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	<title>Lektüretipps &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Lektüretipps &#8211; tell</title>
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		<title>Toxische Bürgerlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Jun 2024 06:22:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
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					<description><![CDATA[Franz Kafkas „Brief an den Vater“ erlaubt viele Deutungen: Identifikationslektüre für rebellierende Jugendliche, autobiografisches Bekenntnis, literarisches Dokument des Patriarchats. Entwicklung einer Lektüre.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Die erste Begegnung mit Kafkas Werk liegt meistens in der Schulzeit. Zu Kafkas 100. Todestag wenden wir uns seinem Werk zu, indem wir es wiederlesen &#8211; und uns aufs Neue überraschen lassen.</p>



<p>Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://tell-review.de/das-erste-mal/">Das erste Mal</a>, 3. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/das-schwarze-loch-der-hoffnung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das schwarze Loch der Hoffnung</a>, 7. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/die-brotloseste-aller-kuenste/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die brotlosteste aller Künste</a>, 12.6.2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/erloesung-durch-gewalt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Erlösung durch Gewalt</a>, 18.6.2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/geisterstunde/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geisterstunde</a>, 20. Juni 2024</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-drop-cap">Franz Kafka gehört zu den prägendsten Leseerfahrungen meiner Jugendzeit. Durch seine Texte (und die von Thomas Mann) erfuhr ich zum ersten Mal, dass nicht der Inhalt die Qualität eines Textes bestimmt, sondern die Form, die Art, wie der Inhalt dargestellt wird.</p>



<p>Inhalte sind bei Kafka schnell erzählt. Das Geschehen in seinen Büchern zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es <em>nicht </em>vorangeht. Der Bote mit der kaiserlichen Nachricht dringt nicht durch, er kommt gar nicht aus der Stadt hinaus. Der Mann vom Lande wartet vor dem Gesetz vergebens auf Einlass. Das Schloss ist dem Landvermesser unerreichbar. Karl Roßmann irrt umher. Und immer wieder werden Kafkas Protagonisten von Frauen abgelenkt. Einerseits scheinen nur Frauen eine Entwicklung im Kafka’schen statischen Kosmos der Hoffnungslosigkeit möglich zu machen, sei sie auch nur scheinbar oder vorläufig. Andererseits schaffen es letztlich auch Frauen nicht, die Hoffnungslosigkeit zu besiegen, die Blockierungen zu lösen.</p>



<p>Nachdem ich viele von Kafkas Texten schon als Jugendlicher gelesen hatte, kam bald auch der <em>Brief an den Vater</em> hinzu. Eine Lektüre, die mich auch mit der Person Kafkas verband. Ich sah mein Schicksal als verwandt an: In scheinbar geordneten bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, war mir wie vielen Heranwachsenden das Befolgen dieser komplexen Regeln und das Einsehen ihrer Sinnhaftigkeit unmöglich (und ist es bis heute).</p>



<p>Darüber hinaus las ich den Brief als Interpretationshilfe für Kafkas Werk. Nun sah ich in seinen Texten eigentlich nur einen biografischen Ausdruck seiner familiären Umstände und seiner übergroßen Schuldgefühle, als Antwort auf den väterlich-familiären Druck.</p>



<p>Diese Sicht belegt zunächst Kafkas eigene Aussage:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte ja dort nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte.</p>
</blockquote>



<p>Im <em>Brief an den Vater</em> weist er selbst immer wieder auf seine Werke hin. Er zitiert (ein wenig ungenau!) sich selbst aus <em>Der Prozess</em>, und die Erzählung „Das Urteil“ wirkt nachgerade wie die literarische Variante des Briefes.</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<p>Nun habe ich nach mehreren Jahrzehnten den <em>Brief an den Vater </em>erneut gelesen. Ich muss zwar meine damalige Sicht nicht komplett umstoßen. Aber ich begann nun, den Brief nicht nur als persönliches Dokument, sondern auch als Literatur zu verstehen. Und fand über diesen Umweg dazu, auch Kafkas Werk neu zu deuten.</p>



<p>Versteht man diesen Brief nämlich literarisch, so ist er auch ein Dokument einer Zeit, in der Familien patriarchalisch geprägt waren. Der Vater als Oberhaupt und ökonomischer Versorger: Sein Wohlergehen hat über allem zu stehen, seinen Launen ist alles erlaubt. Die Familie hat ihn zu stabilisieren, er darf sich schadlos halten. Ob die einzelnen Mitglieder dabei leiden, sich zum Beispiel schuldlos schuldig fühlen, ist unerheblich. Die gütig-nachsichtige Mutter als der Part, der mit ihrer Wärme die Kinder ‚überzeugt‘, den tyrannischen Launen des Vaters keinen Widerstand entgegenzusetzen. Allzu große Härten federt sie ab.</p>



<p>Das äußere Leben besteht ausschließlich aus dem Kampf um die Existenz sowie gegen Neider, Missgünstige und Betrüger, die nicht selten im eigenen Betrieb hocken. Dazu der ewige Vorwurf der Eltern an die undankbaren Kinder: Hart und entbehrungsreich mussten wir arbeiten, während ihr wohlstandsverwahrlost und ohne Leistungswillen dahinlebt. Kurzum: Kafka beschreibt hier nichts anderes als die toxische Bürgerlichkeit, wie sie in Aufsteigerfamilien typischerweise zu finden ist. Solche Familienverhältnisse waren bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Regel.</p>



<p>Noch einen Aspekt berührt dieser lange Brief: das Verhältnis des Künstlers zum bürgerlichen Leben, zur bürgerlichen Existenz. Kafkas Hang zur Ambivalenz zeigt sich auch hier. Seine Unfähigkeit zur endgültigen Entscheidung betraf die Ehe mit allen Konsequenzen ebenso wie das bürgerliche Leben und dessen Anforderungen. Auch davon erzählt nicht nur der Brief, sondern das gesamte literarische Werk des Antibürgers Franz Kafka, dessen Helden ja vor allem die Unmöglichkeit auszeichnet, sich einzuordnen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Montage: Anselm Bühling)



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Sommertipps 2023 (2): Ein cooles Plädoyer fürs Fragenstellen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Heibert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Jul 2023 10:24:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
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					<description><![CDATA[Mithu Sanyals „Identitti“ (2021) ist ein Wokeness-Roman im besten Sinn, schlau und unterhaltsam. Ein Buch ohne Moralin – eine perfekte Strandlektüre, die ihre Leser:innen auf den neusten Stand der Debatte bringt. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Wie ging das mit der Wokeness nochmal? Das ist, wenn mensch sich darum bemüht, herauszufinden, was richtig und falsch ist, sich dann auf die richtige Seite stellt und auf andere einwirkt, damit die das möglichst auch versuchen – oder so ähnlich.</p>



<p>Die Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin Mithu Sanyal hat vor zwei Jahren mit <em>Identitti</em> ein Buch vorgelegt, das es uns mit dem „richtig“ und „falsch“ nicht ganz so leicht macht. </p>



<p>Professorin Saraswati, Woke-Guru par excellence, fliegt damit auf, dass ihre Herkunft nicht teilweise indisch ist, sondern weiß, biodeutsch, privilegiert. Für die Bloggerin Nivedita, die Saraswati als Identifikations- und Vorbildfigur verehrt, bricht eine Welt zusammen. Während die Social Media schäumen, reagiert Saraswati kämpferisch. Ist die Frage, <em>wer </em>spricht, wirklich wichtiger als das, <em>was</em> gesagt wird? Soll alles, was sie über Feminismus, Anti-Postkolonialismus, Empowerment und Widerstand gelehrt hat, auf einmal falsch sein?</p>



<p>In dem Roman ist keine:r perfekt oder platt, viele sind klug, manche vernagelt. Besonders viel Spaß machen der Spannungsbogen des clever erdachten Plots sowie die Sprache: Nivedita, aus deren Personalperspektive der Roman erzählt wird, hat ein frisches Nicht-nur-Biodeutsch drauf; leicht, lässig, spielerisch, angereichert mit Jargon und Englischsprengseln, sie klingt glaubwürdig in ihrem Dilemma.</p>



<p><em>Identitti</em> ist ein Roman über und gegen Lagerdenken, schlau und unterhaltsam (was dem Woke-Thema nicht oft zu bescheinigen ist); im Gleichgewicht zwischen Ernstnehmen und (Selbst)Ironie ist das Buch dicht am flatternden Puls der Zeit. </p>



<p>Hier eine Kostprobe – sie ist etwas länger, doch nur so lässt sich der Stil dieses ungewöhnlichen Romans erfassen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Weshalb Nivedita sich daranmachte, möglichst viele neue Körpersensationen zu sammeln. Sprich: Sie schlief zum ersten Mal in ihrem Leben mit Männern of Colour.<br>Hatten sie sich bis dahin vorsichtig umkreist und dann höflich gemieden, um sich jeweils <em>weißen </em>Sexualpartner*innen zuzuwenden, aus Angst, sich mit ihrer Fremdheit anzustecken – oder herauszufinden, dass sie gar nicht so besonders waren, wie sie stets behandelt wurden –, eröffnete sich ihnen nun ein komplett neues Buffet sexueller Möglichkeiten: Bist du homo, hetero, inter- oder intraracial?<br>Sex mit anderen PoCs bedeutete für Nivedita, das erste Mal ohne ihren unique selling point zu sein. Das erste Mal nackt. Die Sache kulminierte, als sie sich in Anish verliebte, dessen Eltern beide aus Kerala kamen und nicht wie Niveditas aus West-Bengalen und von Polen und von überall her. Sie wartete auf den unvermeidlichen Moment, an dem er sagen würde: „Du bist ja gar keine echte Inderin.“<br>Stattdessen sagte er: „Ich frage mich manchmal, was meine Eltern sehen, wenn sie mich anschauen. Eine Kartoffel?“<br>Sie lagen in seinem WG-Zimmer auf der Matratze. Durch das offene Fenster wehte der Geruch von Herbstastern herein und die entsetzte Stimme seines Mitbewohners, der bei ebenfalls offenem Fenster von seinem Beziehungspartner verlassen wurde. Während die beiden sich ad hominems an den Kopf warfen, presste Anish seinen Körper an Niveditas, als wäre sie das einzige, was ihn vor dem Abgrund, der sein Leben war, bewahren konnte.<br>Es war ein Aphrodisiakum, dass Anish Sex mit ihr als Beweis dafür ansah, dass er war, wer er dachte, dass er war. <em>Aber bin ich, wer ich denke, dass ich bin?</em>, dachte Nivedita.</p>
</blockquote>



