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	<title>Sieglinde Geisel &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Mon, 22 Jun 2026 07:54:30 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Sieglinde Geisel &#8211; tell</title>
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		<title>Page-99-Test: Gertrud Leutenegger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Jun 2026 07:58:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor einem Jahr starb Gertrud Leutenegger, eine der große Unbekannten der deutschsprachigen Literatur. Die Seiten 98 und 99 ihres Debüts „Vorabend“ zeigen eine Autorin, die ihre Stilmittel souverän einsetzt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk:</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8211; 20.6.2026: Page-99-Test Gertrud Leutenegger von Sieglinde Geisel<br>&#8211; 22.6.2026: <a href="https://tell-review.de/der-zitronenfalter/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Zitronenfalter.</a> Laudatio von Bernhard Echte<br>&#8211; 22.6.2026: <a href="https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eine Geschichte von Gertrud Leutenegger</a>. Auszug aus Gertrud Leuteneggers Roman <em>Späte Gäste</em></p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Dieser Page-99-Test beruht auf einem <em>leap of faith</em>. Ich nehme den ersten Todestag von Gertrud Leutenegger zum Anlass für einen Page-99-Test, aber das geht natürlich nur, wenn der Test gut ausfällt. Da ich beim Page-99-Test nicht schummeln darf, indem ich mir aus einem der 17 Bücher von Gertrud Leutenegger eine besonders gelungene Seite 99 aussuche, könnte das Experiment auch schiefgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich greife in meinem Bücherregal zu ihrem Debütroman <em>Vorabend</em>, der 1975 bei Suhrkamp erschienen ist, ein Exemplar der ersten Auflage. Schlägt man das Buch auf der Seite 99 auf, öffnet sich eine <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Seite-98-und-99-Leutenegger.jpeg" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Seite-98-und-99-Leutenegger.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Doppelseite</a>, und weil auf der Seite 98 die Erzählung neu einsetzt, erlaube mir eine kleine Änderung der Spielregeln: Ich nehme die Seite 98 mit dazu (das ist nicht Schummeln).</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Durch ein Dorf im Veltlin laufen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Satz versetzt uns an den Ort des Geschehens. Die Ich-Erzählerin (oder ist es ein Erzähler?) betrachtet die Szenerie. Auf dem Dorfplatz steht ein „monumentaler hässlicher Stein mit den Namen der Kriegsgefallenen, ein erratischer Block in diesen Nachmittagen“ (sehr exquisit, die Formulierung mit den Nachmittagen). Die Ich-Erzählerin denkt über die Bewohner nach, eine kleine Bar fällt ihr auf, „die ein schwaches grünliches Licht erhellt“, sobald die Nacht einfällt. Sie sieht einen alten Mann auf einer Steintreppe sitzen, der die Lappen um sein aufgedunsenes schwarzes Bein aufwickelt; wie man später erfährt, heißt er Vittorio.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Doppelseite ist durch einen überraschend wirkungsstarken Kunstgriff rhythmisch grundiert: durch Fragen ohne Fragezeichen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Was versteckt sich hinter den Gewohnheiten dieser Menschen, die wortkarg in den abschüssigen Gassen verschwinden, unter den Hauseingängen zusammenstehen oder an die Friedhofmauer gelehnt warten.<br><br>Was war das: der Krieg, ein unsichtbarer Flammenherd unten in den Tälern, der gierig bis in diese Abgelegenheit seine Flammenspitzen streckte.<br><br>Was sitzt der Mann dort auf der Steintreppe.<br><br>Ist das Altersbrand.<br><br>Eine bückt sich jetzt nach ihrem Häufchen Wäsche und grüßt, eh Vittorio, sagt sie, du machst es wohl auch nicht mehr lange.<br><br>tut es weh<br><br>wo krümmen sich die Namen der Gefallenen</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Durch diese Art des Nicht-Fragens entsteht ein eigener sprachlicher Kosmos. Es ist eine Form der Anschauung, des Innehaltens. Ein Stilmittel, das zeigt, was Sprache kann – was die Autorin kann. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dort, wo sie die Regel bricht. Denn auf die Nicht-Frage „Ist das Altersbrand“ folgt eine Frage und ein Ausruf:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sieht fortgeschrittenster Altersbrand so aus? Geht denn hier niemand zu einem Arzt!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Eine virtuos gesetzte Lücke: Wir wissen jetzt, wie schrecklich das Bein aussieht, ohne dass die Autorin es beschreiben muss. Der Ausruf, samt Ausrufezeichen, schreckt die Lethargie der Szenerie auf, aber nur für einen Moment.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie gezielt Gertrud Leutenegger in ihrer Prosa mit dem Rhythmus arbeitet, zeigt der letzte Satz dieser Doppelseite. Sieben Zeilen zuvor wird das Motiv ein erstes Mal ausgesprochen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Il male sta con le persone</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Böse steckt in den Menschen, sagt eine Frau, sie schaut die Ich-Erzählerin an „mit bewegungslosen ernsten Augen“. Der Satz, in dem der Krieg nachhallt, wird selbst zum Echo:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">il male, Vittorio, il male sta con le persone con le persone con le persone</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So verhallt das Echo des Bösen am Ende der Seite, das Böse, das durch den erratischen Block mit den Namen der Gefallenen im Dorf präsent ist und jede Idylle verhindert.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in der Wortwahl gibt es nichts Zufälliges. Wie immer erkennt man die stilistische Brillanz an den <a href="https://tell-review.de/page-99-test-nelio-biedermann/">Adjektiven und Adverbien</a>. Der Stein mit den Namen der Gefallenen wird von den Bewohnern „in Erbitterung und frömmlerischer Verehrung“ umkreist. Der Krieg erscheint als „unsichtbarer Flammenherd“, der „seine Flammenspitzen“ gierig ausstreckt bis in diese „Abgelegenheit“. In der kleinen Bar „blüht für kurze Stunden ein leichtsinniger Dorftratsch auf“. Dann jedoch kreisen die Gespräche wieder „unabwendbar um die Monotonie von Tod und Geburt und Hochzeit und Krieg“ (Rhythmus!). Vittorios Hände, Kleider, Schläfen, Haar sind „gleichermaßen durchfurcht und vergraut“. Ein paar Frauen bleiben stehen, „gelassen und verschwiegen“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich könnte diese beiden Seiten abschreiben, Wort für Wort. Jedes Wort lohnt die Mühe. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn auch unten auf der Seite ein Gemeinplatz aus der Serie <a href="https://taz.de/die-wahrheit/!5159650/" data-type="link" data-id="https://taz.de/die-wahrheit/!5159650/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„irgendwo bellte ein Hund“</a> auftaucht, der einzige Schönheitsfehler auf dieser Doppelseite:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">irgendwo gackerte ein aufgeschrecktes Huhn</p>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Gertrud Leutenegger<br><strong>Vorabend</strong><br>Roman<br>Suhrkamp Verlag 1984 · 208 Seiten · 15 Euro<br>ISBN: 978-3518371428<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783835358843" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="318" height="522" data-attachment-id="120212" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/cover-37/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?fit=318%2C522&amp;ssl=1" data-orig-size="318,522" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?fit=318%2C522&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=318%2C522&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120212" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?w=318&amp;ssl=1 318w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover.jpg?resize=300%2C492&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 318px) 100vw, 318px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Page-99-Test: Nelio Biedermann</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jun 2026 07:03:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120191</guid>

					<description><![CDATA[Seit Erscheinen von „Lázár“ wird Nelio Biedermann als Wunderkind gefeiert, manche sprechen gar von einem neuen Thomas Mann. Die Seite 99 allerdings ist stilistisch nichts Besonderes (auch nicht die Sexszene auf Seite 100).]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Diesmal durchbreche ich die selbstgesetzten Regeln des Page-99-Tests. Ich habe nämlich <em>Lázár </em>bereits gelesen – und mich über den Hype gewundert, wie so oft. Allerdings hatte ich, als die Wellen ein erstes Mal hochschlugen, keine Zeit für einen Page-99-Test. Und danach dachte ich, der Drops sei gelutscht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist er offenbar nicht: Blumenumrankt findet sich Nelio Biedermanns Gesicht letzte Woche auf dem Cover des  <a href="https://www.zeit.de/zeit-magazin/2026/26/nelio-biedermann-autor-lazar-new-york-literatur">ZEIT-Magazins</a> („Alle wollen Nelio“). Dies, nachdem ihm die Zeit bereits eine ausführliche <a href="https://www.zeit.de/2025/37/nelio-biedermann-lazar-roman-familiengeschichte-ungarn-adel">Rezension</a> („Der neue Zauberer“), ein <a href="https://www.zeit.de/2025/51/nelio-biedermann-lazar-familienepos-thomas-mann">Interview</a> und einen <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2025-11/nelio-biedermann-lazar-autor-uni-podcast">Podcast</a> gewidmet hatte, nebst einem Video des <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2025-10/nelio-biedermann-lazar-video-frankfurter-buchmesse">Gesprächs</a> auf der Frankfurter Buchmesse sowie der Erwähnung auf sämtlichen Empfehlungslisten: die 25 besten <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2025-12/25-besten-familienromane-literatur-25-jahre-schriftsteller">Familienromane</a> der letzten 25 Jahre, Buchempfehlungen für den <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2025-10/buchempfehlung-lesen-tipps">Herbst</a>, Buchempfehlungen zu <a href="https://www.zeit.de/2025/49/buchempfehlung-weihnachten-literatur-belletristik">Weihnachten</a>.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann nicht behaupten, dass ich vorurteilslos an diese <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/S.-99-von-Nelio-Biedermann_Lazar.jpeg" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/S.-99-von-Nelio-Biedermann_Lazar.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 99</a> herangegangen sei. <em>Full disclosure</em>: Ich gehöre zu der Minderheit, die das Wunderkind für überschätzt hält.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Stil eines Autors erkennt man am leichtesten an den Adjektiven. Auf dieser Seite 99 finden sich:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>komatöse Nacht</li>



