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	<title>Agnese Franceschini &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Agnese Franceschini &#8211; tell</title>
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		<title>tell me what happened</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Apr 2026 08:13:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Reden über das, was passiert – auch dafür steht der Name tell. Auf die entsprechenden Ideen kommt die Redaktion gern bei einem Glas Wein.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>10 Jahre tell</strong></p>



<p>Weitere Texte:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Frank Heibert: <a href="https://tell-review.de/analyse-und-wagemut/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Analyse und Wagemut.</a> 31. März 2026</li>



<li>Herwig Finkeldey: <a href="https://tell-review.de/die-bloggerspontaneitaet-bewahren/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Bloggerspontaneität bewahren</a>. 24. März 2026</li>



<li>Anselm Bühling: <a href="http://10%20jahre%20tell%20%20%20weitere%20texte:%20%20sieglinde%20geisel:%20stilkritik%20und%20zeitgenossenschaft.%2016.xn--%20mrz%202026%20%20herwig%20finkeldey-ydd:%20Die%20Bloggerspontaneit%C3%A4t%20bewahren.%2024.%20M%C3%A4rz%202026/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Schwimmen lernen</a>. 18. März 2026</li>



<li>Sieglinde Geisel: <a href="https://tell-review.de/stilkritik-und-zeitgenossenschaft/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stilkritik und Zeitgenossenschaft</a>. 16. März 2026</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap">Es war von Anfang an klar, dass tell mehr als Rezensionen liefern sollte. <em>tell me</em> – erzähl mir, erklär mir! <em>tell me what happened</em> – damit sind wir bei der Zeitgenossenschaft: bei Themen wie <a href="https://tell-review.de/safety-first/">Corona</a> und dem Angriffskrieg gegen die <a href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/">Ukraine</a>, beim Nachdenken darüber, was es heute heißt, <a href="https://tell-review.de/gustav-stresemann-der-aufgeklaerte-konservative/">konservativ</a> zu sein, bei der Frage, was <a href="https://tell-review.de/soap-opera-der-ddr-literatur/">Christa Wolf</a> uns heute bedeutet.</p>



<p>Zu den Redaktionssitzungen gehört immer auch ein gemeinsames Essen und guter Wein. Sie begleiten unsere Gespräche, Ideen und Reflektionen, die Sieglinde dann notiert – ein Glas Wein in der einen, den Kugelschreiber in der anderen Hand.</p>



<p>Eigentlich sind diese „Redaktionssitzungen“ selbst ein Event, ein kulturelles Ereignis. Wir erzählen Anekdoten über Schriftsteller, tauschen Erfahrungen aus und kommen gemeinsam auf Ideen, die mehr sind als die Summe unserer Gesprächsbeiträge.</p>



<p>Als Radiomensch würde ich sie am liebsten aufnehmen und senden, weil tell ein Ereignis ist.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://www.gezett.de">Gezett</a></h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die brotloseste aller Künste</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Jun 2024 08:43:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[In seiner Erzählung „Ein Hungerkünstler“ hat Franz Kafka eine Parabel geschaffen für das schwierige Verhältnis von Künstler und Publikum. Er meinte damit auch sich selbst. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Die erste Begegnung mit Kafkas Werk liegt meistens in der Schulzeit. Zu Kafkas 100. Todestag wenden wir uns seinem Werk zu, indem wir es wiederlesen – und uns aufs Neue überraschen lassen.</p>



<p>Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://tell-review.de/das-erste-mal/">Das erste Mal</a>, 3. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/toxische-buergerlichkeit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Toxische Bürgerlichkeit</a>, 5. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/das-schwarze-loch-der-hoffnung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das schwarze Loch der Hoffnung</a>, 7. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/erloesung-durch-gewalt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Erlösung durch Gewalt</a>, 18. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/geisterstunde/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geisterstunde</a>, 20. Juni 2024</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Versuche jemand die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.</p>
</blockquote>



<p>„Ein Hungerkünstler“ wurde 1922 geschrieben und in der Zeitung <em>Die neue Rundschau</em> publiziert. Die Erzählung liefert auch den Titel der letzten Sammlung, die mit der Genehmigung Kafkas im August 1924, wenige Monate nach seinem Tod, veröffentlicht wurde.</p>



<p>Der Protagonist der Geschichte ist ein „Hungerkünstler“, der extremes Fasten als Kunstform zum Ausdruck bringt. Während seiner Tournee mit dem Zirkus zahlen Tausende von Menschen, um ihn fasten zu sehen. Aber trotz seines Erfolges ist der Künstler unzufrieden, er fühlt sich missverstanden.</p>



<p>Seine Kunst wird ständig in Frage gestellt, denn obwohl er Tag und Nacht überwacht wird, glaubt ihm niemand, dass er wirklich fastet. Für ihn ist Fasten eine innere Notwendigkeit, „er allein nämlich wusste, [&#8230;] wie leicht das Hungern war“. Jedes Mal, wenn er vom Zirkusdirektor nach vierzig Tagen gezwungen wird, sein Fasten zu unterbrechen, fühlt er sich der Möglichkeit beraubt, sein wahres Potenzial zum Ausdruck zu bringen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen.</p>
</blockquote>



<p>Paradoxerweise bringt der Hungerkünstler seine Kunst erst dann voll zum Ausdruck, als das Publikum das Interesse an ihm verliert und er in seinem Käfig vergessen wird. Er fastet bis zum Schluss, und als sich endlich jemand daran erinnert, dass unter dem Stroh im Käfig der Fastende sein sollte, ist der Hungerkünstler am Ende seiner Kräfte und offenbart, dass er für seine Fähigkeit zu fasten gar nicht bewundert werden will:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Weil ich hungern muss, ich kann nicht anders […] weil ich nicht die Speise finden könnte, die mir schmeckt.</p>
</blockquote>



<p>In den letzten Worten des Künstlers vermischen sich Drama und Komödie. Zugleich ist die Erzählung eine Parabel über die Kunst und den Künstler, über die Unmöglichkeit, zwischen dem Künstler und seinem Publikum zu vermitteln.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
[&#8230;] nur er also [konnte] gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein.</p>
</blockquote>



<p>Der Künstler ist allein, er ist der Einzige, der seine Kunst verstehen und beurteilen kann. Aus diesem Grund verschwindet der Künstler am Ende, noch bevor er stirbt, und mit ihm muss auch seine Kunst verschwinden.</p>



<p>Im November 1922 verfasste Kafka sein Testament für seinen Freund Max Brod. Nur einige wenige seiner Schriften sollten erhalten bleiben.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler [&#8230;]
</blockquote>



<p>Der Rest sei „ausnahmslos zu verbrennen“ und zwar „möglichst bald“. Wie bekannt, hat sich Brod an diese Verfügungen nicht gehalten.</p>



<p>Dass „Ein Hungerkünstler“ zu den Werken gehört, die Kafka als gültig erachtete, ist ein Hinweis auf die Bedeutung dieser Erzählung. Kafka liefert darin eine tragisch-komisch Erklärung, warum Künstler und Kunst verschwinden sollen – eben das, was er sich für sein eigenes Werk wünschte.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Montage: Anselm Bühling)



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a id="_msocom_1"></a></p>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Wozu schreiben?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Jul 2023 08:58:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
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					<description><![CDATA[Christa-Wolf-Schwerpunkt: Wir lesen Texte aus "Sämtliche Essays und Reden". Schreiben als Utopie oder als Heilmittel? Der Vergleich zweier Essays von 1965 und 2006 zeigt den Wandel von Christa Wolfs Selbstverständnis als politische Schriftstellerin.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Schwerpunkt Christa Wolf</strong></p>



<p>Im Jahr 2021 erschien im Suhrkamp Verlag die dreibändige Sammlung <em>Sämtliche Essays und Reden</em> von Christa Wolf. Wir fragten uns bei tell, was Christa Wolf für uns heute bedeutet, und wir stellten fest, dass wir ganz unterschiedliche Beziehungen zu ihrem Werk haben. <br>Um dem nachzugehen, haben wir in der Essay-Sammlung geblättert und Texte herausgesucht, die zu uns sprechen.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>(Auftakt) <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/soap-opera-der-ddr-literatur/" target="_blank"><strong>Eine Soap Opera der DDR-Literatur</strong></a>. Herwig Finkeldeys Rezension von Clemens Meyers &#8222;Über Christa Wolf&#8220;</li>



<li>1) <strong>Wozu schreiben? Literatur als Utopie oder Heilmittel.</strong> Agnese Franceschini vergleicht zwei Essays von 1965 und 2006</li>



<li>2) <strong><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-sprache-der-fragilen/" target="_blank">Die Sprache der Fragilen</a>. </strong>Hartmut Finkeldey über <em>Was bleibt</em> (1990) und die Rede auf dem 11. Plenum (1965)</li>



<li>3) <strong><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/" target="_blank">Von der Naivität und ihrem Verlust</a></strong>. Sieglinde Geisel über den Essay &#8222;Über Sinn und Unsinn von Naivität&#8220;</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap">Christa Wolf dachte als Schriftstellerin immer auch über den Sinn des Schreibens nach. Die Sammlung <em>Sämtliche Essays und Reden</em> umfasst den Zeitraum von 1961 bis 2010, also fast ein halbes Jahrhundert. Das ermöglicht es, dieses Nachdenken und die Entwicklung von Christa Wolf als Schriftstellerin zu verfolgen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schreiben im Sozialismus</h3>