<p>Dieser Roman ist kein getarnter Leitfaden fürs Richtigmachen, deshalb eignet er sich als Sommerlektüre für alle, die mitreden wollen: Man, frau und mensch kann ihn als cooles Plädoyer dafür lesen, nicht abzulassen vom Fragenstellen – auch wenn es keine befriedigenden Antworten gibt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Mithu Sanyal<br><strong>Identitti</strong><br>Roman<br>btb Verlag 2023 (Taschenbuchausgabe) · 432 Seiten · 13 Euro<br>ISBN: ‎978-3442772537</p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783442772537&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="694" height="1030" data-attachment-id="117134" data-permalink="https://tell-review.de/sommertipps-2023-2-ein-cooles-plaedoyer-fuers-fragenstellen/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?fit=1347%2C2000&amp;ssl=1" data-orig-size="1347,2000" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="identitti-taschenbuch-mithu-sanyal" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?fit=694%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=694%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-117134" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=694%2C1030&amp;ssl=1 694w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=202%2C300&amp;ssl=1 202w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=54%2C80&amp;ssl=1 54w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=768%2C1140&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=1034%2C1536&amp;ssl=1 1034w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=1300%2C1930&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?resize=300%2C445&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2023/07/identitti-taschenbuch-mithu-sanyal.jpeg?w=1347&amp;ssl=1 1347w" sizes="(max-width: 694px) 100vw, 694px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Eine Welt ohne Zufall</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2020 06:47:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Coronakrise zeigt sich erneut: Wo Gewissheiten schwinden, haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Zwei Bücher helfen dabei, dem Phänomen auf den Grund zu gehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten. Und manchmal auch auf Aktuelles und aktuell Gebliebenes. </div></div>



<p class="has-drop-cap">Ganz aktuell, sozusagen „Corona-aktuell“ sind derzeit Debatten rund um Verschwörungstheorien. Da empfehle ich zwei Bände, die etwas tiefer in die Materie eindringen: Michael Butters <em>Nichts ist wie es scheint – Über Verschwörungstheorien</em> (2018) und Karl Hepfers <em>Verschwörungstheorien – Eine philosophische Kritik der Unvernunft</em> (2015). Beide Autoren kommen in vielen Punkten zu ähnlichen Ergebnissen; spannend wird es, wo sie differieren. Beide Bände sind schon vor einigen Jahren erschienen und sagen naturgemäß nichts zur Corona-Pandemie. Aber desto besser, denn es geht um die Mechanismen verschwörungstheoretischen Denkens.</p>



<p>Die grundlegenden, abstrakten, inzwischen regelrecht ‚standardisierten‘ Kriterien für Verschwörungstheorien werden von beiden Autoren akzeptiert: Verschwörungstheorien sind Wirklichkeitskonstrukte (im weitesten Sinn also tatsächlich Theorien, wenn auch in einem anspruchslosen Sinn des Wortes), die die amorphe Wirklichkeit (bzw. relevante Ereignisse wie etwa Kriegsausbruch, Wirtschaftskrise o.ä.) als das Ergebnis zielgerichteten Tuns einer kleinen Gruppe von Verschwörern beschreibt und erklärt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Im Würgegriff der Verschwörer</h3>



<p>Damit verbunden ist eine dichotome Weltsicht: „wir“ (Mehrheit, ‚normal‘, machtlos, im Würgegriff der Verschwörer, also Opfer) gegen „sie“ (Minderheit, mit fast grenzenloser Macht ausgestattet, den eigenen Interessen und letztlich dem Bösen verpflichtet, also Täter). In einer solchen Weltsicht gibt es keinen Zufall, keine Kontingenzen, keine Fehler – alles geschieht, weil „sie“ und ihr Masterplan es so wollen (Politiker X ist nicht verunfallt, weil er betrunken zu schnell gefahren ist – “sie“ hatten ihre Finger im Spiel!). Alle Verschwörungstheorien immunisieren sich gegen Falsifikation, und zwar letztlich mit dem immer gleichen rhetorischen Trick: Einwände gegen eine Verschwörungstheorie kommen von „ihnen“, den anderen, sie ‚beweisen‘ nur, wie tief die Verschwörung schon reicht. „Wir“ Verschwörungsentlarver wiederum erklären uns zu hehren St-Georgs-Reitern, die „tapfer“  gegen eine Welt voller Lügen und voller Blinder („Schlafschafe“ heißt das seit Neuestem) zu Feld ziehen. </p>



<p>In Michael Butters Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Konspirationismus löst eine vielschichtige und widersprüchliche Wirklichkeit in den manichäischen Gegensatz von Gut und Böse auf. Der meist kleinen Gruppe von Verschwörern, die letztlich für alles, was geschieht, verantwortlich ist, steht die große Gruppe von Opfern gegenüber, die bis auf wenige Erleuchtete gar nicht begreift, was geschieht.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verschwörung und Realität</h3>



<p>Karl Hepfer argumentiert als Philosoph, Michael Butter als Literatur-/Kulturwissenschaftler. Beide Perspektiven sind bereichernd. Hepfer geht systematisch vor: Wie wird für Verschwörungstheorien argumentiert, was hat das mit den klassischen philosophischen Thesen zu Wissenschaft, Handlung, Gesellschaftlichkeit etc. zu tun? Butter wiederum bietet eine hochinteressante Historie der Verschwörungstheorien an.</p>



<p>Hepfer räumt ein, was Butter – meines Erachtens mit schlechten Argumenten – bestreitet: Dass es natürlich auch Thesen über die Wirklichkeit geben kann, die nach allen Standards als Verschwörungstheorie zu bezeichnen sind, die sich dann aber doch als zutreffend erweisen. Wenn ich im Sommer 1990 gesagt hätte, die Behauptung, irakische Truppen hätten Babys aus Brutkästen gerissen, sei eine PR-Lüge, die einen Krieg stützen soll, wäre ich nach allen rationalen Standards Verschwörungstheoretiker gewesen. Doch ich hätte Recht gehabt. Hepfer sieht das Problem; Butter wiegelt ab, was schade ist, denn es nimmt seinem Buch etwas von seiner Überzeugungskraft.</p>



<p>Genau dies ist ja das Problem aller Verschwörungstheorien – dass sie eben (abgesehen von einigen bizarren Fällen wie etwa „Die Amis waren gar nicht auf dem Mond“) gerade <strong>nicht</strong> ersichtlich absurd sind. Man denke an den Komplex NSU/Verfassungsschutz oder an das Oktoberfestattentat. Wissen wir es mit letzter Sicherheit? Nein! Wären wir überrascht, wenn herauskäme, dass der Neonazi-Terror doch Unterstützer innerhalb der Dienste gehabt hat? Wohl kaum.</p>



<p>Hepfer schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Verschwörungstheorien, ob eingebildet oder ‚echt‘, sind oft weit weniger ‚wirr‘ als es auf den ersten Blick aussieht. Im Gegenteil: zum Teil sind sie sogar hochgradig schlüssig und erfüllen viele der üblichen Kriterien für wissenschaftliche Theorien in vorbildlicher Weise. Ein zweiter Blick auf die Sache lohnt sich also und ist weniger abwegig, als es zunächst erscheint.</p></blockquote>



<p>Wer sich mit Logik und Geschichte von Verschwörungstheorien näher befassen möchte, sollte zu beiden Bänden greifen. Sie ergänzen sich gut, und sie widersprechen einander dort, wo die Debatte stattfindet.</p>



<p style="font-size:12px"><em>Hinweis: Beide Bände gibt/gab es auch bei der <a href="https://www.bpb.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundeszentrale für politische Bildung</a>. Die Bundeszentrale legt sie immer mal wieder auf; man schaue gelegentlich dort vorbei. Sollte man sowieso ab und an tun.</em></p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Aluhutträger. Von Piratenmensch <a href="https://www.flickr.com/photos/piratenmensch/9705663820" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Flickr</a><br> Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC BY-SA 2.0</a><br>Buchcover: Verlage</h6>





<p>Michael Butter<br><strong>Nichts ist, wie es scheint</strong><br>Über Verschwörungstheorien<br>Suhrkamp Verlag 2018 · 271 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: 978-3-518-07360-5<br></p>



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<p>Karl Hepfer<br><strong>Verschwörungstheorien</strong><br>Eine philosophische Kritik der Unvernunft<br>transcript Verlag 2015 · 192 Seiten · 24,99 Euro<br>ISBN: 978-3-8376-3102-9<br></p>



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		<title>Das wilde Hin und Her der Ideen im Herbst 89</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Nov 2019 10:05:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Leipzig]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
		<category><![CDATA[Wende]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Herbst 1989 überschlugen sich in der DDR die Ereignisse. Die Tagebuchaufzeichnungen des Leipzigers Radjo Monk und des Dresdners Thomas Rosenlöcher bieten unterschiedliche Perspektiven auf die Wendezeit. Umso aufregender ist die Parallel-Lektüre dreißig Jahre danach.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-right"><p><span style="font-size: 80%">Ein halbes Jahr ist vergangen, in dem so viel geschehen ist, in dem wir uns so rasant verändert haben und doch dieselben blieben. Wir haben uns nicht an Träumen, nicht an der Zeit gemessen, sondern nur an der Vermessenheit einer Clique von übergeschnappten Greisen. </span></p><cite> <span style="font-size: 80%">Radjo Monk, 21. März&nbsp;1990</span></cite></blockquote>



<p class="has-drop-cap">Nicht nur aus aktuellem Anlass seien zwei ältere, wieder zu entdeckende Wendetagebücher empfohlen: Das Tagebuch des Leipzigers Radjo Monk (i.e. Christian Heckel) <em>Blende 89</em> (2006) sowie Thomas Rosenlöchers <em>Die verkauften Pflastersteine – Dresdner Tagebuch</em> (1990). Beide Tagebücher ergänzen und bestätigen sich gegenseitig, und doch widersprechen sie einander subtil. Denn ihre Verfasser haben unterschiedliche DDR-Leben gelebt. Radjo Monk war als Oppositioneller in der Leipziger Liederszene aktiv, veröffentlichte in inoffiziellen Zeitschriften, wurde mehrmals verhaftet und von der Stasi observiert, wie seine dicke Akte zeigt. Thomas Rosenlöcher dagegen war SED-Mitglied, von 1976 bis 1979 Student am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher, kein Staatsdichter, sondern einer aus der großen Riege talentierter DDR-Lyriker, desillusioniert und angepasst zugleich: 1976 unterzeichnete er die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, wenn auch mit schlechtem Gewissen, wie er im Tagebuch glaubhaft darstellt und selbstkritisch reflektiert. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Täter, die auch Opfer waren</h3>



<p>Beide Autoren, auch Rosenlöcher, befürworten natürlich die Demonstrationen im Herbst 1989, an denen sie selbst auch teilnehmen, sie hoffen auf Reformen, auf Demokratie. Beide sind skeptisch über die von der Krenz-SED hurtig für sich reklamierte “Wende“. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das gute alte Kaderwelsch zur Kirchentonart mutiert,</p></blockquote>



