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	<title>Hartmut Finkeldey &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Kritik und Vernunft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 09:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Jürgen Habermas – ein freundlicher Philosoph, der aber auch Wagnisse einging. Eine Würdigung von einem, der mit Habermas nicht warm wurde.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Nein, ich werde keine philosophische Gesamtwürdigung des dann wohl doch bedeutendsten, wichtigsten Philosophen der alten Bundesrepublik vorlegen. Erstens könnte ich das nur ungenügend, ich bin kein Habermas-Kenner. Zweitens: Selbst, wenn: Warum sollte ich, was Axel Honneth <a href="https://www.soziopolis.de/juergen-habermas.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">hier</a> unvergleichlich gut macht, sehr viel schlechter noch einmal machen? Zum dritten, entscheidenden: Ich bin mit Habermas nie so ganz warm geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das betraf nicht einmal die Inhalte, obwohl ich von den Analytikern herkam. Vernunft hochhalten in postmetaphysischen Zeiten, gerade auch gegen die „Untiefen der Rationalitätskritik“ – da gab es keinen großen Dissens. Und seine Gedanken zum wohl doch zentralen Problem aller Philosophie – wie vermittle ich zwischen der kontingenten historischen Genese und der universellen Geltung der Vernunft – werden bleiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eclat in Hamburg 1989</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Habermas, das war die SPD auf philosophisch: der alte Onkel, den man etwas langweilig und betulich fand, über den man sich klammheimlich auch gerne mal lustig machte. Und, aber das gestand sich kaum jemand ein, auf dessen Freundlichkeit man sich verlassen, den man geistig immer anpumpen konnte, wenn Not am Mann war. Und Not am Mann war eigentlich immer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das galt speziell für die Linke im Spätherbst 1989. Im Dezember 1989 bekam Habermas in Hamburg den Dr. h. c., bezeichnenderweise bei den Politikwissenschaftlern, nicht bei den Philosophen. Ich war als Philosophiestudent im Audimax dabei. Kurz vor Beginn der Veranstaltung stürmten vier, fünf westdeutsche Linke unklarer Couleur die Bühne und begehrten das Mikrofon. Alles wand sich vor Peinlichkeit. Was tat Jürgen Habermas? Mit einem souveränen: „Erst die Kollegen, bitte“ überließ er ihnen das Wort. Der Mauerfall und damit der Sieg des Westens im kalten Krieg sei, so die linke Delegation, nicht widerstandslos hinzunehmen, der Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus gehe weiter, der Sozialismus werde siegen. Habermas‘ Antwort war begütigend: Er werde die sozialistische Utopie immer achten, räume ihr aber nach diesem Desaster auf lange Sicht keine Chancen ein, es gehe jetzt vielmehr darum, was man aus dem Ist-Zustand mache. Das war Habermas in seiner Freundlichkeit; ganz en passant führte er seine Theorie des kommunikativen Handelns in actu vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann muss man das mit dem gemütlichen Onkel cum grano salis nehmen. Habermas konnte auch anders. In sicherer Antizipation der Probleme, die eine voluntaristische Linke, eine neue „Propaganda der Tat“ mit sich bringen würde, warnte er schon 1967 vor einem „linken Faschismus“. Und so illegitim der Begriff, den er schnell wieder zurücknahm, auch war, denn der linke Tugendterror, das linke Lager und auch die linke Propaganda der Tat sind schon begrifflich etwas anderes als der völkisch-faschistische Schläger und Mörder: Den Braten hatte er der Sache nach richtig gerochen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Jahre später lief die RAF Amok – mit allen bekannten Folgen. Die Kritik als solche hat Habermas nie revidiert, ihm war die Zweischneidigkeit linker Praxis, war Löwiths Warnung vor säkularisierter Erlösung, jederzeit bewusst. Der Vermahnungen post mortem (z. B. durch <a href="https://www.salonkolumnisten.com/mein-habermas/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ilko-Sascha Kowalczuk</a>) bedurfte er nun wirklich nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kritik an Martin Heidegger 1953</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es war indessen bei weitem nicht das erste Mal, dass Habermas Wagnisse einging. 1953, als Philosophiestudent, ist er sein vielleicht größtes eingegangen. Wer im Jahr 1953 in der jungen Bundesrepublik einen Martin Heidegger in aller Öffentlichkeit an die NS-Verbrechen <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/habermas-1953-in-der-faz-mit-heidegger-gegen-heidegger-denken-200642929.html" data-type="link" data-id="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/habermas-1953-in-der-faz-mit-heidegger-gegen-heidegger-denken-200642929.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">erinnerte</a>, und an die Rolle, die er im ideologischen Backoffice dabei gespielt hatte, der musste schwer was los haben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Präzise erteilte der 24-Jährige allem raunenden Irgendwie Bescheid, in das sich Verantwortlichkeit ja so gerne flüchtet, und etablierte mit dieser Zurückweisung von ‚Tiefe‘ zugleich das Leitmotiv seines Denkens: kritische Vernunft.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Läßt sich auch der planmäßige Mord an Millionen Menschen, um den wir heute alle wissen, als schicksalshafte Irre seinsgeschichtlich verständlich machen? Ist er nicht das faktische Verbrechen derer, die ihn zurechnungsfähig verübten – und das böse Gewissen eines ganzen Volkes? Hatten wir nicht acht Jahre Zeit seither, das Risiko der Auseinandersetzung mit dem, was war, was wir waren, einzugehen? Ist es nicht die vornehme Aufgabe der Besinnlichen, die verantwortlichen Taten der Vergangenheit zu klären und das Wissen darum wachzuhalten? – &#8230; Statt dessen betreibt die Masse der Bevölkerung, voran die Verantwortlichen von einst und jetzt, die fortgesetzte Rehabilitation. – &#8230; Statt dessen veröffentlicht Heidegger seine inzwischen achtzehn Jahre alt gewordenen Worte von der Größe und der inneren Wahrheit des Nationalsozialismus [&#8230;].</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das hat Habermas nun nie zurückgenommen. Karl Jaspers schrieb gleich 1946: „Wir sind nicht, als unsere jüdischen Freunde abgeführt wurden, auf die Straße gegangen, haben nicht geschrien, bis man auch uns vernichtete (…). Daß wir leben, ist unsere Schuld.“ Von diesem berühmten Bekenntnis abgesehen, hat in der frühen Nachkriegszeit kaum ein deutscher Philosoph den deutschen Völkermord derart deutlich in den Blick genommen wie Habermas, zumindest nicht unter denen, die nicht emigriert waren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Historikerstreit 1986</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dreißig Jahre später hat sich diese Bewertung gegen die haltlosen und monströsen Behauptungen Ernst Noltes, die zum Historikerstreit von 1986 führten, dann durchgesetzt. Wer die enthemmten Hasskommentare der gar nicht mehr so neuen Rechten auf Habermas‘ Tod zur Kenntnis nimmt, der weiß, was ein Obsiegen Noltes bedeutet hätte. Denn die Rechte tut gerade, was sie immer tut, und sie tut es so machtvoll wie seit langem nicht: Sie sinnt auf Rache für Gottweißwas, für eine behauptete, erfundene ‚Beleidigung‘, d. h. für ihr selbstverschuldetes Scheitern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Habermas’ in großartiger Art und Weise betuliche, freundliche Stimme der Vernunft wird fehlen in den Kämpfen, die uns bevorstehen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph"><strong>Ein P.S. zum Historikerstreit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ernst Noltes Behauptung, Auschwitz sei, in welcher Form auch immer, lediglich als Reaktion auf die „ursprünglicheren“ stalinistischen Massenverbrechen zu deuten, vergeht vor den schlichten Fakten. Schon 1912 hat der Vorsitzende des alldeutschen Verbands, Heinrich Claß, in seinem Buch <em>Wenn ich der Kaiser wär</em> – sozusagen die Bibel der Alldeutschen – über Deportationen schwadroniert. Claß nannte sie „Evakuierung“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war bereits alles da, was das spätere Nazi-Herz begehrte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wo fängt das an und wo hört es auf, was uns zugemutet werden soll, als zur Menschheit gehörig zu lieben und in unser Streben einzuschließen? Ist der verkommene oder halbtierische russische Bauer des Mir [Dorfgemeinschaft], der Schwarze in Ostafrika, das Halbblut Deutsch-Südwests oder der unerträgliche Jude Galiziens oder Rumäniens ein Glied dieser Menschheit?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Claß bekam 1933 als alter Mann von den Nazis einen ‚Ehrensitz‘ im Reichstag. Sie wussten, was sie ihm schuldig waren.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Jürgen Habermas im Hörsaal des Philosophischen Seminars, Frankfurt 1969 <br>Max Scheler/Süddeutsche Zeitung Photo </h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Erlösung durch Gewalt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Jun 2024 05:50:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ geht es um die Unterwerfung unter den Apparat, eine Form von zugleich enthemmter und berechneter Gewalt. Handelt es sich dabei um eine Beschreibung des Faschismus avant la lettre? ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Begegnung mit Kafkas Werk liegt meistens in der Schulzeit. Zu Kafkas 100. Todestag wenden wir uns seinem Werk zu, indem wir es wiederlesen – und uns aufs Neue überraschen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://tell-review.de/das-erste-mal/">Das erste Mal</a>, 3. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/toxische-buergerlichkeit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Toxische Bürgerlichkeit</a>, 5. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/das-schwarze-loch-der-hoffnung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das schwarze Loch der Hoffnung</a>, 7. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/die-brotloseste-aller-kuenste/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die brotlosteste aller Künste</a>, 12. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/geisterstunde/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geisterstunde</a>, 20. Juni 2024</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Meine „Sollbruchstelle“ (Hans-Dieter Gelfert), um in Franz Kafkas Schriften einzusteigen, war seit eh – wenig originell, den meisten dürfte es so gegangen sein – das gewollte Missmatch zwischen dem, <strong>was</strong> Kafka schilderte, und dem, <strong>wie</strong> er es tat. Also die Diskrepanz zwischen den absurden, unsinnigen, alogischen, furchtbaren Welten samt ihrem Personal, und seiner präzisen, juristisch geschulten Lakonie, mit der er diese Welten (ersichtlich so etwas wie Freud‘sche Traumentstellungen) analysiert und ihnen interne Sinnhaftigkeit zuschreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das führte bei mir dazu, dass ich mich Kafkas Werk immer mit einer Haltung genähert habe, die man bewusste Naivität nennen kann: Ich nahm ihn wörtlich. Also zum Beispiel: <em>Der Vater verurteilt seinen Sohn zum Ertrinken? Was ist denn das für ein Wahnsinn! </em>Diese naive Fassungslosigkeit, dieses naive Entsetzen, Erstaunen ist bei Kafka (und bei aller Literatur) natürlich integraler Bestandteil der Texte: Wir <strong>sollen</strong> es so lesen, die Texte würden anders gar nicht funktionieren.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch „In der Strafkolonie“ kann, so meine ich, ohne diese Naivität nicht angemessen verstanden werden. Es war eine der ersten Erzählungen Kafkas, die ich las, ich kann mich noch gut an mein gebanntes Entsetzen erinnern, ich konnte nicht aufhören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nehmen wir auch diese Erzählung wörtlich: Ganz offenbar zeigt Kafka in ihr ein Gewaltsystem im Vollzug. Genauer sogar zwei: zum einen das des alten Kommandanten, der Gerechtigkeit durch Folter und Tod herstellen will – wobei die Schuld jederzeit feststeht – und als dessen letzter Fürsprecher der Offizier agiert; und zum anderen das des neuen Kommandanten und dessen indirekten Fürsprechers, des Reisenden. Sie sind mit dem alten System nicht einverstanden, hätten auch die Macht, das Ganze sofort zu beenden – und lassen es dennoch geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen hier schon genau lesen: Der Reisende greift ja mitnichten aktiv ein, um <em>diese</em> Hinrichtung, <em>diese </em>Folter, <em>diesen </em>Wahnwitz zu beenden. Er äußert nur seine Ablehnung des Verfahrens, und das auch noch in vorsichtigen, den Offizier schonenden, fast schon entschuldigenden Worten. Der Offizier beendet die Hinrichtung des Veruteilten von sich aus, denn er ist gescheitert. Das Verfahren hat nicht überzeugt, also unterwirft er sich als letzter Adorant dem Apparat, der dabei vollends entzwei geht und „Sei gerecht“ nicht schreiben, Gerechtigkeit nicht herstellen kann (es vielleicht nie konnte).