Ich bin gleich geflasht. „YOU ARE RIGHT HERE RIGHT NOW“ sagt das Kunstwerk zu mir. Wo fühlt man sich sonst so? Es ist dieses Grundgefühl blindtapsiger Vertrautheit, frisch verliebt, eins mit dem Augenblick, am rechten Ort zur rechten Zeit. Wow! Alles stimmt. Endlich.

Die Installation von Jeppe Hein besteht aus einem auf Hochglanz polierten, dunkel eingefärbten Spiegel. Die weiße Aufschrift „YOU ARE RIGHT HERE RIGHT NOW“ legt sich über das Spiegelbild. Das Werk tritt durch den Spiegel in Kontakt mit dem Betrachter, die Botschaft „you are right here right now“ übt eine hypnotische Anziehungskraft aus.

Right here und right now stehe ich nun also im neu eröffneten Zentrum für Zeitgenössische Kunst in der Kindl Brauerei in Berlin Neukölln. Ich mache erst einmal ein Foto von mir, genau hier, genau jetzt. Ich fühle mich instant verbunden, verheiratet mit der Botschaft. Dazu passen die Lettern, rein und weiß wie ein Brautkleid. Die Installation meint nicht irgendwen, sie meint mich.

Das Spiegelbild mit der Aufschrift wirkt wie eine Steigerung von Cartier-Bressons „entscheidendem Augenblick“. Immer hier, immer richtig, immer ich. Eine Glücksmaschine. Ich könnte jetzt sehr lange vor diesem Spiegel stehen, visuell andocken, mich festsaugen, mein Leben genau hier an den Nagel hängen, hier an diesen Nagel, an dem die Installation hängt. Right here vor dieser Installation möchte ich right now immer weiter stehen bleiben.

Das Jetzt ist flüssig und fließt ab

Aber „immer weiter“ und „stehen bleiben“, das ist ein immanenter Widerspruch, wie der Pudding, der an die Wand genagelt werden soll. Denn so passend, so haargenau und so hochglanz-richtig in Übereinstimmung mit Raum und Zeit bin ich eben nur, solange ich genau vor dieser Installation stehe, die nicht einmal ein echtes Bild ist, sondern nur ein Spiegelbild.

So jung kommen wir nie mehr zusammen, mein Spiegelbild und ich, und wenn ich mich jetzt abwende, bin ich nicht mehr right here right now. Auf einmal ist dieses Kunstwerk, hier und jetzt, ein Memento mori.

Heidegger beschreibt das Verrinnen der Zeit als Abfließen von Jetztpunkten. Das Jetzt ist flüssig und fließt ab. Sobald der Betrachter das Kunstwerk nicht mehr betrachtet, fließen die Jetztpunkte ab. Stöpsel raus, Wanne leer, nass und nackt steht man da und wird kalt.

How Long Is Now?

Das Kunstwerk „YOU ARE RIGHT HERE RIGHT NOW“ zeigt, dass Zeitgenossenschaft – die aktive Teilhabe an einer gemeinsamen Zeit – offenbar mehr erfordert, als das bloße Zusammentreffen von Mensch und Zeit. Es gehört ein aktives Bewusstsein dazu, eine eigene Zeit zu haben und diese in den Blick zu nehmen. Auch die Idee einer synchronen Weltzeit schwingt mit und der Wille, sich mit dieser Weltzeit aktiv zu verbinden und darin zu handeln, also selbst Genosse seiner Zeit zu sein – und dies zu genießen.

„How Long Is Now?“ heißt der Teil der Ausstellung, in dem die Installation „YOU ARE RIGHT HERE RIGHT NOW“ hängt. Die Frage „How Long Is Now?“ verweist auf die Schwierigkeit, eine Zeit zu reflektieren, an der man teilhat.

YOU ARE RIGHT HERE RIGHT NOW. Ich gucke jetzt auf das Spiegelbild mit der Aufschrift und versuche, mich zu fokussieren. Ich kann mich anstrengen, wie ich will, das Bild wird nicht wirklich hell – es ist ein dunkler Spiegel. Unmittelbare Zeitgenossenschaft ist immer auch Dunkelheit, sagt die Installation. Das Foto von mir vor der Installation right here right now wird mir – wie oft bei gestellten Fotomomenten – später wie das echte Leben vorkommen.

Augenblick ohne Entscheidung

Es war der richtige Augenblick, aber jetzt ist er vorbei. Wer eine Weile vor der Installation steht, beginnt sich mit dem immer richtigen Moment, mit der andauernden Hochglanz-Perfektion zu langweilen. Es ist diese gepflegte Langeweile, die auch manche Upper-Class-Szenen auf Fotos von Cartier-Bresson ausstrahlen. Der viel beschworene entscheidende Augenblick entpuppt sich als ein Augenblick ohne Entscheidung. Ich bemerke, dass ich mich durch das Richtige festgenommen fühle, wenn es als ewige Wahrheit daher kommt – ohne Haftbefehl eingesperrt in eine Art Dauerhaft.

Ich denke an den Song „Right Here, Right Now“ von John Cole Peterson. Aktive Zeitzeugenschaft war auch das. Es ist ein repetitiver Song. Ewig hört man „right here, right now“. Nachdem der Song die Zeile endlos wiederholt, geht es plötzlich weiter mit: „Waking up to find your love’s not real.“ Und ich fühle mich d’accord mit diesem Menschen in diesem Song, der da feststellt, dass seine Liebe nicht wirklich ist, nicht wirklich da oder nicht wirklich das, was sich dieser Mensch wünschte, oder sonstwie nicht wirklich – eine verhinderte Liebe, wie so oft im Leben. Vielleicht gab es die Liebe auch nur im Traum und dieser Traum verstellte in seiner Vollkommenheit das „wirkliche“ Leben.

Gelebte Zeitgenossenschaft lässt sich nicht konservieren.

flashen – schwaches Verb, 1.  begeistern, in Rausch versetzen

Duden online

Ich bin immer noch begeistert, aber nur noch schwach. Ich gehe weiter und freue mich, dass ich einmal richtig aktiv und richtig schön Zeitgenossin war.

Bildnachweis:
„YOU ARE RIGHT HERE RIGHT NOW“
Installation von Jeppe Hein
Foto (c) Maria Benning

Von Maria Benning

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