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	<title>Herwig Finkeldey &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Herwig Finkeldey &#8211; tell</title>
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		<title>Rechte Snobs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jun 2026 07:51:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Mann bezeichnete Oswald Spengler in einer Rezension als Snob, der sich um Widersprüche seines Denkens nicht schert. In der rechtsintellektuellen Szene kehrt diese Spielart des Snobismus zurück.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Im Jahr 1922 veröffentlicht Thomas Mann eine Rezension über Oswald Spenglers <em>Der Untergang des Abendlandes</em>, zunächst auf Englisch in der New Yorker Tageszeitung „The Dial“, später auch auf Deutsch. Er versagt diesem Werk seine Anerkennung nicht. Aber er erkennt hinter dem Werk eine „fatale“ geschichtsphilosophische Geisteshaltung des Verfassers, die weder einer pessimistischen noch einer optimistischen Sicht auf den Geschichtsverlauf entspricht. Thomas Mann beschreibt Spenglers Haltung vielmehr als schicksalsergeben, eben fatalistisch, und zugleich als bescheidwisserisch. Die Geschichte großer Kulturen, so Spengler, laufe unweigerlich auf ein Ende zu: Das Ende sei das Nomadendasein in den Ruinen einstiger Größe; Spengler spricht von „Fellachentum“, ein damals üblicher Begriff.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Unvereinbarkeit der Kulturen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Snobistisch ist für Mann vor allem, dass Spengler zwar die Unvereinbarkeit und Unüberwindlichkeit kultureller Grenzen lehre, zugleich aber insinuiere, dass er – und nur er allein – den Überblick über alle Kulturen habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Mann schreibt, Spengler paraphrasierend:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Obwohl aber „gleich“ nach ihrer allgemeinen Struktur und ihrem allgemeinen Schicksal, sind die Kulturen streng in sich geschlossene Lebewesen, unverbrüchlich gebunden eine jede an die ihr eigenen Stilgesetze des Denkens, Schauens, Empfindens, Erlebens, und eine versteht nicht ein Wort von dem, was die andere sagt und meint. Nur Herr Spengler versteht sie samt und sonders und weiß von einer jeden zu sagen und zu singen, dass es eine Lust ist.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Mann hat bei Oswald Spengler einen fundamentalen Widerspruch erkannt: Wie kann ein Vertreter der europäischen Kultur so lückenlos über alle anderen Kulturen Bescheid wissen, wenn es einen Austausch und damit ein Wissen über die anderen Kulturen doch gar nicht geben kann?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Etikettenschwindel „Pluralismus“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Manns Fazit: Spengler, dieser „eiserne Gelehrte“, sei eben ein „Snob“, der unangenehmerweise lehre, was ihm gemäß seiner eigenen Analyse eigentlich gar nicht zustehe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche rechtsintellektuellen Snobs bevölkern unsere Diskurse auch heute wieder. Wie Oswald Spengler vor gut einhundert Jahren, erklären sie heute sich und ihrer Gemeinde die Welt. Und wie Spengler vertreten sie eine „ethno-pluralistische“ Sicht auf die unterschiedlichen menschlichen Kulturen. Allerdings wollen sie die eigene Kultur vor dem Schicksal bewahren, das Spengler an die Wand malt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ist ihr Begriff „pluralistisch“ ein Etikettenschwindel: Der „Pluralismus“ der Neuen Rechte besteht gerade nicht im toleranten Miteinander der Kulturen, sondern in der Forderung, die unterschiedlichen Kulturen müssten „rein“ nebeneinander bestehen, ganz im Spenglerschen Sinn. Ein kultureller Austausch dürfe keinesfalls zu einer Vermischung führen. Im Angesicht der bisherigen Weltgeschichte, die ohne Austausch und ‚Vermischung‘ ja nicht zu denken ist, eine absurde oder, um mit Thomas Mann zu sprechen, eine snobistische Forderung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Pappkamerad Gutmensch</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Endgegner in diesem als heroisch empfundenen Kampf ist dabei jener Typus, der wahlweise „linker Gutmensch“, „grüner Besserbürger“, „Kinderbuchautor“ etc. genannt, immer aber eindeutig attribuiert wird: nämlich als dumm und naiv im Kampf gegen rechts, darüber hinaus insgeheim selbstzerstörerisch bemüht, der eigenen Kultur Schaden zuzufügen. Das Motiv? Das schlechte Gewissen, das den Deutschen angeblich nach dem zweiten Weltkrieg von den Siegermächten eingeimpft worden ist und sie in den Selbsthass treibt. Außerdem gehört dieser linke „Gutmensch“ der gesellschaftlichen Elite an, und gegen die Elite laufen die rechten Snobs ohnehin Sturm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob schon in Ulf Poschardts <em>Shitbürgertum </em>(kein Neuer Rechter, aber dieses Buch spielt mit den snobistischen Klischees)<em>, </em>in Sommerfeld/Lichtmesz’ <em>Mit Linken leben </em>oder sonst wo: Der Pappkamerad Gutmensch ist in Dauerschleife präsent. In <em>Mit Linken leben</em> wird ihm die kulturelle Auslöschung als „wahnhaft betriebenes Projekt“ unterstellt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wir sehen zum Beispiel partout nicht ein, was die wahnhafte Auflösung unserer Kultur, unserer Völker und unserer Heimatländer durch offene Grenzen, Islamisierung und den Import von immer größer werdenden Menschenmassen aus der Dritten Welt sowie die Verleugnung der menschlichen Natur im Namen einer ideologischen, illusorischen Vorstellung von „Gleichheit“ mit „Weltoffenheit“ und „Toleranz“ zu tun haben soll. […]<br>In der Tat erscheinen uns unsere Länder und Gesellschaften zunehmend als wahre Klapsmühlen im Banne eines Kollektivwahns, in denen die letzten vernünftigen und normalen Menschen als gefährliche Irre gebrandmarkt werden.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Von links nach rechts außen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dem rechten Snob geht es nicht um produktive Kritik, sondern ums Rechthaben. Deshalb schlägt er oft einen hämischen, ja schadenfrohen Ton an, von keinerlei Selbstzweifel getrübt. Es geht um den billigen Triumph über den Klassendümmsten der anderen Seite. Dass zum Denken das Starkmachen der Gegenthese gehört, interessiert den rechten Snob nicht. Ihm geht es nicht ums Argumentieren, sondern darum, Urteile zu fällen und dabei möglichst originell zu erscheinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessanterweise passt politischer Snobismus nicht wirklich zu einer konservativen Geisteshaltung. Solche Snobs werden dort eher argwöhnisch beäugt. Das Phänomen des politischen Snobs ist ja keineswegs nur rechts verortet. Linker politischer Snobismus hängt sehr offensichtlich mit einer revolutionären, oft auch gewaltbereiten Grundhaltung zusammen, wie man sie beispielsweise bei Andreas Baader sehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deswegen treibt es ehemalige Linke auch selten zu den Konservativen, sondern meistens gleich zu den Neuen Rechten. Als Vorbild sehen sie dabei heute nicht die alten Nazis, sondern die Protagonisten der sogenannten Konservativen Revolution der Weimarer Republik, also Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Oswald Spengler.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Brecht-Freund Arnold Bronnen wäre ein historisches Beispiel für eine solche Wandlung. In unseren Tagen könnte man Matthias Matussek oder Caroline Sommerfeld-Lethen nennen. Ihnen allen ist weiterhin die Revolution ein Bedürfnis – oder sollte man besser von Disruption sprechen? Nach enttäuschenden Erfahrungen links sehen sie sich mit dem revolutionären Bedürfnis rechts außen weitaus besser aufgehoben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Humorlosigkeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie soll eine Konservative Revolution von rechts heute aussehen? Da versagt die Vorstellungskraft. Das liegt daran, dass die gegenwärtigen Snobs, wie ihre Vorgänger, nur eine Vorstellung von dem haben, was sie NICHT wollen: zum Beispiel eine freie, plurale, manchmal auch quälend offene Gesellschaft. Ihr gesellschaftspolitisches Ziel ist die geschlossene Gesellschaft, die sie mit ihrem einzigen „positiven“ Ziel erreichen wollen: der Remigration. Könnte man das nicht nachgerade einfältig nennen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und noch ein letztes fällt auf: Die völlige Humorlosigkeit dieser Szene. Diese Snobs schreiben, wie ihr Säulenheiliger Ernst Jünger, ohne jeglichen ironischen Zugriff auf die Welt, die ihnen nur aus Freund und Feind besteht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kann man in der Summe lächerlich und belanglos finden. Leider sind solche humorlosen revolutionären Snobs ebenso gefährlich wie lächerlich.</p>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Albe Hakan via  <a href="https://www.flickr.com/photos/20975061@N08/2875576138" target="_blank" rel="noreferrer noopener">flickr</a><br> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/">Lizenz CC BY-NC-ND 2.0</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



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		<title>Das Zermalmende</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 May 2026 06:47:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
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					<description><![CDATA[Kann man politischen Wahn mit psychologischen Mitteln therapieren? Um diese Frage geht es in dem Roman „Der Augenzeuge“ des österreichischen Arztes Ernst Weiß (1884-1940). Ein erschreckend aktuelles Buch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Putins Angriffskrieg, Trumps Schockstrategie, der globale Angriff auf die Demokratie – bis vor wenigen Jahren hätte man sich das im Traum nicht ausdenken können.<br>In unregelmäßigen Abständen lesen wir auf tell klassische Texte vor dieser Folie und fragen: Haben die Klassiker Antworten auf die derzeitigen Verwerfungen des politischen und gesellschaftlichen Raums?</p>



<p class="wp-block-paragraph">1. März 2025:&nbsp;<a href="https://tell-review.de/die-tyrannei-der-freiheit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Tyrannei der Freiheit</a>. Herwig Finkeldey über Fernando Pessoas „Ein anarchistischer Bankier“</p>



<p class="wp-block-paragraph">19. April 2025:&nbsp;<a href="https://tell-review.de/die-freiheit-zu-ziehen-oder-nicht-zu-ziehen/">Die Freiheit, zu ziehen oder nicht zu ziehen</a>. Herwig Finkeldey über Thomas Manns „Mario, der Zauberer“</p>



