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	<title>Anselm Bühling &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Anselm Bühling &#8211; tell</title>
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		<title>Schwimmen lernen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Mar 2026 11:31:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[tell ging 2016 mit viel Elan als neues Medium an den Start. Von Anfang an ging es um die Qualität der Beiträge und damit auch ums Redigieren und Redigiertwerden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>10 Jahre tell</strong> </p>



<p>Weitere Texte:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Sieglinde Geisel: <a href="https://tell-review.de/stilkritik-und-zeitgenossenschaft/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stilkritik und Zeitgenossenschaft</a>. 16. März 2026</li>



<li>Herwig Finkeldey: <a href="https://tell-review.de/die-bloggerspontaneitaet-bewahren/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/die-bloggerspontaneitaet-bewahren/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Bloggerspontaneität bewahren</a>. 24. März 2026</li>



<li>Frank Heibert: <a href="https://tell-review.de/analyse-und-wagemut/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Analyse und Wagemut</a>. 31. März 2026</li>



<li>Agnese Franceschini: <a href="https://tell-review.de/tell-me-what-happened/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">tell me what happened</a>. 3. April 2026</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap">Große Pläne, ein überschaubares Team und eine kleine Nische: So fing es vor zehn Jahren an. Sitzungen, in denen die Ideen wie Funken sprühten: Was man alles machen, worüber man schreiben, reden, nachdenken könnte! Und dann sprangen wir ins kalte Wasser. Wir lernten bald den Unterschied zwischen dem, was man machen <em>könnte</em> und dem, was man machen <em>kann</em>. Wir lernten schwimmen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Kunst des Redigierens</h3>



<p>Am Anfang stand Sieglinde Geisels Rezension eines Romans der kenianischen Autorin <a href="https://tell-review.de/gefangene-der-erinnerung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yvonne Adhiambo Owuor</a>. Es folgte ein Feuerwerk von weiteren Beiträgen, die in den Wochen und Tagen vor dem Start entstanden waren. Der Übersetzer Frank Heibert gab einen <a href="https://tell-review.de/spooks/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Einblick</a> in seine Werkstatt. Der Schauspieler und Coach Peter Gößwein fragte nach dem <a href="https://tell-review.de/falsche-idylle/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Abgründigen</a> in einer Regieanweisung in Ibsens <em>Frau am Meer</em>. Und in ihrer Reihe <a href="https://tell-review.de/tag/satz-fuer-satz/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Satz für Satz</a> ging Sieglinde der Frage nach, was literarischen Stil ausmacht: Worin besteht die Qualität eines literarischen Werks, an welchen Kriterien ist sie zu messen? Darüber nachzudenken war von Beginn an ein Anliegen von tell.</p>



<p>Das hieß auch, dass unsere eigenen Texte einem gewissen Anspruch genügen mussten. Was auf tell veröffentlicht wird, hat einen gründlichen Redaktionsprozess durchlaufen. Wer schreibt, muss sich daran gewöhnen, dass Fragen an die eigenen Texte gestellt werden. Wer redigiert, muss darauf bedacht sein, die Stimme eines fremden Textes nicht unkenntlich zu machen – so wie es Heinrich von Kleist in Elke Heinemanns <a href="https://tell-review.de/ueber-die-allmaehliche-verfaelschung-der-schriften-beim-redigieren/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">literarisch-dokumentarischer Fiktion</a> mit dem Titel „Über die allmähliche Verfälschung der Schriften beim Redigieren“ tut. Die Redaktionsarbeit leistet vor allem Sieglinde, die <em>spiritus rectrix</em> von tell. Wer immer im Laufe der letzten zehn Jahre auf tell veröffentlicht hat, konnte Entscheidendes von ihr lernen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Alarmierende Lage</h3>



<p>Stichwort Zeitgenossenschaft: Was das für eine Zeit werden würde, an der wir heute alle teilhaben, zeichnete sich vor zehn Jahren erst in Ansätzen ab. 2014 hatte Putin die Ukraine ein erstes Mal überfallen. 2015 feierte Deutschland die Willkommenskultur, doch bald darauf wurden Flüchtlingsheime in Brand gesetzt, und die AfD begann ihren Aufstieg. Der Immobilienspekulant und Reality-TV-Star <a href="https://tell-review.de/die-ironie-des-menschlichen-treibens/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Donald Trump</a> bewarb sich als Präsidentschaftskandidat der Republikaner – eine absurde Episode, so schien es. Aber als tell im März 2016 online ging, lag Trump in den Primaries schon weit vorn, im Juli wurde er nominiert und im November ein erstes Mal zum US-Präsidenten gewählt. Alle diese Entwicklungen haben – unterbrochen und zugleich verstärkt durch die <a href="https://tell-review.de/tag/corona/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Covid-Pandemie</a> – inzwischen eine Dynamik entfaltet, die niemand mehr kontrollieren kann, die aber von vielen Seiten gezielt forciert wird. Hass dient als globaler Treibstoff, hocheffiziente Verbrenner übernehmen die Macht, und gar nicht wenige Menschen finden Geschmack daran.</p>



<p>In einem der ersten Beiträge auf tell beschreibt Hartmut Finkeldey, wie er sich beim Lesen einer „Spiegel“-Kolumne von Sibylle Berg an Stefan Zweigs Reaktion auf den Einzug der NSDAP in den Reichstag im Jahr 1930 <a href="https://tell-review.de/prachtvoller-hass-versus-gutmenschenscheiss/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">erinnert fühlte</a>. Zweig äußerte damals ein geradezu bewunderndes Verständnis für die „im Innersten natürliche und durchaus zu bejahende Revolte der Jugend gegen die Langsamkeit und Unentschlossenheit der hohen Politik“. Berg meinte 2016 in Bezug auf die AfD: „gegen aufgezwungenes Mainstreamdenken zu sein, ist ja schon mal ein verlockender Wert an sich“.</p>



<p>„Sibylle Berg ist nicht Stefan Zweig“, so Hartmuts Fazit, „und der 13.&nbsp;März&nbsp;2016 war nicht die Septemberwahl von 1930. Damit das so bleibt, schlage ich lieber einmal zu oft Alarm.“</p>



<p>Zehn Jahre danach ist die Lage nicht weniger alarmierend.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: tell-Sitzung 2016, von <a href="https://www.gezett.de">Gezett</a></h6>
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		<title>Geisterstunde</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Jun 2024 06:44:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[In einem kurzen Fragment inszeniert Franz Kafka eine spiritistische Sitzung. Der Geist, der darin erscheint, gerät in eine unauflösbare Situation, ganz wie man es von anderen Kafka-Figuren kennt. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Die erste Begegnung mit Kafkas Werk liegt meistens in der Schulzeit. Zu Kafkas 100. Todestag wenden wir uns seinem Werk zu, indem wir es wiederlesen – und uns aufs Neue überraschen lassen.</p>



<p>Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://tell-review.de/das-erste-mal/">Das erste Mal</a>, 3. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/toxische-buergerlichkeit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Toxische Bürgerlichkeit</a>, 5. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/das-schwarze-loch-der-hoffnung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das schwarze Loch der Hoffnung</a>, 7. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/die-brotloseste-aller-kuenste/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die brotlosteste aller Künste</a>, 12. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/erloesung-durch-gewalt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Erlösung durch Gewalt</a>, 18. Juni 2024</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p>Im Sommer 1916 notierte Kafka in einem blauen Schulheft den folgenden kurzen Dialog: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>In einer spiritistischen Sitzung meldete sich einmal ein neuer Geist und es wickelte sich mit ihm folgendes Gespräch ab:<br><br>Der Geist: Verzeihung.<br>Der Wortführer: Wer bist Du?<br>G. Verzeihung.<br>W. Was willst Du?<br>G. Fort.<br>W. Du bist doch erst gekommen.<br>G. Es ist ein Irrtum.<br>W. Nein es ist kein Irrtum. Du bist gekommen und bleibst.<br>G. Mir ist eben schlecht geworden.<br>W. Sehr?<br>G. Sehr.<br>W. Körperlich?<br>G. Körperlich?<br>W. Du antwortest mit Fragen, das ist ungehörig. Wir haben Mittel Dich zu strafen, antworte also lieber, denn dann werden wir Dich entlassen.<br>G. Bald?<br>W. Bald.<br>G. In einer Minute?<br>W. Benimm Dich nicht so kläglich. Wir werden Dich entlassen, wenn es uns</p>



<p></p>
<cite>Franz Kafka, Nachgelassene Schriften und Fragmente II. Frankfurt/Main 1992, S. 19f.</cite></blockquote>



<p>Der erste Teil dieser Szene wird in Reiner Stachs Biografie zitiert. Kafka, so ist dort zu erfahren, kannte den Spiritismus aus eigener Anschauung. Er nahm um 1910 zusammen mit Max Brod an einigen Sitzungen teil, so im Frühjahr auf Einladung Franz Werfels hin. Anders als dieser konnte Kafka dem damals modischen Möbelrücken jedoch nichts abgewinnen. Zu Willy Haas, der sich damals gleichfalls für den Spiritismus begeisterte, sagte er: „Dass die Sonne am Morgen aufgeht, ist ein Wunder. Aber dass ein Tisch sich bewegt, wenn Sie ihn so lange malträtieren, ist kein Wunder.“</p>



<p>Der Text ist schnell hingeworfen, aber er zeigt viel von dem, was Kafka ausmacht. Er ist äußerst verknappt: Es sind insgesamt neunzehn Zeilen – die Einleitung und achtzehn Dialogzeilen. Die Hälfte davon besteht aus nur einem Wort, und die Stilmittel der Wiederholung und des Fragens und Antwortens sind virtuos eingesetzt.</p>



<p>Jemand gerät in eine Welt, die er nicht begreift und aus der kein Entkommen mehr ist, aber zwischendurch geht es zutiefst komisch zu: „Mir ist eben schlecht geworden“, sagt der Geist wie ein Schuljunge, der sich vor einer Prüfung drücken will. Die Frage „Körperlich?“ kann er aus offensichtlichen Gründen nur verwundert zurückgeben, und gerade damit beschwört er das Unheil herauf, dem er sich zu entziehen versuchte. Die Blamage setzt die Dynamik der Machtdemonstration und der unwillkürlichen subversiven Übertretung in Gang: Dem Geist wird Strafe angedroht, weil er mit Fragen antwortet; von da an ist jede seiner Antworten eine Frage.</p>



<p>Und natürlich bleibt das Ganze Fragment. Es bricht mitten im Satz ab, genau an dem Punkt, an dem die Situation ausgemessen und die Falle gestellt ist. Hier geht es nicht mehr weiter.</p>



<p>Vielleicht ist der bedauernswerte Geist in diesem Dialog ja der Geist des Mannes vom Lande aus „Vor dem Gesetz“, der dem Verbot des Türhüters zum Trotz im letzten Moment gerade noch durch den Eingang schlüpfen konnte. Womöglich hätte er sich genau hier, in dieser spiritistischen Séance, wiedergefunden. </p>



