<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Suchergebnisse für &#8222;coronavirus&#8220; &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/search/coronavirus/feed/rss2/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 09 Nov 2022 07:44:32 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Suchergebnisse für &#8222;coronavirus&#8220; &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Genesen, nicht geheilt</title>
		<link>https://tell-review.de/genesen-nicht-geheilt/</link>
					<comments>https://tell-review.de/genesen-nicht-geheilt/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Nov 2022 07:44:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[LongCovid]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=111910</guid>

					<description><![CDATA[Über LongCovid ist immer noch viel zu wenig bekannt. Manche führen psychische Ursachen ins Feld, andere leugnen die Krankheit ganz. Ein Arzt erklärt, warum die Ignoranz gegenüber LongCovid für die Gesellschaft fatal ist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt</a> (1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Long- oder Post-Covid scheint ein Thema zu sein, vor dem die Gesellschaft Angst hat. Anders lässt sich die Ignoranz zu diesem Thema kaum noch erklären. Es wird viel zu wenig geforscht, und im öffentlichen Bewusstsein ist die soziale Tragweite der Erkrankung noch längst nicht angelangt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar gibt es immer wieder Versuche, das Thema in die öffentliche Debatte zu bringen. So sprach etwa die von Long-Covid betroffene Journalistin Margarete Stokowski zusammen mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach auf der Bundespressekonferenz, sie warb dort als vierfach Geimpfte und dennoch schwer Betroffene für die Impfung. Und kürzlich lief in der ARD zur besten Sendezeit der Film <a href="https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/sendung/hirschhausen-und-long-covid-100.html">„Hirschhausen und Long Covid – Die Pandemie der Unbehandelten“</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Film von Eckart von Hirschhausen zog Kritik auf sich:&nbsp;Bemängelt wurde die einseitige Fokussierung auf die Apherese als vielversprechendes Heilmittel von Long-Covid (bei der Apherese wird mit einem der Dialyse ähnlichen Verfahren das Blut von schädlichen Eiweißen gereinigt). Carmen Scheibenbogen, klinische Immunologin an der Berliner Charité, tritt im Film als Expertin für Long-Covid und das chronische Fatigue-Syndom CFS/ME auf. Zum Endprodukt sagte sie jedoch: „Ich habe Bauchschmerzen mit diesem Film.“ Die Hoffnung auf Heilung habe einen Markt entstehen lassen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch ich habe nach eigenen Recherchen Zweifel an der allumfassenden Behauptung eines Therapieerfolges durch die Apherese. Sie mag im Einzelfall helfen – Mediziner sprechen dann von anekdotischen Erfolgen –, aber ein generalisiertes Heilsversprechen kann man daraus nicht ableiten. </p>



<h3 class="wp-block-heading">„LongCovid-Falscheria“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Oftmals wird die Not der verzweifelten Patienten ausgenutzt, doch davon hört man in von Hirschhausens Film nichts. Genau davor warnt dagegen die international anerkannte Expertin für Long Covid Jördis Frommhold in einem <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjJpv7D0u36AhUlYPEDHTzWBJEQFnoECBAQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.focus.de%2Fgesundheit%2Fcoronavirus%2Fexpertin-warnt-vor-long-covid-falscheria-notlage-der-betroffenen-wird-von-vielen-seiten-schamlos-ausgenutzt_id_166145357.html&amp;usg=AOvVaw10hFedR1ptDCcZM1ffsPbY">Interview</a> mit dem <em>Focus</em>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen ich […] gesehen habe, die nicht nur körperlich, sondern auch finanziell am Ende waren. Das ist eine richtige Long-Covid-Falscheria, die sich da inzwischen auftut. Die Notlage der Betroffenen wird inzwischen von vielen schamlos ausgenutzt.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Frommhold negiert nicht den Therapieerfolg von Einzelfällen. Doch Einzelfälle sind noch kein allgemeingültiges Therapiekonzept. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gesamte Problematik dieser experimentellen Therapieansätze schildert Jördis Frommhold bereits in ihrem Buch <em>LongCovid – die neue Volkskrankheit</em>. Sie kommt auch auf die mangelhafte Studienlage zur Apherese zu sprechen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Mir bleibt damit wieder nur der Apell, LongCovid-Patienten auch bei der Anwendung der Plasma-Pherese in Studien einzubeziehen, um belastbare – oder wie wir in der Medizin sagen: evidenzbasierte – Ergebnisse zu bekommen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Ergebnisse liegen bis heute nicht vor. Jördis Frommhold, seit Anfang Oktober 2022 Leiterin des Instituts Long Covid in Rostock, berichtet in ihrem Interview von Fällen, in denen der einzige Effekt der Therapie eine leer gesaugte Geldbörse auf der Patientenseite ist, eine gefüllte hingegen auf der Seite der Ärzte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">LongCovid – ein Chamäleon</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem Buch unterscheidet Jördis Frommhold PostCovid von LongCovid, sie zieht aber die Grenze anders als die offizielle Leitlinie der Schulmedizin. Die Leitlinie geht allein vom zeitlichen Verlauf aus: Bei einem Krankheitsverlauf von weniger als 12 Wochen spricht sie von Long-Covid, bei längerer Krankheitsdauer von Post-Covid. Jördis Frommhold dagegen definiert PostCovid als eine Erkrankung, die unmittelbar nach einem komplizierten Verlauf folgt. Dieser komplizierte Verlauf geht nicht selten mit einem Aufenthalt auf der Intensivstation einher, eventuell verbunden mit einer Langzeit-Beatmung. Damit hat diese Erkrankung große Ähnlichkeit mit den Problemen bei Patienten, die aus anderen Gründen einen Langzeitaufenthalt auf einer Intensivstation hinter sich haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Krankheit LongCovid tritt dagegen häufig nach Bagatellverläufen und einer scheinbar vollständigen Genesung auf, das klinische Bild ist merkwürdig komplex und lässt sich kaum in einem Begriff fassen. Jördis Frommhold nennt diese Erkrankung auch ein „Chamäleon“. Sie hat wenig mit den üblichen Problemen nach einem schweren Verlauf zu tun: LongCovid ist definitiv kein verlängertes PostCovid.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für LongCovid-Patienten gilt leider die Formel: „Genesen, nicht geheilt.“ Das uneinheitliche klinische Bild lässt den Schluss zu, dass es für die Symptome mehr als eine Ursache geben muss. Das „Chamäleon“ kann eine Herzschwäche verursachen. Oder aber Kurzatmigkeit. Daneben kann es zu einer Schwäche der Muskulatur und zu Muskelschmerzen kommen, die sich mit Schmerzmitteln kaum beeinflussen lassen. Ich selbst hatte schon Patienten mit all diesen Bildern. Diese Symptome können zu einem ausgeprägten Leistungsknick mit folgender Arbeitsunfähigkeit führen. Gerade die Kurzatmigkeit, die häufig mit einem krankhaft veränderten Atemmuster einhergeht, spricht allerdings sehr gut auf physio- und atemtherapeutische Ansätze an, während sich die Muskelschmerzen hingegen, medizinisch Myalgien genannt, mit Schmerzmitteln kaum beeinflussen lassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kognitive Störungen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Noch komplexer wird die Lage bei der von vielen Patienten beklagten Leistungsschwäche. Sie kann neben der Beteiligung des Herzmuskels weitere Ursachen haben. So verschaffen sich Corona-Viren über die Nase Zugang zum Gehirn, darauf verweisen die bekannten Geruchs- und Geschmacksstörungen. Im Gehirn wurden die Viren oder Virusfragmente in verschiedensten Regionen nachgewiesen, teilweise als Dauergast. Zu nennen sind der Hippocampus, die Hypophyse und der Thalamus. Diese Lokalisationen könnten die Gedächtnisschwäche ebenso erklären wie weitere kognitive Fehlleistungen, so etwa die von Jördis Frommhold anschaulich beschriebenen Wortfindungsstörungen. LongCovid-Patienten leiden nicht selten an Schlafstörungen, auch die Störungen des Schlaf-Wachrhythmus‘ lassen sich damit begründen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Nachweis von Virusfragmenten in der Hypophyse wiederum steht für den Befall des Hormonsystems gerade an jener Stelle, wo das endokrine System und das zentrale Nervensystem aufeinandertreffen. Hormonstörungen gehören in der Tat zu den Erscheinungsformen dieses „Chamäleons“. Ich selbst habe den Fall einer Hashimoto-Patientin gesehen, die nach einer Covid-Infektion wieder in die Überfunktion der Schilddrüse rutschte, nachdem sie zuvor jahrelang medikamentös gut eingestellt gewesen war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Parallelen zum Fatigue-Syndrom</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Fassen wir diese Symptome zusammen: Leistungsknick, schnelle Erschöpfbarkeit, chronische Müdigkeit, kognitive Störungen (Wortfindungsstörungen, Gedächtnisprobleme), Änderungen im Lebensrhythmus, Schlafstörungen. Herausragendes Symptom ist dabei die sogenannte post-exzeptionelle Malaise<em>. </em>Hiermit wird das Phänomen beschrieben, dass Betroffene nach einer Überanstrengung einen schweren Rückfall bezüglich der Leistungsfähigkeit erleiden, den „crash“. Nach einer Überanstrengung benötigen diese Patienten eine längere Zeit, um sich wieder zu erholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier wird zum Teil ein altbekanntes Muster erkennbar: Diese Symptome entsprechen weitgehend der Krankheit ME/CFS, dem Fatigue-Syndrom, früher auch chronische Müdigkeit genannt. Das ist deswegen interessant, weil ME/CFS, ebenso wie LongCovid, als Folge einer Virusinfektion gesehen wird, häufig mit dem Herpesvirus Epstein-Barr. Offenkundig sind überschießende Immunreaktionen hierbei ein wichtiger Faktor. Daher ist es plausibel, aus den Erkenntnissen über das ME/CFS auch auf LongCovid zu schließen. Umgekehrt könnte das aufkommende Thema LongCovid die Forschung zu ME/CFS befruchten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Encephalitis epidemica – ein Vorläufer?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Erkrankung aus der Medizingeschichte kommt mir dabei sofort in den Sinn. Vor hundert Jahren gab es das Phänomen der Encephalitis epidemica, die Europäische Schlafkrankheit: eine Folgeerkrankung einer akuten Infektion, in der viele Mediziner aufgrund der zeitlichen Nähe eine Folge der Spanischen Grippe sehen. Der Ausbruch der Encephalitis epidemica dauerte von 1915 bis1927, das würde in etwa mit der Dauer der Spanischen Grippe übereinstimmen. Allerdings konnte das damalige Influenzavirus H1N1 in den bis heute erhalten gebliebenen Gewebsblöcken Verstorbener nirgendwo nachgewiesen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der deutsche Neurologe Felix Stern (1884-1942) hatte diese rätselhafte Erkrankung seinerzeit am gründlichsten beforscht. Er kam zu Ergebnissen, die in entscheidenden Elementen eine frappierende Ähnlichkeit zu LongCovid zeigen. Zunächst lag auch damals zuerst eine akute Infektion vor, meist als Enzephalitis, also als Gehirnentzündung. Nach einem Akutstadium konnte es zu einer scheinbaren Heilung kommen, dann aber folgte bei einem Teil der Patienten das chronische Stadium. </p>



<div class="wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile"><figure class="wp-block-media-text__media"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="540" height="720" data-attachment-id="111937" data-permalink="https://tell-review.de/genesen-nicht-geheilt/felix-stern-1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?fit=540%2C720&amp;ssl=1" data-orig-size="540,720" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Felix-Stern-1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?fit=540%2C720&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=540%2C720&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-111937 size-full" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?w=540&amp;ssl=1 540w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 540px) 100vw, 540px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p class="wp-block-paragraph">In seinem Buch <em>Die Epidemische Encephalitis</em> von 1928 schildert Stern diese Erkrankung als „proteusartig“, also als äußerst variantenreich, das entspricht Jördis Frommholds  „Chamäleon“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Symptome benennt er Bewegungsstörungen, „gesteigerte Müdigkeit“, „gesteigerte, pseudoneurasthenische Erschöpfbarkeit“ (das würde man heute „brain fog“ nennen), Leistungsknick, Schlafstörungen, Muskelschmerzen sowie Atemstörungen, die er bereits als Störung des Atemmusters interpretiert.</p>
</div></div>



