<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Coronavirus &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/tag/coronavirus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 03 Feb 2021 09:23:53 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Coronavirus &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Die Angst in der Pandemie</title>
		<link>https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/</link>
					<comments>https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Jan 2021 09:28:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=100480</guid>

					<description><![CDATA[Zu Beginn der Pandemie war die Einsicht in die Maßnahmen größer als in der zweiten Welle. Die Angst ist diffus geworden - ein Zustand, der die Populisten auf den Plan ruft.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Der tell-Mitarbeiter&nbsp;<a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a>&nbsp;ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a>&nbsp;(16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat&nbsp;</a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt&nbsp;</a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a>&nbsp;(22. Juli 2020)</li><li><a href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li></ul>





<p class="has-drop-cap">Die Pandemie grundiert nun schon lange das alltägliche Leben. Aus der akuten Bedrohung durch ein Virus ist im Verlauf eines Jahres ein chronischer Zustand geworden. Mit der Chronifizierung hat sich auch die Wahrnehmung dieser Pandemie verschoben: Am Beginn stand ein Schreck, den man fast als akute Todesangst beschreiben kann, und dieser Schreck förderte Solidarität und Einsicht in die Pandemie-Maßnahmen. Doch mit der Dauer der Pandemie hat sich die Angst verändert: Die andauernde Angst motiviert nicht, sondern sie lähmt und vergiftet die Gesellschaft. Dies umso mehr, als die Furcht vor dem Virus inzwischen für viele in ökonomische Existenzangst umgeschlagen ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Angst vor den Querdenkern</h3>



<p>Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor die Pandemie-Maßnahmen befürwortet: Die Einsicht bröckelt. Dass nicht die Maßnahmen die Ursache der ökonomischen Verwerfungen sind, sondern das Virus, ist vielen Menschen nicht bewusst: Ein ungebremstes Durchlaufen der Pandemie durch die Bevölkerung würde einen ökonomischen Schaden anrichten, der den Schaden des Lockdowns um ein Vielfaches übersteigen würde, von den zusätzlichen Toten ganz zu schweigen. In Schweden kann man die Folgen dieser Taktik sehen. Aber es scheint zunehmend schwieriger, mit dieser Argumentation durchzudringen. Die Angst ist stärker. Und die Populisten und ihr „Corona-Arm“ der Querdenker befeuern diese Angst mit allen Mitteln. Denn Angst ist das Benzin, das den Motor des Populismus antreibt.</p>



<p>Folglich überrascht es nicht, dass dieses Klima der Angst auch die politischen Entscheidungsträger erreicht. Sie haben Angst vor falschen Entscheidungen (selbst wenn diese nur vermeintlich falsch sind), und sie müssen befürchten, von den Populisten am Ende der Pandemie die Rechnung präsentiert zu bekommen. Die Angst vor den Querdenkern schwingt bei den Verlautbarungen der Politiker immer mit: Wer nur einmal in seiner Prognose „falsch“ liegt, liefert damit einen „Beweis“ für die Inkompetenz der Eliten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Profiteure der Angst</h3>



<p>In keiner einzigen Sachfrage haben die Verharmloser der Pandemie die besseren Argumente, und doch bestimmen sie durch diese Angstkommunikation die Richtung. Denn im öffentlichen Diskurs geht es nicht um Argumente, sondern um das Auslösen starker Gefühle, und Angst ist im politischen Leben das wirkungsvollste Gefühl, vor allem wenn sie die ökonomische Existenz betrifft. Als Profiteure der Angst halten die Populisten diese Angst ständig am Köcheln.</p>



<p>Wie geht man gegen diesen perfiden Mechanismus vor? Und was lief falsch, nachdem die öffentlichen Diskussionen am Beginn der Corona-Pandemie so gut funktionierten? Damals kamen die Populisten kaum zu Wort, sie konnten ja nichts Substantielles zur Problemlösung beitragen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gewöhnung ans Risiko</h3>



<p>Ich glaube, dass die zunehmenden Kommunikationsschwierigkeiten beim Fortschreiten der Pandemie gerade mit dem anfänglichen Erfolg der Pandemie-Kommunikation zu tun haben.</p>



<p>Die beiden Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino, die ich im <a href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/">vorherigen Corona-Beitrag</a> bereits zitiert habe, sagten am 24.12.2020 in einem <a href="https://taz.de/Risikoethiker-ueber-Triage-in-Pandemie/!5735983/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview mit der taz</a>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Philosoph David Hume hat schon im 18. Jahrhundert den psychologischen Mechanismus analysiert: Wir reagieren auf Gefahren anfangs sehr alarmiert, vernachlässigen diese Risiken mit zunehmender Gewöhnung aber wieder. So hat auch bei uns die Pandemie im Laufe der ersten Welle eine starke Alarmbereitschaft hervorgerufen, die aber offensichtlich nicht einmal bis zum gegenwärtigen Herbst und Winter angehalten hat.<br>Hätten wir uns weniger von psychologischen Effekten leiten lassen, sondern vernünftig agiert, dann hätten wir uns stärker auf die wissenschaftliche Evidenz bezogen und dadurch die zweite Welle vorhersehen und besser abwenden können.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Lähmung und Abwehr</h3>



<p>Auch Mukerji/Mannino sehen also den offenkundigen Widerspruch zwischen den ersten Kommunikations-Erfolgen zu Beginn der Pandemie einerseits, als große Einschnitte in die persönliche Freiheit willig hingenommen wurden – und andererseits der zähen, beinahe kleinlichen Herumdiskutiererei um jede Maßnahme, die man am Beginn der zweiten Welle beobachten konnte.&nbsp; </p>



<p>Die Mobilisation der Gegenöffentlichkeit durch die Querdenker hat die akute Angst in eine chronische verwandelt, und so verwandelten sich Einsicht und Motivation in Gleichgültigkeit, Lähmung oder gar aggressive Abwehr. Dieser veränderten gesellschaftlichen Konstellation musste auch die Politik ihren Tribut zollen. Die zögerlichen und halbherzigen Maßnahmen zu Beginn der zweiten Welle sind so zu erklären.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise</h3>



<p>Wahrscheinlich spielen hier auch die Erfahrungen während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 mit hinein: Auch damals ließen sich die Verantwortlichen zunächst von Einsicht und humanen Aspekten leiten – und erlebten dann den Aufstieg einer Partei, die gnadenlos gegen Migranten hetzte, indem sie Existenzängste auf die Flüchtlinge umlenkte. Wenn man sieht, wie schwer es heute ist, trotz der <a href="https://tell-review.de/unser-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit/">unwürdigen Zustände</a> in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln humanes Handeln zu erwirken, dann ahnt man, wie tief die Angst bereits im politischen Getriebe hockt.</p>



<p>Dieselbe diffuse, chronifizierte Angst verhindert nun entschlossenes Handeln gegen die Pandemie.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Selbstporträt)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>23</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">100480</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</title>
		<link>https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/</link>
					<comments>https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Sep 2020 06:55:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=98895</guid>

					<description><![CDATA[Die Coronadiskussionen sind in eine neue Phase eingetreten. Welche Einwände gegen die Maßnahmen sind gerechtfertigt, welche nicht? Was unterscheidet Individual- von Sozialmedizin? Und welche Skepsis ist ernstzunehmen? Ein weiterer Kommentar aus Sicht eines Arzts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Der tell-Mitarbeiter <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap">Wie zu erwarten war, ist in der Coronadiskussion die Rechthaberei eingetrudelt, das Immerschongewussthaben. Es ist einerseits die Stunde der Verschwörungstheoretiker, die mit Vorstellungen hausieren gehen, wie man sie eigentlich auf einer geschlossenen psychiatrischen Station erwarten würde. Andererseits kommen nun die wohlmeinenden Erklärbären, die von hoher Warte aus jeden, der an einer noch so unbedeutenden Maßnahme gegen die COVID-Pandemie zweifelt, als Corona-Leugner labelt, zum „Covidioten“ erklärt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Risikoabschätzung in Echtzeit</h3>



<p>Ich will im Folgenden versuchen, ein paar dieser Diskussionsstränge zu entwirren, wobei ich den Shutdown im Frühjahr nach wie vor für richtig halte. Und gleich vorweg: Zwar gibt es vereinzelt berechtigte kritische Fragen über die Maßnahmen gegen SARS-Cov2. In der Breite aber handelt es sich m. E. doch um eine Diskussion, die das Niveau der Sandkiste nur knapp überschreitet. </p>



<p>Denn sie verkennt, dass man einer akuten pandemischen Bedrohung nicht mit zuvor sauber evaluierten Maßnahmen begegnen kann, sondern nur mit Hilfe einer Risikoabschätzung, die überdies in Echtzeit stattzufinden hat. Diese Abschätzung erinnert an die Fermikalkulation: eine grobe Überschlagsrechnung auf der Grundlage nur weniger Daten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Strategien gegen das Virus</h3>