<p>Unter diesem Gesichtspunkt ist der Essay „Einiges über meine Arbeit als Schriftsteller“ von 1965 von Bedeutung. Christa Wolf ist 36 Jahre alt, sie hat bereits <em>Moskauer Novelle</em> und <em>Der geteilte Himmel</em> veröffentlicht, und sie hat sich entschieden, Schriftstellerin zu werden. In ihrem Essay, der damals in der Sammlung <em>Junge Schriftsteller der Deutschen Demokratischen Republik in der Selbstdarstellung</em> erschien, rahmt sie ihre Arbeit als Schriftstellerin ein in die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft der DDR.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Unser Weg ins Leben, unsere Suche nach dem uns gemäßen Platz in diesem Leben fiel – eine einmalige Lage! – mit dem Aufstieg der neuen Gesellschaft zusammen, mit ihrer Suche nach Existenzformen, mit ihrem Wachstum, ihren Irrtümern, ihrer Konsolidierung. Seit wir gelernt haben, uns frei und sicher in dieser Gesellschaft zu bewegen, eins mit ihr und zugleich kritisch, wie man sich nur der eigenen Arbeit gegenüber verhalten kann – seitdem sind die Bücher der heute Dreißig-, Fünfunddreißigjährigen lebendiger, wahrhaftiger, wirklichkeitsvoller geworden (auch die Bücher über das Ende des Krieges).</p>
</blockquote>



<p>Es ist das Manifest einer Schriftstellerin, die an die neue sozialistische Gesellschaft glaubt. Sie ist zugleich deren Produkt und aktiver Mitspieler. Die neue sozialistische Gesellschaft habe ihr geholfen, sich vom Virus des Nationalsozialismus zu befreien:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nicht vergessen kann ich, wie man uns, die wir bei Kriegsbeginn zehn Jahre alt waren, falsche Trauer, falsche Liebe falschen Hass einimpfen wollte; wie das fast gelang; welche Anstrengung wir brauchten, uns aus dieser Verstrickung wieder herauszureißen; wieviel Hilfe wir nötig hatten, von wie vielen Menschen, wieviel Nachdenken, wieviel ernste Arbeit, wieviel heiße Debatten. Wie wir uns auch auf die alten Kinderträume wieder besinnen mussten.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Sich schreibend verdoppeln</h3>



<p>Neben dem politischen Bekenntnis zu der neuen Gesellschaftsform, die in der DDR mühsam entsteht, verfolgt Christa Wolf mit der Tätigkeit des Schriftstellers einen weiteren, persönlicheren Zweck: Durch die Beobachtung ihrer Tochter erkennt sie das vielleicht ursprünglichste, universellste, zeitloseste Bedürfnis nach Literatur.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
[Das kindliche Verlangen,] sich zu verdoppeln, sich ausgedrückt zu sehen, mehrere Leben in dieses eine schachteln, auf mehreren Plätzen der Welt gleichzeitig sein zu können – das ist, glaube ich, einer der mächtigsten und am wenigsten beachteten Antriebe zum Schreiben&#8230;</p>
</blockquote>



<p>Zwanzig Jahre nach Kriegsende kann sie beginnen, ihren Blick zu erweitern, ohne die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen des Menschen als Proletarier und Arbeiter zu vergessen. In dieser Balance zwischen dem politischen Engagement und ihrer Sehnsucht, sich verwandeln, vervielfältigen zu können, denkt Christa Wolf über ihr Schreiben und ihre Aufgabe als Schriftstellerin nach. </p>



<p>Die DDR scheint ihr dafür ein idealer Ort zu sein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Das große Thema unserer Zeit ist: Wie aus der alten eine neue Welt aufsteigt. Das kann kaum irgendwo deutlicher, erstaunlicher, schärfer und konfliktreicher vor sich gehen als in unserem Land. Als Schriftsteller muß man es „nur“ sehen.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Literatur als Heilmittel</h3>



<p>So Christa Wolfs Standortbestimmung im Jahr 1965. Vierzig Jahre später ist von der Aufbruchstimmung nichts mehr übrig. Im Vorwort zu der 2006 erschienenen Sammlung <em>Der Worte Adernetz</em> denkt Wolf noch einmal über die Rolle der Literatur nach. Sie berichtet von einem gemeinsamen Abend mit jungen Umweltaktivisten und Freunden verschiedener Altersgruppen und Berufe. Das Ergebnis ist eine kollektive Reflexion über die Bedeutung von Literatur in einer Zeit, in der der Hass zurückkehrt auf alles, was fremd ist und deswegen als Bedrohung empfunden wird.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Als Gegenmittel gegen irrationalen Wahn, die ich am eigenen Leib erprobt habe, fallen mir ein: Namen von Schriftstellern, Titel von Büchern, Schicksale von literarischen Gestalten.</p>
</blockquote>



<p>Literatur als Heilmittel also. Aber ohne die Aussicht auf eine neue Gesellschaft scheint Christa Wolf, dass sie als Schriftstellerin mit politischem Bewusstsein keine Heimat mehr hat:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich merke, wie das Gefühl mich wieder überkommt, einer überholten, aussterbenden Art anzugehören, deren Erfahrungen nicht mehr gebraucht werden. Aus drei Gesellschaftsordnungen könnte ich Erinnerungen beisteuern, Erinnerungen an normales Leben, an Abwege, Irrtümer, Konflikte, Glücksmomente und Verzweiflungen, an Zusammenbrüche, Einsichten, Lernprozesse, an beharrliche Hoffnungen, an anstrengende und lustvolle Bemühungen um Veränderung.</p>
</blockquote>



<p>Im Jahr 2006 ist Christa Wolfs Perspektive als Schriftstellerin eine andere als 1965. Die Utopie einer neuen Gesellschaft ist verschwunden, hinweggeschwemmt von den Widersprüchen eines Sozialismus, der sich selbst enteignet hatte. Aber auch das kindliche Bedürfnis, unterschiedliche Existenzen und unterschiedliche Realitäten zu leben, sich in der Welt der Literatur zu verdoppeln, als wäre es die fantastische Welt der Träume eines Kindes – selbst diese Utopie scheint verloren gegangen zu sein. </p>



<p>Die Zukunft wird nicht besser sein, aber am Ende eines Abends mit Freunden findet die Autorin Trost.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Kugeln weichen nicht, nicht vor Glasfenstern, nicht vor Menschen, wir erleben es jeden Tag. Aber ein Abend wie dieser erneuert, woran ich festhalten will: den Glauben an Irdisches.</p>
</blockquote>



<p>Der Glaube an Irdisches, das ist der Glaube an das Immanente, der Glaube an Menschen, die immer noch versuchen, die Welt zu verbessern und die dazu auch die Literatur brauchen. </p>



<p>Gibt es ein besseres Omen und eine bessere Aufgabe für die Literatur?</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Helga Paris, Christa Wolf 1974 </h6>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Christa Wolf<br><strong>Sämtliche Essays und Reden</strong><br>&#8211; <em>Band 1: Lesen und Schreiben (1961-1980)<br>&#8211; Band 2: Wider den Schlaf der Vernunft (1981-1990) <br>&#8211;</em> <em>Band 3: Nachdenken über den blinden Fleck (1991-2010)</em><br>Herausgegeben von Sonja Hilzinger<br>Suhrkamp Taschenbuch 2021 · 1 800 Seiten · 36 Euro<br>ISBN: 978-3518471609<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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		<title>Wird Schönheit die Welt retten?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Mar 2022 07:58:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Es gehört zu den Mechanismen des Kriegs, dass er unser Denken besetzt. Doch wenn wir nur noch über den Krieg schreiben, sind auch wir seine Opfer. Eine Erzählung von Siegfried Lenz liefert ein Beispiel dafür, wie man sich durch Kunst dem Krieg entziehen kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p>In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>21. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank">Wir sind keine Zuschauer</a> (Anselm Bühling)</li>



<li>22. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>24. März 2022: <a href="https://tell-review.de/krieg-oder-kein-krieg/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Krieg oder kein Krieg?</a> (Hartmut Finkeldey)</li>



<li>26. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbemerkung</h4>



<p>Mein Beitrag geht auf eine tell-interne Diskussion zurück. Wir hatten überlegt, in welcher Weise wir die im letzten Jahr erschienenen drei Bände <em>Sämtliche Essays und Reden</em> von Christa Wolf auf tell rezensieren können.</p>



<p>Doch dann kam der Krieg, und Herwig Finkeldey schrieb auf Slack: „Also liebe Freunde, ich gebe es klar zu: In meinem Kopf hat Christa Wolf aktuell wenig Platz; zumindest müssten wir alles neu ausrichten. Über <em>Kassandra </em>(Krieg!) und <em>Störfall </em>(Tschernobyl) schreiben.“</p>