<li>erschlagender Morgen</li>



<li>unwürdige milchhäutige Missgeburt</li>



<li>bodenlose Traurigkeit (gefolgt von einem Adverb ähnlicher Prägung: „und er weinte hemmungslos“)</li>



<li>schweißnasse gelbe Hände</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die Qualität der Adjektive scheint mir durchwachsen: Eine komatöse Nacht ist noch okay, ein „erschlagender Morgen“ eher nicht. Die „unwürdige“ Missgeburt lasse ich gelten, wenn es auch ein bisschen redundant ist, die Abwertung steckt bereits in „Missgeburt“. Statt „milchhäutig“ hätte man auch einfach „blass“ sagen können, doch im Kontext des Romans ist milchhäutig eine Anspielung: Im ersten Kapitel „Glaskind“ wird Lajos mit „durchsichtiger Haut“ geboren. Die „bodenlose Traurigkeit“ allerdings ist eine Phrase, ebenso das hemmungslose Weinen. Gegen die „schweißnassen gelben Hände“ habe ich nichts einzuwenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schauen wir uns den Satzbau an. Im folgenden Satz geht es um Sándor (Lajos‘ Vater) und seine Alkoholkrankheit.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper nach einer komatösen Nacht und einem erschlagenden Morgen voller Übelkeit und Leberschmerzen langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dröseln wir diesen Satz mal auf. Der Hauptsatz, der die Nebensatzkonstruktion umklammert, lautet schlicht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Manchmal war er fast wie früher.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die nächste Stufe:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper langsam in Schwung kam, war er fast wie früher.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">(Kann ein Alkoholpegel an der Grenze zur Bewusstlosigkeit liegen, oder ist es nicht eher der Mensch, der sich an dieser Grenze befindet? Eine beckmesserische Frage, zugegeben – angesichts des Hypes darf man allerdings schon genauer hinschauen.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Syntax her ist der Satz in dieser Form noch knapp in Ordnung (abgesehen von der unschönen Wiederholung von „war“).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider stopft der Autor nun noch Folgendes hinein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper nach einer komatösen Nacht <strong>und einem erschlagenden Morgen voller Übelkeit und Leberschmerzen </strong>langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">„Der neue Thomas Mann“ – echt jetzt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sándor war also „fast wie früher“: Im nächsten Satz verwünscht und beschimpft er Lajos – bis seine Stimmung kippt. Es folgen die bodenlose Traurigkeit und das hemmungslose Weinen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das Schluchzen hallte durch das Schloss, bis es dämmerte, und begegnete der Baron [Sándor, S.G.] während dieser Stunden seinem Sohn [Lajos, S.G.], fiel er auf die Knie, ergriff mit seinen schweißnassen gelben Händen die von Lajos und flehte ihn an, ihm die Schuld an Márias Selbstmord und die Verweigerung jeder väterlichen Liebe zu vergeben.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das durchs Schloss hallende Schluchzen kratzt am Trivialen.  Sonst eine anschauliche Szene.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der letzte vollständige Satz dieser Seite fängt rasant an:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Er trank zielstrebig auf den Moment der erlösenden Ohnmacht zu, gab die Schuld an Márias Tod plötzlich Ilona und Lajos</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">um dann leider so zu enden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">und konnte die Abfallstoffe seines Körpers nicht mehr bei sich behalten.</p>
</blockquote>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da in den Rezensionen nebst den vielen literarischen Verweisen (vielleicht habe ich auf dieser Seite welche übersehen) vor allem die Sexszenen gelobt wurden, erlaube ich mir einen Blick auf die nächste Seite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Seite 100 nämlich geht es zur Sache: Wir erleben die Hochzeitsnacht von Lilly und Lajos, eine Nacht, die Lilly zuerst gefürchtet hatte, bis sie merkte, dass Lajos genauso verunsichert war wie sie und „anfangs nicht mal eine Erektion“ bekommt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Erst als Lilly aus Mitleid, Zuneigung und Erleichterung darüber, dass Sex offenbar nichts mit den Folterszenen zu tun hatte, die ihr unter dem Begriff [Hochzeitsnacht, S.G.] in den Sinn gekommen waren, seine schwammigweiche Eichel zu küssen begonnen <strong>hatte</strong>, war Lajos’ Penis hart und überaus groß geworden. Doch nun, da sie sich mit ihm angefreundet <strong>hatte</strong>, <strong>hatte</strong> sie auch seine Größe nicht mehr erschreckt. Furchtlos <strong>hatte</strong> sie die Beine gespreizt und ihn bis zum Anschlag in sich aufgenommen. – Seither konnte sie nicht genug von ihm [Penis, S.G.] bekommen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch hier lässt die Syntax jede <a href="https://tell-review.de/page-99-test-thomas-mann/">Thomas Mannsche Eleganz</a> vermissen, nicht nur wegen der vielen „hatte“: Der erste Satz ist auf ähnliche Weise überladen wie schon der Satz mit Sándors Alkoholexzess. Was die Wortwahl angeht: Dass Lilly Folterszenen „unter dem Begriff“ der Hochzeitsnacht  einfallen, ist keine besonders sinnliche Wendung, und dass sie sich mit dem Penis ihres Mannes „anfreundet“, wirkt furchtbar bieder. Dann wird dieser zuerst „überaus groß“, infolge des Anfreundens wird sie von dieser „Größe“ jedoch nicht mehr „erschreckt“ – auch das hätte sich raffinierter sagen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter diesen Umständen ist es nur folgerichtig, dass Lilly „furchtlos“ die Beide spreizt. Dass sie den Penis nun „bis zum Anschlag in sich aufnimmt“ und danach nicht mehr genug von ihm bekommen kann, geht allerdings doch sehr in Richtung Billigporno.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Fazit:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nelio Biedermanns Prosa ist stilistisch nichts Besonderes, zumindest auf dieser Seite. Hätte diesen Roman nicht ein 23-jähriger, sondern ein 40-jähriger Autor verfasst, würde wohl kein Hahn danach krähen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Nelio Biedermann<br><strong>Lázár</strong><br>Roman<br>Rowohlt Berlin 2025 · 336 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3-7371-0226-1<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783835358843" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="634" height="1030" data-attachment-id="120193" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-nelio-biedermann/cover-biedermann/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?fit=1512%2C2457&amp;ssl=1" data-orig-size="1512,2457" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;,&quot;alt&quot;:&quot;&quot;}" data-image-title="Cover Biedermann" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?fit=634%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=634%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120193" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=634%2C1030&amp;ssl=1 634w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=185%2C300&amp;ssl=1 185w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=768%2C1248&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=945%2C1536&amp;ssl=1 945w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=1260%2C2048&amp;ssl=1 1260w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=1300%2C2113&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?resize=300%2C488&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/06/Cover-Biedermann.png?w=1512&amp;ssl=1 1512w" sizes="(max-width: 634px) 100vw, 634px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Stilkritik und Zeitgenossenschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Mar 2026 07:09:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor zehn Jahren schaltete tell seine ersten Beiträge frei, pünktlich zur Leipziger Messe: ein Medium des Dialogs, das Blogosphäre und Feuilleton verbindet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:20px"><strong>10 Jahre tell</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Texte:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Anselm Bühling: <a href="https://tell-review.de/schwimmen-lernen/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/schwimmen-lernen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Schwimmen lernen</a>. 18. März 2026</li>



<li>Herwig Finkeldey: <a href="https://tell-review.de/die-bloggerspontaneitaet-bewahren/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/die-bloggerspontaneitaet-bewahren/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Bloggerspontaneität bewahren</a>. 24. März 2026</li>



<li>Frank Heibert: <a href="https://tell-review.de/analyse-und-wagemut/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Analyse und Wagemut</a>. 31. März 2026</li>



<li>Agnese Franceschini: <a href="https://tell-review.de/tell-me-what-happened/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">tell me what happened</a>. 3. April 2026</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Am 16. März 2016 ging tell online, doch seine Geschichte beginnt ein Jahr zuvor. Das Jahr 2015 war wohl das Jahr mit den meisten Neugründungen von Literaturblogs, und auch ich trug mich damals mit dem Gedanken eines eigenen Mediums. Der Auslöser dafür, dass aus dem bloßen Gedanken tatsächlich ein Online-Literaturmagazin wurde, war eine Debatte über „Literaturkritik im Netz“ auf dem <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/perlentaucher-debatte-literaturkritik-im-netz.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Perlentaucher</a>: Wolfram Schütte, ehemals Literaturchef der Frankfurter Rundschau, hatte sie mit dem Text <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/ueber-die-zukunft-des-lesens.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Die Zukunft des Lesens“</a> angestoßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An der Diskussion beteiligten sich gut zwei Dutzend Literat:innen aus der Blogosphäre und dem Feuilleton. Das gab mir das Gefühl, die Zeit sei reif.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">tell ist ein Medium des Dialogs. Jeder Kopf liest anders, und die ‚echten‘ Leser und Leserinnen interessieren mich dabei mehr als die Berufsleser der Feuilletons. Blogger waren von Anfang an dabei, ebenso Übersetzer.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="900" height="600" data-attachment-id="119979" data-permalink="https://tell-review.de/stilkritik-und-zeitgenossenschaft/20151214-2000_2804/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?fit=2560%2C1707&amp;ssl=1" data-orig-size="2560,1707" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;4&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;gezett&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Canon EOS 6D&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1450130766&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;gezett.de \rInformation:mail@gezett.de \rt.+49(0)302966807&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;40&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;10000&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.016666666666667&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="20151214-2000_2804" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?fit=900%2C600&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804.jpg?resize=900%2C600&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119979" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=1030%2C687&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=1536%2C1024&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=2048%2C1365&amp;ssl=1 2048w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=2000%2C1333&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?resize=1300%2C867&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/20151214-2000_2804-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure>
</div>