<p>Anfang des Jahres ging man von fünf- bis sechsstelligen Todesraten aus, sollte man das Virus ungebremst durch die Bevölkerung laufen lassen. Das empfand damals wie heute eine Mehrheit als inakzeptabel. Daher wurden im März 2020 die allgemeinen Pandemiepläne, die es gab, hochgefahren. Diese Pläne waren selbstredend ohne Wissen über dieses spezielle Virus erstellt. Diese Problematik habe ich bereits im März in meinem Artikel <a href="https://tell-review.de/safety-first/">„Safety first“</a> diskutiert, und ich sehe nach wie vor kein vernünftiges Gegenargument. Genau diese Position vertreten auch Nikil Mukerji und Adriano Mannino in ihrem verdienstvollen Reclambändchen <a href="https://www.reclam.de/detail/978-3-15-014053-6/Mukerji__Nikil__Mannino__Adriano/Covid_19__Was_in_der_Krise_zaehlt__Ueber_Philosophie_in_Echtzeit"><em>Covid-19: Was in der Krise zählt</em></a>.</p>



<p>Die Alternative wäre eine Strategie speziell gegen das Virus gewesen. Hierzu hätte man im Idealfall zwei Strategieansätze gegeneinander getestet: Man hätte in zwei Ländern, die miteinander vergleichbar sind, unterschiedliche Strategien ausprobiert und die Ergebnisse gemessen. Dies wäre etwa mit dem norwegischen und dem schwedischen Vorgehen möglich gewesen. Das freilich ist ein retrospektiver Ansatz, der erst in ein bis zwei Jahren fruchtbar werden kann. Einen prospektiven Ansatz hingegen, der im März innerhalb kürzester Zeit zu validen Ergebnissen und guten Handlungsempfehlungen hätte führen können, sehe ich nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Einwände gegen den Shutdown</h3>



<p>Infolgedessen sind die kritischen Anmerkungen über den Shutdown, über die nachzudenken sich lohnt, dünner gesät, als die Empörung in den sozialen Medien vermuten lässt.</p>



<p>Folgende gehören aber unbedingt dazu: Das Verbot, schwerst- und todkranke Angehörige zu besuchen, hat viel Bitterkeit hervorgerufen. Dafür gibt es schon fast keine Entschuldigung mehr, zumal der epidemiologische „Gewinn“ offenbar gering gewesen ist. Einzig den Mangel an Schutzkleidung, kann man gelten lassen – was wiederum zu der Frage führt, wie ein derartiger Mangel eigentlich hat entstehen können.</p>



<p>Auch der Einwand, durch den Shutdown hätten viele schwer Erkrankte keine Rettungsstellen aufgesucht und seien deswegen zu Schaden gekommen, ist wichtig. Freilich hätte ein ungebremstes Durchlaufen der Infektion eine Überlastung des Gesundheitssystems bedeutet, daher ist die Vermutung plausibel, dass dann auch andere Notfälle schlechter hätten versorgt werden können, allein schon aufgrund der Kapazitätsgrenze.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Individualmedizin versus Epidemiologie</h3>



<p>Anderes hingegen war unsinnig (mein persönlicher Spitzenreiter der absurden Maßnahmen ist das Leseverbot auf der Parkbank), und die unterschiedliche Maskenstrategie der einzelnen Bundesländer geht ins Groteske. Meine Liste der vernünftigen Einwände ist unvollständig. Wie immer man solche Einwände abschließend bewertet: Menschen, die auf diese Zusammenhänge aufmerksam machen, dürfen nicht als Covidioten abgestempelt werden. </p>



<p>Andererseits muss es auch erlaubt sein, auf einen grundlegenden Denkfehler solcher Einwände hinzuweisen. Der Denkfehler besteht in einer Verwechslung von Individual- und Sozialmedizin. Der Arzt betrachtet nur den Erkrankten. Selbst wenn der Weltuntergang droht, hat sich ein Arzt um den vor ihm sitzenden Patienten und dessen Leiden zu kümmern und um sonst nichts.</p>



<p>Der Epidemiologe hingegen will nicht primär dem Einzelnen helfen, sondern den Untergang einer Stadt, eines Landes, der Welt verhindern. Das kann dazu führen, dass seine Maßnahmen den Forderungen der individuellen Krankenversorgung diametral entgegenstehen, wie es etwa bei den Kontaktsperren der Fall war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Pest an Bord?</h3>



<p>Stellen wir uns, als plakatives Beispiel, einen Hafenarzt vor. Dieser Arzt hat bei einem einlaufenden Schiff den Verdacht, die Pest sei an Bord. Folgerichtig lässt er die Quarantäneflagge hissen und verhängt eine Ausgangssperre. Nun erweist sich nach zwanzig Tagen, dass der Verdacht sich nicht bestätigt, die Angst also unbegründet war. </p>



<p>Hat der Hafenarzt nun einen Fehler gemacht oder nicht? Viele würden die Frage individualmedizinisch mit „Ja“ beantworten, denn es war eine Fehldiagnose und demzufolge auch eine Fehlprognose. Aber die korrekte Antwort lautet natürlich „Nein“. Der Hafenarzt hat keinen Fehler gemacht, auch wenn sich seine Vermutung nicht bestätigt hat. </p>



<p>Epidemiologisch gesehen, musste er so handeln, und zwar unter dem Aspekt der Risikoevaluation, den man auch bei Mukerji und Mannino beschrieben findet. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass der Verdacht auf eine Pest an Bord zutrifft, so ist doch im positiven Fall die Gefahr für eine Millionenstadt viel zu groß, als dass man selbst ein geringes Risiko hätte eingehen dürfen. </p>



<p>Individuell gesehen, kann man solche geringen Risiken mit jedem Patienten besprechen, der mündige Patient kann frei wählen, ob er es eingehen möchte. Epidemiologisch betrachtet, geht das nicht. Mehrere Hunderttausend Tote könnten die Folge einer Fehlentscheidung sein. Wer will dafür die Verantwortung übernehmen?</p>



<p>Folglich muss die Höhe eines Risikos mit der Größe des <em>worst case</em> „verrechnet“ werden. Je schlimmer der <em>worst case</em>, desto eher ist zu handeln, auch bei statistisch nur geringem Risiko. Deswegen hätte der Hafenarzt sogar dann „recht“ gehabt, wenn zwar keine Pest an Bord gewesen, aber ein Matrose aus Verzweiflung in das haidurchseuchte Hafenbecken gesprungen wäre.</p>



<p>Es ist verständlich, dass diese epidemiologische Sicht auf die Dinge vielen zunächst nicht einleuchtet. Es ist ein Denken, das im Alltag so nicht vorkommt und den Alltag auch nicht abbildet.</p>



<p>Umso wichtiger sind diese Diskussionen. Noch einmal: Niemand ist ein Idiot, der/die das anders sieht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">An oder mit Corona?</h3>



<p>Es gibt jedoch Einwände, bei denen ich weniger gnädig bin. Als Beispiel seien die unerträglichen Diskussionen über die Todesursache bei Corona-Infizierten genannt. In meinem Text <a href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/">„Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt“</a> habe ich mich bereits dazu geäußert, und auch hier hat sich meine Meinung nicht geändert. Jede schwere Vorerkrankung erhöht das Risiko, AN Corona zu sterben. Der geschwächte Körper hat keine Ressourcen mehr, mit der schweren Infektion fertig zu werden, das gilt nicht nur beim Coronavirus, sondern auch bei anderen Erkrankungen, zum Beispiel einer bakteriellen Lungenentzündung (Bronchopneumonie). Auch diese Erkrankung hat bei geschwächten Vorerkrankten ein leichteres Spiel als bei gesunden Menschen. Doch niemand kam bisher auf die Idee, die Bronchopneumonie als Todesursache in Zweifel zu ziehen und stattdessen zu sagen, der Patient sei ja nur „mit“, nicht „an“ der bakteriellen Lungenentzündung verstorben.</p>



<p>Angestoßen hatte diese Diskussion der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel durch die voreilige Bekanntmachung seiner Obduktionsergebnisse Inzwischen hat er sich von den waghalsigen Schlussfolgerungen distanziert, die seinen Untersuchungen folgten. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Pathologen hat am 20. August 2020 mit dieser <a href="https://www.pathologie.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles/corona/Pressemappe_PK_20.08.2020.pdf">Stellungnahme</a> solchen Diskussionen endgültig den Stecker gezogen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Verschwörungstheorien und die skeptische Apodiktik</h3>



<p>Während all diese Einwände, Vorbehalte und Verwirrungen immerhin noch einen Bezug zur Wirklichkeit haben, ist über Verschwörungstheorien kein Wort zu verlieren. Mit Menschen, die glauben, die „Halbjüdin“ Angela Merkel habe, im Verein mit Bill Gates, ein Virus erschaffen, um den „großen Austausch“ zu verwirklichen, kann man nicht mehr reden. Denn sie geben ja in ihren Inhalten schon zu verstehen, dass sie gar nicht reden wollen.</p>



<p>Neben der Verschwörungstheorie gibt es eine weitere Strategie, bei der das Gespräch mit Corona-Skeptikern keinen Sinn mehr hat: die „skeptische Apodiktik“. Unter einer skeptischen Apodiktik verstehe ich eine Grundhaltung, die ihre apodiktische Kritik erkenntnistheoretisch verkleidet. „Ich frage ja nur“, „ich zweifele ja nur“, heißt es dann. Man darf fragen, man darf zweifeln. Aber die Skepsis funktioniert nur, wenn man sie auch auf die eigenen Positionen anwendet. Genau das tun viele Corona-Skeptiker nicht. Sie sehen die Skepsis als Beweis, im Sinn von: Ich bin skeptisch, also habe ich recht. Das bedeutet in der Konsequenz: Weil wir nicht endgültig beweisen können, dass Corona gefährlich ist, ist es harmlos. Dies jedoch widerspricht der Risikoevaluation angesichts des <em>worst case</em>: Weil wir nicht genau wissen können, wie gefährlich Corona ist, müssen wir den <em>worst case</em> annehmen und entsprechend handeln.</p>