<h3 class="wp-block-heading">Keine psychologische Erklärung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Den Leistungsknick und die chronische Müdigkeit beschreibt Stern in seiner mit vielen Falldarstellungen gespickten Monografie exemplarisch am Beispiel eines Sattlers:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er gibt sich Mühe, seinen Arbeiten als Sattler nachzukommen, braucht aber 2 Tage zu Arbeiten, die er sonst in dreiviertel Tagen erledigte. Bei Überanstrengungen Kopfschmerzen und Erbrechen. </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Leistungsknick und die post-exzeptionelle Malaise<em>, </em>der<em> crash,</em> schimmern hier durch. Es fehle darüber hinaus, so Stern, „jedes hysterische seelische Symptom.“ Stern versagt sich jegliche „psychologische“ Erklärung der Symptome, er nennt es damals noch „seelisch“ und „hysterisch“. Hier sei die Ursache dieser „proteusartigen Erkrankung“ nicht zu finden. Häufig waren Menschen ohne jegliche, „hysterische Anamnese“ betroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders als bei der Grippe, mit ihrem aus dem scheinbaren Nichts kommenden steilen Anstieg der Fallzahlen und einem ebenso schnellen Abfall, erscheint der Verlauf hier als Welle mit Berg- und Tal-Charakter. Auch im Sommer geht die Welle nicht auf null, im Spätsommer beginnt sie sich wieder aufzubäumen und hält dann kurz inne, um im Spätwinter die höchsten Zahlen zu erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War der Neurologe Felix Stern schon einer Variante des chronischen Müdigkeitssyndroms auf der Spur? Träfe das zu, dann wäre LongCovid gar keine so neue Erkrankung, sondern möglicherweise eine neue Variante eines bereits beschriebenen Syndroms. Dafür spricht manches, so die Ähnlichkeit der Symptome. Es wäre durchaus denkbar, dass die Enzephalitis epidemica durch ein spezielles Corona-Virus verursacht worden sein könnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">LongCovid-Leugner von rechts</h3>



<p class="wp-block-paragraph">LongCovid ist eine Krankheit mit enormen sozialen Folgen. Jördis Frommhold sieht darin auch eine Herausforderung der Leistungsgesellschaft:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Viele unserer Patienten kommen aus sehr anspruchsvollen, kräftezehrenden und leistungsorientierten Lebensverhältnissen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade diese Leistungsorientierung ist bei der Therapie der chronischen Müdigkeit ein Problem. Jördis Frommhold empfiehlt hier ein „Auf-sich-Hören“. Die Aktivitäten sollen dem Ergebnis dieses Auf-sich-Hörens angepasst werden. Ihre Patienten lernen dies mit der Methode des „Pacing“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen weiteren Fokus setzt Frommhold auf die „gesellschaftliche Verarbeitung“ der Erkrankung LongCovid. Wie gehen wir mit der Erkrankung – und vor allen Dingen mit den Erkrankten – um? Bei dieser Frage erkenne ich eine Frontlinie im aktuellen Kulturkampf: Coronaleugner sind häufig auch LongCovid-Leugner resp. ME/CFS-Leugner. Es ist bemerkenswert, wie sich gegenwärtig auch bei medizinischen Fragen ein Umschlagen von rechts und links feststellen lässt. Früher war es modern, auf die psychischen Faktoren von Krankheiten hinzuweisen, ein Ansatz, der von konservativen Medizinern nicht selten als „linke Spinnerei“ abgetan wurde. Heute sind es dagegen die Reaktionären, die die Psychosomatik missbrauchen, um körperlich Erkrankten eine psychische Instabilität oder gar Hypochondrie zu unterstellen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Schwache Nerven“?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das wesentliche Moment dieser Leugnung besteht in der Unterstellung einer psychosomatischen Genese, demnach einer psychischen Störung. Krankheit sei Einstellungssache, so heißt es dann, sie könne durch bloße Willensanstrengung aus der Welt geschafft werden – eine Unterstellung, die leider auch von manchen Ärzten ausgeht. „Schwache Nerven“ hieß das einst, Fachausdruck Neurasthenie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit „schwachen Nerven“ jedoch hat LongCovid nichts zu tun. Sowohl Carmen Scheibenbogen, Leiterin der ME/CFS-Ambulanz der Charité, als auch Jördis Frommhold lehnen eine psychosomatische Erklärung für LongCovid entschieden ab. Schon Felix Stern hatte sich bei der chronischen Enzephalitis dagegen verwahrt, und auch Eckart von Hirschhausen geht in seinem Film nicht von einer psychischen Erkrankung aus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Spätfolgen der Pandemie lassen sich nicht leugnen. Sie werden uns noch lange beschäftigen, ob man das nun wahrhaben will oder nicht.</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Der in diesem Text erwähnte deutsche Neurologe Felix Stern wurde 1884 in Groß Glogau in Schlesien geboren. Er studierte in Berlin und Freiburg Humanmedizin, war dann in Kiel, Göttingen und zuletzt als Leiter der Neurologie im Versorgungswerk in Kassel tätig.<br>1933 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen, man entzog ihm die Venia Legendi. Er eröffnete in Berlin eine Privatpraxis. Am 30. August 1942 beging Prof. Dr. med. Felix Stern in Berlin-Halensee Selbstmord, da ihm die Deportation nach Auschwitz-Birkenau drohte.<br>Dieser Text soll auch an ihn erinnern.</p>


</div></div>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Romolo Tavani <br> Coronavirus in einer Arterie (3d-Rendering)</a> via Adobe Stock</a><br></h6>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Jördis Frommhold<br><strong>LongCovid – Die neue Volkskrankheit</strong><br>C. H. Beck 2022 · 176 Seiten · 14,95 Euro<br>ISBN: 978-3406783562<br></p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783406783562&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="302" height="499" data-attachment-id="111911" data-permalink="https://tell-review.de/genesen-nicht-geheilt/buch-cover-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Buch-Cover.jpg?fit=302%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="302,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buch-Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Buch-Cover.jpg?fit=302%2C499&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Buch-Cover.jpg?resize=302%2C499&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-111911" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Buch-Cover.jpg?w=302&amp;ssl=1 302w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Buch-Cover.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Buch-Cover.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Buch-Cover.jpg?resize=300%2C496&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 302px) 100vw, 302px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/genesen-nicht-geheilt/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>7</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">111910</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Briefe nach Patmos</title>
		<link>https://tell-review.de/briefe-nach-patmos/</link>
					<comments>https://tell-review.de/briefe-nach-patmos/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Mar 2021 08:42:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=101310</guid>

					<description><![CDATA[Wie umgehen mit den Zumutungen der Pandemie? Die Protagonistin von Thea Dorns Briefroman „Trost“ sieht sich als Heldin der Freiheit inmitten einer Gesellschaft, die sich vor Todesangst in eine blökende Herde verwandelt. Sie setzt auf das Pathos des Aufstands. Eine ziemlich trostlose Perspektive.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich fürchte mich jetzt schon vor den Dutzenden von Corona-Tagebüchern und Seuchenromanen, die demnächst erscheinen dürften.</p></blockquote>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">So Thea Dorn im Sommer 2020 in einem <a href="https://www.alternovum.de/thea-dorn-ueber-corona" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview</a>. Und schon ist ihr eigenes Pandemiebuch erschienen, schneller als alle anderen. Müssen wir uns nun auch davor fürchten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Ich bin eher verblüfft über diesen Bluff. „Eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen dieser Zeit“, so sekundiert Juli Zeh auf dem Umschlag. Sollen wir also diesen Briefroman nicht nur als Erzählung über das Erleben der Pandemie, sondern auch für bare Münze nehmen?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Einsames Sterben</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auch immer. Literarisch sieht Thea Dorns angebliche „Auseinandersetzung mit den großen Fragen dieser Zeit“ wie folgt aus: Johanna, eine Feuilleton-Redakteurin aus Berlin, verliert in der Pandemie ihre 84-jährige Mutter. Sie stirbt an Corona. Die alte Dame, die jahrzehntelang eine Schauspieler-Agentur leitete, hat sich in Italien infiziert, in das sie, furchtlos und freiheitsliebend, wie sie nun einmal war, trotz Reisewarnung gefahren ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Sterben ihrer Mutter erlebt Johanna als traumatisch, denn sie darf aus Seuchenschutzgründen nicht zu ihr. Johannas Mutter stirbt einen einsamen Tod, begleitet nur vom Geräusch des Beatmungsgerätes, die Leiche wird in einen schwarzen Seuchensack gepackt und dann verbrannt, auch der Ablauf der Beerdigung unterliegt dem Seuchenschutz.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Pandemie wegatmen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In diese Situation hinein erhält Johanna Post von ihrem alten Philosophielehrer Max, der, ohne Internet, auf der griechischen Insel Patmos sitzt. Von dort aus begleitet er Johannas apokalyptisches Erleben, und zwar indem er ihr Kunstpostkarten zuschickt, auf denen meist nur ein Fragesatz steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Postkarten fungieren als Stichwortgeber für Johannas Tiraden über die Pandemie. Soweit der dramaturgische Rahmen. Was Johanna dann, ausgelöst durch Max‘ Karten, schreibt, ist zunächst nicht uninteressant. Es ist, als würde sie die Pandemie mithilfe der klassischen Philosophie und Literatur wegatmen wollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Nähe zu den Querdenkern</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erinnert sich und Max an Sokrates‘ „geselligen Tod“, an Antigones tragisches Aufbegehren gegen eine staatliche Verordnung. Sie stellt sich Hamlets Frage aus dem 3.&nbsp;Akt, ob es edler sei, die Ungerechtigkeit zu ertragen oder dagegen zu revoltieren. Später kommt noch Max‘ Postkarten-Einwand: „Gibt es auch eine Bescheidenheit im Schmerz?“ Nach dem Bild einer Säulenhalle wird die Stoa ins Spiel gebracht: Johanna findet ihre alte Seneca-Ausgabe in der zweiten Regalreihe ganz oben und schreibt seitenlang und interessant über ihn. Das ist alles reflektiert und gut zu lesen, Thea Dorn erweist sich als Philosophin, die schreiben kann. Weiterhin betäubt Johanna ihren Schmerz mit Gin, was mitunter dazu führt, das im Text die Groß- und Kleinschreibung durcheinandergeht. Das ist alles soweit plausibel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch stutzt man immer wieder im Text. Neben aller Reflexion findet man Meinungen vertreten, die eine fatale Nähe zu den sogenannten Querdenkern haben, mitunter besteht der Abstand zwischen fundierter Reflexion und Querdenkermeinung nur aus einem Satz.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Zorn der Verzweifelten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Max stellt Johanna, nach ihrer ersten Tirade, die programmatische Frage dieses Buches.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bist Du bei Trost?</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Johanna erinnert sich darauf an die deutsche Redewendung „nicht bei Trost sein“. Jemand, der keinen Trost findet, ist auch in Gefahr, innerlich abzustürzen. Worauf Johanna zunächst antwortet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nicht die Gelassenheitsapostel, nicht die Unerschütterlichen, sondern die Verzweifelten, die Zornigen sind das Salz der Erde.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dem kann man ja zustimmen. Nur was, wenn der Zorn die Verzweifelten zu den Wutbürgern leitet? Über diese Gefahr verliert Johanna kein Wort. Sie denkt stattdessen über Trost als Aufgabe nach und zitiert Goethe:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Du kennst den Goethe-Satz, dass es Fälle gibt, <em>wo jeder Trost niederträchtig und Verzweiflung Pflicht </em>ist. Aus diesem Satz spricht der aufrechte Mensch. Spricht Faust. Spricht Prometheus.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Pflicht der Aufrechten kommt Johanna nun im Übermaß nach. Sie sieht sich, in Bezug auf das Sterben ihrer Mutter, als Antigone, die ihren Bruder Polyneikes gegen den Willen des Tyrannen begräbt und dafür zum Tod verurteilt wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch war es wirklich Tyrannenwillkür, die Johanna den Abschied von ihrer Mutter verboten hat? Liegt nicht gerade darin der Denkfehler der Querdenker? Wäre nicht spätestens hier der Zeitpunkt, um über das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit nachzudenken? Aber Johanna sieht in ihrer Untröstlichkeit nur sich selbst.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Arroganz der Skeptiker</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Max schickt ihr eine Postkarte mit einem Bild von Pietro Perugino, auf dem die Mutter Gottes neben dem pfeildurchbohrten Märtyrer Sebastian zu sehen ist. Dies provoziert Johanna zu folgendem Ausbruch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was willst Du mir mit Deinem Perugino sagen? Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden? Mit diesem Satz hält man, pardon, Lastesel bei Laune! Das brave Eselchen, das sein Leid so artig trägt, soll dann auch sein Trostzuckerchen bekommen. Ich will aber kein ruhiggestellter Lastesel sein!</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">An solchen Stellen kippt der Text. Das erinnert fatal an die Reden der Reichstagsstürmer vom vergangenen Jahr. Und es erinnert auch an Thea Dorns eigenen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/kultur/2020-04/sterben-coronavirus-krankheit-freiheit-triage" target="_blank">Zeit-Essay</a> aus der ersten Pandemiewelle. Da hilft es wenig, wenn sich Johanna an anderer Stelle von den Coronaleugnern demonstrativ distanziert, indem sie etwa schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>die Verschwörungsdeppen […] könnten einem Hieronymus-Bosch-Gemälde entsprungen sein.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Denn zu den Vokabeln, die Johanna den anderen anhängt, gehören wahlweise „Blockwart“, „arbeitsloser IM“ oder „Seuchenrittmeister“. Auch die Erkenntnis-Arroganz der Coronaskeptiker findet sich bei Johanna: Nur sie und ihresgleichen haben die Tragik der Pandemie erkannt. Sie beschreibt die blind gehorchende Gesellschaft mit folgenden Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir mutieren zur blökenden Herde, weil wir uns vor dem Tod zu Tode fürchten.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Allen Ernstes fragt sie Max:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was, wenn das unbeirrte Feiern der Freiheit, wie meine Mutter es getan hat – und ja, wie ich es mir in jener Nacht herausgenommen habe, […]&nbsp; was, wenn solche Feiern doch der Heroismus wären, den wir heute bräuchten, um die Freiheit zu retten?</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Heldenverehrung und Todessehnsucht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Johanna fällt in der Pandemie ausgerechnet Ernst Jünger ein und dessen „Verachtung für die Schönwettergesellschaft“. Ist der kollektive Wunsch der Gesellschaft, möglichst viele ihrer Mitglieder überleben zu lassen, Ausdruck einer Vollkasko-Mentalität, einer „Schönwettergesellschaft“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so geht es durch das ganze Buch. Auf Max‘ Kunstpostkarte mit Caravaggios Narziss antwortet Johanna:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Unsere ideellen Widerstandskräfte sind verkümmert, weil wir nur noch auf uns selber starren. Wer ewig an sich selbst genug hat, schwingt sich nicht ins Ideelle auf.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Wunschtraum ihrer Zeitgenossen urteilt sie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>die Sehnsucht hinter der Maschinenreligion: Tiere zu schaffen, die nichts mehr wollen, außer bei guter Gesundheit ewig vor sich hin zu konsumieren.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Als Lösung schlägt sie vor:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was wir brauchen, ist ein Aufstand. […] Ein Aufstand gegen die Technokratie. Gegen die Thanatophobie.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der gesellschaftlichen Dumpfheit erlöst uns das Pathos. Im Slogan „gegen die Thanatophobie“ steckt eine todessehnsüchtige Romantik. Einzig bestehen kann bei Johanna die Arbeit der Pflege und des medizinischen Personals:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie sind so heroisch, wie es Ärzte und Krankenschwestern und Pfleger je gewesen sind.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dieser Dichotomie beruht das gedankliche Grundmuster des Romans: Hier die „Aufrechten“, die „Wissenden“, die „Heroischen“, die sich gegen die gesellschaftlich verordnete Grabesruhe wehren und sich nicht mit billigem Trost abspeisen lassen; dort die „blökende Herde“, also die gut geölten Funktioniermaschinen, die den Tod fürchten und ihn deswegen ignorieren, die eselhaft mitmachen, was „die da oben“ verordnen, und in der Folge alles Geistige und Höhere, ja die Freiheit selbst platt trampeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Antiheld Sisyphos</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In <em>Trost</em> findet sich alles, was das Querdenkerherz begehrt. Wir gegen Die! Freiheit gegen Feigheit!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor einer Gesellschaft allerdings, die lernen soll, die menschliche Angst vor dem Tod zu besiegen, fürchte ich mich in der Tat. Eine Gesellschaft, die „heroisch“ mit dem Tod umgeht, wäre auch eine Gesellschaft, die aus idealistischen Gründen im Zweifelsfall tötet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was den Heroismus des Klinikpersonals angeht: Niemand, der in den Pandemiewellen am Krankenbett steht, definiert ihr oder sein Tun als „heroisch“, das kann ich aus meinem Umfeld als Arzt bestätigen. Ärzte und Pflegende sehen ihr Handeln als notwendig und zugleich als tragisch, weil wir fatale Entwicklungen nicht aufhalten konnten. Auch wir sind da untröstlich. Aber wir suchen keinen billigen Trost wie Johanna, die sich als Opfer der Pandemiemaßnahmen sieht und zugleich andere beschimpft. Sie ist&nbsp; in der Tat nicht mehr bei Trost. Welcher Teufel hat Thea Dorn bloß geritten, als sie ihre verzweifelte und untröstliche Johanna als Spätpubertierende enden ließ?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Figur, die in Johannas Parforceritt durch die Antike seltsamerweise fehlt, ist Sisyphos. Die Weltdeutung dieses Mythos kommt der Wirklichkeit der Pandemie sehr viel näher als der Gegensatz von Untertanengeist und Idealismus. Albert Camus‘ Sisyphos gehorcht niemandem in seinem absurden Tun. Er fühlt sich nicht als „heroisch“ und auch nicht als Opfer von irgendwelchen „Seuchenrittmeistern“. Aber er rollt seinen Stein. Jeden Tag aufs Neue, obwohl er weiß, dass sein Protest gegen das Absurde fast folgenlos verhallen wird. Man muss sich ihn – gemäß Camus – übrigens als glücklichen Menschen denken.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h6 class="has-text-align-right wp-block-heading">Beitragsbild: Schafherde in Griechenland. <br><a href="https://pixabay.com/de/users/atlantios-4957810/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2846127">Antonios Ntoumas</a> via <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2846127">Pixabay</a></h6>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"></div></div> <div class="su-row"></div><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"></div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Thea Dorn<br><strong>Trost</strong><br>Briefe an Max<br>Penguin Verlag 2021 · 176 Seiten · 16 Euro<br>ISBN: 978-3-328-60173-9 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" identifier="978-3-328-60173-9" identifiertype="2" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span><br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783328601739&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<figure class="wp-block-image size-medium"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783328601739&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="189" height="300" data-attachment-id="101334" data-permalink="https://tell-review.de/briefe-nach-patmos/trost-von-thea-dorn/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?fit=1394%2C2209&amp;ssl=1" data-orig-size="1394,2209" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Trost von Thea Dorn&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;(c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;Trost von Thea Dorn&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="" data-image-description="&lt;p&gt;Cover: Trost von Thea Dorn&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?fit=650%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=189%2C300&#038;ssl=1" alt="Cover: Trost von Thea Dorn" class="wp-image-101334" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=650%2C1030&amp;ssl=1 650w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=768%2C1217&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=969%2C1536&amp;ssl=1 969w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=1292%2C2048&amp;ssl=1 1292w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=1300%2C2060&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?resize=300%2C475&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/03/Dorn_TTrost_214437.jpg?w=1394&amp;ssl=1 1394w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a></figure>