<p>Es gibt keine Aufnahme in das Gesetz, nur Gesetze, die du nicht durchschaust und die dich bedrohen. Es ist kein Entkommen, auch dann nicht, wenn du irgendwo Durchlass findest. Was, vielleicht, bleibt, ist, sich zuzusehen und dabei zwischendurch zu lachen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Montage: Anselm Bühling)



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Sommertipp 2023 (4): Lektüre für zwischendurch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Jul 2023 09:06:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Sammlung „Bücher, Literaten und Leser am Vorabend der Revolution“ bietet Auszüge aus Louis-Sébastien Merciers „Tableau de Paris“ von 1781. Die Momentaufnahmen aus der Pariser Medienszene von damals sind erstaunlich aktuell.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Manchmal fehlt es auch im Sommer an der Muße zum Lesen. Zum Glück gibt es Bücher, die zu Kurzbesuchen einladen und dabei glänzend unterhalten. Eins ziehe ich in Stresszeiten immer wieder gern aus dem Bücherregal. Es trägt den langen Titel <em>Bücher, Literaten und Leser am Vorabend der Revolution: Auszüge aus dem „Tableau de Paris“</em> und ist 2012 im Wallstein Verlag erschienen.</p>



<p><em>Tableau de Paris</em> wurde ursprünglich 1781 erstmals publiziert. Der Autor Louis-Sébastien Mercier (1740-1814) hat in kurzen Skizzen und Beobachtungen das damalige Leben in der französischen Hauptstadt festgehalten. Der von Wulf D. von Lucius zusammengestellte und übersetzte Auswahlband enthält vor allem Texte, die sich um Bücher und andere Schriften drehen – und um diejenigen, die sie schreiben, herstellen, verkaufen und lesen.</p>



<p>Auf gut 230 Seiten entfaltet sich ein Panoptikum der Pariser Medienszene der 1770er und 1780er Jahre, in das man immer wieder eintauchen kann. Die Überschriften der kurzen Texte lauten beispielsweise: </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>„Über Konversation“</li>



<li>„Die Cafés“</li>



<li>„Von Halbautoren, Viertelautoren sowie Bastarden, Cliquen etcetera“</li>



<li>„Verleger“</li>



<li>„Lesungen“</li>



<li>„Frivole Drucke“</li>



<li>„Geheimtheater“</li>



<li>„Schmähschriften“ </li>
</ul>



<p>Mercier schreibt knapp, lebendig und prägnant. Die kurzen Schilderungen eröffnen Blicke auf das damalige Leben in Paris. Irgendwann beginnen die unterschiedlichen Perspektiven, sich zu einem facettenreichen Porträt einer Großstadt zusammenzusetzen. Die Texte sind meist drei bis sechs Seiten lang; sie lassen sich zwischendurch lesen, und einen Faden, den man verlieren könnte, gibt es erst gar nicht. </p>



<p>Man schaut schnell vorbei in einer anderen Realität, die in mancher Hinsicht unerwartet vertraut ist – etwa, wenn Mercier über &#8222;Literarische Streitigkeiten&#8220; und ihre Aufnahme durch das Publikum schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>In der Unterhaltung tadelt man Autoren, um sich selbst den Anschein von Würde und Zurückhaltung zu geben, aber man stürzt sich auf das satirische Journal, das im Vorzimmer liegt und sucht die Stelle, wo man das Epigramm gedruckt vermutet. Wenn es nicht schneidend ist, wenn der Journalist seine übliche Galle vermissen lässt, er also an diesem Tag schwach war, sagt man mit den Schultern zuckend: „Es ist nichts Geistreiches in dieser Nummer.“ Und die unersättliche Boshaftigkeit des Lesers, [die] stets Harmonie predigt, aber nichts zu ihrer Befriedigung findet, wirft das Blatt verächtlich beiseite und sagt: „Wenn das so weitergeht, werde ich nicht länger abonnieren.“</p>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Louis-Sébastien Mercier<br><strong>Bücher, Literaten und Leser am Vorabend der Revolution: Auszüge aus dem „Tableau de Paris“</strong><br>Ausgewählt und übersetzt von Wulf D. von Lucius<br>Wallstein 2012 · 238 Seiten · 22,90 Euro<br>ISBN: 978-3835309180 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" identifier="978-3835309180" identifiertype="2" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg"></a></span><br></p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783835309180&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="617" height="1030" data-attachment-id="117195" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipp-2023-4-lektuere-fuer-zwischendurch/mercier/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?fit=1360%2C2271&amp;ssl=1" data-orig-size="1360,2271" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Mercier" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?fit=617%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=617%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-117195" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=617%2C1030&amp;ssl=1 617w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=180%2C300&amp;ssl=1 180w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=768%2C1282&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=920%2C1536&amp;ssl=1 920w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=1226%2C2048&amp;ssl=1 1226w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=1300%2C2171&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?resize=300%2C501&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/Mercier.jpg?w=1360&amp;ssl=1 1360w" sizes="(max-width: 617px) 100vw, 617px" /></figure>


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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Jun 2022 08:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[In Nachkriegsdeutschland greifen Verlage gern auf Bewährtes zurück. Michail Soschtschenko hilft das nicht mehr, doch seine Übersetzerin Grete Willinksy weiß es für sich zu nutzen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; Neue Gewänder</p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Neue Gewänder</h1>



<p class="has-drop-cap">Im April 1947 druckt die Münchner Zeitschrift <em>Der Simpl</em> – eine Nachfolgepublikation des 1944 eingestellten <em>Simplicissimus</em> – eine <a href="https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/simpl1947/0067" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kurze Satire</a>, als deren Autor ein „Fjodor Ukrainow“ firmiert. Sie trägt die Überschrift „Genosse Kommissar“ und handelt davon, wie ein Lehrer den Wohnungskommissar mit einer Schachtel Zigaretten bestechen muss, um eine unerwünschte Einquartierung zu vermeiden. Es folgt ein „Nachwort des Übersetzers“:</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="361" height="170" data-attachment-id="105140" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/maerker/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?fit=361%2C170&amp;ssl=1" data-orig-size="361,170" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Maerker" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?fit=361%2C170&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=361%2C170&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-105140" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?w=361&amp;ssl=1 361w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=300%2C141&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=80%2C38&amp;ssl=1 80w" sizes="(max-width: 361px) 100vw, 361px" /></figure>
</div>


<p>Friedrich Märker, der hier als „Übersetzer“ zeichnet, ist in Wirklichkeit der Autor des Textes und außerdem verheiratet mit der Soschtschenko-Übersetzerin Grete Willinsky. Er nutzt die ihm wohlbekannte Form der „russischen Satire“, um sich in verdruckst-plumper Sprache über unerwünschte Einquartierungen von Flüchtlingen aus dem Osten zu beschweren, die infolge des Krieges in großer Zahl in Westdeutschland eintreffen.</p>



<p>Märker, in den 1920er Jahren Dramaturg und Theaterkritiker, war seit 1930 mit Veröffentlichungen zu Charakterkunde und Physiognomik hervorgetreten. Nach der Machtübernahme der Nazis wusste er die Gunst der Stunde zu nutzen. Sein 1934 erschienenes Buch <em>Charakterbilder der Rassen: Rassenkunde auf physiognomischer und phrenologischer Grundlage</em> wurde auf der Bauchbinde als „wertvolle und eigenartige Ergänzung rassenkundlichen Schrifttums“ beworben – ein Zitat aus dem <em>Völkischen Beobachter</em>. Nach dem Krieg kommt die „Rassenkunde“ in den Titeln von Märkers Publikationen nicht mehr vor, doch er befasst sich unbeirrt weiter mit Physiognomik: 1949 gibt er Lavaters <em>Physiognomische Fragmente</em> heraus und 1971 veröffentlicht er das Buch <em>Die Kunst, aus dem Gesicht zu lesen</em>. Daneben widmet er sich der Verbandstätigkeit und gründet 1956 die „Verwertungsgesellschaft für literarische Urheberrechte“, eine Vorläuferorganisation der zwei Jahre später gegründeten VG Wort. 1959 erhält er dafür das Große Bundesverdienstkreuz.</p>



<p class="has-text-align-center">* * *</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter"><div data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="628" height="1030" alt="" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-104903" data-id="104903" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=628%2C1030&#038;ssl=1" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=628%2C1030&amp;ssl=1 628w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, 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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p>Für Grete Willinsky erweist sich der in seiner Heimat verfemte Soschtschenko auch in den Nachkriegsjahren als sichere Bank. 1947 bringt sie eine Auswahl seiner Satiren in einem der ersten Literaturverlage unter, die in der US-Besatzungszone eine Konzession erhalten: Die Anthologie <em>Der redliche Zeitgenosse</em> erscheint im Kasseler Harriet Schleber Verlag, der auch frühe Texte von Wolfgang Borchert, Heinrich Böll und Marie-Luise Kaschnitz publiziert. Nur ein Jahr danach veröffentlicht der Zürcher Werner Klassen Verlag unter dem Titel <em>Russischer Alltag</em> gleichfalls Satiren von Soschtschenko, und wieder firmiert Willinsky – neben einer Kollegin namens Hedwig Sörensen – als Übersetzerin.  </p>
</div>
</div>



<p>Während Willinsky sich in den folgenden Jahrzehnten bis zu ihrem Tod 1983 vor allem als Autorin von Kochbüchern betätigt, bleiben ihre Soschtschenko-Übersetzungen in der Bundesrepublik Deutschland verlässliche Longseller. Der Verlag Langen Müller, in dem kurz darauf auch Ephraim Kishons Satiren auf Deutsch erscheinen, übernimmt 1959 den Band <em>Der redliche Zeitgenosse</em> und bringt einen weiteren mit dem Titel Der <em>Rettungsanker</em> heraus. </p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p>Das Buch <em>Schlaf schneller, Genosse</em>, an dem sich Hitler und seine Entourage 1940 delektiert hatten, ist bereits seit 1953 mit leicht gekürzter und abgewandelter Textauswahl und einem erneut angepassten Nachwort als Taschenbuch wieder auf dem Markt –&nbsp;nicht mehr bei Rowohlt, sondern im Verlag „Das Goldene Vlies“. Dieser geht kurz darauf im Ullstein Verlag auf, wo der Band mit wechselnden, zum jeweiligen Zeitgeist passenden Covergestaltungen jahrzehntelang neu aufgelegt wird. </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter"><div data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="643" height="1030" alt="" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-104905" data-id="104905" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1.jpg?resize=643%2C1030&#038;ssl=1" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=643%2C1030&amp;ssl=1 643w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=187%2C300&amp;ssl=1 187w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, 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<p>Die letzte Ausgabe erscheint Mitte der 1970er Jahre. Um diese Zeit bringt Ullstein auch ein neues Werk seines Erfolgsautors Albert Speer heraus: die <em>Spandauer Tagebücher</em> aus seiner zehn Jahre zuvor zu Ende gegangenen Haftzeit, in denen Speer sich unter anderem daran erinnert, wie Adolf Hitler ihm einmal ein Buch empfohlen hat.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild und Buchcover: Anselm Bühling.<br>Screenshot „Der Simpl“ Nr. 6/1947: Universität Heidelberg: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/simpl1947/0067.</h6>