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dialog zwischen Offizier und Reisendem dreht sich denn auch lange Zeit kaum um die Frage, ob das Verfahren gerecht, warum diese Grausamkeit nötig sei – dabei ist das die einzige Frage (und Kafka weiß das natürlich genau), die uns als rat- und fassungslose Leser hier interessiert. Der Offizier stellt nur kurz seine Theorie totaler, gewaltsam hergestellter Gerechtigkeit vor – Widersprüche vom Reisenden kommen keine –, um sodann zur Schilderung des „Verfahrens“ überzugehen. (Das „Verfahren“, wie der Jurist Kafka es nennt, ist hier natürlich nicht der Prozess, sondern die Vollstreckung: Denn Anklage, Urteil und Strafe sind identisch, das Urteil wird dem Verurteilten erst per Strafvollzug mitgeteilt, also auf den Leib geschrieben.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann geht es detailliert um den genauen Aufbau des sinnreich konstruierten Apparats, ekelhafte Einzelheiten inklusive (der Mundfilz und der Brei zum Beispiel, ersichtlich ein Poe-Zitat aus „Wassergrube und Pendel“), des Weiteren geht es um Klagen des Offiziers: Früher waren solche Hinrichtungen eine große Sache, vor viel Publikum, jetzt ist alles trist, Verfall zeigt sich, niemand kommt mehr, auch die Maschine ist nicht mehr wirklich gut gewartet worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das setzt sich fort mit minutiösen Darlegungen, wie sich das Gespräch zwischen dem Reisenden und dem neuen Kommandanten denn nun entwickeln solle. Denn wenn er, der Reisende, ihm beim neuen Kommandanten helfen wolle, müsse er das so und so machen, dürfe auch die Rolle der Damen nicht vernachlässigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und es endet in Erinnerungen an vergangene, ‚glückliche‘ Exekutionen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Der [alte] Kommandant in seiner Einsicht ordnete an, dass vor allem die Kinder berücksichtigt werden sollten; ich allerdings durfte kraft meines Berufes immer dabeistehen; oft hockte ich dort, zwei kleine Kinder links und rechts in meinen Armen. Wie nahmen wir alle den Ausdruck von Verklärung von dem gemarterten Gesicht, wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser endlich erreichten und schon vergehenden Gerechtigkeit! Was für Zeiten, mein Kamerad!“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und als die einzige hier relevante Sache endlich verhandelt wird, geschieht das beiläufig. Die beiden tauschen sich nur über das „Verfahren“ aus, wenn man das höflich-zurückhaltende ‚Nein‘ &nbsp;– fast ein ‚Nein, Danke‘ – des Reisenden überhaupt Austausch nennen will. Nie geht es um den Verurteilten, den Kafka, wie er das bei Neben(!)figuren so häufig macht, regelrecht slapstickartig zeichnet, nie um seine Qualen, er ist auf seine Funktion reduziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein präziser, sachlicher Gewaltexzess, der Sinn etablieren soll. Wir haben es hier mit enthemmter Gewalt zu tun, aber mit einer, die von einem präzise arbeitenden, mit Hollerithschen Lochkarten gefütterten „Apparat“ (!) ausgeübt wird. Eine berechnete, vorgeschriebene Gewalt, die auf Erlösung abzielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Somit erzählt Kafka vom Faschismus, davon, Erlösung durch Gewalt und Folter zu erhoffen, und zwar nicht als bloßes Mittel zum Zweck, sondern indem Gewalt und Folter innerlich bejaht und geliebt, als zentrales Moment unseres Daseins erlebt werden. Und zugleich erzählt er vom Unvermögen des ‚gesittet-gebildeten‘ Europas, auf diesen scheinrational begründeten Gewaltexzess anders als mit achselzuckender Nonchalance zu reagieren. Er hat vom Faschismus nur den Namen noch nicht, aber schon den Begriff.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich gibt es andere Deutungen. Dass Kafka uns hier auch seinen inneren Darkroom vorführt, ist sowieso klar (vgl. das Prügler-Kapitel in <em>Der Prozess</em>, das Messer in „Schakale und Araber“ usf., an sexuell konnotierten Gewaltfantasien ist bei Kafka kein Mangel). Ich widerspreche auch gar nicht, wenn der Literaturwissenschaftler Oliver Jahraus konstatiert, bei dem Apparat handele es sich um eine Schreibmaschine. Natürlich ist er eine Schreibmaschine, wobei wir nicht wissen, was diese Hollerith-Maschine letztlich ‚schreibt‘ (Sprache? Ornamente? eine Geheimsprache?).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber geht es wirklich ums Schreiben als solches, um „Magie und Gewalt der schreibenden Hand“ (Alexander Honold)? Handelt es sich bei den eintätowierten, eher ‚eingefolterten‘ Zeichen wirklich um Signifikate, die mit den Signifikanten zusammen fallen, wie Jahraus meint? Ich sehe das nicht. Hier werden Unschuldige ‚beschrieben‘, also durch Gewalt zugerichtet, ob die Zeichen bzw die Ornamente überhaupt eine Bedeutung haben, bleibt ungeklärt, auch wenn der Offizier es dem Reisenden (und uns Lesenden) versichert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass alle Sprache Gewalt, alle Sprache Faschismus sei, Zurichtung und Normierung von Welt und Selbst, ist seit mehr als fünfzig Jahren zentral für den poststrukturalistischen Ansatz, exemplarisch etwa in Roland Barthes Antrittsvorlesung 1977. Eine These, die mich nie überzeugt hat. Alle Sprache, alles Schreiben? Himmlers Sprache ebenso wie die von Anne Frank? Das Schreiben von Will Vesper ebenso wie das von Franz Kafka? Hat unsere Schwierigkeit, gut und böse zu identifizieren (zu urteilen in Hannah Arendts Sinn) nicht auch in dieser falschen Äquidistanz ihren Ursprung? Und will man Kafkas Erzählung, die ohne unsere Fassungslosigkeit nicht funktionieren würde, wirklich als Ausdruck dieser Äquidistanz lesen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es handelt sich nicht um Schreiben, um Zeichen, sondern um <em>gewaltsames </em>Schreiben, <em>gewaltsame </em>Zeichen, also um gewaltsam produzierten Sinn. Mithin um Faschismus.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Montage: Anselm Bühling)



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die Sprache der Fragilen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Jul 2023 08:51:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie mutig war Christa Wolf? Sie war fragil, und sie ließ sich ein auf die Welt. Ein Vergleich ihrer Novelle "Was bleibt" (1990) und ihres Referats auf dem 11. Plenum des ZK (1965). ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Schwerpunkt Christa Wolf</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2021 erschien im Suhrkamp Verlag die dreibändige Sammlung <em>Sämtliche Essays und Reden</em> von Christa Wolf. Wir fragten damals bei tell in die Runde, was Christa Wolf für uns heute bedeutet, und wir stellten fest, dass wir ganz unterschiedliche Beziehungen zu ihrem Werk haben. <br>Um dem nachzugehen, haben wir in der Essay-Sammlung geblättert und Texte herausgesucht, die zu uns sprechen.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>(Auftakt) <strong><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/soap-opera-der-ddr-literatur/" target="_blank">Eine Soap Opera der DDR-Literatur</a>. </strong>Herwig Finkeldeys Rezension von Clemens Meyers &#8222;Über Christa Wolf&#8220;</li>



<li>1) <strong><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wozu-schreiben/" target="_blank">Wozu schreiben?</a> Literatur als Utopie oder Heilmittel.</strong> Agnese Franceschini vergleicht zwei Essays von 1965 und 2006</li>



<li>2) <strong>Die Sprache der Fragilen. </strong>Hartmut Finkeldey über <em>Was bleibt</em> (1990) und die Rede auf dem 11. Plenum (1965)</li>



<li>3) <strong><a href="https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Von der Naivität und ihrem Verlust</a></strong>. Sieglinde Geisel über den Essay &#8222;Über Sinn und Unsinn von Naivität&#8220;</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Vielleicht habe ich gewisse Vorteile bei dieser kleinen Umfrage: Ich bin weder Christa-Wolf-Bewunderer noch Wolf-Verächter; ganz abgesehen davon, dass ich ihr Werk nur zu Teilen kenne. Peter Rühmkorfs maliziöser Spott war mir immer etwas too much, die Wolf-Anbeterei ging mir indessen auch auf die Nerven. Interessanterweise war ich von <em>Was bleibt</em> am stärksten beeindruckt – in meinen Augen zusammen mit <em>Katz und Maus</em> und <em>Die verlorene Ehre der Katharina Blum</em> die stärkste Novelle der nunmehr historisch gewordenen deutschdeutschen Nachkriegsliteratur.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Staatsdichterin oder Widerständlerin?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich noch gut an die wilde Debatte damals, als <em>Was bleibt </em>1990 erschien (eine erste Fassung hatte Christa Wolf bereits 1979 geschrieben). Die Novelle schildert einen Tag im Leben einer offenbar arrivierten Schriftstellerin – enge autobiografische Bezüge dürfen vermutet werden –, die ganz offen von der Staatssicherheit observiert wird. In Monologen schildert Wolf die Verunsicherungen, die dadurch bei der Protagonistin erzeugt werden: Schlaflosigkeit; bevor man in der eigenen Wohnung ein offenes Wort wagt, muss der Telefonstecker gezogen werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Abends kommt es zur ‚unerhörten Begebenheit‘ der klassischen Novelle: Eine Lesung im Kulturzentrum, bei der, obwohl die Staatssicherheit viele Karten aufgekauft und die eigenen Leute platziert hat, kritische Fragen aufkommen. Eine junge Frau, ein junger Mann opponieren. Die junge Frau bringt „das Wort ‚Zukunft‘ ins Spiel“ und will wissen, „auf welche Weise aus dieser Gegenwart für uns und unsere Kinder eine lebbare Zukunft erwachsen soll“. Zugleich hat es vor dem Kulturzentrum eine Rangelei der Abgewiesenen mit der Volkspolizei gegeben. Die offizielle Version – die jugendlichen Fans der Schriftstellerin hätten provoziert – erweist sich als offenkundig falsch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die angebliche „Staatsdichterin“, so der damalige Vorwurf, inszeniere sich mit dieser Novelle post hoc zur Widerständlerin. 1979 wäre die Publikation eine mutige Tat gewesen, sie erst 1990 zu veröffentlichen, sei nachgeholter Heroismus. Der Vorwurf war infam – und enthielt zugleich Einiges an versteckter, böser Wahrheit. Nur war die Wahrheit keine über Christa Wolf, sondern eine über alle Fragilen, die sich mit der Welt einlassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mut oder Schwäche?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich will das erklären, indem ich <em>Was bleibt</em> kontrastiere mit einem von Christa Wolfs Essays: ihrem Beitrag zum berüchtigten 11. Plenum. Wolf war von 1963 bis 1967 Kandidatin des ZK der SED – und wurde spätestens ab 1968 massiv von der Staatsicherheit überwacht. Wer sich Christa Wolf mit politisch-moralischen Kriterien nähert, muss beides beachten. Es muss gefragt werden, warum beides so kam, wie es kam und warum die Reihenfolge so war, wie sie war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer ungerechten Kritik, die damals viel Furore machte, sprach Ulrich Greiner von der „flauen Unverbindlichkeits-Melodie“ in Christa Wolfs Sprache. Das war nicht ganz falsch und verfehlte die Wahrheit dennoch deutlich. Wenn Greiner damit meinte, Wolf hätte doch schon 1979 Bescheid gewusst, rennt er offene Türen ein. Denn sie wusste Bescheid. Und wenn er ferner sagen wollte, sie hätte das dann auch damals schon so sagen sollen, so war das unfair: Denn sie hat es gesagt, mehrfach, am deutlichsten, als sie die Protestresolution gegen Biermanns Ausbürgerung unterzeichnete und ihre Unterschrift trotz Druck <em>nicht</em> zurückzog. Für das immer fragile, nie auf den Punkt zu bringende Wolfsche Ich, das Angst hat, in jeder Hinsicht, ist das ein nicht unbeträchtlicher Mut vor Fürstenthronen. Mehr war sozusagen nicht drin, und es wäre unfair, ihr ihre persönlichen Grenzen vorzuwerfen. Im Übrigen war dies bei weitem mehr Mut, als die meisten DDR-Bürger aufbringen konnten oder wollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist das Schwäche? Den Greinerschen (und übrigens in höflicherer Form auch Grass‘schen!) Vorwurf eines gewissen Dranges, es allen recht zu machen, nimmt Wolf regelrecht vorweg: &#8222;Mein beschämendes Bedürfnis, mich mit allen Arten von Leuten gut zu stellen. (&#8230;) Mit simplen Selbstbezichtigungen würde ich diesmal nicht davonkommen&#8220;, heißt es in <em>Was bleibt</em>. Immer wieder beschwört sie die „neue Sprache“, die irgendwann kommen werde und in der sie mit den Härten zurande kommen würde, an denen die Ich-Erzählerin zu zerbrechen droht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Opposition auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Christa Wolf bleibt in ihrer ureigenen Sprache, es ist die Sprache der Fragilen, der “Kranken“. Krankheit spielt eine wesentliche Rolle in Christa Wolfs Werk. Wer kann aus seiner Sprache aussteigen? Und wenn: Wäre das so erstrebenswert? Und hat die Autorin die Festigkeit – das Gegenteil von weich sei nicht hart, sondern fest, so lesen wir – nicht längst gefunden? Über einen jungen Kollegen, der ihr immer Gedichte zusteckt, schreibt sie: Seine Tür würde die Stasi, im Gegensatz zu ihrer Tür, einfach eintreten. Was ist daran flau? Und die Lesung abends im Klubhaus, Polizeiaktion inklusive: Ist es zu unverbindlich, angesichts der Geheimpolizei sotto voce „Das ist nicht wahr“ zu sagen, wenn gelogen wird? Am absurdesten war der Vorwurf, Wolf würde ihre Kritik nicht konkret an jemanden adressieren. Jeder Trottel wusste, wen und was sie meint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem berüchtigten 11. Plenum, dem Kahlschlagplenum 1965, hielt Christa Wolf ein Referat. Es schmerzt heute noch, dieses Referat zu lesen. Sie stammelt. Sie stottert. Beständig flicht sie (erkennbar überredet sie sich wider besseres Wissen dazu!) einen peinlichen „Halten zu Gnaden!