<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/briefe-nach-patmos/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">101310</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Die Angst in der Pandemie</title>
		<link>https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/</link>
					<comments>https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Jan 2021 09:28:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=100480</guid>

					<description><![CDATA[Zu Beginn der Pandemie war die Einsicht in die Maßnahmen größer als in der zweiten Welle. Die Angst ist diffus geworden - ein Zustand, der die Populisten auf den Plan ruft.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter&nbsp;<a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a>&nbsp;ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a>&nbsp;(16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat&nbsp;</a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt&nbsp;</a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a>&nbsp;(22. Juli 2020)</li><li><a href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Pandemie grundiert nun schon lange das alltägliche Leben. Aus der akuten Bedrohung durch ein Virus ist im Verlauf eines Jahres ein chronischer Zustand geworden. Mit der Chronifizierung hat sich auch die Wahrnehmung dieser Pandemie verschoben: Am Beginn stand ein Schreck, den man fast als akute Todesangst beschreiben kann, und dieser Schreck förderte Solidarität und Einsicht in die Pandemie-Maßnahmen. Doch mit der Dauer der Pandemie hat sich die Angst verändert: Die andauernde Angst motiviert nicht, sondern sie lähmt und vergiftet die Gesellschaft. Dies umso mehr, als die Furcht vor dem Virus inzwischen für viele in ökonomische Existenzangst umgeschlagen ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Angst vor den Querdenkern</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor die Pandemie-Maßnahmen befürwortet: Die Einsicht bröckelt. Dass nicht die Maßnahmen die Ursache der ökonomischen Verwerfungen sind, sondern das Virus, ist vielen Menschen nicht bewusst: Ein ungebremstes Durchlaufen der Pandemie durch die Bevölkerung würde einen ökonomischen Schaden anrichten, der den Schaden des Lockdowns um ein Vielfaches übersteigen würde, von den zusätzlichen Toten ganz zu schweigen. In Schweden kann man die Folgen dieser Taktik sehen. Aber es scheint zunehmend schwieriger, mit dieser Argumentation durchzudringen. Die Angst ist stärker. Und die Populisten und ihr „Corona-Arm“ der Querdenker befeuern diese Angst mit allen Mitteln. Denn Angst ist das Benzin, das den Motor des Populismus antreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Folglich überrascht es nicht, dass dieses Klima der Angst auch die politischen Entscheidungsträger erreicht. Sie haben Angst vor falschen Entscheidungen (selbst wenn diese nur vermeintlich falsch sind), und sie müssen befürchten, von den Populisten am Ende der Pandemie die Rechnung präsentiert zu bekommen. Die Angst vor den Querdenkern schwingt bei den Verlautbarungen der Politiker immer mit: Wer nur einmal in seiner Prognose „falsch“ liegt, liefert damit einen „Beweis“ für die Inkompetenz der Eliten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Profiteure der Angst</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In keiner einzigen Sachfrage haben die Verharmloser der Pandemie die besseren Argumente, und doch bestimmen sie durch diese Angstkommunikation die Richtung. Denn im öffentlichen Diskurs geht es nicht um Argumente, sondern um das Auslösen starker Gefühle, und Angst ist im politischen Leben das wirkungsvollste Gefühl, vor allem wenn sie die ökonomische Existenz betrifft. Als Profiteure der Angst halten die Populisten diese Angst ständig am Köcheln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie geht man gegen diesen perfiden Mechanismus vor? Und was lief falsch, nachdem die öffentlichen Diskussionen am Beginn der Corona-Pandemie so gut funktionierten? Damals kamen die Populisten kaum zu Wort, sie konnten ja nichts Substantielles zur Problemlösung beitragen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gewöhnung ans Risiko</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, dass die zunehmenden Kommunikationsschwierigkeiten beim Fortschreiten der Pandemie gerade mit dem anfänglichen Erfolg der Pandemie-Kommunikation zu tun haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die beiden Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino, die ich im <a href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/">vorherigen Corona-Beitrag</a> bereits zitiert habe, sagten am 24.12.2020 in einem <a href="https://taz.de/Risikoethiker-ueber-Triage-in-Pandemie/!5735983/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview mit der taz</a>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Philosoph David Hume hat schon im 18. Jahrhundert den psychologischen Mechanismus analysiert: Wir reagieren auf Gefahren anfangs sehr alarmiert, vernachlässigen diese Risiken mit zunehmender Gewöhnung aber wieder. So hat auch bei uns die Pandemie im Laufe der ersten Welle eine starke Alarmbereitschaft hervorgerufen, die aber offensichtlich nicht einmal bis zum gegenwärtigen Herbst und Winter angehalten hat.<br>Hätten wir uns weniger von psychologischen Effekten leiten lassen, sondern vernünftig agiert, dann hätten wir uns stärker auf die wissenschaftliche Evidenz bezogen und dadurch die zweite Welle vorhersehen und besser abwenden können.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Lähmung und Abwehr</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Mukerji/Mannino sehen also den offenkundigen Widerspruch zwischen den ersten Kommunikations-Erfolgen zu Beginn der Pandemie einerseits, als große Einschnitte in die persönliche Freiheit willig hingenommen wurden – und andererseits der zähen, beinahe kleinlichen Herumdiskutiererei um jede Maßnahme, die man am Beginn der zweiten Welle beobachten konnte.&nbsp; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mobilisation der Gegenöffentlichkeit durch die Querdenker hat die akute Angst in eine chronische verwandelt, und so verwandelten sich Einsicht und Motivation in Gleichgültigkeit, Lähmung oder gar aggressive Abwehr. Dieser veränderten gesellschaftlichen Konstellation musste auch die Politik ihren Tribut zollen. Die zögerlichen und halbherzigen Maßnahmen zu Beginn der zweiten Welle sind so zu erklären.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich spielen hier auch die Erfahrungen während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 mit hinein: Auch damals ließen sich die Verantwortlichen zunächst von Einsicht und humanen Aspekten leiten – und erlebten dann den Aufstieg einer Partei, die gnadenlos gegen Migranten hetzte, indem sie Existenzängste auf die Flüchtlinge umlenkte. Wenn man sieht, wie schwer es heute ist, trotz der <a href="https://tell-review.de/unser-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit/">unwürdigen Zustände</a> in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln humanes Handeln zu erwirken, dann ahnt man, wie tief die Angst bereits im politischen Getriebe hockt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieselbe diffuse, chronifizierte Angst verhindert nun entschlossenes Handeln gegen die Pandemie.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Selbstporträt)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>23</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">100480</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</title>
		<link>https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/</link>
					<comments>https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Sep 2020 06:55:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=98895</guid>