<p>Individuell mag sich jeder entscheiden, wie er will – und dann auch das Risiko tragen. Wenn es jedoch um uns alle geht, ist diese Sicht unerlaubt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: via Pixabay<a href="https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fcdn.pixabay.com%2Fphoto%2F2020%2F05%2F10%2F13%2F08%2Fcorona-5153949_1280.jpg&amp;imgrefurl=https%3A%2F%2Fpixabay.com%2Fde%2Fphotos%2Fcorona-covid-19-desinfektion-5153949%2F&amp;tbnid=iTv7ey3-AAhetM&amp;vet=12ahUKEwio1en-su3rAhVMO-wKHdrsAI0QMygTegUIARDnAQ..i&amp;docid=Qg4bvcju-GBoPM&amp;w=1280&amp;h=853&amp;q=Coronavirus%20shutdown&amp;hl=de&amp;client=firefox-b-d&amp;ved=2ahUKEwio1en-su3rAhVMO-wKHdrsAI0QMygTegUIARDnAQ" target="_blank" rel="noopener noreferrer"> Lizenz: CC0 Public Domain</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">98895</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Das neue Chamäleon der Medizin</title>
		<link>https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/</link>
					<comments>https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Jul 2020 08:41:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=98500</guid>

					<description><![CDATA[Beengte Räume und ein geschwächtes Immunsystem fördern eine Infektion mit dem Coronavirus. Dies macht COVID-19 zu einer Krankheit der Armen. Das galt schon für die Tuberkulose - und es ist nicht die einzige Ähnlichkeit der beiden Krankheiten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Der tell-Mitarbeiter <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)<br></li></ul>





<p class="has-drop-cap">Nach einigen Monaten Pandemieerfahrung kristallisieren sich Erkenntnisse heraus, die anfangs undenkbar schienen. Es sind sowohl Erkenntnisse über die Erkrankung selbst als auch über die Art und Weise, wie Gesellschaften mit dieser neuartigen Erfahrung umgehen.</p>



<div style="height:40px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Kein flottes &#8222;Wegimpfen&#8220;?</h2>



<p>COVID-19, wie die durch das Coronavirus hervorgerufene Krankheit medizinisch genannt wird, ist einerseits eine hochakute Erkrankung, andererseits ist sie ein chronisches Geschehen, das in praktisch allen Organsystemen stattfinden kann und oft eine verlängerte Rekonvaleszenz zur Folge hat. Möglicherweise wird sich auch die Rentenkasse mit ihr zu beschäftigen haben.</p>



<p>Immunologisch kann man keineswegs davon ausgehen, dass sich auf linearem Weg eine Herdenimmunität ausbilden wird oder dass man COVID-19 gar irgendwann flott „wegimpfen“ kann, wie es bei den Pocken oder Polio der Fall war. Offenbar besteht die Pathophysiologie dieser Erkrankung nicht nur in einem kurzen, heftigen Gefecht zwischen Virus und Wirt, der dieses Gefecht mit Hilfe spezifischer Antikörper im besten Fall für sich entscheidet. Es ist vielmehr eine zähe Angelegenheit, in der die sehr unterschiedlichen immunologischen Reaktionen der Patienten eine entscheidende Rolle spielen. Neben der Immunität durch spezifische Antikörper gibt es noch eine sogenannte T-Zell-vermittelte Immunität. Sie spielt eine große Rolle bei der Bekämpfung von Viren, die bereits in die Wirtszelle eingedrungen sind: Die verminderte Aktivität einer Untergruppe von T-Lymphozyten korreliert daher mit schweren Verläufen. Auch ist schon länger bekannt, dass die Blutgruppen einen großen Einfluss auf die immunologischen Reaktionen bei verschiedensten Infektionserkrankungen haben, etwa der Cholera oder der Tuberkulose. Das gilt offenbar auch für COVID-19.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fastfood statt Hunger</h2>



<p>Bekanntlich hat der Lebensstil einen direkten Einfluss auf das Immunsystem. Adipositas, Diabetes und weitere Wohlstandskrankheiten unterdrücken es stark. Dieser „hyperalimentäre Lebensstil“, so der medizinische Fachausdruck für übermäßige Nahrungsaufnahme, ist auch eine Frage der Bildung. In Überflussgesellschaften neigen gerade die unteren sozialen Schichten dazu, zu viel zu essen: So ist in den westlichen Gesellschaften Armut nicht mehr von Hunger begleitet, sondern von kalorienhaltigem Fastfood.</p>



<p>Die so unterschiedlichen immunologischen Reaktionen auf das Virus, deren Zusammenhänge wir im Einzelnen noch nicht genügend verstehen, dürften maßgeblich darüber entscheiden, ob die Erkrankung als kurze Erkältung oder als schwere und oft chronische Systemerkrankung verläuft. In jedem Fall aber zeigen sie, dass mitnichten „nur eine Grippe“ vorliegt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Tuberkulose und COVID-19</h2>



<p>Ähnliches kann man zum epidemiologischen Verlauf sagen. Keineswegs rast eine sich aufbäumende, dann saisonal abflauende Welle über die Erde, wie es bei der Influenza der Fall ist. Zwar scheint es eine saisonale Komponente zu geben. Dies kann jedoch auch mit der Tatsache zusammenhängen, dass Clusterausbrüche häufig durch Massenveranstaltungen in geschlossenen Räumen entstehen, und solche Veranstaltungen finden nun einmal im Winter häufiger statt, Ischgl sei hier als Beispiel genannt. Bei den Schlachthöfen begünstigen die beengten Wohnquartiere der Saisonarbeiter den Ausbruch, wobei hier die niedrigen Temperaturen zusätzlich eine Rolle spielen. Die massenhaften Ansteckungen in amerikanischen Gefängnissen zeigen ebenfalls einen Zusammenhang mit der räumlichen Enge.</p>



<p>Sowohl der Lebensstil als auch die Wohnverhältnisse lenken den Fokus auf die soziale Lage: COVID-19 ist eine Erkrankung, die die unteren sozialen Schichten in besonderem Maß betrifft. Je ärmer ein Land und je größer die sozialen Unterschiede, desto höher sind die Erkrankungszahlen. Armut ist einer der größten Risikofaktoren, an COVID-19 zu erkranken.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine Krankheit der Armut</h2>



<p>Sowohl das medizinische als auch das soziale Muster von COVID-19 ähnelt damit in erstaunlich vielen Facetten einer anderen, seit Jahrtausenden bekannten Infektionserkrankung: Der Tuberkulose, die im 19.&nbsp;Jahrhundert unter dem Namen Schwindsucht auch als Krankheit der Dichter galt. Die hohe Inzidenz der Tuberkulose bei Dichtern wollte man mit dem Hang der Literaten zur Melancholie erklären, denn auch eine Depression unterdrückt das Immunsystem. In der Psychosomatik galt Tuberkulose lange als somatischer Ausdruck einer Depression, als sogenanntes Depressionsäquivalent. Ob sich für COVID-19 ähnliche Zusammenhänge nachweisen lassen, ist mir aktuell nicht bekannt.</p>



<p>Die anderen Übereinstimmungen sind aber erstaunlich genug. Die Tuberkulose wird zwar nicht durch ein Virus, sondern durch Bakterien ausgelöst, doch auch bei der Tuberkulose spielt, neben dem (übrigens sehr speziellen) Bakterium, im Krankheitsverlauf die individuelle immunologische Disposition eine entscheidende Rolle. Wie bei COVID-19 ist die Tuberkulose eine Erkrankung der Armut, eine Seuche der Slums. Daher überrascht es nicht, dass sie in den letzten Jahren des Öfteren bei Geflüchteten nachgewiesen wurde. Auch die Tuberkulose befällt die unterschiedlichsten Organsysteme, so dass man sie das „Chamäleon der Medizin“ genannt hat. Nach den bisherigen medizinischen Erfahrungen liegt mit COVID-19 durchaus ein neues Chamäleon der Medizin vor.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Leben mit dem Virus</h2>



<p>Möglicherweise geht die merkwürdige Verwandtschaft der beiden Krankheiten noch weiter: Es gibt Berichte, die auf eine günstige Wirkung der fast hundert Jahre alten Tuberkuloseimpfung gegen den Erreger SARS-Cov2 hinweisen. COVID-19 soll bei den vor Jahrzehnten gegen Tuberkulose Geimpften milder verlaufen. Diese alte Impfung stärkt vor allem die T-Zell-Immunität, also jenen immunologischen Vorgang, den wir auch gegen SARS-Cov2 so dringend benötigen.</p>