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<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; Neue Gewänder</p>


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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 3</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jun 2022 08:09:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschärft sich das kulturelle Klima in der Sowjetunion. Der beliebte Satiriker Michail Soschtschenko bekommt das zu spüren: An ihm wird ein Exempel statuiert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; Für fremd erklärt<br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
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<h1 class="wp-block-heading">Für fremd erklärt</h1>



<p class="has-drop-cap">Michail Soschtschenko meldet sich sofort nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion als Kriegsfreiwilliger, wird jedoch als „nicht verwendungsfähig“ abgelehnt. Er publiziert während des Krieges antifaschistische Glossen und Feuilletonbeiträge. Im Herbst 1941 wird er nach Alma-Ata evakuiert. Dort arbeitet er an einem Buch, das ihn seit langem beschäftigt. Es heißt <em>Vor Sonnenaufgang</em> (deutscher Titel: <em>Schlüssel des Glücks</em>) und hat einen ganz anderen Charakter als die Satiren, für die er bekannt ist. Soschtschenko erkundet darin seine eigene Psyche, er schreibt über die Depressionen und Neurosen, die ihn von Kindheit an geplagt haben. Er hat sich mit den Neurosentheorien Sigmund Freuds und des sowjetischen Verhaltensforschers Iwan Pawlow befasst, und er ist überzeugt, dass seine Erfahrungen mit diesem Thema ihn befähigen, anderen Menschen Mut zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie Ängste überwinden können. Der erste und zweite Teil erscheinen 1943 in den Sommernummern der Zeitschrift „Oktober“.</p>



<p>Den Abdruck weiterer Teile stoppt die Zensur. Soschtschenko wird aus der Redaktion der Satirezeitschrift „Krokodil“ ausgeschlossen, der er seit 1941 angehörte. Man streicht ihm die Lebensmittelzuteilung für Schriftsteller, und er muss aus dem Moskauer Hotel ausziehen, in dem er seit der Rückkehr aus der Evakuierung gewohnt hat. Im Dezember 1943 verteidigt er sich auf einer Präsidiumssitzung des sowjetischen Schriftstellerverbands: Er habe mit <em>Vor Sonnenaufgang</em> ein antifaschistisches Buch geschrieben. Aber das nützt ihm nichts mehr. Sein Kollege Nikolai Tichonow, der sich begeistert gezeigt hatte, als Soschtschenko ihm während der Arbeit an der Erzählung Kapitel daraus vorlas, schreibt im März 1943 in der Zeitschrift „Der Bolschewik“, das Buch sei „dem Geist und Charakter der sowjetischen Literatur zutiefst fremd“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>In dieser Erzählung wird die Realität aus spießbürgerlicher Sicht dargestellt – hässlich verzerrt, banalisiert, das seichte Hin und Her der subjektiven Gefühle steht im Vordergrund.</p>
</blockquote>



<p>Im April 1946 erhält Soschtschenko noch, zusammen mit einer Reihe anderer Schriftsteller, die Medaille „Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Vier Monate später, am 14. August, verabschiedet das Orgbüro des ZK der Kommunistischen Partei einen Beschluss gegen die Zeitschriften „Der Stern“ (Swesda) und „Leningrad“, die Texte von Soschtschenko publiziert hatten. Nun heißt es auf einmal, sein „nichtswürdiges Betragen während des Krieges“ sei noch gut in Erinnerung; er habe „dem sowjetischen Volk beim Kampf gegen die deutschen Invasoren in keiner Weise geholfen“. Und auch die Formel, die Tichonow drei Jahre zuvor verwendet hatte, taucht hier wieder auf. Soschtschenkos Werk sei „der sowjetischen Literatur fremd“:</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="501" height="750" data-attachment-id="104899" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/politbuero-beschluss/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?fit=501%2C750&amp;ssl=1" data-orig-size="501,750" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Politbuero-Beschluss" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?fit=501%2C750&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=501%2C750&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104899" style="width:233px;height:348px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?w=501&amp;ssl=1 501w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=300%2C449&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px" /></a></figure>
</div></div>
</div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Soschtschenko stellt die sowjetischen Verhältnisse und Menschen in hässlich karikierender Form dar, er schildert die Sowjetmenschen auf verleumderische Weise als primitiv, unkultiviert, dumm, mit spießigen Geschmacks- und Moralvorstellungen. Seine böswillig grobe Darstellung unserer Wirklichkeit wird von antisowjetischen Ausfällen begleitet.</p>
</blockquote>



<p>Diese übelwollende Lesart deckt sich frappierend mit der Soschtschenko-Rezeption Hitlers und seiner Entourage. Es ist leicht auszumalen, was für ein Triumph es für die Ankläger gewesen wäre, wenn sie von den Soschtschenko-Lesungen in der Reichskanzlei und auf dem Obersalzberg gewusst hätten, doch die Tagebücher der NS-Größen werden erst Jahrzehnte später veröffentlicht.</p>



<p>Nach einer hasserfüllten, vernichtenden Rede des ZK-Sekretärs Andrei Schdanow wird Soschtschenko – ebenso wie die Lyrikerin Anna Achmatowa – aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Damit ist ihm die Existenzgrundlage entzogen; er darf nichts mehr veröffentlichen und sein Name wird in sowjetischen Publikationen nicht mehr genannt. Im Treppenhaus des großen Wohnhauses für Schriftsteller am Leningrader Gribojedow-Kanal <a href="https://friedemannkohler.wordpress.com/2018/06/16/das-haus-der-unfrohen-dichter/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wartet er in den ersten Nächten vergeblich auf seine Verhaftung</a>. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück und gehen ihm bei zufälligen Begegnungen aus dem Weg. Die Zeit des Großen Terrors ist keine zehn Jahre her. Damals hatte schon der Verdacht, die falschen Leute zu kennen, genügt, um erschossen oder zu jahrzehntelanger Lagerhaft verurteilt zu werden.</p>



<p>Soschtschenko schlägt sich mit Übersetzungen durch und verdient sich als Schuhmacher etwas dazu, ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hat. Nach Stalins Tod 1953 wird er wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen, doch ein Jahr darauf fällt er erneut in Ungnade: Bei einem Treffen mit englischen Studenten hat er Kritik am Vorgehen der Partei gegen ihn durchblicken lassen. Die letzten Lebensjahre verbringt er isoliert und in Armut. 1958 stirbt er auf seiner Datscha bei Leningrad.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Anselm Bühling.<br>Beschluss des ZK der WKP(b) gegen Soschtschenko: Gemeinfrei, via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9E_%D0%B6%D1%83%D1%80%D0%BD%D0%B0%D0%BB%D0%B0%D1%85_%D0%97%D0%B2%D0%B5%D0%B7%D0%B4%D0%B0_%D0%B8_%D0%9B%D0%B5%D0%BD%D0%B8%D0%BD%D0%B3%D1%80%D0%B0%D0%B4.jpg">Wikimedia Commons</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; Für fremd erklärt<br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Genosse im Strudel der Zeit –  2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jun 2022 07:51:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Einige Monate nach Kriegsbeginn unterhält sich das deutsche Lesepublikum mit Michail Soschtschenkos Satiren aus der Sowjetunion. Auch die NS-Führung amüsiert sich über den Band "Schlaf schneller, Genosse" – auf ihre Weise.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; Lektüre für den Führer<br>3 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Lektüre für den Führer</h1>



<p class="has-drop-cap">Am 16. März 1940 notiert Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sowie Präsident der Reichskulturkammer, in seinem Tagebuch:</p>



<div style="height:31px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sowjetrussische Satiren von Sostschenko u.a. „Schlaf schneller, Genosse!“ Sie sollen witzig sein, entrollen aber für meinen Geschmack nur ein grauenvolles Gemälde bolschewistischer Unkultur, sozialen Elends und organisatorischer Unfähigkeit.</p></blockquote>



<p>Goebbels ist seit dem Machtantritt der Nazis 1933 der Hauptverantwortliche für die Steuerung des kulturellen Lebens im Deutschen Reich. Ähnlich wie in der Sowjetunion unter Stalin ist auch in NS-Deutschland die Medienlandschaft weitgehend gleichgeschaltet, und das gilt ganz besonders für die Satire. Schon wenige Tage nach der Machtübernahme im März 1933 waren die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ von der SA überfallen worden; kurz darauf wurden die jüdischen und politisch exponierten Mitglieder aus der Redaktion gedrängt, während die restlichen eine Loyalitätserklärung unterschrieben.</p>



<p>Der „Simplicissimus“ hatte bereits in der Weimarer Republik vereinzelt <a href="http://www.simplicissimus.info/index.php?id=7&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Bpersonid%5D=3776&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Baction%5D=nameFilter&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Bcontroller%5D=PersonRegister&amp;cHash=55ed539d95f015be55c16ac519024605" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Satiren von Soschtschenko</a> gebracht. Bezeichnenderweise können diese dort auch nach der Gleichschaltung weiter erscheinen.</p>



<p>Eine Kritik an der gesellschaftlichen Realität des eigenen Landes findet sich im „Simplicissimus“ der NS-Zeit hingegen nicht einmal in Ansätzen – ebenso wenig wie in anderen Medien. Dafür sorgt Goebbels. So verbietet er die Zeitschrift „Der Querschnitt“, als sie 1936 einen <a href="https://iiif.arthistoricum.net/mirador/#f84beb48-9d69-48c7-8d4a-22fc9d9f89ec" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Beitrag</a> mit der Überschrift „Fremdwörterbuch“ veröffentlicht, der Definitionen enthält wie „Absurd: wenn einer auf bessere Zeiten hofft“, „Journalismus: Seiltanz zwischen den Zeilen“ und „Makulatur: die öffentliche Meinung von gestern“. Und im Januar 1939 verhängt er ein Auftrittsverbot über das Gesangstrio „Die drei Rulands“, nachdem es im „Kabarett der Komiker“ die nationalsozialistischen Umbaupläne für die Reichshauptstadt Berlin aufs Korn genommen hat. Selbst eine Intervention von Albert Speer, auf den die Kritik zielte und der sie als unverfänglich empfand, kann daran nichts ändern.</p>



<p>Dass in der Sowjetunion Satiren erscheinen dürfen, die die alltäglichen Verhältnisse in so drastischer Form anprangern, registriert der Propagandaminister mit kühler Verachtung. Er sieht darin</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[den] Beweis dafür, daß den Bolschewiken auch jedes Gefühl für das Abstoßende dieser Darstellungen fehlt. Da haben wir uns den richtigen Bundesgenossen angelacht. Wenn uns nicht das Wasser bis zum Halse gestanden hätte, [&#8230;]</blockquote>



<p>Am 28. April 1940 hält Goebbels im Tagebuch eine Lagebesprechung vom Vortag fest und vermerkt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Führer amüsiert sich sehr über Sostschenkos Buch „Schlaf schneller, Genosse!“, das ich ihm gegeben hatte. Ich lese eine Anekdote daraus vor. Wir lachen sehr darüber.</p></blockquote>