<p class="wp-block-paragraph">21. Oktober 2025: <a href="https://tell-review.de/der-fluch-der-rache/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Fluch der Rache</a>. Herwig Finkeldey über Friedrich Torbergs KZ-Erzählung „Mein ist die Rache“</p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">In Anna Seghers Roman <em>Transit</em> ist von einem Schriftsteller mit Namen Weidel die Rede, der sich in Paris nach der Einnahme durch die Wehrmacht 1940 das Leben nimmt und einen Koffer mit Manuskripten hinterlässt. In diesem Koffer befindet sich auch ein Romanmanuskript, das der Ich-Erzähler in Seghers Roman lesen wird. Frühzeitig schon wurde bekannt, dass Anna Seghers hier an den Schriftsteller Ernst Weiß denkt und dass das Manuskript auf Weiß’ nachgelassenen Roman <em>Der Augenzeuge</em> hinweist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ernst Weiß, der sich 1940 in Paris das Leben nahm, hatte diesen Roman 1938 für einen Wettbewerb des „American Guild for German Cultural Freedom“ in den USA verfasst und abgeschickt. Dieses unredigierte Typoskript hat sich erhalten. Eine weitere Abschrift der ersten Fassung ging an Stefan Zweig – offenkundig mit der Bitte um Korrekturen. Von Zweig kamen Vorschläge, auf die Ernst Weiß zum Teil auch einging. Diese zweite Fassung allerdings ist, bis auf einige Anfangskapitel, verschollen. Dieser Anfang ist 1939 in der Exilzeitschrift „Maß und Wert“ in Zürich erschienen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Judenkaiser vs. Narrenkaiser</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Roman <em>Der Augenzeuge</em> schildert ein namenloser Ich-Erzähler seine Ausbildung zum Arzt. Das Leben dieses Erzählers beginnt mit der Kindheit in einem Abstiegshaushalt – der Vater hatte als Brückenbauingenieur unlauter gehandelt und war entlassen worden. Ein Leitmotiv des Romans ist das, was der Erzähler „das Zermalmende“ nennt. Das erste Mal erlebt er es als Kind, als ihn ein Pferd, das er füttern möchte, in die Rippen tritt. Seitdem beschreibt er alles, was er ohnmächtig erdulden muss, als „das Zermalmende“: Nach dem Pferdetritt ist es das Moor, in dem er beinahe versinkt. Dann der Krieg und später das Hochkommen Adolf Hitlers.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiteres Motiv, das den Roman durchzieht, ist der Antisemitismus. Der Arzt, der sich nach dem Pferdetritt um das Kind kümmert, ist der jüdische Hausarzt Dr. Kaiser, fortan „Judenkaiser“ genannt. Der Erzähler schildert die Ablehnung, die der Arzt durch die Mutter erfährt, obwohl er einzig die Gesundung ihres Sohnes im Auge hat. Der Judenkaiser bleibt als Mahnung und ständiger Stachel eine wichtige Nebenfigur im Roman.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der medizinische Werdegang des Ich-Erzählers wird breit geschildert. Hierbei spielt die gerade aufgekommene Psychoanalyse eine entscheidende Rolle. Der Mentor des Erzählers, ein Psychiater, heißt ebenfalls Dr. Kaiser, genannt „Narrenkaiser“, im Kontrast zum Judenkaiser. Der Erzähler arbeitet beim Narrenkaiser, einem wissenschaftlich tätigen Psychiater, und er promoviert bei ihm über psychogene Störungen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Patient A. H.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Erste Weltkrieg ausbricht, befindet sich der Ich-Erzähler mitten in dieser Ausbildung. Den geistigen Zustand Europas im Jahr 1914 schildert er wie ein psychiatrisches Symptom:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Schlag gab es kein Europa mehr. […] Die bestialischen Triebe, die Unterseele waren erwacht.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die zentrale Erzählung des Romans – und Ursache für die spätere „zermalmende“ Verfolgung des Ich-Erzählers durch die Nationalsozialisten – ist die Behandlung eines Patienten 1918 in einem Lazarett in Pasewalk. Dieser Patient, Opfer einer Senfgasverletzung, wird nur mit seinen Initialen, A.H., genannt. Gemeint ist eindeutig Adolf Hitler, der im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs nach einem Senfgasangriff vorübergehend erblindete. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Krankengeschichte wird zu einem Politikum, im Roman wie auch in der Realität. Hier wie dort spielt der Verbleib der Krankenakte eine entscheidende Rolle: In dieser Krankenakte wird Hitlers Blindheit, der medizinischen Mode der Zeit entsprechend, als „hysterisch“ gedeutet. Im Roman therapiert der Ich-Erzähler den Patienten A. H. gemäß seiner Ausbildung tiefenpsychologisch. Ein Affront gegen die harte NS-Welt, in der dies als Schwäche Hitlers erscheinen muss.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Psychopathen an der Macht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ich-Erzähler – und mit ihm der Autor Ernst Weiß – analysiert im weiteren Verlauf mit Hilfe der Psychoanalyse die Gesellschaft, und er diagnostiziert die Zeit als psychotisch schwer gestört. Weiß‘ Kronzeuge ist dabei der Psychiater und Psychoanalytiker Ernst Kretschmer. Auch Kretschmer überträgt die psychoanalytische Methode, die ja zunächst nur innerpsychische, individuelle Konflikte therapieren sollte, auf gesellschaftliche Prozesse. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Buch <em>Geniale Menschen</em> (1929) schreibt Kretschmer, dass „Psychopathen und Geisteskranke“ in Krisenzeiten, in denen die „Temperatur eines Zeitalters“ ansteigt, mächtig werden können: Menschen, die sonst unter dem Radar geflogen wären, steigen nun auf. Der Autor Ernst Weiß und mit ihm sein alter ego, der namenlose Ich-Erzähler in <em>Der Augenzeuge</em>, übernimmt diese Sicht. Er baut wörtliche Textpassagen aus Kretschmers Buch in die analytischen Passagen des Romans ein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine fatale Heilung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings erkennt der Ich-Erzähler, dass eine korrekte Diagnose noch lange keinen therapeutischen Erfolg garantiert. In M. (gemeint ist München) wird der Ich-Erzähler schließlich Zeuge einer Rede von A.H., und er muss erkennen, dass er ihn letztlich mit dem Ergebnis geheilt hat, dass dieser A.H. nun Unheil anrichtet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Er fragt sich zunächst folgerichtig:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">War er nicht mein Werk?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Um dann entsetzt festzustellen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich wußte wohl, dass ich ihn zwar für immer von seiner hysterischen Blindheit, eine Zeitlang von seiner hysterischen Schlaflosigkeit, aber nicht eine Sekunde von dem Judenhaß geheilt hatte.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es kommt so weit, dass die Rollen getauscht werden: Nicht der Therapeut beeinflusst den Kranken, sondern der Kranke den Therapeuten. Das Machtverhältnis ist gekippt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Konnten wir auf der anderen Seite etwas Gleiches entgegensetzen? Wir konnten es nicht. Wir hatten uns in den Gegner zu sehr hineingelebt. Das war unsere tödliche Schwäche. Es fehlte uns die naive Brutalität ebenso wie die naive Sentimentalität, die Faust und die Träne. Und die Lüge.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Alte Methoden</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Konsequenterweise trägt die zweite, verschollene Fassung von <em>Der Augenzeuge</em> (in Anna Seghers Roman das Manuskript im verschwundenen Koffer) den Titel <em>Der Narrenkaiser</em>, als Chiffre für einen Analytiker einer aus allen Fugen geratenen Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über diesen Narrenkaiser, seinen Mentor während der Ausbildung, schreibt der Ich-Erzähler zum Schluss:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Längst hatte er es aufgegeben, Menschen heilen zu wollen. […] Statt der anatomischen Gehirnschnitte studierte er einen Querschnitt durch das Europa am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ich-Erzähler kommt zu dem Ergebnis:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Viel klarer als ich hatte es mein Meister erfasst, dass die wahrhaft aufrüttelnden und siegreichen Führer der Menschen immer Irre gewesen sind. Ihr Haß war nicht ohnmächtig, sondern zeugte. Ihre Lüge fiel nicht in sich zusammen, sondern formte alles Leben ringsum, wie es der Glaube formt.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sind nur die Patienten des Narrenkaisers Narren? Oder ist er selbst einer? Weiß‘ Ich-Erzähler stellt treffend fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wir wollten mit den alten Methoden in einer neuen Zeit wirken.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das konnte nicht funktionieren, das „Zermalmende“ lässt sich nicht psychoanalytisch aufarbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein pikantes Detail ist dabei die Tatsache, dass Ernst Kretschmer, Weiß‘ Kronzeuge, schließlich selbst als psychiatrischer Gutachter im Rahmen der „Euthanasie“ schuldig wurde.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jede Zeit hat ihre autoritäre Verlockung, gewissermaßen ‚ihren‘ Faschismus, und sie hat auch ihre Methoden, diesen Faschismus zu analysieren. Das zeigt dieser Roman. Vielleicht liegt hier ein Grund für die anhaltende kommunikative Erfolglosigkeit gegen den Rechtspopulismus. Wir machen denselben Fehler wie Weiß‘ Erzähler: Wir beschreiben mit alten Vokabeln neue Phänomene. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht wäre es besser, auf den Begriff Faschismus ganz zu verzichten, wenn man vor der Neuen Rechten warnen will. Er ist von ihnen zu leicht zu unterlaufen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Jeremy Johaness Johnson <a href="https://www.deviantart.com/3j-art/art/MS-ART-Her-eyes-are-locked-on-mine-1103364299" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Her eyes are locked on mine</a> via <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/">C BY-NC-ND 3.0</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Ernst Weiß<br><strong>Der Augenzeuge</strong><br>Roman<br>Hofenberg · 200 Seiten · 9,80 Euro (Taschenbuch)<br>ISBN: 978-3843033114<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://eichendorff21.de/buch/9783843033114" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Eichendorff21</a> oder im lokalen Buchhandel</p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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		<title>Die Bloggerspontaneität bewahren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Mar 2026 08:08:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Was bedeutet es, als Blogger bei tell mitzuarbeiten? Ein Gründungsmitglied gibt Auskunft.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>10 Jahre tell</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Texte:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Sieglinde Geisel: <a href="https://tell-review.de/stilkritik-und-zeitgenossenschaft/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stilkritik und Zeitgenossenschaft</a>. 16. März 2026</li>



<li>Anselm Bühling: <a href="http://10 Jahre tell   Weitere Texte:  Sieglinde Geisel: Stilkritik und Zeitgenossenschaft. 16. März 2026  Herwig Finkeldey: Die Bloggerspontaneität bewahren. 24. März 2026" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Schwimmen lernen</a>. 18. März 2026</li>