<p>Die frappanten Übereinstimmungen beider Krankheiten könnten auf einen eher chronischen Pandemieverlauf von COVID-19 hindeuten. Es ist denkbar, dass wir uns mit SARS-Cov2 genauso zu arrangieren haben, wie mit dem Mycobacterium tuberculosis oder dem HI-Virus. Diese so merkwürdige Erkrankung hält die Zeit an, verlangsamt das öffentliche Leben. Diese Verzögerung und die unaufhaltsamen wirtschaftlichen Folgen werden die Welt verändern. Sie wird darauf literarisch reagieren, und zwar nicht nur mit Corona-Tagebüchern: Autorinnen wie Giovanni Boccaccio, Thomas Mann und Rebecca Makkai werden Nachfolger haben.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Bildnis eines Schwindsüchtigen (Hans Barwierer)<br>Kupferstich von Joachim Moler (1532), via <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:1532-11-10_Joachim_Moler_Kupferstich_Hans_Barwierer_Schwindsucht_Bleivergiftung.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">98500</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt</title>
		<link>https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/</link>
					<comments>https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 May 2020 08:09:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97745</guid>

					<description><![CDATA[Für eine Pandemie, die durch ein neues Virus verursacht wurde, gibt es keine fertige Strategie. Wir wohnen in Echtzeit der Entschlüsselung eines komplexen Geschehens bei. Die Sehnsucht nach simplen Erklärungen spielt den Populisten in die Hände.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Der tell-Mitarbeiter <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap">Eine neu aufgetretene Erkrankung stellt für Patienten und Ärzte immer eine Herausforderung dar, erst recht, wenn es sich um eine pandemisch verlaufende Infektionskrankheit handelt wie COVID-19. Neben dem täglichen Wissenszuwachs, der Entscheidungen beeinflusst und bisweilen revidiert, fällt der politischen Kommunikation eine entscheidende Rolle zu.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Marathon und kein Sprint</h3>



<p>Bereits 2005 haben die Centers for Disease Control (CDC) der USA Vorschläge für die öffentliche Kommunikation ausgearbeitet: Im Fall einer Pandemie soll die Bevölkerung früh und umfassend informiert werden, wobei auf die Komplexität der Materie hingewiesen werden muss. Das Vertrauen der durch die Krankheit verunsicherten Bevölkerung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Eindämmung einer Pandemie. Geht dieses Vertrauen verloren, weil Informationen verschwiegen oder verfälscht werden, wird es schwierig, Maßnahmen zur Eindämmung des Virus durchzusetzen.</p>



<p>Außerdem übernehmen dann andere Akteure die öffentliche Kommunikation, wie das derzeit in der öffentlichen Debatte zu geschehen scheint. So lange in Deutschland die Infektionszahlen noch exponentiell anstiegen, sahen alle die restriktiven Maßnahmen ein. Nun aber, wo die täglich gemeldeten Zahlen sinken bzw. auf einem niedrigeren Niveau stabil sind, glauben viele, das Ziel sei bereits erreicht. Wer nun darauf beharrt, dass das Ende des Tunnels noch nicht erreicht ist und daran erinnert, dass das Virus einen Marathon erfordert und nicht einen Sprint, erfährt Gegenwind.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wissenszuwachs mit Umwegen</h3>



<p>Die Krankheit COVID-19 ist für die medizinische Forschung eine Herausforderung. Wir haben es in der Pathologie mit einem ganz neuen, komplexen Muster zu tun. Einerseits stellen wir eine Lungenentzündung fest, die sich vor allem im Stützgewebe abspielt, und andererseits eine ausgeprägte Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln. Hinzu kommen im Verlauf nicht selten Sekundärfolgen der Virusinfektion. Eine der pathophysiologischen Grunderscheinungen scheint der mittlerweile in den Alltagswortschatz übergegangene Zytokinsturm zu sein, eine massive Überschwemmung des Gewebes und des Blutes mit Substanzen, die für Zellwachstum und Zelldifferenzierung zuständig sind.</p>



<p>Der Wissenszuwachs erfolgt in der Medizin, wie überall, mit Umwegen, und manchmal biegt man auch in die falsche Richtung ab. Bei einer neuen, multifaktoriell verursachten Erkrankung ist das ganz normal: Wir wohnen in Echtzeit der Entschlüsselung eines komplexen Geschehens bei. Das war bei Aids, bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit oder bei Ebola nicht anders.</p>



<p>In der Tat hatte etwa das RKI zunächst wegen der Infektionsgefahr vor einer Autopsie verstorbener Corona-Patienten gewarnt. Das hat mich nie überzeugt; ich habe als Arzt in der Pathologie begonnen und seinerzeit auch Creutzfeldt-Jakob-Patienten seziert. Mittlerweile sieht das RKI das anders, nun werden auch Corona-Patienten obduziert. Die Diskussionen darüber, ob man Patienten mit schweren Krankheitsverläufen möglichst früh intubieren soll, habe ich auf der COVID-19-Station hautnah miterlebt: Inzwischen sind wir zurückhaltender geworden und intubieren erst, wenn die nicht invasiven Beatmungsmöglichkeiten mithilfe einer Sauerstoffmaske ausgeschöpft sind.</p>



<p>Auch außerhalb der Kliniken ändern sich mit dem jeweiligen Wissensstand die Empfehlungen. Die Debatten um Stoffmasken konnte in den letzten Wochen jeder mitverfolgen: Zunächst wurde ihr Nutzen angezweifelt, nach genauerer Prüfung hat man sie doch empfohlen, wobei auch diese Frage noch nicht abschließend zu beantworten ist. Ähnlich verhält es sich mit den Schulschließungen – niemand kann mit Sicherheit sagen, was sie zur Eindämmung der Pandemie beitragen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Stunde der Populisten</h3>



<p>Gewünscht sind simple Erklärungen für komplexe Vorgänge. Bleiben diese aus und müssen die Experten ihre Aussagen gar revidieren, weil sich der Stand des Wissens verändert hat, schlägt die Stunde der Populisten und der Scheindebatten. Der alte Trick des Vernebelns, des Verunklarens mit Viertelfakten und halbgaren Interpretationen wird aus der Versenkung geholt.</p>



<p>Was in einer solchen Situation beispielsweise überhaupt nicht hilfreich ist, sind Journalisten wie Julian Reichelt oder Politiker wie Boris Palmer, die nun behaupten, das RKI und „die Virologen“ würden im Chaos herumstochern und seien mit ihrer Politik-Beratung für die Zerstörung der Wirtschaft verantwortlich. Als ob Angela Merkel einen solchen Vorsatz hätte.</p>



<p>Eine weitere Halbwahrheit, die als Beleg für die verfehlte Bundespolitik herhalten soll, sind die angeblich leeren Intensivstationen. Bei einer neuen Krankheit fehlen die Erfahrungswerte für eine verlässliche Prognose. Selbstverständlich gab und gibt es in deutschen Intensivstationen schwersterkrankte COVID-19-Patienten, nur eben nicht so viele, wie zunächst erwartet. Hätte man keine Maßnahmen ergriffen, wäre es längst zur Katastrophe gekommen. Nun haben wir ein paar Betten mehr freigehalten, als nötig gewesen wäre – besser als umgekehrt. In der jetzigen Situation kann man wieder daran denken, jene Operationen durchzuführen, die in großem Umfang abgesagt worden waren, weil die Patienten nach der Operation ein Intensivbett benötigen.</p>



<p>Daraus nun jedoch ein Planungsdesaster abzuleiten, grenzt an Bösartigkeit. Die Maßnahmen haben dazu geführt, dass wir bisher noch Reserven haben. Wir hoffen, dass wir sie nie werden antasten müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Zäsur in der öffentlichen Debatte</h3>



<p>Den Behörden ist kein Vorwurf zu machen, sie folgen den Empfehlungen der Wissenschaft. Die Populisten dagegen kümmern sich nicht um medizinische Erkenntnisse. Ihre aktuelle Taktik besteht in der Behauptung, dass es zwar das Virus gebe, nicht aber die Pandemie. Das Virus SARS-Cov2 verursache keine eigenständige Erkrankung: Man sterbe <em>mit</em>, aber nicht <em>an</em> dem Virus, bei der Feststellung der Todesursache sei dies nur diagnostischer Beifang und somit belanglos.</p>



<p>Für mich bedeutet diese Form der öffentlichen Diskussion eine Zäsur. Konnte ich den Widerstand der Populisten gegen „Eliten“, gegen „Ethno-Pluralismus“, gegen „städtisches Multikulti“ oder „das System“ wenigstens theoretisch noch einordnen, so fehlt mir für den populistischen Widerstand gegen Maßnahmen zur Eindämmung einer bedrohlichen Krankheit jedes Verständnis. Den Widerstand gegen den Klimaschutz konnte man noch halbwegs mit dem Unwillen erklären, an die nächste Generation zu denken. Aber eine Pandemie, die einen selbst gefährdet, als eine Erfindung der „Lügenpresse“ darstellen?</p>