<p>schreibt Rosenlöcher am 18.&nbsp;Oktober 1989 über die erste Rede von Egon Krenz. Monk schreibt am 24.&nbsp;Oktober: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie spielen nach wie vor mit der Macht und mit dem Volk Blindekuh.</p></blockquote>



<p>Beide Autoren berichten empört von Misshandlungen (die friedliche Revolution war mitnichten friedlich; dass es keine Toten gab, ein Wunder), ihre Schilderungen sind quasi austauschbar: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Polizisten schlagen noch auf ihn ein, als er schon am Boden liegt. Dann wird er auf den LKW geschleift.</p></blockquote>



<p>So Rosenlöcher in Dresden, 6. Oktober 1989. Bei Monk finden sich nahezu identische Passagen. Beide berichten immer wieder, fast wie Wasserstandsmeldungen, die Zahl derjenigen, die ‚heute‘ wieder ‚rübergemacht‘ haben. Und natürlich: Stasi, Stasi, Stasi, eines der wichtigsten Themen damals. „Stasi in die Produktion“, beide dokumentieren aufmerksam diesen Demo-Slogan, den man im Wendeherbst allerorten hören konnte. Interessant, dass Rosenlöcher und Monk auch den Fall Schnur ähnlich bewerten (Wolfgang Schnur, scheinbar Dissident und Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, war kurz vor der Volkskammerwahl im März 1990 als IM enttarnt worden). „Eigentlich“, so Rosenlöcher am 13.&nbsp;März 1990, „ist es Judas, der die Schuld der Anderen auf sich nimmt“. Und Monk, unter gleichem Datum ähnlich milde: Schnur, der ja in einem DDR-Waisenhaus aufgewachsen war, sei „wie so viele Täter und Opfer in einem“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Geschäftler aus dem Westen</h3>



<p>Was mich historisch am meisten berührt und was beide Tagebücher so authentisch macht, ist das wilde Hin und Her der Ideen, die auftauchen, um sich schnell wieder zu verflüchtigen: Sozialismus, dritter Weg, die Warnung vor einem Ausverkauf der DDR. Und die wilden Gerüchte, an denen es in revolutionären Zeiten nie mangelt. Honecker soll, Mielke soll, die Stasi soll, die Leute sollen&#8230;&nbsp;</p>



<p>Realistisch war der dritte Weg nicht: Bald schon nehmen Monk und Rosenlöcher, kritischen Sinnes, den Spin in Richtung Wiedervereinigung und vor allem in Richtung Kapitalismus wahr. Bereits im Dezember spricht Rosenlöcher vom „Häuflein der Vereinigungsgegner“, die auf den Demonstrationen gegen ‚Deutschland einig Vaterland‘ nicht mehr den Hauch einer Chance hätten (6. Dezember 1989). Und Monk sieht: „Vor dem Hotel die gepflegten Limousinen der Geschäftler aus dem Westen.“ (21. Februar 1990 über einen Besuch in Dresden) Die schnelle Transformation von der Forderung nach einem demokratischen Sozialismus – man denke an Christa Wolfs Aufruf „Für unser Land“, auch an Rosenlöchers titelgebende Kolumne über die verkauften Pflastersteine – bis hin zum ‚Anschluss‘ und die D-Mark um jeden Preis: Der erdrutschartige Sieg der Allianz hat damals viele bestürzt, die der DDR zumindest Zeit geben wollten. Im März 1990, kurz vor der Volkskammerwahl, schreibt der ein zweites Mal resignierte Rosenlöcher: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie [die DDR-Bürger] kommen bei sich selbst an, wenn sie nun wählen werden, was sie eigentlich immer schon wollten, den Westen im Osten, oder, wie ich vor Karlis Bierbude sagen hörte: ‚Ni mehr minderwertsch sein‘.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verlierersprache</h3>



<p>„Ni mehr minderwertsch sein“ – das war die Grundstimmung damals im Osten, das berechtigte Gefühl, betrogen worden zu sein und die Angst, das Leben könne einem weiterhin versagt werden. Denn natürlich hat die ganze DDR immer gewusst, dass allein sie die Kriegszeche bezahlt hat (die BRD hat das übrigens auch immer gewusst!). Drei Länder haben ja bekanntlich, nach einem bitteren englischen Witz, den Heiner Müller gern erzählte, den zweiten Weltkrieg gewonnen: die USA, Westdeutschland und Japan. Hier formierten sich jene Verwerfungen, mit denen die deutsche Gesellschaft bis heute nicht klarkommt. Das wird sich auch nicht ändern, solange Sächsisch „Verlierersprache“ bleibt, wie es in einem witzigen Aufsatz Rosenlöchers heißt. </p>



<p>Übrigens berichten beide Tagebuchschreiber – wiederum fast identisch – auch über erste Versuche westdeutscher Geschäftemacher, Ostdeutsche über den Tisch zu ziehen. Radjo Monk und Edith Tar sind im März&nbsp;1990 auf einer Party eingeladen; Mit dabei sind westdeutsche Geschäftsleute, von denen sich die Gastgeber offenbar eine Zukunftsperspektive erhoffen und die sich unmöglich aufführen. Monk zitiert das Resümee seiner Freundin: „Jetzt weiß ich, wie schnell und leicht die uns in den Sack stecken, sie machen das total sauber, wir haben keine Chance.“ Und natürlich berichten beide auch von ersten Erscheinungen von Nazigewalt: „Ausländer seien gejagt worden“, so hat Rosenlöcher gehört, wie er in einer Notiz vom 15. März 1990 notiert.</p>



<p>Spannend sind in den beiden Tagebüchern auch die Schilderungen des Alltags in diesen Tagen der Wende. Das alte Lied: Um die Ecke vollzieht sich Weltgeschichte, aber an Monks Wagen geht der Zylinderkopf kaputt und bei Rosenlöchers regnet es durch. Und doppelt spannend, was diese zwei hellwachen, ständig beobachtenden Zeitgenossen verpassen: Erst nach Tagen hört Rosenlöcher von den Gewaltexzessen am Dresdner Hauptbahnhof, wo Hunderte von DDR-Bürgern die Züge nach Prag hatten stürmen wollen. Monk wiederum verpasst die erste größere Leipziger Demo und muss sich berichten lassen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Dissident und SED-Genosse</h3>



<p>Zugleich tut sich zwischen den beiden Tagebüchern ein Spalt auf. Monk notiert am 21.&nbsp;Oktober 1989: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich fühle mich nicht gesprächsbereit im Sinne der jetzt überall beschworenen Gesprächsbereitschaft […], ich misstraue auch jenen, die sich jetzt anklagen.</p></blockquote>



<p>Und, sehr deutlich, am 22.&nbsp;Oktober 1989: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich wurde vergewaltigt, und das vergisst man nicht.</p></blockquote>



<p>Rosenlöcher, offenkundig zerknirscht und nicht mit sich im Reinen, spricht im Hinblick auf seine DDR-Jahre von seiner „ohnmächtigen Verzweiflung, bei gleichzeitiger Bereitschaft, mich einzurichten im Verfall“. Sehr ehrlich berichtet er, schon in der Rückschau, von einem Anwerbeversuch der Stasi. Er, der so schwer Nein sagen kann, lässt sich, ohne dass er direkt bereit wäre zu spitzeln, unverbindlich auf ein Gespräch ein. Erst Birgit Rosenlöcher rettet die Situation: Käme die Stasi noch einmal ins Haus, reiche sie die Scheidung ein. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven – der verhaftete, bespitzelte Dissident und der lange Zeit nur heimlich nörgelnde, halb kritische, halb resignierte SED-Genosse – machen die Parallellektüre so spannend. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger</h3>



<p>Eine wirklich zufällige Koinzidenz sei noch erwähnt, an ihr zeigen sich die unterschiedlichen Perspektiven besonders klar: Beide waren während der Wende wegen lange vorher vereinbarter Termine für einige Tage im Westen: Rosenlöcher hatte am 11.&nbsp;November eine Lesung in Freiburg, Monk war im November&nbsp;1989 im Saarland, wo er und Edith Tar Oskar Lafontaine kennenlernten, dem sie gleich einen Fotokopierer fürs Neue Forum abschwatzten. Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger bereichert beide Tagebücher enorm. Dabei erweist sich – es ist wohl kein Zufall – Rosenlöcher als deutlich ‚westkritischer‘: Der „Westspießer“ sei noch unangenehmer als der aus dem Osten. Am 22.&nbsp;November 1989 notiert Rosenlöcher in Stuttgart:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es schadet dem Charakter, einer der reichsten Männer der Welt zu sein.</p></blockquote>



<p>Auch Monk erlebt die schnell einsetzende Reserviertheit der Westdeutschen, urteilt aber anders: Er spricht kurz nach dem Mauerfall mit einigen West-Berlinern über „die Invasion aus dem Osten“ und äußert, in einer Notiz vom 16. November 1989, Verständnis für ihre Reserviertheit: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Angesichts der Bananenfresser vor Supermärkten hatte ich Mühe, meinen Landsleuten Verständnis entgegenzubringen, ihr Benehmen war einfach peinlich.</p></blockquote>



<p>Später im Jahr 1990 „meidet“ Monk sogar, wenn er in Berlin ist „den Ostteil indirekt“, wie er am 2. Oktober notiert.  </p>



<p>Rosenlöchers Tagebuch endet
mit der Volkskammerwahl am 18.&nbsp;März 1990, bei der er übrigens Wahlhelfer war,
Monks Tagebuch ein halbes Jahr später mit der Wiedervereinigung am 3.&nbsp;Oktober
1990. Beide bieten literarisch wie dokumentarisch faszinierende Einblicke in
die Wendezeit.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Hartmut Finkeldey<br>(Buchcover Wolle/Mitter: Befehle und Lageberichte des MfS)</h6>