<li>Frank Heibert: <a href="https://tell-review.de/analyse-und-wagemut/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Analyse und Wagemut</a>. 31. März 2026</li>



<li>Agnese Franceschini: <a href="https://tell-review.de/tell-me-what-happened/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">tell me what happened</a>. 3. April 2026</li>
</ul>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">In den seligen 1990er Jahren nahm ich neben meinem Medizin-Studium an Lesungen und Veranstaltungen des Off-Literaturbetriebs teil; ich stellte dabei ein für die Zeit typisches Exemplar des großmäuligen Berlin-Literaten ohne Werk dar. Nach der Jahrtausendwende verschwand ich aus beruflichen und persönlichen Gründen literarisch in der Versenkung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach über zehn Jahren tauchte ich in den 2010er Jahren wieder auf, und zwar als Blogger. Mit dieser Literaturexistenz war ich eigentlich sehr zufrieden. Dann aber wurde ich von Sieglinde Geisel eingeladen, an einem Online-Magazin mitzuarbeiten, das professionelle Literaturkritik und Literaturblogger verbinden sollte, und ich nahm die Einladung an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Beginn gab es Missverständnisse. Ein Blogger schreibt, der Melodie der Tastatur folgend, einfach drauflos. Bei tell aber wird redigiert, es kann vorkommen, dass ein Text auch einmal mehrheitlich abgelehnt wird. Aber gerade das Redigieren empfinde ich mittlerweile als Gewinn. Wobei ich hoffe, dass hin und wieder die Bloggerspontanität durchscheint.</p>
</div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Anfangs hatte ich tell als ein rein ästhetisches Medium verstanden. Von der Blogosphäre aus wollten wir einer müde gewordenen Literaturkritik Beine machen. Von Anbeginn war neben der Literaturkritik zwar auch die „Zeitgenossenschaft“ unser Anspruch. Den Brexit aber haben wir nicht kommentiert. Und der Name Donald Trump tauchte im Laufe des Jahres 2016 vor der Novemberwahl nur ein oder zweimal in unseren Texten auf. Wir konnten uns, wie wohl die gesamte linksliberale Szene, einen Wahlsieg Trumps damals einfach nicht vorstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Desillusionierungsprozess, der nach Nine-Eleven und der Bankenkrise eingesetzt hatte, war bei uns noch sehr am Anfang. Die erste Trumpwahl rüttelte uns dann aber endgültig wach. Schon kurz nach diesem populistischen Orkan machten wir eine <a href="https://tell-review.de/berechtigte-sorgen-oder-angstmacherei/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Serie mit Beiträgen</a> aller Redaktionsmitglieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir nahmen Ulrich Greiners Buch <em><a href="https://tell-review.de/unheilige-allianzen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Heimatlos</a></em> zum Anlass, die Frage nach der Stabilität der Konservativen zu stellen. Würden sie dem populistischen Angebot erliegen oder standhalten? Unsere Abschlussdiskussion trug den Titel <a href="https://tell-review.de/medienecho/" data-type="page" data-id="5797" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Berechtigte Sorgen oder Angstmacherei?“</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich empfinde diese Reihe noch immer als die wichtigste unserer zehnjährigen Geschichte. Die Fragen, die wir damals stellten, sind bis heute aktuell.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://www.gezett.de">Gezett</a></h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Der Fluch der Rache</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Oct 2025 07:28:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Faschismus ist eine Herrschaftsform, die in unauflösbare Dilemmata führt. In seiner KZ-Erzählung „Mein ist die Rache“ von 1943 zeigt der jüdische Schriftsteller und Übersetzer Friedrich Torberg (1908-1979), welche fatalen Folgen eine mutige und richtige Entscheidung haben kann. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Putins Angriffskrieg, Trumps Schockstrategie, der globale Angriff auf die Demokratie – bis vor wenigen Jahren hätte man sich das im Traum nicht ausdenken können. <br>In unregelmäßigen Abständen lesen wir auf tell klassische Texte vor dieser Folie und fragen: Haben die Klassiker Antworten auf die derzeitigen Verwerfungen des politischen und gesellschaftlichen Raums?</p>



<p class="wp-block-paragraph">1. März 2025: <a href="https://tell-review.de/die-tyrannei-der-freiheit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Tyrannei der Freiheit</a>. Herwig Finkeldey über Fernando Pessoas „Ein anarchistischer Bankier“</p>



<p class="wp-block-paragraph">19. April 2025: <a href="https://tell-review.de/die-freiheit-zu-ziehen-oder-nicht-zu-ziehen/">Die Freiheit, zu ziehen oder nicht zu ziehen</a>. Herwig Finkeldey über Thomas Manns „Mario, der Zauberer“</p>