<p>Unter den Teilnehmern der Besprechung ist auch Alfred Rosenberg, der ‚Chefideologe‘ der NSDAP, der wenige Monate darauf mit seinem „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ den Raub von Kulturgütern in den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas organisieren wird.</p>



<p>Er trägt für den 27. April 1940 in sein <a href="https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn73077#?rsc=131001&amp;cv=404&amp;c=0&amp;m=0&amp;s=0&amp;xywh=-1554%2C150%2C5211%2C2745" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tagebuch</a> ein:</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p> </p><p>Während des Essens wurde mit Gelächter die Übersetzung des russischen Buches „Schlaf schneller, Genosse“ besprochen. Der Führer hat eine halbe Nacht darangesetzt, um diese Bilder des Elends a. d. Sowjetunion, „humoristisch“ geschildert, durchzulesen. Die Bücher wurden gleich für jene besorgt u. verteilt, die die Schrift noch nicht kannten.</p><p></p></blockquote>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="900" height="649" data-attachment-id="104860" data-permalink="https://tell-review.de/rosenberg/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?fit=983%2C709&amp;ssl=1" data-orig-size="983,709" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Rosenberg" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?fit=900%2C649&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=900%2C649&#038;ssl=1" alt="Ausschnitt aus dem handgeschriebenen Tagebuch von Alfred Rosenberg, Eintrag vom 30.04.1940" class="wp-image-104860" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?w=983&amp;ssl=1 983w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=300%2C216&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=80%2C58&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=768%2C554&amp;ssl=1 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></a></figure>
</div>
</div>



<p>Im November 1949 notiert Albert Speer im Spandauer Gefängnis eine ähnliche Episode, die aber nicht, wie die Besprechung vom 27. April, in Berlin, sondern auf dem Berghof bei Berchtesgaden stattfand. Speer verlegt sie irrtümlich in den Sommer 1939, vor den Beginn des Kriegs und den Erscheinungszeitpunkt des Buchs – das zeigt, wie wenig die Realität des Krieges zu dieser Zeit in seinem Bewusstsein präsent war.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir traten in die Veranda. Und ganz unvermittelt, wie es seine Art war, begann er [<em>Hitler</em>] plötzlich von ganz Banalem zu reden. Seit Monaten war das Buch von Soschtschenko: <em>Schlaf schneller, Genosse!</em> ein Gesprächsgegenstand auf dem Berghof. Wieder erzählte er einzelne Episoden und wurde dabei von Lachen überwältigt. Bormann bekam den Auftrag, einen Fahrer nach München zu schicken und jedem von uns ein Exemplar des Buches zu besorgen. Ich habe übrigens nie herausgefunden, ob er Soschtschenkos Kritik am Sowjetsystem oder Soschtschenkos Humor mehr schätzte. – Aber ich habe damals wohl auch nicht viel darüber nachgedacht.</p></blockquote>



<p>Dafür, dass Hitler Soschtschenkos Humor zu schätzen gewusst hätte, spricht wenig. Die Tagebucheinträge von Goebbels und Rosenberg bekräftigen eher, was ohnehin naheliegt: Für die Herrenmenschen der NS-Führung ist das Buch schlicht ein Anlass, ihrer Häme über die primitiven Zustände in der „jüdisch-bolschewistischen“ Sowjetunion freien Lauf zu lassen und sich im Gefühl der vermeintlichen Überlegenheit zu sonnen.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Ein Jahr später, im Mai 1941, läuft der US-Nachrichtenkorrespondent Howard K. Smith trübsinnig über den Wittenbergplatz im Berliner Westen. Die Atmosphäre in NS-Deutschland ist für ihn unerträglich geworden. Er hat seine Kündigung bei United Press eingereicht und wartet nur noch darauf, abreisen zu können. Smith bleibt vor einer Buchhandlung stehen, an der er öfters vorbeikommt. Sie befindet sich auf der Südseite des Wittenbergplatzes, gleich neben der <a href="https://www.alamy.de/alois-ein-stiefbruder-adolf-hitlers-eroffnete-mit-diesem-werbeplakat-sein-restaurant-am-wittenbergplatz-in-berlin-automatisierte-ubersetzung-image446960503.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gaststätte „Alois“</a>, die von <a href="https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/neuer-name-nach-dem-krieg-seine-kneipe-war-beliebter-nazi-treffpunkt-das-bewegte-leben-von-hitlers-halbbruder-alois_id_12969656.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hitlers älterem Halbbruder</a> betrieben wird.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-jetpack-image-compare"><div class="juxtapose" data-mode="horizontal"><img loading="lazy" decoding="async" id="104967" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Alois-II-scaled-e1642162968227.jpg?ssl=1" alt="" width="2336" height="1516" class="image-compare__image-before"/><img loading="lazy" decoding="async" id="104968" src="https://i1.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Alois-scaled-e1642163080885.jpg?ssl=1" alt="" width="2336" height="1516" class="image-compare__image-after"/></div></figure>
</div>
</div>



<p>Beim Blick ins Schaufenster der Buchhandlung stutzt Smith: Das Buch <em>Schlaf schneller, Genosse</em>, das dort seit Anfang letzten Jahres ausgelegen hat, fehlt. Er betritt den Laden und fragt nach Büchern über die Sowjetunion. Die Buchhändlerin legt ihm die üblichen Propagandatitel vor. Der beliebte Satirenband ist nicht mehr im Sortiment.</p>



<p>Smith vereinbart ein Treffen mit einem Informanten und erfährt, Hitler habe eine Reihe von Forderungen an Stalin gestellt. Unter anderem solle die Ukraine für 99&nbsp;Jahre an das Deutsche Reich verpachtet werden. Das erweist sich später zwar als ein von der NS-Führung vermutlich gezielt in Korrespondentenkreisen platziertes Gerücht, aber es ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich eine Konfrontation mit der Sowjetunion anbahnt. Smith beschließt, in Deutschland zu bleiben und heuert beim Radionetzwerk CBS an. Am 22.&nbsp;Juni wird er nachts aus dem Bett geklingelt und für fünf Uhr morgens zu einer Pressekonferenz im Außenministerium bestellt. Zwei Stunden zuvor hat der Überfall der deutschen Truppen auf die Sowjetunion begonnen: Auf einer über zweitausend Kilometer breiten Front durchbricht die Wehrmacht mit 121 Divisionen die sowjetische Grenze.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Die Hinweise auf die Tagebucheinträge von Rosenberg, Speer und Goebbels gehen auf einen <a rel="noreferrer noopener" href="https://a-dyukov.livejournal.com/1447257.html" target="_blank">Blogeintrag des russischen Historikers Alexander Djukow</a> zurück, der im <a rel="noreferrer noopener" href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Зощенко,_Михаил_Михайлович" target="_blank">russischen Wikipedia-Artikel zu Michail Soschtschenko</a> verlinkt ist.</p>


</div></div>
</div></div>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild und Foto der Postkarte: Anselm Bühling<br>Auszug aus dem handschriftlichen Tagebuch Alfred Rosenbergs: <a href="https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn73077#?rsc=131001&amp;cv=404&amp;c=0&amp;m=0&amp;s=0&amp;xywh=-1437%2C-121%2C5611%2C3285" target="_blank" rel="noopener noreferrer">United States Holocaust Memorial Museum</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; Lektüre für den Führer<br>3 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
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<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"></a></p></div>
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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 May 2022 08:10:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Band mit sowjetischen Satiren erscheint 1940 auf Deutsch. Ursprünglich als NS-Propaganda veröffentlicht, wird er in Deutschland zu einem Longseller. Im Schicksal des Buchs spiegelt sich ein Stück Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; Ein Buch macht Karriere<br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Ein Buch macht Karriere</h1>



<p class="has-drop-cap">Im Januar 1940 erscheint bei Rowohlt ein kleines rotes Buch, einer von nur neun Titeln, die der Verlag in diesem Jahr herausbringt. Bücher sind damals schwer zu produzieren, werden aber stark nachgefragt. Gut vier Monate zuvor hat NS-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselt. Lebensmittel und Bedarfsgüter gibt es nur noch auf Bezugsschein. Juden erhalten reduzierte Lebensmittelrationen, ab Februar 1940 streicht man ihnen die Kleiderkarten. Sie müssen ihre Wohnungen aufgeben und in „Judenhäuser“ ziehen, aus denen sie später in die Vernichtungslager deportiert werden.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Titel und Inhalt des Buchs sind für die Zeit ungewöhnlich. Es heißt: <em>Schlaf schneller Genosse – Sowjetrussische Satiren</em>. Der Klappentext wirbt:  </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p> </p>



<p>Die in diesem Sammelband vereinigten Kabinettstücke satirischer kleiner Prosa sind von der russischen Presse in alle Schichten des Volkes getragen worden und haben die Namen Sostschenko, Schischkow, Romanow und Katajew bekannt und berühmt gemacht. Der deutsche Leser nimmt durch sie zum erstenmal wieder am geistigen Leben und am ungezwungenen Lachen des neuen Rußland teil.</p>



<p></p>
</blockquote>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="625" height="1030" data-attachment-id="104850" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/ssg_1940-1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?fit=1553%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1553,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="ssg_1940-1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?fit=625%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1.jpg?resize=625%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104850" style="width:302px;height:496px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=625%2C1030&amp;ssl=1 625w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=768%2C1266&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=932%2C1536&amp;ssl=1 932w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=1243%2C2048&amp;ssl=1 1243w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=1300%2C2143&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=300%2C494&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?w=1553&amp;ssl=1 1553w" sizes="auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px" /></figure>
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<p>Die kurzen Geschichten, die zwischen den frühen 1920er Jahren und 1938 entstanden sind, handeln von Bürokratismus, Misswirtschaft, Wohnungsnot, Armut, Korruption und anderen Missständen des sowjetischen Alltags. Sie sind für ein Publikum geschrieben, das mit diesem Alltag vertraut ist und arbeiten mit unterschiedlichen literarischen Registern – von der Groteske bis zur Tragik, von der Zuspitzung bis zur Verdichtung.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="478" height="827" data-attachment-id="105000" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/m-_zoshchenko/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?fit=478%2C827&amp;ssl=1" data-orig-size="478,827" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="M._Zoshchenko" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?fit=478%2C827&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=478%2C827&#038;ssl=1" alt="Michail Soschtschenko" class="wp-image-105000" style="width:200px;height:346px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?w=478&amp;ssl=1 478w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=173%2C300&amp;ssl=1 173w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=46%2C80&amp;ssl=1 46w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=300%2C519&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 478px) 100vw, 478px" /></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p>Die meisten Texte, mehr als zwei Drittel, stammen von Michail Soschtschenko (so die heute übliche Transkription). Der 1894 geborene Autor erfreut sich damals einer ungeheuren Popularität. Überall in der Sowjetunion strömt das Publikum zu seinen Lesungen. Es kennt seine Texte aus den Zeitungen und der einzigen noch verbliebenen Satirezeitschrift „Krokodil“. Seine Bücher erscheinen in großer Auflage und finden auch im Ausland Anklang. Soschtschenko hat einen ganz eigenen Ton entwickelt. Er schließt an die Tradition des <em>skaz</em> an, der Wiedergabe der gesprochenen Sprache bei Autoren wie Gogol und Nikolai Leskow. Aber bei ihm ist es die Umgangssprache der neuen, sowjetischen Gesellschaft, die Eingang in die Literatur findet.</p>
</div>
</div>