<p>Zunächst habe ich mir diesen Irrsinn damit zu erklären versucht, dass die Populisten hier wieder mit ihrer Behauptung punkten wollen, die Politik „verarsche“ das Volk – ein offenbar lustbringendes Gefühl. Doch dann brachte mich das Verhalten von Boris Johnson auf eine neue Idee. Nachdem er zunächst in Populistenmanier gezögert hatte, sieht er nun die Notwendigkeit der Maßnahmen ein und handelt. Die Einschränkungen für Großbritannien wurden eben erst verlängert. Dieser Sinneswandel könnte in einem Zusammenhang mit seiner eigenen Erfahrung mit COVID-19 stehen. Er weiß, dass er ein zweites Leben geschenkt bekommen hat, und er hat begriffen, dass er zwar die öffentliche Meinung kontrollieren kann, nicht jedoch das Virus. Vielleicht ist gerade die uneingestandene Angst vor diesem Kontrollverlust der tiefere Grund dafür, dass so viele Populisten das Virus leugnen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Rotationsbett auf Intensivstation<br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rotationsbett.jpg" title="via Wikimedia Commons">Blogotron via Wikimedia Commons</a> / CC0</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97745</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Lektüre für Coronazeiten</title>
		<link>https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/</link>
					<comments>https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2020 08:23:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[tell-Listen]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97663</guid>

					<description><![CDATA[Unsere Empfehlungen fürs Bett, die Badewanne oder den Balkon: Bücher von Annett Gröschner, Peter Handke, George Saunders, Laura Spinney, Robert Musil, Max Frisch. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Die Pandemie verändert nicht nur unser Leben, sondern auch das Lesen. Manche Bücher erhalten nun eine neue Bedeutung: Weil sie zur Situation des Lockdown passen, weil sie uns vom Lockdown ablenken – oder weil man sie schon immer lesen wollte.</p>





<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading">Die vergessene Pandemie</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Ein Lektüretipp von <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a></h4>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783446258488&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="97669" data-permalink="https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/cover2-spinney/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Spinney.jpg?fit=278%2C426&amp;ssl=1" data-orig-size="278,426" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover2-Spinney" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Spinney.jpg?fit=278%2C426&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Spinney.jpg?resize=209%2C320&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-97669" width="209" height="320" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Spinney.jpg?w=278&amp;ssl=1 278w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Spinney.jpg?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Spinney.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w" sizes="(max-width: 209px) 100vw, 209px" /></a></figure></div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Im Krieg gibt es den Sieger [&#8230;], nach einer Pandemie gibt es dagegen nur Besiegte.</p></blockquote>



<p>Und Besiegte erinnern sich ungern. Anders als die Pestepidemien des Mittelalters oder die Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts ist die Grippe-Pandemie von 1918 bis 1920 nicht ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Ihre Wucht wurde von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg überdeckt, obwohl die Grippe weltweit fünf Mal so viele Opfer gekostet hatte.</p>



<p>In ihrem bahnbrechenden Sachbuch <em>1918 – Die Welt im Fieber</em> denkt die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney über die Ursachen dieses Vergessens nach. Mit Kriegserklärung (Beginn) und Waffenstillstand (Ende) sowie Siegern und Besiegten passt ein Krieg zur „narrativen Struktur der kollektiven Erinnerung“.&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Eine Grippepandemie jedoch hat weder einen eindeutigen Beginn noch ein klar umrissenes Ende und auch keinen offenkundigen Helden.</p></blockquote>



<p>Nur wer die Vergangenheit verstanden hat, ist in der Lage, die Gegenwart zu deuten. Selten zeigt sich das deutlicher als bei der Grippe-Pandemie von 1918 und ihren Bezügen zur Corona-Pandemie.</p>



<p>Die Analogien sind schlagend: Die damaligen Diskussionen um den besten Weg gegen die Ausbreitung der Seuche beeinflussen unser Handeln heute. So zeigte sich 1918 eindeutig, dass ein Verbot von Massenveranstaltungen große Effekte auf die Ansteckungszahlen hat. Folglich fanden Fußballspiele in Brasilien ohne Publikum statt. Auch damals wurde der Verdacht geäußert, die Erkrankung sei das Resultat biologischer Kriegsführung, dies spiegelt die Ratlosigkeit im Angesicht des allgemeinen Schicksals wider. Alte Ärzte wurden wegen Personalknappheit aus dem Ruhestand geholt, auch damals gab es einen Shutdown – und über den Sinn der Quarantänemaßnahmen wurde erbittert gestritten.</p>



<p>Laura Spinneys fundierte medizinische Recherche zu lesen, ist erschütternd und spannend zugleich, zumal wenn man während des Lesens selbst im Shutdown lebt.</p>





<p>Laura Spinney<br><strong>1918 – Die Welt im Fieber</strong><br>Wie die spanische Grippe die Gesellschaft veränderte<br>Aus dem Englischen von Sabine Hübner<br>Hanser Verlag 2018 · 384 Seiten · 26 Euro<br>ISBN: 978-3446258488 <span><a style="vertical-align: text-bottom;" href="javascript:"></a></span></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783446258488&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading">Mit der „Ostlerin in mir“ durch Berlin</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Ein Lektüretipp von <a href="https://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sieglinde Geisel</a></h4>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-full"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783960542230&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="208" height="346" data-attachment-id="97672" data-permalink="https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/cover2-groeschner/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Gr%C3%B6schner.jpg?fit=208%2C346&amp;ssl=1" data-orig-size="208,346" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover2-Gröschner" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Gr%C3%B6schner.jpg?fit=208%2C346&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Gr%C3%B6schner.jpg?resize=208%2C346&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-97672" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Gr%C3%B6schner.jpg?w=208&amp;ssl=1 208w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Gr%C3%B6schner.jpg?resize=180%2C300&amp;ssl=1 180w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover2-Gr%C3%B6schner.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" /></a></figure></div>



<p>Während des Lockdowns kann man nicht nach Berlin reisen, und auch die Berliner selbst können sich in ihrer Stadt nicht so bewegen, wie sie es möchten. Wer trotzdem auf Berlin nicht verzichten möchte, kann mit Annett Gröschners <em>Berliner Bürger*stuben</em> die Stadt imaginär erobern.</p>



<p>Wieder einmal hat die Literatur mehr zu bieten als die schnöde Wirklichkeit. Annett Gröschner wirft in ihren Reportagen Schlaglichter in Berlin-Welten, wie man sie nur hier beschrieben findet: vom BER-Phantomflughafen bis zu den Berliner Kleingärten, von den letzten Tagen der Volksbühne bis zu den Ankleiderinnen hinter den Kulissen des Deutschen Theaters.</p>



<p>Die Autorin, die uns hier durch ihr Berlin führt, gehört zu denjenigen, die aus dem „durchgentrifizierten Prenzlauer Berg“ verdrängt wurden. Diese Verlusterfahrung zieht sich wie ein roter Faden durch die Liebeserklärung an die Stadt. Ein weiteres verstecktes Leitmotiv ist „die Ostlerin in mir“, über die wir beispielsweise dies erfahren:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Ostlerin in mir ist im Lauf der Jahre geschrumpft. Am Anfang habe ich gemeint, es gäbe sie gar nicht. Dann wurde sie aus Gnatz ganz groß, trug rosarote Brillen und wohnte in einem Erinnerungshotel, zusammen mit Frauen, die die Kaiserzeit noch kannten, die aber alle gestorben sind. Im Moment ist die Osterlin in mir nicht mehr als ein Überbein. Es hat keinen Zweck, es wegzuoperieren, es wächst immer nach. Stört aber auch nicht besonders beim Laufen.</p></blockquote>





<p>Annett Gröschner<br><strong>Berliner Bürger*stuben</strong><br>Palimpseste und Geschichten<br>Edition Nautilus 2020 · 328 Seiten · 20 Euro<br>ISBN: 9783960542230 <span><a style="vertical-align: text-bottom;" href="javascript:"><img decoding="async" identifier="9783960542230" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783960542230&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading">Ausweg als Illusion</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Ein Lektüretipp von <a href="https://tell-review.de/author/elke-heinemann/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Elke Heinemann</a></h4>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518397879&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="97697" data-permalink="https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/cover-handke/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Handke.jpg?fit=306%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="306,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Handke" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Handke.jpg?fit=306%2C499&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Handke.jpg?resize=232%2C379&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-97697" width="232" height="379" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Handke.jpg?w=306&amp;ssl=1 306w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Handke.jpg?resize=184%2C300&amp;ssl=1 184w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Handke.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Handke.jpg?resize=300%2C489&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 232px) 100vw, 232px" /></a></figure></div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nur von mir kann ich mich distanzieren, meine Mutter wird und wird nicht, wie ich sonst mir selber, zu einer beschwingten und in sich schwingenden, mehr und mehr heiteren Kunstfigur. Sie läßt sich nicht einkapseln, bleibt unfaßlich, die Sätze stürzen in etwas Dunklem ab und liegen durcheinander auf dem Papier.</p></blockquote>



<p>Ein Fazit, das Peter Handke 1972 nach dem Suizid seiner Mutter formuliert. Die Verkapselung und Verkünstelung der Mutter durch den Sohn kann nicht gelingen, weil der Sohn die Mutter nie anders als verkapselt und verkünstelt kennengelernt hat. Zwar konnte sie vom Land in die Stadt ziehen und von der Stadt zurück aufs Land, aber innerlich blieb sie eingeschlossen in der engen Welt ihres Vaters, die bestimmt war durch eine „gespenstige Bedürfnislosigkeit“. </p>



<p>Selbstverleugnung, Unterdrückung von Kreativität, Fantasie und Genuss prägen die Mutter, die kein individuelles Leben führt, sondern den klischierten Frauentyp der Zeit kopiert. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie war also nichts geworden, konnte auch nichts mehr werden, das hatte man ihr nicht einmal vorauszusagen brauchen.</p></blockquote>