<p>Diese Aufforderung hat mich zum Nachdenken gebracht. Nur noch über den Krieg und die Ukraine schreiben? Das würde heißen, dass wir Literatur nur in ihrem Beitrag zur aktuellen Situation betrachten. Dieser Text ist meine Stellungnahme.&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<p class="has-drop-cap">Über den Krieg zu schreiben, finde ich nicht so einfach. Nur an den Krieg zu denken und nur über den Krieg zu reflektieren, ist auch keine Lösung. Es ist im Gegenteil ein Teil des Problems. Möchten wir wirklich den Krieg bekämpfen, indem wir nur noch über den Krieg schreiben?</p>



<p>Wir sollten in der Lage sein, über diesen Krieg nachzudenken und über ihn zu schreiben, ohne uns den Kriegsmechanismen zu unterwerfen. Mit Kriegsmechanismen meine ich nicht nur Kriegspropaganda, sondern auch den subtileren und schwieriger zu erkennenden Mechanismus, der uns dazu bringt, uns ausschließlich mit dem Thema Krieg zu befassen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Frieden um jeden Preis?</h2>



<p>Es gehört zu den Mechanismen des Krieges, nichts anderem Raum zu geben. Gerade deswegen ist der Rückgriff auf Literatur und ganz allgemein auf Kultur unverzichtbar.</p>



<p>Sind wir für einen Frieden um jeden Preis? Was bedeutet das? Sich dem Angreifer zu ergeben, ohne zu kämpfen? Ist der ukrainische Präsident mitverantwortlich für die Ermordung von Zivilisten, weil er beschlossen hat, sein Land bis zum Ende zu verteidigen? </p>



<p>Und welche Bedeutung hat die ukrainische Fahne bei den Demonstrationen? Auf der einen Seite ist eine Flagge das Symbol einer Nation mit all ihren Widersprüchen. Wenn wir die ukrainische Flagge jedoch auf der anderen Seite in ein Symbol des Friedens verwandeln, laufen wir Gefahr, von diesem Symbol instrumentalisiert zu werden.</p>



<p>Natürlich müssen Putins Lügen eingedämmt werden, aber wenn wir dies tun, indem wir Russia Today und andere Medien verbieten, stellen wir dann nicht einen für die westliche Gesellschaft grundlegenden Wert in Frage, nämlich die Pressefreiheit?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Krieg in unserer Nähe</h2>



<p>Wir brauchen andere Gedanken, um den Krieg – nicht nur diesen Krieg &#8211; und seine Ursachen zu bekämpfen. Wir sind still geblieben auf tell, als Aleppo zerstört wurde. Wir haben nichts gesagt, als die Frauen in Afghanistan zurück in ihre Häuser getrieben wurden. Erst, als der Krieg in unsere Nähe kam, wurde er zum Skandal. Was empfinden wir als empörend: den Krieg, oder nur die Tatsache, dass der Krieg jetzt ganz nah ist? Wir sind still geblieben, als die Bomben von Saudi-Arabien mit der Hilfe der USA die wunderschöne antike Stadt Sanaa halb zerstört haben. Ist der Jemen zu weit weg für unser Mitgefühl?</p>



<p>Ich stelle mir diese Fragen, und auch deshalb fällt es mir schwer, über diesen Krieg zu schreiben.</p>



<p>Wenn wir nur über den Krieg reden, sind auch wir seine Opfer: Wenn wir nur noch über den Krieg reden, hat der Krieg gewonnen, dann hat er uns seinen Code und sein Referenzsystem aufgezwungen, und wir verlieren die Vielfalt des menschlichen Gefühls, des Lebens. Ich glaube, dass die Kultur uns Werkzeuge an die Hand geben kann, um uns dem Krieg zu widersetzen. Sie gibt uns die Möglichkeit, eine andere Sprache zu sprechen, uns nicht auf den Täter-Opfer-Dualismus zu reduzieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Krieg und das Lesen</h2>



<p>Ein Beispiel dafür, wie man sich den Kriegsmechanismen verweigern kann und dafür, wie die Schönheit die Welt retten kann (um Dostojewski zu zitieren), findet sich in Siegfried Lenz’ Erzählung “Der Leseteufel” im Band <em>So zärtlich war Suleyken</em>.</p>



<p>Der Ich-Erzähler berichtet von der späten Leidenschaft seines Großvaters Hamilkar Schaß für das Lesen. Die Leseleidenschaft lässt den Großvater nicht nur alles vergessen, was um ihn herum passiert, sondern auch – und vor allem – den Angreifer General Wawrila, „der unter Sengen, Plündern und ähnlichen Dreibastigkeiten aus den Rokitno-Sümpfen aufbrach und nach Masuren, genauer nach Suleyken, seine Hand ausstreckte“. Mit seiner Weigerung, sich beim Lesen unterbrechen zu lassen, gelingt es dem Großvater, den Gegner zu entwaffnen.</p>



<p>Auf General Wawrilas Drohungen hin bittet Schaß nur darum, das Buch zu Ende lesen zu dürfen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wawrila wurde wütend und zog meinem Großvater eine über, und dann fühlte er sich bemüßigt, so zu sprechen: »Ich werde dich jetzt, du alte Eidechse, halbieren. Aber ganz langsam.« <br>»Eine Seite nur noch«, sagte Hamilkar Schaß. »Es sind, bei Gottchen, nicht mehr als fünfunddreißig Zeilen. Dann ist das Kapitelchen zu Ende.«<br>Wawrila, bestürzt, beinahe nüchtern geworden, lieh sich von einem hinkenden Menschen aus seiner Begleitung eine Flinte, drückte den Lauf auf den Hals des Hamilkar Schaß und sagte: »Ich werde dich, du stinkende Dotterblume, mit gehacktem Blei wegpusten. Schau her, die Flinte ist gespannt.« <br>»Gleich«, sagte Hamilkar Schaß. »Nur noch zehn Zeilen, dann wird alles geregelt werden, wie es sein soll.«<br>Da packte, wie jeder Kundige verstehen wird, Wawrila und seine Bagage ein solch unheimliches Entsetzen, daß sie, ihre Flinten zurücklassend, dahin flohen, woher sie gekommen waren – dahin: damit sind gemeint die besonders trostlosen Sümpfe Rokitnos.<br>Adolf Abromeit, der die Flucht staunend beobachtet hatte, schlich sich zurück, trat, mit seiner Flinte in der Hand, neben den Lesenden und wartete stumm. Und nachdem auch die letzte Zeile gelesen war, hob Hamilkar Schaß den Kopf, lächelte selig und sagte: »Du hast, Adolf Abromeit, scheint mir, etwas gesagt?«</p>
</blockquote>



<p>Auf paradoxe und ironische Weise stehen sich in dieser Geschichte zwei ungleiche Kräfte gegenüber: der Krieg und das Lesen. Das Lesen gewinnt, weil es die einzige Kraft ist, die über den Krieg hinausführt. Wawrila wird von dem Bewusstsein besiegt, dass man die Welt, die Menschheit, den Reichtum des Geistes niemals im Käfig des Krieges einsperren kann.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



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		<title>In Prousts Segelschiff</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Jul 2021 07:32:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Lektüre aller sieben Bände der „Recherche“ ist eine Zeitreise - und eine Erfahrung von literarischer Perfektion. Genau deshalb will unsere Autorin keine weiteren Texte von Proust lesen.
Dies ist der letzte Beitrag unserer Reihe zu Marcel Prousts 150. Geburtstag.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Aus Anlass von Marcel Prousts 150. Geburtstag berichten wir eine Woche lang von unseren geglückten und gescheiterten Versuchen der Lektüre von&nbsp;<em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em>.<br>Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/page-99-test-marcel-proust/" target="_blank">Page-99-Test Marcel Proust</a> von Sieglinde Geisel</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/in-den-veraestelungen-des-menschlichen-gemuets/" target="_blank">In den Verästelungen des menschlichen Gemüts</a> von Frank Heibert</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/proust-oder-joyce/" target="_blank">Proust oder Joyce?</a> von Herwig Finkeldey</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/doppeltes-scheitern/" target="_blank">Doppeltes Scheitern</a> von Sieglinde Geisel</li><li><a href="https://tell-review.de/schattenlektuere/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Schattenlektüre</a> von Anselm Bühling</li></ul>





<p class="has-drop-cap">Als ich <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em> las, hatte ich das Geld nicht, um alle sieben Bände zu kaufen, ich lieh sie mir von einer Freundin, einen nach dem anderen. Nachdem ich einen Band zurückgegeben hatte, bekam ich den nächsten. Ich musste die <em>Recherche</em> schnell lesen, damals waren diese Bände ein wertvolles Gut.</p>



<p><em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em> ist ein Schiff, ein Segelschiff, aus dem man nicht aussteigen kann, ohne zu riskieren, in das Vakuum einer Existenz zu stürzen, die nur aus dem Heutigen besteht, dem Hier und Jetzt, ohne diese schwachen, unsichtbaren, schwer fassbaren und doch starken Verbindungen zu unserer Vergangenheit. Denn das Proust-Segelschiff fliegt nicht über Meere, sondern durch Zeiten, es trägt Erinnerungen an unsere Essenz, es macht diese Erinnerungen zu unserer Essenz.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Menschliche Unzulänglichkeiten</h3>



