Was heißt es heute, konservativ zu sein? Warum fühlen sich Intellektuelle von diesem Denken angezogen, und wo liegt die Grenze zum Rechtspopulismus? Mit diesen Fragen wird sich tell in einer Reihe von Beiträgen auseinandersetzen. Zum Auftakt ein Blick in die Geschichte: Wie hat sich Thomas Manns konservative Haltung angesichts der Zeitläufte verändert?

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Vielleicht braucht man ‚Geschichte’ nur zu erleben, um gründlich den Respekt davor zu verlernen.
Thomas Mann

…sie, die dem Land immer nur geschadet haben
Thomas Mann über die deutschnationale Rechte, 1928

Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens war Thomas Mann, als Kind seiner Zeit, ein aufgeklärter Konservativer. Sein Konservatismus bot ihm keinen Schutz vor der patriotischen Kriegsbegeisterung. An seinen Bruder Heinrich schrieb er schon im August 1914:

Muß man nicht dankbar sein für das vollkommen Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürfen?

Im November dann hatte Thomas Mann den Höhepunkt seiner Kriegsbegeisterung erreicht. Ebenfalls in einem Brief an seinen Bruder nennt er den Krieg, der seit drei Monaten tobt, einen „großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg“.

In diesem Krieg, so Mann, verteidige sich Deutschlands Kultur gegen die westliche Zivilisation. Denn Kultur und Zivilisation, das sei nicht etwa identisch, sondern ein Widerspruch, sagt er 1914 in „Gedanken zum Kriege“:

Kultur ist Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgend eine gewisse geistige Organisation der Welt, und sei das alles auch noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar. Kultur kann Orakel, Magie, Päderastie [damals ein Synonym für Homosexualität, Anm. d. Red.], Vitzliputzli, Menschenopfer, orgiastische Kultformen, Inquisition, Autodafés, Veitstanz, Hexenprozesse, Blüte des Giftmordes und die buntesten Greuel umfassen. Zivilisation aber ist Aufklärung, Vernunft, Sänftigung, Sittigung, Skeptisierung, Auflösung…

Als Heinrich sich in seinem Zola-Essay sowohl gegen den Krieg als auch gegen den Bruder ausspricht, antwortet Thomas mit Betrachtungen eines Unpolitischen. Das Fallieren des kaiserlichen Deutschlands und die Kriegsniederlage erwischte Thomas Mann ebenso hart wie Millionen andere Deutsche. Die eben noch unumstößlichen Koordinaten sind nun vollkommen aufgelöst.

Ein gefallener Konservativer

Thomas Mann flüchtet sich in Idyllen, er schreibt 1918/19 Herr und Hund und Gesang vom Kindchen, kommt dann aber 1922 anlässlich des 60. Geburtstag Gerhart Hauptmanns zurück in die Öffentlichkeit. Und überrascht alle. Von deutscher Republik heißt sein Geburtstagsgruß an Hauptmann, ein Essay nicht frei von antisemitischen Bemerkungen übrigens, in dem er die Grundlage der Republik aus dem Geist der Frühromantik, speziell aus dem Geist Novalis‘ und dessen Verschmelzung mit Walt Whitman erklärt. Ein waghalsiges Unterfangen, aber für einen gefallenen Konservativen die einzige Möglichkeit, intellektuell an die Republik anzudocken. Wir wissen heute zwar, dass Thomas Mann schon vor 1914 dem Kritizismus und Skeptizismus, also der „Zivilisation“, zuneigte. Aber eben nur teilweise. Es ist kein Zufall, dass sein großartiges essayistisches Fragment „Geist und Kunst“ dann eben doch Fragment blieb.

Auch in den erhaltenen Tagebüchern 1918-1921 bemerkt man Manns Schwanken, seine Ausschläge hin zu beiden Seiten. Der freche Reaktionär, der den Arbeitslosen das Arbeiten empfiehlt, steht gleich neben dem Intellektuellen, der den aufkommenden völkisch-politischen Antisemitismus zunehmend kritisch sieht. Für den entscheidenden alternative fact der Weimarer Republik ist Thomas Mann nicht empfänglich: die Dolchstoßlegende.