<p class="has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph">tell Redaktionssitzung im Dezember 2015: Herwig Finkeldey, Sieglinde Geisel, Anselm Bühling, Lars Hartmann (nicht mehr dabei), Agnese Franceschini (v.l.n.r.). Foto: <a href="https://www.gezett.de" data-type="link" data-id="https://www.gezett.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gezett</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei tell, und das ist mir wichtig, handelt es sich nicht um einen Blog, sondern um ein redigiertes Magazin. In einer hitzigen Diskussion hörte ich mich einmal sagen: „Das kann ich auf tell nicht verantworten.“ Und das ist für mich seither die Definition eines redigierten Mediums: Es gibt jemanden, der sich verantwortlich fühlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf einer tieferen Ebene ist tell aus einem Bedürfnis nach Stilkritik entstanden. Denn in vielen Kritiken wird der Inhalt eines Romans, also das <em>Was</em>, virtuos nacherzählt, während man über das <em>Wie</em> kaum etwas erfährt. Dabei ist dies das <a href="https://tell-review.de/das-kerngeschaeft-der-literaturkritik/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kerngeschäft der Literaturkritik</a>: Welchen neuen Ton bringt eine Autorin in die Literatur? Worin besteht ihr Stil? Und handelt es sich dabei, überspitzt gesagt, um große Kunst oder großen Mist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem <a href="https://tell-review.de/category/rubriken/page-99-test/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Page-99-Test</a> habe ich ein Verfahren des öffentlichen <em>close reading</em> entwickelt, bei dem das Augenmerk ausschließlich auf dem Stil einer einzigen Seite liegt. Es ist eine Gewebeprobe, die ihre Grenzen hat und doch immer wieder Erstaunliches zutage fördert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Unabhängigkeit des Urteils</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Einer meiner ersten Texte trägt den Titel <a href="https://tell-review.de/die-angst-des-kritikers-vor-dem-eigenen-urteil/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Angst des Kritikers vor seinem Urteil</a> (damals ging es noch ohne Gendern). Ich zitiere darin eine Literaturredakteurin mit den Worten: „Er hat sich als erster aufs Eis gewagt.“ Sie meinte damit einen Kollegen, der den aktuell gehypten Roman als erster gepriesen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fand die Metapher bemerkenswert und schrieb:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Zum einen ist sie falsch: Nicht der Kritiker geht baden, wenn das Eis bricht, sondern das Buch. Zum anderen ist sie verräterisch: Offenbar riskieren die nachfolgenden Kritiker nichts mehr auf dem Eis – jedenfalls dann nicht, wenn sie den Spuren des Kritiker-Pioniers folgen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Als Berufskritikerin ist man unweigerlich den <em>déformations professionelles</em> ausgesetzt, und dazu gehört eben dieses Hinüberschielen zu den Kollegen. Eine gelesene Kritik kann man nicht mehr ungelesen machen, man liest das Buch nun mit einer Erwartung, und damit ist es mit der Unabhängigkeit vorbei. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Weiteren läuft man als Kritikerin Gefahr, nur noch mit dem Kopf zu lesen. Dem trägt mein Text <a href="https://tell-review.de/satz-fuer-satz-1-mit-dem-koerper-lesen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Mit dem Körper lesen“</a> Rechnung; mit ihm habe ich damals die Reihe <a href="https://tell-review.de/category/rubriken/satz-fuer-satz/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Satz für Satz“</a> eröffnet, in der ich über Kriterien des Lesens und Urteilens nachdenke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Literatur entsteht nicht im luftleeren Raum, deshalb ist tell ein Magazin für „Literatur und Zeitgenossenschaft“. Zum Wort Zeitgenossenschaft hat mich der Filmregisseur und Autor <a href="https://tell-review.de/von-der-kunst-zeitgenosse-zu-sein/">Thomas Harlan</a> inspiriert. Während der letzten anderthalb Jahre seines Lebens besuchte ich ihn in der Klinik bei Berchtesgaden, wo er, schwer lungenkrank, lebte. Als ich ihn nach der schlimmsten Zeit in seinem Leben fragte, verwies er auf die Sechziger- und Siebzigerjahre. Das waren die Jahre des politischen Kampfs, etwa gegen die NS-Verbrecher, die in der BRD unbehelligt weiterlebten, was ihm als Sohn des NS-Regisseurs Veit Harlan keine Ruhe ließ. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">–&nbsp;Da habe ich auf das falsche Pferd gesetzt. Ich hatte der Frage nach dem Richtigen und dem Falschen den Vorzug gegeben vor der Frage nach dem Schönen. Ich hatte Politik mit Kunst verwechselt.<br>–&nbsp;Wie kam es dazu?<br>– Ich wollte Zeitgenosse sein.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">A labor of love</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den letzten zehn Jahren gab es mehrere Wechsel in der Redaktion. Heute sind wir zu viert: Nebst mir der Übersetzer und Russland-Kenner <a href="https://tell-review.de/author/anselm-buehling/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/author/anselm-buehling/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anselm Bühling</a>, die italienische Radiojournalistin und Musil-Leserin <a href="https://tell-review.de/author/agnese-franceschini/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/author/agnese-franceschini/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Agnese Franceschini</a> und der Arzt, Blogger und Thomas-Mann-Spezialist <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/">Herwig Finkeldey</a>. Zum erweiterten Kreis gehören etwa <a href="https://tell-review.de/author/hartmut-finkeldey/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/author/hartmut-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hartmut Finkeldey</a> (Zwillingsbruder von Herwig), der Übersetzer <a href="https://tell-review.de/author/frank-heibert/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/author/frank-heibert/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Frank Heibert</a>, der Publizist <a href="https://tell-review.de/author/frank-hahn/">Frank Hahn</a>, der Pianist <a href="https://tell-review.de/author/tomas-baechli/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/author/tomas-baechli/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tomas Bächli</a> und die Kunsthistorikerin <a href="https://tell-review.de/author/stephanie-jaeckel/" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/author/stephanie-jaeckel/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stephanie Jaeckel</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">tell ist <em>a labor of love</em>, wie man auf Englisch so schön sagt, denn es war noch nie so leicht, ein Medium zu gründen und noch nie so schwer, mit einem Medium Geld zu verdienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir veröffentlichen weniger Beiträge als in den ersten Jahren. Aber es gibt uns noch, und nach wie vor veröffentlichen wir Texte, die in keinem anderen Medium Platz haben: zum Beispiel mein annotiertes Exemplar der Literaturliste des <a href="https://tell-review.de/der-literarische-akzess/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Literarischen Akzess</a>, den es zu meinen Zeiten an der Universität Zürich gab (mit einer Richtigstellung zu dessen Genese durch den Literaturwissenschaftler Klaus Weimar im <a href="https://tell-review.de/der-literarische-akzess/#comment-64782" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kommentar</a>).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir brachten eine Reihe mit <a href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Corona-Essays</a> von Herwig Finkeldey, und zu bestimmten Themen tauschen wir uns innerhalb der Redaktion in Text-Serien aus, z.B. über den <a href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Angriffskrieg gegen die Ukraine</a>, <a href="https://tell-review.de/soap-opera-der-ddr-literatur/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Christa Wolf</a>, <a href="https://tell-review.de/das-erste-mal/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Franz Kafkas 100. Geburtstag</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In unserem Jubiläumsjahr halten wir Rückschau: In unregelmäßigen Abständen erzählen wir, was uns seit den Anfängen auf tell bewegt hat. Dabei wird sichtbar, wie sehr sich unsere Welt in den letzten zehn Jahren verändert hat. Nicht nur im Hinblick aufs Gendern, sondern im Hinblick auf die beängstigenden protofaschistischen Tendenzen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Alle Bilder: <a href="https://www.gezett.de">Gezett</a></h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Page-99-Test: László Krasznahorkai</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Mar 2026 05:46:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=120005</guid>