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<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zu den Büchern</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p>Thomas Rosenlöcher<br><strong>Die verkauften Pflastersteine</strong><br>Dresdner Tagebuch<br>Suhrkamp Verlag 2009 · 115 Seiten · 7 Euro<br>ISBN: 978-3518116357 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker978-3518116357" src="data:image/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAQCAYAAAAf8/9hAAAAGXRFWHRTb2Z0d2FyZQBBZG9iZSBJbWFnZVJlYWR5ccllPAAAAUlJREFUeNpiZEADV7XlEoBUPBA7oEkdAOKF2lcfLUAWZETSqACk1gOxgUBACAOvkzsDMy8fWO7v508Mn/ftZPiwYQ2IewGIA4EGPUC2VQGI398N9vj//frV/7gASA6kBqQWaiHcgPMgiT+fPsIVv1009/+DhLD/zzsa/v96+hguDlIDNeQ83M9AjGIzSDNIDIZvWOigGA5SC5VLYAIFGMjPHBpacBeB/IwMQPyPEP+DAUgtSA9IL8gAB1CAIQNeJzd4AMLAj5tX0dSA9TiADMBQDLJB/fhlBq0rDxmEYpPAYqxSsihqYHqYGAgAZl5+iAHSMljlmbD5GRl82LgabBvIW+jhAjPgACiRYAPPaooZfj99wiDV2ovhTaieA1ijEZZgQNH3fsNqrAkKFo1YE9KnvTv/P60uQklAOBMSpUmZ4szESGl2BggwAJR/ZVgK6XqqAAAAAElFTkSuQmCC" style="border: 0px none; width: 16px; height: 16px !important; margin-left: 1px !important; margin-right: 1px !important; vertical-align: bottom !important;"></a></span> <br></p>



<p>Radjo Monk<br><strong>Blende 89</strong><br>Edition Büchergilde 2005 · 287 Seiten · 19,90 Euro<br>ISBN: 978-3936428469 <br></p>


</div> </div></div>



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		<title>Die Wende als Katalysator</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Aug 2019 10:18:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechte]]></category>
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					<description><![CDATA[Inwieweit kam der Rechtsruck im Osten aus dem Westen? Ingo Hasselbachs "Die Abrechnung" von 1993 ist hoch aktuell: Das Aussteigerbuch des ehemaligen Neonazi zeigt, welche Rolle die radikale Rechte aus dem Westen in der Wendezeit spielte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Am ersten September finden in zwei ostdeutschen Bundesländern, Sachsen und Brandenburg, Landtagswahlen statt. Im Oktober folgt die Wahl in Thüringen. In allen drei Bundesländern sind starke Gewinne der AfD zu erwarten. Zur Erklärung für den Erfolg der Rechten in der ehemaligen DDR werden oft zwei Phänomene beigezogen: zum einen die autoritäre Prägung durch die Diktatur, zum anderen die Destabilisierung durch den Umbruch nach der Wende. Man kann diese beiden Phänomene als konkurrierende Erklärungsmodelle sehen – ich bin allerdings der Meinung, dass sie sich gegenseitig verstärken: Erst der Hass auf das DDR-System, dann das Nicht-Ankommen im Westen. Allerdings erschöpft sich die Ursachenerforschung damit noch nicht. Denn würde man die Analyse hier beenden, so wäre das Hochkommen der Neuen Rechten eine reines Ost-Phänomen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein fast vergessenes Buch</h2>



<p>Doch ganz ohne den Westen lässt sich der Rechtsruck nicht erklären. Beim Wiederlesen von Ingo Hasselbachs Aussteigerbuch <em>Die Abrechnung – Ein Neonazi steigt aus</em> wird klar, welche Rolle die logistische und finanzielle Unterstützung der westdeutschen Neonazis nach der Wende für das Hochkommen der neuen Rechten im Osten spielte. Bei seinem Erscheinen im Jahr 1993 hatte Hasselbachs Buch Furore gemacht, mittlerweile ist es nur noch antiquarisch zu bekommen und fast vergessen. Dabei ist es erschreckend aktuell. Denn die Zwanzigjährigen von damals, von denen das Buch erzählt, sind die Fünfzigjährigen von heute. Also genau die Alterskohorte, die das Rückgrat der heutigen AfD darstellt. In Ingo Hasselbachs <em>Abrechnung</em> erfährt man, dass das kein Zufall ist. Viele der von Hasselbach geschilderten politischen Muster der äußersten Rechten finden wir heute wieder, mitunter auch im Parlament.</p>



<p>Ingo Hasselbach erzählt in Form eines fiktiven Langbriefs an den Vater seinen Weg in die Neonaziszene. Es war nicht nur der fallierende Staat DDR, sondern auch instabile Familienverhältnisse, die den Ost-Berliner Teenager anfällig machten für politische Verführung.</p>



<p>Ein gewalttätiger Stiefvater, eine überforderte Mutter, ein Vater, den er lange nicht kennt – diese Familienverhältnisse lassen ihn in der Heimat heimatlos werden. Nach wiederholten Streitigkeiten in der Familie geht Ingo Hasselbach eigene Wege:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Von nun an ging ich nur noch zum Schlafen in die Wohnung und ging so allen Auseinandersetzungen […] aus dem Wege. Mein Leben spielte sich fortan auf der Straße oder in den Wohnungen anderer Leute ab.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Radikalisierung im Gefängnis</h2>



<p>Hasselbach wird zum„Punk und Bürgerschreck in Lichtenberg“. Er stiehlt Alkohol und Zigaretten, und bald fällt er den DDR-Behörden auf. Er kommt ins Gefängnis, erfährt im Strafvollzug der DDR entwürdigende Haftbedingungen. Von da an ist eine Verständigung mit der ihn umgebenden Gesellschaft nicht mehr möglich. Seine ursprüngliche Rebellion gegen die unzumutbaren Familienverhältnisse, die ihn zunächst „asozial“ (damaliges Vokabular) werden ließen, verbindet sich mit einer Rebellion gegen den Staat. Weder familiär noch gesellschaftlich findet er Halt. Das sind die Verwerfungen, die einen jungen Menschen für Ideologien empfänglich machen können, und im Knast, eingesperrt zusammen mit Kriminellen und Alt-Nazis, wird Ingo Hasselbach endgültig zu einem Neonazi. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Mein im Gefängnis angestauter Haß war so extrem, daß ich Gewalt zur Lösung von Problemen in meiner Umwelt nicht mehr ausschloß.</p></blockquote>



<p>Frustration und Hass auf die Lebensverhältnisse im real existierenden Sozialismus  – das war 1989 die innere Ausgangslage vieler Jugendlicher und junger Erwachsener. Mit der Einheit kam nun auch ein funktionierendes Netzwerk der westdeutschen Rechtsradikalen in die ehemalige DDR. Diese wiederum erkannten sofort das Potential, das in der Umbruchsituation im Osten steckt. Umgehend erfolgten Kontaktaufnahmen zu den noch ungeordnet agierenden ostdeutschen Neonazis. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Nazi-Elite aus dem Westen</h2>



<p>Ingo Hasselbach berichtet hierüber ausführlich, es sind die zeitgeschichtlich interessantesten Passagen seines Buches. Im Zentrum steht Michael Kühnen, die Ikone der westdeutschen Naziszene. Im Januar 1990, drei Monate nach dem Mauerfall, trifft Hasselbach sich zum ersten Mal mit einer Gruppe von einschlägig bekannten Neonazis aus dem Westen: Michael Kühnen, Christian Worch und Nero Reisz.</p>



<p>Über Michael Kühnen schreibt
Ingo Hasselbach:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der „Führer“, das war selbstverständlich Michael Kühnen, zu dieser Zeit von allen respektiert.</p></blockquote>



<p>Hasselbach beschreibt, wie die westdeutsche „Nazi-Elite“ das Ziel vorgab:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bei diesem Treffen wurde uns erklärt, auf welches Ziel wir alle gemeinsam hinarbeiten würden. Dieses Ziel hieß: Wiederzulassung der NSDAP als in Deutschland wählbare Partei.<br>[…]<br>Ein paar Wochen später war die erste ultrarechte Partei der DDR im Parteiregister erfaßt. Mit einem allerdings noch gemäßigten Programm wurde die „Nationale Alternative“ im Parteiregister erfasst.</p></blockquote>



<p>Gelder fließen, vor allem aus
dem Westen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Innerhalb kürzester Zeit hatten wir einen erlesenen Spenderkreis, zu dem vor allem Akademiker aus Westberlin, Mediziner und Juristen, gehörten.</p></blockquote>



<p>Im Zentrum steht für Ingo
Hasselbach immer Michael Kühnen. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Auf einer sechsstündigen Eisenbahnfahrt von Hamburg zum Führungstreffen nach Fulda, wohin ich allein mit Michael Kühnen fuhr, teilte Kühnen mir mit, dass ich für den Vorsitz der „Deutschen Alternative“ vorgesehen bin.<br>[…]<br>Er gab mir auch zu verstehen, daß es nun langsam an der Zeit sei, konkrete Aktionen auf dem Boden der DDR folgen zu lassen. Als ich ihn fragte, was er damit meint, erklärte er, daß nationalsozialistische Aussprüche und Zeichen auf jüdischen Friedhöfen, die Zerstörung von sozialistischen Denkmälern und Angriffe auf Asylbewerberheime in den Medien für Schlagzeilen sorgen würden.</p></blockquote>



<p>Zu allen diesen Aktionen kam
es dann auch, inklusive der von Kühnen vorausgesagten Aufmerksamkeit. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Rechte Hausbesetzer</h2>



<p>Was einem bei der Lektüre aus heutiger Sicht auffällt, ist die Konsequenz, mit der sich die Neonazis schon damals bei linken Protestformen bedienen. Das Wort „alternativ“ war bis dato für linke, eben alternative Projekte, reserviert gewesen, nun gab es die „Nationale Alternative“ (Ost) und die &#8222;Deutsche Alternative&#8220; (West) von rechts. Es ist nicht das Einzige, was die Rechten von den Linken übernehmen. Ingo Hasselbach besetzt mit seinen Gesinnungsgenossen in Berlin-Lichtenberg ein Haus. Das erste von Rechten besetzte Haus, die Weitlingstraße 122, findet europaweite Aufmerksamkeit. Man gibt wohlmeinenden westlichen Journalisten Interviews, gern gegen Bares. Das Geld wird umgehend in die politische Arbeit gesteckt. Das gesamte Konzept der Provokation wird von links übernommen. Anfang der 90er Jahre war es auch deshalb so erfolgreich, weil verunsicherte Vertreter der Staatsmacht im Osten die Lage nicht mehr kontrollieren konnten. Manja Präkels autobiografisch gefärbter Roman <em><a href="https://www.amazon.de/Als-ich-mit-Hitler-Schnapskirschen/dp/3957322723/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=1P62BDWJNCF8K&amp;keywords=pr%C3%A4kels+schnapskirschen&amp;qid=1567073516&amp;s=gateway&amp;sprefix=Pr%C3%A4kels+Schnaps%2Caps%2C175&amp;sr=8-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß (opens in a new tab)">Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß</a></em> erzählt eindrücklich davon. </p>