Politik als Schaumschlägerei

Und dann musste Mann, der geistig eben erst selbst in der Republik angekommen war, erleben, was es in den 20er Jahren bedeutete, sich in einer aufgeheizten, sich ständig überschlagenden, ständig beschleunigenden und radikalisierenden politischen Stimmung für internationale Verständigung und für mäßigenden Interessensausgleich einzusetzen. Unmittelbar nach der Rede für Gerhart Hauptmann schreibt er zunächst an den Bruder:

Politik umschäumt mich… ich werde als Wahlredner für Eberten verstanden.

In konservativer Tradition begreift Thomas Mann Politik weiterhin als Schaumschlägerei. Eine Schaumschlägerei allerdings, die ihn in allen Fasern des Daseins treffen wird – und die auf frappierende Weise an heutige Facebook-Schlachten erinnert.

Zwar konnte Thomas Mann zeitlebens einen gewissen Salonantisemitismus nicht verbergen, womit er bei seinen Zeitgenossen keineswegs allein war. Dennoch erkannte er früh, wie gefährlich der Judenhass der völkischen Bewegung war:

Der deutsche Antisemitismus aber, als Produkt und Zubehör eines rassischen Pöbel-Mythos, ist mir in der Seele zuwider und verächtlich. Er ist der Not-Aristokratismus kleiner, sehr kleiner Leute.

Man sollte dies nicht als bloß taktische Äußerung eines ‚eigentlich‘ antisemitisch Gestimmten missverstehen. So gab es Angebote, in konservativen Zeitungen zu schreiben, die damals zugleich fast immer eine antisemitische Tendenz hatten. Arthur Hübscher etwa hatte Thomas Mann 1928 angeboten, wieder bei den „Münchener Neuesten Nachrichten“ mitzuarbeiten. Thomas Mann antwortete:

Gewissen Borniertheiten und Bösartigkeiten widerstrebt meine Intelligenz und mein Charakter. Ich mache kein Hehl daraus, daß ich mit Leuten, die bei Rathenaus Ermordung sagten: „Bravo, einer weniger!“ (Münchener Universitätsprofessoren!) nichts zu schaffen haben will, und daß ich die Münchener bürgerliche Presse fürchterlich finde.

„Verschwärmte Bildungsbarbarei“

Auch literarisch reagiert Mann auf die Zeit. 1926 beginnt er an der Arbeit zu Joseph und seine Brüder, ein Roman, der sich mit einem Urmythos des Judentums auseinandersetzt. Ganz explizit erklärte er später, er habe „den Mythos ins Humane umfunktionieren“ wollen, da die Völkischen damals schon begannen, den Mythos für sich zu reklamieren, so etwa in Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts. Weiterhin schrieb er seine zweite Italiennovelle Mario und der Zauberer, die 20 Jahre nach Tod in Venedig im mittlerweile faschistischen Italien spielt, und die literarisch den Ursachen der faschistischen Verführungen nachspürt:

Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm.

Mit diesem Satz beginnt die Novelle. Man geht nicht zu weit, wenn man diese Erinnerung autobiografisch liest, schließlich folgt die Novelle auf einen Italienaufenthalt der Familie Mann.

Bis zu Thomas Manns Emigration wird sich die Stimmung auch in Deutschland zuspitzen. 1930 im September nach der desaströsen Reichstagswahl erkennt Mann, dass der Faschismus auch in Deutschland droht, mehrheitsfähig zu werden. Abermals reagiert er mit einem Essay, Ein Appell an die Vernunft, und er beschreibt, wenn auch versteckt, seinen Anteil an der politischen Bewegung, die eine so „gewaltige Werbekraft“ bewiesen habe:

Es findet sich mehr zusammen, um die politische Bewegung, von der wir sprechen, die nationalsozialistische, vom Geistigen her zu erklären. Dazu gehört eine gewisse Philologen-Ideologie, Germanisten-Romantik und Nordgläubigkeit aus akademisch-professoraler Sphäre, die […] auf die Deutschen von 1930 einredet und der Bewegung ein Ingrediens von verschwärmter Bildungsbarbarei hinzufügt, gefährlicher und weltentfremdender, die Gehirne noch ärger verschwemmend [sic!] und verklebend als die Weltfremdheit und politische Romantik, die uns in den Krieg geführt haben.