					<description><![CDATA[László Krasznahorkais Roman „Zsömle ist weg“ bietet einen rasenden Text, zumindest auf dieser Seite. Der Autor verwendet zwischen seinen Sätzen ausschließlich Kommata. Ein fauler Trick?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Auf der <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Krasznahorkai_S.99-773x1030.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 99</a> von László Krasznahorkais Roman <em>Zsömle ist weg</em> gibt es weder Punkte noch Semikola. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Seite bestehe nur aus einem einzigen Satz, doch dem ist nicht so: Ich habe 15 grammatikalisch vollständige Sätze gezählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Entscheidung des Autors, ausschließlich Kommata zu verwenden, verleiht dem Text einen bezwingenden Drive. Es gibt nirgends einen Ausgang. Der Autor packt mich und rennt mit mir auf und davon, es fühlt sich an, als hätte er mich gekidnappt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf den ersten Zeilen kommen Form und Inhalt dieser Raserei zur Deckung. Ein Mann namens Badigy – es heißt konsequent „der Badigy“, vielleicht ist es ein Spitzname oder eine Berufsbezeichnung? – konnte den „vorgeschlagenen Tag“ kaum erwarten, und als er sich ins Auto setzt, kennt er kein Halten mehr, genauso wie der Text.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">er raste den ganzen Weg aus Budapest, in dieser Richtung, also aus der Stadt heraus, war der Verkehr noch nicht stark, es gab keinen Stau, was auf dieser Strecke selten vorkam, er raste also und raste und hatte das Gefühl, das sei kein Zufall, auf diese Weise helfe ihm der liebe Gott, so schnell wie möglich da zu sein,</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesem Komma endet die Autofahrt abrupt; der Badigy ist am Ziel, und der rasende Text kommt beinahe zum Stillstand.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">und schon zerrte er an der kleinen Glocke und folgte dem Hausherrn streng in drei Schritten Abstand ins Haus,</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Vier Zeilen später gibt es einen ähnlich unvermittelten Wechsel. Nun beginnt der Bagidy zu reden, und zwar zunächst in direkter Rede.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">den angebotenen Hocker nutzte er nicht, erst, als Onkel Jószi ihn ungeduldig anschrie, er solle sich setzen und sagen, was er wolle, ich bitte um Verzeihung, sagte der Badigy, sah ihn reumütig an und stand halb vom Stuhl auf, doch er hieß ihn mit einem strengen Blick sich hinsetzen, Verzeihung für alles, so fuhr der Badigy fort, womit ich Onkel Jószi zuletzt unverzeihlich gekränkt habe, er wolle sich nicht in Erklärungen ergehen, erklärte er,</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Moment, wo der Badigy erklärt, dass er sich nicht in Erklärungen ergehen wolle (nachdem er zuvor um Verzeihung für Unverzeihliches gebeten hat), sind wir ziemlich genau in der Hälfte der Seite 99. Der Rest der Seite ist durchgehend in der indirekten Rede gehalten und besteht zu hundert Prozent aus Badigys unermüdlichen Entschuldigungen und Rechtfertigungen. Interessanterweise entspannt sich der Text syntaktisch, trotz der hyperbeflissenen Redeflut des Bagidy. Die Sätze werden länger: In der ersten, gehetzten Hälfte der Seite waren es zehn Sätze, in der zweiten Hälfte sind es nur noch fünf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Stilmittel der fehlenden Satzzeichen suggeriert einerseits ein pausenloses Erzählen. Andererseits erfordert es von mir als Leserin engagierte Mitarbeit. In die durch keine Anführungszeichen angekündigte direkte Rede des Bagidy bin ich im rasanten Lesetempo richtiggehend reingerasselt. Der Text zwingt mir ebenso Beschleunigung auf wie Langsamkeit – eine paradoxe Erfahrung, die den Energiepegel erhöht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Langweilig wird es mir auf dieser Seite nicht.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch bleibt ein Unbehagen. Ich erlaube mir ein Experiment und mache aus dieser atemlosen Prosa einen Text mit ganz normaler Interpunktion.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Er raste den ganzen Weg aus Budapest. In dieser Richtung, also aus der Stadt heraus, war der Verkehr noch nicht stark. Es gab keinen Stau, was auf dieser Strecke selten vorkam. Er raste also und raste und hatte das Gefühl, das sei kein Zufall. Auf diese Weise helfe ihm der liebe Gott, so schnell wie möglich da zu sein. Und schon zerrte er an der kleinen Glocke und folgte dem Hausherrn streng in drei Schritten Abstand ins Haus. Den angebotenen Hocker nutzte er nicht; erst, als Onkel Jószi ihn ungeduldig anschrie, er solle sich setzen und sagen, was er wolle. „Ich bitte um Verzeihung“, sagte der Badigy, sah ihn reumütig an und stand halb vom Stuhl auf. Doch er hieß ihn mit einem strengen Blick sich hinsetzen. „Verzeihung für alles“, so fuhr der Badigy fort, „womit ich Onkel Jószi zuletzt unverzeihlich gekränkt habe.“ Er wolle sich nicht in Erklärungen ergehen, erklärte er, doch leider erlebe er bei diesen Dingen so viel Betrug, Fälschung, Provokation und Lüge.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die Holzhammer-Methode. Man hätte die Hauptsätze an manchen Stellen durchaus durch ein Komma verbinden können, doch ich wollte wissen, wie der Text wirkt, wenn man ihn konsequent umwandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist, als läse man einen Songtext ohne die Musik. Auf einmal wirkt der Text bieder, er kommt nicht von der Stelle, zumindest im Deutschen, gut möglich, dass die Wirkung im Ungarischen eine andere ist. Er scheint mir auch inhaltlich ein wenig banal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Können Satzzeichen über den Kunstcharakter, die Flughöhe eines Texts entscheiden? Offenbar ja: Sie dirigieren meine Aufmerksamkeit, und sie erzeugen einen Sound, der mich in einen anderen Bewusstseinszustand versetzt. Diese Überwältigungsästhetik verpufft, wenn man die herkömmliche Interpunktion verwendet.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob ich dieses Hijacking die ganzen 300 Seiten durchhalten würde? Es gibt in diesem Roman keine Absätze, doch immerhin eine Einteilung in elf Kapitel, man darf also zwischendurch auf die Toilette. Die Übersetzung von Heike Flemming macht die Tempowechsel geschmeidig mit, sofern man das auf einer Seite beurteilen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Fazit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seite 99 macht Lust auf mehr. (Erste Anzeichen eines Stockholm-Syndroms?)</p>



<p class="wp-block-paragraph">P.S. Ich habe dieses Experiment schon einmal in einem Page-99-Test gemacht, und zwar bei <a href="https://tell-review.de/page-99-test-jon-fosse/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jon Fosse</a>, dem anderen Nobelpreisträger, der ebenfalls ohne Punkte schreibt. Dort stelle ich etwas Ähnliches fest: „Auf einmal wirkt der Text alltäglich. Der Zauber ist weg, der Lesefluss trockengelegt.“ <br>Interessanterweise geht es auch bei Fosse um Überwältigungsästhetik.</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Lászlò Krasznahorkai<br><strong>Zsömle ist weg</strong><br>Roman<br>Aus dem Ungarischen von Heike Fleming<br>S. Fischer 2025 · 300 Seiten · 25 Euro<br>ISBN: 978-3103976670<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783103976670" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="631" height="1030" data-attachment-id="120007" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-laszlo-krasznahorkai/cover-34/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?fit=919%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="919,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?fit=631%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?resize=631%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-120007" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?resize=631%2C1030&amp;ssl=1 631w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?resize=184%2C300&amp;ssl=1 184w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?resize=768%2C1254&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?resize=300%2C490&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover.jpg?w=919&amp;ssl=1 919w" sizes="auto, (max-width: 631px) 100vw, 631px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Page-99-Test: Dorothee Elmiger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Oct 2025 09:58:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=119851</guid>