<p>Eine Madeleine, ein unebenes Pflaster, ein Geschmack oder ein Stolpern eröffnen und beschließen die doppelte Zeitreise, denn es ist nicht nur eine Reise durch die Zeit, sondern auch eine Reise der Zeit selbst. Der Leser wird an der Hand mitgezogen und kann nicht anhalten, auch wenn die Zeit stehenzubleiben scheint. Die Beschreibung einer Landschaft oder eines Abends dauert viele Seiten, die ineinander verflochtenen Wörter verbinden kaum wahrnehmbare Ereignisse: ein Blick, eine Anspielung, endlose Schichten von Gefühlen. Proust blättert sie nacheinander durch. Mehr als alle anderen Schriftsteller, die sich mit dem Universum menschlicher Gefühle beschäftigt haben, vermag er es, den Schmerz, die Illusion zu beschreiben, die Enttäuschung des Scheiterns und die Eitelkeit des Lebens.</p>



<p>Das Wohnzimmer bildet die Kulisse für menschliche Unzulänglichkeiten, die sich in Worten verkörpern. Der Protagonist, dessen Namen in der gesamten Recherche nur zwei Mal genannt wird, spiegelt sich in den Figuren, die ihn bei der Entdeckung menschlicher Abgründe begleiten, und der Leser lässt sich in eine Erzählung hineinziehen, die nirgendwohin führt, es ist wie eine Strömung, die ihren Sinn ganz in sich selbst findet. Man kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber Swanns Schmerz, der Demütigung von Baron Charlus und der Angst des Protagonisten, der sich vielleicht nicht einmal selbst versteht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein perfektes Ende</h3>



<p>Irgendwann kehren alle Stücke an ihren Platz zurück, der Kreis schließt sich. Aus der Suche nach der verlorenen Zeit wird im siebten Band die wiedergefundene Zeit, und alles kann wieder beginnen. Zeit geht nicht verloren und findet sich nicht, Zeit ist unsere Essenz, die sich ständig wiederholt. Wir ändern uns jeden Moment, heißt es bei Proust, wir sterben jeden Tag, und doch sind wir immer die Gleichen, es sind immer wir. Ein Wunder, das sich in der Zeit abspielt.</p>



<p>So bin ich in Prousts Segelschiff gereist, bis ans Ende des siebten Bands. Es war eine Reise ohne Unterbrechungen. Immer noch voller Staunen über das perfekte Ende dieses Zyklus‘ beschloss ich, nichts anderes mehr von Proust zu lesen, und dabei ist es geblieben. Die Perfektion kann sich nicht selbst übertreffen, und der Proust der <em>Recherche</em> ist für mich der perfekte Schriftsteller.</p>





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		<title>Page-99-Test: Friedrich Dürrenmatt zum Zweiten</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-friedrich-duerrenmatt-zum-zweiten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Feb 2021 09:31:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
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					<description><![CDATA[Deutsch lernen mit Dürrenmatt? Die Seite 99 seines Buchs "Der Auftrag" bietet einen Bewusstseinsstrom in indirekter Rede: ein literarisches Experiment – und eine perfekte Übung für den Konjunktiv I.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Das Buch <em>Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter</em> von Friedrich Dürrenmatt habe ich vor mehr als zwanzig Jahren gekauft. Ich habe es damals verwendet, um Deutsch zu lernen. Mich faszinierten sowohl der Titel als auch die Bezeichnung „Novelle in vierundzwanzig Sätzen“.</p>



<p>Also nicht eine Novelle in Kapiteln, sondern in Sätzen, wortwörtlich gemeint. Dies war eine Herausforderung für mich und meine Ambition, die deutsche Sprache zu verstehen, noch bevor ich sie beherrschen würde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lesen ohne Pause</h3>



<p>Die <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2021/02/Duerrenmatt_Auftrag_S99-scaled.jpg" target="_blank">Seite 99</a> befindet sich genau in der Mitte des 18. Satzes. Sie ist also nur ein Teil eines längeren Satzes, der sich über neun Seiten erstreckt.  </p>



<p>Wie das ganze Buch ist auch diese Seite im Konjunktiv&nbsp;I geschrieben, dem Modus der indirekten Rede:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[&#8230;] dieser Krieg sei ihr tägliches Brot, denn sein Sinn liege ja nur darin, dass er beobachtet werden könne, nur so seien die Waffen zu testen und ihre Schwächen und Fehlkonstruktionen zu erkennen und zu verbessern und was ihn betreffe – er lachte, nahm neues Milchpulver und Wasser, während sie ihr Frühstück längst beendet hatte –, nun, da müsse er wohl etwas weiter ausholen,</p></blockquote>



<p>Man weiß nicht, wer „er“ ist, aber seine Geschichte wird sofort erzählt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>jeder habe seine Geschichte, sie die ihre, er die seine, er wisse nicht wie ihre begonnen habe, wolle es auch nicht wissen,</p></blockquote>



<p>Nur Kommas trennen das eine Thema, den Krieg, vom nächsten, dem Schicksal des Vaters des Erzählers. Man liest ohne Pause: Plötzlich befinden wir uns in einer autobiografischen Geschichte –</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>die seine habe an einem Montag abend in New York in der Bronx begonnen, sein Vater habe einen kleinen Fotoladen gehabt,</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verfremdungseffekt</h3>



<p>Es ist eine Ganovengeschichte: Der Vater sei vor seinen Augen erschossen worden, erfahren wir vom Erzähler. Alles wird in der dritten Person und im Konjunktiv I erzählt. Erzähler und Protagonist scheinen übereinzustimmen, doch die Verwendung der dritten Person und der indirekten Rede erzeugen einen verfremdenden Effekt. Auf brechtianische Weise soll keine Empathie mit der Figur entstehen.</p>



<p>Der Vater des Protagonisten hatte als Fotograf offenbar ein Foto ausgestellt,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>das er nicht hätte ausstellen dürfen, das habe ihm dann ein Mitglied der Bande beigebracht, mit einem Maschinengewehr, so dass sein Vater <u>durchlöchert</u> hinter dem Ladentisch über ihn gesunken sei, der am Boden sitzend seine Schulaufgaben gemacht habe,</p></blockquote>



<p>(Das Wort „durchlöchert“ hatte ich in dem Buch damals unterstrichen, vielleicht, weil ich seine Bedeutung nicht kannte.) Diese Erzählweise wirkt wie ein Bewusstseinsstrom, aber anders als beim klassischen „stream of consciousness“ ist er nicht in Präsens und Indikativ gehalten, sondern in Perfekt und Konjunktiv I.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Distanz der indirekten Rede</h3>



<p>Vielleicht wollte Dürrenmatt diese Erzähltechnik auf die Probe stellen. Das berühmteste Beispiel eines stream of consciousness ist der Monolog der Molly im 18. Kapitel von James Joyce‘s <em>Ulysses</em>. Auch bei Joyce haben wir einen ununterbrochenen Fluss über vierzig Seiten hinweg: Nur zwei Satzzeichen gibt es in dem ganzen Monolog; er besteht aus acht endlos langen Sätzen, die buchstäblich ohne Punkt und Komma voranstreben. Aber bei Joyce spricht die Erzählstimme in der ersten Person, wir befinden uns in ihrem Bewusstsein, während in Dürrenmatts Text die dritte Person Distanz erzeugt zu der beschriebenen Geschichte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Metadiskurs</h3>



<p>Um Deutsch zu lernen, erwies sich die Novelle von Dürrenmatt als sehr hilfreich, zum einen, was den Satzbau angeht und zum anderen eben bei der Verwendung des Konjunktivs&nbsp;I. Literarisch gesehen, scheint mir, der Autor mache ein Stilexperiment: Es geht ihm darum, die syntaktischen Möglichkeiten der deutschen Sprache zu testen, sie auf die Spitze zu treiben.</p>



<p>Dabei hat Dürrenmatt auch <em>Ulysses</em> von James Joyce aufs Korn genommen.&nbsp;Es ist kein Zufall, dass der Protagonist dieser Seite&nbsp;99 Polyphem heißt. Bei Homer gehört der Zyklop Polyphem zu den Feinden von Odysseus alias Ulysses. Mehr Metadiskurs geht nicht. Die Seite&nbsp;99 ist dafür ein gutes Beispiel.&nbsp;</p>



<p>(P.S.: Was mein Deutsch betrifft, so haben sowohl Dürrenmatt als auch die beste Lehrerin, die man sich wünschen kann, nicht verhindern können, dass auch dieser Text redigiert werden musste.)</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Agnese Franceschini</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Friedrich Dürrenmatt<br><strong>Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter</strong><br>Novelle in vierundzwanzig Sätzen<br>Diogenes 1988 · 144 Seiten · 10,00 Euro<br>ISBN: 978-3-257-21662-2 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" identifier="978-3-257-21662-2" identifiertype="2" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span><br></p>



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		<title>Die dunkle Seite unserer Seele</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Dec 2020 08:43:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwischen 1926 und 1936 war Thomas Wolfe sechs Mal in Deutschland. In den Briefen, Notizen und Artikeln, die im Band "Eine Deutschlandreise" gesammelt sind, beschreibt er ein Land, in dem das Schöne und das Böse nahe beieinander liegen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Für den jungen amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe war Deutschland eine zweite Heimat, es war die Herkunft seiner Vorfahren väterlicherseits. Zwischen 1926 und 1936 besuchte er Deutschland sechs Mal – das Ergebnis war eine geradezu unerschütterliche Liebe.</p>