<p class="wp-block-paragraph">7. Mai 2026: <a href="https://tell-review.de/das-zermalmende/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Zermalmende</a>. Herwig Finkeldey über Ernst Weiß&#8216; „Der Augenzeuge“</p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Friedrich Torberg war 1940 unter dramatischen Umständen die Flucht in die USA geglückt, seine Novelle <em>Mein ist die Rache</em> ist im US-amerikanischen Exil entstanden und erschien 1943 in einem kleinen Emigrantenverlag auf Deutsch, also in der Sprache, in der gerade in Europa die Tötungsmaschine zur Vernichtung der europäischen Juden kommandiert und gelenkt wurde. Die Erzählung handelt von genau dieser Maschine sowie von der Ohnmacht und dem Grauen derjenigen, die dieser Maschine ausgesetzt sind. Wie Anna Seghers <em>Das siebte Kreuz</em> erzählt auch dieses Erzählwerk aus der überrealen Welt der Konzentrationslager.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein zunächst namenlos bleibender entflohener Insasse eines Lagers erzählt einem Mit-Exilanten in New York seine Geschichte. Er war zuvor Häftling eines Lagers gewesen, in dem zunächst ein Wechsel des Lagerkommandanten stattgefunden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesem Wechsel ändern sich die Verhältnisse im Lager grundlegend. Wagenseil, so der Name des neuen Kommandanten, handelt ganz im Sinne seiner Ideologie. Er glaubt an die nationalsozialistische Kernthese einer jüdischen Weltverschwörung und leitet daraus die Vernichtung der Juden als „geschichtlich notwendig“ ab. So rechtfertigt er „vor der Geschichte“ seine Verbrechen: Er will sie als humane Tat verstanden wissen, als Opfergang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein erstes Ziel ist es, allen Insassen „jegliches Solidaritätsgefühl zu zermürben“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So habe Wagenseil sofort auf Kollektivstrafen verzichtet.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Denn die Gemeinsamkeit des Leids ist so gut eine Gemeinsamkeit wie jede, sie bekräftigt und tröstet – und Wagenseil wollte uns selbst diese trostloseste aller Tröstungen verwehren.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Über Wagenseils Sadismus sagt der Erzähler:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Er war ein Gourmet, und kein Fresser.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das höchste Ziel dieses „Gourmets“ war es dabei nicht, die Juden eigenhändig zu töten. Sie sollten vielmehr in den Selbstmord getrieben werden. Und diesen letzten Akt sollten sie darüber hinaus als Ausdruck einer angeblichen „geschichtlichen Notwendigkeit“ begreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Ausdruck dieser Notwendigkeit ist die von Wagenseil initiierte sogenannte Judenbaracke. Bis dato waren die Häftlinge bunt durchmischt gewesen; Wagenseil aber lässt alle Juden in einer Baracke zusammenfassen. Die den Juden zugewiesene Baracke erweist sich sofort als zu eng für 80 Menschen. Aber Wagenseil ‚beruhigt‘ die drei Juden, die es noch wagten, als Delegation die Bitte um mehr Raum vorzutragen. Nachdem Wagenseil den Bittstellern ins Gesicht geschlagen hat, gibt er die unmissverständliche Antwort:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es wird in Ihrer Baracke noch genügend Platz sein. Das verspreche ich Ihnen. – Wegtreten.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Jude nach dem anderen suizidiert sich dann nach Wagenseils Folter. Spätestens nach dem dritten Selbstmord kennen die Insassen der Judenbaracke ihr Schicksal. Unvermeidlicherweise kommt die eine Frage auf, der junge Seligmann stellt sie des Abends in der Baracke:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Aber warum, warum! Was haben wir denn getan! Warum hassen sie uns so!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Worauf der Rabbinatskandidat Josef Aschkenasy die entscheidende Antwort gibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Man haßt uns nicht für das, was wir tun. Man haßt uns für das, was wir sind.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt eine Szene im Roman, die das traditionelle jüdische Denken fassbar macht: das Vertrauen auf die göttliche Rache als Teil der göttlichen Gerechtigkeit. Torberg exemplifiziert das anhand des jungen Häftlings Hans Landauer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Landauer erscheint die Überwindung des Suizids als letzte Freiheit, die den Häftlingen noch bleibt. Er meldet sich freiwillig zum ‚Verhör‘ bei Wagenseil, wird entsprechend gefoltert, verweigert aber den ihm zugedachten Suizid. Zerschlagen und sterbend kommt er zurück in die Baracke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch einmal erwacht er und denkt an seinen Folterer:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Aber dem zeig ich‘s noch. Der soll nur warten. Ich zeig‘s ihm noch.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Sterbeszene ist schriftstellerisch ungeheuerlich. Die jüdischen Häftlinge diskutieren, was Hans Landauer wohl damit gemeint haben könnte. Ob er Wagenseil hätte umbringen wollen? Josef Aschkenasy sorgt dann für Erstaunen, indem er sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es ist gut, daß er es nicht getan hat. Es ist gut, daß sein Opfer rein geblieben ist vor dem Herrn. Mein ist die Rache und die Vergeltung, spricht der Herr.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und wenig später sagt Aschkenasy in Bezug auf die Peiniger:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Und Er wird ihnen ihr Unrecht vergelten und wird sie um ihrer Bosheit vertilgen!</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Damit beschwört der Rabbinatskandidat das jahrtausendalte Gesetz, das den Juden ihr Überleben sichern soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann aber wird der Ich-Erzähler zu Wagenseil gerufen. Und erleidet alles, was seine Vorgänger auch erlitten haben. Dieses Leiden lässt ihn Aschkenasys Worte noch einmal durchdenken – und damit auch die jüdische Tradition:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht so, wie Aschkenasy gesagt hat: daß wir keine Wahl haben. Nur unsere Feinde glauben das […]. Und das ist es auch, was sie so sicher macht: daß wir immer nur auf die göttliche Rache vertrauen, immer nur, immer wieder, immer noch, seit Jahrtausenden.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ich-Erzähler redet weiter zu sich und ruft im Selbstgespräch zugleich Gott an. In seiner Vorstellung lässt er Gott antworten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ihr solltet manchmal für meine Rache einstehen, oder solltet doch zeigen, daß ihr dazu bereit seid.<br>[…]<br>Mein ist die Rache, und Ich werde sie üben, wenn es Mir gefällt. Aber ihr sollt nicht glauben, dass ihr nichts weiter zu tun braucht, als um Rache zu rufen, <em>damit</em> es mir gefiele. Denn ich bin nicht mehr sicher, ob ihr aus Gehorsam und aus Treue zum Gesetz so handelt – und nicht aus Feigheit und Furcht, und weil ihr schwach und weich geworden seid im Vertrauen auf Meine Rache.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Fragen im Kopf wird der Gefolterte sich Wagenseils Manipulation zum Selbstmord widersetzen – und mit der ihm von Wagenseil hingehaltenen Waffe nicht sich, sondern Wagenseil erschießen, der geglaubt hatte, Juden würden sich nicht wehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darauf kann der Ich-Erzähler fliehen und seine Geschichte erzählen. Die Folgen seiner Rache aber sind grausam: Das nationalsozialistische Terrorsystem rächt sich seinerseits, nun doch mit einer Kollektivstrafe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So kommt es, dass der Ich-Erzähler am New Yorker Pier steht und bei jedem aus Europa anlandenden Schiff vergebens auf einen Mithäftling wartet. Sein eigenes Überleben und seine Rache haben mutmaßlich den Tod aller anderen bewirkt.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Torbergs Erzählung <em>Mein ist die Rache</em> hallt, wie alle großen Literaturwerke, über die letzte Zeile hinaus nach, denn sie wirft Fragen auf, die moralisch kaum lösbar sind. Wie handelt man richtig? Was darf man tun, wenn der eigene, zunächst gerechte Widerstand andere an Leib und Leben gefährdet?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Torberg hatte die existenzielle Dimension dieser Fragen erkannt. Nach der Vollendung von <em>Mein ist die Rache</em> erklärte er alle seine früheren Werke für null und nichtig.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: A.Greeg <br>via iStock</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Friedrich Torberg<br><strong>Mein ist die Rache</strong><br>Novelle<br>dtv 2008 · 106 Seiten · vergriffen<br>ISBN: 978-3423136860<br></p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="648" height="1030" data-attachment-id="119838" data-permalink="https://tell-review.de/der-fluch-der-rache/81jiuntguol-_sl1500_/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?fit=943%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="943,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="81JIUNTgUOL._SL1500_" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?fit=648%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?resize=648%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119838" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?resize=648%2C1030&amp;ssl=1 648w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?resize=768%2C1222&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?resize=300%2C477&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/10/81JIUNTgUOL._SL1500_.jpg?w=943&amp;ssl=1 943w" sizes="(max-width: 648px) 100vw, 648px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_msocom_1"></a></p>
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		<title>Die Hunde im Souterrain</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Jun 2025 06:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Manns Homosexualität steht im Zentrum von Tilmann Lahmes aktueller Biografie. Dabei werden nicht nur neue Quellen ausgewertet. Es geht auch um die Verwandlung des unterdrückten Begehrens in Literatur – und um die Versäumnisse der Germanistik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Mit dem Erscheinen dieses Buches seien alle vorherigen Biografien „verwelkt“, meint Gustav Seibt in einem Facebook-Beitrag zu Tilmann Lahmes neuer Biografie über Thomas Mann. Lahmes Fokus liegt dabei eindeutig auf Manns unterdrückter Homosexualität. Vor allem neu ausgewertete Briefe an Manns Schulfreund Otto Grautoff sowie bisher fehlende Tagebuchpassagen – beide werden im Anhang erstmals abgedruckt – sorgen hier für Klarheit.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die &#8222;konträre Sexualempfindung&#8220;</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Tilmann Lahme stellt anhand dieses Materials unumstößlich klar, dass Thomas Mann nicht „auch“ homosexuelle Neigungen hatte, dass er nicht „bisexuell“ gewesen ist, nicht nur eine „homosexuelle Achillesferse“ hatte oder wie die Formeln noch heißen mochten. Thomas Mann war schlicht homosexuell. Seine sechs Kinder, die er mit seiner Ehefrau Katia gezeugt hat, belegen nicht das Gegenteil. Vielmehr ist seine Ehe Ausdruck des Zeitgeistes, in dem sich Homosexuelle Ende des neunzehnten Jahrhunderts behaupten mussten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies gilt auch für den medizinischen Zeitgeist, das damalige medizinische „Konzept“ der Homosexualität. Nach diesem Konzept wurde die Homosexualität, damals auch „konträre Sexualempfindung“ genannt, als therapiebedürftige Störung verstanden.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nach all den Spekulationen zuvor in der Forschung, was Thomas Mann gekannt haben könnte von den beginnenden wissenschaftlichen Diskursen seiner Zeit um die „conträre Sexualität“, sorgen hier zwei Briefe für Klarheit: Er las noch in der Lübecker Jugendzeit die beiden zentralen Bücher von Krafft-Ebing und Moll zum Thema Homosexualität.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mann kommt nach der Lektüre zur niederschmetternden Conclusio: „degenerative Hirnerkrankung, Perversion, schwer heilbar“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sublimation durch das Schreiben</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Tilmann Lahmes Fokus auf die Homosexualität ist legitim und nachvollziehbar. Allerdings bleibt dadurch anderes auf der Strecke. Über das wichtige Thema Thomas Mann und die Juden liest man bei Lahme nichts substanziell Neues. Dabei war etwa die Ehe mit Katia Mann nicht nur die Ehe eines Homosexuellen mit einer Frau, sondern auch die Ehe eines für den Antisemitismus Verführbaren mit einer Jüdin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Otto Grautoff, so erfährt man bei Lahme, ließ sich in der Praxis von Albert Moll in Berlin hypnotisieren. In Beschwörungsformeln muss er der angeblich krankmachenden Masturbation abschwören. Thomas Mann hingegen verordnet sich bewusste Entsagung, kaltes Duschen und diätetische Maßnahmen. Die Nietzsche-Formel aus <em>Jenseits von Gut und Böse</em> wird zu einer entscheidenden Metapher: Man habe „die Hunde im Souterrain“ gefälligst an „die Kette“ zu legen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Thomas Mann läuft das Kupieren der Begierde schließlich zum einen auf eine Ehe mit einer Frau hinaus; er nennt das selbst „sich eine Fassung geben“. Zum anderen werden die unterdrückten Wünsche klassisch freudianisch sublimiert: mit Hilfe des Schreibens. Im Laufe seines Lebens jedoch drängen die unterdrückten Wünsche immer wieder nach oben. Schon auf der Hochzeitsreise nach Genf notiert sich Thomas Mann in seinem Notizbuch die Namen zweier Psychiater und eines Hypnotiseurs. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der verschwiegene Freund</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erlebnisse – zum Beispiel auf dem Lübecker Schulhof, mit Klaus Heuser auf Sylt, mit einem polnischen Jungen in Venedig vor dem ersten Weltkrieg oder mit dem bayrischen Kellner Franzl Westmeier 1950 in Zürich – sind hinreichend bekannt. Tilmann Lahme zeichnet die verschlungenen Wege vom Erleben und Erleiden zum sublimierenden Gestalten dezidiert und kenntnisreich nach. Die frühe Liebe auf dem Lübecker Schulhof wird in „Tonio Kröger“ verarbeitet und dann noch einmal in <em>Der Zauberberg</em> (Pribislav Hippe), der junge Pole in Venedig wird Anlass zum „Tod in Venedig“ sein. Und der Amphytrion-Essay respektive der Michelangelo-Essay spiegeln die Bekanntschaften mit Klaus Heuser und Franzl.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann Katia Mann, geb. Pringsheim, von der geheimen Neigung ihres Mannes erfuhr, ist letztlich unbekannt. Sicher ist aber, dass sie schließlich Bescheid wusste. Im Tagebuch spricht Thomas Mann von der „armen Katia“, der er die „letzte Geschlechtslust“ nicht bereiten könne. Und von seiner „Dankbarkeit“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Verdrängen der eigenen Homosexualität bedeutete für Mann auch das Verschweigen des Freundes, mit dem er sich wie mit keinem sonst offen über seine Homosexualität ausgetauscht hat. Das Ende des Kontaktes mit Otto Grautoff – von belanglosen Briefen abgesehen – wirft auf Thomas Manns Charaktereigenschaften kein günstiges Licht. Freilich hängt dieses Ende auch damit zusammen, dass ihr gemeinsames Thema damals kein öffentliches sein durfte. Thomas Mann dürfte schlicht Angst vor Enttarnung gehabt haben. Dass diese Freundschaft ihm wichtig gewesen ist, bezeugt die Widmung des elften und letzten Teils von <em>Die Buddenbrooks</em>: „Meinem Freunde Otto Grautoff“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Ignoranz der Germanistik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Engagiert rückt Tilmann Lahme seinen Germanisten-Kollegen zu Leibe, die das „Problem“ der Homoerotik bei Thomas Mann größtenteils übergingen, dies obwohl die Fakten längst auf dem Tisch lagen und auch der breiteren Öffentlichkeit im Feuilleton beispielsweise durch Marcel Reich-Ranicki oder auch durch Hans Mayer nach der Veröffentlichung der Tagebücher mitgeteilt worden waren. Es gab Ausnahmen. Lahme erwähnt die mittlerweile wieder aus der Versenkung aufgetauchte Doktorarbeit von Karl Werner Böhm (1991!), die verdienstvollen Arbeiten von Gerhard Härle sowie Heinrich Deterings wunderbares Buch <em>Juden, Frauen und Literaten</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jenseits dieser Ausnahmen aber schwankten die Gelehrten zwischen Ignoranz und Unverschämtheit: Manche bemühten sogar das Wortungetüm „Homosexualitätskeule“, die von einer „bestimmten Klientel“ geschwungen werde. Thomas Manns Biografie und seine Literatur sind von diesem Konflikt geprägt wie von nichts anderem. Seine „Lebensbeichte“ im <em>Doktor Faustus</em> ist wortwörtlich zu verstehen: Er „durfte nicht lieben“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Tilmann Lahme übernimmt die Formulierung am Ende seiner Biografie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sein Leben, seine Literatur und seine Tagebücher erzählen die fesselnd-traurige Geschichte eines Mannes, der nicht lieben darf.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Thomas Mann 1910 <br> ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0057 </h6>
</blockquote>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Tilmann Lahme<br><strong>Thomas Mann</strong><br>Ein Leben<br>dtv 2025 · 592 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3423284455<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="682" height="1030" data-attachment-id="119703" data-permalink="https://tell-review.de/die-hunde-im-souterrain/cover-33/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?fit=993%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="993,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?fit=682%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=682%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119703" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=682%2C1030&amp;ssl=1 682w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=199%2C300&amp;ssl=1 199w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=768%2C1160&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=300%2C453&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?w=993&amp;ssl=1 993w" sizes="(max-width: 682px) 100vw, 682px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



