avenidas steht seit 2011 auf der Südfassade der Hochschule im Berliner Stadtteil Hellersdorf. Angebracht wurde es im Rahmen der Verleihung des Alice Salomon Poetik-Preises an Eugen Gomringer, eine der Leitfiguren der Konkreten Poesie. Das Gedicht selbst stammt aus den Fünfzigerjahren und sieht an Ort und Stelle so aus:

In einer Stellungnahme des AStAs der Alice Salomon Hochschule wird das Gedicht so übersetzt:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und

ein Bewunderer

Kritisch vermerkt der AStA in seinem offenen Brief bereits 2016:

Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* [sic] ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.

Das ist eine klare Positionierung der Studierenden der Hochschule, die denn auch die treibende Kraft hinter dem Senatsbeschluss zur Neugestaltung der Fassade waren. Und doch wird in dieser Stellungnahme auf eine Analyse, geschweige denn Interpretation von avenidas verzichtet, von einer kurzen Inhaltsangabe abgesehen.

Die verweigerte Deutung

In diesem hochschulpolitischen Zusammenhang ist das sicherlich erst einmal zu verschmerzen. Betritt man jedoch das Parkett der gesellschaftlichen Debatte, wird die Verweigerung einer Gedichtinterpretation problematisch. Dies zeigt die Verteidigungsrede von Eugen Gomringers Tochter, der Lyrikerin Nora Gomringer, auf Facebook. Statt einer Interpretation begnügt sich Nora Gomringer in ihrer Empörung über die Vorwürfe mit vagen Behauptungen: Der Text sei „absolut entfernt von jeder Emotionalität“, jedoch sei „die Auswahl der bewunderten Menschen und Gegenstände eindeutig“ und überhaupt „alles von außen, nichts von innen“.

Der „Bewunderer“ („un admirador“) beherrsche das Gedicht mitnichten, wenn auch an prominenter Stelle (dem Ende) stehend, sodass die angesprochenen Frauen („mujeres“) sein Urteil nicht zu fürchten bräuchten. Vielmehr sei es die Konkretheit der Aufzählung, die „auf Werte verweist, die mitten im Leben, mitten in Berlin 2017 Gültigkeit haben und Schönheit besitzen“, nämlich „dass wir verbunden sind in der Welt, wir alle miteinander“. Wie könne man, fragt Gomringer, ein solches Gedicht einfach „loswerden“ wollen?

Die Münchener Literaturprofessorin Barbara Vinken schließlich verweigert auf Deutschlandfunk Kultur geradezu ostentativ eine Deutung. Sie finde avenidas ein „sehr bewundernswürdiges Gedicht, das die Schönheit der Welt einfach in fünf Wörtern erblühen lässt“. Die „unschöne“ und „bedenkliche“ Reaktion des Sexismus-Vorwurfs lasse sich als „Symptom“ einer auf Sexismus fokussierten „homosozialen“ Lebenswelt verstehen, in der wahre Bewunderung nicht mehr vorstellbar sei. „Da kann aber das Gedicht nichts dafür“, so Vinken.

Ist das wirklich so? Kann avenidas nichts für seine eigene Interpretation? Ich meine, es lassen sich sehr wohl Strukturen in diesem Gedicht identifizieren, die den Sexismus-Vorwurf wenn nicht begründen, so zumindest verständlich werden lassen. Man muss hierzu aber bereit sein, sich auf die Ebene der Wörter und der in ihnen kodierten Symbolik zu begeben – gewissermaßen ins Gedicht-Innere, entgegen dem Diktum Nora Gomringers.

Straßen und Blüten

Gerade die Tiefenschichten des Gedichtes haben es in sich. Hierzu soll für einen kurzen Moment der Blick weggeleitet werden von den Begriffen „mujeres“ und „admirador“, die für die meiste Aufregung im Gedichtstreit gesorgt haben. Die wichtigeren Bedeutungsträger sind in der Assoziationskette nämlich zwei andere Ausdrücke: „avenidas“ und, vor allem, „flores“.