“-Disclaimer nach dem anderen ein. Etwa: „Ich bin der Ansicht, daß die sozialistische Gesellschaft nicht nur die Gesellschaft an sich weiter entwickelt, sondern die einzige Gesellschaft ist, die der Literatur eine wirklich freie Entwicklung ermöglicht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber sie ist die Einzige, die überhaupt noch protestiert, überhaupt noch opponiert. Die Einzige, die literarisch komplexere Formen gegen den sozialistischen Holzschnittrealismus des ‚Genossen Dumm-Dumm‘ verteidigt – Fortschritte der Ästhetik dürften nicht wieder verloren gehen –, immer wieder unterbrochen von Zwischenrufen, u.&nbsp;a. von Margot Honecker. Wie verbrämt sie es auch immer tut – sie kritisiert, und zwar als Einzige. Wolf hatte damals übrigens zwei Töchter im Alter von 10 und 13 Jahren, und Kinder zu haben, hieß, erpressbar zu sein. Und natürlich wusste Wolf, so wie alle, dass die SED im Fall der Fälle auch robuster vorzugehen bereit war.&nbsp;Übrigens, ganz en passant: War und ist es <em>so</em> DDR-spezifisch, Fragwürdiges ‚mitzukaufen‘, wenn man sich – für was auch immer – entschieden hat? Was Christen, Konservative, Nietzsche-Jünger so alles mitkaufen&#8230;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Protestantische Überfairness</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ist es denn gewagt, Wolfs großartige Novelle als Novelle einer Selbstkritik zu lesen – über eine „Hoffnung (&#8230;), der auch ich einst angehangen habe“? Der sie angehangen hat, zu der sie sich überreden musste – nicht obwohl, sondern weil sie fragil war? Und das heißt ja oder könnte heißen: Weil sie überfair war? Wolf, das wird man so sagen dürfen, war eine protestantische Schriftstellerin par excellence, moralische Kategorien spielten eine wichtige Rolle für sie. Und wie es sich für eine Protestantin sozusagen gehört, rang sie mit ihrem Gott. Zugleich aber, sonst wäre sie die Künstlerin nicht gewesen, die sie nachweisbar war, war sie mit Fragilität, mit Offenheit ausgestattet und wusste um die Grenzen eindeutiger Moral. Jeder Moral, auch der sozialistischen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Fragilität meets Protestantismus – und was immer man von dieser Mischung halten mag: Am Ende stand bei Wolf dann jene protestantische Überfairness, die ihr eine etwas zu ungerechte Kritik als kalkulierten Schutzmechanismus auslegte. Gegen diesen Vorwurf nehme ich Christa Wolf in Schutz.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Helga Paris. Christa Wolf, Woserin am See (1990)</h6>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Christa Wolf<br><strong>Sämtliche Essays und Reden</strong><br>&#8211; <em>Band 1: Lesen und Schreiben (1961-1980)<br>&#8211; Band 2: Wider den Schlaf der Vernunft (1981-1990) <br>&#8211;</em> <em>Band 3: Nachdenken über den blinden Fleck (1991-2010)</em><br>Herausgegeben von Sonja Hilzinger<br>Suhrkamp Taschenbuch 2021 · 1 800 Seiten · 36 Euro<br>ISBN: 978-3518471609</p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="852" height="1030" data-attachment-id="116642" data-permalink="https://tell-review.de/wozu-schreiben/cover-30/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?fit=2117%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="2117,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?fit=852%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=852%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-116642" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=852%2C1030&amp;ssl=1 852w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=248%2C300&amp;ssl=1 248w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=66%2C80&amp;ssl=1 66w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=768%2C929&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=1270%2C1536&amp;ssl=1 1270w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=1694%2C2048&amp;ssl=1 1694w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=2000%2C2419&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=1300%2C1572&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?resize=300%2C363&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/06/Cover.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="(max-width: 852px) 100vw, 852px" /></figure>


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		<title>Krieg oder kein Krieg?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Mar 2022 07:57:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Ukrainekrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Lässt sich angesichts von Putins Angriffskrieg noch pazifistisch argumentieren? Soll man der Ukraine zum Widerstand bis zum Äußersten raten? Was man aus dem Vergleich mit den dreißiger Jahren lernen kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>21. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank">Wir sind keine Zuschauer</a> (Anselm Bühling)</li>



<li>22. März 2022: <a href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>25. März 2022: <a href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wird Schönheit die Welt retten?</a> (Agnese Franceschini)</li>



<li>26. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Der russische Angriff auf die Ukraine hat mich entsetzt. Ich fand es ehrlich von Habeck, zuzugeben, dass er damit lange Zeit nicht gerechnet habe. Mir ging es genauso. Als die Nachricht kam, war ich einfach nur fassungslos: Selbst aus Putins Sicht, gerade aus seinen Machtinteressen heraus, so glaubte ich bis fast zum Schluss, wäre das doch Wahnsinn. Und ist es ja auch, wie sich jetzt zeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Putins völkerrechtswidriger Angriffskrieg hat einen naheliegenden Vergleich herausgefordert, nämlich den mit den dreißiger Jahren. Ich war immer <a href="https://tell-review.de/prachtvoller-hass-versus-gutmenschenscheiss/">gegen Vergleichsverbote</a>, denn vergleichen heißt ja nicht in eins setzen, sondern parallelisieren – und schauen, wie weit man damit kommt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so nähere auch ich mich diesem Krieg mit drei Zitaten aus den dreißiger bzw. vierziger Jahren: zwei bekannten Zitaten emigrierter deutscher Schriftsteller – Klaus Mann und Bertolt Brecht –, und einem in Deutschland vielleicht weniger bekannten Zitat von George Orwell.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Radikaler Pazifismus</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In seiner Autobiographie <em>Der Wendepunkt</em> berichtet Klaus Mann, wie er im Sommer 1940 kurz nach Hitlers Sieg im Westen mit seinem alten Freund Christopher Isherwood aneinandergeriet. Die beiden kannten sich schon aus Berlin. Isherwood gehörte mit W. H. Auden und Klaus Mann u.a. zur den frühen Protagonisten der Schwulenbewegung. Dass Isherwood als Schwuler und als Weltbürger kein Nazi-Sympathisant war, steht außer Diskussion. Seit Ende der dreißiger Jahre näherte sich Isherwood ostasiatischen Weisheitslehren an (oder dem, was er dafür hielt). In diesem Rahmen entwickelte er einen Radikal-Pazifismus: Krieg ist immer schlecht, und zwar jeder Krieg, auch der gegen Hitler. (Krieg weglächeln, Gewalt wegmeditieren – dieser herzensgut gemeinte Unfug ist keineswegs neuesten Ursprungs!)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klaus Manns Gegenargument:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Als gesitteter Mensch ist man natürlich Pazifist, was denn sonst. (…) [Aber] ein Krieg, der unvermeidlich geworden ist, lässt sich nicht mehr ‚ablehnen‘, sondern nur noch gewinnen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Recht auf Selbstverteidigung ist elementar, und welche Mittel der Angegriffene aufwendet, um einen rechtswidrigen Angriff auf sich abzuwehren, ist nicht vorgeschrieben. Wenn die Ukraine so agiert, wie sie es derzeit tut, ist das ihr gutes Recht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Moral posing</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das zweite Zitat stammt von Bertolt Brecht, und von hier an wird die Geschichte kompliziert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Dabei wissen wir doch:<br>Auch der Haß gegen die Niedrigkeit<br>verzerrt die Züge.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das ist derzeit zu beobachten. Auf Social Media, in den etablierten Medien, auch auf einer Website wie „Zentrum liberale Moderne“. Den Verteidigungskrieg der Ukraine für legitim halten – was er trivialerweise ist –, ist das eine. Das andere: Jeder Krieg, auch der gerechte, verändert uns. Das <em>moral posing</em>, in dem sich nun viele als kleine Churchills gerieren, klingt mir wie die neueste Variante des nachgeholten Widerstands. Auf <a href="https://www.youtube.com/watch?v=gRptIoJ3cSE">„Bild-TV“</a> werden im Bewunderungsgestus Videos mit Angriffen auf russische Panzer gezeigt, in denen, so müssen wir annehmen, russische Soldaten sterben. Selbsternannte Generalstabsoffiziere geben detaillierte Tipps („nicht nur Stinger, sondern auch weitreichende Fla-Raketen“). Literarisch Gebildete spielen auf Ernst Jünger an. Wer auch nur um zwei Winkelminuten von der Linie abweicht, wer etwa nach dem rechtsextremen Asov-Regiment fragt oder nach der Rolle ukrainischer Oligarchen, muss sich als „Putin-Versteher“ anrempeln lassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Vietnamisierung der Ukraine</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir die heutige Situation mit den dreißiger Jahren vergleichen, also mit Chamberlains Appeasement und Churchills Warnungen, dann müssen wir neben den Parallelen auch die Differenzen im Blick behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Parallelen hat mein <a href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/">Bruder</a> schon vieles gesagt. Putin (und seine Entourage, er agiert ja nicht allein) fühlt sich, wie die extreme Rechte der Weimarer Republik, zu kurz gekommen, und auch er lädt dieses Gefühl mit einer Ideologie auf, die den Kontakt zur Realität längst abgebrochen hat: Er identifiziert „Schuldige“ für die empfundenen Defizite und hält „Lösungen“ des gar nicht existierenden „Problems“ allein per Gewalt für möglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber auch Unterschiede. Der erste Unterschied ist der entscheidende: Hitler hatte keine Atombombe, punkt. Nazi-Deutschland war die Apotheose des Grauens, primus inter pares aller verluderten Politverbrecher, und verfügte leider über eine militärisch kompetente Armee. Aber Nazi-Deutschland war besiegbar. Die Atommacht Russland ist das nicht. Aus heutiger Sicht wissen wir: Es wäre 1938 besser gewesen, den Krieg zu riskieren. So unvorbereitet England und Frankreich waren – das militärische Potenzial Nazi-Deutschlands wurde massiv überschätzt; auch Deutschland war keineswegs kriegsbereit. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es bleibt natürlich Spekulation, aber Einiges spricht dafür, dass Hitler 1938 in dem schwierigen sudetendeutschen Gelände sein Ukraine-Erlebnis gehabt hätte. Nur kann diese Erkenntnis nicht auf den Ukrainekrieg übertragen werden. Die Nato kann nicht direkt eingreifen – sie hat das ja auch sofort erklärt –, und Putin weiß das auch. Ist es eine gute Idee, die Ukraine sich weiter opfern zu lassen, wie es z.B. das <a href="https://libmod.de/gressel-stand-der-russischen-invasion-ukraine/">„Zentrum liberale Moderne</a>“, aber auch viele social media-Nutzer, unverhohlen fordern? Ist es eine gute Idee, den Krieg durch die Unterstützung der Ukraine zu einer jahrelangen tödlichen Gemengelage zu machen, die Ukraine gewissermaßen zu vietnamisieren?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kriegsvorbereitungen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der zweite Unterschied: Große Teile des deutschen Volks, will sagen, große Teile unserer Vorfahren, waren einfach vom Teufel geritten und machten fanatisch mit, bis zum Abwinken. Davon kann, soweit sich derzeit sagen lässt, in Russland so nicht die Rede sein. Es gibt Zustimmung für Putin, leider, aber sie ist nicht grenzenlos, es sind nicht die neunzig Prozent, die wir bei Hitler auf dem Höhepunkt seiner Popularität veranschlagen dürfen. Die Widerstandskräfte in Russland – wer denkt jetzt nicht an <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marina_Wladimirowna_Owsjannikowa" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Marina Ovsiannikova</a> – gilt es zu stärken. Es gibt in Russland eine Mittelschicht, die Europa nicht angreifen, sondern als Touristen bereisen will.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übrigens bewertet man die Appeasement-Politik Chamberlains inzwischen differenzierter. Die jahrzehntelang gepflegte Erzählung – der Trottel Chamberlain ließ sich von Hitler übern Tisch ziehen – dürfte in dieser Ausschließlichkeit nicht haltbar sein. England hatte sehr wohl begriffen, dass es um eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland nicht herum kommen würde und nutzte seine durch Appeasement gewonnene Zeit für umfangreiche Vorbereitungen. Chain Home (das englische Radarsystem, das der deutschen Luftwaffe 1940 eine Überraschung nach der anderen bereitete) wurde unter Chamberlain errichtet, nicht unter Churchill. Auch die Nato bereitet sich ja seit Jahren vor. Die derzeitige Wehklage, man sei so naiv und unvorbereitet gewesen, nehme ich angesichts der Nato-Manöver, die es seit Jahren an der Nato-Ostgrenze gibt, nicht ernst. Putin zu signalisieren, dass man massiv aufrüsten werde, ist als Geste wohl richtig, sollte aber nicht verbunden werden mit einer Kriegsrhetorik, die ihrerseits alle Brücken abbricht und jeden Friedensvorschlag als Defätismus denunziert.