<p>Das Nachwort der Rowohlt-Ausgabe zitiert Soschtschenko mit den Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich parodiere nur. Ich parodiere einen von mir erdachten Proletarierschriftsteller, der in gegenwärtiger Zeit bei den herrschenden Lebensbedingungen existieren könnte.</p>
</blockquote>



<p>Die Satiren sind oft aus der Ich-Perspektive geschrieben und skizzieren ihre Charaktere mit mindestens ebenso viel Liebe wie Spott. Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede zwischen Autor, Erzähler, Figuren und Publikum hier zu verschwimmen. Alle sitzen im gleichen Boot, alle sind Teil eines umfassenden „Wir“. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass Soschtschenko kunstvoll mit Distanz und Nähe spielt. Er montiert die Phrasen der neuen Zeit in seine Texte und lässt dabei sprachliche Versatzstücke absichtlich unbeholfen aufeinanderprallen. </p>



<p>„Schlaf schneller, Genosse“, die Titelgeschichte des Rowohlt-Bands, handelt von einem Reisenden, der mit Mühe ein Hotelbett ergattern kann, aber nicht zur Ruhe kommt wegen des schlechten Betts, der Wanzen, der dünnen Wände und des Lärms im Hof. Über dem Bett hängt ein Schild mit der Parole: „Schlaf schneller, Genosse, Dein Kissen benötigt schon ein anderer!“</p>



<p>In einer anderen Geschichte sehen die Bewohner bestürzt, in welch elenden Verhältnissen sie leben, als in ihrem Haus eine elektrische Beleuchtung installiert wird. Der Erzähler kratzt das letzte Geld zusammen, um sein Zimmer zu renovieren, doch seine Wirtin schneidet die Stromleitung durch, weil sie ihre dürftigen Räume nicht so grell beleuchtet sehen möchte – sie kann sich ihrerseits eine Renovierung nicht leisten.</p>



<p>Ins Deutsche übertragen wurden die Texte von Grete Willinsky. Sie ist 1906 in der Hafenstadt Libau (heute Liepāja in Lettland) geboren, die damals als Teil des Gouvernements Kurland zum Russischen Reich gehörte. Willinskys deutsche Fassungen wirken deutlich gröber als die russischen Vorlagen. Sie sind teils nicht durchgearbeitet, teils zielen sie auf den schnellen Effekt, und manchmal fehlen ganze Passagen. Trotzdem geht Soschtschenkos Komik nicht ganz verloren. Aber das, was von dieser Komik bleibt, findet sich hier in einem völlig anderen Umfeld wieder.</p>



<p class="has-text-align-center">*  *  *</p>



<p>Anfang 1940, als das Buch bei Rowohlt erscheint, sind NS-Deutschland und die UdSSR faktisch Verbündete. Die Unterzeichnung des „deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts“ – bekannt als „Hitler-Stalin-Pakt“ – am 23. August 1939 hat die Voraussetzungen für den deutschen Überfall auf Polen geschaffen, mit dem der Krieg beginnt. Seit Oktober 1939 haben Deutschland und die Sowjetunion das Staatsgebiet der Zweiten Polnischen Republik unter sich aufgeteilt. In dieser politisch-militärischen Großwetterlage passt der Titel gut ins Programm.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p>Dass der Rowohlt-Verlag nach der Unterzeichnung des Pakts und dem Kriegsbeginn nur vier Monate braucht, um das Buch auf den Markt zu bringen, hängt wohl auch damit zusammen, dass die meisten Texte schon fertig auf Deutsch vorliegen. Die Übersetzerin Grete Willinsky hat 1938 bereits den Band <em>Sowjet-Rußland in der Satire</em> herausgegeben – bei „Dr. Hermann Eschenhagen / Ohlau“. Dieser Kleinverlag publiziert sonst unter anderem Bücher zur „Welteislehre“, einer pseudowissenschaftlichen Theorie, zu deren Anhängern Heinrich Himmler und andere führende Nazis zählen. Die sowjetischen Satiren werden hier unmissverständlich in den Dienst der NS-Propaganda gestellt. Auf der Impressumsseite des Buchs findet sich der Hinweis: </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%"><div class="wp-block-image">
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</div>


<p>Im Vorwort dieser Ausgabe stimmt Willinsky die Leserschaft entsprechend ein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>An der Spitze des Rätereiches aber stand eine volksfremde Gewalthaberkaste, die mit der programmmäßigen Vernichtung des Individuums und des Eigentums auch das echte Gemeinschaftsgefühl aus dem russischen Volk ausrottete. Aus den Mietshäusern der Städte, aus den Kommunalwohnungen, in denen auch heute noch ganze Familien in einem Zimmer zusammengepfercht leben, stieg wie übler Geruch Zwietracht empor. Und kein Dichter kann dieses lichtlose Leben des Hasses, der Enge und der Zerstörung zu einem „Hohen Lied“ bolschewistischer Gemeinschaft erklären.</p>
</blockquote>



<p>Nachdem die NS-Führung kurz vor Kriegsbeginn ein taktisches Bündnis mit der „volksfremden Gewalthaberkaste“ geschlossen hat, ist die Zeit nun offenbar günstig, die Texte bei einem großen Publikumsverlag unterzubringen. Erweitert um neue Übersetzungen, erscheinen sie in professionellerer Aufmachung bei Rowohlt, abgestimmt auf die veränderte Lage und das verlegerische Umfeld.</p>



<p>In ihrem Nachwort findet Grete Willinsky den dazu passenden Tonfall. Jetzt heißt es geradezu verständnisvoll:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Registrierung der Gegenwart in ihren Erscheinungsformen ist der hervorstechendste Zug der neuen russischen Dichtung überhaupt. […] Und weil in den neuen Verhältnissen und werdenden Formen oft noch nicht erreicht ist, was erreicht werden soll, geschieht die Registrierung bei Sostschenko, Katajew und anderen eben in satirischem, ironischem Ton.</p>
</blockquote>



<p>Das Buch wird ein Erfolg, die erste Auflage von 3000 Exemplaren ist innerhalb weniger Tage ausverkauft. Zu den begeisterten Lesern gehört der Berliner Korrespondent der US-Nachrichtenagentur United Press, Howard K. Smith, der einen ausführlichen Beitrag darüber schreibt. In seinem 1942 erschienenen Bericht <em>Last train from Berlin</em> gibt er den Kommentar einer deutschen Bekannten wieder, der er sein Exemplar ausleiht: „Unglaublich. Kein deutscher Schriftsteller könnte so etwas über Deutschland schreiben. Er würde einen Kopf kürzer gemacht.“ Smith meint, das Buch habe eher dazu beigetragen, das Ansehen der Sowjetunion in Deutschland zu heben. Das mag für einen Teil des Lesepublikums zutreffen. Andere hingegen lesen es mehr oder weniger als realistische Beschreibung sowjetischer Zustände und sonnen sich im Gefühl der eigenen Überlegenheit. Solche Leser finden sich nicht zuletzt in der NS-Führung.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild, Buchcover und Buchausschnitt: Anselm Bühling.<br> Porträtfoto Michail Soschtschenko: Gemeinfrei, via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:M._Zoshchenko.jpg">Wikimedia Commons</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; Ein Buch macht Karriere<br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
</div></div>
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		<title>Wir sind keine Zuschauer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Mar 2022 09:02:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Ukraine kämpft für das, was für uns Westeuropäer selbstverständlich ist: eine Gesellschaft, in der wir nach unseren Vorstellungen leben können. Welche Verantwortung haben wir in diesem Krieg?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p>In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>22. März 2022: <a href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>24. März 2022: <a href="https://tell-review.de/krieg-oder-kein-krieg/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Krieg oder kein Krieg?</a> (Hartmut Finkeldey)</li>



<li>25. März 2022: <a href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wird Schönheit die Welt retten?</a> (Agnese Franceschini)</li>



<li>26. März 2022: <a href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<div style="height:43px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p style="font-size:16px"><em>In Erwägung, dass ihr uns dann eben<br>Mit Gewehren und Kanonen droht<br>Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben<br>Mehr zu fürchten als den Tod</em></p>



<p class="has-small-font-size">Bertolt Brecht, Resolution der Kommunarden</p>



<div style="height:31px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-drop-cap">Die Leute leben weiter ihr gewohntes Leben. Sie posten Katzenbilder auf Instagram. Und sie üben schießen.“ Das sagte eine Freundin, die beruflich enge Kontakte in die Ukraine hat, zwei Wochen vor dem russischen Überfall auf das Land.</p>



<p>Die Bedrohung war da schon seit Monaten offensichtlich und zugleich merkwürdig ungreifbar. Etwas würde passieren, aber was? Die US-Regierung warnte immer wieder, ein Angriff auf die gesamte Ukraine stehe unmittelbar bevor. Wusste sie wirklich etwas oder war das ein verantwortungsloses Vabanquespiel?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Frieden schaffen ohne Waffen?</h2>



<p>Der Gedanke, dass sich in der Ukraine nun ganz normale Menschen im Umgang mit Waffen üben, berührte mich unangenehm. Ich bin ein deutsches Nachkriegskind und habe Anfang der Achtziger den Wehrdienst verweigert. Waffen sind dazu da, Menschen zu töten. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, das zu tun. Aber ich musste es mir in meinem Leben auch nie wirklich vorstellen. Ich war gegen die Bundeswehr. Ich war gegen die NATO und allemal gegen Aufrüstung. Dass ich in einem geteilten Land lebte, und zwar in der Hälfte, in der ich gegen die Aufrüstung der eigenen Seite auf die Straße gehen konnte, das war für mich einfach eine Gegebenheit. Niemand würde mein Land überfallen – und selbst wenn, es würde irgendwie schon verteidigt werden, auch ohne mich.</p>



<p>Eine Woche nach dem Gespräch mit unserer Freundin stand ich zusammen mit ein paar hundert Leuten am Brandenburger Tor, um Solidarität mit der Ukraine zu fordern. Mein Bekannter Lew, der mit seiner Familie aus Moskau nach Berlin emigriert ist, bestand darauf, dass Deutschland auch Waffen liefern müsse. Ich weiß nicht, sagte ich, es gibt doch auch andere Maßnahmen. Es müssen doch nicht alle das Gleiche tun, und gerade Deutschland… Weiter kam ich nicht. Genau das, fiel Lew mir erregt ins Wort, genau diese noble Haltung, sich nicht die Hände schmutzig machen zu wollen – das werde dazu beitragen, dass jetzt Ähnliches geschieht wie 1938 mit Hitlers Überfall auf die Tschechoslowakei.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Flucht oder Kampf</h2>