<p>Entwicklung ist unmöglich, Depression vorprogrammiert. Einen Ausweg aus der Gesellschaft der Eingeschlossen scheint es zu geben, aber am Ende erweist er sich als Illusion: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In dem Brief, der sonst nur Bestimmungen für ihre Bestattung enthielt, schrieb sie mir am Schluss, sie sei ganz ruhig und glücklich, endlich in Frieden einzuschlafen. Aber ich bin sicher, dass das nicht stimmt.</p></blockquote>



<p>Peter Handkes <em>Wunschloses Unglück</em>, eine Mischung aus autobiografischer Erzählung und poetologischem Essay, ist ein kleines großes Buch über innere Unfreiheit und über die Grenzen literarischen Schreibens. Es bietet Anlass, sich in dieser Zeit äußerer Unfreiheit auf innere Freiheit zu besinnen: auf Kreativität, Fantasie und Genuss.</p>





<p>Peter Handke<br><strong>Wunschloses Unglück</strong><br>Suhrkamp Verlag 2008 · 96 Seiten · 7 Euro<br>ISBN: 9783518397879</p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518397879&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading">Eine füksische Pause von Corona &amp; Co</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Ein Lektüretipp von <a href="https://tell-review.de/author/anselm-buehling/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anselm Bühling</a></h4>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783630876207&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="97678" data-permalink="https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/cover-saunders3/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Saunders3.jpg?fit=242%2C386&amp;ssl=1" data-orig-size="242,386" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Saunders3" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Saunders3.jpg?fit=242%2C386&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Saunders3.jpg?resize=242%2C386&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-97678" width="242" height="386" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Saunders3.jpg?w=242&amp;ssl=1 242w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Saunders3.jpg?resize=188%2C300&amp;ssl=1 188w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Saunders3.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w" sizes="auto, (max-width: 242px) 100vw, 242px" /></a></figure></div>



<p>Fuchs&nbsp;8 schreibt einen Brief an die Menschen. Er hat ihnen ihre „Musikwörter“ abgelauscht und ihre Sprache gelernt. Natürlich hapert es hier und da: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Weil ich bin ein Fuks! Und schreibe oder buchstabire deshalb nich perfekk. </p></blockquote>



<p>Aber jetzt muss er sich etwas von der Seele schreiben, denn er hat mit den Menschen schlimme Erfahrungen gemacht. Und das, obwohl sie doch ihrem Nachwuchs so schöne Gutenachtgeschichten erzählen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das machte mir ein gutes Gefühl, so als könnten Mänschen Libe fülen und zeigen. Mit anderen Worten, Hoffnung für di Zukunf von der gansen Erde!</p></blockquote>



<p>Diese kleine Geschichte von George Saunders, dem Autor des Romans<a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-ganz-und-gar-verrueckte-normalitaet-des-bardo/" target="_blank"><em> Lincoln im Bardo</em></a>, ist genau das Richtige für eine kleine Pause von Virus, Lockdown, Home-Office, Fernunterricht und den immergleichen vier Wänden. Sie spricht Erwachsene ebenso an wie Kinder, und sie eignet sich zum Alleinlesen genauso gut wie zum Vorlesen. Allein schon die Sprache ist eine Freude für sich: Der Übersetzer <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/author/frank-heibert/" target="_blank">Frank Heibert</a> hat für die deutsche Fassung ein „Füksisch“ gefunden, das vom ersten bis zum letzten Satz einleuchtet; es amüsiert, rührt an und wirkt niemals angestrengt oder gewollt. Und die Zeichnerin Chelsea Cardinal sorgt mit leichten Linien in Rot und Schwarz dafür, dass wir die Welt aus der Sicht von Fuchs&nbsp;8 nicht nur lesen und hören, sondern auch sehen können.</p>





<p>George Saunders<br><strong>Fuchs 8</strong><br>Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert<br>Luchterhand Verlag 2019 · 56 Seiten · 12 Euro<br>ISBN: 9783630876207 <span><a style="vertical-align: text-bottom;" href="javascript:"><img decoding="async" identifier="9783630876207" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783630876207&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading">Genauigkeit und Seele</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Ein Lektüretipp von <a href="https://tell-review.de/author/agnese-franceschini/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Agnese Franceschini</a></h4>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783499267802&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="97679" data-permalink="https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/cover-musil/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Musil.jpg?fit=287%2C436&amp;ssl=1" data-orig-size="287,436" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Musil" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Musil.jpg?fit=287%2C436&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Musil.jpg?resize=215%2C327&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-97679" width="215" height="327" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Musil.jpg?w=287&amp;ssl=1 287w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Musil.jpg?resize=197%2C300&amp;ssl=1 197w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Musil.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w" sizes="auto, (max-width: 215px) 100vw, 215px" /></a></figure></div>



<p>Robert Musils <em>Der Mann ohne Eigenschaften</em> gehört zu den Büchern, über die alle reden, die aber nur wenige tatsächlich gelesen haben. Der österreichische Schriftsteller hat einen philosophischen Roman geschrieben, der uns mit Leichtigkeit und Ironie von den großen Themen unserer Zeit erzählt, von der Widersprüchlichkeit der Liebe bis zur Parodie der leibnizianischen „besten aller möglichen Welten“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>denn Gott macht die Welt und denkt dabei, es könnte ebenso gut anders sein.</p></blockquote>



<p>Die im Roman erzählte Geschichte ist einfach: Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, wird nach mehreren erfolglosen Versuchen, ein „bedeutender Mann zu werden“, von seinem Vater gedrängt, an der so genannten „Parallelaktion“ teilzunehmen – der Vorbereitung der Feierlichkeiten zum siebzigsten Regierungsjahr von Kaiser und König Franz Joseph I., die für 1918 geplant sind. Die Unternehmung soll parallel zur deutschen Aktion zum dreißigsten Jahr der Regentschaft Wilhelms II. laufen. Wir stehen am Vorabend des Ersten Weltkrieges, und die Parallelaktion wird nirgendwohin führen. Aber sie bietet Ulrich die Möglichkeit, sich mit philosophischen Fragen zum Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl auseinanderzusetzen, so schlägt er etwa vor, ein &#8222;Generalsekretariat der Genauigkeit und Seele&#8220; zu schaffen.</p>



<p>Robert Musil hat dieses Buch vor hundert Jahren geschrieben, doch sein Bild des modernen Menschen, gezeichnet mit Präzision und einer dichten, zugleich leichtgewichtigen Sprache, ist prophetisch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Mann entstanden, von Erlebnissen ohne den, der sie erlebt, und es sieht beinahe aus, als ob im Idealfall der Mensch überhaupt nichts mehr privat erleben werde und die freundliche Schwere der persönlichen Verantwortung sich in ein Formelsystem von möglichen Bedeutungen auflösen solle. Wahrscheinlich ist die Auflösung des anthropozentrischen Verhaltens, das den Menschen so lange Zeit für den Mittelpunkt des Weltalls gehalten hat, aber nun schon seit Jahrhunderten im Schwinden ist, endlich beim Ich selbst angelangt, denn der Glaube, am Erleben sei das wichtigste, dass man es erlebe, und am Tun, dass man es tue, fängt an, den meisten Menschen als eine Naivität zu erscheinen.</p></blockquote>





<p>Robert Musil<br><strong>Der Mann ohne Eigenschaften</strong><br>Roman<br>Rowohlt Taschenbuch · 1041 Seiten · 16 Euro<br>ISBN: 9783499267802</p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783499267802&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<hr class="wp-block-separator"/>



<h2 class="wp-block-heading">Gesellschaftsspiel des Fragens</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Ein Lektüretipp von <a href="https://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Sieglinde Geisel</a></h4>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518470084&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="97680" data-permalink="https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/cover-frisch/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Frisch.jpg?fit=221%2C346&amp;ssl=1" data-orig-size="221,346" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Frisch" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Frisch.jpg?fit=221%2C346&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Frisch.jpg?resize=221%2C346&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-97680" width="221" height="346" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Frisch.jpg?w=221&amp;ssl=1 221w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Frisch.jpg?resize=192%2C300&amp;ssl=1 192w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/Cover-Frisch.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w" sizes="auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px" /></a></figure></div>



<p>In seinem <em>Tagebuch 1966-1971</em> hat Max Frisch die Form des literarischen Fragebogens erfunden. Es seien „hinterhältige Fragen“, nicht unbedingt dazu gedacht, beantwortet zu werden: „Meine Absicht war es nur, auf sie aufmerksam zu machen.“</p>



<p>Die elf Fragebogen erschienen 1992 postum erstmals als Sammelband und sind seither ein philosophischer Longseller. Im vergangenen Jahr hat der Suhrkamp Verlag eine Neuausgabe herausgebracht, ergänzt um drei Fragebogen aus dem Nachlass zu Moral, Alkohol und Technologie.</p>



<p>Der Lockdown offenbart das interaktive Potenzial dieser Fragebogen. Mit seinen Fragen schlägt Max Frisch Schneisen ins Denken, deshalb eignen sie sich als (streckenweise abgründiges) Gesellschaftsspiel im trauten Heim.</p>