					<description><![CDATA[Die Coronadiskussionen sind in eine neue Phase eingetreten. Welche Einwände gegen die Maßnahmen sind gerechtfertigt, welche nicht? Was unterscheidet Individual- von Sozialmedizin? Und welche Skepsis ist ernstzunehmen? Ein weiterer Kommentar aus Sicht eines Arzts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Wie zu erwarten war, ist in der Coronadiskussion die Rechthaberei eingetrudelt, das Immerschongewussthaben. Es ist einerseits die Stunde der Verschwörungstheoretiker, die mit Vorstellungen hausieren gehen, wie man sie eigentlich auf einer geschlossenen psychiatrischen Station erwarten würde. Andererseits kommen nun die wohlmeinenden Erklärbären, die von hoher Warte aus jeden, der an einer noch so unbedeutenden Maßnahme gegen die COVID-Pandemie zweifelt, als Corona-Leugner labelt, zum „Covidioten“ erklärt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Risikoabschätzung in Echtzeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich will im Folgenden versuchen, ein paar dieser Diskussionsstränge zu entwirren, wobei ich den Shutdown im Frühjahr nach wie vor für richtig halte. Und gleich vorweg: Zwar gibt es vereinzelt berechtigte kritische Fragen über die Maßnahmen gegen SARS-Cov2. In der Breite aber handelt es sich m. E. doch um eine Diskussion, die das Niveau der Sandkiste nur knapp überschreitet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn sie verkennt, dass man einer akuten pandemischen Bedrohung nicht mit zuvor sauber evaluierten Maßnahmen begegnen kann, sondern nur mit Hilfe einer Risikoabschätzung, die überdies in Echtzeit stattzufinden hat. Diese Abschätzung erinnert an die Fermikalkulation: eine grobe Überschlagsrechnung auf der Grundlage nur weniger Daten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Strategien gegen das Virus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang des Jahres ging man von fünf- bis sechsstelligen Todesraten aus, sollte man das Virus ungebremst durch die Bevölkerung laufen lassen. Das empfand damals wie heute eine Mehrheit als inakzeptabel. Daher wurden im März 2020 die allgemeinen Pandemiepläne, die es gab, hochgefahren. Diese Pläne waren selbstredend ohne Wissen über dieses spezielle Virus erstellt. Diese Problematik habe ich bereits im März in meinem Artikel <a href="https://tell-review.de/safety-first/">„Safety first“</a> diskutiert, und ich sehe nach wie vor kein vernünftiges Gegenargument. Genau diese Position vertreten auch Nikil Mukerji und Adriano Mannino in ihrem verdienstvollen Reclambändchen <a href="https://www.reclam.de/detail/978-3-15-014053-6/Mukerji__Nikil__Mannino__Adriano/Covid_19__Was_in_der_Krise_zaehlt__Ueber_Philosophie_in_Echtzeit"><em>Covid-19: Was in der Krise zählt</em></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Alternative wäre eine Strategie speziell gegen das Virus gewesen. Hierzu hätte man im Idealfall zwei Strategieansätze gegeneinander getestet: Man hätte in zwei Ländern, die miteinander vergleichbar sind, unterschiedliche Strategien ausprobiert und die Ergebnisse gemessen. Dies wäre etwa mit dem norwegischen und dem schwedischen Vorgehen möglich gewesen. Das freilich ist ein retrospektiver Ansatz, der erst in ein bis zwei Jahren fruchtbar werden kann. Einen prospektiven Ansatz hingegen, der im März innerhalb kürzester Zeit zu validen Ergebnissen und guten Handlungsempfehlungen hätte führen können, sehe ich nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Einwände gegen den Shutdown</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Infolgedessen sind die kritischen Anmerkungen über den Shutdown, über die nachzudenken sich lohnt, dünner gesät, als die Empörung in den sozialen Medien vermuten lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Folgende gehören aber unbedingt dazu: Das Verbot, schwerst- und todkranke Angehörige zu besuchen, hat viel Bitterkeit hervorgerufen. Dafür gibt es schon fast keine Entschuldigung mehr, zumal der epidemiologische „Gewinn“ offenbar gering gewesen ist. Einzig den Mangel an Schutzkleidung, kann man gelten lassen – was wiederum zu der Frage führt, wie ein derartiger Mangel eigentlich hat entstehen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Einwand, durch den Shutdown hätten viele schwer Erkrankte keine Rettungsstellen aufgesucht und seien deswegen zu Schaden gekommen, ist wichtig. Freilich hätte ein ungebremstes Durchlaufen der Infektion eine Überlastung des Gesundheitssystems bedeutet, daher ist die Vermutung plausibel, dass dann auch andere Notfälle schlechter hätten versorgt werden können, allein schon aufgrund der Kapazitätsgrenze.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Individualmedizin versus Epidemiologie</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Anderes hingegen war unsinnig (mein persönlicher Spitzenreiter der absurden Maßnahmen ist das Leseverbot auf der Parkbank), und die unterschiedliche Maskenstrategie der einzelnen Bundesländer geht ins Groteske. Meine Liste der vernünftigen Einwände ist unvollständig. Wie immer man solche Einwände abschließend bewertet: Menschen, die auf diese Zusammenhänge aufmerksam machen, dürfen nicht als Covidioten abgestempelt werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits muss es auch erlaubt sein, auf einen grundlegenden Denkfehler solcher Einwände hinzuweisen. Der Denkfehler besteht in einer Verwechslung von Individual- und Sozialmedizin. Der Arzt betrachtet nur den Erkrankten. Selbst wenn der Weltuntergang droht, hat sich ein Arzt um den vor ihm sitzenden Patienten und dessen Leiden zu kümmern und um sonst nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Epidemiologe hingegen will nicht primär dem Einzelnen helfen, sondern den Untergang einer Stadt, eines Landes, der Welt verhindern. Das kann dazu führen, dass seine Maßnahmen den Forderungen der individuellen Krankenversorgung diametral entgegenstehen, wie es etwa bei den Kontaktsperren der Fall war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Pest an Bord?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Stellen wir uns, als plakatives Beispiel, einen Hafenarzt vor. Dieser Arzt hat bei einem einlaufenden Schiff den Verdacht, die Pest sei an Bord. Folgerichtig lässt er die Quarantäneflagge hissen und verhängt eine Ausgangssperre. Nun erweist sich nach zwanzig Tagen, dass der Verdacht sich nicht bestätigt, die Angst also unbegründet war. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat der Hafenarzt nun einen Fehler gemacht oder nicht? Viele würden die Frage individualmedizinisch mit „Ja“ beantworten, denn es war eine Fehldiagnose und demzufolge auch eine Fehlprognose. Aber die korrekte Antwort lautet natürlich „Nein“. Der Hafenarzt hat keinen Fehler gemacht, auch wenn sich seine Vermutung nicht bestätigt hat. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Epidemiologisch gesehen, musste er so handeln, und zwar unter dem Aspekt der Risikoevaluation, den man auch bei Mukerji und Mannino beschrieben findet. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass der Verdacht auf eine Pest an Bord zutrifft, so ist doch im positiven Fall die Gefahr für eine Millionenstadt viel zu groß, als dass man selbst ein geringes Risiko hätte eingehen dürfen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Individuell gesehen, kann man solche geringen Risiken mit jedem Patienten besprechen, der mündige Patient kann frei wählen, ob er es eingehen möchte. Epidemiologisch betrachtet, geht das nicht. Mehrere Hunderttausend Tote könnten die Folge einer Fehlentscheidung sein. Wer will dafür die Verantwortung übernehmen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Folglich muss die Höhe eines Risikos mit der Größe des <em>worst case</em> „verrechnet“ werden. Je schlimmer der <em>worst case</em>, desto eher ist zu handeln, auch bei statistisch nur geringem Risiko. Deswegen hätte der Hafenarzt sogar dann „recht“ gehabt, wenn zwar keine Pest an Bord gewesen, aber ein Matrose aus Verzweiflung in das haidurchseuchte Hafenbecken gesprungen wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist verständlich, dass diese epidemiologische Sicht auf die Dinge vielen zunächst nicht einleuchtet. Es ist ein Denken, das im Alltag so nicht vorkommt und den Alltag auch nicht abbildet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umso wichtiger sind diese Diskussionen. Noch einmal: Niemand ist ein Idiot, der/die das anders sieht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">An oder mit Corona?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt jedoch Einwände, bei denen ich weniger gnädig bin. Als Beispiel seien die unerträglichen Diskussionen über die Todesursache bei Corona-Infizierten genannt. In meinem Text <a href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/">„Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt“</a> habe ich mich bereits dazu geäußert, und auch hier hat sich meine Meinung nicht geändert. Jede schwere Vorerkrankung erhöht das Risiko, AN Corona zu sterben. Der geschwächte Körper hat keine Ressourcen mehr, mit der schweren Infektion fertig zu werden, das gilt nicht nur beim Coronavirus, sondern auch bei anderen Erkrankungen, zum Beispiel einer bakteriellen Lungenentzündung (Bronchopneumonie). Auch diese Erkrankung hat bei geschwächten Vorerkrankten ein leichteres Spiel als bei gesunden Menschen. Doch niemand kam bisher auf die Idee, die Bronchopneumonie als Todesursache in Zweifel zu ziehen und stattdessen zu sagen, der Patient sei ja nur „mit“, nicht „an“ der bakteriellen Lungenentzündung verstorben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angestoßen hatte diese Diskussion der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel durch die voreilige Bekanntmachung seiner Obduktionsergebnisse Inzwischen hat er sich von den waghalsigen Schlussfolgerungen distanziert, die seinen Untersuchungen folgten. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Pathologen hat am 20. August 2020 mit dieser <a href="https://www.pathologie.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles/corona/Pressemappe_PK_20.08.2020.pdf">Stellungnahme</a> solchen Diskussionen endgültig den Stecker gezogen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Verschwörungstheorien und die skeptische Apodiktik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Während all diese Einwände, Vorbehalte und Verwirrungen immerhin noch einen Bezug zur Wirklichkeit haben, ist über Verschwörungstheorien kein Wort zu verlieren. Mit Menschen, die glauben, die „Halbjüdin“ Angela Merkel habe, im Verein mit Bill Gates, ein Virus erschaffen, um den „großen Austausch“ zu verwirklichen, kann man nicht mehr reden. Denn sie geben ja in ihren Inhalten schon zu verstehen, dass sie gar nicht reden wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der Verschwörungstheorie gibt es eine weitere Strategie, bei der das Gespräch mit Corona-Skeptikern keinen Sinn mehr hat: die „skeptische Apodiktik“. Unter einer skeptischen Apodiktik verstehe ich eine Grundhaltung, die ihre apodiktische Kritik erkenntnistheoretisch verkleidet. „Ich frage ja nur“, „ich zweifele ja nur“, heißt es dann. Man darf fragen, man darf zweifeln. Aber die Skepsis funktioniert nur, wenn man sie auch auf die eigenen Positionen anwendet. Genau das tun viele Corona-Skeptiker nicht. Sie sehen die Skepsis als Beweis, im Sinn von: Ich bin skeptisch, also habe ich recht. Das bedeutet in der Konsequenz: Weil wir nicht endgültig beweisen können, dass Corona gefährlich ist, ist es harmlos. Dies jedoch widerspricht der Risikoevaluation angesichts des <em>worst case</em>: Weil wir nicht genau wissen können, wie gefährlich Corona ist, müssen wir den <em>worst case</em> annehmen und entsprechend handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Individuell mag sich jeder entscheiden, wie er will – und dann auch das Risiko tragen. Wenn es jedoch um uns alle geht, ist diese Sicht unerlaubt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: via Pixabay<a href="https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fcdn.pixabay.com%2Fphoto%2F2020%2F05%2F10%2F13%2F08%2Fcorona-5153949_1280.jpg&amp;imgrefurl=https%3A%2F%2Fpixabay.com%2Fde%2Fphotos%2Fcorona-covid-19-desinfektion-5153949%2F&amp;tbnid=iTv7ey3-AAhetM&amp;vet=12ahUKEwio1en-su3rAhVMO-wKHdrsAI0QMygTegUIARDnAQ..i&amp;docid=Qg4bvcju-GBoPM&amp;w=1280&amp;h=853&amp;q=Coronavirus%20shutdown&amp;hl=de&amp;client=firefox-b-d&amp;ved=2ahUKEwio1en-su3rAhVMO-wKHdrsAI0QMygTegUIARDnAQ" target="_blank" rel="noopener noreferrer"> Lizenz: CC0 Public Domain</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">98895</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Jenseits von Feuilleton und Stammtisch</title>
		<link>https://tell-review.de/jenseits-von-feuilleton-und-stammtisch/</link>
					<comments>https://tell-review.de/jenseits-von-feuilleton-und-stammtisch/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Sep 2020 05:45:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Blogs]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=98854</guid>