Das spanische Wort „avenidas“ ist keineswegs nur mit „Straßen“ oder „Alleen“ zu übersetzen. „Avenidas“ kann auch „Zugang“, „Zufahrt“ oder „Zustrom“ bedeuten. Der Verweis von manchen Diskussionsteilnehmern auf den angeblich verbrieften Beschreibungsgegenstand, die Promenade „Las Ramblas“ im Zentrum von Barcelona, verdeckt so gesehen die erotische Konnotation dieses Begriffes.

Die „flores“ („Blumen“ oder „Blüten“) sind ein noch deutlicheres Symbol. Man denke etwa an „Defloration“ (Entjungferung) ­– schon der deutsche Minnesang kennt dafür die Wendung „bluomen brechen“. Weiteren Aufschluss gibt ein Zitat aus dem „Blumentraum einer Patientin“, das sich in Sigmund Freuds Traumdeutung (1899) findet. Dort begegnet man sogar der gleichen Kombination aus Straßen und Blüten.

In besagtem Traumprotokoll sieht Freuds Patientin vor sich einen Kirschblütenbaum, von dem es heißt:

Andere Arbeiter haben solche Äste aus einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen kann.

Freuds lapidare Fußnote hierzu:

Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i.e. masturbieren.

Zwielichtige Atmosphäre

Ist der „admirador“ am Gedichtende vielleicht eine Art Freudscher Arbeiter zwischen blühenden Bäumen? Der Symbolgehalt der „flores“ verleiht der Atmosphäre von avenidas jedenfalls etwas Zwielichtiges. Man fühlt sich an ein ähnlich doppeldeutiges Gedicht der Literaturgeschichte erinnert: Goethes „Heidenröslein“.

Dieses Blumengedicht des 21-jährigen Goethe ist exemplarisch dafür, wie in einem Text auf der Symbolebene etwas ganz Anderes gesagt werden kann, als seine unschuldig anmutende Oberfläche zunächst vermuten lässt. Das „Röslein auf der Heiden“, eine junge „morgenschöne“ Blume, wird bei Goethe von einem „wilden Knaben“ gebrochen. Während man darin früher nichts als harmlose Idyllik sah, wird das Gedicht heute oft als verklausulierte Beschreibung einer Vergewaltigung gelesen.

Manifest werden diese völlig konträren Lesarten von „Heidenröslein“ bereits in den beiden populärsten Vertonungen aus dem 19. Jahrhundert. Die eine stammt von dem deutschen Volkslied-Komponisten Heinrich Werner und wiegt sich in Walzertakten von bukolischer Harmonieseligkeit. Die andere, nicht minder berühmte, Version von Franz Schubert fügt dem Text als musikalische Deutung einen Moll-Trugschluss auf der Zeile „half ihm doch kein Weh und Ach“ hinzu, was den Eindruck von unterschwelliger Tragik erzeugt.

Ein unheimlicher Bewunderer

Trägt Eugen Gomringers avenidas womöglich mehr von „Heidenröslein“ in sich, als seinen Verteidigern im Hellersdorfer Gedichtstreit lieb sein kann? Der Symbolgehalt der „flores“ lässt zumindest die Assoziation mit dem auch bei Goethe vorkommenden Thema „Blumen brechen“ zu. Damit wird zwar nicht automatisch eine bevorstehende Vergewaltigung heraufbeschworen. Jedoch lässt die tiefensymbolische Unbestimmtheitsstelle den „admirador“ nachgerade unheimlich erscheinen.

Ist das Gedicht darum als „sexistisch“ zu werten? avenidas ist kein chauvinistischer Text, doch das Gedicht evoziert mit starker Symbolik ein männliches Subjekt, dessen erotische Phantasie sich an den weiblichen Figuren entzündet – und sie insofern zu Sexualobjekten werden lässt. Wir wissen nicht, wer der „Bewunderer“ wirklich ist. Vielleicht aber gewinnt das Gedicht durch die Möglichkeit des Übergriffigen sogar an ästhetischem Reiz. Wer sagt, dass Kunst nicht beunruhigen darf?

Der sterilisierte Literaturstreit

Wenn man bei avenidas also eine sexuelle Aufladung wahrnimmt, reagiert man letztlich nur auf das, was in den Strukturen des Gedichtes angelegt ist. Dass dieser Umstand in der bisherigen Diskussion völlig untergegangen ist, mag dem allgemeinen Debattenreflex geschuldet sein: Alle wollen sich so pointiert wie möglich äußern, aber bitte ohne sich die Hände mit Hermeneutik aufzureißen. Trotzdem bleibt der Eindruck, hier sei ein Literaturstreit im wahrsten Sinne des Wortes sterilisiert worden.