					<description><![CDATA[Für ihren Roman "Die Holländerinnen" hat Dorothee Elmiger den Deutschen Buchpreis erhalten. Die Seite 99 besteht aus dem Bericht eines Berichts. Sie ist, wie der ganze Roman, in indirekter Rede gehalten. Eine ermüdende Lektüre.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Seite 99 von Dorothee Elmigers Roman <em>Die Holländerinnen</em> besteht fast gänzlich aus indirekter Rede. Wir sehen das Geschehen nicht vor Augen, sondern hören nur einen Bericht. Im Lauf der Seite vergrößert sich die Distanz zum eigentlichen Geschehen: Es gibt indirekte Rede unterschiedlichen Grades.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="773" height="1030" data-attachment-id="119856" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-dorothee-elmiger/beitragsbild-15/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?fit=1920%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1920,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;1.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Galaxy S23&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1761051018&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;5.4&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.009991324&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Beitragsbild" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?fit=773%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1.jpg?resize=773%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119856" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=773%2C1030&amp;ssl=1 773w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=768%2C1024&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=1152%2C1536&amp;ssl=1 1152w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=1536%2C2048&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=2000%2C2667&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=1300%2C1733&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/Beitragsbild-1-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 773px) 100vw, 773px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Der erste Satz auf dieser Seite, immerhin, spricht direkt zu uns:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sie verlagert ihr Gewicht und hebt den Blick, kurz nur, als fürchtete sie die Reaktion des Publikums.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Rest der Seite besteht aus der Erzählung dieser Frau. Sie spricht zum Publikum – und zugleich zu uns Leser:innen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Als der Bananenbauer das Küchentuch an einen Nagel gehängt und sich dann endlich zu ihnen umgedreht habe, sei der Dramaturg aufgestanden.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der nächste Satz nimmt weitere Distanzierungen vor. Zum einen, weil das, was der Dramaturg nun sagt, in eine Art indirekter Rede zweiten Grades verwandelt wird. Zum anderen, weil wir das, was dann geschieht, mit den Augen der anderen sehen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Er müsse pinkeln, habe er gesagt, und sie hätten ihm nachgeschaut, wie er eilig über das versengte Gras gelaufen und am Rande des Grundstücks im Gebüsch verschwunden sei.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Probehalber übersetze ich diesen Satz in ein direktes Geschehen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich muss pinkeln, sagte er, dann lief er eilig über das versengte Gras und verschwand am Rande des Grundstücks.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wirkung ist eine völlig andere. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die indirekte Rede ist ein riskantes Stilmittel: Sie verlegt das Geschehen hinter die Bühne. Das bewirkt Distanz und damit möglicherweise auch einen Energieverlust.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der nächste Satz lässt uns noch mehr Defizite spüren, noch mehr Nicht-Erzähltes. Denn offenbar war der Dramaturg auch der Dolmetscher für den Bananenbauer namens Acuña, der im zweiten Satz das Küchentuch an den Nagel gehängt hatte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nun, da sie ohne Dolmetscher gewesen seien, habe ihnen die Sprache gefehlt, um sich mit Acuña zu unterhalten und auf seine Erzählung zu reagieren. Verlegen hätten sie ihn angelächelt, und der schmächtige Mann habe beiläufig noch ein paar letzte, abschließende Sätze gesagt.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Unmöglichkeit einer Verständigung mit Acuña wird noch einmal bekräftigt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Angestrengt habe sie zugehört, und trotzdem sei sie sich später (…) nicht sicher gewesen, was er gesagt habe.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese schlichte Aussage wird durch das, was ich hier ausgelassen habe, seltsam aufgeplustert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der ganze Satz lautet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Angestrengt habe sie zugehört, und trotzdem sei sie sich später, <strong>als sie bereits wieder durch den Wald gelaufen seien und sich Schritt um Schritt von Acuña und seinen Hunden entfernt hätten</strong>, nicht sicher gewesen, was er gesagt habe.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Einschub ist redundant: Wenn sie durch den Wald laufen, entfernen sie sich automatisch von dem Bananenbauer (und meinetwegen auch von seinen Hunden). Gesagt wird in dem Satz nur, dass die Erzählerin nichts verstanden hat – ein seltsamer sprachlicher Aufwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der nächste Satz legt nahe, dass dieses Nicht-Geschehen gefilmt wurde.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">In ihren Aufzeichnungen finde sich Orfelinas Version, die sie Wochen später, während der Sichtung des Filmmaterials, transkribiert habe.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgt die Beschreibung des Filmmaterials – also ein weiteres nur vermitteltes Geschehen innerhalb einer indirekt erzählten Geschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Orfelina sitzt, so zeigt diese Aufnahme, auf einem weißen Plastikstuhl im Freien, spricht konzentriert in die Kamera und erzählt von dem Anruf einer Frau bei der Polizei. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aussage der Frau ist gewissermaßen eine indirekte Rede dritten Grades:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sie habe gemeldet, ihr eigenes Kind, ihren Sohn, getötet zu haben.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Den „Beamten“ (dass es zwei Männer waren, erfahren wir erst im nächsten Satz), die dem Anruf gefolgt sind, bot sich ein schrecklicher Anblick: Türen und Fenster standen sperrangelweit offen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Die Szene sei furchtbar gewesen, ein furchtbares Gemetzel (…)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Von wem diese Einschätzung, das doppelte „furchtbar“, stammt, bleibt ungesagt. Im nächsten Satz begegnen wir einer weiteren indirekten Erzählinstanz:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">In Erinnerung sei den beiden Männern, <strong>so heiße es</strong>, vor allem geblieben, wie still es dort gewesen sei.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgt die Schilderung des schrillen Gezwitschers einiger Vögel, mit dem Zusatz: „und dieses Singen, das Trällern der Vögel, sei kaum auszuhalten gewesen“. Dann bricht die Aufnahme ab (auch die Seite 99 endet hier):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">An der Stelle breche die Aufnahme ab, und die folgende Einstellung zeige Orfelina, die noch immer auf dem-</p>
</blockquote>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir erfahren auf dieser Seite fast nichts. Was der Bananenbauer zu sagen hatte, bleibt im Dunkeln, und zwar aus dem alleinigen Grund, weil der Dolmetscher pinkeln musste (echt jetzt?). Wir werden zwar, von weither, Zeugen eines Verbrechens, doch bevor man Näheres erfährt, bricht die Aufnahme ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Literatur ist Sprache, die bis zum äußersten mit Bedeutung aufgeladen ist“, so eine Aussage von Ezra Pound. Dorothee Elmiger hat sich mit der indirekten Rede für ein Stilmittel der konsequenten Entladung entschieden. Die Lektüre ermüdet mich schon auf dieser einen Seite, denn die indirekte Rede verlagert alles ins Hörensagen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Geht es darum, uns Platos Höhlengleichnis vorzuführen? Will die Autorin uns erleben lassen, dass wir keinen Zugang zur Wahrheit haben? Dass man nie wissen kann, was ist? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kritik ist sich in ihrem Lob für dieses Werk fast völlig einig (mit Ausnahme der <a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/di-hollaenderinnen-von-dorothee-elmiger-ld.1897472">NZZ</a>). Auf Amazon dagegen erhält der Roman nur 3,2 Sterne. Von „Zermürbung“ ist die Rede und von „grausamer Kritikerliteratur“. Jemand schreibt: „Es hat bei mir ein Gefühl von fremdem Kaugummi unter der Tischplatte hinterlassen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht ist es Geschmacksache?</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Dorothee Elmiger<br><strong>Die Holländerinnen</strong><br>Roman<br>Hanser Verlag 2025 · 160 Seiten · 23 Euro<br>ISBN: 978-3446282988<br></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783446282988" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="641" height="1030" data-attachment-id="119853" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-dorothee-elmiger/91nkjss-zsl-_sl1500_/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?fit=933%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="933,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="91nkjsS-zsL._SL1500_" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?fit=641%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?resize=641%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119853" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?resize=641%2C1030&amp;ssl=1 641w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?resize=187%2C300&amp;ssl=1 187w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?resize=768%2C1235&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?resize=300%2C482&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/91nkjsS-zsL._SL1500_.jpg?w=933&amp;ssl=1 933w" sizes="auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px" /></figure>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Der literarische Akzess</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Apr 2025 06:25:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Peter von Matt war mindestens so sehr Lehrer wie Literaturwissenschaftler. Die „Akzessliste“ des Deutschen Seminars der Universität Züric sollte Studierenden den Einstieg in die Germanistik erleichtern - sie ist ein Dokument seines Selbstverständnisses als Professor.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Wenn ein alter Mensch stirbt, brennt eine Bibliothek, so heißt es. Mit dem Tod von Peter von Matt ist ein ungeheures literarisches Wissen aus der Welt verschwunden: Er konnte Texte miteinander ins Gespräch bringen wie kein anderer. Zum Glück haben wir seine Bücher – und ich habe überdies noch etwas ganz Besonderes in meinem Archiv: die <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Der-literarische-Akzess-Universitaet-Zuerich.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Akzessliste des Deutschen Seminars</a> der Universität Zürich von 1981, mit all meinen Anmerkungen und Häkchen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="773" height="1030" data-attachment-id="119670" data-permalink="https://tell-review.de/der-literarische-akzess/20250423_093218/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?fit=1920%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1920,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;1.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Galaxy S23&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1745400738&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;5.4&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;160&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="20250423_093218" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?fit=773%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218.jpg?resize=773%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119670" style="width:382px;height:auto" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=773%2C1030&amp;ssl=1 773w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=768%2C1024&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=1152%2C1536&amp;ssl=1 1152w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=1536%2C2048&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=2000%2C2667&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=1300%2C1733&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_093218-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 773px) 100vw, 773px" /></figure>