<p>Fünf Tage später fiel Putins Armee über die Ukraine her. Eine Freundin war gerade in Kyjiw. Ihr Vater war zwei Tage vor dem Angriff gestorben. Jetzt musste sie zusehen, dass sie ihre 85jährige Mutter so schnell wie möglich aus der Stadt und aus dem Land bringen konnte. Die Mutter war 1941 als kleines jüdisches Mädchen vor den Deutschen nach Russland geflohen und hatte so überlebt. Als alte Frau floh sie nun vor den Russen nach Deutschland.</p>



<p>Fliehen, um am Leben zu bleiben. Ausharren und hoffen zu überleben. Oder kämpfen und sein Leben aufs Spiel setzen. Andere Optionen gibt es nicht für die Menschen in einem überfallenen Land.</p>



<p>Auch viele russische Freunde haben über Nacht ihre Heimat verlassen. Sie wurden nicht beschossen und bombardiert. Aber sie erlebten schon seit langem, dass die wenigen verbliebenen Freiräume nach und nach geschlossen wurden. „Es gibt keine Luft“, hieß es immer öfter. Jetzt ging alles rasend schnell. Plötzlich war es verboten, von „Krieg“ statt von „militärischer Spezialoperation“ zu sprechen. <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.youtube.com/watch?v=YnkTLKJt6K0" target="_blank">Die Propagandamaschine lief auf Hochtouren.</a> Dann gab es Gerüchte, bald werde das Kriegsrecht verhängt und niemand komme mehr aus dem Land. Tausende packten von einem Tag auf den anderen die Koffer. Andere bleiben, versuchen etwas zu tun und wissen nicht, was sie erwartet.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine lebenswerte Gesellschaft</h2>



<p>Für uns ist es selbstverständlich, dass wir uns öffentlich äußern und unsere Gesellschaft mitgestalten können, auch wenn das nicht immer so leicht geht, wie es sich sagt. Es gibt Machtstrukturen, unterschiedliche Vorstellungen, manche Stimmen dringen nicht durch, andere finden sofort Gehör. Aber wir werden weder getötet noch eingesperrt, wenn wir für unsere Überzeugungen eintreten und so leben, wie es uns entspricht. Für viele, die hier leben, war das immer schon so; wir mussten nichts dafür tun und nehmen es kaum noch wahr. „Wir leben in einer Diktatur!“ rief letztes Jahr eine Kollegin bei einem Übersetzerstammtisch empört, weil sie mit den Coronamaßnahmen nicht einverstanden war. Wer so redet, hat den Unterschied nicht begriffen.</p>



<p>„Wir hatten ein normales Leben. Wir konnten sagen, was wir wollten.“ Das habe ich in den letzten Tagen mehrfach von ukrainischen Flüchtlingen gehört. Dass es in ihrem Land Probleme gibt, ist ihnen völlig klar, und sie können sich genauso darüber ereifern wie wir. Selenskyjs Beliebtheit hatte vor dem Überfall einen Tiefstand erreicht. Aber jetzt steht für diese Menschen das auf dem Spiel, was sich für uns von selbst versteht: eine Gesellschaft, die ihnen nicht die Luft abschnürt, sondern Raum lässt, sich einzubringen und ihre Interessen öffentlich zu vertreten. Sie wussten von Anfang an, dass niemand anders diese Gesellschaft für sie verteidigen wird. Sie hatten nur die Wahl, aufzugeben oder einen scheinbar aussichtslosen Kampf aufzunehmen. Sie haben sich entschieden, ohne uns erst um Rat zu fragen.</p>



<p>Selenskyjs Weigerung, sich in die USA ausfliegen zu lassen, hat nicht nur im eigenen Land die Kräfte mobilisiert, sondern auch dazu geführt, dass die westlichen Länder ihre Unterstützung erheblich ausgeweitet haben. Das ist gut so, denn wer vor Gewalt und Schrecken zurückweicht, sorgt dafür, dass sich Verhältnisse ausbreiten, in denen die Angst regiert. Pazifismus wird widersinnig, wo er demjenigen den Weg ebnet, der seine Waffen am skrupellosesten einsetzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Energie-Embargo jetzt</h2>



<p>Drei Wochen nach dem russischen Überfall sieht die Lage ganz anders aus, als es anfangs die meisten erwartet hätten: Der Angriff auf die Ukraine ist für Putin zum Desaster geworden. Die russische Invasion kommt allenfalls schleppend und unter großen Verlusten voran. Die ukrainische Regierung ist im Amt und in einer weit besseren Position, als es anfangs möglich schien.</p>



<p>Alles was verantwortbar getan werden kann, um den Angreifer zurückzudrängen, muss getan werden. Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk hat bei einer Diskussion im Literaturhaus Stuttgart zu Recht <a href="https://vimeo.com/683720956#t=2h14m00s" target="_blank" rel="noreferrer noopener">darauf hingewiesen</a>, dass über die Einrichtung von Flugverbotszonen nicht Schriftsteller und öffentliche Intellektuelle entscheiden sollten, sondern militärische und strategische Experten: „Der dritte Weltkrieg wird die Ukraine auch nicht retten.“</p>



<p>Das ist ein guter Grund, nicht sofort auf alles einzugehen, was gefordert wird. Unsere eigene Befindlichkeit dagegen ist kein guter Grund. Wenn ein Embargo von russischem Gas und Öl dazu beitragen kann, die Finanzierung dieses Angriffskriegs früher zu stoppen, dann ist dieses Embargo nötig – und zwar jetzt und nicht irgendwann später. Wir täuschen uns, wenn wir uns einreden, wir seien nur Zuschauer. Wir spielen mit in diesem Stück. Es wird erst enden, wenn dem, der das alles ins Werk gesetzt hat, die Bühne entzogen worden ist.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



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		<title>Schattenlektüre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Jul 2021 09:47:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
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					<description><![CDATA[Die „Recherche“ drängt nicht zur Eile. Sie wartet geduldig auf diejenigen, die beim Lesen Zeit verlieren.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Aus Anlass von Marcel Prousts 150. Geburtstag berichten wir eine Woche lang von unseren geglückten und gescheiterten Versuchen der Lektüre von&nbsp;<em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</em>.<br>Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/page-99-test-marcel-proust/" target="_blank">Page-99-Test Marcel Proust</a> von Sieglinde Geisel</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/in-den-veraestelungen-des-menschlichen-gemuets/" target="_blank">In den Verästelungen des menschlichen Gemüts</a> von Frank Heibert</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/proust-oder-joyce/" target="_blank">Proust oder Joyce?</a> von Herwig Finkeldey</li><li><a href="https://tell-review.de/doppeltes-scheitern/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Doppeltes Scheitern</a> von Sieglinde Geisel</li></ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap">Ich stand kurz vor dem Abitur und hatte seit einigen Monaten eine Freundin, die erste. Vielleicht war sie es, die mich auf Proust brachte, vielleicht jemand aus ihrem Freundeskreis. Die angejahrten Taschenbücher der „werkausgabe edition suhrkamp“ sahen genauso aus wie die in der gleichen Reihe erschienene Brecht-Gesamtausgabe. Der Name der Übersetzerin, Eva Rechel-Mertens, passte irgendwie zum sachlichen Grau des Leinenkartons. Beim Versuch, in den Bänden zu lesen, fielen sie unweigerlich auseinander.</p>



<p><em>In Swanns Welt</em> stand auf dem Einband des ersten Buchs, und ich fand mich in dieser Welt bald zurecht. Ich sah das, was sie mit meiner eigenen zu tun hatte. Die Wahrnehmungen, Erlebnisse, die Leidenschaft Swanns für Odette, die Ängste, die Selbstqual und Eifersucht, die Seligkeiten: Das alles kannte ich! Das erlebte ich doch gerade selbst! Proust wurde mein Begleiter beim Ausgang aus der Pubertät. Ich fand bei ihm das in Worte gefasst, wofür ich eine Sprache suchte.</p>



<p>Und las weiter, bis ich es nicht mehr tat. Das war schon in einer neuen Welt, der <em>Welt der Guermantes</em>. Ich klappte das Buch zu mit dem guten Gefühl, jederzeit zurückkehren zu können an diesen Ort. Das Leben war lang. Und dies war kein Werk, das mich nötigte, es in einem Stück durchzulesen. Es würde auf mich warten.</p>



<p>Das tut es bis heute. Ich habe seither manches über die <em>Recherche</em> und ihren Autor gelesen, aber die Lektüre selbst nicht fortgesetzt. Ginge das überhaupt? Wohl nicht mehr so wie damals, unmittelbar nacherlebend. Der Sinn für all das, was den Erzählenden und seine Welt vom Lesenden und der seinen unterscheidet, ist inzwischen geschärft. Der Schatten hat all die Jahrzehnte sein eigenes Leben geführt.</p>



<p>Du kehrst nicht ein zweites Mal als derselbe Mensch an denselben Ort zurück. Du tunkst die Madeleine nicht zweimal in denselben Tee. Und doch bleibt es dabei, dass dich im letzten Band dieser Satz erwartet: „In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.“</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Wolf Gang via <a href="https://www.flickr.com/photos/wolfgangkuhnle/9017943802" target="_blank" rel="noopener noreferrer">flickr</a> (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC BY-SA 2</a>) – bearbeitet</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die Anklägerin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 May 2021 06:52:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[NS-Verbrechen]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Mannheimer Staatsanwältin Barbara Just-Dahlmann hat für Prozesse gegen NS-Verbrecher polnischsprachige Zeugenaussagen ausgewertet und übersetzt. Aus einem nebenberuflichen Einsatz wurde für sie eine Lebensaufgabe. Eine Erinnerung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Rosalia Bauer arbeitete im Februar 1943 in einer Apotheke, als sie sah, wie eine Bekannte ins Gefängnis geführt wurde. Sie hatte ihre kleine Tochter dabei, die an ihrer Schulter lehnte. „Pahl ging hinter den beiden mit gezogener Waffe her. [&#8230;] Plötzlich hörte ich einen Schuss und gleich nach dem Schuss sah ich, wie das Mädchen [&#8230;] blutüberströmt vor den Türen der Apotheke niederfiel.“ Am selben Tag sah sie eine weitere Gruppe von Juden, die ins Gefängnis gebracht wurden. Ein Mann hielt ein fünfjähriges Kind in den Armen. „Plötzlich sah ich [&#8230;], wie Pahl aus einer Waffe auf das Kind schoss, welches [&#8230;] zur Erde fiel und kein Lebenszeichen mehr von sich gab.“</p></blockquote>