					<description><![CDATA[Literaturkritik Online lässt sich kaum unter einem Begriff fassen, so vielgestaltig sind die Äußerungen "rezensiver Texte". In einem Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur ging es auch um tell. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Universität Hildesheim ist mit dem Forschungsprojekt <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.uni-hildesheim.de/rezkultur/" target="_blank">Rez@Kultur </a>der Frage nachgegangen, „wie online bewertet wird&#8220;. Aus Anlass der Online-Tagung <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.uni-hildesheim.de/rezkultur/rezensiv/" target="_blank">„rezensiv“</a>, an der die Ergebnisse des Projekts vorgestellt wurden,  habe ich im Deutschlandfunk Kultur in der Sendung „Lesart“ ein <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/literaturkritik-im-netz-geschnatter-einer-lebendigen-szene.1270.de.html?dram:article_id=483955" target="_blank">Gespräch </a>über Literaturkritik im Netz geführt. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/literaturkritik-im-netz-geschnatter-einer-lebendigen-szene.1270.de.html?dram:article_id=483955"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="900" height="326" data-attachment-id="98859" data-permalink="https://tell-review.de/jenseits-von-feuilleton-und-stammtisch/bild-dlf-kultur/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?fit=1149%2C416&amp;ssl=1" data-orig-size="1149,416" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Bild-DLF-Kultur" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?fit=900%2C326&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?resize=900%2C326&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-98859" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?resize=1030%2C373&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?resize=300%2C109&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?resize=80%2C29&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?resize=768%2C278&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/09/Bild-DLF-Kultur.jpg?w=1149&amp;ssl=1 1149w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></a></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ging es auch um tell. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Immer noch gibt es die Gegenüberstellung von traditioneller Feuilleton-Kritik und dem, was im unregulierten Gelände des Internets so sein Wesen treibt. Sigrid Löffler hat auf Deutschlandfunk Kultur unlängst vom  <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/sigrid-loeffler-ueber-amateure-vs-profis-machen-blogger-die.1270.de.html?dram:article_id=480651" target="_blank">„elektronischen Stammtisch-Geschnatter“</a> gesprochen und, wie zu erwarten, heftigen Widerspruch aus der Bloggerszene erhalten, etwa von <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/entgegnung-auf-sigrid-loeffler-warum-blogger-die.1270.de.html?dram:article_id=480868" target="_blank">Simon Sahner</a> von <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.54books.de/" target="_blank">54books</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Freiraum für Texte zwischen den Stühlen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Online-Magazin tell ist in beiden „Welten“ zu Hause. Einerseits haben wir den Anspruch des klassischen Feuilletons und redigieren unsere Texte in einem manchmal aufwändigen Prozess. Andererseits gilt bei tell die Maxime: Jeder Kopf liest anders. tell versteht sich als Plattform für alle Leserinnen und Leser. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dieser hybriden Anlage ist in den letzten vier Jahren ein Freiraum für Texte entstanden, die im klassischen Feuilleton keinen Platz finden. An den digitalen Stammtisch jedoch gehören sie erst recht nicht. Es sind Texte, die sich intensiv mit einem Phänomen auseinandersetzen: Übersetzungskritik und Gedichtanalysen beispielsweise oder literaturkritische Tiefenbohrungen wie der <a href="https://tell-review.de/category/rubriken/page-99-test/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Page-99-Test</a>, die manchmal eine diskursive Eigendynamik entfalten (so zuletzt bei der <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/?s=Peter+Handke&amp;category_name=&amp;submit=Suche" target="_blank">Causa Handke</a>). </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der beschränkte Platz im Netz</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür, dass viele Texte auf tell nicht ins klassische Feuilleton passen, gibt es viele Gründe. Einer davon ist der Platz: Wenn man in die Tiefe geht, braucht man dafür Raum, das gilt für die Analyse einer Übersetzung ebenso wie für das Erzählen von Literaturgeschichte oder die Deutung eines Gedichts. Dass es im Internet keine Platzbeschränkung gibt, ist allerdings ein Mythos, denn der Platz ist sehr wohl beschränkt, allerdings auf der anderen Seite, nämlich dem Publikum. Deshalb gilt auf tell, dass ein Text sich seine Länge idealerweise durch Qualität und Substanz verdienen muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manches hat im Feuilleton keinen Platz, weil der sogenannte Aufhänger fehlt: Der Stoff ist zwar interessant, nur nicht gerade jetzt. tell erlaubt uns eine Flexibilität, die man bei den großen Medien nicht hat: Wir müssen ein Thema nicht in der Redaktionskonferenz „durchbringen“. Wir machen es einfach. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Was es nur auf tell gibt</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine spontane, willkürliche und absolut unvollständige Liste von genuinen tell-Texten könnte etwa so aussehen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Anselm Bühling: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/category/essay/schatztruhe/passagen-der-sowjetischen-literaturgeschichte/" target="_blank">Passagen </a>aus der sowjetischen Literaturgeschichte</li><li>Herwig Finkeldey: Texte zum <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/?s=coronavirus&amp;category_name=&amp;submit=Suche" target="_blank">Coronavirus</a></li><li>Hartmut Finkeldey: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/category/rubriken/vers-fuer-vers/" target="_blank">Vers für Vers</a></li><li>Johannes Spengler: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/category/essay/schatztruhe/die-hundertjaehrigen/" target="_blank">Die Hundertjährigen</a></li><li>Frank Heibert: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-literarische-stimme-und-der-satzbau/" target="_blank">Übersetzungskritik </a>(zu Hanya Yanagiharas <em>Ein wenig Leben</em>)</li><li>Sieglinde Geisel: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/peter-von-matt-im-gespraech-1/" target="_blank">Interview</a> mit Peter von Matt</li></ul>



<h3 class="wp-block-heading">Reichtum oder Lärm?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Feld der digitalen Literaturkritik ist so vielgestaltig, dass beim Hildesheimer Forschungsprojekt gar nicht mehr von Rezensionen gesprochen wird, sondern von „rezensiven Texten“. Dazu gehören Blogs und Online-Magazine ebenso wie Kommentare, Kundenrezensionen, Tweets, Facebook-Posts und Bilderstrecken auf Instagram. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Gibt es Kriterien, anhand derer man dieses unablässige digitale Reden über Literatur beurteilen könnte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht dieses: Es gibt Aussagen zur Literatur, die unsere Welt reicher machen und andere, die nur ihren Lärm vermehren. Das allerdings gilt im Hochfeuilleton genauso wie im digitalen Resonanzraum des Lesens. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Videostill aus dem Vortrag &#8222;Katzenpfote und Kaffeetasse &#8211; Fotos in Online-Rezensionen&#8220; von Karina Elm <a href="https://www.youtube.com/watch?time_continue=218&#038;v=S3On3r0ZLf0&#038;feature=emb_logo" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/jenseits-von-feuilleton-und-stammtisch/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>4</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">98854</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Das neue Chamäleon der Medizin</title>
		<link>https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/</link>
					<comments>https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Jul 2020 08:41:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=98500</guid>

					<description><![CDATA[Beengte Räume und ein geschwächtes Immunsystem fördern eine Infektion mit dem Coronavirus. Dies macht COVID-19 zu einer Krankheit der Armen. Das galt schon für die Tuberkulose - und es ist nicht die einzige Ähnlichkeit der beiden Krankheiten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)<br></li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Nach einigen Monaten Pandemieerfahrung kristallisieren sich Erkenntnisse heraus, die anfangs undenkbar schienen. Es sind sowohl Erkenntnisse über die Erkrankung selbst als auch über die Art und Weise, wie Gesellschaften mit dieser neuartigen Erfahrung umgehen.</p>



<div style="height:40px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Kein flottes &#8222;Wegimpfen&#8220;?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">COVID-19, wie die durch das Coronavirus hervorgerufene Krankheit medizinisch genannt wird, ist einerseits eine hochakute Erkrankung, andererseits ist sie ein chronisches Geschehen, das in praktisch allen Organsystemen stattfinden kann und oft eine verlängerte Rekonvaleszenz zur Folge hat. Möglicherweise wird sich auch die Rentenkasse mit ihr zu beschäftigen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immunologisch kann man keineswegs davon ausgehen, dass sich auf linearem Weg eine Herdenimmunität ausbilden wird oder dass man COVID-19 gar irgendwann flott „wegimpfen“ kann, wie es bei den Pocken oder Polio der Fall war. Offenbar besteht die Pathophysiologie dieser Erkrankung nicht nur in einem kurzen, heftigen Gefecht zwischen Virus und Wirt, der dieses Gefecht mit Hilfe spezifischer Antikörper im besten Fall für sich entscheidet. Es ist vielmehr eine zähe Angelegenheit, in der die sehr unterschiedlichen immunologischen Reaktionen der Patienten eine entscheidende Rolle spielen. Neben der Immunität durch spezifische Antikörper gibt es noch eine sogenannte T-Zell-vermittelte Immunität. Sie spielt eine große Rolle bei der Bekämpfung von Viren, die bereits in die Wirtszelle eingedrungen sind: Die verminderte Aktivität einer Untergruppe von T-Lymphozyten korreliert daher mit schweren Verläufen. Auch ist schon länger bekannt, dass die Blutgruppen einen großen Einfluss auf die immunologischen Reaktionen bei verschiedensten Infektionserkrankungen haben, etwa der Cholera oder der Tuberkulose. Das gilt offenbar auch für COVID-19.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fastfood statt Hunger</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bekanntlich hat der Lebensstil einen direkten Einfluss auf das Immunsystem. Adipositas, Diabetes und weitere Wohlstandskrankheiten unterdrücken es stark. Dieser „hyperalimentäre Lebensstil“, so der medizinische Fachausdruck für übermäßige Nahrungsaufnahme, ist auch eine Frage der Bildung. In Überflussgesellschaften neigen gerade die unteren sozialen Schichten dazu, zu viel zu essen: So ist in den westlichen Gesellschaften Armut nicht mehr von Hunger begleitet, sondern von kalorienhaltigem Fastfood.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die so unterschiedlichen immunologischen Reaktionen auf das Virus, deren Zusammenhänge wir im Einzelnen noch nicht genügend verstehen, dürften maßgeblich darüber entscheiden, ob die Erkrankung als kurze Erkältung oder als schwere und oft chronische Systemerkrankung verläuft. In jedem Fall aber zeigen sie, dass mitnichten „nur eine Grippe“ vorliegt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Tuberkulose und COVID-19</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliches kann man zum epidemiologischen Verlauf sagen. Keineswegs rast eine sich aufbäumende, dann saisonal abflauende Welle über die Erde, wie es bei der Influenza der Fall ist. Zwar scheint es eine saisonale Komponente zu geben. Dies kann jedoch auch mit der Tatsache zusammenhängen, dass Clusterausbrüche häufig durch Massenveranstaltungen in geschlossenen Räumen entstehen, und solche Veranstaltungen finden nun einmal im Winter häufiger statt, Ischgl sei hier als Beispiel genannt. Bei den Schlachthöfen begünstigen die beengten Wohnquartiere der Saisonarbeiter den Ausbruch, wobei hier die niedrigen Temperaturen zusätzlich eine Rolle spielen. Die massenhaften Ansteckungen in amerikanischen Gefängnissen zeigen ebenfalls einen Zusammenhang mit der räumlichen Enge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl der Lebensstil als auch die Wohnverhältnisse lenken den Fokus auf die soziale Lage: COVID-19 ist eine Erkrankung, die die unteren sozialen Schichten in besonderem Maß betrifft. Je ärmer ein Land und je größer die sozialen Unterschiede, desto höher sind die Erkrankungszahlen. Armut ist einer der größten Risikofaktoren, an COVID-19 zu erkranken.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine Krankheit der Armut</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl das medizinische als auch das soziale Muster von COVID-19 ähnelt damit in erstaunlich vielen Facetten einer anderen, seit Jahrtausenden bekannten Infektionserkrankung: Der Tuberkulose, die im 19.&nbsp;Jahrhundert unter dem Namen Schwindsucht auch als Krankheit der Dichter galt. Die hohe Inzidenz der Tuberkulose bei Dichtern wollte man mit dem Hang der Literaten zur Melancholie erklären, denn auch eine Depression unterdrückt das Immunsystem. In der Psychosomatik galt Tuberkulose lange als somatischer Ausdruck einer Depression, als sogenanntes Depressionsäquivalent. Ob sich für COVID-19 ähnliche Zusammenhänge nachweisen lassen, ist mir aktuell nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die anderen Übereinstimmungen sind aber erstaunlich genug. Die Tuberkulose wird zwar nicht durch ein Virus, sondern durch Bakterien ausgelöst, doch auch bei der Tuberkulose spielt, neben dem (übrigens sehr speziellen) Bakterium, im Krankheitsverlauf die individuelle immunologische Disposition eine entscheidende Rolle. Wie bei COVID-19 ist die Tuberkulose eine Erkrankung der Armut, eine Seuche der Slums. Daher überrascht es nicht, dass sie in den letzten Jahren des Öfteren bei Geflüchteten nachgewiesen wurde. Auch die Tuberkulose befällt die unterschiedlichsten Organsysteme, so dass man sie das „Chamäleon der Medizin“ genannt hat. Nach den bisherigen medizinischen Erfahrungen liegt mit COVID-19 durchaus ein neues Chamäleon der Medizin vor.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Leben mit dem Virus</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Möglicherweise geht die merkwürdige Verwandtschaft der beiden Krankheiten noch weiter: Es gibt Berichte, die auf eine günstige Wirkung der fast hundert Jahre alten Tuberkuloseimpfung gegen den Erreger SARS-Cov2 hinweisen. COVID-19 soll bei den vor Jahrzehnten gegen Tuberkulose Geimpften milder verlaufen. Diese alte Impfung stärkt vor allem die T-Zell-Immunität, also jenen immunologischen Vorgang, den wir auch gegen SARS-Cov2 so dringend benötigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die frappanten Übereinstimmungen beider Krankheiten könnten auf einen eher chronischen Pandemieverlauf von COVID-19 hindeuten. Es ist denkbar, dass wir uns mit SARS-Cov2 genauso zu arrangieren haben, wie mit dem Mycobacterium tuberculosis oder dem HI-Virus. Diese so merkwürdige Erkrankung hält die Zeit an, verlangsamt das öffentliche Leben. Diese Verzögerung und die unaufhaltsamen wirtschaftlichen Folgen werden die Welt verändern. Sie wird darauf literarisch reagieren, und zwar nicht nur mit Corona-Tagebüchern: Autorinnen wie Giovanni Boccaccio, Thomas Mann und Rebecca Makkai werden Nachfolger haben.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Bildnis eines Schwindsüchtigen (Hans Barwierer)<br>Kupferstich von Joachim Moler (1532), via <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:1532-11-10_Joachim_Moler_Kupferstich_Hans_Barwierer_Schwindsucht_Bleivergiftung.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">98500</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt</title>
		<link>https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/</link>
					<comments>https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 May 2020 08:09:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97745</guid>