Er sagt es nicht offen, aber es ist eine Selbstkritik hinter diesen Sätzen. Denn auch Thomas Mann hatte eine gefährliche und weltenfremde politische Romantik zu überwinden. Sogar noch dann, als er und seine Familie sich längst außerhalb Deutschlands aufhielten, zunächst noch ohne „offiziellen“ Bruch. Auch hier wieder das Schwanken.

Das Muster der ‚angry white men‘

Auskunft über dieses Schwanken gibt Leiden an Deutschland. Tagebuchblätter aus den Jahren 1933 und 1934, Thomas Manns nach der Emigration veröffentlichtes redigiertes Tagebuch. Es ist eine Schrift, die im Grunde von der Sprachlosigkeit des Schriftstellers im Angesicht des Faschismus erzählt. Thomas Mann sieht darin das Aufkommen der Völkischen als die „Verhunzung“ aller Werte. Diese Werte fänden sich in verhunzter Form im Nationalsozialismus wieder, der lügenhafterweise behaupte, nur er selbst könne diese angeblich verloren gegangenen Werte neu installieren. Später in Ein Bruder, seinem Essay über den „verhunzten“ Künstler Adolf Hitler, schreibt Thomas Mann über Hitlers Aufstieg:

Märchenzüge sind darin kenntlich, wenn auch verhunzt (das Motiv der Verhunzung und der Heruntergekommenheit spielt eine große Rolle im gegenwärtigen politischen Leben): Das Thema vom Träumerhans, der die Prinzessin und das ganze Reich gewinnt…

Das ist die Kritik am Nationalsozialismus aus dem Geist des Konservatismus: Nichtswürdige Emporkömmlinge haben sich „ermächtigt“, Deutschland zu führen. Mann nennt sie „wildgewordene Kleinbürger“.

Seine Analyse der Vorgänge wirkt erschreckend aktuell, wir erkennen unsere eigene Zeit wieder. Das Muster der ‚angry white men‘ schimmert durch, die Wut der Abgehängten, wobei wir es hier eher mit kulturell ‚Abgehängten‘ zu tun haben. Die Hinwendung Knut Hamsuns zum Faschismus, bald nach 1933, kommentiert Thomas Mann in den Tagebuchblättern:

Er ist 75, weiß nicht, was in Deutschland vor sich geht, ist ihm aber großen Dank schuldig und gehört zu der antiliberalen und antistädtischen Geisteswelt, die im Nazitum ihre grauenhafte Verhunzung erfährt.

Im Wort „antistädtisch“ steckt ein alter Topos konservativer Kulturkritik: Schon damals hieß es rural versus urban. Man denke an Heidi, schon damals wurde das gute, einfache, saubere Landleben wirkungsvoll mit dem großstädtischen Sünden- und Entfremdungsbabel kontrastiert. Schon damals gab es diesen bis ins Groteske gesteigerten Hass auf Künstler und Intellektuelle, die ‚Eliten‘, wie es heute heißt.

Die verhunzte Intellektualität

Dieser Intellektuellenfeindlichkeit widerspricht es nur scheinbar, dass nach der sogenannten Machtergreifung die Intellektuellen in Scharen zu den Nazis überliefen. Thomas Mann windet sich in Tagebuchblätter von 1933 und 1934 in Ekel vor jenen,

die in kläglichen Rausch mit den tollsten Unsinnsreden und ‚Beiträgen‘ der Psychose nachgegeben und sich vor der Geschichte prostituiert haben.