<p class="has-drop-cap">Diese Schilderung stammt aus Omer Bartovs Buch <em>Anatomie eines Genozids</em>, das Ende März in meiner Übersetzung auf Deutsch erschienen ist. Bartov, Historiker an der Brown University in Providence (USA), rekonstruiert in dem Buch, wie sich der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung im Mikrokosmos der kleinen galizischen Stadt Buczacz abgespielt hat. Die Zeugin Rosalia Bauer berichtet von zwei willkürlichen Morden an Kindern, die der Polizist Peter Pahl, Angehöriger der deutschen Gendarmerie in Buczacz, innerhalb eines Tages beging. Es gibt zahlreiche Berichte über weitere Mordtaten Pahls und seiner Kollegen. Sie wirkten nicht nur bei der Durchführung der Massenerschießungen mit, sondern verbreiteten auch im Alltag Angst und Schrecken unter der jüdischen Bevölkerung des Ortes, die nach und nach vor aller Augen systematisch umgebracht wurde.</p>



<p>Bauers Aussage findet sich in Ermittlungsakten der <em>Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen</em> in Ludwigsburg. Die Zeugin wurde, ebenso wie viele andere Überlebende, auf Polnisch befragt. Unter den Vernehmungsprotokollen steht immer wieder eine Unterschrift:</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="438" height="120" data-attachment-id="101766" data-permalink="https://tell-review.de/die-anklaegerin/unterschrift_jd_ii/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Unterschrift_JD_II.jpg?fit=438%2C120&amp;ssl=1" data-orig-size="438,120" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1616281010&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Unterschrift_JD_II" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Unterschrift_JD_II.jpg?fit=438%2C120&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Unterschrift_JD_II.jpg?resize=438%2C120&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-101766" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Unterschrift_JD_II.jpg?w=438&amp;ssl=1 438w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Unterschrift_JD_II.jpg?resize=300%2C82&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Unterschrift_JD_II.jpg?resize=80%2C22&amp;ssl=1 80w" sizes="auto, (max-width: 438px) 100vw, 438px" /></figure></div>



<p>Der Umgang mit solchen Berichten geht an niemandem spurlos vorüber, das habe auch ich beim Übersetzen erfahren. Irgendwann begann ich mich zu fragen, wer hinter dieser Unterschrift steht: Wer war die Staatsanwältin, die alle diese entsetzlichen Schilderungen geprüft und dafür gebürgt hat, dass sie korrekt ins Deutsche übertragen wurden? Welche Rolle spielte sie bei der juristischen Aufarbeitung der NS-Morde, und wie hat sich das auf ihr Leben ausgewirkt? Ich gab ihren Namen in eine Suchmaschine ein.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Von Poznán nach Baden</h2>



<p>Barbara Dahlmann wird am 2.&nbsp;März&nbsp;1922 in Poznań (deutsch: Posen) geboren und wächst auf dem elterlichen Gut etwa zwanzig Kilometer nördlich der Stadt auf. Die Provinz Posen, vor dem Ersten Weltkrieg Teil des Deutschen Kaiserreichs, gehört damals zu Polen. 1939 macht Dahlmann ihr Abitur. Kurz darauf marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein.</p>



<p>Während sich der Zweite Weltkrieg entfesselt, beginnt Dahlmann ein Studium der Philologie in Breslau. Im Oktober 1940 geht sie nach Freiburg im Breisgau und wechselt ins Jurastudium. Sie wird Assistentin des Strafrechtlers und Rechtsphilosophen Erik Wolf, der dem Nationalsozialismus nach anfänglicher Begeisterung inzwischen distanziert gegenübersteht. Nach ihrer Promotion 1944 kehrt sie für kurze Zeit ins Elternhaus zurück und arbeitet als Rot-Kreuz-Schwester im örtlichen Krankenhaus, bevor sie Anfang 1945 zusammen mit ihrer Mutter vor der heranrückenden Roten Armee nach Freiburg flieht. 1946 tritt sie in den badischen Justizdienst ein und wird 1953 – inzwischen verheiratet mit dem Richter Helmut Just – zur Staatsanwältin ernannt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Ein Unterschied wie Himmel und Hölle“</h2>



<p>1960 ist Barbara Just-Dahlmann beim Jugenddezernat der Staatsanwaltschaft in Mannheim tätig. Ende April – sie steckt mitten in einem Umzug – erhält sie eine dringende Anfrage der <em>Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen</em> in Ludwigsburg. Dort sind umfangreiche Aktenbestände aus Polen eingetroffen, die in kürzester Zeit ausgewertet werden müssen: Am 8.&nbsp;Mai, fünfzehn Jahre nach Ende des Krieges, gelten Verbrechen des Totschlags, der Körperverletzung oder Freiheitsberaubung mit Todesfolge, für die bis dahin kein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist, als verjährt. Für eine Übersetzung des Materials reicht die Zeit nicht mehr. Die Juristin, die aufgrund ihrer Herkunft fließend Polnisch spricht, soll die Dokumente direkt auf Inhalte auswerten, die Anlass zu Ermittlungsverfahren geben können. Am 2.&nbsp;Mai trifft sie in Ludwigsburg ein und vertieft sich in die Arbeit.</p>



<p>Zu diesem Zeitpunkt ist die Geschichte der Konzentrationslager, des Genozids an der jüdischen Bevölkerung und der massenhaften Morde und Gewaltverbrechen allgemein bekannt, und natürlich weiß auch Barbara Just-Dahlmann darüber Bescheid. Sie und ihr Mann haben das Buch <em>Der SS-Staat</em> von Eugen Kogon gelesen; Kogon war selbst sechs Jahre lang in Buchenwald inhaftiert und beschreibt das Lagersystem mit allen grausamen Details. Und doch ist sie nicht vorbereitet auf das, was ihr nun begegnet. In dem Dokumentationsband <em>Die Gehilfen</em>, den sie gemeinsam mit ihrem Mann herausgegeben hat, erinnert sie sich:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es ist ein Unterschied wie Himmel und Hölle, ob man von diesem monströsesten Schlachthaus der Weltgeschichte durch nackte Zahlen und juristisch-nüchtern angedeutete Fakten hört oder ob einem durch die Schilderung von Zeugen Einzelerleben nach Einzelerleben vor Augen geführt und das in seinen Dimensionen unfaßbare Grauen bewußt wird.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">„Täter“ oder „Gehilfen“?</h2>



<p>Barbara Just-Dahlmann entschließt sich, neben ihrem beruflichen Alltag als Staatsanwältin, weiter für die Zentrale Stelle in Ludwigsburg tätig zu sein. Über fünf Jahre lang, bis Ende 1966, übersetzt sie an ihren Abenden und Wochenenden Dokumente aus dem Polnischen. „Was dabei [&#8230;] zutage kam“, schreibt sie, „war so grauenhaft, dass es meinen Mann und mich damals fast in den Abgrund trieb.“</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[&#8230;] wir sind hemmungslos weinend durch unsere Wohnung gelaufen, und anteilnehmende Freunde weinten mit uns.</p></blockquote>



<p>Die Staatsanwältin und der Richter beginnen, sich mit der juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der Bundesrepublik zu befassen. Und je mehr sie erfahren, desto mehr Fragen haben sie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir wurden hellhörig: Die Strafen: zehn Jahre, acht Jahre, fünf Jahre für zigfache Mörder oder Totschläger! So viel verhängten unsere Richterkollegen doch für Raub, für Einbrecher in mehrfachem Rückfall, für Großbetrüger &#8230;? Und warum verurteilte man die Leiter von Exekutionen und andere führende Funktionäre nur als „Gehilfen“? Waren denn nur Hitler, Himmler und Heydrich noch als „Täter“ verantwortlich? [&#8230;] Das hatten wir aber in unserem Studium nicht gelernt, das widersprach der gesamten Strafrechtspraxis unseres Berufsalltags! [&#8230;] Damit mußten sich doch sofort unsere juristischen Fachzeitschriften, unsere Strafrechtslehrer an den Universitäten auseinandersetzen! Warum taten sie es nicht?</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Zehn Minuten Gefängnis für einen Mord</h2>



<p>„Wir wurden außerordentlich aktiv“, schreibt Just-Dahlmann in <em>Die Gehilfen</em>, und das scheint noch untertrieben: Zwischen 1960 und 1965 hält sie neben voller Berufstätigkeit und der nebenberuflichen Übersetzungsarbeit für Ludwigsburg insgesamt 74&nbsp;Vorträge – „in Schulen, vor Kirchengemeinden, vor Studenten, in Parteien, vor Gewerkschaften, in Universitäten, in Evangelischen Akademien sowie in der Evangelischen Akademikerschaft in verschiedenen Landesverbänden, vor Richtern und Staatsanwälten und Polizeibeamten“. </p>



<p>Am 29. November 1960 spricht sie in der Evangelischen Akademie in Loccum vor einem Forum protestantischer Juristen über die Arbeit der Zentralen Stelle. Sie nennt konkrete Beispiele für die Verbrechen, die dort verfolgt werden und erklärt, dass die Ermittlungen sich nicht gegen Mitläufer, sondern gegen Personen richten, die mit eigener Befehlsgewalt ausgestattet waren. Sie nennt auch die Hindernisse, auf die die Arbeit stößt: Die Zentrale Stelle habe erkennen müssen,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>daß sie ihre Ermittlungsakten nicht einfach an jede beliebige Polizeidienststelle in der Bundesrepublik Deutschland schicken konnte, weil sie nicht wußte, ob die Akten dort nicht in die Hände eines Beamten geraten, der zu dem von ihr gesuchten Täterkreis gehört.</p></blockquote>



<p>Und sie macht darauf aufmerksam, dass die Angeklagten teils mit einer sonst völlig unüblichen und unverhältnismäßigen Milde behandelt werden. „Ein Toter gleich zehn Minuten Gefängnis“ – diese Formel würden die Ludwigsburger Staatsanwälte „in Zeiten der Resignation“ gebrauchen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verbrecher beim Namen nennen</h2>



<p>Dieser Vortrag erregt landesweites Aufsehen. Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“ und der <a href="https://www.spiegel.de/politik/bumke-schwieg-a-5ae952fb-0002-0001-0000-000043367877">„Spiegel“</a> berichten, und aus Polizeikreisen gehen Beschwerden beim Justizministerium von Baden-Württemberg ein. Just-Dahlmann wird zu einer Anhörung vorgeladen. Am nächsten Tag erklärt Justizminister Dr. Wolfgang Haußmann im Landtag, es sei zu prüfen, „ob aus ihren Äußerungen dienstrechtliche Folgerungen zu ziehen sind“. Dazu kommt es letztlich nicht – auch, weil Just-Dahlmann breite Unterstützung aus Justiz, Politik und Presse erhält.</p>