Denn mit der Weigerung, Gedichte zu deuten, wird nicht nur unser Zugang zu tieferen Formen der Symbolik verstellt, sondern auch zu unserem Unbewussten insgesamt. Der Hellersdorfer Literaturstreit macht deutlich: Wir müssen Gedichte ernst nehmen, indem wir sie interpretieren. Erst durch das Interpretieren legen wir jene Strukturen offen, die uns verschiedene Lesarten ermöglichen. So können wir besser verstehen, worüber wir uns eigentlich streiten.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Heideröslein_Nozomi_(Onodera_1968).JPG
By Huhu. The original uploader was Huhu at German Wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons
Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Hellersdorf mit dem Gedicht avenidas: (c) Jonathan Schaake
Jonathan Schaake

Von Jonathan Schaake

Studierte Germanistik und Musikwissenschaft in Heidelberg. Veröffentlicht regelmäßig auf dem Literaturblog ltrtr und schrieb u.a. für die FAZ. Lebt in Berlin.

7 Kommentare

  1. Die Behauptung „Während man darin früher nichts als harmlose Idyllik sah, wird das Gedicht heute oft als verklausulierte Beschreibung einer Vergewaltigung gelesen.“ ist extrem schief. Es war immer klar, dass es um einen Raub der Jungfernschaft ohne vollständige Einwilligung ging. (Die Zerstörung der Blume wurde eher bei dem Bruch eines Heiratsversprechens durch ihn gesehen.) In diesem gar nicht idyllischen Sinne wurde das Gedicht in der Volksschule um 1900 gelehrt. (Und das war nichts, worauf sich die pädagogische Literatur etwas zu Gute hielt, sondern schlicht eine Selbstverständlichkeit, davon handelte das Gedicht eben. z.B. streitet Schmidt in „Kunsterziehung und Gedichtbetrachtung“ (1911) mit Vogler (1905) lediglich noch darum, ob man diese Deutung schon beim Vortrag einbeziehen sollte (Auswendiglernen ist ja meist der erste Schritt gewesen in der Gedichtbehandlung damals), oder ob dies erst Gegenstand der vertieften Behandlung sein sollte.
    Dass Johnathan Schaake das Gefühl hat, über eine solche Deutung das Publikum erst informieren zu müssen, zeigt doch gerade das Gegenteil des von ihm angezielten: Dass eben alles am Gebrauch der Sprache hängt, dass er eben nicht unmittelbarer Bestandteil des Gedichts ist, sondern unserer Deutungsgewohnheiten und Umgangspraxis mit einem Text.
    Ebenso problematisch ist für mich der Freud Bezug. Es gibt genug Literatur über den Sexismus bei Freud. Man kann bei Klassikern wie Karen Horneys „Neue Wege in der Psychoanalyse“ anfangen. (Die freilich taktisch das Wort vermeidet, weil sie in den 50ern schrieb, aber genau in Freuds Neurosenkonzept einen impliziten Sexismus sieht.) Das ist ja eine interessante Pointe: Weil in (homosozialen?) akademischen Kreisen antisexistische Diskurse notorisch schwer durchdringen, kann man Freud ungebrochen zum Kronzeugen eines Sexismusvorwurfs machen.
    Ganz konkret ist der Zusammenhang zwischen der Freudstelle auch sehr fragil: Denn der Traum ist ja noch viel länger, es kommt auch das Kleidchen vor, die Sorge um Anständigkeit usw. Der Traumtext ist viel reicher als die dürren Elemente aus Avenidas. Dazu kommt: eine merkwürdige Verschiebung: Sie beweisen mit einer Freudstelle etwas was Freud seinerseits mit dieser Stelle erst beweisen möchte: „Die Analyse des letzten biographischen Traums steht als Beweis dafür, dass ich die Symbolik des Traums von Anfang an erkannt habe“ heißt es im Text kurz darauf. Er hat also diesen Symbolismus eben erst „entdeckt“ oder soll man besser sagen: Diese Deutungspraxis eben erst erfunden? (Er muss diese Praxis im Folgenden noch mühevoll diskursiv absichern jedenfalls)
    Eigentlich finde ich das Heidenröslein ein verhängnisvolles Beispiel für die Asta Position: Man muss hier genau die Bildung über die symbolische Deutungspraxis haben, um den Sexismus zu sehen. (Mit 8 fand ich das Heidenröslein langweilig, dachte: Goethe ist aber sehr für Umweltschutz, Naturschutz lernte ich in der DDR Schule natürlich kennen als: „Nicht unmotiviert Blumen abreißen, kein Papier wegwerfen …“ ich konnte meine Meinung über Goethe sogar noch an Texten belegen, auch „Gefunden“ handelte ja davon)
    Wenn man aber die Bildung zum Lesen voraussetzen muss, hat auch das Gomringergedicht ein Recht darauf, dass man die intendierte Umgangspraxis einbezieht. Und die ist eben eine ganz andere.
    Der Sexismusvorwurf etsteht erst dann, wenn man einerseits seine eigene Bildung (nämlich spanisch zu können, oder es zumindest als Bildungshorizont zuzulassen, ein Wissen über klassische Situationen und oder Symbolik) in Anspruch nimmt, zweitens aber ausschlägt,was man über Gedichte wissen kann, selbst das wenige, was in jedem Deutschbuch zur konkreten Poesie steht und die Materialität des Textes, seine Wiederholungsstruktur etc. völlig durchstreicht, um wie in einem akademischen Aufsatz sofort zu „Der Bedeutung“ durchzudringen. Und dann kommt der eigentlich ärgerliche Schritt: Wenn man es zu einer Diagnose über den Text macht und nicht zu einer über Lesarten und so in die Öffentlichkeit geht, erklärt man implizit den eigenen Horizont für verbindlich. Das würde ich schon auch unter dem Vorwurf der „Symptom einer homosozialen Lebenswelt“ subsumieren können.
    Erst, wenn wir über Textumgangspraxis und nicht über gegebene Textinhalte reden, ist eine Diskussion über Sexismus möglich.