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Krieg als das kleinere Übel?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Denn: Appeasement, also der Glaube an Verhandlung, Vermittlung, Ausgleich, ist gleichsam die Demokratie selbst. Entsprechend problematisch ist es, Verhandlung, Ausgleich, Vermittlung per se mit Schwäche zu assoziieren (der Glaube, ein Parlament sei eine „Quasselbude“, geht in die gleiche Richtung). Tatsächlich wird skrupellose Dreistigkeit immer zunächst billige Siege gegen Demokratie und Humanität einheimsen. Langfristig wird das Prinzip Gewalt – so viel Norbert-Elias-Optimismus bewahre ich mir – aber keine Chance haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was könnte man folgern?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der massive und von Putin so nicht erwartete ukrainische Widerstand war zunächst einmal offenkundig richtig (Klaus Mann). Sich in eine binäre Kriegslogik einzupanzern, ist ebenso offenkundig falsch (Brecht). In seinem Essay „Looking back on the Spanish War“ schreibt George Orwell (es ging ihm auch um die ständig wechselnden Haltungen der westlichen Linken in den Dreißigern – mal hieß es „war is hell“, dann in Spanien wiederum „war is glorious“):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">We have become too civilized to grasp the obvious. For the truth is very simple. To survive you often have to fight, and to fight you have to dirty yourself. War is evil, and it is often the lesser evil. Those who take the sword perish by the sword, and those who don‘t take the sword will perish by smelly diseases.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir sind zu zivilisiert geworden, um das Offenkundige zu sehen. Denn die Wahrheit ist sehr einfach. Um zu überleben, muss man häufig kämpfen, und wenn man kämpft, macht man sich schmutzig.&nbsp;Krieg ist böse, nur ist er häufig das kleinere Übel. Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen, und wer nicht zum Schwert greift, stirbt durch faule Kompromisse.</em></p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Widerstand bis zum Äußersten?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">“Häufig“ muss man kämpfen, aber nicht „immer“. Wenn das wahr ist, dann stellt sich die Frage, wie „wir“ die Ukraine unterstützen. Das ist keine prinzipielle, sondern eine pragmatische Frage. Waffen liefern? Auf eine Verhandlungslösung drängen, mit massivem Druck auf Putin? Die Frage sollte sein, was für die Ukraine das Beste ist, nicht, was unserem öffentlich inszenierten Gewissen moralisch am besten schmeckt (Sie lesen gerade einen Beitrag dazu!). Englands Durchhalten 1940 war richtig, Golo Mann bezeichnete dieses Durchhalten als „imposant, das einzig menschlich große Ereignis“ jener Jahre. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber erliegen einige hier nicht doch einer allzu undifferenzierten Parallelisierung?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich gebe <a href="https://vimeo.com/683720956#t=2h14m00s">Tanja Maljartschuk</a> und <a href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/">Anselm Bühling</a> recht: Wir urbanen Großstadtintellektuellen haben das nicht zu entscheiden, auch moralisch nicht. Ob es aber die Militärs allein entscheiden sollten? „Der dritte Weltkrieg wird die Ukraine auch nicht retten“, zitiert Anselm Bühling Tatjana Maljartschuk, und auch das stimmt zweifellos. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht bin ich „zu weich“ aufgewachsen, im sicheren Schoß der alten Bundesrepublik, was immer das heißen mag. Aber ich habe nicht den Maulheldenmut, der Ukraine Widerstand bis zum Äußersten anzuraten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Eine Welt ohne Zufall</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2020 06:47:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Coronakrise zeigt sich erneut: Wo Gewissheiten schwinden, haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Zwei Bücher helfen dabei, dem Phänomen auf den Grund zu gehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten. Und manchmal auch auf Aktuelles und aktuell Gebliebenes. </div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Ganz aktuell, sozusagen „Corona-aktuell“ sind derzeit Debatten rund um Verschwörungstheorien. Da empfehle ich zwei Bände, die etwas tiefer in die Materie eindringen: Michael Butters <em>Nichts ist wie es scheint – Über Verschwörungstheorien</em> (2018) und Karl Hepfers <em>Verschwörungstheorien – Eine philosophische Kritik der Unvernunft</em> (2015). Beide Autoren kommen in vielen Punkten zu ähnlichen Ergebnissen; spannend wird es, wo sie differieren. Beide Bände sind schon vor einigen Jahren erschienen und sagen naturgemäß nichts zur Corona-Pandemie. Aber desto besser, denn es geht um die Mechanismen verschwörungstheoretischen Denkens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die grundlegenden, abstrakten, inzwischen regelrecht ‚standardisierten‘ Kriterien für Verschwörungstheorien werden von beiden Autoren akzeptiert: Verschwörungstheorien sind Wirklichkeitskonstrukte (im weitesten Sinn also tatsächlich Theorien, wenn auch in einem anspruchslosen Sinn des Wortes), die die amorphe Wirklichkeit (bzw. relevante Ereignisse wie etwa Kriegsausbruch, Wirtschaftskrise o.ä.) als das Ergebnis zielgerichteten Tuns einer kleinen Gruppe von Verschwörern beschreibt und erklärt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Im Würgegriff der Verschwörer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Damit verbunden ist eine dichotome Weltsicht: „wir“ (Mehrheit, ‚normal‘, machtlos, im Würgegriff der Verschwörer, also Opfer) gegen „sie“ (Minderheit, mit fast grenzenloser Macht ausgestattet, den eigenen Interessen und letztlich dem Bösen verpflichtet, also Täter). In einer solchen Weltsicht gibt es keinen Zufall, keine Kontingenzen, keine Fehler – alles geschieht, weil „sie“ und ihr Masterplan es so wollen (Politiker X ist nicht verunfallt, weil er betrunken zu schnell gefahren ist – “sie“ hatten ihre Finger im Spiel!). Alle Verschwörungstheorien immunisieren sich gegen Falsifikation, und zwar letztlich mit dem immer gleichen rhetorischen Trick: Einwände gegen eine Verschwörungstheorie kommen von „ihnen“, den anderen, sie ‚beweisen‘ nur, wie tief die Verschwörung schon reicht. „Wir“ Verschwörungsentlarver wiederum erklären uns zu hehren St-Georgs-Reitern, die „tapfer“  gegen eine Welt voller Lügen und voller Blinder („Schlafschafe“ heißt das seit Neuestem) zu Feld ziehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Michael Butters Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Konspirationismus löst eine vielschichtige und widersprüchliche Wirklichkeit in den manichäischen Gegensatz von Gut und Böse auf. Der meist kleinen Gruppe von Verschwörern, die letztlich für alles, was geschieht, verantwortlich ist, steht die große Gruppe von Opfern gegenüber, die bis auf wenige Erleuchtete gar nicht begreift, was geschieht.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verschwörung und Realität</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Karl Hepfer argumentiert als Philosoph, Michael Butter als Literatur-/Kulturwissenschaftler. Beide Perspektiven sind bereichernd. Hepfer geht systematisch vor: Wie wird für Verschwörungstheorien argumentiert, was hat das mit den klassischen philosophischen Thesen zu Wissenschaft, Handlung, Gesellschaftlichkeit etc. zu tun? Butter wiederum bietet eine hochinteressante Historie der Verschwörungstheorien an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hepfer räumt ein, was Butter – meines Erachtens mit schlechten Argumenten – bestreitet: Dass es natürlich auch Thesen über die Wirklichkeit geben kann, die nach allen Standards als Verschwörungstheorie zu bezeichnen sind, die sich dann aber doch als zutreffend erweisen. Wenn ich im Sommer 1990 gesagt hätte, die Behauptung, irakische Truppen hätten Babys aus Brutkästen gerissen, sei eine PR-Lüge, die einen Krieg stützen soll, wäre ich nach allen rationalen Standards Verschwörungstheoretiker gewesen. Doch ich hätte Recht gehabt. Hepfer sieht das Problem; Butter wiegelt ab, was schade ist, denn es nimmt seinem Buch etwas von seiner Überzeugungskraft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau dies ist ja das Problem aller Verschwörungstheorien – dass sie eben (abgesehen von einigen bizarren Fällen wie etwa „Die Amis waren gar nicht auf dem Mond“) gerade <strong>nicht</strong> ersichtlich absurd sind. Man denke an den Komplex NSU/Verfassungsschutz oder an das Oktoberfestattentat. Wissen wir es mit letzter Sicherheit? Nein! Wären wir überrascht, wenn herauskäme, dass der Neonazi-Terror doch Unterstützer innerhalb der Dienste gehabt hat? Wohl kaum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hepfer schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Verschwörungstheorien, ob eingebildet oder ‚echt‘, sind oft weit weniger ‚wirr‘ als es auf den ersten Blick aussieht. Im Gegenteil: zum Teil sind sie sogar hochgradig schlüssig und erfüllen viele der üblichen Kriterien für wissenschaftliche Theorien in vorbildlicher Weise. Ein zweiter Blick auf die Sache lohnt sich also und ist weniger abwegig, als es zunächst erscheint.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich mit Logik und Geschichte von Verschwörungstheorien näher befassen möchte, sollte zu beiden Bänden greifen. Sie ergänzen sich gut, und sie widersprechen einander dort, wo die Debatte stattfindet.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><em>Hinweis: Beide Bände gibt/gab es auch bei der <a href="https://www.bpb.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundeszentrale für politische Bildung</a>. Die Bundeszentrale legt sie immer mal wieder auf; man schaue gelegentlich dort vorbei. Sollte man sowieso ab und an tun.</em></p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Aluhutträger. Von Piratenmensch <a href="https://www.flickr.com/photos/piratenmensch/9705663820" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Flickr</a><br> Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC BY-SA 2.0</a><br>Buchcover: Verlage</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Michael Butter<br><strong>Nichts ist, wie es scheint</strong><br>Über Verschwörungstheorien<br>Suhrkamp Verlag 2018 · 271 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: 978-3-518-07360-5<br></p>



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<p class="wp-block-paragraph">Karl Hepfer<br><strong>Verschwörungstheorien</strong><br>Eine philosophische Kritik der Unvernunft<br>transcript Verlag 2015 · 192 Seiten · 24,99 Euro<br>ISBN: 978-3-8376-3102-9<br></p>



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		<title>Das wilde Hin und Her der Ideen im Herbst 89</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Nov 2019 10:05:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Leipzig]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
		<category><![CDATA[Wende]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Herbst 1989 überschlugen sich in der DDR die Ereignisse. Die Tagebuchaufzeichnungen des Leipzigers Radjo Monk und des Dresdners Thomas Rosenlöcher bieten unterschiedliche Perspektiven auf die Wendezeit. Umso aufregender ist die Parallel-Lektüre dreißig Jahre danach.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-right"><p><span style="font-size: 80%">Ein halbes Jahr ist vergangen, in dem so viel geschehen ist, in dem wir uns so rasant verändert haben und doch dieselben blieben. Wir haben uns nicht an Träumen, nicht an der Zeit gemessen, sondern nur an der Vermessenheit einer Clique von übergeschnappten Greisen. </span></p><cite> <span style="font-size: 80%">Radjo Monk, 21. März&nbsp;1990</span></cite></blockquote>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Nicht nur aus aktuellem Anlass seien zwei ältere, wieder zu entdeckende Wendetagebücher empfohlen: Das Tagebuch des Leipzigers Radjo Monk (i.e. Christian Heckel) <em>Blende 89</em> (2006) sowie Thomas Rosenlöchers <em>Die verkauften Pflastersteine – Dresdner Tagebuch</em> (1990). Beide Tagebücher ergänzen und bestätigen sich gegenseitig, und doch widersprechen sie einander subtil. Denn ihre Verfasser haben unterschiedliche DDR-Leben gelebt. Radjo Monk war als Oppositioneller in der Leipziger Liederszene aktiv, veröffentlichte in inoffiziellen Zeitschriften, wurde mehrmals verhaftet und von der Stasi observiert, wie seine dicke Akte zeigt. Thomas Rosenlöcher dagegen war SED-Mitglied, von 1976 bis 1979 Student am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher, kein Staatsdichter, sondern einer aus der großen Riege talentierter DDR-Lyriker, desillusioniert und angepasst zugleich: 1976 unterzeichnete er die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, wenn auch mit schlechtem Gewissen, wie er im Tagebuch glaubhaft darstellt und selbstkritisch reflektiert. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Täter, die auch Opfer waren</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Autoren, auch Rosenlöcher, befürworten natürlich die Demonstrationen im Herbst 1989, an denen sie selbst auch teilnehmen, sie hoffen auf Reformen, auf Demokratie. Beide sind skeptisch über die von der Krenz-SED hurtig für sich reklamierte “Wende“. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das gute alte Kaderwelsch zur Kirchentonart mutiert,</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">schreibt Rosenlöcher am 18.&nbsp;Oktober 1989 über die erste Rede von Egon Krenz. Monk schreibt am 24.&nbsp;Oktober: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie spielen nach wie vor mit der Macht und mit dem Volk Blindekuh.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Autoren berichten empört von Misshandlungen (die friedliche Revolution war mitnichten friedlich; dass es keine Toten gab, ein Wunder), ihre Schilderungen sind quasi austauschbar: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Polizisten schlagen noch auf ihn ein, als er schon am Boden liegt. Dann wird er auf den LKW geschleift.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So Rosenlöcher in Dresden, 6. Oktober 1989. Bei Monk finden sich nahezu identische Passagen. Beide berichten immer wieder, fast wie Wasserstandsmeldungen, die Zahl derjenigen, die ‚heute‘ wieder ‚rübergemacht‘ haben. Und natürlich: Stasi, Stasi, Stasi, eines der wichtigsten Themen damals. „Stasi in die Produktion“, beide dokumentieren aufmerksam diesen Demo-Slogan, den man im Wendeherbst allerorten hören konnte. Interessant, dass Rosenlöcher und Monk auch den Fall Schnur ähnlich bewerten (Wolfgang Schnur, scheinbar Dissident und Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, war kurz vor der Volkskammerwahl im März 1990 als IM enttarnt worden). „Eigentlich“, so Rosenlöcher am 13.&nbsp;März 1990, „ist es Judas, der die Schuld der Anderen auf sich nimmt“. Und Monk, unter gleichem Datum ähnlich milde: Schnur, der ja in einem DDR-Waisenhaus aufgewachsen war, sei „wie so viele Täter und Opfer in einem“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Geschäftler aus dem Westen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was mich historisch am meisten berührt und was beide Tagebücher so authentisch macht, ist das wilde Hin und Her der Ideen, die auftauchen, um sich schnell wieder zu verflüchtigen: Sozialismus, dritter Weg, die Warnung vor einem Ausverkauf der DDR. Und die wilden Gerüchte, an denen es in revolutionären Zeiten nie mangelt. Honecker soll, Mielke soll, die Stasi soll, die Leute sollen&#8230;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Realistisch war der dritte Weg nicht: Bald schon nehmen Monk und Rosenlöcher, kritischen Sinnes, den Spin in Richtung Wiedervereinigung und vor allem in Richtung Kapitalismus wahr. Bereits im Dezember spricht Rosenlöcher vom „Häuflein der Vereinigungsgegner“, die auf den Demonstrationen gegen ‚Deutschland einig Vaterland‘ nicht mehr den Hauch einer Chance hätten (6. Dezember 1989). Und Monk sieht: „Vor dem Hotel die gepflegten Limousinen der Geschäftler aus dem Westen.“ (21. Februar 1990 über einen Besuch in Dresden) Die schnelle Transformation von der Forderung nach einem demokratischen Sozialismus – man denke an Christa Wolfs Aufruf „Für unser Land“, auch an Rosenlöchers titelgebende Kolumne über die verkauften Pflastersteine – bis hin zum ‚Anschluss‘ und die D-Mark um jeden Preis: Der erdrutschartige Sieg der Allianz hat damals viele bestürzt, die der DDR zumindest Zeit geben wollten. Im März 1990, kurz vor der Volkskammerwahl, schreibt der ein zweites Mal resignierte Rosenlöcher: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie [die DDR-Bürger] kommen bei sich selbst an, wenn sie nun wählen werden, was sie eigentlich immer schon wollten, den Westen im Osten, oder, wie ich vor Karlis Bierbude sagen hörte: ‚Ni mehr minderwertsch sein‘.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verlierersprache</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„Ni mehr minderwertsch sein“ – das war die Grundstimmung damals im Osten, das berechtigte Gefühl, betrogen worden zu sein und die Angst, das Leben könne einem weiterhin versagt werden. Denn natürlich hat die ganze DDR immer gewusst, dass allein sie die Kriegszeche bezahlt hat (die BRD hat das übrigens auch immer gewusst!). Drei Länder haben ja bekanntlich, nach einem bitteren englischen Witz, den Heiner Müller gern erzählte, den zweiten Weltkrieg gewonnen: die USA, Westdeutschland und Japan. Hier formierten sich jene Verwerfungen, mit denen die deutsche Gesellschaft bis heute nicht klarkommt. Das wird sich auch nicht ändern, solange Sächsisch „Verlierersprache“ bleibt, wie es in einem witzigen Aufsatz Rosenlöchers heißt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Übrigens berichten beide Tagebuchschreiber – wiederum fast identisch – auch über erste Versuche westdeutscher Geschäftemacher, Ostdeutsche über den Tisch zu ziehen. Radjo Monk und Edith Tar sind im März&nbsp;1990 auf einer Party eingeladen; Mit dabei sind westdeutsche Geschäftsleute, von denen sich die Gastgeber offenbar eine Zukunftsperspektive erhoffen und die sich unmöglich aufführen. Monk zitiert das Resümee seiner Freundin: „Jetzt weiß ich, wie schnell und leicht die uns in den Sack stecken, sie machen das total sauber, wir haben keine Chance.“ Und natürlich berichten beide auch von ersten Erscheinungen von Nazigewalt: „Ausländer seien gejagt worden“, so hat Rosenlöcher gehört, wie er in einer Notiz vom 15. März 1990 notiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spannend sind in den beiden Tagebüchern auch die Schilderungen des Alltags in diesen Tagen der Wende. Das alte Lied: Um die Ecke vollzieht sich Weltgeschichte, aber an Monks Wagen geht der Zylinderkopf kaputt und bei Rosenlöchers regnet es durch. Und doppelt spannend, was diese zwei hellwachen, ständig beobachtenden Zeitgenossen verpassen: Erst nach Tagen hört Rosenlöcher von den Gewaltexzessen am Dresdner Hauptbahnhof, wo Hunderte von DDR-Bürgern die Züge nach Prag hatten stürmen wollen. Monk wiederum verpasst die erste größere Leipziger Demo und muss sich berichten lassen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Dissident und SED-Genosse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zugleich tut sich zwischen den beiden Tagebüchern ein Spalt auf. Monk notiert am 21.&nbsp;Oktober 1989: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich fühle mich nicht gesprächsbereit im Sinne der jetzt überall beschworenen Gesprächsbereitschaft […], ich misstraue auch jenen, die sich jetzt anklagen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und, sehr deutlich, am 22.&nbsp;Oktober 1989: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich wurde vergewaltigt, und das vergisst man nicht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Rosenlöcher, offenkundig zerknirscht und nicht mit sich im Reinen, spricht im Hinblick auf seine DDR-Jahre von seiner „ohnmächtigen Verzweiflung, bei gleichzeitiger Bereitschaft, mich einzurichten im Verfall“. Sehr ehrlich berichtet er, schon in der Rückschau, von einem Anwerbeversuch der Stasi. Er, der so schwer Nein sagen kann, lässt sich, ohne dass er direkt bereit wäre zu spitzeln, unverbindlich auf ein Gespräch ein. Erst Birgit Rosenlöcher rettet die Situation: Käme die Stasi noch einmal ins Haus, reiche sie die Scheidung ein. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven – der verhaftete, bespitzelte Dissident und der lange Zeit nur heimlich nörgelnde, halb kritische, halb resignierte SED-Genosse – machen die Parallellektüre so spannend. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine wirklich zufällige Koinzidenz sei noch erwähnt, an ihr zeigen sich die unterschiedlichen Perspektiven besonders klar: Beide waren während der Wende wegen lange vorher vereinbarter Termine für einige Tage im Westen: Rosenlöcher hatte am 11.&nbsp;November eine Lesung in Freiburg, Monk war im November&nbsp;1989 im Saarland, wo er und Edith Tar Oskar Lafontaine kennenlernten, dem sie gleich einen Fotokopierer fürs Neue Forum abschwatzten. Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger bereichert beide Tagebücher enorm. Dabei erweist sich – es ist wohl kein Zufall – Rosenlöcher als deutlich ‚westkritischer‘: Der „Westspießer“ sei noch unangenehmer als der aus dem Osten. Am 22.&nbsp;November 1989 notiert Rosenlöcher in Stuttgart:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es schadet dem Charakter, einer der reichsten Männer der Welt zu sein.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Monk erlebt die schnell einsetzende Reserviertheit der Westdeutschen, urteilt aber anders: Er spricht kurz nach dem Mauerfall mit einigen West-Berlinern über „die Invasion aus dem Osten“ und äußert, in einer Notiz vom 16. November 1989, Verständnis für ihre Reserviertheit: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Angesichts der Bananenfresser vor Supermärkten hatte ich Mühe, meinen Landsleuten Verständnis entgegenzubringen, ihr Benehmen war einfach peinlich.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Später im Jahr 1990 „meidet“ Monk sogar, wenn er in Berlin ist „den Ostteil indirekt“, wie er am 2. Oktober notiert.  </p>



<p class="wp-block-paragraph">Rosenlöchers Tagebuch endet
mit der Volkskammerwahl am 18.&nbsp;März 1990, bei der er übrigens Wahlhelfer war,
Monks Tagebuch ein halbes Jahr später mit der Wiedervereinigung am 3.&nbsp;Oktober
1990. Beide bieten literarisch wie dokumentarisch faszinierende Einblicke in
die Wendezeit.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Hartmut Finkeldey<br>(Buchcover Wolle/Mitter: Befehle und Lageberichte des MfS)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zu den Büchern</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Rosenlöcher<br><strong>Die verkauften Pflastersteine</strong><br>Dresdner Tagebuch<br>Suhrkamp Verlag 2009 · 115 Seiten · 7 Euro<br>ISBN: 978-3518116357 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker978-3518116357" src="data:image/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAQCAYAAAAf8/9hAAAAGXRFWHRTb2Z0d2FyZQBBZG9iZSBJbWFnZVJlYWR5ccllPAAAAUlJREFUeNpiZEADV7XlEoBUPBA7oEkdAOKF2lcfLUAWZETSqACk1gOxgUBACAOvkzsDMy8fWO7v508Mn/ftZPiwYQ2IewGIA4EGPUC2VQGI398N9vj//frV/7gASA6kBqQWaiHcgPMgiT+fPsIVv1009/+DhLD/zzsa/v96+hguDlIDNeQ83M9AjGIzSDNIDIZvWOigGA5SC5VLYAIFGMjPHBpacBeB/IwMQPyPEP+DAUgtSA9IL8gAB1CAIQNeJzd4AMLAj5tX0dSA9TiADMBQDLJB/fhlBq0rDxmEYpPAYqxSsihqYHqYGAgAZl5+iAHSMljlmbD5GRl82LgabBvIW+jhAjPgACiRYAPPaooZfj99wiDV2ovhTaieA1ijEZZgQNH3fsNqrAkKFo1YE9KnvTv/P60uQklAOBMSpUmZ4szESGl2BggwAJR/ZVgK6XqqAAAAAElFTkSuQmCC" style="border: 0px none; width: 16px; height: 16px !important; margin-left: 1px !important; margin-right: 1px !important; vertical-align: bottom !important;"></a></span> <br></p>



<p class="wp-block-paragraph">Radjo Monk<br><strong>Blende 89</strong><br>Edition Büchergilde 2005 · 287 Seiten · 19,90 Euro<br>ISBN: 978-3936428469 <br></p>


</div> </div></div>



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		<item>
		<title>Vers für Vers 6: Das Trauma des verlorenen Seelenheils</title>
		<link>https://tell-review.de/vers-fuer-vers-6-das-trauma-des-verlorenen-seelenheils/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Oct 2018 10:40:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Vers für Vers]]></category>
		<category><![CDATA[Dreißigjähriger Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist eines der berühmtesten Gedichte über den Dreißigjährigen Krieg: Andreas Gryphius' „Tränen des Vaterlands 1636“. Wie die Analyse zeigt, negiert die erste, rohere Fassung jede Hoffnung. Sie sagt: Das Seelenheil ist übrigens auch noch futsch!]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<h4>Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes</h4>
<p>Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr alß gantz vertorben<br />
Der frechen Völcker schar / die rasende Posaun<br />
daß vom blut feiste Schwerd / die donnernde Carthaun<br />
Hat alles diß hinweg / was mancher sawr erworben<br />
Die alte Redlichkeit vnnd Tugend ist gestorben;<br />
Die Kirchen sind verheert / die Starcken vmbegehaun<br />
Die Jungfraun sind geschändt; vnd wo wir hin nur schawn<br />
Jst Fewr / Pest / Mord vnd Todt / hier zwischen Schanz und Korben<br />
Dort zwischen Mawr und Stad / rint allzeit frisches Blut<br />
Dreymal sind schon sechs Jahr als vnser Ströme Flutt<br />
Von soviel Leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.<br />
Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt<br />
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth<br />
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">D</span>ieses Sonett dürfte denen, die sich noch an ihren Deutschunterricht erinnern, bekannt vorkommen. In der Tat handelt es sich um eines der berühmtesten deutschen Barockgedichte: Gryphius‘ „Tränen des Vaterlands 1636“, und zwar in der ersten Fassung, die tatsächlich 1636 entstanden ist. Die bekanntere zweite Fassung mit „1636“ im Titel wurde hingegen erst 1645 publiziert (<span class="su-lightbox" data-mfp-src="#traenen36" data-mfp-type="inline" data-mobile="yes"><span style="text-decoration: underline;">klicken Sie hier, um beide Fassungen nebeneinander zu sehen</span></span>). Ich konzentriere mich in diesem Beitrag auf die erste Fassung, nach der bewährten Kriminalistenregel: Die erste Aussage verrät am meisten.</p>
<h3>Erratischer Block</h3>