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		<title>Die Freiheit, zu ziehen oder nicht zu ziehen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Apr 2025 08:11:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Manns „Mario und der Zauberer“ ist eine Jahrhunderterzählung. Bereits 1930 erkannte Mann die Verwandtschaft der faschistischen Politiker mit dem Hypnotiseur – und damit auch dem Künstler.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Putins Angriffskrieg, Trumps Schockstrategie, Musks Machtrausch – bis vor wenigen Jahren hätte man sich das im Traum nicht ausdenken können. In unregelmäßigen Abständen lesen wir auf tell klassische Texte vor dieser Folie und fragen: Haben die Klassiker Antworten auf die derzeitigen Verwerfungen des politischen und gesellschaftlichen Raums?</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>1. März 2025: <a href="https://tell-review.de/die-tyrannei-der-freiheit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Tyrannei der Freiheit</a>. Herwig Finkeldey über Fernando Pessoas „Ein anarchistischer Bankier“</li>



<li>21. Oktober 2025: <a href="https://tell-review.de/der-fluch-der-rache/">Der Fluch der Rache</a>. Herwig Finkeldey über Friedrich Torbergs KZ-Erzählung „Mein ist die Rache“</li>



<li>7. Mai 2026: <a href="https://tell-review.de/das-zermalmende/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Zermalmende</a>. Herwig Finkeldey über Ernst Weiß&#8216; „Der Augenzeuge“</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">In Thomas Manns Erzählung „Mario und der Zauberer“ von 1930 geht es um die Urlaubserfahrungen einer deutschen Familie am Tyrrhenischen Meer, mit dem Familienvater als Ich-Erzähler. Im ersten Absatz gibt Mann eine Zusammenfassung sowohl des Inhalts als auch der geistigen Grundlage dieser Novelle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Grundlage ist nichts anderes als der Alltag im faschistischen Italien. Der deutschen Familie wird im Grand Hotel der Platz im Wintergarten mit Blick auf das Meer vorenthalten, dort dürfen nur Italiener sitzen. Eine italienische Adelige beklagt sich über die Fremden: Ein ausklingender Keuchhusten der Tochter stört sie. Am Strand schließlich läuft die achtjährige Tochter nackt zum Meer, um ihren sandigen Badeanzug auszuspülen – dieses Ereignis führt zu einem veritablen Ärgernis mit Polizeieinsatz und Strafzahlung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Personifizierter Ausdruck dieser „unangenehmen Atmosphäre“ ist der Zauberer Cipolla; sein Auftritt im Badeort wird zu einem „Ereignis“, an dem die ganze Familie teilnehmen möchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Künstlernovelle</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Zauberer“ wurde Thomas Mann familienintern genannt, und im Verlauf der Erzählung wird er Cipolla dann auch einen „Künstler“ nennen. Es ist also eine Künstlernovelle, freilich eine sehr spezielle. Denn Cipollas Kunst besteht darin, das Publikum, ohne das keine Kunst auskommt, direkt zu manipulieren: Er ist ein Hypnotiseur. Das Publikum wird nicht von einem Werk oder einer Darbietung überzeugt, vielmehr ist das Publikum als zu hypnotisierende Masse selbst Teil des Werks. Da das Kunstwerk dem Willen des Künstlers unterworfen ist, bedeutet diese Konstellation nichts anderes, als dass diese Unterwerfung nun mit dem Publikum geschieht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ahnen manche Teilnehmer der Show und versuchen sich dagegen zu wehren. Ein junger Römer, der, wie alle, Zeuge wurde, wie Cipolla es mittels hypnotischer Kraft fertigbringt, Zuschauer stepptanzen zu lassen, stellt sich freiwillig zur Verfügung.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Hier nun war es, dass der Herr aus Rom sich meldete und trotzig anfragte, ob der Cavaliere sich anheischig mache, ihn tanzen zu lassen, auch wenn er nicht wolle.<br>„Auch wenn Sie nicht wollen!“ antwortete Cipolla in einem Ton, der mir unvergeßlich blieb.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kampf beginnt, und es endet, wie es enden muss: Auch der Römer steppt schließlich wie alle anderen hypnotisch manipulierten Teilnehmer der Show. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ich-Erzähler berichtet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Verstand ich den Vorgang recht, so unterlag dieser Herr seiner Kampfposition. Wahrscheinlich kann man vom Nichtwollen seelisch nicht leben, eine Sache nicht tun wollen, ist auf die Dauer kein Lebensinhalt.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Cipolla spricht den jungen Mann, der sich noch gegen die Manipulation wehrt, direkt an:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wer wird sich so quälen? Nennst du es Freiheit – diese Vergewaltigung deiner selbst? Una ballatina! Es reißt dir ja an allen Gliedern. Wie gut wird es sein, ihnen endlich den Willen zu lassen! Da, du tanzest ja schon! Das ist kein Kampf mehr, das ist bereits Vergnügen!“ – So war es, das Zucken und Zerren im Körper des Widerspenstigen nahm überhand […], und so führte der Cavaliere ihn, während die Leute klatschten, aufs Podium, um ihn den anderen Hampelmännern anzureihen. Man sah nun das Gesicht des Unterworfenen, es war da oben veröffentlicht. Er lächelte breit, mit halbgeschlossenen Augen, während er sich „vergnügte“.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Cipolla hat dem Publikum bereits vorher mitgeteilt, dass jeder Widerstand gegen seine Kunst zwecklos sei. Auf die Frage eines Zuschauers, ob Widerstand gegen seine Hypnosekünste etwas ausrichten könnte, antwortet Cipolla:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Sie werden mir [&#8230;] damit meine Aufgabe etwas erschweren. An dem Ergebnis wird der Widerstand nichts ändern. Die Freiheit existiert, und auch der Willen existiert; aber die Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, stößt ins Leere. Sie sind frei zu ziehen oder nicht zu ziehen. Ziehen Sie aber, so werden Sie richtig ziehen – desto sicherer, je eigensinniger Sie zu handeln versuchen.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ende der Erzählung besiegeln zwei Schüsse des Kellners Mario. Nachdem er unter Hypnose statt seiner Angebeteten das abstoßende, vom Alkohol gezeichnete Gesicht des Zauberers geküsst hat, erschießt er diesen mit einem Revolver.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders kann man sich des Faschismus‘ nicht entledigen, das erkannte Thomas Mann vor annähernd einhundert Jahren, noch weit vor dem Höhepunkt dieser so fatalen wie verführerischen politischen Heilslehre. Heute kommt einem diese Jahrhunderterzählung – um nichts anderes handelt es sich hier – wie eine doppelte Prophezeiung vor: sowohl der damals unmittelbar folgenden Ereignisse als auch einer Entwicklung, die heute möglich ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mario und der Zauberer“ weist schon auf Manns Essay „Bruder Hitler“ hin, den er 1938 im Exil verfasste. Darin streicht er die Verwandtschaft des nationalsozialistischen Führers mit dem Künstler noch einmal heraus:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">[…] muß man nicht, ob man will oder nicht, in dem Phänomen eine Erscheinungsform des Künstlertums wiedererkennen?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wesen der faschistischen Politiker besteht laut Mann darin, dass ihr „Werk“ das Volk ist, dessen Willen sie formen, genauso wie der Künstler sein Werk formt. Daraus lässt sich in der Summe beinahe schon eine Handlungsempfehlung lesen. Wenn der Faschist unvermeidlich jeden manipuliert und formt, der sich auf ihn einlässt, so darf man eben diesen ersten Schritt nicht gehen. Man ist „frei zu ziehen oder nicht zu ziehen.“ Wer aber die Karten zieht, die der Faschist einem hinhält, zieht unweigerlich die vom Faschisten gewünschten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Niklaus Bächli </h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Thomas Mann<br><strong>Mario und der Zauberer</strong><br>Ein tragisches Reiseerlebnis<br>Erzählung<br>Fischer Verlag 1989 · 112 Seiten · 12 Euro<br>ISBN: 978-3596293209<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="649" height="1030" data-attachment-id="119653" data-permalink="https://tell-review.de/die-freiheit-zu-ziehen-oder-nicht-zu-ziehen/cover-mario-und-der-zauberer/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?fit=708%2C1123&amp;ssl=1" data-orig-size="708,1123" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover Mario und der Zauberer" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?fit=649%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?resize=649%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119653" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?resize=649%2C1030&amp;ssl=1 649w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?resize=300%2C476&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/04/Cover-Mario-und-der-Zauberer.jpg?w=708&amp;ssl=1 708w" sizes="auto, (max-width: 649px) 100vw, 649px" /></figure>