<p>Sie redet weiter öffentlich über das, was sie erfahren hat. Dabei nennt sie nicht nur die Verbrechen beim Namen, sondern auch die Verbrecher. Und sie erinnert die Zuhörenden sehr konkret daran, dass diese Verbrecher aus ihrer Mitte stammen – etwa im Februar 1963&nbsp; in einem Vortrag in Korntal bei Ludwigsburg:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Über Treblinka und Belsec [<em>sic!</em>] gibt es den sogenannten Gerstein-Bericht [&#8230;]. Gerstein war ein Mann, der hier in Ihren Kreisen gewohnt hat und vielen von Ihnen bekannt ist. Ich glaube, er war in der CSV früher. Freunde von uns, die auch hier sitzen, kennen ihn von früher. Er berichtet von einer Besichtigung, die er in Belsec und Treblinka durchgeführt hat. Dort brachte man die Menschen in luftdicht abgeschlossenen Räumen um, wobei man sich russischer Panzer bediente und Auspuffgase vermischt mit einem Zyklon-B-Gasgemisch in diese Kammern hineinströmen ließ. Wenn der Panzer nicht funktionierte, dauerte manchmal der Todeskampf bis zu anderthalb Stunden, und vor dieser qualvollen Zeit schnitt man den Frauen die Haare, um sie für U-Boot-Dichtungen und andere Zwecke zu verwenden.<br>[…]<br>Hierhin gehört auch das Beispiel von Prof. Clauberg, über den Sie vielleicht gelesen haben und den viele ältere Mediziner unter Ihnen kennen, der früher ein geachteter Frauenarzt war. […] Er hat Sterilisationsversuche an sechs- bis zwölfjährigen Mädchen vorgenommen, indem er ihnen ohne Narkose Säure in die Gebärmutter spritzte, um dem Führer das Geld zu sparen. Oder Prof. Hirth in Straßburg, bei dem Freunde von uns – Mediziner – als Studenten noch Vorlesungen gehört haben, der sich eine Schädelsammlung zugelegt hat, weil er an Schädeln interessiert war. Am lebendigen Objekt hat er sich die Schädel im Konzentrationslager Natzweiler ausgesucht – und anschließend wurden sie ihm geliefert. Bei der Besetzung sind sie bei ihm gefunden worden, weil er keine Zeit mehr gehabt hat, sie vor seiner Flucht zu vernichten.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Verständigung durch Erzählen</h2>



<div class="wp-block-image"><figure class="alignright size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="101771" data-permalink="https://tell-review.de/die-anklaegerin/muenchen-verleihung-des-theodor-heuss-preises/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023_Muenchen_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg?fit=513%2C800&amp;ssl=1" data-orig-size="513,800" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Bundesarchiv&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Oberstaatsanw\u00e4ltin Barbara Just-Dahlmann und an die Lebenshilfe f\u00fcr geistig Behinderte e.V. B\u00fcrgeraktion zum Schutze der Demokratie e.V. M\u00fcnchen&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;M\u00fcnchen, Verleihung des Theodor-Heuss-Preises&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="München, Verleihung des Theodor-Heuss-Preises" data-image-description="&lt;p&gt;Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Oberstaatsanwältin Barbara Just-Dahlmann und an die Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V. Bürgeraktion zum Schutze der Demokratie e.V. München&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023_Muenchen_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg?fit=513%2C800&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023_Muenchen_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg?resize=237%2C370&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-101771" width="237" height="370" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023_Muenchen_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg?w=513&amp;ssl=1 513w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023_Muenchen_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg?resize=192%2C300&amp;ssl=1 192w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023_Muenchen_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/04/Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023_Muenchen_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg?resize=300%2C468&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px" /></figure></div>



<p>Gemeinsam mit ihrem Mann versucht Barbara Just-Dahlmann auch, die juristische Fachwelt zur Auseinandersetzung mit der fragwürdigen Praxis zu bewegen, NS-Verbrecher nicht als Täter, sondern „wegen Beihilfe“ zu verurteilen. 1963 verfassen die beiden ein Schreiben, das im Namen des Koordinierungsrats für christlich-jüdische Zusammenarbeit an Strafrechtslehrer an deutschen Universitäten verschickt wird. Sie zählen darin konkrete Urteile auf und bitten um Stellungnahmen. Von 58 angeschriebenen Juristen antworten ganze neun. Auch Appelle an die juristischen Fachzeitschriften in Deutschland, der Auseinandersetzung mit den NS-Urteilen Raum zu geben, bleiben weitgehend erfolglos.</p>



<p>Just-Dahlmann tritt der Arbeitsgemeinschaft „Juden und Christen“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag bei. Sie engagiert sich für die deutsch-israelischen Beziehungen und unternimmt zahlreiche Reisen nach Israel. Und sie verlegt sich wieder aufs Erzählen. Nachdem sie ihre Mitmenschen auf die Täter hingewiesen hat, die aus ihren Kreisen stammen, macht sie sie nun darauf aufmerksam, dass unter ihnen auch Menschen leben, die dem Morden entkommen sind. Ihr Buch <em>Simon</em> handelt von einem Juden aus Ostgalizien, der die Shoah mit knapper Not überlebt und den es nach einer Odyssee nach Mannheim verschlägt, dort eröffnet er die „Kakadu Bar“.</p>



<p>1968 erregt Barbara Just-Dahlmann noch einmal in anderem Zusammenhang Aufsehen: Sie setzt sich in einem Vortrag auf dem Deutschen Juristentag in Nürnberg für eine Reform des Sexualstrafrechts ein. Damit trägt sie dazu bei, dass der „Homosexuellenparagraph“ 175 ein Jahr später entscheidend liberalisiert, wenn auch noch nicht abgeschafft wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ganz normale Menschen</h2>



<p>1988 veröffentlichen Just-Dahlmann und ihr Mann Helmut Just – beide sind inzwischen pensioniert – das Buch <em>Die Gehilfen</em>, in dem sie ihren Kampf gegen die Verurteilung von NS-Tätern wegen „Beihilfe“ dokumentieren. Im Rückblick fragen sie sich, was sie und ihre Mitstreiter erreicht haben. Ihre Bilanz fällt bitter aus: Zwar konnten sie dazu beitragen, dass Verfahren, die wegen Mordes eingeleitet wurden, nicht der Verjährung anheimfielen. Aber an der Praxis der Verurteilung wegen „Beihilfe“ hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, seither waren neue juristische Schlupflöcher geschaffen worden.</p>



<p>Besonders erschüttert habe sie, so schreibt Barbara Just-Dahlmann in <em>Die Gehilfen</em>,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>daß es sich bei den Menschen, die derartiges getan haben, [&#8230;] um sogenannte ganz normale Menschen handelt&#8230;, Menschen aus allen Berufsschichten, Menschen schlichtester Herkunft, Angestellte, Lehrer, Pfarrersöhne, sehr viele Akademiker, Ärzte. Die Akademiker, vorneweg Juristen mit dem Doppeldoktor, haben die Einsatzgruppen geleitet; Ärzte, in Zahlen von Hunderten, haben an den Gucklöchern den Erstickungstod mitangesehen. [&#8230;] Das ist eine Frage, die uns sehr beschäftigen sollte, wie es möglich ist, daß Menschen, die einem ganz nahe gestanden haben, plötzlich und zwar nicht nur, weil sie abkommandiert wurden, sondern [&#8230;] sich melden konnten, an einem Urlaubstag freiwillig an derartigen Dingen mitzuwirken oder sich derartige Grausamkeiten auszudenken. [&#8230;] Dinge, die weder Hitler noch Himmler noch irgend jemand je befohlen hat, sondern die den Gehirnen der einzelnen, die diese Dinge taten, entsprungen sind. Wie ist das möglich?</p></blockquote>



<p>Der Buczaczer Gendarm Peter Pahl, der zahlreiche Menschenleben auf dem Gewissen hat, setzte seine Polizeilaufbahn in der Bundesrepublik Deutschland fort, bis er 1964 pensioniert wurde. </p>



<p>Erst 1970 kam es zu einer Anklage gegen ihn. Im Jahr darauf starb er, ohne verurteilt worden zu sein.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Gedenkstätte des ehemaligen NS-Vernichtungslagers in Belzec. <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PL_Belzec_extermination_camp_6.jpg">Lysy</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>, via Wikimedia Commons<br>Unterschrift: Bundesarchiv<br>Barbara Just-Dahlmann bei der Verleihung der Theodor-Heuss-Medaille 1970:<br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F031133-0023,_M%C3%BCnchen,_Verleihung_des_Theodor-Heuss-Preises.jpg">Bundesarchiv, B 145 Bild-F031133-0023 / Storz / CC-BY-SA 3.0</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">CC BY-SA 3.0 DE</a>, via Wikimedia Commons</h6>



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Omer Bartov<br><strong>Anatomie eines Genozids</strong><br>Aus dem amerikanischen Englisch von Anselm Bühling<br>Jüdischer Verlag / Suhrkamp Verlag 2021 · 486 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3-633-54309-0 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" identifier="978-3-633-54309-0" identifiertype="2" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span><br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783633543090&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel


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<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783633543090&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="101819" data-permalink="https://tell-review.de/die-anklaegerin/cover-bartov/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?fit=1611%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1611,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Bartov" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?fit=648%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov.jpg?resize=223%2C354&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-101819" width="223" height="354" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=648%2C1030&amp;ssl=1 648w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=768%2C1220&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=967%2C1536&amp;ssl=1 967w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=1289%2C2048&amp;ssl=1 1289w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=1300%2C2066&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?resize=300%2C477&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Cover-Bartov-scaled.jpg?w=1611&amp;ssl=1 1611w" sizes="auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px" /></a></figure>


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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Barbara Just-Dahlmann / Helmut Just<br><strong>Die Gehilfen</strong><br>NS-Verbrechen und die Justiz nach 1945<br>Athenäum Verlag 1988 · 328 Seiten<br>ISBN 978-3-610-08473-8 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" identifier="3-610-08473-1" identifiertype="2" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span></p>



<p>Antiquarisch erhältlich</p>


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<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="675" height="1030" data-attachment-id="101821" data-permalink="https://tell-review.de/die-anklaegerin/gehilfen-cover_1-1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?fit=1410%2C2153&amp;ssl=1" data-orig-size="1410,2153" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Gehilfen-cover_1-1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?fit=675%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=675%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-101821" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=675%2C1030&amp;ssl=1 675w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=768%2C1173&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=1006%2C1536&amp;ssl=1 1006w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=1341%2C2048&amp;ssl=1 1341w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=1300%2C1985&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?resize=300%2C458&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/05/Gehilfen-cover_1-1.jpg?w=1410&amp;ssl=1 1410w" sizes="auto, (max-width: 675px) 100vw, 675px" /></figure>


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<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Zum Weiterlesen</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">



<p><strong>Just-Dahlmann, Barbara</strong>: Simon. Erzählung. Radius Verlag 1988.</p>



<p><strong>Fröhlich, Claudia</strong>: „Barbara Just-Dahlmann (1922-2005). Eine streitbare Juristin im Kampf für die Aufklärung von NS-Verbrechen“. In: Kritische Justiz (Hrsg.) STREITBARE JURISTiNNEN. Eine andere Tradition. Nomos Verlag 2016, S.&nbsp;248 &#8211; 273.</p>



<p><strong>Vogt, Susanne</strong>: <a href="https://www.marchivum.de/de/blog/nachlasswelten-4" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Ein Toter gleich zehn Minuten Gefängnis“ &#8211; Der Lebensweg von Barbara Just-Dahlmann.</a> Blog des Mannheimer Stadtarchivs MARCHIVUM.</p>


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