<p>Formal folgt das Sonett allen Regeln der barocken Poetik. Somit könnte man sagen: ein Gryphius-Sonett unter vielen. Vergleicht man es jedoch inhaltlich mit Gryphius‘ sonstigem Werk, insbesondere mit dem Zyklus eher geistlicher Sonette, erweist es sich als sperrig, ja geradezu als erratischer Block.</p>
<p>Andreas Gryphius (1616-1664) ist eine der herausragenden Gestalten der deutschsprachigen Barockliteratur. Er war ein gläubiger Protestant; Lutheraner, um genau zu sein. Sein Werk ist voll von Auseinandersetzungen mit seinem Glauben. Wieder und wieder beschwört Gryphius in seinen Texten die Nichtigkeit des diesseitigen Lebens, das erst im Jenseits Erfüllung finde. Das Jenseits ist dabei zugleich der Ort, der die Wohlgeordnetheit auch des irdischen Lebens verbürgt.</p>
<p>Speziell das von Gryphius immer wieder bearbeitete biblische Vanitas-Motiv, wonach alles Irdische ‚eitel‘ sei, will mitnichten metaphysische Ortlosigkeit beklagen. Vielmehr ist die Vanitas-Klage im Barock „zentrales Thema religiöser Besinnung“ (Thomas Borgstedt). Mit regelpoetisch vorgegebenen Mitteln wird ein vorgegebenes Thema bearbeitet. Fragen sind rhetorisch zu verstehen, denn „ihre Antwort liegt fest“ (Wolfram Mauser). Immer wieder geht es um „der Sorgen Sturm“, um „dises Lebens schmertzenvolle See“, bei der nur derjenige unbeschadet in den Hafen einfahren kann, der dem „rechten Lauff der GOtt-ergebenen Scharen“ folgt, so Gryphius in seinem Gedicht „Vanitas Mundi“.</p>
<h3>Gewalterfahrungen</h3>
<p>Das Sonett über den Dreißigjährigen Krieg weicht von dieser Motivik ab. Hier geht es nicht um Zuversicht, sondern um den Zusammenbruch aller Ordnung: Plünderung, Zerstörung, Vergewaltigung, Mord – das sind Gewalterfahrungen, die für Gryphius auch den Verlust aller religiösen Orientierung und Heilsaussicht bedeuten. Das Gedicht ist ganz konkret: Es benennt materielle Verluste („was mancher sauer erworben“), und es schildert die Kriegsgeschehnisse realistisch (damals trieben tatsächlich Leichen die Flüsse hinab). Doch vor allem ist es in seiner Aussage ganz diesseitig – gerade der Verlust des Seelenheils ist ja ein Sieg des diesseitigen Prinzips, ein Sieg der Gewalt („abgezwungen“). Und das bedeutet für den gläubigen Christen Gryphius immer: ein Sieg der Gottvergessenheit.</p>
<p>Die Religion wird von Gryphius also deutlich hervorgehoben, nämlich in der letzten Zeile, die im Gedicht ja häufig die entscheidende Wendung anzeigt, zumal im Barockgedicht. Dabei unterscheiden sich beide Fassungen in meinen Augen jedoch in ihrer Deutung des religiösen Aspekts. Die zweite, kanonische Fassung sieht im Verlust der Heilsgewissheit die gleichsam ‚eigentliche‘, die relevante Katastrophe. Das Adverb „auch“ belegt es.</p>
<blockquote><p>Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /<br />
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth<br />
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.</p></blockquote>
<p>Das ‚Schweigen‘ bezieht sich in der zweiten Fassung ganz eindeutig auf den Glaubensverlust.</p>
<h3>Der Krieg als Alleszermalmer</h3>
<p>Die erste, jugendliche, rohere und literarisch (insbesondere metrisch) sicherlich auch unfertigere Fassung aber scheint mir hier vieldeutiger und interessanter zu sein. Lassen wir die Frage beiseite, wer oder was mit „Strasburg“ gemeint ist – darüber streiten sich die Experten zur Genüge. Mich interessiert die letzte Zeile.</p>
<blockquote><p>Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt<br />
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth<br />
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.</p></blockquote>
<p>Der Verlust des Seelenschatzes ist zwar auch hier exponiert. Aber durch das lapidare „und“ anstelle des „auch“ wird er viel stärker in das diesseitige ‚Alltagsgeschäft‘ des Krieges integriert.</p>
<p>Die zweite Fassung entfernt den geistlichen Verlust vom Alltagsgeschehen, eröffnet dadurch aber zugleich eine Art von Hoffnung (man vergleiche Gryphius‘ Sonett „An einen unschuldig Leidenden“): Denn wenn ich mir den Seelenschatz nicht abzwingen lasse, so deutet das Sonett in seiner zweiten Fassung an, bleibt ja noch das Jenseits als Ort der Erlösung. Die lapidarere, dadurch in meinen Augen stärkere, erste Fassung aber sagt nur: Und das Seelenheil ist übrigens auch noch futsch! Eine Zuspitzung, die die Sache auf den Punkt bringt.</p>
<p>Es werden in einer einzigen Aufzählung lauter weltliche Ereignisse geschildert, von Mord, Plünderung, Vergewaltigung, Hunger bis hin zum Glaubensverlust. Der Krieg erscheint hier noch stärker als der große Alleszermalmer, Nivellierer, Sinn- und also Weltzerstörer. Im Gegensatz zur zweiten Fassung ist das ‚Schweigen‘ nicht rhetorisch zu verstehen, nicht im Sinne eines ‚mal ganz zu schweigen von X‘. Das Gedicht schweigt wirklich, es ist nichts mehr zu sagen, denn die weltliche Gewalt hat alle Optionen zerstört. Insbesondere die religiöse Option, die natürlich für den jungen Gryphius zentral bleibt.</p>
<h3>Religiöse Toleranz</h3>
<p>Es ist unstrittig, dass Gryphius in diesem Gedicht eigene Erfahrungen reflektiert – Gryphius‘ Vater war protestantischer Pfarrer, die Familie musste nach der zwangsweisen Rekatholisierung Schlesiens 1628 fliehen. Doch Gryphius beklagt keineswegs ausschließlich einen durch die Gegenreformation erzwungenen Religionswechsel von Protestanten. Der Text spricht allein vom Glauben: Die Gewalt als solche zerstört das Christentum als solches. Täter wie Opfer werden nicht näher qualifiziert. Auch ein zeitgenössischer Katholik, der eine schwedische Reiterhorde hatte erdulden müssen, konnte das Sonett auf sich beziehen.</p>
<p>Gryphius (der sich übrigens nachweisbar auch von Jesuiten literarisch hat inspirieren lassen) dachte über religiöse Unterschiede tolerant. Das ist in seinem Werk vielfach belegbar. Am bekanntesten ist sein Zweizeiler „Ueber heutiger Christen Zancksucht“:</p>
<blockquote><p>Christus will daß seine Schaar sich des Fridens soll befleissen.<br />
Und wir zancken / weil wir leider Christen nicht sind / sondern heissen.</p></blockquote>
<p>Mit den Zänkereien sind zweifellos die konfessionellen Konflikte gemeint, die diesen Krieg ideologisch überhaupt erst ermöglichten, ihn dann aufheizten und am Laufen hielten. Diese kritische Sicht auf religiösen Dogmatismus teilt Gryphius mit so gut wie allen zeitgenössischen Künstlern und Intellektuellen seiner Generation, vorneweg der (konvertierte) Katholik Grimmelshausen (geboren 1622), dessen <em>Abenteuerlicher Simplizissimus</em> zusammen mit Gryphius‘ Gedicht zur gültigen literarischen Antwort auf diesen Krieg wurde.</p>
<h3>Kollektives Trauma</h3>
<p>Dass Gryphius hier nicht mehr in konfessionellen Kategorien dachte, wird schon im Titel seines Sonetts deutlich. Es geht nicht um eine Konfessionsgemeinschaft, sondern um das „verwüstete Deutschland“ bzw. in der zweiten Fassung um das „Vaterland“. Innerhalb der Geschichtswissenschaften umstritten ist die Frage, inwieweit es damals schon so etwas wie ein Nationalbewusstsein im heutigen Sinn gab. Was unstrittig ist: Der Dreißigjährige Krieg, dessen Schrecken Gryphius so eindringlich beschreibt, wurde von den Betroffenen als traumatisch erlebt. Deutschland wird zum Teil regelrecht entvölkert, in Gryphius‘ schlesischer Heimat verringert sich die Bevölkerung um bis zu zwei Drittel. Spuren dieses Traumas lassen sich in der deutschen Alltagskultur bis heute nachweisen („Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt“). Zugleich führte dieses kollektive Trauma aber auch zu einer ersten überkonfessionellen Identität – vor Plünderung und Mord sind alle gleich, zumal, wenn sie die gleiche Sprache sprechen. Man sollte dieses deutsche Trauma von 1618 nicht kleinreden. Allerdings sollte man es auch nicht, in schlechter Treitschke-Nachfolge, vorsätzlich revitalisieren und – versteckt oder offen – als Ausrede für alle folgenden Fehlleistungen der deutschen Geschichte ins Spiel bringen.</p>
<h3>Deutungen</h3>
<p>Wie Gryphius es persönlich ‚gemeint‘ hat, oder ob der Text hier eher vieldeutig gelesen werden kann – darüber wird in der Forschung lebhaft debattiert. Thomas Borgstedt warnt davor, das Gedicht durch moderne Konzepte „ästhetisch aufzuwerten“. Gryphius sei als Autor aus seiner Zeit zu verstehen, mit seinen Intentionen und mit seinem Text. Sein Gedicht werde nicht schwächer, wenn man es als Klage eines vertriebenen Protestanten deute. Natürlich „dürfe“ man den Text heute anders lesen (wer will‘s denn auch verbieten? – der logische Fehler bei der Kritik am Intentionalismus überhaupt!), aber literaturwissenschaftlich stecke das eben nicht im Text. Nicola Kaminski hingegen plädiert für eine „hermeneutische Offenheit“ von Gryphius‘ Texten. Die vor allem durch Erich Trunz etablierte Sicht auf Gryphius als Dichter, der lediglich, wenn auch auf hohem Niveau, regelpoetisch sein protestantisches Pensum abarbeitet, sei zwar nicht völlig zu revidieren, aber mit Fragezeichen zu versehen.</p>
<p>Eine spannende Debatte, weil sie grundlegende Fragen zu unserem Verständnis von Literatur spiegelt: Wie sollten oder können wir einen Text lesen? Gilt es, die Autorenintentionen zu eruieren, oder weisen Texte Eigengesetzlichkeiten auf, die über die unstrittigen (?) Intentionen der Verfasser hinausreichen, sie vielleicht sogar unterlaufen? Zumindest hier halte ich es als Leser mit Kaminski. Ob Gryphius selber ‚lediglich‘ seinen protestantischen Glauben gegen die ‚Papisten‘ verteidigen wollte, bleibt sich fast gleich: Dann wäre ihm unter der Hand ein beeindruckendes Antikriegsgedicht gelungen, welches den Wahnsinn eines jeden Kriegs, insbesondere den eines identitär aufgeladenen, zeigt.</p>
<p>Als solches wird es heute auch überwiegend gelesen, und zwar, wie ich meine, mit vollem Recht.</p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Josef F. Heyendahl: Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg.<br />
(via Wikimedia)</h6>
<hr />
<h5><strong>Literaturangaben:</strong></h5>
<ul>
<li>Gryphius, Andreas: Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes.<br />
In: Killy, Walter (Gesamtherausgeber): Epochen deutscher Lyrik, Band 4. Herausgegeben von Christian Wagenknecht 1600 – 1700, München 1969</li>
<li>Gryphius, Andreas: Gedichte. Herausgegeben von Thomas Borgstedt, Stuttgart 2012</li>
<li>Borgstedt, Thomas: Kriegsklage im Sonett. <a href="https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22561" target="_blank" rel="noopener">https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22561</a></li>
<li>Kaminski, Nicola: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998</li>
<li>Kemper, Hans-Georg: Von der Reformation bis zum Sturm und Drang.<br />
In: Holznagel u. a.: Geschichte der deutschen Lyrik. Stuttgart (Reclam) 2004</li>
<li>Mauser, Wolfram: Was ist dies Leben doch? Zum Sonett „Thränen in schwerer Krankheit“ von Andreas Gryphius.<br />
In: Gedichte und Interpretationen, Band 1: Renaissance und Barock. Herausgegeben von Volker Meid, Stuttgart 1982/2011</li>
<li>Münkler, Herfried: Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648. Berlin 2017</li>
<li>Pantle, Christian: Der Dreißigjährige Krieg. Berlin 2017</li>
<li>Schmidt, Georg: Der Dreissigjährige Krieg. München 1995/2018</li>
<li>Trunz, Erich: Andreas Gryphius‘ Gedicht „An die Sternen“.<br />
In: Interpretationen, Band 1: Deutsche Lyrik von Weckherlin bis Benn. Herausgegeben von Jost Schillemeit, Frankfurt/Main 1965</li>
</ul>
<hr />
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<p><div class="su-lightbox-content su-u-trim " id="traenen36" style="display:none;width:70%;min-width:none;max-width:600px;margin-top:40px;margin-bottom:40px;padding:40px;background:#FFFFFF;color:#343E47;box-shadow:0px 0px 15px #333333;text-align:left"><div class="su-row"><br />
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><strong>Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes</strong></p>
<p>Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr alß gantz vertorben<br />
Der frechen Völcker schar / die rasende Posaun<br />
daß vom blut feiste Schwerd / die donnernde Carthaun<br />
Hat alles diß hinweg / was mancher sawr erworben<br />
Die alte Redlichkeit vnnd Tugend ist gestorben;<br />
Die Kirchen sind verheert / die Starcken vmbegehaun<br />
Die Jungfraun sind geschändt; vnd wo wir hin nur schawn<br />
Jst Fewr / Pest / Mord vnd Todt / hier zwischen Schanz und Korben<br />
Dort zwischen Mawr und Stad / rint allzeit frisches Blut<br />
Dreymal sind schon sechs Jahr als vnser Ströme Flutt<br />
Von soviel Leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.<br />
Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt<br />
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth<br />
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><strong>Thränen des Vaterlandes / Anno 1636</strong></p>
<p>Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!<br />
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun<br />
Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /<br />
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.<br />
Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.<br />
Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /<br />
Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun<br />
Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.<br />
Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.<br />
Dreymal sind schon sechs Jahr / als vnser Ströme Flutt /<br />
Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.<br />
Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /<br />
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth<br />
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.</div></div></div></div></p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Tiefe Lügen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Mar 2018 07:58:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[AfD]]></category>
		<category><![CDATA[Lüge]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=12651</guid>

					<description><![CDATA[Falsche Tatsachen sind keine "unliebsamen Meinungen", sondern Propaganda, meist von rechts. Wie sollen wir mit Lügen verfahren, die darauf abzielen, ein komplettes Wahnsystem zu etablieren?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-5"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"></div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-3-5"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"></p>
<p style="text-align: left;"><span style="font-size: 80%;">„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich bloße Meinungen.<br />
(&#8230;) dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, daß es auf Tatsachen nun wirklich nicht ankommt. Dies ist in der Tat ein ernstes Problem, nicht allein, weil Diskussionen dadurch oftmals so hoffnungslos werden (&#8230;), sondern vor allem, weil der Durchschnittsdeutsche ganz ernsthaft glaubt, dieser allgemeine Wettstreit, dieser nihilistische Relativismus gegenüber Tatsachen sei das Wesen der Demokratie.“<br />
(<em>Hannah Arendt, Die Nachwirkungen des Naziregimes: Bericht aus Deutschland, 1950</em>)</span></p>
<p></div></div></div></p>
<p><span class="dropcap">S</span>treitbar &#8211; wie frei sind wir mit unseren Meinungen?“, so lautete die Veranstaltung in Dresden, über die wir nun seit Wochen schon debattieren. Dass dabei nicht über die falschen Behauptungen von Uwe Tellkamp, sondern über seine bedrohte Meinungsfreiheit diskutiert wurde, zeigt, wie tief der Spin bereits geht: Der Hellersdorfer AfD-Mann Bernd Pachal <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/bernd-pachal-aus-marzahn-hellersdorf-afd-fraktionsvize-lobt-kluge-politik-der-nazis/14989222.html" target="_blank" rel="noopener">lobt Reinhard Heydrich</a>, Wolfgang Gedeon, MdL von Baden-Württemberg, hält die “Protokolle der Weisen von Zion“ <a href="https://www.welt.de/geschichte/article156377227/AfD-Politiker-haelt-antisemitisches-Machwerk-fuer-echt.html" target="_blank" rel="noopener">für echt</a>, Daniel Freiherr von Lützow, der stellvertretende Vorsitzende der AfD Brandenburg, <a href="https://www.vice.com/de/article/j5bym7/so-erfindet-die-afd-messer-attacken-durch-auslander" target="_blank" rel="noopener">behauptet</a>, „täglich“ würden unsere Kinder „ermordet“ und „die Politik“ tue nichts. All das hat in den politischen Alltag Eingang gefunden. Im Weiteren wird von „<a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/neue-abgeordnete-das-sind-die-radikalen-in-der-afd-fraktion/20361302.html" target="_blank" rel="noopener">Umvolkung</a>“ gefaselt, und MdB Stephan Brandner weiß, dass eine syrische Familie aus „<a href="https://www.derstandard.de/story/2000073398155/stephan-brandner-ein-poebler-der-afd-soll-im-bundestag-fuer" target="_blank" rel="noopener">Vater, Mutter und zwei Ziegen</a>“ bestehe.</p>
<p>Diese Lügen sind tiefe Lügen. Es sind Lügen, die nicht nur Einzelheiten fälschen, „sondern einen neuen Wirklichkeitszusammenhang herstellen“, wie Hannah Arendt feststellt, es sind Lügen, die „nicht lautstark stören, sondern leise Fakten schaffen wollen“, so formuliert es Bettina Stangneth in ihrer Studie <a href="https://tell-review.de/die-macht-der-luege/" target="_blank" rel="noopener"><em>Lügen lesen</em></a>. Tiefe Lügen etablieren ein komplettes Wahnsystem und verschleiern sich als bloße Meinung. Wir haben allen Grund, dieses Wahnsystem ernst zu nehmen. Doch diskutiert wird vor allem über die Linke, die für den Erfolg dieses Wahnsystems verantwortlich sei.</p>
<h3>Ein Selbstwiderspruch der Linken?</h3>
<p>Die Linken hätten der Rechten die „Landnahme“ leicht gemacht, will Per Leo in seinem <a href="https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/cool-down" target="_blank" rel="noopener">Essay zur Leipziger Messe</a> im <em>Freitag</em> beobachtet haben. Dabei generiert die neue Rechte, Götz Kubitschek mittendrin, seit Jahren einen Erfolg nach dem anderen. Wer allen Ernstes behauptet, ein möglicherweise ungeschickter Auftritt von ein paar Linken auf der Buchmesse im Herbst 2017 sei wesentlich mitverantwortlich für den Erfolg der Rechten bzw. Kubitscheks, hat nicht nur das rechte Sprachspiel und dessen Täter-Opfer-Tausch nicht verstanden. Ihm gerät auch die Zeitleiste und somit Ursache und Wirkung durcheinander. Es bleibt offen, wer Kubitschek eigentlich mehr Aufmerksamkeit verschafft: die Linke, oder doch eher Autoren wie Per Leo.</p>
<p>Das Missverständnis reicht jedoch noch tiefer: Per Leo übersieht, dass wir nicht über eine „unliebsame Meinung“ reden, sondern über tiefe Lügen. Genau deswegen auch sein Fehlschluss: Er sieht einen „performativen Widerspruch“, nämlich darin, „im Namen von »Vielfalt und Meinungsfreiheit« nicht für, sondern gegen den Einschluss einer unliebsamen Meinung zu protestieren“.</p>
<h3>Ein Wahnsystem mit binären Codes</h3>
<p>Auf den ersten Blick scheint der Gedanke plausibel, man dürfe die grundlegenden Prinzipien von Demokratie und Humanität nicht in deren eigenen Namen preisgeben. Doch hat Thomas Mann diesen vorgeblichen Selbstwiderspruch schon 1943 in seinen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=EqNhLUJ7oTk" target="_blank" rel="noopener">BBC-Reden</a> zurückgewiesen. Der NS-Presse, die sich allen Ernstes im Namen der Menschlichkeit über die alliierten Luftangriffe empörte, antwortete Mann:</p>
<blockquote><p>Gibt es etwas Verächtlicheres als das Zeter Mordio, mit dem sie [die Nationalsozialisten] den Entschluß freier Völker beantworten, der äußersten Gewalt mit äußerster Gewalt ein Ende zu setzen?</p></blockquote>
<p>„Es ist empörend!“, rief der Amokläufer, nachdem die Polizei das Feuer erwiderte, „man schießt hier ja auf Menschen!“ Das ist der Kern des Problems: Auf einen gewaltsamen Angriff mit Gegengewalt zu reagieren, ist nicht selbstwidersprüchlich. Auf hasserfüllte Lügen, die eine Wahnwelt etablieren, entschieden zu reagieren, ist es ebenso wenig.</p>
<p>Wie wir mit solchen Lügen und Lügnern letztlich umgehen sollten, ist eine ganz andere Frage. Ich bin durchaus für taktische Überlegungen im Sinne Per Leos zu haben. Hannah Arendts Einsicht aber, dass wir in Teufels Küche kommen, wenn wir mit Tatsachen so umgehen, als seien es bloße Meinungen, sollten wir nie vergessen. Ein Satz wie „Deutschland soll umgevolkt werden“ ist keine Meinung, auch keine „unliebsame“. Es ist eine Lüge, die eine Hasswelt etablieren soll, ein Wahnsystem mit binären Codes: Wir gegen die, es geht auf Leben und Tod. Schon an dieser Stelle läuft der Diskurs, wie mit Rechten umzugehen sei, aus dem Ruder, denn er benennt das Problem nicht angemessen. Es geht nicht darum, wie wir auf rechte Meinungen reagieren – sondern darum, wie wir mit rechten Hasswelten, mit tiefen Lügen, umgehen sollen.</p>
<hr />
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<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Plexiglas-Schilde beim AfD-Parteitag in Köln 2017<br />
© Raimond Spekking / , <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABundesparteitag_der_AfD_2017_K%C3%B6ln_-_rund_um_den_Heumarkt-2522.jpg">via Wikimedia Commons</a></h6>
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		<title>Hannah Arendt – Die linke Konservative</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jan 2018 10:06:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Konservatismus]]></category>
		<category><![CDATA[Konservative]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>
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					<description><![CDATA[In ihren Positionen war Hannah Arendt links, in ihrer Grundhaltung jedoch konservativ. Das lässt sich an grundlegenden linken Theoremen zeigen wie etwa der Behandlung des Privaten oder der Unterscheidung von Gewalt und Macht, an der sie festhielt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Mit welchen Konservativen würden wir uns gern bei einem Glas Wein unterhalten? Das war die Ausgangsfrage für unsere kleine &#8222;Hall of Fame&#8220; des Konservatismus, mit der wir unsere Reihe zum <a href="http://tell-review.de/?s=Konservatismus&amp;category_name=&amp;submit=Suche" target="_blank" rel="noopener">Konservatismus</a> fortführen.<br />
Woran erkennt man „Konservative im besten Sinn des Worts“? Am dialektischen Denken: Sie erneuern, was sie bewahren wollen.</p>
<p>Weitere Beiträge:<br />
<a href="http://tell-review.de/gustav-stresemann-der-aufgeklaerte-konservative/" target="_blank" rel="noopener">Gustav Stresemann – Der aufgeklärte Konservative</a><br />
<a href="http://tell-review.de/norbert-lammert-der-gralshueter/" target="_blank" rel="noopener">Norbert Lammert – Der Gralshüter</a><br />
<a href="http://tell-review.de/theodor-w-adorno-der-heimatbewusste/" target="_blank" rel="noopener">Theodor W. Adorno – Der Heimatbewusste</a><br />
<a href="http://tell-review.de/navid-kermani-der-erzaehler/" target="_blank" rel="noopener">Navid Kermani – Der Erzähler</a><br />
<a href="http://tell-review.de/hans-aeppli-der-distinguierte/" target="_blank" rel="noopener">Hans Aeppli – Der Distinguierte</a><br />
</div></div></p>
<p><span class="dropcap">Z</span>u Lebzeiten wurde Hannah Arendt kaum je als Konservative wahrgenommen, denn ihre konkreten Inhalte waren häufig links bzw. wirkten auf den ersten Blick doch so.</p>
<h3></h3>
<h5><strong>Hannah Arendt war gegen:</strong></h5>
<ul>
<li>das restaurative Deutschland Adenauers und dessen Persilscheine für die Täter</li>
<li>die rassistischen Gesetze in den Südstaaten der USA</li>
<li>Richard Nixon</li>
<li>den Vietnamkrieg</li>
<li>Menachem Begin</li>
</ul>
<h5><strong>Sie hatte Sympathien für:</strong></h5>
<ul>
<li>Rosa Luxemburg und räterepublikanische Ansätze</li>
<li>zivilen Ungehorsam</li>
<li>die 68er (nun ja: für deren gemäßigten Teil)</li>
</ul>
<p>Als Daniel Cohn-Bendit, der Sohn enger Freunde, 1968 in Frankreich in Schwierigkeiten zu geraten schien – ihm drohte Ausweisung oder Schlimmeres –, bot Hannah Arendt ihm Geld an. Auch zu einigen Schriftstellern der Gruppe 47 – Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson – hatte sie ein herzliches, zugleich kritisches Verhältnis.</p>
<p>Das alles ist richtig und wir müssen es im Hinterkopf behalten. Das Faszinierende an Hannah Arendt ist aber, dass sie all diese Positionen aus einer konservativen Grundhaltung heraus entwickelt hat.</p>
<p>Das lässt sich an ihren Antworten auf drei Theoreme zeigen, die für die Linke im 20. Jahrhundert zentral waren.</p>
<h4>1. „Das Private ist politisch und das Politische privat.“</h4>
<p>Unfug!, so Hannah Arendt. Nichts ist in ihren Augen problematischer als diese Gleichsetzung. Das Private, das Intime, die Ausschließlichkeit, das alles hat privat zu bleiben. Mit Politik, mit dem Raum für Freiheit, mit dem Beginn von etwas Neuem haben private Vorlieben nicht das Geringste zu tun, und sie dürfen damit auch nichts zu tun haben. Es sei „ein Verhängnis“, die Liebe an den politischen Verhandlungstisch zu holen, so Arendt im Gespräch mit Günter Gaus.</p>
<p><a href="https://tell-review.de/hannah-arendt-die-linke-konservative/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FJ9SyTEUi6Kw%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a></p>
<p id="lrback">Weder im Bereich des Privaten noch im Bereich des Gesellschaftlichen darf man Antidiskriminierung gesetzlich erzwingen. Gleichheit gibt es allein im Bereich des Politischen, dort allerdings ist sie zentral. Um diesen Aspekt, den Hannah Arendt vor allem in ihrem Aufsatz <a href="#lr">„Little Rock“</a> erläutert, macht die heutige Arendt-Rezeption einen großen Bogen. Arendt gesteht Rassisten und Antisemiten das Recht auf ihre private Meinung anstandslos zu, das liest man heute mit Befremden. Aber sie gesteht es ihnen eben nur als private Meinung zu.</p>
<h4>2. „Die Macht kommt aus den Gewehrläufen.“</h4>
<p id="mgback">Falsch, auf fatale Weise falsch!, so Arendt. Die Gewalt kommt aus den Gewehrläufen, aber nicht die Macht. Macht und Gewalt sind kategorial getrennt. Macht setze eine Gegenseitigkeit voraus, also Kommunikation, Gewalt werde einseitig ausgeübt. Macht beruht auf Zustimmung, und diese Zustimmung „ist niemals bedingungslos“ (<a href="#mg">MG</a>).</p>
<h4>3. „Gesellschaft ist der Grundbegriff, an dem sich alle politische Aktion auszurichten hat. Es  geht um kritische Gesellschaftsanalyse und um Gesellschaftsveränderung!“</h4>
<p id="vaback">Nein!, so Arendt. Natürlich bestreitet sie den massiven Einfluss nicht, den die Gesellschaft, gerade die Massengesellschaft, auf den Einzelnen ausübt. Die überbordende Macht der diffusen „Gesellschaftlichkeit“ deutet sie in der Tat sogar als wesentliches Moment der Moderne, in der alle traditionellen Zusammenhänge zerrissen sind. Gesellschaftliche Strömungen jedoch 1:1 als Kompass zu verwenden, heiße, dem Konformismus – „ein typisches Merkmal jeder Gesellschaft“ (<a href="#va">VA</a>) – Tür und Tor zu öffnen. Dies habe 1933 zu jener Gleichschaltung geführt, die ja überwiegend eine Selbstgleichschaltung gewesen sei: „Diese Gleichschaltung war keine von der Angst genährte Heuchelei, sondern der sehr früh an den Tag gelegte Eifer, ja nicht den Zug der Geschichte zu verpassen.“ (<a href="#pv">PV</a>) Menschliche Freiheit, hier steht Arendt gegen alle progressiven Gesellschaftstheorien des 20. Jahrhunderts, vollziehe sich nicht im gesellschaftlichen Raum, sondern allein in der Sphäre der Politik. Im Politischen, und nur dort, fänden sich Menschen als Gleiche zusammen, um etwas Neues zu beginnen.</p>