<div style="height:20px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h3 class="wp-block-heading">Das „kindlichste“ Volk der Welt</h3>



<p>In den Briefen und Beschreibungen, die in diesem Band versammelt sind, spart Wolfe nicht mit Lob für die Schönheit des Landes, er ist fasziniert von den Städten, von der Pracht ihrer gotischen Architektur. Bei den Deutschen fühlt sich nicht fremd, er schwärmt von ihrer Ehrlichkeit und Großzügigkeit, sie sind „das kindlichste“ Volk der Welt.</p>



<p>Doch 1935 bemerkt er etwas, was ihn beunruhigt. In einem Brief an seinen Lektor Maxwell Perkins schreibt er:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Diese Nation ist heute jenseits des Schattens eines Restzweifels voll von Uniformen und dem Stampfen marschierender Männer – ich habe es gestern mit meinen eigenen Augen auf zweihundert Meilen in hundert Städten und Dörfern im friedlichsten, hübschesten und am freundlichsten wirkenden Land gesehen, das ich je besucht habe. Tausende von Gruppen, zahllose Divisionen von Menschen, angefangen von achtjährigen Kindern bis ihn zu Männern um die fünfzig, alle jenseits jeden Zweifels erfüllt von Hoffnung, Enthusiasmus und inspiriertem Glauben an eine fatale und zerstörerische Sache – und die Sonne schien den ganzen Tag, und die Felder sind so ungeheuer grün, die Wälder so überaus bezaubernd, die kleinen Städte so ungemein sauber und die Gesichter der Menschen die freundlichsten, die mir je begegnet sind; was kann man also sagen?</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Hinweise auf das Unheil</h3>



<p>Was diesen Brief so unheimlich macht, ist der Kontrast zwischen der Schönheit des Landes und der Zerstörungskraft, die sich in diesem Marsch ankündigt. Noch hat sich das fatale Unheil nicht entwickelt, das fünf Jahre später den ganzen Kontinent in Brand setzen wird, aber Wolfe sieht die ersten Hinweise.</p>



<p>Thomas Wolfe hat diesen Brief auf der Wartburg geschrieben, ein Ort von immenser symbolischer Kraft: Zufluchtsort Luthers und Schauplatz von Wagners <em>Tannhäuser</em>, und damit ein „Erinnerungsort“ Deutschlands (im Sinn von Étienne François und Hagen Schulzes <a rel="noreferrer noopener" href="https://mojoreads.de/book/Deutsche-Erinnerungsorte-3-Baende/801432" target="_blank">dreibändigem Werk</a>). Es scheint also kein Zufall zu sein, dass Wolfe seine zwiespältigen Betrachtungen über Deutschland, das deutsche Volk und den Einfluss Hitlers, den er übrigens nie namentlich nennt, gerade an diesem Ort schreibt: „ein großartiger, legendärer Berg“ in der Nähe von Weimar, ein Ort, der „so viel vom Geist des großartigsten Deutschlands in sich trägt“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Böse und die Hoffnung</h3>



<p>Es ist für mich erstaunlich, wie Wolfe bereits zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung alle Hinweise lesen konnte für das, was danach geschah, ohne Scheu vor dem Widerspruch, den die Deutschen für ihn verkörperten.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Aber ich möchte Dir sagen, dass mir gänzlich unverständlich ist, wie jemand, der hierherkommt so wie ich, es fertigbringen könnte, dieses Land, seine edle gotische Schönheit, und seine lyrische Anmut nicht lieb zu gewinnen oder die Deutschen nicht zu mögen, die, wie ich glaube, die reinsten, freundlichsten, warmherzigsten und achtbarsten Menschen sind, die ich in Europa kennengelernt habe.</p></blockquote>



<p>Neben dieser Bewunderung für „alles, was wunderbar und schön und erregend war“, erkennt er im gleichen Atemzug den Abgrund, der sich hier auftut. Wolfe schreibt seinem Verleger (hier im Original):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Now I so much want to see you and tell you what I have seen and heard, all that has been wonderful and beautiful and exciting, and about those things that are so hard to explain because one feels they are so evil and yet cannot say so justly in so many words as a hostile press and propaganda would, because this evil is so curiously and inextricably woven into a kind of wonderful hope which flourishes and inspires millions of people who are themselves, as I have told you, certainly not evil, but one of the most childlike, kindly and susceptible people in the world.</p></blockquote>



<p>Leider wird in der deutschen Fassung die Ausdruckskraft dieses Briefs nicht ganz wiedergegeben, und die Übersetzung von „evil“ mit „grundböse“ bleibt fragwürdig. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich würde Dich jetzt sehr gern treffen und Dir erzählen, was ich gesehen und gehört habe, alles, was wunderbar und schön und erregend war, und all die Dinge, die so schwer zu erklären sind, weil man spürt, wie grundböse sie sind, und die man dennoch nicht angemessen in Worte fassen kann, wie es eine feindliche Presse und Propaganda täte, weil dieses Böse so eigentümlich und untrennbar mit einer Art wunderbarer Hoffnung verwoben ist, die Millionen Menschen aufblühen lässt und inspiriert, die ihrerseits, wie ich Dir bereits schrieb, gewiss nicht böse sind, sondern vielmehr das kindlichste, freundlichste und am leichtesten zu beeindruckende Volk der Welt.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Unfassbare Widersprüche</h3>



<p>Thomas Wolfe versucht die Eigenschaften, den Charakter des deutschen Volkes zu erfassen – und er formuliert dabei Widersprüche, die für viele bis heute unfassbar geblieben sind.</p>



<p>Er sieht voraus, dass aus dieser „wunderbaren Hoffnung“, aus dieser Schönheit und Kindlichkeit eine Katastrophe entstehen wird.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[Es] würde womöglich das größte Unglück und Leid über die Menschen bringen, die ich hier kennengelernt habe und die mir allerliebenswürdigste Gastfreundschaft erwiesen haben.</p></blockquote>



<p>Was meint Wolfe mit der „wunderbaren Hoffnung“? Welche Art von Hoffnung kann Menschen einerseits „aufblühen“ lassen und andererseits mit dem Bösen verwoben sein?</p>



<p>Es ist die Hoffnung auf eine Auferstehung in einem fast religiösen, metaphysischen Sinn. Das Volk bewegt sich freudig in Richtung Katastrophe, weil es leicht zu beeinflussen ist. Es folgt dem „Dark Messiah&#8220;, Wolfes Bezeichnung für Adolf Hitler in seinem posthum publizierten Roman <em>You Can&#8217;t Go Home Again</em>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Wir sind alle miteinander verdammt“</h3>



<p>Aber Wolfe weiß auch, dass das nicht nur die Deutschen betrifft:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich glaube mehr und mehr, dass wir alle verbunden und befleckt sind mit jedweder Schuld und allem Bösen, das in dieser Welt sein mag, und dass wir andere nicht beschuldigen und verdammen können, ohne dass dies letztendlich als Anklage unserer selbst auf uns selbst zurückfällt. Wir sind alle miteinander verdammt und werden alle vom selben Stock geteert, und für das, was hier geschah, sind wir in gewissem Maß alle verantwortlich.</p></blockquote>



<p>Er spricht in der Vergangenheitsform über etwas, was sich noch nicht ereignet hat – weiß er schon 1935, was geschehen wird?</p>



<p>Zugleich sind die Deutschen für ihn, und das scheint mir noch wichtiger, nicht anders als alle anderen Menschen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir sind alle verantwortlich.</p></blockquote>



<p>Im Widerspruch zwischen der Freundlichkeit der Menschen und dem Bösen, zu dem dieselben Menschen fähig sind, erkennt Thomas Wolfe ein Symptom von etwas, das die ganze Menschheit in sich trägt. Schon 1934 beschreibt er Deutschland in seiner Novelle <em>Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit</em> als „jenes unbekannte Land, nach dem unser Geist sich in der Jugend so leidenschaftlich sehnt, das die dunkle Seite unserer Seele ist“.</p>



<p>In Deutschland, so heißt es weiter, „haben wir, was wir haben, wissen wir, was wir wissen, sind wir, was wir sind“. Deutschland, so könnte man schließen, fasziniert Thomas Wolfe gerade deshalb, weil es alles einschließt, wozu die Menschen fähig sind.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Kurf%C3%BCrstendamm_007631A.jpg">Willy Pragher</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0">CC BY 3.0</a>, via Wikimedia Commons<br>Buchcover: Verlag</h6>





<p>Thomas Wolfe<br><strong>Eine Deutschlandreise</strong><br>Literarische Zeitbilder 1926-1936 <br>Aus dem Englischen von Renate Haen, Irmgard Wehrli und Barbara von Treskow. Herausgegeben von Oliver Lubrich<br>Manesse Verlag 2020 · 416 Seiten · 25 Euro<br>ISBN: 978-3717524243<br></p>