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<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Akzessexamen, einer halbstündigen mündlichen Prüfung, wechselte man damals – ich studierte ab 1984 – von der Proseminar- in die Seminarstufe. Die Akzessliste von 1981 enthielt 939 Werke aller Gattungen von 1700 bis 1980 und wurde alle paar Jahre von Peter von Matt aktualisiert. In den ersten drei, vier Semestern hatte man daraus eine Auswahl von ca. 120 Werken zu lesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese gefürchtete Liste – schon der Name klang abschreckend – war nebenbei auch ein effektives Selektionsinstrument: Wer nur Germanistik studierte, weil es für die Naturwissenschaften in Mathe nicht reichte und keine Fremdsprachenkenntnisse erforderlich waren, empfand diese Lektüreliste als Zumutung und machte auf dem Absatz kehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten sechs Seiten der Liste bestehen aus einem „Akzessbrief“. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="773" height="1030" data-attachment-id="119671" data-permalink="https://tell-review.de/der-literarische-akzess/20250424_115401/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?fit=1920%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1920,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;1.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Galaxy S23&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1745495641&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;5.4&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;160&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="20250424_115401" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?fit=773%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401.jpg?resize=773%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119671" style="width:406px;height:auto" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=773%2C1030&amp;ssl=1 773w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=768%2C1024&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=1152%2C1536&amp;ssl=1 1152w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=1536%2C2048&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=2000%2C2667&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=1300%2C1733&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250424_115401-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 773px) 100vw, 773px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">Die Adressaten werden, es war die Zeit vor der digitalen Kommunikation und politisch korrekter Distanzforderungen, vertraulich mit groß geschriebenem Du angesprochen. Zum einen erklärt Peter von Matt in diesem Brief, wie die Liste zu verwenden ist: Es gibt ein paar wenige Pflichttexte (z.B. von Gottfried Keller „Die drei gerechten Kammmacher“ und <em>Der grüne Heinrich</em>), und es gibt Werkgruppen, aus denen man sich ein oder zwei Texte aussuchen kann. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="773" height="1030" data-attachment-id="119672" data-permalink="https://tell-review.de/der-literarische-akzess/20250423_100417/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?fit=1920%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1920,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;1.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Galaxy S23&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1745402657&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;5.4&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;160&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="20250423_100417" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?fit=773%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417.jpg?resize=773%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119672" style="width:417px;height:auto" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=773%2C1030&amp;ssl=1 773w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=768%2C1024&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=1152%2C1536&amp;ssl=1 1152w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=1536%2C2048&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=2000%2C2667&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=1300%2C1733&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/20250423_100417-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 773px) 100vw, 773px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">Peter von Matt ist kein Propagandist des &#8222;Gewehr bei Fuß&#8220;, ganz im Gegenteil: Wichtig sei, für das Lesen der Liste sein eigenes Verfahren zu finden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Studiere die Liste in Ruhe durch und entscheide nach eigener Lust und Laune.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Denjenigen, die sich die kürzesten Werke heraussuchen wollten, um Lesearbeit zu sparen, erklärt Professor von Matt kurz und freundlich, worum es in ihrem Studium geht – dies ist das andere, vielleicht sogar das eigentliche Ziel dieses Akzessbriefs:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht „die Universität“, die dich ausbildet, sondern Du bildest Dich an dieser Universität und mit ihrer Hilfe aus. Du hast es von Anfang an in der Hand, Deine Ausbildung qualitativ schlecht, mittelmässig oder hochstehend zu gestalten. Die Akzess-Arbeit ist dabei Dein erster Testfall.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Weiteren findet man in diesem Akzessbrief einige Bemerkungen über Sinn und Zweck des Lesens überhaupt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum studiert man Germanistik?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Man hat eines Tages erfahren, dass einem in der Literatur etwas zugänglich wird, was man anderswo nicht findet, und man hat davon mehr wissen wollen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Was unterscheidet die professionellen Leser von den Amateuren?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sie müssen nicht „alles“ gelesen haben – das hat niemand –, aber sie müssen die Fähigkeit haben, zu allem Literarischen, womit sie je konfrontiert werden, kurzfristig Zugang zu finden, es in seinem geschichtlichen Umfeld zu begreifen und zuletzt ein kritisches Urteil zu gewinnen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und das Akzessexamen mache eben, „unter anderem, den Amateur zum Professional“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Liste selbst sei weder eine Bestenliste, noch enthalte sie ein „Totalwissen“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es geht hier um ein Verfahren, mit dessen Hilfe man innert nützlicher Frist zu einer vielseitigen Kenntnis exemplarischer (nicht: „der besten“) Texte unserer Literatur kommen soll.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Peter von Matts Akzessliste dürfte eine der besten (wenn auch etwa hinsichtlich des Frauenanteils ergänzungsbedürftigen) Zusammenstellungen der deutschsprachigen Literatur sein, mit einem helvetischen Twist (u.a. Autoren wie Johann Gaudenz von Salis-Seewis und viel Jeremias Gotthelf).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ist das Vermächtnis eines Professors, der sich ebenso als Lehrer verstand wie als Forscher.</p>
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		<title>Page-99-Test: Kristine Bilkau</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Apr 2025 06:29:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
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					<description><![CDATA[Für ihren Roman „Halbinsel“ hat Kristine Bilkau den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Die Seite 99 allerdings ist stilistisch enttäuschend: eine Alltagssprache voller Floskeln und Redundanzen. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="632" height="1030" data-attachment-id="119640" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-kristine-bilkau/seite-99-clean_2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?fit=1570%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1570,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;1.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Galaxy S23&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1743581754&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;5.4&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;400&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Seite 99 clean_2" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?fit=632%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2.jpg?resize=632%2C1030&#038;ssl=1" alt="Seite 99 von Kristine Bilkaus Roman &quot;Halbinsel&quot;" class="wp-image-119640" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=632%2C1030&amp;ssl=1 632w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=184%2C300&amp;ssl=1 184w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=768%2C1252&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=942%2C1536&amp;ssl=1 942w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=1256%2C2048&amp;ssl=1 1256w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=2000%2C3262&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=1300%2C2120&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?resize=300%2C489&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-clean_2-scaled.jpg?w=1570&amp;ssl=1 1570w" sizes="auto, (max-width: 632px) 100vw, 632px" /></figure>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Seite-99-scaled.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 99</a> von Kristine Bilkaus Roman <em>Halbinsel</em> ist ernüchternd. Es findet sich kein Wort, das vom normalen Alltagsdeutsch abweicht. Wir begegnen einer Ich-Erzählerin, die über sich nachdenkt – und dies in Floskeln tut, wie wir sie alle die ganze Zeit sagen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Mittlerweile hörte ich mich so an, wie ich es immer hatte vermeiden wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie es jetzt läuft – das kannst du eigentlich nicht wollen. Was ist aus deinen Ideen geworden? Deinem Aufbruch? Deiner Energie? Das kann doch nicht alles weg sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manche Leute konnten unerträglich sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein schlechtes Gewissen meldete sich, wie früher, wenn Linn und ich stritten […]
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Anführungszeichen bei Dialogen sind ein Merkmal eher konventionellen Schreibens, manche Texte kommen ohne sie aus. Auf dieser Seite gibt es allerdings nicht nur Anführungszeichen, sondern auch Sätze, die kursiv gedruckt sind – dann nämlich, wenn etwas <em>off stage</em> gesagt, also von der Ich-Erzählerin nur berichtet, erinnert oder imaginiert wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkt ein wenig holzhammerhaft, zumal diese Sätze ausnahmslos trivial sind.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Noch eine Frage von der Sorte <em>Wie stellst du dir deine Zukunft vor</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jemand im Ort hatte mich gefragt, ob Linn nun zurück wäre <em>aus der Ferne</em>, dazu der blöde Spruch – <em>Na, dann wachsen die Bäume woanders auch nicht in den Himmel</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Lass sie doch mal durchatmen, gib ihr einen Moment</em>, hörte ich Johan sagen, <em>vielleicht möchte sie ja etwas antworten</em>.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Markierungen wie „Noch eine Frage von der Sorte“ oder „der blöde Spruch“ zeigen, dass sich die Autorin der Floskelhaftigkeit dieser Sätze bewusst ist. Vielleicht geht es darum, dieses Gerede als Gewäsch zu denunzieren? Manche Sätze geben gar eine Form des Alltagsjargons wieder, die man in den USA mit dem schönen Wort Psychobabble bezeichnet, doch sie werden wiederum von der Stimme der Ich-Erzählerin geäußert.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">[…] und ich in einen Monolog verfallen war, der ihr kaum Raum ließ zu reagieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Kind und Jugendliche war Linn mir ausgeliefert gewesen, auch wenn ich es nicht so empfunden hatte. Ich war ihr Gegenüber, sonst niemand, Johan fehlte.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Haltung des Texts wird auf dieser Seite nicht recht deutlich. Was ich auf der ganzen Seite vermisse, ist Verdichtung, das wichtigste Kriterium für literarische Sprache. Manche Sätze lesen sich auf seltsame Weise redundant, es kommt mir vor wie ein Sofa, auf dem zu viele Kissen liegen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ob ich mich unbeschwert fühlte oder überlastet und missmutig war, Linn bekam das zu spüren, ich prägte die Stimmung im Haus.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Dinge mehr als einmal gesagt werden, ist ein Kennzeichen nachlässigen Stils. Das gilt auch für die beiden Beispiele, die das oben beschriebene Stimmungsproblem illustrieren. Alles bezieht sich auf die Feststellung sechs Zeilen weiter oben: dass Johan fehlte.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">War das Abendessen fertig, nach einem Streit, konnte niemand sonst an Linns Tür klopfen und <strong>ohne</strong> Zwischen<strong>ton</strong> sagen: Es gibt Essen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Morgens fehlte die unbeteiligte dritte Person, um Linn zu wecken, <strong>ohne</strong> mit einem reservierten <strong>Ton</strong> die Stimmung gleich wieder zu dämpfen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wiederholung von „ohne“ und „Ton“ ist kein Schönheitsfehler, sondern ein Symptom: Auch in „konnte niemand sonst“ und „fehlte die unbeteiligte dritte Person“ steckt die Wiederholung. Es ist ein Symptom für schlampiges Formulieren, für fehlende stilistische Wachheit – für eine eigenschaftslose Sprache.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat der Roman Qualitäten, die aus der Seite 99 nicht hervorgehen?</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Kristine Bilkau<br><strong>Halbinsel</strong><br>Roman<br>Luchterhand 2025 · 224 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3630877303<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783630877303&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="645" height="1030" data-attachment-id="119627" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-kristine-bilkau/buchcover-13/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?fit=939%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="939,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?fit=645%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?resize=645%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119627" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?resize=645%2C1030&amp;ssl=1 645w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?resize=188%2C300&amp;ssl=1 188w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?resize=768%2C1227&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?resize=300%2C479&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Buchcover.jpg?w=939&amp;ssl=1 939w" sizes="auto, (max-width: 645px) 100vw, 645px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>
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		<title>Page-99-Test: Clemens Meyer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Aug 2024 06:24:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
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					<description><![CDATA[Clemens Meyers 1000-Seitenroman „Die Projektoren“ ist auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Auf der Seite 99 befinden wir uns in Kroatien, wo sich ein Cowboy mit einem Schäfer unterhält.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Der Mann, um den es auf dieser <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2024/08/Clemens-Meyer_Seite-99-1-scaled.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite </a>geht, spürt „die nächtliche Stille des Velebit“, ein kroatisches Gebirge. Er weiß wieder, wo er ist, nämlich am Ende der Reise, so erfährt man im ersten Absatz, der mit einer Folge von Negationen endet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">[&#8230;] nein, er war nicht festgeschnallt, schaute durch kein Loch in der Decke, lag auf keiner Pritsche, keiner Liege, keinem Bett, keinem Brett.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Gesagt wird nur, worauf der Mann <em>nicht </em>liegt, eine Beschreibung ex negativo, endend mit einer Art Reim. Es wirkt, als sei er etwas entkommen – Gefängnis? Krankenhaus?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stilistisch ist das eine kühne Entscheidung, denn das Unbewusste kennt keine Negation. Es hört in dieser Passage nur:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>festgeschnallt</li>