					<description><![CDATA[Für eine Pandemie, die durch ein neues Virus verursacht wurde, gibt es keine fertige Strategie. Wir wohnen in Echtzeit der Entschlüsselung eines komplexen Geschehens bei. Die Sehnsucht nach simplen Erklärungen spielt den Populisten in die Hände.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Eine neu aufgetretene Erkrankung stellt für Patienten und Ärzte immer eine Herausforderung dar, erst recht, wenn es sich um eine pandemisch verlaufende Infektionskrankheit handelt wie COVID-19. Neben dem täglichen Wissenszuwachs, der Entscheidungen beeinflusst und bisweilen revidiert, fällt der politischen Kommunikation eine entscheidende Rolle zu.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Marathon und kein Sprint</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits 2005 haben die Centers for Disease Control (CDC) der USA Vorschläge für die öffentliche Kommunikation ausgearbeitet: Im Fall einer Pandemie soll die Bevölkerung früh und umfassend informiert werden, wobei auf die Komplexität der Materie hingewiesen werden muss. Das Vertrauen der durch die Krankheit verunsicherten Bevölkerung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Eindämmung einer Pandemie. Geht dieses Vertrauen verloren, weil Informationen verschwiegen oder verfälscht werden, wird es schwierig, Maßnahmen zur Eindämmung des Virus durchzusetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem übernehmen dann andere Akteure die öffentliche Kommunikation, wie das derzeit in der öffentlichen Debatte zu geschehen scheint. So lange in Deutschland die Infektionszahlen noch exponentiell anstiegen, sahen alle die restriktiven Maßnahmen ein. Nun aber, wo die täglich gemeldeten Zahlen sinken bzw. auf einem niedrigeren Niveau stabil sind, glauben viele, das Ziel sei bereits erreicht. Wer nun darauf beharrt, dass das Ende des Tunnels noch nicht erreicht ist und daran erinnert, dass das Virus einen Marathon erfordert und nicht einen Sprint, erfährt Gegenwind.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wissenszuwachs mit Umwegen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Krankheit COVID-19 ist für die medizinische Forschung eine Herausforderung. Wir haben es in der Pathologie mit einem ganz neuen, komplexen Muster zu tun. Einerseits stellen wir eine Lungenentzündung fest, die sich vor allem im Stützgewebe abspielt, und andererseits eine ausgeprägte Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln. Hinzu kommen im Verlauf nicht selten Sekundärfolgen der Virusinfektion. Eine der pathophysiologischen Grunderscheinungen scheint der mittlerweile in den Alltagswortschatz übergegangene Zytokinsturm zu sein, eine massive Überschwemmung des Gewebes und des Blutes mit Substanzen, die für Zellwachstum und Zelldifferenzierung zuständig sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wissenszuwachs erfolgt in der Medizin, wie überall, mit Umwegen, und manchmal biegt man auch in die falsche Richtung ab. Bei einer neuen, multifaktoriell verursachten Erkrankung ist das ganz normal: Wir wohnen in Echtzeit der Entschlüsselung eines komplexen Geschehens bei. Das war bei Aids, bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit oder bei Ebola nicht anders.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Tat hatte etwa das RKI zunächst wegen der Infektionsgefahr vor einer Autopsie verstorbener Corona-Patienten gewarnt. Das hat mich nie überzeugt; ich habe als Arzt in der Pathologie begonnen und seinerzeit auch Creutzfeldt-Jakob-Patienten seziert. Mittlerweile sieht das RKI das anders, nun werden auch Corona-Patienten obduziert. Die Diskussionen darüber, ob man Patienten mit schweren Krankheitsverläufen möglichst früh intubieren soll, habe ich auf der COVID-19-Station hautnah miterlebt: Inzwischen sind wir zurückhaltender geworden und intubieren erst, wenn die nicht invasiven Beatmungsmöglichkeiten mithilfe einer Sauerstoffmaske ausgeschöpft sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch außerhalb der Kliniken ändern sich mit dem jeweiligen Wissensstand die Empfehlungen. Die Debatten um Stoffmasken konnte in den letzten Wochen jeder mitverfolgen: Zunächst wurde ihr Nutzen angezweifelt, nach genauerer Prüfung hat man sie doch empfohlen, wobei auch diese Frage noch nicht abschließend zu beantworten ist. Ähnlich verhält es sich mit den Schulschließungen – niemand kann mit Sicherheit sagen, was sie zur Eindämmung der Pandemie beitragen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Stunde der Populisten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gewünscht sind simple Erklärungen für komplexe Vorgänge. Bleiben diese aus und müssen die Experten ihre Aussagen gar revidieren, weil sich der Stand des Wissens verändert hat, schlägt die Stunde der Populisten und der Scheindebatten. Der alte Trick des Vernebelns, des Verunklarens mit Viertelfakten und halbgaren Interpretationen wird aus der Versenkung geholt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was in einer solchen Situation beispielsweise überhaupt nicht hilfreich ist, sind Journalisten wie Julian Reichelt oder Politiker wie Boris Palmer, die nun behaupten, das RKI und „die Virologen“ würden im Chaos herumstochern und seien mit ihrer Politik-Beratung für die Zerstörung der Wirtschaft verantwortlich. Als ob Angela Merkel einen solchen Vorsatz hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Halbwahrheit, die als Beleg für die verfehlte Bundespolitik herhalten soll, sind die angeblich leeren Intensivstationen. Bei einer neuen Krankheit fehlen die Erfahrungswerte für eine verlässliche Prognose. Selbstverständlich gab und gibt es in deutschen Intensivstationen schwersterkrankte COVID-19-Patienten, nur eben nicht so viele, wie zunächst erwartet. Hätte man keine Maßnahmen ergriffen, wäre es längst zur Katastrophe gekommen. Nun haben wir ein paar Betten mehr freigehalten, als nötig gewesen wäre – besser als umgekehrt. In der jetzigen Situation kann man wieder daran denken, jene Operationen durchzuführen, die in großem Umfang abgesagt worden waren, weil die Patienten nach der Operation ein Intensivbett benötigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus nun jedoch ein Planungsdesaster abzuleiten, grenzt an Bösartigkeit. Die Maßnahmen haben dazu geführt, dass wir bisher noch Reserven haben. Wir hoffen, dass wir sie nie werden antasten müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Zäsur in der öffentlichen Debatte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Den Behörden ist kein Vorwurf zu machen, sie folgen den Empfehlungen der Wissenschaft. Die Populisten dagegen kümmern sich nicht um medizinische Erkenntnisse. Ihre aktuelle Taktik besteht in der Behauptung, dass es zwar das Virus gebe, nicht aber die Pandemie. Das Virus SARS-Cov2 verursache keine eigenständige Erkrankung: Man sterbe <em>mit</em>, aber nicht <em>an</em> dem Virus, bei der Feststellung der Todesursache sei dies nur diagnostischer Beifang und somit belanglos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für mich bedeutet diese Form der öffentlichen Diskussion eine Zäsur. Konnte ich den Widerstand der Populisten gegen „Eliten“, gegen „Ethno-Pluralismus“, gegen „städtisches Multikulti“ oder „das System“ wenigstens theoretisch noch einordnen, so fehlt mir für den populistischen Widerstand gegen Maßnahmen zur Eindämmung einer bedrohlichen Krankheit jedes Verständnis. Den Widerstand gegen den Klimaschutz konnte man noch halbwegs mit dem Unwillen erklären, an die nächste Generation zu denken. Aber eine Pandemie, die einen selbst gefährdet, als eine Erfindung der „Lügenpresse“ darstellen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst habe ich mir diesen Irrsinn damit zu erklären versucht, dass die Populisten hier wieder mit ihrer Behauptung punkten wollen, die Politik „verarsche“ das Volk – ein offenbar lustbringendes Gefühl. Doch dann brachte mich das Verhalten von Boris Johnson auf eine neue Idee. Nachdem er zunächst in Populistenmanier gezögert hatte, sieht er nun die Notwendigkeit der Maßnahmen ein und handelt. Die Einschränkungen für Großbritannien wurden eben erst verlängert. Dieser Sinneswandel könnte in einem Zusammenhang mit seiner eigenen Erfahrung mit COVID-19 stehen. Er weiß, dass er ein zweites Leben geschenkt bekommen hat, und er hat begriffen, dass er zwar die öffentliche Meinung kontrollieren kann, nicht jedoch das Virus. Vielleicht ist gerade die uneingestandene Angst vor diesem Kontrollverlust der tiefere Grund dafür, dass so viele Populisten das Virus leugnen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Rotationsbett auf Intensivstation<br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rotationsbett.jpg" title="via Wikimedia Commons">Blogotron via Wikimedia Commons</a> / CC0</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97745</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Lesen als ein Akt des Widerstands</title>
		<link>https://tell-review.de/lesen-als-ein-akt-des-widerstands/</link>
					<comments>https://tell-review.de/lesen-als-ein-akt-des-widerstands/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Apr 2020 09:14:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Diktatur]]></category>
		<category><![CDATA[Dystopie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97518</guid>