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</div></div>



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		<title>„Wisst ihr Deutsche das? Und wie findet ihr das?“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Mar 2025 07:38:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Aus Anlass des Thomas-Mann-Jahrs beschäftigen sich zwei Bücher mit Manns politischem Wirken: Kai Sinas „Was gut ist und was böse“ und der Band „Deutsche Hörer!“ mit seinen Rundfunkreden, herausgegeben von Mely Kiyak. Beide Bücher zeigen Thomas Mann als einen zur Politik gedrängten Ästheten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Unter den zahlreichen Publikationen zum Thomas Mann-Jahr verdienen zwei Bücher besondere Beachtung: Der Literaturwissenschaftler Kai Sina, Mitherausgeber der neuen großen Werkausgabe, stellt Thomas Mann in seinem Buch <em>Was gut ist und was böse</em> als politischen Aktivisten dar. Mely Kiyak wiederum gibt Manns Rundfunkreden gegen Nazi-Deutschland neu heraus, unter dem Titel <em>Deutsche Hörer!</em> So sprach Thomas Mann sein Publikum an, als er über BBC-Deutschland Radiobotschaften nach Deutschland schickte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Manns Verhältnis zum Zionismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind die richtigen Bücher zur richtigen Zeit. Beide Autor:innen stellen darüber hinaus klar, dass das alte Urteil, Thomas Mann sei im Grunde seines Wesens immer ein „Unpolitischer“ geblieben, in dieser Apodiktik nicht haltbar ist. Freilich hat Thomas Mann in der ihm eigenen Ambivalenz selbst kräftig dafür gesorgt, dass solche Urteile überdauern konnten. Er wollte die Welt ästhetisch sehen. Aber die Zeit, in der er lebte, ließ ihn nicht. Daher seine berühmten Worte, dass er „mehr zum Repräsentanten, als zum Märtyrer“ geboren sei. Und zum politischen Aktivisten schon gar nicht – der er dann doch wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kai Sina nimmt sich dabei in seinem Buch <em>Was gut ist und was böse</em> eines Themas an, das bisher nur wenig Beachtung gefunden hat: das Verhältnis Thomas Manns zum Zionismus. Das ist der Faden, an dem Sina die Geschichte des politischen Aktivisten Thomas Mann auffädelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sinas Ausgangspunkt ist der wegweisende Essay „Zur Judenfrage“ aus dem Kaiserreich, auf dessen Bedeutung bereits Marcel Reich-Ranicki hingewiesen hat. Der Anlass war eine Rundfrage von Julius Moses aus dem Jahr 1907, in der er die Angeschriebenen bat, sich zur „Judenfrage“ zu äußern. Dieser Begriff sei damals noch nicht negativ konnotiert gewesen, so Sina:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Vielmehr wurde der Begriff von unterschiedlichen jüdischen und nichtjüdischen Parteien für ihre jeweiligen Interessen und Ziele in Anspruch genommen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hier nun erteilt Mann den „Zionisten von der strengen Observanz“ eine klare Absage, weil die Juden für Deutschland einen „unentbehrlichen Kultur-Stimulus“ darstellen würden. Er betont die angebliche Andersartigkeit der Juden durchaus im essentialistischen Sinne und bezeichnet sich selbst als „Philosemiten“.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die „Betrachtungen“ und ihre Folgen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Manns politische Verwirrungen in der Folge des ersten Weltkrieges unterschlägt Kai Sina nicht. Es sind Thomas Manns Schriften nach 1914, zunächst die „Gedanken im Kriege“, dann der Riesen-Essay <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em>, die aus heutiger Sicht befremdlich wirken. Sina schreibt zunächst:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Vom politischen Frühwerk aus betrachtet, kommt man nicht umhin, Manns Entwicklung in der Entstehungszeit der <em>Betrachtungen </em>als Diskontinuität zu begreifen, in der Sache wie im Ton, in der Form wie in der Rhetorik, bis hin zur Materialität.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dann aber weist Kai Sina darauf hin, dass man die <em>Betrachtungen</em> auch als Literatur, als einen „verschleierten Roman“ verstehen kann, in dem Thomas Mann Positionen ausprobiert, gerade so, wie er es im <em>Zauberberg</em> erneut unternimmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu dem, was manche als Thomas Manns Wandlung beschrieben haben. Vor allem seine Gegner wurden enttäuscht, die wegen der <em>Betrachtungen</em> geglaubt hatten, er sei einer von ihnen. Auch Thomas Manns Einstellung zum Zionismus wandelte sich. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst kam es aber 1921 noch zu einem Streit mit seiner (jüdischen) Ehefrau Katia über einen projüdischen Essay. Sie hieß die Veröffentlichung nicht gut, wahrscheinlich aus ökonomischen Ängsten, denn Thomas Manns Essay ist Zeugnis der Solidarität mit den Juden und wendet sich gegen die „kulturelle Reaktion“. Deren „plump-populärer Ausdruck“ manifestiere sich nirgendwo abscheulicher als im „Hakenkreuz-Unfug“, so Thomas Mann bereits 1921!&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann aber ließ sich Thomas Mann beim jüdischen Thema von niemanden mehr zurückhalten. Er wird Mitglied in dem Komitee Pro Palästina und präferiert zunächst einen „spirituellen Zionismus“. Im Gespräch mit der Jewish Telegraphic Agency sagt Mann: „The Jew has not come to conquer but to fullfill himself and to liberate his soul. […] After all, the Arabs have been here for over a 1000 years.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kai Sina fasst zusammen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Mit einem aus heutiger Sicht rührenden Optimismus erdenkt sich Mann eine Zukunft in Eintracht und Kooperation: Wenn die Juden darauf achtgäben, vorsichtig zu handeln, ließe sich gewiss mit der arabischen Bevölkerung zusammenleben und gemeinsam etwas aufbauen.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Fähigkeit zur Neujustierung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Manns Meinung wird sich im Verlauf der Geschichte ändern, und nach dem Zweiten Weltkrieg wird er unter dem Eindruck der Shoa einen politischen Zionismus befürworten: die Errichtung eines jüdischen Staates. Sina schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">So klar und emphatisch sich Thomas Mann hinter die Juden stellt, […] so einfach macht er es sich in Hinsicht auf ihr Zusammenleben mit den Arabern.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der oben noch erwähnte „rührende Optimismus“ ist – folgt man Sina – von einem „als kolonial“ zu bezeichnendem Denkmuster verdrängt worden. Nun, ob hier bei Thomas Mann wirklich ausschließlich „koloniales“ Denken vorliegt, das er ja davor gerade in Bezug auf Palästina nicht gezeigt hat, muss hier vielleicht nicht ausdiskutiert werden. Eine strikte Befürwortung eines jüdischen Staates hatte unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und somit nach dem Bekanntwerden des Mordes an den europäischen Juden sicherlich noch andere Motivationen als ein „koloniales Denkmuster“, das wir bei Thomas Mann, 1875 als Großbürgersohn geboren, sicherlich voraussetzen dürfen. Jedenfalls wird Thomas Mann diese grundsätzliche Solidarität mit Israel Zeit seines Lebens nicht mehr aufkündigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bekanntlich war er lange Zeit auch ein glühender Verehrer der USA, wurde dann aber nach den Erfahrungen mit dem McCarthyismus zu einem Kritiker und verließ am Ende seines Lebens das Land. Auch seine Einstellung zum Zionismus war einem ständigen Wandel unterzogen: von der ursprünglichen Ablehnung über die Befürwortung des kulturellen und dann auch des politischen Zionismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sich seine Haltung im weiteren zeitgeschichtlichen Verlauf entwickelt hätte, können wir nicht wissen. Ob er aber beispielsweise ein Fürsprecher Netanjahus gewesen wäre, darf man immerhin bezweifeln. Seine grundsätzliche Fähigkeit zur Neujustierung sollte jeden davon abhalten, Mann in heutigen politisch-moralischen Diskussionen als Kronzeugen für eine bestimmte Position aufzurufen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Polemik in den Radioansprachen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Mann hat sich nicht nur in seinen Essays politisch geäußert. In seinen Radioansprachen erweist er sich sowohl als leidenschaftlicher Polemiker wie auch als Analytiker, der Debatten beinahe Jahrzehnte vorwegnimmt. Mely Kiyaks Neuausgabe seiner Radioansprachen zeigt die visionäre Schärfe seines Denkens. Zunächst macht er in diesen Reden vor allen Dingen den Mord an den europäischen Juden öffentlich und das erstaunlich früh, schon 1942. Er hat die ersten Berichte nie als unglaubwürdig zurückgewiesen, wie es unter anderem Hannah Arendt tat, die das nach dem Krieg auch zugab: „Ich habe es nicht geglaubt!“ Thomas Mann hatte es sofort „geglaubt“, um nicht zu sagen: gewusst. Denn er kannte das Kulturvolk, die deutsche Gesellschaft nur zu gut, die deutsche Volksgemeinschaft, aus der er selbst kam und vor der er schließlich floh. Und er sprach dieser Volksgemeinschaft ins Gewissen. Nachdem er minutiös über die Vernichtung der Juden im sogenannten Generalgouvernement berichtet hat, fragt er die Deutschen aus dem Radio heraus: „Wisst ihr Deutsche das? Und wie findet ihr das?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der berühmten Rede vom April 1942 stellt Thomas Mann weiterhin klar, dass die Luftangriffe auf „Hitlerland“ (wie er Deutschland nennt) und speziell auf seine Vaterstadt Lübeck, Ausdruck dessen sei, „daß alles bezahlt werden muß“. Hier schon deutet Mann an, dass „Deutschland zu schluchzen hat auch über das, was es erleidet“. Die Diskussionen über den Bombenkrieg und Deutschland als Opfer sollten erst fünfzig Jahre später tatsächlich gesamtgesellschaftlich geführt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 14. Januar 1945 erklärt Mann, was nötig sei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">die volle und rücksichtslose Kenntnisnahme entsetzlicher Verbrechen, von denen ihr tatsächlich heute noch das Wenigste wisst, teils, weil man euch absperrte […] teils, weil ihr aus dem Instinkt der Selbstschonung das Wissen um dieses Grauen von euren Gewissen fernhieltet. Es muß aber in euer Gewissen dringen, wenn ihr verstehen und leben wollt, und ein gewaltiges Aufklärungswerk, das ihr nicht als Propaganda mißachten dürft, wird nötig sein, um euch zu Wissenden zu machen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hiermit nimmt Thomas Mann die Re-Education und die deutschen Vorbehalte gegen diese vorweg – Vorbehalte, die heute wieder formuliert werden, zum Beispiel von Alice Weidel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mely Kiyak weist in ihrem bemerkenswerten Vorwort darauf hin, dass Thomas Mann gerade deswegen beispielgebend ist, weil ihm, dem Großbürgersohn, das Revoluzzertum nun gerade nicht in die Wiege gelegt worden ist. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie schreibt: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Seit ich mich mit Thomas Mann und seinem Widerstand intensiv auseinandersetze, lande ich immer wieder bei diesem Gedanken: Für jemanden, der aus ethnischen, religiösen oder sozialen Gründen ausgegrenzt und verfolgt wird, ist der Kampf für Solidarität und der Widerstand gegen ein faschistisches System notwendig und irgendwie auch selbstverständlich. […] Aber für jemanden wie Thomas Mann („männlich, weiß, privilegiert“ wären wohl die heutigen Schlagwörter) ist seine Beharrlichkeit und sein Aufbäumen gegen das NS-Regime zunächst einmal eine politische Entscheidung, zu der er nicht gezwungen war.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein innerer Zwang, der Thomas Mann trieb. Die Zeitumstände machten aus dem Schriftsteller, dessen Schreiben immer zuerst der Ästhetik verpflichtet gewesen ist, auch einen politischen Aktivisten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Thomas Mann 1947 in der niederländischen Wochenschau </h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Kai Sina<br><strong>Was gut ist und was böse</strong><br>Thomas Mann als politischer Aktivist<br>Propyläen 2024 · 304 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3549100851<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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</div></div>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Thomas Mann<br><strong>Deutsche Hörer!</strong><br>Radiosendungen nach Deutschland<br>Herausgegeben und mit einem Vorwort und einem Nachwort versehen von Mely Kiyak<br>S. Fischer 2025 · 272 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3103976854<br></p>



