Nein, ich werde keine philosophische Gesamtwürdigung des dann wohl doch bedeutendsten, wichtigsten Philosophen der alten Bundesrepublik vorlegen. Erstens könnte ich das nur ungenügend, ich bin kein Habermas-Kenner. Zweitens: Selbst, wenn: Warum sollte ich, was Axel Honneth hier unvergleichlich gut macht, sehr viel schlechter noch einmal machen? Zum dritten, entscheidenden: Ich bin mit Habermas nie so ganz warm geworden.

Das betraf nicht einmal die Inhalte, obwohl ich von den Analytikern herkam. Vernunft hochhalten in postmetaphysischen Zeiten, gerade auch gegen die „Untiefen der Rationalitätskritik“ – da gab es keinen großen Dissens. Und seine Gedanken zum wohl doch zentralen Problem aller Philosophie – wie vermittle ich zwischen der kontingenten historischen Genese und der universellen Geltung der Vernunft – werden bleiben.

Eclat in Hamburg 1989

Aber Habermas, das war die SPD auf philosophisch: der alte Onkel, den man etwas langweilig und betulich fand, über den man sich klammheimlich auch gerne mal lustig machte. Und, aber das gestand sich kaum jemand ein, auf dessen Freundlichkeit man sich verlassen, den man geistig immer anpumpen konnte, wenn Not am Mann war. Und Not am Mann war eigentlich immer.

Das galt speziell für die Linke im Spätherbst 1989. Im Dezember 1989 bekam Habermas in Hamburg den Dr. h. c., bezeichnenderweise bei den Politikwissenschaftlern, nicht bei den Philosophen. Ich war als Philosophiestudent im Audimax dabei. Kurz vor Beginn der Veranstaltung stürmten vier, fünf westdeutsche Linke unklarer Couleur die Bühne und begehrten das Mikrofon. Alles wand sich vor Peinlichkeit. Was tat Jürgen Habermas? Mit einem souveränen: „Erst die Kollegen, bitte“ überließ er ihnen das Wort. Der Mauerfall und damit der Sieg des Westens im kalten Krieg sei, so die linke Delegation, nicht widerstandslos hinzunehmen, der Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus gehe weiter, der Sozialismus werde siegen. Habermas‘ Antwort war begütigend: Er werde die sozialistische Utopie immer achten, räume ihr aber nach diesem Desaster auf lange Sicht keine Chancen ein, es gehe jetzt vielmehr darum, was man aus dem Ist-Zustand mache. Das war Habermas in seiner Freundlichkeit; ganz en passant führte er seine Theorie des kommunikativen Handelns in actu vor.

Und dann muss man das mit dem gemütlichen Onkel cum grano salis nehmen. Habermas konnte auch anders. In sicherer Antizipation der Probleme, die eine voluntaristische Linke, eine neue „Propaganda der Tat“ mit sich bringen würde, warnte er schon 1967 vor einem „linken Faschismus“. Und so illegitim der Begriff, den er schnell wieder zurücknahm, auch war, denn der linke Tugendterror, das linke Lager und auch die linke Propaganda der Tat sind schon begrifflich etwas anderes als der völkisch-faschistische Schläger und Mörder: Den Braten hatte er der Sache nach richtig gerochen.

Wenige Jahre später lief die RAF Amok – mit allen bekannten Folgen. Die Kritik als solche hat Habermas nie revidiert, ihm war die Zweischneidigkeit linker Praxis, war Löwiths Warnung vor säkularisierter Erlösung, jederzeit bewusst. Der Vermahnungen post mortem (z. B. durch Ilko-Sascha Kowalczuk) bedurfte er nun wirklich nicht.

Kritik an Martin Heidegger 1953

Es war indessen bei weitem nicht das erste Mal, dass Habermas Wagnisse einging. 1953, als Philosophiestudent, ist er sein vielleicht größtes eingegangen. Wer im Jahr 1953 in der jungen Bundesrepublik einen Martin Heidegger in aller Öffentlichkeit an die NS-Verbrechen erinnerte, und an die Rolle, die er im ideologischen Backoffice dabei gespielt hatte, der musste schwer was los haben.