<li>Loch</li>



<li>Pritsche</li>



<li>Liege</li>



<li>Bett</li>



<li>Brett</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Was neurologisch in unserem Gehirn abläuft, wenn wir eine Negation verarbeiten, hat der argentinisch-kanadische Autor Alberto Manguel durch einen Schlaganfall erlebt. Im Gesprächsband <em><a href="https://kampaverlag.ch/produkt/ein-getraeumtes-leben/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ein geträumtes Leben</a></em> beschreibt er, wie er seine Sprache allmählich wiedererlangt. Die Frage der Krankenpflegerin, ob er Schmerzen habe, kann er nicht einfach verneinen. „Mein Gehirn versuchte zu formulieren ‚Schmerz, ja‘, und dann wollte es ein ‚Nein‘ darauflegen. Aber diese Brücke war nicht mehr da, und so bauten meine Neuronen neue Brücken. Nach einigen Wochen konnte ich sagen: ‚Ich habe Schmerzen, nein.‘“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Lesen einer Negation leisten wir unbewusst jedes Mal diese Arbeit. Ob dies in der hier zitierten Passage einen literarischen Mehrwert ergibt, lässt sich aufgrund der Seite 99 allein nicht sagen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der nächste Satz ist zunächst rätselhaft. Ein Schäfer kommt aus dem Tal zurück, und der Mann begrüßt ihn mit den Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">“Die Zeit des Faulenzens ist vorbei, <a>Šljiva</a>“ […].</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dass der Mann mit dem Faulenzen nicht den Schäfer meint, sondern sich selbst, wird erst in der nächsten Zeile klar, hier taucht auch die Bezeichnung Cowboy auf.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">“Die Zeit des Faulenzens ist vorbei, Šljiva“, begrüßte er den Schäfer, als der am nächsten Tag mit der Herde und dem Hund in den Talkessel zurückkehrte und erstaunt und mit offenem Mund auf den Cowboy starrte, der am Haus arbeitete, sich das Hemd ausgezogen hatte, nur das Halstuch bedeckte noch den Oberkörper, die Spitze des Dreiecks lag auf seiner knochigen Brust, und erst jetzt erkannte der Schäfer, wie ausgezehrt der Mann war, und er beschloss, ihm einen Krug frischer Milch zu bringen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht ganz leicht, diesem Satz zu folgen. Holprig ist der Satz aufgrund der vielen &#8222;und&#8220; sowie des Relativsatzes, dessen Fortsetzung ins Leere geht. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">[&#8230;] begrüßte er den Schäfer, als der am nächsten Tag mit der Herde <strong>und </strong>dem Hund in den Talkessel zurückkehrte <strong>und </strong>erstaunt <strong>und </strong>mit offenem Mund auf den Cowboy starrte, der am Haus arbeitete, sich das Hemd ausgezogen hatte [&#8230;]
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der zweite Teil dieses langen Satzes besteht in Wahrheit aus vier vollständigen Sätzen. Sie werden durch Kommas verbunden sowie einige „und“, die wieder etwas verquer in der Landschaft stehen. Ich setze jeweils einen Punkt, wo ein neuer Satz beginnt; der Übersichtlichkeit halber füge ich Zeilensprünge ein.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">“Die Zeit des Faulenzens ist vorbei, Šljiva“, begrüßte er den Schäfer, als der am nächsten Tag mit der Herde und dem Hund in den Talkessel zurückkehrte und erstaunt und mit offenem Mund auf den Cowboy starrte, der am Haus arbeitete, sich das Hemd ausgezogen hatte. <br>Nur das Halstuch bedeckte noch den Oberkörper. <br>Die Spitze des Dreiecks lag auf seiner knochigen Brust. <br>Und erst jetzt erkannte der Schäfer, wie ausgezehrt der Mann war. <br>Und er beschloss, ihm einen Krug frischer Milch zu bringen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkt ziemlich achtlos dahingeschrieben. Dazu kommen ein paar Klischees: Dass die Milch beim Melken „schäumte und dampfte“ und dass sie dem Cowboy später über das Kinn tropft, hat man auch anderswo schon gelesen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Dinge fallen einem nur auf, wenn man genau hinschaut, immerhin hat der Text einen unleugbaren Schwung. Irritierend dagegen finde ich den Dialog, den der Cowboy nun mit dem Schäfer führt. Wir sind zwar in Kroatien, doch offenbar unterhalten die beiden Männer sich auf Deutsch.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich werde dir helfen, ich will mich hier nicht einnisten wie die Made im Speck.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schäfer Šljiva hat Schwierigkeiten mit der Redewendung.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Made, verstehst du?“ Der Cowboy bewegte seinen Zeigefinger wie einen Wurm in der Luft, und der Schäfer wich kurz zurück, wieder einmal, verstand dann aber und lächelte, während er weiter die Ziege melkte.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">(Ein Schäfer, der Ziegen hütet?) </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Speck“, sagte der Schäfer mit seiner seltsam hohen Stimme und leckte sich über die Lippen, „Speck“, wiederholte der Cowboy und ahmte mit seinem Finger einen Wurm nach, der sich in ein Stück Speck, das er mit der anderen Hand in der Luft formte, hineinfraß.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dass der Cowboy den Finger wie einen Wurm in die Luft hält, wusste ich bereits, die unbeholfene Beschreibung des mit der anderen Hand in die Luft geformten Stücks Speck wäre nicht nötig gewesen. Aber damit wirklich gar kein Zweifel mehr bleibt, wird die Made im Speck ein weiteres Mal bemüht, Šljiva zuliebe in vorauseilend gebrochenem Deutsch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich nix Made“, sagte der Cowboy, „ich helfe mit, mein Šljiva, ich bin kein Parasit des Volkes.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die sozialistisch anmutende Wendung „Parasit des Volkes“ wirkt in den kroatischen Bergen so wenig plausibel wie die Made im Speck. Seltsamerweise muss sie dem Schäfer nicht erklärt werden. Vielleicht ist es eine Ironie, die sich nur an die Leser richtet?</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Cowboy hebt den Krug mit der frisch gemolkenen Ziegenmilch an den Mund,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">und während er trank, atmete er den Geruch der Milch, sah das Weiß, obwohl er die Augen geschlossen hatte, Schnee, Milch, Schnee, Milch, Spuren im Schnee, Bauern ohne Milch und so hager, dass sie wie alte struppige Besen an den Zäunen und Wänden ihrer Höfe lehnten […].</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vision aus lauter Weiß kommt unvermittelt, seltsamerweise geht der Gedankengang des Cowboys vom Weiß zu den Bauern, denen dieses Weiß gerade fehlt. Plötzlich setzt der Cowboy den Krug ab und reicht ihn dem Schäfer, der nicht darben soll wie diese Bauern, die wie struppige Besen am Zaun lehnen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Trink du weiter, Kamerad, du arbeitest“ </p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">– hier bricht die Seite ab.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir ist, als müsste ich beim Lesen auf meine Füße achten, damit ich in dem unwegsamen Gelände nicht stolpere.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Fazit: </h5>



<p class="wp-block-paragraph">Man sollte beim Lesen der mehr als tausend Seiten wohl besser nicht zu genau hinschauen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Clemens Meyer<br><strong>Die Projektoren</strong><br>Roman<br>S. Fischer 2024 · 1056 Seiten · 36 Euro<br>ISBN: 9783100022462<br></p>



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</div></div></div> </div></div>
</div></div>



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		<title>Page-99-Test: Tijan Sila</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jul 2024 08:06:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=119375</guid>

					<description><![CDATA[Tijan Sila hat den Bachmann-Preis 2024 gewonnen. Die Analyse der Seite 99 seines 2023 erschienenen Romans „Radio Sarajevo“ ergibt viele Kleinigkeiten, aber wenig Stil. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br>(<em>Warnung</em>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Auf der <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Seite-99-Tijan-Sila-scaled.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 99</a> von <em>Radio Sarajevo</em> habe ich fast nichts zu meckern. Wir sind in einer Schulklasse, und die Schüler haben begriffen, dass sie bei ihrem Lehrer namens Karahasan ohne jedes Risiko schwänzen können. Gefahr lauert allerdings außerhalb der Schule, denn in Sarajevo herrscht Krieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bisschen, was ich zu meckern habe, betrifft Redundanzen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Schon vor der Rückkehr zur Schule hatten wir ständig nach Gelegenheiten gesucht, für ein paar Minuten an die frische Luft zu gehen, die Schule gab uns nun die Möglichkeit, <strong>es täglich für ein paar Stunden tun zu können</strong>.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Warum nicht einfach „es täglich für ein paar Stunden zu tun“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Lehrer merkt sich die Namen der Schüler nicht.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Du – kennst du die Antwort?“, fragte er und warf dabei seinen Blick unbestimmt zwischen die Stuhlreihen<strong>, sodass man nicht wissen konnte, wen er meinte</strong>.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der letzte Satzteil schwächt den Text. Literatur lebt von Lücken (auch von kleinen), sie aktivieren mich als Leserin. Doch hier bekomme ich alles mit dem Löffel gefüttert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im dritten Beispiel sind es Anführungszeichen, die mir beim Lesen den Steigbügel hinhalten.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Er führte nicht einmal ein Klassenbuch, die <strong>„Noten“</strong> – willkürlich festgesetzte Zahlen nach kryptischen Abfragen – schrieb er in einem Notizblock der Polizeigewerkschaft auf.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Anführungszeichen markieren eine ironische Distanzierung, doch diese ist in der Bemerkung zwischen den Gedankenstrichen bereits enthalten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das sind Schönheitsfehler, die sich leicht beheben ließen. Allerdings finde ich auch kaum etwas, was auf dieser Seite 99 stilistisch hervorzuheben wäre, und wenn, dann ist es ebenso bescheiden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann dafür zwei der oben angeführten Zitate noch einmal verwenden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Du – kennst du die Antwort?“, fragte er <strong>und warf dabei seinen Blick unbestimmt zwischen die Stuhlreihen</strong>, sodass man nicht wissen konnte, wen er meinte.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der unbestimmt zwischen die Stuhlreihen geworfene Blick ist eine originelle Formulierung von bildlicher Kraft: Ich sehe den Lehrer vor mir.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Er führte nicht einmal ein Klassenbuch, die „Noten“ – willkürlich festgesetzte Zahlen nach kryptischen Abfragen – schrieb er <strong>in einem Notizblock der Polizeigewerkschaft</strong> auf.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hier gefällt mir die Genauigkeit: Der Notizblock (und damit der ganze Satz) wird interessanter durch die Polizeigewerkschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen Ende der Seite gibt es einen weiteren Satz, der stilistisch ambivalent ist. Die erste&nbsp;Hälfte des Satzes lautet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Die Kämpfe an diesem Tag beschränkten sich zwar auf <strong>Popcorngeräusche</strong> einzelner Scharmützel,</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort „Popcorngeräusche“ ist aufgeladen, gerade weil es etwas Harmloses benennt: Es steht in einer Spannung zur Tatsache, dass diese Scharmützel tödlich enden können. Damit wirft dieses Wort ein Schlaglicht auf die Gewöhnung an den Krieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Hälfte des Satzes ist dagegen aufgebläht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">und wir wussten auch ungefähr, wo man sich <strong>in der unmittelbaren Umgebung unserer Siedlung</strong> vor Scharfschützen in Acht nehmen musste.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Wörter erwähnen etwas, was man sich auch denken kann. Nicht nur machen sie den Satz schwerfällig, sie lenken auch von der Ungeheuerlichkeit ab, dass die Schüler ganz selbstverständlich wissen, wo sie erschossen werden könnten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man den Satz zuspitzt, wird der Ernst der Lage spürbar:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">und wir wussten auch ungefähr, wo man sich vor Scharfschützen in Acht nehmen musste.</p>
</blockquote>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Fazit</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist solide erzählt, und der Stoff ist zweifellos relevant, das Buch möglicherweise spannend. Aber stilistisch findet sich auf dieser Seite 99 mehr oder weniger gepflegtes Mittelmaß.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Tijan Sila<br><strong>Radio Sarajevo</strong><br>Roman<br>Hanser Berlin 2023 · 172 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 9783446277267<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="313" height="512" data-attachment-id="119379" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-tijan-sila/cover-tijan-sila/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Tijan-Sila.jpg?fit=313%2C512&amp;ssl=1" data-orig-size="313,512" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Tijan-Sila" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Tijan-Sila.jpg?fit=313%2C512&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Tijan-Sila.jpg?resize=313%2C512&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119379" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Tijan-Sila.jpg?w=313&amp;ssl=1 313w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Tijan-Sila.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Tijan-Sila.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/07/Cover-Tijan-Sila.jpg?resize=300%2C491&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 313px) 100vw, 313px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Das schwarze Loch der Hoffnung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Jun 2024 05:51:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=119243</guid>