					<description><![CDATA[Cécile Wajsbrots Roman „Zerstörung“ liest sich in den Tagen der Coronavirus-Pandemie wie eine Beschreibung unserer Gegenwart. Die Zeitdiagnose reicht tiefer, als es zunächst scheint. Am Ende erscheint das Lesen als Rettung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Straßen hatten sich geleert von den Passanten, die wohl zu Hause waren, um die non-stop Nachrichten zu hören […]“ – das ist nur einer von vielen Sätzen in Cécile Wajsbrots neuem Roman <em>Zerstörung</em>, die angesichts der Coronavirus-Pandemie beklemmend wirken. Ein prophetisches Buch: Vor zwei Jahren geschrieben, liest es sich wie ein Protokoll dieser Tage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der verstummten Verzweiflung, die auf die Stadt herabfiel, von Stille, Dunst und Erstarrung ist die Rede. Etwas Schwerwiegendes ist geschehen, woraufhin nun eine chaotische neue Welt sich zeigt. Theater, Kinos und Buchläden sind geschlossen wie auch die Grenzen. Erst ganz allmählich wird deutlicher, um welches Ereignis es sich handelt, das die Zeit so scharf in ein Vorher und ein Nachher trennt. Es ist offenbar eine Diktatur errichtet worden, mit den üblichen Einschränkungen der Freiheit und der üblichen Politik der Gleichschaltung und Überwachung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Auslöschung der Erinnerung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Wendung wirkt zunächst fast erleichternd, endet doch hier die Analogie zur gegenwärtigen Lage. Doch im weiteren Verlauf erscheinen die Grenzen zwischen krisenbedingten Verordnungen und diktatorischen Vollmachten dann auf einmal so fließend, dass ein Gefühl des Unheimlichen die Lektüre auch forthin begleitet. So etwa, wenn der Leser erfährt, dass keine Gespräche auf den Gehsteigen mehr zugelassen sind, nicht einmal zu zweit, und man die Bänke weggeräumt hat, denn es ist nicht erlaubt, sich in der Öffentlichkeit hinzusetzen. Von abendlichen Ausgangssperren ist die Rede, und ständig werden neue Gesetze erlassen – „Maßnahmen über Maßnahmen im Eiltempo“ –, die nur dazu dienen, die Menschen zu bedrängen und es ihnen unmöglich zu machen, die Lage richtig einzuschätzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die beschriebene Diktatur weist jedoch noch ein ganz besonderes Merkmal auf. Es geht nämlich um die Auslöschung der Vergangenheit, was auf die Auslöschung der Erinnerung hinausläuft. Es gibt die Anordnung, alles zu zerstören, was älter als zehn Jahre ist, ob Häuser, Kunstwerke, Wein oder Bücher. Daher der Titel „Zerstörung“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Leser erfährt diese Dinge von einer namenIosen Schriftstellerin. Was zunächst als Monolog erscheint, erweist sich als raffinierte Erzählkonstruktion, bei der die Ich-Erzählerin sich mit ihren Beobachtungen und Reflexionen per Telefon an einen anonym bleibenden „Auftraggeber“ wendet. Dessen Erwiderungen werden in ihren Monolog eingeblendet, manchmal überblenden sich die beiden Stimmen auch. Die Sprache changiert zwischen manchmal stakkatohaften kurzen Dialogen und poetisch-philosophisch-essayistischen Passagen, die ins Mythologische ausgreifen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wiederkehr der Katastrophe</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Um was für einen Auftrag handelt es sich, und warum bleibt der Mann am anderen Ende des Telefons anonym? Die Ich-Erzählerin soll über die Atmosphäre berichten, als Schriftstellerin „das Wort ergreifen für die, die nicht reden“, und zwar in der Form von Soundblogs für eine regelmäßige Radiosendung. Sie hadert mit dem gesprochenen Wort, da sie gewohnt ist, beim Schreiben an der Rohfassung eines Textes weiter zu feilen. Der Unterschied zwischen Stimme und Schrift zieht sich denn auch als Fragestellung durch den Text. Die Anonymität des Auftraggebers erhöht die Spannung des Geschehens, man rätselt, ob er zum Personal des neuen Regimes gehört oder zu den Gegnern. Offenbar weiß dies auch die Ich-Erzählerin nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur aus diesem Grund ist die Ich-Erzählerin verunsichert, vor allem beschäftigt sie die Frage nach den Vorzeichen und Vorahnungen der Katastrophe, eben der Zerstörung. Wer das Oeuvre Cécile Wajsbrots kennt, der weiß, dass eine Frage sie seit Jahren umtreibt: Übersehen wir vielleicht, in all dem notwendigen Gedenken an die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, dass die Katastrophe schon wieder auf uns zukommt?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir glaubten, die Katastrophen des vorigen Jahrhunderts hinter uns gelassen zu haben. Ungeachtet mancher Zeichen – Flugzeuge, die ohne Erklärung abstürzen, Sturm von unbekannter Stärke, neue Epidemien –, glaubten wir, das Schlimmste überwunden zu haben.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Glaube nährt sich, so die Protagonistin, aus der trügerischen Verheißung des 21. Jahrhunderts, wir könnten mithilfe der Mathematik und der Wirtschaft, der Wissenschaft und ihren Regeln, den Zahlen und den Gesetzen die Welt steuern. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist es nicht genau das, was wir gegenwärtig erleben? Die Angst vor dem Virus als Angst vor dem Kontrollverlust, den wir uns nie vorzustellen wagten?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das allmähliche Verschwinden der Bilder</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Zerstörung</em> ist der fünfte und letzte Band eines Romanzyklus, den Cécile Wajsbrot unter dem Namen <em>Haute Mer (Offenes Meer)</em> der Frage gewidmet hat, wie die verschiedenen Kunstformen entstehen und auf die Gesellschaft einwirken. Dieser Band ist der Literatur gewidmet. In der Welt des Romans erscheint das Lesen als ein Akt des Widerstands, zumal wenn es um Werke geht, die älter sind als zehn Jahre, denn in ihnen werden die Leser mit dem Denken und Fühlen früherer Zeiten verbunden. Bei der Suche nach Vorzeichen und Ursachen der Zerstörung kehrt die Überlegung immer wieder, dass es vor allem „die Sprache ist, die uns zerstört hat“. Das betrifft nicht nur die Verbreitung eines verschwörungstheoretischen Vokabulars, in dem Worte wie „Komplizen, Verbrechen und Lügen“ den politischen Diskurs bestimmen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es geht darum, der Banalität der Sprache zu entgehen, hatte ich gedacht. Denn dort liegt der Ursprung unserer Übel. Ich denke das weiterhin. Seit einer Weile hatte ich bemerkt – ich spreche von der Zeit, die nun weit zurückzuliegen scheint, bevor sie kamen –, wie die Sprache verarmte. Das allmähliche Verschwinden von Bildern, die genaue Übereinstimmung zwischen Denken und Wort oder vielmehr die Wahl des kürzesten Wegs zwischen Ärmlichkeit der Ideen und Ärmlichkeit des Ausdrucks. Das Ende nicht der Umwege, aber der Nuancen, der Subtilität, der Reflexion. Kaum geschah etwas, war auch schon die Reaktion zu spüren [&#8230;].</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Zwang zur Unterhaltung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dem setzt die Ich-Erzählerin explizit die Macht der Literatur entgegen – in mannigfachen Anspielungen auf Klassiker wie Homer, Tolstoi, Achmatowa, Kafka oder den japanischen Nobelpreisträger Kenzaburo Oe. Doch wie weit verfängt dies in einer Bevölkerung, die mehrheitlich der Auslöschung der Vergangenheit zugestimmt hat? Die Menschen waren ja von den Machthabern ganz ‚demokratisch‘ befragt worden, was sie abschaffen würden und was sie gern an dessen Stelle sähen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Buchläden? Lieber Wohnungen. Die Oper? Unnötig. Kunstgeschichte? Luxus, wichtiger ist es, rechnen zu lernen und wie man sein Geld anlegt [&#8230;].</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Filme und Bücher sollen nur noch der Unterhaltung dienen, ja es gibt sogar einen „Zwang zur Unterhaltung“, nachdem Theater, Kinos und Bars wieder geöffnet wurden. Zeitkritisch benennt die Protagonistin weitere Vorzeichen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man glaubte, mit der ganzen Welt in Kontakt zu sein. Weil man auf Mails, SMS und Twitter-Nachrichten antwortete. Weil man Kommentare hinterließ […]. Während man sich doch immer mehr hinter seinen Bildschirmen isolierte. Abschirmte […].“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt kein kontinuierliches Denken mehr, aus der ständigen Unterbrechung ist eine Lebensweise geworden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der zeitlose Schatten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch gibt es etwas, was Hoffnung macht. Und zwar gerade das, was als Symbol der Angst auftaucht: der Schatten. Bei einem der Telefonate mit ihrem Auftraggeber erscheint der Ich-Erzählerin im gegenüberliegenden Haus ein Schatten. Sie erstarrt, wagt nicht mehr, sich zu rühren. Wird sie beobachtet? Irgendwann holt gerade dieser Schatten sie „in die Wirklichkeit“ zurück, denn nun kommt ihr das entscheidende Wort, um das sich alles dreht: Angst. Unsicherheit und Angst haben zur jetzigen Lage geführt und beherrschen nun die Menschen. Unter diesen Bedingungen haben es die schwarzgekleideten Männer leicht, die in die Wohnungen eindringen und Familienfotos zerstören und die alten Bücher mitnehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ein Schatten muss keine Angst bereiten. Die Erzählerin erkennt, was sie vergessen hatte: dass sie ja selbst einen Schatten wirft, wenn sie in der Sonne über die Straße geht. Vor diesem Hintergrund erklärt sich ein weiteres Motiv, das den Roman von Anfang an durchzieht – wie auch das ganze Oeuvre Cécile Wajsbrots –, nämlich die Sonnenfinsternis. Ein anderes Buch des besagten Zyklus trägt sogar den Titel <em>Eclipse</em>. Auf dem Cover von <em>Zerstörung</em> ist das hochauflösende Foto einer Sonnenfinsternis über dem Eiffelturm zu sehen. Jedes Kapitel wird ferner mit einem kurzen Text eingeleitet, der jeweils das Phänomen der Sonnenfinsternis einfängt – von Homer bis Adalbert Stifter und anderen. Die Verschattung der Sonne ist ein kosmisches Phänomen, das Angst verbreitet oder uns andächtig werden lässt, auch in Zeiten der sogenannten aufgeklärten Wissenschaften. Doch der Mond wandert weiter, und die Sonne kommt hinter ihrem Schatten wieder hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Bild spiegelt die Ereignisse des letzten Kapitels, das Cécile Wajsbrot mit ihren eigenen Worten einführt:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Über den langen Steg, der das 20. Jahrhundert mit dem 21. verbindet, war der zeitlose Schatten hinweggezogen, hatte die Sonne verdunkelt, und bevor das Licht wiederkam, hatte er die gebannten, wenn auch manchmal gleichgültig scheinenden Zuschauer an die althergebrachte Ordnung der Angst anknüpfen lassen. Manche beschwören heute diese Erinnerung, um darin die Hoffnung zu schöpfen, dass es nach dieser langen Nacht auch wieder Tag werden wird.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">In Sternen und in Büchern lesen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hoffnung findet im Mond ihre kosmische und im Lesen ihre kulturelle Dimension. Für die Erzählerin ist der Mond sowohl Ort eines möglichen Überlebens der Menschheit als auch der Lebensfreude, die aus dem Gefühl entsteht, „etwas Größerem anzugehören, mit der Welt verbunden zu sein“. Wenn seine schmale Sichel am Himmel auftaucht, so die Protagonistin, schlägt ihr Herz schneller. Die gleiche Sichel jedoch erscheint auf manchen alten Darstellungen als Todesbarke, die sich mit der Fracht der Seelen Gestorbener füllt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mond als Zeichen, dass der Tod zum Leben und der Schatten zum Licht gehört? Eine Weisheit, die nicht so recht in eine Gesellschaft passen will, die von der Angst vor Kontrollverlust getrieben wird. Kann hier die Analogie zwischen Buchstaben und Planeten helfen, die von der Erzählerin in Anlehnung an die alten Mythen immer wieder bemüht wird? Sie erinnert sich an Studien über die Hirnphysiologie des Lesens, in denen festgestellt wurde, dass sich das Gehirn in seiner Wahrnehmungsweise beim Lesen umstellen muss. Denn während es bei der Wahrnehmung etwa eines Autos gleichgültig ist, ob dieses von links oder rechts kommt, können Buchstaben nicht in jeder beliebigen Richtung gelesen werden. Ähnlich verhält es sich mit den Mondphasen, wenn wir lernen, den zunehmenden Mond von dem abnehmenden zu unterscheiden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In den Sternen und in Büchern zu lesen, ginge also auf die gleiche Erfahrung zurück.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wir können den Lauf der Sterne nicht kontrollieren, aber doch vielleicht darin lesen. Und so wächst am Ende des Romans doch noch der Widerstand gegen das Regime, getragen von denjenigen, die die Kraft der Bücher hochgehalten haben. Wie die Erzählerin, die von ihrem neugewonnenen Glauben an die Literatur berichtet: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>An diese Welt, in der die geschriebenen Dinge eine deutlichere Existenz haben als die wirklichen.</p></blockquote>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Vollmond in Bochum, August 2012, 
<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bochum-ggp-mond-18.jpg" title="via Wikimedia Commons">LordToran</a> / Public domain</a><br>Buchcover: Verlag</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p class="wp-block-paragraph">Cécile Wajsbrot<br><strong>Zerstörung</strong><br>Roman<br>Aus dem Französischen von Anne Weber<br>Wallstein Verlag 2020 · 230 Seiten · 20 Euro<br>ISBN: 978-3-8353-3610-0<br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783835336100&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783835336100&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="240" height="400" data-attachment-id="97519" data-permalink="https://tell-review.de/lesen-als-ein-akt-des-widerstands/9783835336100l/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/9783835336100l.png?fit=240%2C400&amp;ssl=1" data-orig-size="240,400" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="9783835336100l" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;three&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/9783835336100l.png?fit=240%2C400&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/9783835336100l.png?resize=240%2C400&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-97519" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/9783835336100l.png?w=240&amp;ssl=1 240w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/9783835336100l.png?resize=180%2C300&amp;ssl=1 180w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/04/9783835336100l.png?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w" sizes="auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px" /></a></figure>





<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/lesen-als-ein-akt-des-widerstands/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97518</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Warum man es in der Intensivmedizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat</title>
		<link>https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/</link>
					<comments>https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Apr 2020 08:29:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97537</guid>