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</div></div></div> </div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die Tyrannei der Freiheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2025 08:41:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Elon Musk]]></category>
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					<description><![CDATA[Welche Folgen hat Freiheit ohne Solidarität? In seiner Erzählung „Ein anarchistischer Bankier“ von 1922 nimmt Fernando Pessoa Elon Musk vorweg – aus dem Abstand eines Jahrhunderts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Putins Angriffskrieg, Trumps Schockstrategie, der globale Angriff auf die Demokratie – bis vor wenigen Jahren hätte man sich das im Traum nicht ausdenken können. <br>In unregelmäßigen Abständen lesen wir auf tell klassische Texte vor dieser Folie und fragen: Haben die Klassiker Antworten auf die derzeitigen Verwerfungen des politischen und gesellschaftlichen Raums?</p>



<p class="wp-block-paragraph">19. April 2025: <a href="https://tell-review.de/die-freiheit-zu-ziehen-oder-nicht-zu-ziehen/">Die Freiheit, zu ziehen oder nicht zu ziehen</a>. Herwig Finkeldey über Thomas Manns „Mario, der Zauberer“</p>



<p class="wp-block-paragraph">21. Oktober 2025: <a href="https://tell-review.de/der-fluch-der-rache/">Der Fluch der Rache</a>. Herwig Finkeldey über Friedrich Torbergs „Mein ist die Rache“</p>



<p class="wp-block-paragraph">7. Mai 2026: <a href="https://tell-review.de/das-zermalmende/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Zermalmende</a>. Herwig Finkeldey über Ernst Weiß&#8216; „Der Augenzeuge“</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Fernando Pessoas Erzählung „Ein anarchistischer Bankier“ von 1922 ist für mich ein Buch der Stunde. Pessoa schildert darin den Dialog eines Bankiers mit einem Freund, der allerdings nur die Stichworte liefert. Aus dem Monolog des Bankiers entwickelt sich gewissermaßen das Manifest seiner Lebenshaltung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesen Bankier beschreibt Pessoa zunächst als einen „großen Händler und namhaften Schieber“.</p>
</div></div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Mir wurde erzählt, Sie seien früher Anarchist gewesen!“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dieser Frage des Freundes wird das Gespräch in Gang gesetzt. Der Bankier korrigiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin es nicht gewesen, ich bin es noch immer.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nun erklärt der Bankier, wie man beides sein kann: Bankier und Anarchist. Mehr noch: Wie das eine notwendigerweise zum anderen führt. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass nur er ein echter Anarchist sei, im Gegensatz zu den „Typen von den Arbeiterorganisationen“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie das geht? Ganz einfach. Indem man die Freiheit absolut setzt, mit dieser Freiheit aber nur die eigene meint. So war der Bankier zunächst selbst Mitglied einer anarchistischen Gruppe gewesen und in dieser Organisation enttäuscht worden: Denn auch unter diesen Anarchisten gebe es Subordination und Forderung nach Gefolgschaft. Der Sozialismus war für ihn nie in Frage gekommen, denn die Sozialisten wollten nur die gerade gültigen „gesellschaftlichen Fiktionen“ durch andere ersetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deswegen sei er schließlich seinen eigenen Weg gegangen. Der korrupte Anarchismus, den er in seiner Gruppe kennengelernt hat, konnte die „Fiktionen“ nicht aufbrechen. So kam der Bankier zu folgendem Ergebnis:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die gewichtigste Fiktion in unserer Zeit ist nun einmal das Geld. Wie aber […] die Macht bzw. die Tyrannei des Geldes bezwingen? […]<br>Die einfachste Methode wäre gewesen, mich aus seiner Einflußsphäre, das heißt aus der Zivilisation zurückzuziehen; ich hätte aufs Land gehen können, Wurzeln essen und Wasser aus den Quellen trinken, nackt herumlaufen, wie ein Tier leben können.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Pessoa beschreibt in den Worten des Bankiers zunächst das Aussteigertum, das es ja bis heute gibt. Der Bankier nennt dieses Aussteigen eine „Flucht“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich musste also anders vorgehen – was ich brauchte, war eine Kampf- und keine Fluchtmethode. [&#8230;]<br>Die einzige Methode war – <em>es zu erwerben, </em>es in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar werden konnte; und je größer die erworbene Menge wäre, desto freier würde ich von seinem Einfluß. Als mir das mit der ganzen Kraft meiner anarchistischen Überzeugung und der Logik meines Scharfsinns vor Augen stand, trat ich, lieber Freund, in die jetzige Phase – in die Kommerz- und Bankphase meines Anarchismus ein.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Pessoa beschreibt hier die Herkunft des libertären Denkens aus dem Geist des Anarchismus. Freiheit ist, wenn <em>ich</em> frei bin. Die „Tyrannei des Geldes“ ist bezwungen, wenn <em>ich</em> reich bin. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit ist Pessoas Bankier nichts anderes als eine Vorwegnahme von Elon Musk. Genau das ist der neuralgische Punkt: Wenn Freiheit sich nicht mit Solidarität verbindet, kippt sie in Tyrannei. Musks Kettensägen-Show ist dafür ein bildhafter Beweis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen solche Bankiers und Online-Oligarchen hilft keine Antifa-Rhetorik, denn diese wendet sich ja immer gegen den alten, militaristischen Nazi. Möglicherweise ist das ein Grund, warum Diskussionen über und mit den Neuen Rechten bisher so wenig Erfolg hatten, egal wie intensiv sie geführt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der libertäre „Freiheitsheld“ Elon Musk muss sich als Nazi gar nicht angesprochen fühlen. Und dessen Fans ebenso wenig.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Elon Musk auf der CPAC 2025 (picture alliance)</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Fernando Pessoa<br><strong>Ein anarchistischer Bankier</strong><br>Erzählung<br>Wagenbach 2006 · 96 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: 978-3803112361<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="347" height="648" data-attachment-id="119597" data-permalink="https://tell-review.de/die-tyrannei-der-freiheit/ein-anarchistischer-bankier/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/02/Ein-anarchistischer-Bankier.jpg?fit=347%2C648&amp;ssl=1" data-orig-size="347,648" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Ein-anarchistischer-Bankier" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/02/Ein-anarchistischer-Bankier.jpg?fit=347%2C648&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/02/Ein-anarchistischer-Bankier.jpg?resize=347%2C648&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119597" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/02/Ein-anarchistischer-Bankier.jpg?w=347&amp;ssl=1 347w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/02/Ein-anarchistischer-Bankier.jpg?resize=161%2C300&amp;ssl=1 161w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/02/Ein-anarchistischer-Bankier.jpg?resize=43%2C80&amp;ssl=1 43w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/02/Ein-anarchistischer-Bankier.jpg?resize=300%2C560&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 347px) 100vw, 347px" /></figure>