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<p></p>
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		<title>Was Briefe nicht sagen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Nov 2019 13:19:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
		<category><![CDATA[Nachkriegsliteratur]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Edition des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger lässt viele Fragen offen. Gerade dadurch leistet sie einem biografischen Voyeurismus Vorschub.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Ingeborg
Bachmann und Hans Magnus Enzensberger lernten sich 1955 bei einem Treffen der
Gruppe&nbsp;47 kennen. Sie war 29, er 26&nbsp;Jahre alt. Sie war schon als Dichterin
berühmt, er hatte noch viele Wege offen vor sich. Ihr Briefwechsel beginnt 1957.
Schon in seinem ersten Brief schlägt Enzensberger ein gemeinsames Buch vor:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>wir sollten einmal, das wäre erheiternd, zusammen ein buch machen, ein buch das fliegen kann. eine montgolfière. zur widerlegung des raketenzeitalters, aber nicht nur dazu. sondern auch aus daffke.</p></blockquote>



<p>Ein Buch wie eine Montgolfière, ein Heißluftballon, und zwar „aus Daffke”, berlinisch für „aus Trotz, nun gerade, nur zum Spaß“, ein Wort aus dem Jiddischen. In nur drei Zeilen erschafft Hans Magnus Enzensberger eine ganze Welt von versteckten Bedeutungen und Hinweisen. Die beiden duzen einander noch nicht, aber die Wortspiele dieser ersten Briefe zeigen Komplizenschaft und Leichtigkeit. Man sollte ein Buch zusammen „machen“, nicht schreiben. Schreiben ist etwas Ernstes, etwas Gezieltes, Machen hingegen kann vieles bedeuten. Deswegen kann das Buch fliegen wie eine Montgolfière „zur widerlegung des raketenzeitalters“, außerhalb der Zeit. Diese leichte und scherzhafte Art und Weise der Kommunikation ist charakteristisch für Enzensbergers Briefe. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Brief-Gedicht auf Italienisch</h3>



<p>Schon bei diesem ersten Brief scheint es zwischen den beiden zu knistern. 1959, nachdem sie zusammen von der Schweiz nach Rom gefahren sind und Ingeborg Bachmann ein paar Tage bei den Enzensbergers in der Nähe von Rom gewohnt hat, schreibt er ihr ein Brief-Gedicht auf Italienisch.</p>


<div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Original</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Übersetzung</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Original">
<blockquote class="wp-block-quote">
<p>chissà dove comincia dove finisce il tempo,<br />chissà perchè chissà si ! chissà no ! la felicità<br />torrefazione dei cervelli luglio isola mare blu<br />lerici vicino lerici lontano<br />chissà<br />io<br />e magari<br />tu<br />felicità imperativo<br />chissà se categorico si ! o no !<br />tu, si!<br />io, magari chissà? sisisi<br />ti ricordai ? mi chiamo m</p>
</blockquote>
</div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Übersetzung">
<blockquote class="wp-block-quote">
<p>wer weiß wo sie beginnt wo sie endet die zeit, <br />wer weiß warum wer weiß ja! wer weiß nein! das glücklichsein <br />die hirne rösten juli insel blaues meer <br />lerici nahe lerici fern<br />wer weiß <br />ich <br />und vielleicht <br />du<br />glücklichsein der imperativ <br />wer weiß ob kategorisch ja! oder nein! <br />du, ja! <br />ich, mag sein wer weiß jajaja <br />du hast dich erinnert? ich heiße m. </p>
<p><cite>Übersetzung: Hubert Lengnauer</cite></p></blockquote>
</div></div></div>



<p>Wie der
Herausgeber Hubert Lengauer im Nachwort erklärt, hat er Hans Magnus
Enzensberger zu diesem Gedicht befragt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In einem Telefonat (&#8230;) meinte Enzensberger, darauf angesprochen, es habe sich wohl um ein Dichtertreffen in Lerici gehandelt. Oder verschweigt er nur das Wesentliche? Möglich. Durchaus.“</p></blockquote>



<p>Enzensberger weicht
aus, er möchte nicht darüber sprechen. Der Herausgeber des Briefbands gibt sich
offenbar damit zufrieden. Er konstatiert: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Briefwechsel bringt manches an den Tag, anderes bleibt notwendig im Dunkeln und muss nicht mit Spekulationen durchstochert werden.</p></blockquote>



<p>So bleibt der
Leser mit seinen Spekulationen allein, und das gilt selbst dann, wenn die
Briefe unverständliche Hinweisen enthalten oder gar in einer Geheimsprache
abgefasst sind. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der gefangene Tasso</h3>



<p>Am 10. August
1959 schreibt Ingeborg Bachmann: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Am letzten Tag, dem Nachmittag in Rom, habe ich Dir gezeigt, wo Tasso wahnsinnig und eingeschlossen war, da geh hin, fra poco; es gibt zwar auch eine Eiche am Gianicolo, an die er sich gelehnt haben soll, aber die sagt mir nichts. Bouvard und Pecuchet <em>[sic!]</em>, die beiden Narren, sind mit mir gereist, ich schicke sie aber bald zurück, zur Behandlung.</p></blockquote>



<p>Torquato Tasso (1544-1595) war ein italienischer Dichter. Ab 1575 war er psychisch krank und wurde im Kloster Sant’ Onofrio am Fuß des römischen Hügels Gianicolo gefangen gehalten. „Fra poco“ bedeutet „bald“. Bouvard und Pécuchet sind die Hauptfiguren des gleichnamigen Romans von Gustave Flaubert, über den Ingeborg Bachmann wenige Monate später in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen sprechen wird. Mehr erfahren wir nicht. In seiner Antwort schreibt Enzensberger: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>meine liebe Ingeborg<br>deine briefe, deine briefe! gestern habe ich den gefangenen tasso besucht. der moment vor dem schalter ist schrecklich, das schlenkern der beamtenhand, verneinend, ohne zu bedauern, der dünner werdende stoß von korrespondenzen. </p></blockquote>



<p>Im Vorwort
erfahren wir zumindest, dass es sich bei dem „gefangenen tasso“ vermutlich um Enzensbergers
Code für »poste restante«, »postlagernd«, handelt. 1959 war Enzensberger schon
verheiratet und hatte ein Kind, die Geheimnistuerei ist also verständlich. Leider
verzichten die Herausgeber der Briefe darauf, solche Dinge zu erklären. Was die
Kleinschreibung in Enzensbergers Briefen angeht, gibt der Autor selbst einen Hinweis:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>daß man deutschtum in zukunft kleinschreiben wird, wage ich kaum zu hoffen. sie wissen doch, daß das bei mir keine weltanschauung ist (ich meine das kleinschreiben – nicht das deutschtum)? ich finde bloß, es sieht hübscher aus, kommt meiner faulheit entgegen – besonders auf der schreibmaschine –, und zwingt die leute ein bißchen langsamer und aufmerksamer zu lesen. im übrigen ist es ausgeschlossen, die kleinschreibung obligatorisch zu machen. rudolf alexander schröder und martin heidegger werden lieber ihre manuskripte aufessen als die tradition und das seyn kleinzuschreiben. </p></blockquote>



<p>Im Vor- und
Nachwort geht es etwa um das mutmaßliche politische Engagement von Ingeborg
Bachmann, den erfolglosen Versuch Enzensbergers, die internationale Zeitschrift
„Gulliver“ zu publizieren, die Auseinandersetzungen zwischen Enzensberger und
Uwe Johnson. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Über alles reden</h3>



<p>Was die Freundschaft von Bachmann und Enzensberger angeht, so versteht man glücklicherweise einige Briefe auch ohne Erklärung. Im Mai 1959 schreibt Bachmann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Lieber Mang,<br>Ich glaube, ich habe Ihnen nie gesagt, warum ich Sie gerne und nicht nur für Stunden, sondern oft, sehen möchte. Weil ich mir nämlich einbilde, dass wir über alles reden sollten, worüber man sonst wenig Lust hat, noch mit irgend jemand zu reden, und dass es einen Sinn hätte. Ich möchte mit Ihnen sogar über das Schreiben, sogar über Gedichte und wie alles veränderbar wäre, reden, und was zu tun ist und warum, ohne Plan und Voraussetzung und erstarrte Ansicht. Auch streiten möchte ich gerne mit Ihnen, damit man noch einmal etwas herausfindet und nicht, damit man recht behält, und man könnte an allen Enden anfangen und doch kein Ende finden. </p></blockquote>



<p>Das ist noch vor
Ingeborg Bachmanns Trennung von Max Frisch, danach wird das Leben für sie
schwieriger, aber sie kann wohl „über alles“ mit Mang reden. Ende Dezember 1963
wohnt sie in Berlin, im vorherigen Jahr war sie mehrmals in der Klinik, sowohl
in der Schweiz als auch in Berlin.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Einsamkeit ist so mörderisch, das Alleinsein, die Nächte, die Aengste, und rundherum sieht man alle und alle, wie sie sich zurechtfinden und abhelfen, aber ich sehe nichts und lebe zum 400.sten Mal meinen Abend vor mich hin, und es wird nichts mehr kommen und nichts mehr sein, was einen froh macht.<br>Lieber Mang, es käme mir nicht unbedingt traurig vor, aber ich lebe so gern, ich bin so gerne lustig und vergnügt, zärtlich und besorgt, und ich kann das nicht begreifen, dass niemand mehr was davon wissen will, dass man mich einfach so dahinsiechen lässt wie einen ausgedienten Gaul. </p></blockquote>



<p>Die Trennung
von Max Frisch, im Herbst 1962, hatte schwerwiegende Auswirkungen auf Ingeborg
Bachmanns Leben. Im Dezember hatte Enzensberger ihr jenen Brief geschrieben,
der dem Buch seinen Titel gibt. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>ich bitte dich, nimm keine tabletten mehr, und äußersten falles, wenn dich gar nichts mehr erheitert, greif in gottes namen zu dem papier und der maschine und zu den wörtern und schreib alles was wahr ist auf. ich warte jetzt auf deine adresse, deine nachrichten. <br>versprich, daß wir uns nicht verschonen wollen.<br>dein erz-mang </p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Schriftsteller ohne Mitteilungsbedürfnis</h3>



<p>Der Ton der
Briefe ist sowohl persönlich als auch literarisch-philosophisch. Ihr Leben in
Rom beschreibt Bachmann 1961 etwa mit einer Anspielung auf Adornos berühmten
Satz aus den <em>Minima Moralia</em>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nun, und sonst kann ich Dir noch sagen, dass es manchmal sehr schön und manchmal sehr mühsam war und dass ich froh bin, dass ich in Rom leben kann, wo man so falsch und so richtig lebt, wie man eben heute nur leben kann. </p></blockquote>



<p>Im Bachmanns
Alltagsstil steckt Kunst: Auch das Persönliche kann mit einem literarischen
Augenzwinkern erklärt werden. 1966 schreibt sie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Zwar tu ich so, als wäre es mir genug, hier herumzudoktern an meinen Belanglosigkeiten und froh zu sein, dass ich wieder gehen und stehen kann, aber diese Täuschungen macht man nicht lang mit.</p><p>Ich suche nicht nach einem Facit für eine lange Zeit, die ich ärztlich absolviere, sondern nach etwas anderem, dem Gewachsenen, das ich nicht befragen konnte. </p><p>Das heisst, ich fange mich zu wundern an über meine Existenz. Denn es ist doch etwas passiert. Da bin ich nun wieder ein Schriftsteller, aber ohne Mitteilungsbedürfnis, das fällt mir auf. Dieses Bedürfnis ist mir abhandengekommen. Trotzdem schreibe ich, fange vielmehr zu schreiben an.</p></blockquote>



<p>Das Wort „abhandengekommen“ enthält, so erfährt man im Vorwort, eine Anspielung auf Hofmannsthals <em>Brief des Lord Chandos an Francis Bacon</em>. Dort heißt es: &#8222;Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhandengekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.&#8220; Der Brief erklärt Lord Chandos Verzicht auf Literatur. Nach Hofmannsthal kann das Individuum nicht mehr das Ordnungsprinzip der Realität sein. Das gilt nun auch für Ingeborg Bachmann, aber sie nun macht gerade deswegen mit dem Schreiben weiter. </p>



<p>Im Zuge des
Briefwechsels erweist sich Enzensberger als treuer Freund. Er versucht, Bachmann
zu ermutigen und zu beraten, obwohl er ihre Krankheit nicht immer versteht. Im
April 1962 schreibt er ihr:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>ich ängstige mich um deinen kopf. wenn du kannst, gib mir alle paar wochen ein zeichen, eine karte mit deinem namen drauf ist schon genug, damit ich sehe, es sind nur träume, es ist keine krankheit. ich verstehe von krankheiten nichts, um so unheimlicher sind sie für mich, ich kenne die welt nicht mehr, wenn jemand krank ist, so krank daß man davorsteht wie vor einem stein, dem man doch auch nicht helfen kann.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">In Schubladen stöbern</h3>



<p>Die
Korrespondenz endet plötzlich, nach elf Jahren, am 31. Juli 1968, mit einer
Ansichtskarte von Enzensberger.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>liebe ingeborg,<br>warum wohl schickst du mir die beiden andern gedichte nicht hierher, wo es heiter und sonnig ist: nach tjøme? <br>supplicandoti &amp; abbracciandoti<br>mang </p></blockquote>



<p>Nach diesem »dich anflehend &amp; dich umarmend« schreibt Enzensberger keinen Brief mehr, oder weitere Briefe sind verschollen. Genaueres erfahren wir nicht. Weder das Vorwort noch die 70&nbsp;Seiten Nachwort versuchen zu erklären, warum zwei Freunde sich nicht mehr brieflich miteinander unterhalten. Statt von einer Freundschaft voller Zuneigung, vielleicht auch Liebe, zu berichten, leistet diese Briefausgabe einem biografischen Voyeurismus Vorschub, gerade weil die Zweideutigkeit nicht aufgeklärt wird. Seitenlang werden im Nachwort Details zu den Reisen und Treffen zwischen den beiden und anderen Schriftstellern beschrieben, doch worum es in diesen Treffen ging, erfahren wir nicht.&nbsp; Der Fall der Zeitschrift „Gulliver“ ist für die Nachlässigkeit dieser Ausgabe exemplarisch: Enzensberger hatte diese internationale linke Zeitschrift 1962 gegründet, mitten im Kalten Krieg, das Projekt scheiterte an den Missverständnissen zwischen italienischen, deutschen und französischen Autoren – über die historischen Umstände hätte man gern mehr erfahren.&nbsp; </p>



<p>So stöbern wir in den Schubladen der Star-Dichterin herum, ohne dass die Briefe uns helfen, sie und ihre Zeit zu verstehen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Stefano59Rivara [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA 4.0</a>], <br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BORDIGHERA_centro_stor_ex_ufficio_postale_20APR2017.jpg">via Wikimedia Commons</a> (bearbeitet)<br>Buchcover: Verlag</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Hubert Lengauer (Hg.)<br>„<strong>schreib alles was wahr ist auf</strong>“<br>Der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger<br>Suhrkamp 2018 · 479 Seiten · 44 Euro<br>ISBN:  978-3518426135 <br></p>



Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3518426133/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783518426135" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel





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Suhrkamp 2018&lt;br /&gt;
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		<title>Die Untreue gegenüber sich selbst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 May 2019 08:24:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Marguerite Yourcenars literarisches Debüt „Alexis oder der vergebliche Kampf“ (1929) erzählt von Homosexualität, auch wenn das Wort darin nicht vorkommt – und von der Verleugnung des eigenen Selbst.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div>



<p class="has-drop-cap">Marguerite Yourcenars literarisches Debüt von 1929 hat die Form eines Bekenntnisbriefs . In <em>Alexis oder der vergebliche Kampf,</em> &nbsp;erzählt der 24-jährige Musiker Alexis seiner Frau, die er ohne weitere Erklärungen verlassen hat, von seiner Homosexualität und von dem Kampf, den er vergeblich gegen sie geführt hat. Es ist ihm nicht gelungen, sich der herrschenden Moral anzupassen. </p>



<p>Als Yourcenar &nbsp;<em>Alexis oder der vergebliche Kampf</em> schrieb, war sie so alt wie ihr Protagonist, ihre literarischen Vorbilder waren Gides <em>Traité du vain désir</em>, Rilkes <em>Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge</em> und, als Inspiration für den Namen von Alexis, die <em>Zweite Ekloge</em> von Vergil. In ihrer Erzählung wird das intime Bekenntnis, das sich gegen die Moral des frühen zwanzigsten Jahrhunderts stellt, zu einer universellen Erfahrung. </p>



<p>Auf den ersten Seiten des Buches
schreibt Alexis seiner Frau Monika:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir können eben ohne Untreue gegen uns selber nicht existieren.</p></blockquote>



<p>Das Wort „Homosexualität“ wird im Buch nie erwähnt, denn bei Alexis‘ vergeblichem Kampf geht es nicht nur um die Scham, zuzugeben, dass man sich vom Körper eines Menschen des gleichen Geschlechts angezogen fühlt. Es geht um eine viel grundsätzlichere Untreue gegenüber sich selbst: Eine Untreue, die unausweichlich zu sein scheint, wenn man sich den innersten Aspekten seiner Existenz stellen will – auch denen, die mit dem eigenen Körper und dem Körper der anderen zu tun haben. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Vielleicht ist die Wollust nur deshalb so schrecklich, weil sie uns darüber belehrt, dass wir einen Körper haben. Früher brauchten wir ihn nur, um zu leben; jetzt merken wir, dass dieser Körper sein eigenes Dasein, seine Träume und seinen Willen hat und dass wir bis zu unserm Tode mit ihm rechnen, ihm nachgeben oder ihn bekämpfen müssen. Wir fühlen (wir glauben zu fühlen), dass unsere Seele nichts weiter ist als sein tiefster und schönster Traum.</p></blockquote>



<p>Der Brief ist eine Erzählung in der ersten Person, eine zarte Prosa voller poetischer Reflexionen, denn Yourcenar verwandelt das Drama derjenigen, die, um mit Adorno zu sprechen, das richtige Leben im falschen suchen, in Poesie. Man versteht die existenzielle Qual des Protagonisten, diesen unnatürlichen und aussichtslosen Kampf gegen sich selbst. Am Ende gewinnen die Kunst, der Musiker in Alexis und seine Hände.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Diese Hände hatten sich im vergänglichen Genuss der Umarmung um manchen Leib gelegt; hatten dankbar dem unhörbaren Wohllaut der Formen nachgetastet; hatten im Dunkel der Nacht die atmende Unsichtbarkeit des Schlafes gestreichelt. (&#8230;) Es waren die anonymen Hände eines Musikers. Sie waren, durch die Musik, meine Vermittler zu jener Unendlichkeit, die wir Gott zu nennen wagen; sie ließen mich durch das trunkene Glück der Berührung teilhaben am Leben der andern.</p></blockquote>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Hand am Klavier,<br> Tadas Mikuckis [CC0], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Piano_time_(Unsplash).jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a><br>Buchcover: Verlag</h6>