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  2. Die ausgewogenste Stellungnahme pro Überpinselung, die ich kenne, ist die von Barbara Köhler, weil sie am klarsten sagt: Das Gedicht in diesem Kontext könnte problematisch sein, so unproblematisch es sonst ist. Fast ausgewogen ist Barbaras Text bloß, weil er schon wieder die Gegner der Überpinselung unter den Frame Demokraten-oder-nicht bringt. Und wenn da ein Satz steht: „es müsste sich dafür halt nur jemand finden, der oder die überzeugend genug dahintersteht.“ Das ist einfach unter den Frames, die man betrieben hat auf die Debatte anzulegen, extrem unwahrscheinlich. (Man müsste dem Druck standhalten, zunächst als konvervativer, paternalistischer Sexist zu gelten, der akademistisch irgendwie rechthaberisch ist. Diesem Druck hält absolut niemand stand. Und wer wollte für ein Gedicht diese Last schon auf sich nehmen?)

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  3. Gerade die Unterstellung einer Haltung, die angeblich durch das Gedicht supportiert wird, die Zuschreibung, das Gedicht erinnere an „sexuelle Belästigung“, ist ja verweigerte Hermeneutik in nuce und das Ersetzen von Hermeneutik durch vorauseilenden Vorwurf. Hierauf haben die AStA-Kritiker zu recht frühzeitig hingewiesen.

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  4. Die Parallele von Gomringers avenidas-Gedicht zu Goethes „Heideröslein“ ist einfach falsch behauptet und dient offenbar dazu, die abstruse „Sexismus“-Interpretation – die bei Goethe ja durchaus Kern des Textes ist – gleichsam durch hermeneutische Magie auch auf Gormingers Text zu übertragen. Aber bei Gorminger läuft keiner „schnell es nah zu sehen“, da wird nichts gebrochen und gestochen und niemand muss irgendwas leiden. Das geschieht alles im Kopf von Leser*INNen, die mit einem ganz bestimmten Konzept von Männlichkeit herumlaufen und nicht bemerken, dass das Toxische daran aus ihren Blicken auf diesen Text kommt, nicht aus dem Text selbst.