					<description><![CDATA[Die Wiederbegegnung mit Kafkas „Das Schloss“ ist eine überraschende Leseerfahrung. Zum einen, weil K. kein Opfer ist, zum anderen, weil der Text in der zweiten Hälfte auf der Stelle tritt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Begegnung mit Kafkas Werk liegt meistens in der Schulzeit. Zu Kafkas 100. Todestag wenden wir uns seinem Werk zu, indem wir es wiederlesen &#8211; und uns aufs Neue überraschen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://tell-review.de/das-erste-mal/">Das erste Mal</a>, 3. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/toxische-buergerlichkeit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Toxische Bürgerlichkeit</a>, 5. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/die-brotloseste-aller-kuenste/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die brotlosteste aller Künste</a>, 12.6.2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/erloesung-durch-gewalt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Erlösung durch Gewalt</a>, 18.6.2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/geisterstunde/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geisterstunde</a>, 20. Juni 2024</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Warum sagt K. nicht einfach: „Ihr könnt mich mal, Tschüss!“? Diese Frage begleitet mich schon lange, wenn ich an <em>Das Schloss</em> denke. Sie ist mir nicht während des Lesens gekommen, sondern irgendwann danach. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Lektüren von <em>Das Schloss</em> liegen Jahrzehnte zurück, und beim Wiederlesen staune ich, wie ungeschickt, ja fast zufällig K. in sein Verhängnis hineinstolpert. In der ersten Szene weiß er nicht einmal, dass es hier überhaupt ein Schloss gibt, zugleich drängt er sich mit seinem Landvermessertum geradezu auf. Er tut dies in einer auffälligen Metaphorik von Kampf und Sieg. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Behörden, mit denen K. es zu tun bekommt, hatten</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">immer nur im Namen entlegener, unsichtbarer Herren entlegene, unsichtbare Dinge zu verteidigen, während K. für etwas lebendigst Nahes kämpfte, für sich selbst; überdies, zumindest in der allerersten Zeit, aus eigenem Willen, denn er war der Angreifer.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">K. ist also kein Opfer. In der Tat könnte er jederzeit nach Hause gehen, niemand würde ihn zurückhalten. Doch er will unbedingt ins Schloss und wird mehr und mehr zum Opfer seines eigenen Bestrebens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unmerklich zwingt uns Kafka in den Kosmos dieses selbst herbeigeführten Unglück hinein. Es ist ein Kosmos, in dem man mit allem rechnen muss. Zeit und Raum sind aus den Fugen: Das Schloss entfernt sich, die Tage sind ungewöhnlich kurz. Dazu kommen die Kafka’schen Frauenfiguren, die K. durch die Ambivalenz von Begehren und mildem Grauen in Bedrängnis bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Frieda – K. wird ihr später einen Heiratsantrag machen – heißt es in einer Szene im Wirtshaus:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sie nahm eine Peitsche aus der Ecke und sprang mit einem einzigen hohen, nicht ganz sicheren Sprung, so wie etwa ein Lämmchen springt, auf die Tanzenden zu.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch beim Wiederlesen identifiziere ich mich mit der unbedingten Notwendigkeit, mit der K. sich dem Schloss zu nähern versucht. Ich zweifle nicht an diesem Anliegen, trotz aller sorgfältig inszenierten Vergeblichkeit. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Aber diese letzte, kleinste, verschwindende, eigentlich gar nicht vorhandene Hoffnung ist doch Ihre einzige.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mit jedem Wort in dieser Rede der Wirtin wird die Negierung der Hoffnung gesteigert. K. scheint das Spiel zu durchschauen: Er sei „der Hoffnungen, mit der sie ihn zu fangen versuchte, müde“, heißt es wenig später.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hoffnung ist bei Kafka ein schwarzes Loch, nicht nur in <em>Das Schloss</em>. Über dem ganzen Werk hängt seine berühmte Sentenz: „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Bücher, die vom Unglück handeln, machen uns glücklich. „Ich würde nicht das Wort ‚glücklich‘ verwenden“, antwortet Peter Bichsel in meinem Gesprächsband <em><a href="https://www.amazon.de/Was-w%C3%A4re-wenn-Gespr%C3%A4ch-Sieglinde-ebook/dp/B07HQXXR3X/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=3TS6882F1TCDZ&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.VFrbYmEwvH8VMBs8XgCCcAylNZ23c5E1WBYO5-oZX-5Auv1FqdIwl7TjeA9fKsoHvHHElBmcF2cfhGgbXE-q_7agCH23b9126jVa1bbcDKTAGwQnlkJ6ncfqpEviZcY0aG05jta9RWRhFAvQccRP_-AYYgzKOkJ0HahtI7oVblbwA0vV3G01ZlcWuohXQ44I.tlWhWMa2u6D3DfbM7i-Yp3_NRXOSmb000XepSrKRMo8&amp;dib_tag=se&amp;keywords=bichsel+was+w%C3%A4re%2C+wenn&amp;qid=1717504451&amp;sprefix=bichsel+was+w%C3%A4re+wenn%2Caps%2C88&amp;sr=8-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Was wäre, wenn</a></em> auf die entsprechende Frage. „Es geht um Trost. Sie trösten uns, weil sie uns zeigen, dass es eine andere Welt gibt als diese.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tröstet uns Kafka? Er zeigt uns eine Welt, die ins Absurde kippt, weil sie sich allem Menschlichen entfremdet hat. Daran ist nichts Tröstliches. Und doch verschafft mir die Lektüre einen Zuwachs an Energie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das liegt am Stil, d.h. an Sätzen wie diesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">[…] und ein alter Bauer, in brauner Pelzjoppe, den Kopf seitwärts geneigt, freundlich und schwach, stand dort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Gesicht war heil und offen, die Augen übergroß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer sagte im Abgehen zur Erklärung, leichthin, mit einem undeutbaren Lächeln, das einige andere aufnahmen: „Man hört immer etwas Neues“, und er leckte sich die Lippen, als sei das Neue eine Speise.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist die Sprache selbst, die Hoffnung gibt – ein Wort, das seit Kafka radioaktiv aufgeladen ist. Die Sprache gibt Hoffnung durch ihre Schönheit und durch die Freiheit, etwas so zu sagen, wie es niemand anders je wird sagen können.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch ein kanonisierter Großautor wie Kafka ist nicht jenseits der Kritik. Die Taschenbuchausgabe meiner Studienzeit kann ich leider nicht mehr finden. Später hatte ich <em>Das Schloss</em> in der Ausgabe der Gesamtwerke Kafkas gelesen, die 2004 bei Zweitausendeins erschienen ist, und dort hören meine Anstreichungen in der Hälfte auf. Beim Wiederlesen verstehe ich, warum. Dass sich der Duktus ändert, sieht man schon von bloßem Auge: kaum mehr Absätze, sondern (besonders in dieser Ausgabe) seitenlange Blei-Wüsten. Der Text tritt auf der Stelle: In endlosen Monologen erklären Vorsteher, Sekretäre, Unterdiener etc. K. das Wesen dieser vielfach in sich verzweigten Bürokratie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei wissen wir längst Bescheid. Als K. nach einer Kontrollbehörde fragte, hatte er bereits in der ersten Hälfte des Romans dies zu hören bekommen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nur ein völlig Fremder kann Ihre Frage stellen. Ob es eine Kontrollbehörde gibt? Es gibt nur Kontrollbehörden. Freilich, sie sind nicht dazu bestimmt, Fehler im groben Wortsinn herauszufinden, denn Fehler kommen ja nicht vor, und selbst wenn einmal ein Fehler vorkommt, wie in Ihrem Fall, wer darf denn endgültig sagen, dass es ein Fehler ist?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Materie wird in der zweiten Hälfte exzessiv wieder gekaut. Ich muss gestehen, dass ich die letzten hundert Seiten immer wieder diagonal gelesen habe. K. selbst kommt in der zweiten Hälfte kaum mehr zu Wort. Dabei hätte ich mich gerade für ihn besonders interessiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immerhin geht es K. wie seinen Lesern: Er schläft ständig ein, während er von den Schloss-Vertretern zugetextet wird. Wollte Kafka uns die Vergeblichkeit und die Ohnmacht seines Protagonisten quasi eins zu eins spüren lassen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das Schloss</em> ist Fragment. Als er es schrieb, war Kafka schon sehr krank, und wie alles andere in seinem Nachlass hatte er das Manuskript nicht zur Veröffentlichung vorgesehen. Wer weiß, was er daran noch geändert hätte?</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Montage: Anselm Bühling)



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Franz Kafka<br><strong>Das Schloss</strong><br>Roman<br>S. Fischer 2023 · 416 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: 978-3596709618<br></p>



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