<p>Manche Fragen gewinnen im Lockdown eine neue Bedeutung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8211; Wissen Sie, was Sie brauchen?</p><p>&#8211; Was erhoffen Sie sich vom Reisen?</p><p>&#8211; Wie viele Freunde haben Sie derzeit?</p></blockquote>



<p>Andere Fragen führen auf dünnes Eis:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8211; Wem wären Sie lieber nie begegnet?</p><p>&#8211; Wie stellen Sie sich Armut vor?</p></blockquote>



<p>Manche sind visionär, so lässt sich dieses Fragepaar aus dem Jahr 1966 heute nur noch im Hinblick auf den Klimawandel lesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sind Sie sicher, dass die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, Sie wirklich interessiert?<br>Und wenn ja: warum handeln Sie nicht anders als bisher?</p></blockquote>



<p>Im Jahr 1987 schrieb Max Frisch für die Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Berlin noch einen letzten Fragebogen, zum Thema Technologie. Darin findet sich diese Überlegung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Saurier überlebten 250 Millionen Jahre; wie stellen Sie sich ein Wirtschaftswachstum über 250 Millionen Jahre vor?</p></blockquote>



<p>In vielen seiner Fragen war Max Frisch seiner Zeit weit voraus. Umso irritierender ist es, dass er kein Bewusstsein für das hatte, was man heute Gender nennt. Frauen sind bei seinem „Sie“ nicht mitgemeint.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Tun Ihnen die Frauen leid?</p></blockquote>



<p>Diese Frage könnte man, mit viel gutem Willen und etwas Fantasie, notfalls auch als Frau beantworten. Bei den sonstigen Fragen zum Thema Ehe und Vatersein sind die Männer definitiv unter sich.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8211; Möchten Sie eine reiche Frau?</p><p>&#8211; Sind Sie stolz darauf, Vater zu sein?</p></blockquote>



<p>Selbst Fragen, die auf klassische #Metoo-Szenarien abzielen, formuliert Frisch aus der Sicht des Patriarchen, so etwa hier im Fragebogen zum Thema Alkohol:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was genießen Sie unter Alkohol besonders:<br>(&#8230;)<br>dass Sie jede Frau anzufassen wagen, auch<br>wenn sie es widerlich findet, wenn sie ihren<br>Ekel zeigt?</p></blockquote>



<p>Die Herren Tobias Amslinger und Thomas Strässle schaffen es in ihrem Nachwort übrigens, diese groteske Genderproblematik mit keinem Wort zu erwähnen.</p>



<p>Unter Lockdown-Bedingungen ist das nicht weiter schlimm: Es liefert Gesprächsstoff für die nächste Runde.</p>





<p>Max Frisch<br><strong>Fragebogen</strong><br>Suhrkamp Verlag 2019 · 127 Seiten · 10 Euro<br>ISBN: 9783518470084 <span><a style="vertical-align: text-bottom;" href="javascript:"><img decoding="async" identifier="9783518470084" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518470084&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://pixabay.com/de/users/Wokandapix-614097/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2782140">Wokandapix</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2782140">Pixabay</a><br>Buchcover: Verlage</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/lektuere-fuer-coronazeiten/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97663</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Warum man es in der Intensivmedizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat</title>
		<link>https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/</link>
					<comments>https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Apr 2020 08:29:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97537</guid>

					<description><![CDATA[In den aktuellen Debatten zur Coronavirus-Pandemie wird die medizinische Wirklichkeit oft grob vereinfacht, etwa wenn es um Patienten mit Vorerkrankungen geht. Ein Arzt erklärt, wie in der Intensivmedizin Entscheidungen getroffen werden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Der tell-Mitarbeiter <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap">Die aktuelle Lage der Pandemie erinnert mich an eine „drȏle de guerre“, einen Sitzkrieg. Man wartet auf die von vielen Modellen vorhergesagte und in Deutschland noch nicht eingetroffene Apokalypse und vertreibt sich die Zeit mit Planspielen und Gedankenexperimenten. </p>



<p>Wie viele Patienten werden schwer betroffen sein? Wie viele von ihnen werden sterben, wie viele überleben? Welche Rolle spielen die Ressourcen des Gesundheitswesens in diesen Planspielen, welche das Klima? Hat das Virus vielleicht doch saisonale Spitzen und wird sich die Lage im Sommer entspannen?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Trolley-Problem</h3>



<p>Ich höre und lese viele Meinungen zu Covid-19. Als Intensivmediziner habe ich dabei nicht selten den Eindruck, dass Lautstärke und Fachwissen sich umgekehrt proportional verhalten. Das gilt besonders, wenn der berühmte Trolley über die Intensivstationen rumpelt.</p>



<p>Das Trolley-Problem ist ein philosophisches <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem">Gedankenexperiment</a>, in dem ein Weichensteller die ungebremste Fahrt einer Straßenbahn (englisch: <em>trolley</em>) in eine fünfköpfige Menschenmenge verhindern kann, indem er die Weiche stellt – freilich um den Preis, dass der Straßenbahnwagen nun einen einzelnen Menschen überrollt, der auf dem Nebengleis steht. Fünf Menschenleben gegen eines, da scheint die Entscheidung nicht schwer zu fallen. Allerdings nimmt bei dem Unglück mit den fünf potenziellen Opfern das Schicksal seinen Lauf von selbst, während der Wagen im anderen Fall, mit dem einen Opfer auf dem Nebengleis, aktiv umgelenkt wird. Doch wer wollte diese Entscheidung fällen, wer die Weiche betätigen?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Grauzonen der Medizin</h3>



<p>Manche glauben nun, das Trolley-Problem sei eins zu eins auf die Situation auf Intensivstationen in der Covid-19-Pandemie übertragbar. Die Wörter Triage und Selektion fallen in moralisch aufgewühlten Diskussionen. In Norditalien, in Spanien ist dieses Dilemma Realität. Oder etwa nicht?</p>



<p>Wenn die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht ausreichen, kommt es in der Tat zu diesem Dilemma. Doch ist dieses keineswegs so statisch und berechenbar, wie es das Gedankenexperiment nahezulegen scheint. Denn die moderne Medizin hat Wirklichkeiten und Grauzonen geschaffen, die das Trolley-Konstrukt nicht einmal annähernd beschreibt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Brücke oder Planke?</h3>



<p>Ich möchte dies mit einem anderen Bild anschaulich machen. Intensivmedizin besteht darin, einem Patienten eine Brücke über einen reißenden Fluss zu bauen, den er allein nicht überqueren kann. Idealerweise geht sein Weg am anderen Ufer dann so weiter wie bisher. Bestünde die Intensivmedizin ausschließlich aus solchen Idealfällen, ließe sich das Trolley-Experiment in der Tat auf das Dilemma der Krankenhäuser bei fehlenden Kapazitäten anwenden: Als Arzt müsste ich dann die Rolle des Richters über Leben und Tod übernehmen.</p>



<p>Aber die Wirklichkeit der High-Tech-Medizin sieht anders aus, und das ist hier entscheidend. Denn nicht selten baut man dem Patienten keine Brücke, sondern verlängert nur die Planke, von der er, nach qualvoller Therapie, dann doch in diesem Fluss versinkt. Manchmal weiß man von vornherein, dass es so enden wird. Manchmal aber fängt man in guter Hoffnung die Therapie an und muss dann feststellen, dass die Brücke doch nur eine Planke ist. Auf halbem Weg zeigt sich: Es war vergebens.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle von Vorerkrankungen</h3>



<p>Deswegen finden auf Intensivstationen regelmäßig Re-Evaluationen statt: Ist unser Ziel realistisch, ist unsere Therapie sinnvoll oder verlängern wir nur Leiden? Bei solchen Überlegungen spielen die nun angesichts der Coronavirus-Krise vielzitierten „Vorerkrankungen“ eine zentrale Rolle, denn von ihnen hängt es oft ab, ob ein Patient eine akute schwere Erkrankung mit Hilfe der Intensivmedizin bewältigen kann oder nicht. </p>



<p>Wir Ärzte versuchen abzuschätzen, welche Ressourcen der Patient hat und welche Vorerkrankungen ihn zusätzlich belasten. In den aktuellen Debatten um Covid-19 meinen manche in vorschneller Empörung, es sei verwerflich, diese Vorerkrankungen in die Überlegungen und in die Gespräche mit den Patienten (häufig ist das nicht mehr möglich) und den Angehörigen mit einzubeziehen. Doch das ist keineswegs verwerflich, es ist sogar geboten: Ein Intensivmediziner, der seine prognostischen Überlegungen ohne das Einbeziehen von Vorerkrankungen anstellt, begeht einen schweren Fehler.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Im Einklang mit dem Patienten</h3>



<p>Und bei diesen Fragen hört die Komplexität der modernen Medizin noch lange nicht auf. Denn nicht selten erreichen die Patienten zwar das andere Ufer – doch davon, dass ihr Leben weitergeht wie zuvor, kann keine Rede sein. Oft leben sie mit schweren Beeinträchtigungen weiter, schlimmstenfalls als Dauerbeatmete in einem Beatmungsheim. Sie haben dann eine Kanüle im Hals, die direkt in die Luftröhre geht und an der das Beatmungsgerät angeschlossen ist. Es gibt Patienten, die das wollen – die Mehrheit möchte es nicht, und viele lehnen es bereits im Vorfeld mit einer Patientenverfügung ab.</p>