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  5. „Wo man nicht erkennt den Sinn, legt man den Tiefsten hinein“… oder welcher Art der Sinn gerade sein soll. Mühelos kann man das Gedicht auch ganz anders deuten: „Straßen“ evozieren ja eindeutig Alltag, Hektik, Grau. Die Frauen auf den Straßen sind dadurch als Alltägliche vorzustellen – allen Alters, aller Klassen, aller Größen, Formen, Moden, Hautfarben. Also maximal divers. Ich sehe Abgemühte vor mir, von vielfacher Unterdrückung, Sorgen und Plagen des Alltags leidgeprüfte Frauen. Gleichwohl – dies ist das zutiefst Humane – erkennt der melancholische Konkretist in diesem Leben, in diesen Frauen menschliche Schönheit und Würde. Ein (1!) Bewunderer ist es nämlich nur, nicht die ganze herumpeilende Männerschaft, die das Leben gar nicht sehen, sondern höchstens kurze Röcke und lange Haare.
    Das Schlüsselwort ist „Avenidas“. Das Wort stört die platte Hermeneutik (und wie weit weg ist das von dem Röslein und der Heide). Es ist der Panorama-Schuss, der den ganzen Ort zeigt. Klar, Frauen, Blumen, Bewunderung – das passt wie die romantische Streicheleinheit auf die Wange, aber das Gedicht beginnt mit diesem doppelten „Avenidas“ (sprechen Sie das mal, dann geht Ihnen erst das rechte hermeneutische Licht auf). Nur einer sieht diese Straßen nicht als so grau und vulgär, wie sie erscheinen. Der Dichter entdeckt das Schöne in den Missachteten, das Lebensfrohe in den Herabgewürdigten, er spricht den ein leise stammelnden Aufschrei gegen die Unterdrückung der Frauen. Da wird nichts geschönt, parfümiert, verniedlicht – dieses Auslassen ist ja auch wichtig.
    Konsequenz meines Gegen-Bla-blas: Die Sinnangebote der Hermeneutik können den Löschungsbeschluss gerade bei diesem Gedicht nicht stützen, weil zu wortkarg für große Interpretationstanker. So gesehen bleibt der Löschwunsch eben doch nur gelebte Intoleranz: „Was wir denken, ist wahr und richtig. Eure Gedanken und Empfindungen sind falsch.“ Man könnte natürlich auch einen Kompromiss schließen und wenigstens den dritten Vers stehen lassen.
    An diesem antisexistischen Eiferertum würde ich aber etwas anderes kritisieren, seine Funktion als Ersatzpolitik. Scheinbar ist man politisch aktiv, tatsächlich kümmert man sich um solche absolute Unwichtigkeiten wie konkrete Poesie an Universitätswänden, in die sich mit viel Mühe etwas Rückständiges hineinlesen lässt. Wollte man wirklich politisch was tun, würde man eher die Landesmedienanstalten besetzen oder RTL den Saft abdrehen oder dergleichen.

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  6. Daß Kunstwerke offen für Interpretation sind, ist eine relativ simple Tatsache. Wenn sich in der Lektüre alle einig wären, existierte weder Literaturkritik noch Germanistik. Und es gibt in diesen Akten der Interpretation eben angemessene und sachlich falsche Lektüren, die nicht durch den Text gedeckt sind und sich damit auch nicht im Inneren des Gedichts befinden, sondern weit außerhalb davon.

    In dieser Causa Asta geht es zunächst einmal nicht darum, „reflexhaft auf Eskalation“ zu schalten, sondern qua Öffentlichkeit Schlimmeres zu verhindern und evangelikale Tugendwächter in ihre Grenzen zu weisen. Bei der Kritik an der AfD käme wohl auch niemand auf die Idee zu schreiben, daß hier „reflexhaft auf Eskalation“ geschaltet wird. Und zum zweiten geht es um den Status von Kunst im Öffentlichen Raum, die entfernt werden soll. Wer also auf der Forderung besteht, daß das Gedicht – unter fadenscheinigem Vorwand – entfernt werden muß, der eskaliert in der Tat. Insofern, um das klarzustellen: Es ging die Eskalation nicht von den Verteidigern der Kunstfreiheit, sondern von den Zensoren einer Kunst im öffentlichen Raum aus. Womit ich beim zweiten Punkt bin.