<p>Mit der Zeit kommt die
Weitlingstraße dann doch ins Visier der Staatsmacht, Ingo Hasselbach wird
erneut wegen Körperverletzung verurteilt. Dann nimmt er Teil an einem neuen
sozialtherapeutischen Konzept: Im Rahmen der „tolerierenden Sozialarbeit“
arbeitet der evangelische Sozialdiakon Michael Heinisch in der Pfarrstraße in
Berlin Lichtenberg mit straffällig gewordenen Neonazis zusammen. Man lässt sie
zunächst gewähren, um dann mit ihnen ins Gespräch kommen, so das optimistische
Kalkül. Aber die Rechnung geht nicht auf. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die nationalsozialistische Ideologie hat sich im Lauf der Zeit bei vielen so festgehakt, daß es jemandem wie dem Sozialdiakon Michael Heinisch kaum möglich sein wird, auch nur einen der Neonazis […] von seiner Gesinnung abzubringen. […] So lobenswert seine Initiative ist, er überschätzt seinen Einfluß und seine Möglichkeiten beträchtlich<em>.</em></p></blockquote>



<p>Von der sozialpädagogischen
Betreuung der Gefährdeten verspricht sich Hasselbach mehr Erfolg als vom
Versuch, den ideologischen Kern hartgesottener Neonazis zu sprengen. Bei den
„noch ungefestigten Jugendlichen“ habe man mit einer demokratischen
Grundhaltung eine Chance. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Kann man mit Rechten reden?</h2>



<p>Das erinnert sehr an die
Diskussionen von heute: Mit wem ist noch Kommunikation möglich und mit wem
nicht mehr? Wen kann man erreichen, durch welche Methode auch immer? Ingo
Hasselbach war noch erreichbar, aber ohne Hilfe hätte er es nicht geschafft. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Anfang September 1991 erzählte mir mein Bruder Jens, dass in der Pfarrstraße irgend so ein Typ aus Frankreich rumschnüffelt.</p></blockquote>



<p>Dieser „Typ aus Frankreich“ sollte später der Co-Autor von Hasselbachs Aussteigerbuch werden: Es war der damals in Paris lebende Journalist und Filmemacher Winfried Bonengel. Von Bonengel stammt u.a. der Film <em>Beruf Neonazi</em>. Sein „Schnüffeln“ war nichts anderes als die Recherche für seine Filme über das Aufkommen der Neonaziszene auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Bonengel findet Zugang zu Ingo Hasselbach. In den Gesprächen mit Bonengel habe er vieles begriffen, so Hasselbach. </p>



<p>Letzter Anlass für seinen Ausstieg aus der Szene sind für ihn die Morde von Mölln im Dezember 1992. In Rostock-Lichtenhagen, im August 1992, war Ingo Hasselbach noch auf Seiten der Neonazis, bei der Gewalt von Mölln, vier Monate später, macht er nicht mehr mit.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Führungsriege aus dem Westen</h2>



<p>Das Buch heißt <em>Die
Abrechnung</em>. Ingo Hasselbach rechnet ab, vor allem auch mit sich selbst.
Warum war er so verführbar gewesen? Diese Frage zieht sich durch das ganze
Buch. Sie ist auch für Hasselbach selbst nicht leicht zu beantworten. Eine
immense Rolle spielt Instabilität, Verunsicherung. Keineswegs nur ökonomisch,
sondern auch gesellschaftlich und familiär. Wer keine Stütze hat, der greift
zum Nächstbesten, was ihm Halt verleiht. Und Ingo Hasselbach zeigt, wie
geschickt die westdeutsche Neonaziszene die Verwerfungen der Einheit ausnutzte,
indem sie den instabilen Jugendlichen vermeintliche Stabilität anbot. </p>



<p>So wurde die Wende zum Katalysator eines rechten Flächenbrandes. Doch sie war nicht dessen Ursache. Die Saat, die hier aufging, wurde vorher gelegt, und zwar in Ost wie West. Schon damals kam das Gros der Anhängerschaft der Rechten aus dem Osten, die Führungsriege und die logistische Steuerung aber aus dem Westen. Das ist heute wieder der Fall: Höcke, Kalbitz, Gauland, Weidel kommen allesamt aus dem Westen. Sie diskutieren ihre Pläne ganz offen: Ziel ist es, mit Hilfe des ostdeutschen Potentials den Westen zu gewinnen. </p>



<p>Mit dieser Strategie hatte unmittelbar nach der Wende schon Michael Kühnen junge Männer wie Ingo Hasselbach in sein rechtes Netzwerk eingebunden.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Demonstration von Republikanern in Leipzig, 1990<a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/95/Bundesarchiv_Bild_183-1990-0115-032%2C_Leipzig%2C_Demonstration_von_%22Republikanern%22%2C_Neonazis.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">
via Wikimedia Commons</a><br></h6>





<p>Ingo Hasselbach, Winfried Bonengel<br><strong>Die Abrechnung</strong><br>Ein Neonazi steigt aus<br>Aufbau Taschenbuch 2001 · 189 Seiten <br>ISBN:  978-3746670362 <br>(vergriffen, nur antiquarisch erhältlich)</p>





<figure class="wp-block-image is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="95408" data-permalink="https://tell-review.de/die-wende-als-katalysator/buchcover-6/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/08/Buchcover.jpg?fit=282%2C474&amp;ssl=1" data-orig-size="282,474" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/08/Buchcover.jpg?fit=282%2C474&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/08/Buchcover.jpg?resize=146%2C246&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-95408" width="146" height="246" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/08/Buchcover.jpg?w=282&amp;ssl=1 282w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/08/Buchcover.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/08/Buchcover.jpg?resize=178%2C300&amp;ssl=1 178w" sizes="auto, (max-width: 146px) 100vw, 146px" /></figure>





<hr class="wp-block-separator"/>



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<p><br></p>
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		<title>Die Untreue gegenüber sich selbst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 May 2019 08:24:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Marguerite Yourcenars literarisches Debüt „Alexis oder der vergebliche Kampf“ (1929) erzählt von Homosexualität, auch wenn das Wort darin nicht vorkommt – und von der Verleugnung des eigenen Selbst.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div>



<p class="has-drop-cap">Marguerite Yourcenars literarisches Debüt von 1929 hat die Form eines Bekenntnisbriefs . In <em>Alexis oder der vergebliche Kampf,</em> &nbsp;erzählt der 24-jährige Musiker Alexis seiner Frau, die er ohne weitere Erklärungen verlassen hat, von seiner Homosexualität und von dem Kampf, den er vergeblich gegen sie geführt hat. Es ist ihm nicht gelungen, sich der herrschenden Moral anzupassen. </p>



<p>Als Yourcenar &nbsp;<em>Alexis oder der vergebliche Kampf</em> schrieb, war sie so alt wie ihr Protagonist, ihre literarischen Vorbilder waren Gides <em>Traité du vain désir</em>, Rilkes <em>Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge</em> und, als Inspiration für den Namen von Alexis, die <em>Zweite Ekloge</em> von Vergil. In ihrer Erzählung wird das intime Bekenntnis, das sich gegen die Moral des frühen zwanzigsten Jahrhunderts stellt, zu einer universellen Erfahrung. </p>



<p>Auf den ersten Seiten des Buches
schreibt Alexis seiner Frau Monika:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir können eben ohne Untreue gegen uns selber nicht existieren.</p></blockquote>



<p>Das Wort „Homosexualität“ wird im Buch nie erwähnt, denn bei Alexis‘ vergeblichem Kampf geht es nicht nur um die Scham, zuzugeben, dass man sich vom Körper eines Menschen des gleichen Geschlechts angezogen fühlt. Es geht um eine viel grundsätzlichere Untreue gegenüber sich selbst: Eine Untreue, die unausweichlich zu sein scheint, wenn man sich den innersten Aspekten seiner Existenz stellen will – auch denen, die mit dem eigenen Körper und dem Körper der anderen zu tun haben. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Vielleicht ist die Wollust nur deshalb so schrecklich, weil sie uns darüber belehrt, dass wir einen Körper haben. Früher brauchten wir ihn nur, um zu leben; jetzt merken wir, dass dieser Körper sein eigenes Dasein, seine Träume und seinen Willen hat und dass wir bis zu unserm Tode mit ihm rechnen, ihm nachgeben oder ihn bekämpfen müssen. Wir fühlen (wir glauben zu fühlen), dass unsere Seele nichts weiter ist als sein tiefster und schönster Traum.</p></blockquote>



<p>Der Brief ist eine Erzählung in der ersten Person, eine zarte Prosa voller poetischer Reflexionen, denn Yourcenar verwandelt das Drama derjenigen, die, um mit Adorno zu sprechen, das richtige Leben im falschen suchen, in Poesie. Man versteht die existenzielle Qual des Protagonisten, diesen unnatürlichen und aussichtslosen Kampf gegen sich selbst. Am Ende gewinnen die Kunst, der Musiker in Alexis und seine Hände.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Diese Hände hatten sich im vergänglichen Genuss der Umarmung um manchen Leib gelegt; hatten dankbar dem unhörbaren Wohllaut der Formen nachgetastet; hatten im Dunkel der Nacht die atmende Unsichtbarkeit des Schlafes gestreichelt. (&#8230;) Es waren die anonymen Hände eines Musikers. Sie waren, durch die Musik, meine Vermittler zu jener Unendlichkeit, die wir Gott zu nennen wagen; sie ließen mich durch das trunkene Glück der Berührung teilhaben am Leben der andern.</p></blockquote>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Hand am Klavier,<br> Tadas Mikuckis [CC0], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Piano_time_(Unsplash).jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a><br>Buchcover: Verlag</h6>





Marguerite Yourcenar<br>
<strong>Alexis oder der vergebliche Kampf</strong><br>
Aus dem Französischen von Peter Gan<br>
Carl Hanser Verlag 1993 · 144 Seiten · 14,90 Euro<br>
ISBN: 978-3446142954<br><br>
Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3446142959/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a HREF="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&#038;site=3780&#038;type=text&#038;tnb=14&#038;prd=yes&#038;suchwert=9783446142954" TARGET="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><IMG SRC="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&#038;ref=776227&#038;b=0&#038;type=text&#038;tnb=14" BORDER="0" WIDTH="1" HEIGHT="1"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel





<figure class="wp-block-image"><a href="https://www.amazon.de/dp/3446142959/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="176" height="300" data-attachment-id="15787" data-permalink="https://tell-review.de/81u7sx31qhl/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/05/81u7Sx31qhL.jpg?fit=1295%2C2207&amp;ssl=1" data-orig-size="1295,2207" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="81u7Sx31qhL" data-image-description="&lt;p&gt;Marguerite Yourcenar&lt;br /&gt;
Alexis oder der vergebliche Kampf&lt;br /&gt;
Hanser 1993&lt;br /&gt;
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<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Terror von unten</title>
		<link>https://tell-review.de/terror-von-unten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Mar 2019 13:01:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
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					<description><![CDATA[Noch im Exil schrieb Franz Neumann seine Studie über den Nationalsozialismus 1933-1944. Das Dritte Reich sei kein Staat gewesen, sondern eine politische Bewegung von unten, so seine These in "Behemoth".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.</p>
<p>Weitere Beiträge:</p>
<ul>
<li><a href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Der Faschismus – schneller, billiger, effizienter</a></li>
<li><a href="https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sprache und Herrschaft</a><br />
</div></div></li>
</ul>
<p><span class="dropcap">I</span>m Exil während des Zweiten Weltkrieges schrieb der Jurist und Politologe Franz Neumann sein Buch <em>Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944.</em> Es ist ein bemerkenswertes Zeitdokument, das der Frage nachgeht, wieso eine Gesellschaft einem verbrecherischen Regime bis in den Untergang folgt.</p>
<p>Neumann beschreibt das sogenannte Dritte Reich weniger als einen neuen Staat, sondern vielmehr als eine politische Bewegung, die von der Geschichte unseligerweise mit staatlichen Machtmitteln ausgestattet wurde.</p>
<h3>Anarchisch gestimmte Kleinbürger</h3>
<p>Sein Freund und Mitstreiter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fraenkel_(Politikwissenschaftler)" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ernst Fraenkel</a> sah den Charakter des Dritten Reichs ähnlich, er ging deswegen von einem „Doppelstaat“ aus, der zugleich durch Gesetze von oben sowie durch Terror von unten Macht ausübt. Franz Neumann geht noch weiter: Das wesentliche Moment des nationalsozialistischen Systems sei die Methode „Terror und Propaganda“. Ausführende Organe dieser Methode sind alle Organisationen der nationalsozialistischen Bewegung, einigende Kraft dieser konkurrierenden Organe wiederum ist einzig Adolf Hitler. Terrorakte, die in Hitlers Namen begangen wurden, durften der Straffreiheit sicher sein.</p>
<p>Neumann schreibt Anfang der 1940er-Jahre:</p>
<blockquote><p>Charismatische Herrschaft ist lange Zeit vernachlässigt und lächerlich gemacht worden, hat aber offenbar weit zurückreichende Wurzeln und wird, wenn die geeigneten psychologischen und sozialen Bedingungen erst einmal vorhanden sind, zu einer machtvollen Antriebskraft. Die charismatische Macht des Führers ist kein bloßes Trugbild – niemand kann bezweifeln, daß Millionen an sie glauben.</p></blockquote>
<p>Der Kitt dieser Herrschaftsform sei nicht eine politische Theorie, Gesetze oder gar eine Verfassung, sondern allein das Führerprinzip:</p>
<blockquote><p>Tatsächlich gibt es außer der charismatischen Führergewalt keine Autorität.</p></blockquote>
<h3>Behemoth statt Leviathan</h3>
<p>Für diesen gesetzlosen Terror einer Bewegung, die nur der Dynamik des Führerprinzips verpflichtet ist, findet Neumann bei Thomas Hobbes das anarchistische Landungeheuer Behemoth als Sinnbild. Er setzt damit bewusst ein Gegenbild zum Seeungeheuer Leviathan, das bei Hobbes für den alles kontrollierenden Staat steht. Der Terror ist Methode und Inhalt der Gesellschaft in einem, er ist Ausdruck des anarchisch gestimmten Kleinbürgerabsolutismus. Inhaltlich bietet die „neue Gesellschaft“ lediglich die Rassentheorie an, ansonsten ist ihr Inhalt deckungsgleich mit ihrer totalitären Methode.</p>
<blockquote><p>Propaganda ist kein Ersatz für Gewalt, sondern eine ihrer Seiten. Beide verfolgen denselben Zweck: die Menschen der Kontrolle von oben zu unterwerfen.</p>
<p>Was der Nationalsozialismus mit seiner Propaganda getan hat und weiter tut, ist die schwache Stellen im Gesellschaftskörper auszubeuten. […] Solche schwachen Stellen sind in jedem sozialen Organismus zu finden.</p></blockquote>
<p>Die Probleme, die sich aus dem Kampf gegen Propaganda ergeben, beschreibt Neumann so:</p>
<blockquote><p>Die Überlegenheit der nationalsozialistischen gegenüber der demokratischen Propaganda beruht auf der vollständigen Umwandlung von Kultur in Schleuderware. Eine Demokratie kann die Propaganda nie gänzlich von der Wahrheit ablösen, weil es in ihr konkurrierende Propagandaapparate gibt, und diese ihren Wert letzten Endes durch tatsächliche Leistungen im sozialen Leben unter Beweis stellen müssen. Der Nationalsozialismus hat weder eine politische noch eine soziale Theorie. Weder besitzt er eine Philosophie noch interessiert ihn die Wahrheit. Er übernimmt in jeder beliebigen Situation jede Theorie, die sich als nützlich erweisen könnte, und er lässt diese Theorie wieder fallen, sobald sich die Situation ändert.</p></blockquote>
<h3>Propaganda ohne Inhalt</h3>
<p>Mit Faschisten kann man nicht über Inhalte diskutieren. Diese sind für sie austauschbar. Was zählt, sind die Machtstrategien: Propaganda und Gewalt. Es gibt dabei keinen Wirklichkeitsabgleich, ein Phänomen, das auch heute wieder zu beobachten ist, etwa im Zusammenhang mit dem Brexit.</p>
<p>Neumann resümiert:</p>
<blockquote><p>Die nationalsozialistische Propaganda wird immer überlegen bleiben, weil die nationalsozialistische Kultur Propaganda ist und sonst nichts, während die demokratische Kultur eine Mischung aus beidem darstellt. Die nationalsozialistische Propaganda kann nicht durch eine demokratische „Superpropaganda“ geschlagen werden, sondern nur von einer überlegenen, die schwachen Stellen beseitigenden demokratische Politik.</p></blockquote>
<p>Diese Sätze sind auch in der heutigen Situation relevant. Auf Facebook und Twitter tobt sich der Kleinbürgerabsolutismus aus. Auch heute gilt, dass die Demokratie nur durch bessere Politik überzeugen kann. Propaganda können die Rechten besser.</p>
<p>Zugleich gibt es Grenzen der Analogien: Einen „charismatischen Führer“ haben die Neuen Rechten in Deutschland (noch) nicht, auch ist die Situation weder innen- noch außenpolitisch so desaströs, dass der Glaube an die Notwendigkeit eines solchen Führers mehrheitsfähig wäre.</p>
<h3>Das korrumpierte Volk?</h3>
<p>Ist die entfesselte Gewalt, wirklich nur Ergebnis der Anwendung der Methode „Gewalt und Propaganda“ auf ein Volk, das eigentlich gar nicht radikal denkt? Oder stößt der Ton der alten wie der neuen Rechten in Teilen der Bevölkerung doch auf Resonanz?<br />
Im letzten Satz der ersten Fassung des <em>Behemoth</em> von 1941 hofft Franz Neumann noch auf den „Sturz des Regimes“ durch die „unterdrückten Massen“. Neumann, der nach dem Krieg einer der wichtigsten Köpfe hinter der Entnazifizierung wurde, wollte die Deutschen noch nicht ganz aufgeben.</p>
<p>Aber er ahnt bereits, dass die Dynamik des Behemoth allein mit den „unterdrückten Massen“ nicht erklärbar ist. Neumanns Auseinandersetzung mit der Studie <em>State of the Masses</em> (1940) des nach New York emigrierten österreichischen Soziologen Emil Lederer macht das deutlich. Lederer geht von einer Korrumpierung des deutschen Volkes durch die Nazis aus, die dem Volk neben einem rauschhaften Erlebnis auch materielle Gaben anbieten. Neumann, der Lederers Buch immerhin ein „Körnchen Wahrheit“ zugesteht, fasst sein ablehnendes Urteil so zusammen:</p>
<blockquote><p>Träfe Lederers Analyse zu, wären unsere bisherigen Überlegungen völlig falsch. Der Sozialimperialismus wäre dann nicht ein Mittel, die Massen zu umfangen, sondern Ausdruck ihres spontanen Verlangens. Der Rassismus wäre […] tief in den Massen verwurzelt. Die Führeranbetung wäre ein echtes semireligiöses Phänomen und nicht bloß ein Mittel, um Einsicht in den Ablauf des sozioökonomischen Mechanismus zu verstellen.</p></blockquote>
<p>Man fragt sich beim Lesen dieser Zeilen, ob Franz Neumann nicht genau hier, in der Beschreibung einer Position, die er eigentlich ablehnt, das Wesen des Behemoths, des Terrors von unten, am angemessensten beschreibt. Im ergänzenden Teil, den Neumann der Neuausgabe 1944 zugefügt hat, enthält er sich eines eindeutigen Urteils. Nun wird das deutsche Volk vom emigrierten Juden Franz Neumann nicht mehr freigesprochen.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Franz Neumann<br />
<strong>Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944</strong><br />
Aktualisierte Neuausgabe, hg. von Alfons Söllner und Michael Wildt<br />
Europäische Verlagsanstalt 2018 · 757 Seiten · 38 Euro<br />
ISBN: 978-3863930486<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3863930487/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783863930486" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="15158" data-permalink="https://tell-review.de/terror-von-unten/cover-15/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?fit=321%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="321,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?fit=321%2C499&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-15158" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=193%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="193" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=193%2C300&amp;ssl=1 193w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=300%2C466&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?w=321&amp;ssl=1 321w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Bücherverbrennung, Berlin 11. Mai 1933<br />
Von Georg Pahl<br />
Via Bundesarchiv<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-14597,_Berlin,_Opernplatz,_B%C3%BCcherverbrennung.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bundesarchiv</a><br />
<span class="licensetpl_attr">Lizenz: CC-BY-SA 3.0</span></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Ein &#8222;Mann ohne Eigenschaften&#8220; der Antike</title>
		<link>https://tell-review.de/ein-mann-ohne-eigenschaften-der-antike/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jan 2018 09:39:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Antike]]></category>
