergründen, und zwar im Hinblick auf die spekulative Naturphilosophie des Deutschen Idealismus. Daher auch der Name Schelling:

Was wir „Schelling-Projekt“ nennen, ist der Versuch, zu den Gründen, Abgründen und Un-Gründen des Werden-Wollens zurückzugehen und es im Hinblick auf das Rätsel der sexuellen Evolution nachzuvollziehen, namentlich auf der weiblichen Seite.

Nun muss ein Projekt-Antrag geschrieben werden, die DFG soll fördern. Die Forscher kommunizieren untereinander per E-Mail, insofern hat das Buch die Struktur eines Briefromans. Sie überlegen, wie man eine solch heikle Sache bei der DFG durchboxen könnte. Spiritus rector des Unternehmens ist ein gewisser Peer Sloterdijk, der mit dem Autor des Buches auch sonst einige Ähnlichkeiten aufweist. Überhaupt, die Namen: Guido Mösenlechzner oder Desiree zur Lippe – ich weiß nicht, ob man sich darüber schieflachen soll oder vor Scham lieber wegblickt. Aber Vorsicht: In Büchners Lustspiel Leonce und Lena finden sich die beiden Reiche Pipi und Popo, und in Thomas Manns Novelle Tristan tritt der agile Herrn Klöterjahn auf. Wie dem auch sei – die Namen sind immerhin ein Signal, nicht jede Zeile des Textes bierernst zu lesen. Sie überzeichnen und machen deutlich, dass es sich um Satire handelt. Eine Satire auf den Wissenschaftsbetrieb und seine Zwänge, auf Forscher, die nach Fördergeldern schielen. Wildes Denken und Bricolage haben in dieser Wissenschaft keinen Platz. Die Protagonisten ahnen bereits, dass sie mit ihrem Antrag scheitern werden. Doch sie spielen Don Quijote.

Geschlechterklischees

Die Namen jedoch verweisen nicht nur auf Satire, sie sind auch symptomatisch für ein tieferes Problem dieses Buchs – nämlich die Trivialität dessen, was berichtet wird. Nähme man den Text tatsächlich als Roman, wäre er gründlich misslungen. Kitsch an vielen Stellen, sprachlich verunglückte Bilder. Es „wölbt sich ein Regenbogen nie gestellter Fragen“. Solche Bilder zeugen nicht vom Überschwang der Sprache, vielmehr wird hier die Sprache zugunsten der Sucht nach Originalität überstrapaziert. Vor allem Geschlechterklischees bestimmen den Ton:

Erektion und Ejakulation sind maskuline Klassiker, während beim weiblichen Genießen eine Art von Halbdeutlichkeit in der Natur der Sache liegt. Es gebe sogar gute Gründe, von einem lichtscheuen Entweichen der Frau in unbeobachtbare Ekstasen zu sprechen. Nichtsdestoweniger ist die Überlegenheit des weiblichen Sexuallebens gegenüber dem männlichen nicht leicht in Abrede zu stellen.

Unolympisch von Natur, bleibt die Frau ein Feuchtigkeitsphänomen. Von der Pfütze führt kein Weg zu den Begriffen.

Die Frau hat auf dem Olymp der Wissenschaften und des begrifflichen Denkens offenbar wenig zu suchen. Und doch ist diese Prosa nicht im strikten Sinn frauenfeindlich. Denn die Frau in diesem Text entzieht sich den Zuschreibungen, sie erscheint als Proteusfigur. Und was wäre zudem, wenn wir das Geschlecht des Autors nicht kennten? Wir nähmen das Buch anders auf, wenn es eine Frau geschrieben hätte. Würde manche Passage dann immer noch als seifige Altherrenphantasie durchgehen, oder bekäme sie den Anstrich eines Forschungsprojekts aus der Ära der Matriarchats-Theorien? Doch selbst dann bleiben die Rollenklischees.

Flüchtig gezeichnete Charaktere

Zwar findet sich in der metaphernreichen Sprache Sloterdijks manche witzige Idee, und teils macht es Spaß, den mäandernden Einfällen zu folgen:

Die Philosophie war eine andrologische Klinik, in der vielversprechende Jünglinge vom Leiden des Zusammenseinmüssens mit den Körpern geheilt werden. Wenn ausschließlich Männer objektiv sein können, so weil sie von Natur aus heiß und trocken sind. Nachzulesen bei Aristoteles und Söhnen. Theorie ist wie weißer Rauch über einer Feuerstelle.

In solchen Zeilen steckt Ironie, sie dienen als Konterpart zu den zweifelhaften Feuchtgebieten. Aber zu oft kippt die Prosa ins Thesenhafte und gerät ins Dozieren. Die Charaktere sind flüchtig gezeichnet: In den überbordenden Anspielungen, dem Stil und den Metaphern erkennt man die Stimme Sloterdijks. Mehr Aufmerksamkeit als auf die Figuren verwendet der Autor auf sein Ideenfeuerwerk, das er virtuos abschießt, wie man es von ihm kennt.

Diese Prosa funktioniert weder als Literatur noch als Wissenschaftsessay. Denn was als These zu beweisen wäre, wird bereits als bewiesen vorausgesetzt. Was wiederum erzählt werden müsste, wird lediglich behauptet. Das Verhältnis der fünf Forscher zueinander bleibt blass, ebenso das Forschungsthema. Es ist der Prosa übergestülpt. Was Sloterdijk dem Leser liefert, sind steile Thesen. Doch das Originelle verplaudert sich. Der Bericht ist geschwätzig. Immerhin nennt Sloterdijk dieses Projekt nicht Roman. Zum Schriftsteller jedenfalls taugt er nicht.

Angaben zum Buch
Peter Sloterdijk
Das Schelling-Projekt
Roman
Suhrkamp-Verlag 2016 · 251 Seiten · 24,95 Euro
ISBN: 978-3518425244
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sloterdijk
Beitragsbild:
Liebespaar, Mithuna, 13. Jahrhundert, Orissa (Indien)
von shibainu
Lizenz: CC BY 2.0

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

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