<p>Im Idealfall, den es in der Realität allerdings nur selten gibt, trifft man eine Therapieentscheidung im Einklang mit dem Patienten, den Angehörigen und auch mit sich selbst. Und das ist durchaus nicht immer die Entscheidung zur Maximaltherapie. Einer Patientin, die schon schwer lungenkrank ist, dazu herzkrank und dement, wird man nicht unbedingt eine Langzeitbeatmung empfehlen, sondern man wird vielmehr einen palliativmedizinischen Ansatz verfolgen. </p>



<p>Aber auch das ist in gewisser Weise noch ein selten eindeutiger Fall. In der Intensivmedizin trifft man Entscheidungen oft unter extremem Zeitdruck und ohne genaue Kenntnis über Vorsorgevollmachten oder Verfügungen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist ethisch korrekt?</h3>



<p>Wenn ich als Arzt nun eine Situation geschaffen habe, in der eine Patientin, die das nie wollte, dauerhaft beatmet werden muss – habe ich dann ethisch und medizinisch korrekt gehandelt? Oder ging es mir vor allem um die eigene juristische Absicherung? Denn wenn keine entsprechende Patientenverfügung vorliegt, droht einem Arzt möglicherweise der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung. Wobei im Fall einer Situation, die von vornherein kaum Hoffnung erlaubt, diese unterlassene Hilfeleistung womöglich die ethisch besser zu vertretende Handlung darstellt. Das ist ein echtes Dilemma, bei dem Ethik und Rechtsprechung in Widerspruch zu einander geraten können.</p>



<p>Die Covid-19-Lungenentzündung kann Kerngesunde und Menschen mit leichten Systemerkrankungen ebenso treffen wie Schwerkranke und Hochbetagte, die vielleicht vor Jahren schon ihren Wunsch bekundet haben, auf lebensverlängernde Maßnahmen im Fall einer schweren Erkrankung mit unsicherer Prognose zu verzichten. </p>



<p>All das ist im Einzelfall abzuwägen. Mit flächendeckenden „Kriterien“, wie sie nun für den Fall der Triage gefordert werden, sind solche Situationen nicht zu bewältigen.</p>



<p>Eines aber sollte klar geworden sein: Bei dieser durch die moderne Medizin geschaffenen, komplexen Wirklichkeit kommt der Trolley zum Stehen. Er kann diese Wirklichkeit nicht mehr abbilden – und sollte ins Museumsdepot rollen, wo er hingehört. Er setzt eindeutige Situationen voraus, die es in der medizinischen Wirklichkeit ganz einfach nicht gibt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Schockraum der Uni-Klinik Mannheim im Bereitschaftszustand, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schockraum_Uniklinik_MA.jpg" _blank"="" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia </a><br></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97537</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Safety first</title>
		<link>https://tell-review.de/safety-first/</link>
					<comments>https://tell-review.de/safety-first/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Mar 2020 08:26:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97352</guid>

					<description><![CDATA[Zur Eindämmung des Coronavirus werden weltweit drastische Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Politiker müssen aus der Situation heraus handeln. Eine Geschichte von Bertolt Brecht zeigt, welche Risiken das birgt und weshalb sie nicht zu vermeiden sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Der tell-Mitarbeiter <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap">Nun schließt Deutschland – Stand 15.03.2020, 18:00 – die Grenzen zu vier Nachbarstaaten. Die Grenze zu Polen und zu Tschechien haben die jeweiligen Länder ja selbst schon geschlossen. Damit ist Deutschland de facto ein abgeriegelter Nationalstaat. Das ist, zusammen mit der Schließung von Schulen, Sport- und Gaststätten auf kommunaler Ebene, der vorläufige Höhepunkt sich überstürzender staatlicher Maßnahmen, die die Pandemie durch das SARS-Cov-2 eindämmen sollen.</p>



<p>Was ist von solch drastischen Maßnahmen zu halten? Ist das durch epidemiologisch-infektiologische Erkenntnisse abgedeckt, oder liegt das jenseits einer rationalen Gesundheitspolitik? Dient dies mehr der Beruhigung der Bevölkerung als der Lösung des Problems? Es scheint zumindest so, dass die öffentliche Stimmung eher in die Richtung drastischer Maßnahmen geht als in deren Abwehr. Dies beeiflusst die Politiker, die solche Entscheidungen treffen müssen, durchaus, es gibt ein Getriebensein im schwierigen Prozess der Entscheidungsfindung. Jedenfalls beklagt dies die Medizinerin Ursula Nonnemacher, Gesundheitsministerin des Landes Brandenburg, in einer Rundfunkdiskussion des <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Inforadio rbb (opens in a new tab)" href="https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/forum/202003/15/419069.html" target="_blank">Inforadio rbb</a> vom 15. März 2020.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Panik und falscher Beschwichtigung</h3>



<p>Seuchen waren immer Auslöser von Angst und Schuldzuweisungen. In Zeiten, in denen man noch keinerlei Wissen über deren Ursachen hatte, während der Pestepidemie des Mittelalters etwa, ohnehin, doch mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlichen Erklärungen wurde die Sicht auf die Infektionskrankheiten keineswegs rationaler. Zwar wissen nun alle, dass Viren oder Bakterien die Auslöser sind. Dennoch sieht man vielerorts als Ursache das Eindringen des Fremden in die eigene Bevölkerung. </p>



<p>Demnach überträgt sich das Coronavirus in unserer globalen Welt nicht von Mensch zu Mensch: Zu Anfang hieß es, es „kommt aus China“, und Präsident Trump erklärt es schlicht als „foreign“. Aus anderen Ecken trudeln Verschwörungstheorien ein. George Soros soll hinter dem Virus stecken, sogar von einem vorsätzlich freigesetzten biologischen Kampfstoff ist die Rede.</p>



<p>In einer solchen Situation, die beständig zwischen Panik und falscher Beschwichtigung pendelt, müssen Politiker nun handeln. Da kann man nur verlieren. Wer Angehörige hat, die zu den Risikogruppen gehören, macht sich berechtigte Sorgen – diesen Menschen tut man mit Hysterievorwürfen Unrecht.</p>



<p>Egal, was man tut, immer wird es nach dem Ende der Seuche wohlfeile Urteile ex post geben – vor allem von denjenigen, die keine Verantwortung übernehmen mussten.</p>



<p>Aber man kann diese Situation auch als existenzielle Herausforderung sehen und sie annehmen. Alle wissen, dass Nichtstun fatal wäre. Die gespenstische Situation in Norditalien spricht für sich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Populisten warten</h3>



<p>Doch Handeln trägt immer auch die Möglichkeit des Irrtums, des Scheiterns in sich. Egal, wie gut die Politiker von den Virologen jetzt beraten werden – niemand kann den Verlauf der Pandemie abschätzen. Jede Entscheidung kann falsch sein. Das lehrt Bertolt Brechts Erzählung „Safety first“, die in der DDR unter dem Titel „Die Rache des Kapitän Mitchell“ verfilmt wurde. Mitchell ist Kapitän des Kreuzfahrtschiffs Astoria, das nach einer Kollision mit einem Fischkutter kurz vor Schottland leck schlägt. Im Navigationsraum kommt man, nach Begutachtung des Schadens, zum Schluss, dass das Schiff binnen einer Stunde sinken werde. Mitchell entscheidet sich für den Notruf SOS. Zwei Schiffe eilen herbei und nehmen die Passagiere auf. Mitchell bleibt mit der Mannschaft an Bord, doch wider Erwarten lässt sich das Schiff in den nächsten Hafen steuern. Dass es nicht gesunken ist, erweist sich für Mitchell als fatal: Weil er unnötigerweise SOS gerufen und damit hohe Kosten verursacht habe, wird er von seiner Reederei entlassen.</p>



<p>Genau so könnte es Politikern gehen, wenn die Pandemie überstanden ist und die Rechnung für das Saftey first-Denken präsentiert wird. Derzeit schweigen die Populisten. Gut möglich, dass sie auf diesen Moment warten, um dann mit Verspätung doch noch politisches Kapital aus der Katastrophe zu schlagen.</p>



<p>Trotzdem sind wir zum Handeln verdammt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Michel Serre: Die Pest in Marseille 1720. <br>Public Domain, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chevalier_Roze_%C3%A0_la_Tourette_-_1720.PNG" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Bertolt Brecht<br><strong>Die unwürdige Greisin und andere </strong>Geschichten<br>Zusammengestellt und mit Anmerkungen versehen von Wolfgang Jeske <br>Suhrkamp 2008 · 220 Seiten · 9 Euro<br>ISBN: 978-3-518-38246-2 </p>



<p>Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518382462&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel</p>





<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518382462&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="97353" data-permalink="https://tell-review.de/safety-first/attachment/38246/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?fit=1274%2C2092&amp;ssl=1" data-orig-size="1274,2092" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="38246" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?fit=627%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i2.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?fit=627%2C1030&amp;ssl=1" alt="" class="wp-image-97353" width="274" height="449" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?w=1274&amp;ssl=1 1274w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=627%2C1030&amp;ssl=1 627w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=768%2C1261&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=935%2C1536&amp;ssl=1 935w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=1247%2C2048&amp;ssl=1 1247w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=300%2C493&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 274px) 100vw, 274px" /></a></figure>





<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/safety-first/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97352</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