Präzise erteilte der 24-Jährige allem raunenden Irgendwie Bescheid, in das sich Verantwortlichkeit ja so gerne flüchtet, und etablierte mit dieser Zurückweisung von ‚Tiefe‘ zugleich das Leitmotiv seines Denkens: kritische Vernunft.

Läßt sich auch der planmäßige Mord an Millionen Menschen, um den wir heute alle wissen, als schicksalshafte Irre seinsgeschichtlich verständlich machen? Ist er nicht das faktische Verbrechen derer, die ihn zurechnungsfähig verübten – und das böse Gewissen eines ganzen Volkes? Hatten wir nicht acht Jahre Zeit seither, das Risiko der Auseinandersetzung mit dem, was war, was wir waren, einzugehen? Ist es nicht die vornehme Aufgabe der Besinnlichen, die verantwortlichen Taten der Vergangenheit zu klären und das Wissen darum wachzuhalten? – … Statt dessen betreibt die Masse der Bevölkerung, voran die Verantwortlichen von einst und jetzt, die fortgesetzte Rehabilitation. – … Statt dessen veröffentlicht Heidegger seine inzwischen achtzehn Jahre alt gewordenen Worte von der Größe und der inneren Wahrheit des Nationalsozialismus […].

Das hat Habermas nun nie zurückgenommen. Karl Jaspers schrieb gleich 1946: „Wir sind nicht, als unsere jüdischen Freunde abgeführt wurden, auf die Straße gegangen, haben nicht geschrien, bis man auch uns vernichtete (…). Daß wir leben, ist unsere Schuld.“ Von diesem berühmten Bekenntnis abgesehen, hat in der frühen Nachkriegszeit kaum ein deutscher Philosoph den deutschen Völkermord derart deutlich in den Blick genommen wie Habermas, zumindest nicht unter denen, die nicht emigriert waren.

Historikerstreit 1986

Dreißig Jahre später hat sich diese Bewertung gegen die haltlosen und monströsen Behauptungen Ernst Noltes, die zum Historikerstreit von 1986 führten, dann durchgesetzt. Wer die enthemmten Hasskommentare der gar nicht mehr so neuen Rechten auf Habermas‘ Tod zur Kenntnis nimmt, der weiß, was ein Obsiegen Noltes bedeutet hätte. Denn die Rechte tut gerade, was sie immer tut, und sie tut es so machtvoll wie seit langem nicht: Sie sinnt auf Rache für Gottweißwas, für eine behauptete, erfundene ‚Beleidigung‘, d. h. für ihr selbstverschuldetes Scheitern.

Habermas’ in großartiger Art und Weise betuliche, freundliche Stimme der Vernunft wird fehlen in den Kämpfen, die uns bevorstehen.

***

Ein P.S. zum Historikerstreit

Ernst Noltes Behauptung, Auschwitz sei, in welcher Form auch immer, lediglich als Reaktion auf die „ursprünglicheren“ stalinistischen Massenverbrechen zu deuten, vergeht vor den schlichten Fakten. Schon 1912 hat der Vorsitzende des alldeutschen Verbands, Heinrich Claß, in seinem Buch Wenn ich der Kaiser wär – sozusagen die Bibel der Alldeutschen – über Deportationen schwadroniert. Claß nannte sie „Evakuierung“.

Es war bereits alles da, was das spätere Nazi-Herz begehrte:

Wo fängt das an und wo hört es auf, was uns zugemutet werden soll, als zur Menschheit gehörig zu lieben und in unser Streben einzuschließen? Ist der verkommene oder halbtierische russische Bauer des Mir [Dorfgemeinschaft], der Schwarze in Ostafrika, das Halbblut Deutsch-Südwests oder der unerträgliche Jude Galiziens oder Rumäniens ein Glied dieser Menschheit?

Claß bekam 1933 als alter Mann von den Nazis einen ‚Ehrensitz‘ im Reichstag. Sie wussten, was sie ihm schuldig waren.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Jürgen Habermas im Hörsaal des Philosophischen Seminars, Frankfurt 1969
Max Scheler/Süddeutsche Zeitung Photo

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Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

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