					<description><![CDATA[In den aktuellen Debatten zur Coronavirus-Pandemie wird die medizinische Wirklichkeit oft grob vereinfacht, etwa wenn es um Patienten mit Vorerkrankungen geht. Ein Arzt erklärt, wie in der Intensivmedizin Entscheidungen getroffen werden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die aktuelle Lage der Pandemie erinnert mich an eine „drȏle de guerre“, einen Sitzkrieg. Man wartet auf die von vielen Modellen vorhergesagte und in Deutschland noch nicht eingetroffene Apokalypse und vertreibt sich die Zeit mit Planspielen und Gedankenexperimenten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie viele Patienten werden schwer betroffen sein? Wie viele von ihnen werden sterben, wie viele überleben? Welche Rolle spielen die Ressourcen des Gesundheitswesens in diesen Planspielen, welche das Klima? Hat das Virus vielleicht doch saisonale Spitzen und wird sich die Lage im Sommer entspannen?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Trolley-Problem</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich höre und lese viele Meinungen zu Covid-19. Als Intensivmediziner habe ich dabei nicht selten den Eindruck, dass Lautstärke und Fachwissen sich umgekehrt proportional verhalten. Das gilt besonders, wenn der berühmte Trolley über die Intensivstationen rumpelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Trolley-Problem ist ein philosophisches <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Trolley-Problem">Gedankenexperiment</a>, in dem ein Weichensteller die ungebremste Fahrt einer Straßenbahn (englisch: <em>trolley</em>) in eine fünfköpfige Menschenmenge verhindern kann, indem er die Weiche stellt – freilich um den Preis, dass der Straßenbahnwagen nun einen einzelnen Menschen überrollt, der auf dem Nebengleis steht. Fünf Menschenleben gegen eines, da scheint die Entscheidung nicht schwer zu fallen. Allerdings nimmt bei dem Unglück mit den fünf potenziellen Opfern das Schicksal seinen Lauf von selbst, während der Wagen im anderen Fall, mit dem einen Opfer auf dem Nebengleis, aktiv umgelenkt wird. Doch wer wollte diese Entscheidung fällen, wer die Weiche betätigen?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Grauzonen der Medizin</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Manche glauben nun, das Trolley-Problem sei eins zu eins auf die Situation auf Intensivstationen in der Covid-19-Pandemie übertragbar. Die Wörter Triage und Selektion fallen in moralisch aufgewühlten Diskussionen. In Norditalien, in Spanien ist dieses Dilemma Realität. Oder etwa nicht?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht ausreichen, kommt es in der Tat zu diesem Dilemma. Doch ist dieses keineswegs so statisch und berechenbar, wie es das Gedankenexperiment nahezulegen scheint. Denn die moderne Medizin hat Wirklichkeiten und Grauzonen geschaffen, die das Trolley-Konstrukt nicht einmal annähernd beschreibt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Brücke oder Planke?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich möchte dies mit einem anderen Bild anschaulich machen. Intensivmedizin besteht darin, einem Patienten eine Brücke über einen reißenden Fluss zu bauen, den er allein nicht überqueren kann. Idealerweise geht sein Weg am anderen Ufer dann so weiter wie bisher. Bestünde die Intensivmedizin ausschließlich aus solchen Idealfällen, ließe sich das Trolley-Experiment in der Tat auf das Dilemma der Krankenhäuser bei fehlenden Kapazitäten anwenden: Als Arzt müsste ich dann die Rolle des Richters über Leben und Tod übernehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Wirklichkeit der High-Tech-Medizin sieht anders aus, und das ist hier entscheidend. Denn nicht selten baut man dem Patienten keine Brücke, sondern verlängert nur die Planke, von der er, nach qualvoller Therapie, dann doch in diesem Fluss versinkt. Manchmal weiß man von vornherein, dass es so enden wird. Manchmal aber fängt man in guter Hoffnung die Therapie an und muss dann feststellen, dass die Brücke doch nur eine Planke ist. Auf halbem Weg zeigt sich: Es war vergebens.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle von Vorerkrankungen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Deswegen finden auf Intensivstationen regelmäßig Re-Evaluationen statt: Ist unser Ziel realistisch, ist unsere Therapie sinnvoll oder verlängern wir nur Leiden? Bei solchen Überlegungen spielen die nun angesichts der Coronavirus-Krise vielzitierten „Vorerkrankungen“ eine zentrale Rolle, denn von ihnen hängt es oft ab, ob ein Patient eine akute schwere Erkrankung mit Hilfe der Intensivmedizin bewältigen kann oder nicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir Ärzte versuchen abzuschätzen, welche Ressourcen der Patient hat und welche Vorerkrankungen ihn zusätzlich belasten. In den aktuellen Debatten um Covid-19 meinen manche in vorschneller Empörung, es sei verwerflich, diese Vorerkrankungen in die Überlegungen und in die Gespräche mit den Patienten (häufig ist das nicht mehr möglich) und den Angehörigen mit einzubeziehen. Doch das ist keineswegs verwerflich, es ist sogar geboten: Ein Intensivmediziner, der seine prognostischen Überlegungen ohne das Einbeziehen von Vorerkrankungen anstellt, begeht einen schweren Fehler.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Im Einklang mit dem Patienten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Und bei diesen Fragen hört die Komplexität der modernen Medizin noch lange nicht auf. Denn nicht selten erreichen die Patienten zwar das andere Ufer – doch davon, dass ihr Leben weitergeht wie zuvor, kann keine Rede sein. Oft leben sie mit schweren Beeinträchtigungen weiter, schlimmstenfalls als Dauerbeatmete in einem Beatmungsheim. Sie haben dann eine Kanüle im Hals, die direkt in die Luftröhre geht und an der das Beatmungsgerät angeschlossen ist. Es gibt Patienten, die das wollen – die Mehrheit möchte es nicht, und viele lehnen es bereits im Vorfeld mit einer Patientenverfügung ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Idealfall, den es in der Realität allerdings nur selten gibt, trifft man eine Therapieentscheidung im Einklang mit dem Patienten, den Angehörigen und auch mit sich selbst. Und das ist durchaus nicht immer die Entscheidung zur Maximaltherapie. Einer Patientin, die schon schwer lungenkrank ist, dazu herzkrank und dement, wird man nicht unbedingt eine Langzeitbeatmung empfehlen, sondern man wird vielmehr einen palliativmedizinischen Ansatz verfolgen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch das ist in gewisser Weise noch ein selten eindeutiger Fall. In der Intensivmedizin trifft man Entscheidungen oft unter extremem Zeitdruck und ohne genaue Kenntnis über Vorsorgevollmachten oder Verfügungen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist ethisch korrekt?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich als Arzt nun eine Situation geschaffen habe, in der eine Patientin, die das nie wollte, dauerhaft beatmet werden muss – habe ich dann ethisch und medizinisch korrekt gehandelt? Oder ging es mir vor allem um die eigene juristische Absicherung? Denn wenn keine entsprechende Patientenverfügung vorliegt, droht einem Arzt möglicherweise der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung. Wobei im Fall einer Situation, die von vornherein kaum Hoffnung erlaubt, diese unterlassene Hilfeleistung womöglich die ethisch besser zu vertretende Handlung darstellt. Das ist ein echtes Dilemma, bei dem Ethik und Rechtsprechung in Widerspruch zu einander geraten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Covid-19-Lungenentzündung kann Kerngesunde und Menschen mit leichten Systemerkrankungen ebenso treffen wie Schwerkranke und Hochbetagte, die vielleicht vor Jahren schon ihren Wunsch bekundet haben, auf lebensverlängernde Maßnahmen im Fall einer schweren Erkrankung mit unsicherer Prognose zu verzichten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">All das ist im Einzelfall abzuwägen. Mit flächendeckenden „Kriterien“, wie sie nun für den Fall der Triage gefordert werden, sind solche Situationen nicht zu bewältigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines aber sollte klar geworden sein: Bei dieser durch die moderne Medizin geschaffenen, komplexen Wirklichkeit kommt der Trolley zum Stehen. Er kann diese Wirklichkeit nicht mehr abbilden – und sollte ins Museumsdepot rollen, wo er hingehört. Er setzt eindeutige Situationen voraus, die es in der medizinischen Wirklichkeit ganz einfach nicht gibt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Schockraum der Uni-Klinik Mannheim im Bereitschaftszustand, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schockraum_Uniklinik_MA.jpg" _blank"="" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia </a><br></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97537</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Safety first</title>
		<link>https://tell-review.de/safety-first/</link>
					<comments>https://tell-review.de/safety-first/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Mar 2020 08:26:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97352</guid>

					<description><![CDATA[Zur Eindämmung des Coronavirus werden weltweit drastische Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Politiker müssen aus der Situation heraus handeln. Eine Geschichte von Bertolt Brecht zeigt, welche Risiken das birgt und weshalb sie nicht zu vermeiden sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter <a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt </a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Nun schließt Deutschland – Stand 15.03.2020, 18:00 – die Grenzen zu vier Nachbarstaaten. Die Grenze zu Polen und zu Tschechien haben die jeweiligen Länder ja selbst schon geschlossen. Damit ist Deutschland de facto ein abgeriegelter Nationalstaat. Das ist, zusammen mit der Schließung von Schulen, Sport- und Gaststätten auf kommunaler Ebene, der vorläufige Höhepunkt sich überstürzender staatlicher Maßnahmen, die die Pandemie durch das SARS-Cov-2 eindämmen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist von solch drastischen Maßnahmen zu halten? Ist das durch epidemiologisch-infektiologische Erkenntnisse abgedeckt, oder liegt das jenseits einer rationalen Gesundheitspolitik? Dient dies mehr der Beruhigung der Bevölkerung als der Lösung des Problems? Es scheint zumindest so, dass die öffentliche Stimmung eher in die Richtung drastischer Maßnahmen geht als in deren Abwehr. Dies beeiflusst die Politiker, die solche Entscheidungen treffen müssen, durchaus, es gibt ein Getriebensein im schwierigen Prozess der Entscheidungsfindung. Jedenfalls beklagt dies die Medizinerin Ursula Nonnemacher, Gesundheitsministerin des Landes Brandenburg, in einer Rundfunkdiskussion des <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Inforadio rbb (opens in a new tab)" href="https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/forum/202003/15/419069.html" target="_blank">Inforadio rbb</a> vom 15. März 2020.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Panik und falscher Beschwichtigung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Seuchen waren immer Auslöser von Angst und Schuldzuweisungen. In Zeiten, in denen man noch keinerlei Wissen über deren Ursachen hatte, während der Pestepidemie des Mittelalters etwa, ohnehin, doch mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlichen Erklärungen wurde die Sicht auf die Infektionskrankheiten keineswegs rationaler. Zwar wissen nun alle, dass Viren oder Bakterien die Auslöser sind. Dennoch sieht man vielerorts als Ursache das Eindringen des Fremden in die eigene Bevölkerung. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Demnach überträgt sich das Coronavirus in unserer globalen Welt nicht von Mensch zu Mensch: Zu Anfang hieß es, es „kommt aus China“, und Präsident Trump erklärt es schlicht als „foreign“. Aus anderen Ecken trudeln Verschwörungstheorien ein. George Soros soll hinter dem Virus stecken, sogar von einem vorsätzlich freigesetzten biologischen Kampfstoff ist die Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer solchen Situation, die beständig zwischen Panik und falscher Beschwichtigung pendelt, müssen Politiker nun handeln. Da kann man nur verlieren. Wer Angehörige hat, die zu den Risikogruppen gehören, macht sich berechtigte Sorgen – diesen Menschen tut man mit Hysterievorwürfen Unrecht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Egal, was man tut, immer wird es nach dem Ende der Seuche wohlfeile Urteile ex post geben – vor allem von denjenigen, die keine Verantwortung übernehmen mussten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber man kann diese Situation auch als existenzielle Herausforderung sehen und sie annehmen. Alle wissen, dass Nichtstun fatal wäre. Die gespenstische Situation in Norditalien spricht für sich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Populisten warten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Handeln trägt immer auch die Möglichkeit des Irrtums, des Scheiterns in sich. Egal, wie gut die Politiker von den Virologen jetzt beraten werden – niemand kann den Verlauf der Pandemie abschätzen. Jede Entscheidung kann falsch sein. Das lehrt Bertolt Brechts Erzählung „Safety first“, die in der DDR unter dem Titel „Die Rache des Kapitän Mitchell“ verfilmt wurde. Mitchell ist Kapitän des Kreuzfahrtschiffs Astoria, das nach einer Kollision mit einem Fischkutter kurz vor Schottland leck schlägt. Im Navigationsraum kommt man, nach Begutachtung des Schadens, zum Schluss, dass das Schiff binnen einer Stunde sinken werde. Mitchell entscheidet sich für den Notruf SOS. Zwei Schiffe eilen herbei und nehmen die Passagiere auf. Mitchell bleibt mit der Mannschaft an Bord, doch wider Erwarten lässt sich das Schiff in den nächsten Hafen steuern. Dass es nicht gesunken ist, erweist sich für Mitchell als fatal: Weil er unnötigerweise SOS gerufen und damit hohe Kosten verursacht habe, wird er von seiner Reederei entlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau so könnte es Politikern gehen, wenn die Pandemie überstanden ist und die Rechnung für das Saftey first-Denken präsentiert wird. Derzeit schweigen die Populisten. Gut möglich, dass sie auf diesen Moment warten, um dann mit Verspätung doch noch politisches Kapital aus der Katastrophe zu schlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem sind wir zum Handeln verdammt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Michel Serre: Die Pest in Marseille 1720. <br>Public Domain, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chevalier_Roze_%C3%A0_la_Tourette_-_1720.PNG" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p class="wp-block-paragraph">Bertolt Brecht<br><strong>Die unwürdige Greisin und andere </strong>Geschichten<br>Zusammengestellt und mit Anmerkungen versehen von Wolfgang Jeske <br>Suhrkamp 2008 · 220 Seiten · 9 Euro<br>ISBN: 978-3-518-38246-2 </p>



<p>Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518382462&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel</p>





<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518382462&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="97353" data-permalink="https://tell-review.de/safety-first/attachment/38246/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?fit=1274%2C2092&amp;ssl=1" data-orig-size="1274,2092" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="38246" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?fit=627%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i2.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?fit=627%2C1030&amp;ssl=1" alt="" class="wp-image-97353" width="274" height="449" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?w=1274&amp;ssl=1 1274w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=627%2C1030&amp;ssl=1 627w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=768%2C1261&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=935%2C1536&amp;ssl=1 935w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=1247%2C2048&amp;ssl=1 1247w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/03/38246.jpg?resize=300%2C493&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 274px) 100vw, 274px" /></a></figure>





<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/safety-first/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">97352</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