    Kunst im öffentlichen Raum erzeugt bei Menschen, die in Kunst nicht gut bewandert sind, oft Erregung und teils spießbürgerlichen Zorn – eine alte und lange Debatte. Wir denken an Wolf Vostells „2 Beton Cadillacs in Form der nackten Maja“ am Rathenauplatz, aufgestellt aus Anlaß der 750-JahrFeier von Berlin. Die berliner Kleinbürger ereiferten sich. Und selbst jener bis auf ein kleines Quadrat im Boden eigentlich unsichtbare vertikale Erdkilometer (interpretatorisch offen, sogar wenn man will eine Phallussymbolik, frei nach Freud flottiert) erregte auf der documenta Zorn. Man sieht: Kunst wirkt. Und deshalb ist es gut, daß jenes Gedicht an der ASH bleibt, wo es ist: Nämlich an der Wand. Debattieren übrigens kann man über alles. Aber man kann nicht alles entfernen.

    „Wenn man bei avenidas also eine sexuelle Aufladung wahrnimmt, reagiert man letztlich nur auf das, was in den Strukturen des Gedichtes angelegt ist.“ Bewunderung also als sexuelle Aufladung? Interessant. Solche Aufladung sagt mehr über jene Interpreten als übers Gedicht aus. Solche Gedichte und in ähnlicher Weise Texte der Konkreten Poesie funktionieren als Rorschachtest. Wenn man es in der Diktion jener Tugendfreunde vom Asta betriebe, müßte man fragen, weshalb in dieses Gedicht soviel Sexualität hineingelesen wird und ob das nicht vielmehr der Ausdruck eines verdeckten Wunsches ist. Mit Freuds Psychoanalyse kann man bekanntlich den Scheinwerfer auch umdrehen. Und es zeigt sich, wie verhängnisvoll eine auf die Literatur angewandte unmittelbar genommene Psychoanalyse wirken kann. Das reicht bis zur Denunziation. Witzig mochte dieses Verfahren noch bei Karl May sein, dem Arno Schmidt in seiner Studie „Sitara“ versteckte Homosexualität unterschob. Karl May – ein verklemmter Schwuler. Ich weiß jedoch nicht, wem mit solchen Analysen gedient ist. Grausam ist daran sicherlich nicht die Kunst.

    In dem Gedicht selbst, ganz hermeneutisch genommen, steht nichts von alledem, was der Autor spekuliert. Genausogut kann übrigens mit der Blume die blaue Blume gemeint sein, womit wir uns mitten in der literarischen Romantik befinden. Die blaue Blume steht für die Liebe, fürs Sehnen und für die Unendlichkeit. Mit dem Bild von Unendlichkeit und Weite korrespondiert die Straße. In diesem Sinne kann man das Gedicht an der Wand als ein Schutzgedicht lesen, das jene Frauen behütet und beschützt, die jene Wege auf den Straßen in der Nähe der Hochschule und sonstwo gehen. Und was kann es Schöneres für eine Frau geben als auf einer solchen Straße bewundert zu werden. Besser allemal als eine Vergewaltigung.

    Ironische Volte zudem: In der Diktion des Asta müßte man nun in der Interpretation des Gedichts, wie sie der Autor dieses Textes vornimmt, das massive Mansplaining kritisieren. Ein Mann schreibt vor, wie Frauen angeblickt werden.

    Daß übrigens die Befürchtung einer Zensur von Texten nicht gar so abwegig ist, zeigt das diesjährige Theatertreffen, wo von Thomas Oberender aus Claudia Bauers Inszenierung von „89/90“ das Wort „Neger“ wegretouchiert und damit ein Kunstwerk entstellt wurde.

    http://www.deutschlandfunkkultur.de/kunstfreiheit-oder-rassismus-das-n-wort-polarisiert-das.2159.de.html?dram:article_id=387809

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  7. Anna Chiarloni, Turin 10. Oktober 2017 um 16:06

    Das Gedicht hat mit Goethes „Heidenröslein“ nichts zu tun. Ich teile voellig di Meinung von Martin Jankowski!

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