<h3>Der Verlust des Ariadnefadens</h3>
<p id="dfback">Hannah Arendt, und das macht sie als Konservative für die Postmoderne so anschlussfähig, hat übrigens mitnichten empfohlen, einfach irgendetwas ‚Gewachsenes‘ künstlich zu revitalisieren (sozusagen die ‚alte Zucht und Ordnung‘ als Korsettstange zu verwenden, wie es so viele Konservative tun, neulich <a href="http://tell-review.de/unheilige-allianzen/" target="_blank" rel="noopener">Ulrich Greiner</a>). Sie wusste, dass wer die Moderne vollzogen hat, „wirklich allein ist“. Orientierung kann einem, wenn man „ohne Geländer denkt“ (<a href="#df">DF</a>), tatsächlich nur noch ein Beharren auf grundsätzlichen moralischen Standards geben.</p>
<p>Denn Arendt weiß natürlich, dass wir (in Rilkes Worten) in der Moderne „nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt“. Auch sie betrauert den zerrissenen Ariadnefaden. Aber sie weiß, dass dieser Verlust endgültig ist. Und sie weiß, dass wir in Teufels Küche kommen, wenn wir auf die Moderne mit Konzepten reagieren, die die alte Wohlgeordnetheit künstlich wiederherstellen möchten, etwa per Volksgemeinschaft.</p>
<h3>Urteilsschärfe</h3>
<p>Sie war immun gegen allen völkischen Tinnef, nicht nur wegen ihrer Erfahrung als Jüdin in einer antisemitischen Gesellschaft, ihrer Erfahrung als „Paria“ (bekanntlich Arendts eigenes Wort), sondern vor allem wegen ihrer Urteilsschärfe. So schrieb sie 1947 (!) an Karl Jaspers:</p>
<blockquote>
<p id="kjback">„Woran mir liegen würde (…) wäre eine solche Änderung der Zustände, daß jeder frei wählen kann, wo er seine politische Verantwortlichkeit auszuüben gedenkt und in welchen kulturellen Zusammenhängen er sich am wohlsten fühlt. Damit endlich die Ahnenforschung hüben und drüben ein Ende hat. (&#8230;) Wenn ein Deutscher sagt, er möchte lieber Italiener sein oder vice versa und danach handelt, warum denn nicht?“</p>
</blockquote>
<h6 style="text-align: right;"><a href="#kj">KJ</a>, Arendt im Brief an Jaspers, 2. Juni 1947</h6>
<p>Mit dieser Einsicht hat sie allen konservativen Ansätzen eine Absage erteilt, Sinn in irgendeiner Form ‚organisch‘ (rassisch, ethnisch, kulturell) zu begründen. Und so verstanden war sie dann doch links: eine linke Konservative.</p>
<hr />
<h5><strong>Zitierte Schriften von Hannah Arendt:</strong></h5>
<ul>
<li id="va">Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München 1982 ( VA) <a href="#vaback">↑</a></li>
<li id="lr">Little Rock, in: Hannah Arendt, In der Gegenwart, Übungen im politischen Denken II. München 2000 (LR) <a href="#lrback">↑</a></li>
<li id="pv">Persönliche Verantwortung in der Diktatur, in: Hannah Arendt, Israel, Palästina und der Antisemitismus. Aufsätze, herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann. Berlin 1991 (PV) <a href="#vaback">↑</a></li>
<li id="mg">Macht und Gewalt, in: Hannah Arendt, In der Gegenwart (s.o.) (MG) <a href="#mgback">↑</a></li>
<li id="df">Diskussion mit Freunden und Kollegen in Toronto, in: Hannah Arendt, Ich will verstehen – Selbstauskünfte zu Leben und Werk. München 1996 (DF) <a href="#dfback">↑</a></li>
<li id="kj">Briefwechsel mit Karl Jaspers, München 1991  (KJ) <a href="#kjback">↑</a></li>
</ul>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:</em><br />
<em> Ausschnitt aus </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw" target="_blank" rel="noopener">Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt</a></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Unheilige Allianzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Oct 2017 10:12:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Konservatismus]]></category>
		<category><![CDATA[PC]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Literaturkritiker Ulrich Greiner legt mit "Heimatlos" eine konservative Bekenntnisschrift vor. Sein Verständnis des Konservatismus erliegt jedoch immer wieder den Erzählungen der Neuen Rechten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was heißt es heute, konservativ zu sein? Warum fühlen sich Intellektuelle von diesem Denken angezogen, und wo liegt die Grenze zum Rechtspopulismus? Mit diesen Fragen setzt sich tell in einer Reihe von Beiträgen auseinander.</p>
<p>Bisher erschienen:</p>
<ul>
<li><a href="http://tell-review.de/berechtigte-sorgen-oder-angstmacherei/" target="_blank" rel="noopener">Berechtigte Sorgen oder Angstmacherei? </a>Eine Debatte über Ulrich Greiners <em>Heimatlos</em></li>
<li><a href="http://tell-review.de/von-arschloechern-und-opfern/" target="_blank" rel="noopener">Von Arschlöchern und Opfern</a>. <a href="http://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank" rel="noopener">Sieglinde Geisel</a> über eine Diskussion im Literarischen Colloquium Berlin</li>
<li><a href="http://tell-review.de/wider-die-verhunzung-des-konservatismus/" target="_blank" rel="noopener">Wider die Verhunzung des Konservatismus</a> – <a href="http://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noopener">Herwig Finkeldey</a> zur politischen Entwicklung von Thomas Mann<br />
</div></div></li>
</ul>
<p><span class="dropcap">W</span>as mach&#8216; ich nur mit diesem Buch? Immer wieder möchte ich innerhalb weniger Zeilen ein kleines „Er hat ja Recht“ und dann ein großes „Oh je“ annotieren.</p>
<p>Die Grundstruktur des Buchs ist rasch erklärt: Ulrich Greiner versteht sich als Konservativer, und zwar als ex-linker: Ein Kapitel ist seiner Heimkehr zum Konservatismus speziell wegen 1989 gewidmet. Greiner konstatiert eine kulturelle Hegemonie der Linken, die ihn, so der Buchtitel, „heimatlos“ mache. Es geht um Genderismus und Multikulturalismus, um die Stellung des Christentums und die Leitkulturdebatte, aber auch um den Selbstoptimierungswahn und, nicht zuletzt, um die Ehe für alle, die Greiner aufs Absurdeste mit der Debatte um die künstliche Befruchtung verquickt. Nichts daran ist wirklich neu, das alles konnten wir in den letzten Jahren immer wieder nachlesen, verstärkt seit Trumps Wahlsieg – ganz abgesehen davon, dass der Kulturkampf zwischen „links“ (wie immer das verstanden wird) und „konservativ“ (was immer das sei) seit Jahrzehnten schwelt, man denke etwa an Heinrich Böll versus Peter Boenisch.</p>
<h3>Das Wahre im abgrundtief Falschen</h3>
<p>Nur schüttet Greiner das Kind immer wieder schwungvoll mit dem Bade aus. Wer jetzt an die pseudofeministische Debatte über das <a href="http://tell-review.de/im-inneren-des-gedichts/" target="_blank" rel="noopener">Gomringer-Gedicht </a>denkt oder sich an die Treibjagd auf <a href="http://www.sueddeutsche.de/medien/westfalen-blatt-kolumnistin-barbara-eggert-ich-kann-nichts-homophobes-an-meinem-text-finden-1.2491169" target="_blank" rel="noopener">Barbara Eggert</a> erinnert, der weiß: Bestimmte Spielarten dekonstruierenden Denkens sind längst zur Neo-Inquisition mutiert. Den Gender-Gaga beispielsweise empfinde auch ich als schwer erträglich. An dieser Stelle wird auch verstehbar, warum die AfD für eine bestimmte Spielart konservativer Intelligenz so attraktiv ist, Stichwort Marc Jongen, seines Zeichens Philosoph und AfD-Funktionär.</p>
<p>Denn genau das ist das Problem, das wir mit der Neuen Rechten haben: Man kann ihr immer wieder diese Momente des Wahren im abgrundtief Falschen attestieren. Mit anderen Worten: Die Feminismuskritik Greiners zielt nicht völlig daneben, und doch geht sie völlig fehl. Denn Greiner tut (nicht anders als Marc Jongen) eben so, als zappele tatsächlich ganz Deutschland hilflos und dauerhaft im Würgegriff der PC. Gibt es islamistischen Terror? Offenkundig ja! Und natürlich muss man die islamische Welt damit konfrontieren. Aber einen islamistischen Masterplan, Europa zu überrennen, den gibt es eben nicht. Gab es vor 1989 Linke, die die DDR verharmlost haben? Ja, gab es. Aber es hat doch nicht „die“ bundesdeutsche Linke den Ostblock verharmlost – oder zählen Heinrich Böll, Peter Rühmkorf und Günter Grass nicht mehr? Ulrich Greiner erliegt den Erzählungen der Neuen Rechten immer wieder, weil er einige kleine Wahrheiten für das ganze Bild hält. So ist er etwa der Pegida-Lüge aufgesessen, nach der man nicht mehr Weihnachtsmarkt sagen dürfe, sondern Wintermarkt sagen müsse. Dieser peinliche Missgriff ist kein Zufall. Greiner tappt hier in eine selbst gestellte Falle. Zwar grenzt er sich glaubwürdig gegen AfD und Pegida ab, doch inhaltlich gebärdet er sich bisweilen wie ein AfD-Pressesprecher. Sogar den ersichtlich absurden „Lügenpresse“-Vorwurf will er zumindest „ernst nehmen“.</p>
<h3>Kulturelle Hegemonie der Linken?</h3>
<p>„Die“ Linke übt also seit Jahrzehnten kulturelle Hegemonie aus, „links-grün versifft“ nennt es die AfD, und wieder unterscheiden sich Greiner und AfD nur noch in der Wortwahl. Aber wo ist sie denn, die kulturelle Hegemonie der Linken? In Fernsehrunden, mit einem Claus Strunz als Moderator? Und wenn wir an Antonio Gramsci denken: Wie viel reale Macht hat die Linke denn dank ihrer angeblichen kulturellen Hegemonie generieren können? Schon Böll spottete über Boenischs These von der Vormacht der Linken (die These ist uralt, schon Thomas Manns Betrachtungen lebten von ihr): Man erinnere sich, so Böll sarkastisch, immer noch an die jubelnden Volksmassen, die den studentischen Protest 68 begleitet hätten. Das gilt auch heute: Angesichts der Debatte könnte man meinen, die G20-Proteste seien von flächendeckendem Verständnis begleitet gewesen.</p>
<p>Ich hätte so gerne ein echtes konservatives Bekenntnis gelesen, finde aber wieder nur Vorurteile, Meinungsmulm, verquere Gedanken. Sogar de Maizières „Leitkultur“-Vorstellung wird bedingungslos gelobt. Greiner sollte es besser wissen: In einer Demokratie kann es keine Leitkultur geben, es sei denn um den Preis ihrer gewaltsamen Verordnung. Und natürlich gehört der Islam zu Deutschland, ob das Greiner nun schmeckt oder nicht, die Muslime leben ja hier. Und Goethe, Hitler, Kukucksuhren, Lederhosen, das Satiremagazin „Titanic“ sowie Bielefeld-West gehören ebenfalls zu Deutschland, denk mal an! Sogar Greiner und ich gehören dazu.</p>
<h3>Wutbürgerrede</h3>
<p>Konservatismus ist eine Haltung, die weiß, dass der Mensch sehr konkret, sehr widersprüchlich, sehr geschichtlich, sehr verletzlich ist. Eine Haltung, die weiß, wo sie auch mal fünf gerade sein lassen kann. Eine solche Haltung habe ich immer schon als Antidot gegen jene gemeingefährlichen linken Mythen empfunden, die seit 1789 davon träumen, im Glutofen der Revolution den neuen Menschen schmieden zu können.</p>
<p>Doch Greiner erliegt einem alten konservativen Minderwertigkeitskomplex, nämlich dem Glauben, aus der Zeit gefallen zu sein. Lebt das gesamte konservative Ethos inzwischen allein davon? Das wäre schade. Das Humanisierende, das Dämpfende, das dem konservativen Denken in seinen besten Momenten eignet – davon findet sich nichts in Greiners Buch. Ich sehe nur eine Wutbürgerrede, die fast alle derzeit bespielten Vorurteile wiederholt. Schon immer ist der Konservatismus unheilige Allianzen eingegangen, wenn er nichts mehr zu sagen hatte und sich aufs bloße Nörgeln verlegte.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Ulrich Greiner<br />
<strong>Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen</strong><br />
Rowohlt Verlag 2017 · 160 Seiten · 19,95 Euro<br />
ISBN: 978-3498025366<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3498025368/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783498025366" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="moqrhgtsdlyczpuzglrx xbikiwmqdmeicgtnpngf" style="display: none !important;" hidden="" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="11235" data-permalink="https://tell-review.de/unheilige-allianzen/u1_978-3-498-02536-6-indd/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?fit=1506%2C2469&amp;ssl=1" data-orig-size="1506,2469" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;U1_978-3-498-02536-6.indd&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="U1_978-3-498-02536-6.indd" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?fit=628%2C1030&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-11235" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover-183x300.jpg?resize=183%2C300" alt="" width="183" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=768%2C1259&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=628%2C1030&amp;ssl=1 628w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=1300%2C2131&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=300%2C492&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?w=1506&amp;ssl=1 1506w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:</em><br />
<em> German garden gnome</em><br />
<em> By Colibri1968 at English Wikipedia (Transferred from en.wikipedia to Commons.)<br />
[Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AGerman_garden_gnome.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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