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</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Gegen das Tribunaldenken</title>
		<link>https://tell-review.de/gegen-das-tribunaldenken/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2024 07:53:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum sind die Diskussionen über die Corona-Pandemie so aufgeheizt? In ihrem Buch „Alles überstanden?“ zeigen Christian Drosten und Georg Mascolo, wie man faktenbasiert streiten kann. Eine Rezension aus der Sicht eines Arzts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Mit Ausnahme des Themas Migration war kein Thema in den Wahlkampfstrategien der Neuen Rechten derart präsent wie die Corona-Pandemie.&nbsp;Es verging im Sommer praktisch kein Tag, an dem in Sachsen nicht von irgendwo her der Rücktritt oder gar die Bestrafung von Entscheidungsträgern, Politiker, Journalisten oder Wissenschaftlern der Pandemie-Zeit gefordert wurde. Die Bestrafungsfantasien reichten teilweise bis zum Galgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Brandenburger Landtagswahlkampf arbeitete die AfD unverhohlen mit diesem Tribunaldenken. Auf Plakaten wurde gefordert, Politiker „endlich für Fehler zu bestrafen“. Der AfD-Kandidat für das Märkische Oderland, Lars Günter, lud in seinem Wahlkampf zu einem Film ein, der die während der Pandemie „schuldig“ gewordenen Eliten „entlarven“ soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und man staunte, welche Zeitgenossen dem Vorschub leisten. Etwa der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki, der eine politische Aufarbeitung der Pandemie fordert. Diese durchaus nachvollziehbare Forderung begründet er, wie die AfD, mit den angeblich kompromittierenden „RKI-Files“, obwohl sich in denen bei genauer Betrachtung nichts Wesentliches findet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie konnte es dazu kommen, dass eine ganze Gesellschaft sich von Verschwörungsdenkern derart vorführen lässt? Und wie konnte es sein, dass aus dem Wunsch einer politischen Aufarbeitung billigste Rachsucht wurde? Hat dieser Spin – weg von einer vernünftigen Aufarbeitung, hin zum Tribunaldenken – auch etwas mit fehlgegangener Kommunikation zu tun? Begann diese fehlerhafte Kommunikation schon während der Pandemie?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Personen dieser angeprangerten Eliten, Christian Drosten und Georg Mascolo, haben ein Gespräch über genau diese Zeit verfasst. Schnell erfährt man in ihrem Buch <em>Alles überstanden?</em>, dass sich die beiden durchaus nicht immer einig sind. Und genau das macht den Reiz dieses Buches aus: Beide kritisieren den jeweils anderen und dessen Rolle während der Pandemie, aber es ist eine Kritik, die ganz ohne Verschwörungsdenken auskommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Journalist Georg Mascolo etwa kritisiert die chinesische Informationspolitik und zugleich die Tatsache, dass die Frage nach der Herkunft des Virus‘ derartig ideologisch aufgeladen wurde. Eine zentrale Rolle spielte dabei ein Paper in der Fachzeitschrift <em><a href="https://www.nature.com/nm/">nature science</a></em>, an dem auch Christian Drosten beteiligt war. Darin wurde die Herkunft des Virus aus der Natur als einzige Möglichkeit dargestellt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu Mascolo:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das war ein problematischer Vorgang. Das Paper trug dazu bei, dass ein möglicher Labor-Ursprung öffentlich zu einer reinen Verschwörungserzählung erklärt werden konnte. […] Das Vertrauen, man gehe mit allen möglichen Hypothesen offen um, nahm dadurch Schaden.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Vertrauensverlust sei durch die Impfpflichtdiskussion noch verstärkt worden. Zunächst erteilten führende Politiker einer Impfpflicht eine klare Absage, dann aber wurde, ebenfalls von Politikern, eine Impfpflichtdebatte entzündet. Das habe das ohnehin schon angekratzte Vertrauen weiter verspielt, zumal die Impfung dann gegen die Weiterverbreitung des Virus doch weniger wirksam war als ursprünglich angenommen. Gerade in diesem Punkt gebe ich Georg Mascolo recht. Die Impfpflichtdiskussion hat wie keine zweite das Vertrauen in die Regierung untergraben, zumal sie sich im Pandemieverlauf mit der Erfahrung der ökonomischen Existenzbedrohung verband.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man erkennt an diesen Beispielen das Kontroverse des Gesprächs. Hier findet Aufklärung statt und die beiden schonen sich keineswegs. Das zeigt sich im Weiteren in der Auseinandersetzung über die Rolle der Medien. Mascolo fragt Drosten, wo er Berichterstattung vermisst habe.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich kann Ihnen mal drei Punkte nennen, die mir persönlich fehlten: Wie wurde an der Pandemie verdient? Um welche Themen dreht sich die Pandemie-Nachbearbeitung in anderen Ländern? Und was war eigentlich das politisch-gesellschaftliche Ziel unserer Pandemiekontrolle: Hatten offene Schulen oder hatte die Wirtschaft Priorität?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Christian Drosten kritisiert den Weg des „Economy first“: Die Pendlerzüge waren voll, doch die Schulen wurden geschlossen. Obwohl Christian Drosten dies bis heute falsch findet, wird gerade seine Person mit den Schulschließungen in Verbindung gebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Gesprächspartner wünschen eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Coronabeschlüsse. Als Arzt habe ich allerdings einige persönliche Erfahrungen gemacht, die einer solchen Aufarbeitung entgegenstehen. Auch unter meinen Kollegen habe ich undifferenzierte Schuldzuweisungen erlebt, bis hin zu Hassreden gegen Karl Lauterbach. Hier decken sich meine persönlichen Erfahrungen mit den Forschungen der Sozial-Psychologin <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/verschwoerungsmythen-hetze-netz-internet-afd-lamberty-e441769/">Pia Lamberty</a>. Verschwörungsdenken gibt es in jeder Gesellschaft, doch mit der Corona-Pandemie und ihren ökonomischen Folgen verließ dieses Denken den <em>lunatic fringe</em> und kam in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Aufklärer gerät man in diesen Debatten schnell an Grenzen: Der Verschwörungstheoretiker weiß eine große Sache und die ganz gewiss, Aufklärer dagegen kennen viele Einzelheiten, und sie haben Fragen, die sie klären möchten. Gewissheit jedoch ist immer attraktiver als abwägendes Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann auch sagen: Verschwörungstheoretiker sind auf einem Kreuzzug. Und Kreuzzügler wollen nicht analysieren, sondern schuldig sprechen, sie wollen nicht aufklären, sondern verurteilen. Ihre Gewissheit, die sie mit Wissen verwechseln, stellen sie gegen die angebliche Dummheit der Welt. Erfahrungsgemäß hilft gegen einen solchen Kreuzzug kein Einspruch der Vernunft, umso weniger, wenn dabei wirtschaftliche Ängste instrumentalisiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um wieder diskutieren zu können, sollte eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Pandemie an drei wissenschaftlich belegte Prämissen geknüpft werden:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>1. Prämisse<br></strong>Das Virus war gefährlich. In der <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1422600/umfrage/lebenserwartung-nach-kontinenten-und-weltweit" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Statistik</a> der Lebenserwartung zeigt sich für alle Kontinente in den Jahren 2020/21 eine Delle, die nur mit SARS-Cov2 erklärt werden kann.<a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2. Prämisse<br></strong>Die Impfung war wirksam. Sie verhinderte zwar nicht die Ansteckung, doch Todesfälle, denn sie sorgte für einen milderen Krankheitsverlauf. Im Juni 2024 wurde in der renommierten Fachzeitung <em><a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext#" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Lancet</a></em> eine Studie publiziert, die diese Einschätzung belegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>3. Prämisse<br></strong>Auch die nicht-pharmakologischen Maßnahmen wie Masken und Kontaktbeschränkungen waren wirksam, Beleg dafür ist ein Text der <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" data-type="link" data-id="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Royal Society</em></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn diese drei Prämissen akzeptiert werden, dann kann man über Schulschließungen, Impfpflichtdiskussionen, Freiheitsbeschränkungen etc. diskutieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Christian Drosten stellt lapidar fest, was auch meiner Erfahrung entspricht. So schlecht sind wir in Deutschland nicht durch die Pandemie gekommen, trotz unserer überalterten Bevölkerung.&nbsp; Hinterher ist man immer klüger. Drosten erinnert daher an die Voraussetzungen des Nicht-Wissens:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ein politischer oder gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozess setzt voraus, dass wir die damals herrschende Situation klar vor Augen haben und sie nicht aus einer Warte der überstandenen Gefahr bewerten, sondern aus der Warte der damaligen Bedrohung und Unsicherheit. Denn aus Unsicherheit heraus werden auch beim nächsten Mal die Entscheidungen getroffen werden müssen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: IMAGO/Bihlmayerfotografie </h6>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Christian Drosten, Georg Mascolo<br><strong>Alles überstanden? </strong><br><strong>Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird</strong><br>Ullstein 2024 · 272 Seiten · 14,99 Euro<br>ISBN: 978-3548070322<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



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		<title>Toxische Bürgerlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Jun 2024 06:22:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
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					<description><![CDATA[Franz Kafkas „Brief an den Vater“ erlaubt viele Deutungen: Identifikationslektüre für rebellierende Jugendliche, autobiografisches Bekenntnis, literarisches Dokument des Patriarchats. Entwicklung einer Lektüre.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Begegnung mit Kafkas Werk liegt meistens in der Schulzeit. Zu Kafkas 100. Todestag wenden wir uns seinem Werk zu, indem wir es wiederlesen &#8211; und uns aufs Neue überraschen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits erschienen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://tell-review.de/das-erste-mal/">Das erste Mal</a>, 3. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/das-schwarze-loch-der-hoffnung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das schwarze Loch der Hoffnung</a>, 7. Juni 2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/die-brotloseste-aller-kuenste/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die brotlosteste aller Künste</a>, 12.6.2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/erloesung-durch-gewalt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Erlösung durch Gewalt</a>, 18.6.2024</li>



<li><a href="https://tell-review.de/geisterstunde/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geisterstunde</a>, 20. Juni 2024</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Franz Kafka gehört zu den prägendsten Leseerfahrungen meiner Jugendzeit. Durch seine Texte (und die von Thomas Mann) erfuhr ich zum ersten Mal, dass nicht der Inhalt die Qualität eines Textes bestimmt, sondern die Form, die Art, wie der Inhalt dargestellt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inhalte sind bei Kafka schnell erzählt. Das Geschehen in seinen Büchern zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass es <em>nicht </em>vorangeht. Der Bote mit der kaiserlichen Nachricht dringt nicht durch, er kommt gar nicht aus der Stadt hinaus. Der Mann vom Lande wartet vor dem Gesetz vergebens auf Einlass. Das Schloss ist dem Landvermesser unerreichbar. Karl Roßmann irrt umher. Und immer wieder werden Kafkas Protagonisten von Frauen abgelenkt. Einerseits scheinen nur Frauen eine Entwicklung im Kafka’schen statischen Kosmos der Hoffnungslosigkeit möglich zu machen, sei sie auch nur scheinbar oder vorläufig. Andererseits schaffen es letztlich auch Frauen nicht, die Hoffnungslosigkeit zu besiegen, die Blockierungen zu lösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich viele von Kafkas Texten schon als Jugendlicher gelesen hatte, kam bald auch der <em>Brief an den Vater</em> hinzu. Eine Lektüre, die mich auch mit der Person Kafkas verband. Ich sah mein Schicksal als verwandt an: In scheinbar geordneten bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, war mir wie vielen Heranwachsenden das Befolgen dieser komplexen Regeln und das Einsehen ihrer Sinnhaftigkeit unmöglich (und ist es bis heute).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus las ich den Brief als Interpretationshilfe für Kafkas Werk. Nun sah ich in seinen Texten eigentlich nur einen biografischen Ausdruck seiner familiären Umstände und seiner übergroßen Schuldgefühle, als Antwort auf den väterlich-familiären Druck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Sicht belegt zunächst Kafkas eigene Aussage:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte ja dort nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im <em>Brief an den Vater</em> weist er selbst immer wieder auf seine Werke hin. Er zitiert (ein wenig ungenau!) sich selbst aus <em>Der Prozess</em>, und die Erzählung „Das Urteil“ wirkt nachgerade wie die literarische Variante des Briefes.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun habe ich nach mehreren Jahrzehnten den <em>Brief an den Vater </em>erneut gelesen. Ich muss zwar meine damalige Sicht nicht komplett umstoßen. Aber ich begann nun, den Brief nicht nur als persönliches Dokument, sondern auch als Literatur zu verstehen. Und fand über diesen Umweg dazu, auch Kafkas Werk neu zu deuten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versteht man diesen Brief nämlich literarisch, so ist er auch ein Dokument einer Zeit, in der Familien patriarchalisch geprägt waren. Der Vater als Oberhaupt und ökonomischer Versorger: Sein Wohlergehen hat über allem zu stehen, seinen Launen ist alles erlaubt. Die Familie hat ihn zu stabilisieren, er darf sich schadlos halten. Ob die einzelnen Mitglieder dabei leiden, sich zum Beispiel schuldlos schuldig fühlen, ist unerheblich. Die gütig-nachsichtige Mutter als der Part, der mit ihrer Wärme die Kinder ