Wenn ich jetzt nicht alles aufschreibe, werde ich es wohl nie mehr tun. Wenn die Wohnung leer ist … kann ich alles nur noch mir selbst erzählen. Allein der Gedanke daran macht mir Angst. Vor meinem toten Sohn fürchte ich mich, ich gebe es zu, aber vor mir selbst habe ich regelrecht Angst. Vor dem, was ich zu sagen habe. Was ich mir zu sagen habe. Dabei ist es schnell erzählt.

Das Ende der Nacht steht bevor. Eine Mutter hält ihren erwachsenen Sohn im Arm und erzählt ihm, was sie nie erzählen konnte. Jetzt endlich kann sie es. Ihr Sohn ist tot, in der Nacht einem Krebsleiden erlegen. In ihrem Monolog – von einem Dialog kann mit einem Leichnam kaum die Rede sein – erzählt sie ihm von ihren ersten Ehejahren, von seinem Vater, der im Krieg den rechten Arm verloren hatte, vom Geschäft, das die beiden nach dem Krieg im Grenzland von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen aufbauten und von der Arbeit, von den Abenden und Wochenenden, die sie über der Buchhaltung verbrachte. Die Frau möchte ihrem toten Sohn alles erzählen, bevor der Tag anbricht und sie den Arzt anrufen wird.

Der Leser ahnt ein Geheimnis, das überdeckt wurde mit dem Schein der normalen Familie, mit ehrlicher Arbeit und aufkommendem Wohlstand. Die Mutter spricht über die Vertreibung, ihre Flucht aus Polen nach Kriegsende. Aber da ist noch mehr – etwas, das nicht nur das Verhältnis der Eheleute zueinander, sondern auch die Beziehung zu ihrem Sohn beschädigt hat. Die Mutter erzählt von den russischen Soldaten, von der Demütigung, der Scham – und einem Zweifel, der während Jahrzehnten an ihr genagt hat.

Jede Mutter liebt ihr Kind. Auch ich habe meines geliebt und ihm womöglich doch Unrecht getan, weil ich mir nie ganz sicher war, wer es letztendlich gezeugt hatte.

Nicht einmal neunzig Seiten benötigt Hans-Ulrich Treichel, um diese tragische Geschichte zu erzählen. Die erzählte Zeit ist gleich der Erzählzeit, lesend wohnt man diesen letzten Stunden einer Mutter mit ihrem Kind bei. In stark verdichteter Form erfährt man viel über ihr Leben und ihre Beziehung zu ihrem Sohn. Sie hätte ihn gerne als Pianisten gesehen, als Familienvater und Kirchgänger und konnte seine Interessen und seinen Beruf nie richtig verstehen.

Aber aus dir ist ja trotzdem etwas geworden. Beruflich gesehen. Akademischer Rat. Was auch immer das genau ist.

Dazu braucht es keine komplizierten Erzähltechniken, wenige Worte reichen, in knapper, einfacher Sprache. Das Buch evoziert eine Ära des Schweigens: Wir erleben mit, wie sich die Menschen im Nachkriegsdeutschland mit Arbeit und dem sich allmählich einstellenden wirtschaftlichen Erfolg von der Aufarbeitung ihrer Traumata ablenken. In genauen Bildern zeigt Treichel die Werte, die damals wichtig waren: Das Klavier im Wohnzimmer der Familie, das nie wirklich gespielt, aber regelmäßig gestimmt und noch regelmäßiger geputzt wurde, verkörpert den aufkommenden Wohlstand, den man gerne herzeigte.

Treichels Erzählung, konzentriert in Raum und Zeit, steht für die Geschichte einer ganzen Generation. Die massenhaften Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren lange Zeit ein Tabuthema in Deutschland. Rund zwei Millionen Opfer soll es Schätzungen zufolge gegeben haben. Selbst im engsten Familienkreis wurde nicht darüber gesprochen. Zum Schmerz und der Scham kamen Ängste, oft auch Schuldgefühle. Nicht nur die Täter und Mitläufer schwiegen nach dem Krieg, sondern auch die Opfer, die mit ihrem Leid allein gelassen wurden.

Bildnachweis:
Buchcover: Suhrkamp Verlag
Beitragsbild: Alvar Cawén: Pieta [gemeinfrei], via Wikimedia Commons
Angaben zum Buch
Hans Ulrich-Treichel
Tagesanbruch
Erzählung
Suhrkamp Verlag 2016 • 86 Seiten • 17,95 Euro
ISBN: 978-3-518-42525-1
Bei Amazon oder buecher.de
Treichel_Tagesanbruch

Von Sandro Abbate

Arbeitet als freier Autor und Texter. Er betreibt unter anderem den Literaturblog novelero.de. Veröffentlichungen u.a. in Freitag, junge Welt, Fixpoetry.

2 Kommentare

  1. […] Dieser Beitrag erschien vorab auf tell – Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft. […]

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  2. Schade, das im kollektiven Bewusstsein allein die Taten der Roten Armee was Vergewaltigungen angeht in der Rezension zu lesen ist. Das Bild der „Kaugummi den Kindern gebenden Amerikanern“ stimmt nicht. Auch die Allierten West haben Teil an dieser Form der Gewalt. Die Historikerin Miriam Gebhardt hat dazu geforscht und veröffentlich. Letztendlich ist erst durch die das Buch „Anonyma“ und später durch die Massenvergewaltigungen innerhalb der Jugoslawienkriege das kollektive Bewusstsein geöffnet worden. Von daher habe ich große Anererkennung für den Autor sich diesem Thema zu widmen, Sprache so gezielt zu setzen und Menschen Mut zuzusprechen, sich diesem Teil ihrer Geschichte zuzuwenden, bevor geschwächte oder auch demente Körper nicht mehr mit der Verdrängung umgehen können.

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