		<category><![CDATA[Briefroman]]></category>
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					<description><![CDATA[Kaiser Hadrian, wie Marguerite Yourcenar ihn in ihrem Roman "Ich zähmte die Wölfin" neu erfunden hat, ist ein Mensch nur für sich. Er lebt in einer Zeit nach den Ideologien. Darin ist er uns verwandt. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div></p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12104" data-permalink="https://tell-review.de/ein-mann-ohne-eigenschaften-der-antike/cover-7/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-2.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="314,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-2.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-12104 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-2-189x300.jpg?resize=189%2C300" alt="" width="189" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-2.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-2.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-2.jpg?resize=300%2C477&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-2.jpg?w=314&amp;ssl=1 314w" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" /><br />
<span class="dropcap">M</span>arguerite Yourcenars Roman<em> Ich zähmte die Wölfin</em> besteht aus einem einzigen langen Brief. Der sechzigjährige Kaiser Hadrian fühlt, dass er bald sterben wird. In seiner Villa in Tivoli schreibt er an seinen Adoptivenkel, den späteren Herrscher Marc Aurel. Der Brief entwickelt sich zu einer poetischen Reflexion:</p>
<blockquote><p>Mein Leben kann ich nicht &#8230; [so leicht] in feste Formen gießen. Wie das oft geht, lässt es sich besser durch das, was ich nicht war, umschreiben, als umgekehrt; ein guter Soldat, aber kein großer Feldherr, ein Kunstliebhaber, aber kein Künstler, für den sich der sterbende Nero gehalten hat, manchen Verbrechens fähig, doch mit keinem belastet.</p></blockquote>
<p>Hadrian, der hier als antiker Mann ohne Eigenschaften erscheint, ließ die Worte „Humanitas, Felicitas, Libertas“ auf Münzen prägen: Menschlichkeit, Glückseligkeit, Freiheit. Ein Motto, das uns heute ebenso erreicht wie damals die Römer.</p>
<p>Anhand eines Zitats aus Flauberts Briefen erklärt Marguerite Yourcenar in den Notizen, die dem Roman beigefügt sind, warum sie ein Buch über den Kaiser Hadrian geschrieben hat: „Als es die Götter nicht mehr gab und Christus noch nicht, war zwischen Cicero und Marc Aurel ein einmaliger Augenblick entstanden, in dem der Mensch für sich existierte.“</p>
<p>Sie habe einen großen Teil ihres Lebens damit zugebracht, schreibt Yourcenar, in der Gestalt des Kaisers Hadrian</p>
<blockquote><p>diesen alleingelassenen und doch allem verbundenen Menschen zu bestimmen und ihm dann Farbe zu verleihen.</p></blockquote>
<p>Die Form des Briefes, in der <em>Ich zähmte die Wölfin</em> gehalten ist, war in der Antike weit verbreitet. Aber es geht in diesem Roman nicht in erster Linie um die historische Authentizität. Es handelt sich um ein fiktives Selbstporträt von Hadrian: Wichtig sind die Gefühle des Menschen, der die Geschichte erlebt und – als Kaiser – mitgestaltet hat. Durch das Ausdrucksmittel des Briefes verschmilzt das Objektive mit dem Subjektiven, das Wesentliche wird in eine poetische Sprache übersetzt.</p>
<blockquote><p>Noch wusste ich nicht, dass der Schmerz seine Irrgärten hat, die ich noch nicht bis ans Ende durchwandert hatte.</p></blockquote>
<p>So beschreibt Hadrian seine Trauer um den Tod seines jungen Geliebten Antinous, für den er 300 Kilometer südlich von Kairo die Stadt Antinoupolis errichten ließ – er ließ Antinous verehren wie ein Gottheit.</p>
<p>Der Protagonist von Yourcenars Roman ist mit seiner historischen Zeit verbunden, doch berührt er zugleich eine universelle Dimension: Auch wir leben heute in einer Zeit, in der der Mensch „für sich“ existiert, in einer Zeit nach den Ideologien. Am Ende seines Lebens lässt Yourcenar den Kaiser als Menschen sprechen, der keine Angst vor dem Alleinsein hat – auch nicht vor dem Alleinsein im Tod.</p>
<blockquote><p>Verweile noch einen Augenblick, betrachten wir noch einmal die vertrauten Ufer und die Dinge, die wir wohl nie wiedersehen werden&#8230;<br />
Wir wollen versuchen, sehenden Auges in den Tod einzugehen.</p></blockquote>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"></div></div><br />
Marguerite Yourcenar<br />
<strong>Ich zähmte die Wölfin</strong><br />
Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian<br />
Roman · Aus dem Französischen von Fritz Jaffé<br />
dtv 1998 · 336 Seiten · 10,90 Euro<br />
ISBN: 978-3423124768<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3423124768/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783423124768" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Büste des Kaisers Hadrian und seines Geliebten Antinous - Britisches Museum<br />
Foto: SanGavinoEN [<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html">GFDL</a> oder <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHadrian_and_Antinous_bust_British_Museum.jpg">via Wikimedia Commons</a></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Katharina Blum revisited</title>
		<link>https://tell-review.de/katharina-blum-revisited/</link>
					<comments>https://tell-review.de/katharina-blum-revisited/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 11:07:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[#metoo]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum 100. Geburtstag ist Heinrich Böll überraschend aktuell: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" zeigt, wie nah uns die 1970er Jahre sind. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">A</span>uf dem Höhepunkt der ersten Terrorwelle Anfang der 70er Jahre in der Bundesrepublik veröffentlichte Heinrich Böll 1974 <em>Die verlorene Ehre der Katharina Blum, oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann</em>. Diese Erzählung war sein Kommentar zum Sympathisantenvorwurf, der ihm und anderen Intellektuellen von konservativer Seite gemacht wurde. Sie hätten dem Terror der RAF Vorschub geleistet, so hieß es damals.<br />
Mit seiner Erzählung dreht Böll den Spieß um. Im Wirken der „ZEITUNG“, in der unschwer die BILD-Zeitung zu erkennen ist, sieht er eine Ursache der Gewalt.</p>
<blockquote><p>Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der „BILD“-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.</p></blockquote>
<p>So heißt es süffisant in der Vorrede. Die Praktiken der ZEITUNG, wie Böll sie schildert, bestehen in Manipulation und einseitiger Interpretation der Fakten.</p>
<p>Die Titelfigur Katharina Blum ist eine geschiedene Frau, die im Cateringservice arbeitet. Sie hat sich scheiden lassen wegen der körperlichen Zudringlichkeit ihres Ehemanns, eine Zudringlichkeit, die sie auch in ihrem Beruf erfährt, durch Angehörige der feiernden und sich betrinkenden Oberschicht. Ihre Standfestigkeit bringt ihr den Spitznamen Nonne ein.</p>
<p>Die „Nonne“ aber verliebt sich, und zwar in den bereits überwachten Straftäter Ludwig Götten. Nachdem sie eine Nacht mit ihm verbringt und ihm bei der Flucht hilft, gibt die Polizei diese Ermittlungsinformation unter der Hand an die ZEITUNG weiter. Diese sorgt im Handumdrehen dafür, dass aus der „Nonne“ eine „Nutte“ wird, ein „Räuber-Flittchen“, die ZEITUNG weiß von häufigen „Herrenbesuchen“ zu berichten. Nun beginnt für Katharina Blum der Terror der anonymen Briefe und Telefonanrufe.</p>
<p>Die handlungsstarke Geschichte ist voller Gewalt: legale, illegale, halblegale Gewalt, und zwar in Tat und Wort:</p>
<blockquote><p>Hat er dich denn gefickt?</p></blockquote>
<p>fragt der Polizist Beizmenne, als er den bereits geflohenen Götten in Katharinas Wohnung verhaften will.</p>
<blockquote><p>Nein, ich würde es nicht so nennen.</p></blockquote>
<p>Die Geschichte endet mit der Ermordung des Journalisten der ZEITUNG, der für die entehrende Berichterstattung verantwortlich ist. Katharina verspricht ihm ein Interview und lässt ihn in ihre Wohnung. Im Bericht für ihren Anwalt beschreibt sie die Situation folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>Nun, ich sah sofort, welch ein Schwein er war, ein richtiges Schwein. Und dazu hübsch. [..] &#8230;und er kam mir nach und sagte: „Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümelein – ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen.“ Nun, inzwischen war ich bei meiner Handtasche, und er ging mir an die Kledage, und ich dachte:“Bumsen, meinetwegen“, und ich hab die Pistole rausgenommen und sofort auf ihn geschossen. […] Ja, nun müssen Sie nicht glauben, daß es etwas Neues für mich war, daß ein Mann mir an die Kledage wollte – wenn Sie von ihrem vierzehnten Lebensjahr an, und schon früher, in Haushalten arbeiten, sind Sie was gewohnt. Aber dieser Kerl und dann Bumsen; und ich dachte: Gut, jetzt bumst´s.“</p></blockquote>
<p>Nur vier Jahre später sagte Böll dem französischen Journalisten René Wintzen im Interviewband <em>Eine deutsche Erinnerung</em>:</p>
<blockquote><p>Katharina Blum ist mir sehr weit entrückt, weil diese Erzählung natürlich einen pamphletistischen Zug hatte.</p></blockquote>
<p>Weit entrückt? Pamphletistisch? Das mag ihm so erschienen sein – umso aktueller dagegen ist sein Roman heute, am hundertsten Geburtstag des Autors. Fake news, #metoo und das weltweite Erstarken des Überwachungsstaats: Unsere Zeit ist den 70er Jahren auf eine unheimliche Weise nah.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Heinrich Böll<br />
<strong>Die verlorene Ehre der Katharina Blum</strong><br />
Erzählung<br />
dtv 1976 · 160 Seiten · 8,90 Euro<br />
ISBN: 978-3423011501<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3423011505/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783423011501" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
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		<title>Vom Geheimnis gehütet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Jun 2017 06:40:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[NS-Verbrechen]]></category>
		<category><![CDATA[Triest]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Risiera di San Sabba in Triest war schon einmal Schauplatz eines Romans: In Thomas Harlans "Heldenfriedhof" (2006) geht es um die NS-Täter der "Aktion Reinhardt" und das Schweigen über ihre Taten.   ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Dieser Lektüretipp steht thematisch im Zusammenhang mit Claudio Magris&#8216; Roman <em>Verfahren eingestellt. </em>Weitere Beiträge zu Magris:</p>
