Mit welchen Konservativen würden wir uns gern bei einem Glas Wein unterhalten? Das war die Ausgangsfrage für unsere kleine „Hall of Fame“ des Konservatismus, mit der wir unsere Reihe zum Konservatismus fortführen.
Woran erkennt man „Konservative im besten Sinn des Worts“? Am dialektischen Denken: Sie erneuern, was sie bewahren wollen.

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Konservativ ist ein Begriff ohne feste Kontur, nicht ganz klar zu definieren. Ein Begriff zudem, der nicht nur rechtes Denken bezeichnet, sondern genausoweit ins linke Spektrum reicht. Den Namen Adorno zu nennen, löst bei manchen im ersten Reflex Unverständnis aus, und im Vergleich mit der politischen Ausrichtung von Autoren wie Gehlen, Schelsky oder Heidegger war Adorno nicht konservativ. Politisch stand er links. Adorno warb nicht fürs Alte, er wollte keine restaurative BRD, und Auschwitz sowie der NS-Staat galten ihm nicht als bloße Ausrutscher, der von der ansonsten überwältigenden Kulturleistung der Deutschen gedeckelt wurde. Und auch Kunst war ihm nicht nur ein Medium, das die Tücken von Ökonomie und Leben kompensieren solle, um dem beschädigten Leben den Hauch von Schönheit zu verschaffen.

Konservativ ist für manche ein Denken, das den Begriff der Heimat ernst nimmt. Adorno tat dies, allerdings nicht in dem Sinne, dass er die Nation beschwor. Insbesondere während seines Exils in den USA vermisste er den Ort seiner Herkunft – den Odenwald, Frankfurt am Main, den Zoo dort und den nahen Taunus:

In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden. (Minima Moralia)

Auch in seiner Skizze Amorbach finden wir jenen Bezug zur Heimat, die bei Adorno mit dem Glück der Kindheit verbunden ist. Darin beschreibt er die Urlaube im Odenwald während seiner Kindheit. Konservatismus hat nicht nur etwas mit Tradition zu tun, mit dem Wissen davon, woher einer kommt, sondern auch mit der Erfahrung von Verlust. Etwas, das nicht mehr ist und im Lauf des Lebens verlorenging. Eine utopisch gefärbte Sehnsucht nach dem, was nicht mehr ist – und was andererseits doch nie ganz war. In einem Brief vom 5. April 1957 schreibt Adorno an Max Horkheimer:

… in allen Bewegungen, welche die Welt verändern möchten, ist immer etwas Altertümliches, Zurückgebliebenes, Anachronistisches. Das Maß dessen, was ersehnt wird, ist immer bis zu einem gewissen Grade Glück, das durch den Fortschritt der Geschichte verloren gegangen ist. Wer sich ganz auf der Höhe der Zeit befindet, ist immer auch ganz angepaßt, und will es darum nicht anders haben. Durch dies anachronistische Element ist aber zugleich auch der Versuch der Veränderung selber, eben weil er hinter den Verhältnissen eben so viel zurück wie ihnen voraus ist, immer auch aufs Schwerste gefährdet, und setzt sich bei denen, die es am wenigsten nötig haben, dem Vorwurf aus, reaktionär zu sein.

Das Zusammenspiel von Fortschritt und dem Schritt zurück bringt Adorno hier in ein schillerndes Bild. Beide Aspekte sind aufeinander bezogen und voneinander nicht zu trennen. Nur so ist ein Fortschritt möglich, der mehr ist als blindes Vorwärtsstürmen.

Beitragsbild:
By Jeremy J. Shapiro [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons (bearbeitet)

Von Lars Hartmann

Bloggt auf Aisthesis, freier Autor beim Freitag

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