Das Verleugnen vormals getätigter Aussagen ist ihm nur zu bekannt:

Es ist ein Lügen, Ableugnen und Nie-so-etwas-gesagt-haben-wollen, daß Gott erbarm.

Über die Verrohung des Denkens ins Schwarz-Weiße hinein, in das Alles oder Nichts, ein Denken, das kein Sowohl/als auch mehr kennt, schreibt Mann in den Tagebuchblättern:

Die Primitivisierung. Die Nuance als das rote Tuch.

Über die Rolle der Intellektuellen:

Jeder Wicht in aller Welt kühlt heute sein geistiges Mütchen an der Idee der Demokratie.

Was wird mit diesen Intellektuellen, die es hemmungslos, mit unterworfenen und begeisterten Hirnen mitgemacht haben.

Die Diktatur wird geleugnet, es wird die Redensart germanische Demokratie dafür eingesetzt. Die Regierung wolle im Volk wurzeln und tue es auch, sei nur Vollstreckerin des Volkswillens et cetera.

Thomas Mann meint Messer, Baeumler und Spranger als Sinnbild der verhunzten Intellektualität. Wir denken heute an Jongen, Bannon und Höcke und an Wendungen wie „Merkel-Diktatur“ „links-grün versiffte Politik der Kartell-Parteien“.

Die größte Verhunzung aber betrieben die Nationalsozialisten mit dem Begriff der Revolution.

Es war den Deutschen vorbehalten, eine Revolution nie gesehener Art zu veranstalten: ohne Idee, gegen die Idee, gegen alles Höhere, Bessere, Anständige, gegen Freiheit, Wahrheit, Recht. Es ist menschlich nie etwas Ähnliches vorgekommen.

Konservative in der Revolte – gibt es einen größeren Widerspruch? Sind Konservative in der Revolte nicht geradezu Ausdruck einer „Revolution ohne Idee“?

Revolte gegen die Moderne

Für den Konservativen Thomas Mann war die Revolte gegen die Moderne keine Option. Er konnte sie nur als Verhunzung begreifen, gerade so wie die falsche Romantik, den falschen Mythos eines Alfred Rosenberg, das falsche Künstlertum eines Adolf Hitler. Er hat das Verhängnis dieser Verhunzung früh gesehen, früher als die meisten politisch deutlich weiter links stehenden Schriftsteller der Weimarer Republik.

Einer der Verhunzer, der völkisch orientierte Literaturwissenschaftler Joseph Nadler, schickte Thomas Mann und seinem Bruder Heinrich in seinem vierten Band der Literaturgeschichte des deutschen Volkes einen infamen Gruß in die Verbannung hinterher:

…sie [Heinrich und Thomas Mann] sind schließlich hemmungslos oder widerstrebend in jenem Weltverband der Ungesinnten gelandet, die weder Vaterland noch Eigenvolk kennen.

So wutbürgerte Joseph Nadler gegen die Brüder Mann und verhunzte sein Fach, die Literaturwissenschaft.

Sind nicht auch heute wieder die Konservativen in der Revolte, verhunzen sich zum Wutbürger? Und ist das gegenwärtige völkische Denken etwas anderes als verhunzter Konservatismus?

Das letzte Wort gehört Thomas Mann. Es sind Worte, die einem auch heute noch den Atem rauben, über 80 Jahre später, so genau beschreiben und antizipieren sie das deutsche Verhängnis. Er schrieb sie in dem offenen Brief an die Universität Bonn, nachdem er, fast zeitgleich mit seiner Ausbürgerung, seine Ehrendoktorwürde der Universität verloren hatte:

Sie [die Nazis] haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln. Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volk das letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden.

Mitarbeit: Hartmut Finkeldey

Beitragsbild: Anselm Bühling
unter Verwendung einer Fotografie von Carl van Vechten
(Public domain, via Wikimedia Commons)

Von Herwig Finkeldey

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