<ul>
<li><a href="http://tell-review.de/gegen-das-vergessen-des-vergessens/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Gegen das Vergessen des Vergessens&#8220;</a>: Rezension von <a href="http://tell-review.de/author/frank-hahn/" target="_blank" rel="noopener">Frank Hahn</a></li>
<li><a href="http://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Triest – Spiegel der Weltgeschichte&#8220;</a>: Essay von <a href="http://tell-review.de/author/agnese-franceschini/" target="_blank" rel="noopener">Agnese Franceschini</a><br />
</div></div></li>
</ul>
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<p>In Thomas Harlans Werk geht es nicht um Auschwitz, denn über Auschwitz hätte er nur Dinge berichten können, die er von anderen wusste, so der Autor in einem Interview. Die Verbrechen der Aktion Reinhardt dagegen hatte Harlan selbst recherchiert, als er in den 1960er-Jahren in polnischen Archiven nach Beweisen für die Anschuldigungen gegen NS-Täter suchte, die er anlässlich der Aufführung seines Theaterstücks <em>Ich selbst und kein Engel</em> 1959 in Berlin verlesen hatte. Später setzte er seine Recherchen in Triest fort.</p>
<h3>Die unbekannten NS-Verbrecher</h3>
<p>Denn zu den Mordstätten der Aktion Reinhardt, deren Mitglieder in den Vernichtungslagern Bełżec, Treblinka und Sobibór mehr als zwei Millionen Menschen vergasten, gehörte auch die Risiera di San Sabba in Triest. Nachdem das Vernichtungswerk in Polen im Herbst 1943 abgeschlossen war, die Lager und somit alle Beweise vernichtet, wurden die verbliebenen Beteiligten der Aktion Reinhardt nach Triest beordert. Dort errichteten sie ein letztes Konzentrationslager.</p>
<blockquote><p>Die achtundsiebzig überlebenden Pfleger und Brenner des ‚Reinhard‘-Stabs der <em>Zweiundneunzig</em> hatten nach Bewältigung einer nahezu menschenunmöglichen, zwei Jahre ihres Lebens und zahllose Leben aufzehrenden Aufgabe im Zustande völliger Ermüdung ihre Verlegung von Lublin nach Triest im Landmarsch mit Automobilen bewerkstelligt, dessen Kolonne von siebenundzwanzig Kübelwagen und Privatfahrzeugen sowie zwei Autobussen der Reichspost nach einem Halt und Umtrunk im Pferdestall der Kärntner Gauleitervilla von Pörtschach am Wörthersee mit dem Hausherrn und persönlich mit dem Herrn in Personalunion Reichsstatthalter Adriatisches Küstenland, Rainer, Friedrich, am 23. Oktober 1943 das Lager ‚Risiera di San Sabba‘ erreichte, eine ehemalige, aus sieben, teils sechsstöckigen Fabrikteilen bestehende Reismühle, die ein Schornstein überragte.</p></blockquote>
<p>Ein Satz, der so lang und kräftezehrend ist wie der Landmarsch, den er beschreibt. Thomas Harlan treibt die Sprache in seinen Sätzen bis an die Grenzen des Möglichen. Die Lektüre ist so lohnend wie anspruchsvoll, schon das Inventar der Figuren und Schauplätzen ist kaum zu überblicken, zumal wir hier den unbekannten NS-Verbrechern begegnen. Zum Beispiel Christian Wirth, dem Inspekteur der Vernichtungslager der Aktion Reinhardt. Wir werden Zeuge, wie er in der Risiera seine Mannen sammelt. Es ist eine der wenigen kinematografischen Szenen des Romans:</p>
<blockquote><p>Draußen unter neuer Sonne stand der Haufen, trat schon der Haufen heraus, als das Eisentor aufgerissen wurde, Hunde anschlugen, Hunde zurückgepfiffen wurden, das Schilderhaus strammstand, Kradfahrer in den Hof brausten, Seitenwagen fast kippten, bremsten, als die Staubmäntel hochflogen, der Staub sich schon legte, die Schutzbrillen schon abgenommen waren, die Hacken schon knallten, als, wer weiß, ob er es schon war, als jeder wußte, Christian kommt, als Christian kam, aufrecht in seinem Geländemercedes stehend, die Hand am Fernstecher, und stoppte, ausstieg, vor den Haufen trat, grüßte, anschiß, „Penner“ sagte, und dann das Kroppzeug abschritt, erst das deutsche, dann das erdbraune fremdvölkische, mal stehenblieb, mal in die sogenannten Gesichter blickte, Koppel im Geist polierte, gerne Litzen abgerissen hätte, und sich dann plötzlich in der Hofmitte aufbaute, im stumpfen Winkel zu seinen beiden ‚Reinhard‘-Einheiten, und verfügte: R-2 kommt nach Fiume, los, R-3 nach Udine, R-1, ihr Schlappsäcke, bleibt hier im Bau, spurt euch.</p></blockquote>
<h3>Verwandtschaft der Täter mit den Opfern</h3>
<p>Der Protagonist Enrico Cosulich macht sich auf die Suche nach seiner gemütskranken Mutter Maria. Ihre Spuren verlieren sich in der Risiera, und Enrico muss, nach einer weitverzweigten Forschungsreise durch Zeiten und Weltgegenden, erkennen, dass es eine letzte Nähe zu den Mördern gibt: Er wird dereinst in der gleichen Erde ruhen wie sie.</p>
<p>Die Verwandtschaft der Täter mit den Opfern ist ein Leitmotiv des Romans. Oft ist dieses Motiv versteckt, beispielsweise in dieser Unterhaltung in der Risiera (eine Fortführung der obigen Szene):</p>
<blockquote><p>R-3 wollte „Decken“ für Udine, „da is schon Winter“; R-3-Chef Reichleitner (Franz) war eine „blöde Bemerkung herausgerutscht“ (so erklärte er sich alles später im Bau), er hatte „einfach nur mal so“ gesagt, daß „ohne Degge do obe, könne die sich jo de Doot hole“. Die Antwort Christians saß: „Dozu sin die doch do.“</p></blockquote>
<p>Dieser Wortwechsel geht auf eine Passage im Gerstein-Bericht zurück. Der Chemiker Kurt Gerstein wurde als SS-Obersturmführer und Hygienefachmann 1942 in Bełżec Augenzeuge der Vergasung. In dem Bericht, der bei den Nürnberger Prozessen als Beweismaterial verwendet wurde, bezieht sich die Bemerkung, &#8222;dazu sind sie doch da&#8220;, auf die Opfer, die nackt im Freien vor der Gaskammer warten mussten <span style="margin: 0px; line-height: 115%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 12pt;"><span style="color: #000000;">– </span></span> auch im Winter, wie ein Wachmann Gerstein auf Anfrage bestätigt. In der Risiera sind die Täter nin selbst in Gefahr, Opfer zu werden. Der Tod droht ihnen nicht nur von den italienischen und jugoslawischen Partisanen, sondern auch von den eigenen Leuten. Denn die Täter der Aktion Reinhardt wissen zu viel.</p>
<h3>Das Geheimnis mit ins Grab nehmen</h3>
<p>Thomas Harlans <em>Heldenfriedhof</em> ist eine Mischung aus Fakten und Fiktion, ebenso wie Claudio Magris‘ Roman-Essay <a href="http://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/" target="_blank" rel="noopener"><em>Verfahren eingestellt</em></a>. In <em>Heldenfriedhof</em> begegnen wir 16 verbliebenen Tätern der Aktion Reinhardt im Jahr 1962, sie sammeln sich ein letztes Mal, um sich umzubringen, und zwar auf dem titelgebenden &#8222;Cimitero degli Heroi&#8220; in Aquilea. Es ist die Zeit, in der die Justiz die Verfolgung der NS-Verbrechen aufnimmt, und die Täter wollen ihr Schweigegelübde halten, indem sie ihre Verbrechen mit ins Grab nehmen. Dieser fiktive Massenselbstmord ist in <em>Heldenfriedhof</em> ein Symbol für das Schweigen im Nachkriegsdeutschland.</p>
<p><em>Heldenfriedhof</em> sei ein Klagegesang, sagte Thomas Harlan. Es ist auch ein Mahnmal für das von Magris benannte „Vergessen des Vergessens“: Wem sind heute beispielsweise die Daten bewusst, die die systematische Vernichtung von Menschenleben einrahmen? Am 7. Dezember 1941  begannen die Morde im Gaswagen im noch improvisierten Vernichtungslager Kulmhof, und am 5. November wurden in der „Aktion Erntefest“ die noch verbliebenen Zwangsarbeiter der deutschen Lager im besetzten Polen erschossen.</p>
<p>Thomas Harlan hat diesen beiden Daten ein Denkmal gesetzt, mit einem kühnen, auf Anhieb kaum lesbaren und bis zum Bersten aufgeladenen Satz. Mit dem „sie“ im Subjekt sind die &#8222;namentlich genannten und auch die nicht genannten Figuren&#8220; von Enricos Erzählung gemeint, ebenso ihr Erzeuger; sie alle waren Kranke, &#8222;wie es jene wurden, die darin lasen&#8220;. Ihre Krankheit hat zu tun mit einem Geheimnis, &#8222;das sie mit niemandem teilen konnten, weil sie eins mit ihm waren&#8220;.</p>
<blockquote><p>Ungewöhnlich an diesem Geheimnis nur war, daß nicht sie es waren, die es hüteten;  sie waren es, die von ihm gehütet wurden, riesige, ihren Hund vor sich selbst schützende Herden, die, ohne sich je dessen bewußt geworden zu sein, mit ihrem Wächter zusammengewachsen sein mußten und sich wiederum dadurch auszeichneten, daß, obschon sie davon so gut wie nichts wußten, ihre Zeit am 7. Dezember 1941 (ohne zu verstehen, was es mit diesem Tage auf sich hatte) abgelaufen war, auch dann, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren waren, und daß die Zeit, die folgte, wenn es überhaupt Zeit war und nicht etwas, das noch keinen Namen hatte, obschon es dauerte und das dauernde Etwas bis zum 5. November 1943 um Mitternacht andauerte – daß die Zeit also, die folgte, nicht zählte, auch dann nicht, wenn sie aus Gewohnheit oder aus noch schlechteren Gründen die Tage weitergezählt und nicht bemerkt hatten, daß ihr Lebenslauf von einem anderen Lebenslauf begleitet wurde, der zum Stillstand gekommen war und den sie nun hinter sich ließen, einen Stillstand, den sie mit anderen Stillständen teilten, gelassenen Leben, die, nicht mehr geführt, verkamen und im Wirrwarr jener Fäden, bald miteinander verknotet, fast Filz, dickfellig jenes Winterfett bildeten, Flomen und Liesen, den Schmerfluß der vor jeglicher Erinnerung sich hütenden Relikte des Gewissens, von dessen nagender Sucht und Berührung mit dem Unseligen das überfütterte Gewebe sie nun verschonen würde.</p></blockquote>
<p>Der Satz gibt in seiner Struktur den Wirrwarr jener Fäden wieder, die sich verfilzen. Er verweigert sich dem Verstehen in ähnlicher Weise, wie die Täter und ihre Nachgeborenen sich der Erinnerung verweigern.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
Thomas Harlan<br />
<strong>Heldenfriedhof</strong><br />
Roman<br />
Rowohlt Taschenbuch 2011 · 720 Seiten · 10,99 Euro<br />
ISBN: 978-3499256899<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3499256894/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783499256899" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="gslidryzysiwbykaoaqa" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: Risiera di san Sabba.<br />
(<span class="mw-mmv-title">Fabrikgebäude mit Gedenkstätte an der Stelle des gesprengten Krematoriums</span>)<br />
Bearbeitet von Sieglinde Geisel<br />
Von <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Zapping" target="_blank" rel="noopener">Zapping</a>, 2005<br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/" target="_blank" rel="noopener">CC BY 2.5<br />
</a>Buchcover: Verlag</h6>
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