Marguerite Yourcenar<br>
<strong>Alexis oder der vergebliche Kampf</strong><br>
Aus dem Französischen von Peter Gan<br>
Carl Hanser Verlag 1993 · 144 Seiten · 14,90 Euro<br>
ISBN: 978-3446142954<br><br>
Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3446142959/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a HREF="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&#038;site=3780&#038;type=text&#038;tnb=14&#038;prd=yes&#038;suchwert=9783446142954" TARGET="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><IMG SRC="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&#038;ref=776227&#038;b=0&#038;type=text&#038;tnb=14" BORDER="0" WIDTH="1" HEIGHT="1"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel





<figure class="wp-block-image"><a href="https://www.amazon.de/dp/3446142959/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="176" height="300" data-attachment-id="15787" data-permalink="https://tell-review.de/81u7sx31qhl/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/05/81u7Sx31qhL.jpg?fit=1295%2C2207&amp;ssl=1" data-orig-size="1295,2207" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="81u7Sx31qhL" data-image-description="&lt;p&gt;Marguerite Yourcenar&lt;br /&gt;
Alexis oder der vergebliche Kampf&lt;br /&gt;
Hanser 1993&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;/p&gt;
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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Feb 2019 09:56:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbücher]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum brauchen wir die Demokratie, wenn es mit dem Faschismus so viel einfacher geht? Ganz Italien diskutiert über Michela Murgias „Anleitung, Faschist zu werden“. Doch ob die Provokation der sardischen Autorin ein Umdenken einleitet, bleibt fraglich.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.</p>
<p>Weitere Beiträge:</p>
<ul>
<li><a href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Terror von unten</a></li>
<li><a href="https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sprache und Herrschaft</a></li>
<li><a href="https://tell-review.de/dieser-mann-ist-mir-fremd/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">&#8222;Dieser Mann ist mir fremd&#8220;</a></div></div></li>
</ul>


<p class="has-drop-cap">Eine Debatte über den Faschismus in Italien ist aus zwei Gründen notwendig. Zum einen wegen der Regierung: Der Innenminister Matteo Salvini von der Rechtspartei Lega donnert fast jeden Tag gegen Ausländer und Migranten. Zum anderen wegen der nicht verarbeiteten Geschichte der Diktatur Mussolinis. So ist es in Italien etwa nicht verboten, Devotionalien des „Duce“ zu verkaufen. Außerdem betrachten die Italiener ihre Beteiligung an der Judenverfolgung als harmlos und von den Nazis erzwungen, nach dem Motto „Italiani brava gente“ („die Italiener sind anständige Menschen“).</p>



<p>Das Buch <em>Istruzioni per diventare fascisti</em>, („Anleitung, Faschist zu werden“) von Michela Murgia entlarvt den wahren Charakter der aktuellen italienischen Gesellschaft und Politik. Unter den italienischen Schriftstellerinnen und Intellektuellen ist Michela Murgia ein Star. Bekannt geworden ist sie mit dem Buch <em>Camilla im Callcenterland</em>.</p>



<p>Diesmal hat sie sich für eine Provokation entschieden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das Buch, das ihr in Händen haltet, ist nicht nur entstanden, um zu zeigen, dass die Demokratie völlig unbrauchbar ist, ja sogar schädlich für die Gemeinschaft, sondern auch, um nachzuweisen, dass ihre bewährteste Alternative – der Faschismus – eine wesentlich bessere,  kostensparendere und effizientere Art staatlicher Organisation darstellt. </p></blockquote>



<p>Das Buch sei für die „gebildete Schicht“ gedacht, schreibt sie weiter, denn:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der breiten Masse musste man schließlich noch nie erklären, dass der Faschismus die überlegenere Alternative ist. </p></blockquote>



<p>Wir sind auf der ersten Seite des Buches, und das Programm ist schon klar: In uns allen steckt mehr oder weniger ein Faschist. Das Coverbild gibt die Richtung vor. Ein stilisierter Forrest Gump, das menschliche Chamäleon schlechthin, sagt: <em>„Fascista é chi il fascista fa“</em>, „Faschist ist der, der Faschistisches tut.“ Im Film heißt es: „Stupid is as stupid does.“ Ein tautologischer Satz, der keinen Widerspruch erlaubt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sprache als Verpackung</h3>



<p>Mit ihren provokanten Aussagen, die dem täglichen Diskurs der italienischen Durchschnittsbürger entstammen, zeigt Murgia, dass die Übergänge zwischen Demokratie und Faschismus fließend sind. Dabei spielt die Sprache eine zentrale Rolle. In ihrem Vorwort erklärt die Autorin, wie man ein ganzes Land faschistisch machen kann, „ohne das Wort Faschismus auszusprechen“. Nicht die faschistischen Inhalte solle man propagieren, sondern die faschistische Sprache.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p> So als wäre sie eine Schachtel ohne Etikett – weder rechts noch links –, die bequem von einer Hand zur anderen wandert, ohne dass jemand unmittelbar mit ihrem Inhalt zu tun hätte.</p></blockquote>



<p>Der heutige italienische Faschismus, so Murgia, hat nichts mehr mit der Überlegenheit der weißen Rasse oder mit der offenen Unterdrückung der Pressefreiheit zu tun. Er braucht auch keinen Putsch, um an die Macht zu kommen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wenn es uns gelingt, täglich einen Demokraten davon zu überzeugen, ein Wort zu benutzen, das wir ihm eingegeben haben, können wir gewinnen.</p></blockquote>



<p>Auch äußerlich ist das Buch als Anleitung strukturiert. Jedes Kapitel gibt Ratschläge für ein bestimmtes Gebiet, zum Beispiel „Cominciare da capo“ (etwa „Am Anfang beginnen“, aber auch „Mit dem Chef anfangen“). Man sollte sich von einem Capo, einem Chef, führen lassen, also von jemandem, der Entscheidungen treffen kann, ohne von den Abgeordneten aufgehalten zu werden.</p>



<p>In dem Kapitel über die Pressefreiheit ist Murgias Rat gleichzeitig die perfekte Beschreibung der Lage der italienischen Talk-Show-Kultur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ist es vielleicht die für den Faschismus geeignetste Lösung, sie einfach reden zu lassen. Und zwar immer. Alle. Auf einmal. Über alles. Ohne die geringste Hierarchie zwischen den Meinungen, ohne Abstufungen in ihrer Maßgeblichkeit. </p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Faschistometer</h3>



<p>Michela Murgias Provokation ist zugleich eine Analyse der italienischen Gesellschaft. Sie zeigt, wie weit sich das faschistische Gedankengut schon in der italienischen Mehrheitsgesellschaft verbreitet hat. Am Ende des Buches kann man das an sich selbst erproben – mit dem „Faschistometer“: einer Liste von 65 Aussagen und Behauptungen, die man „mit gesundem Menschenverstand“ als richtig oder falsch bewerten soll. Es sind Aussagen, die in Italien in der öffentlichen Diskussion praktisch täglich fallen, gerade im Streit um die Aufnahme und Integration von Zuwanderern.</p>



<ul class="wp-block-list"><li>„Die Italiener kommen zuerst.“</li><li>&#8222;Ist Vergewaltigung schwerer erträglich, wenn ein Ausländer sie begangen hat?&#8220;</li><li>„Man sollte ihnen in ihrem Heimatland helfen.“</li><li>„Wenn sie dir so gut gefallen, dann nimm sie doch mit nach Hause.“</li></ul>



<p>Jede positive Antwort ergibt einen Punkt. Am Ende werden die Punkte addiert, woraus sich dann der Zahlenwert der tatsächlichen Nähe zum Faschismus ergeben soll – vom „Aspiranten“ (0–15 Punkte) bis zum „bewusst Militanten“ (36–50) und schließlich dem „Patrioten“ (ab 51).</p>



<p>Das „Faschistometer“ war ein großer Erfolg, hunderttausende Italiener haben den Fragebogen ausgefüllt. Murgias Buch gehörte 2018 in Italien zu den meistverkauften Sachbüchern. Michela Murgia hat es geschafft, die Italiener dazu zu bringen, sich mit dem Thema Faschismus zu beschäftigen. Die Frage ist: Reicht das aus, oder ist die nationale Selbsttäuschung, die Italiener seien auf jeden Fall gute Menschen, stärker als jede Evidenz?</p>


<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />Beitragsbild: Hitler und Mussolini in München, Juni 1940 <br />Foto: Eva Braun [gemeinfrei], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hitler_and_Mussolini_June_1940.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a><br />Buchcover: Einaudi</h6>




<p>Michela Murgia <br><strong>Faschist werden</strong> <br>Eine Anleitung <br>Aus dem Italienischen von Julika Brandestini <br>Wagenbach Verlag 2019 · 112 Seiten · 7 Euro <br>ISBN:  978-3803136862  </p>



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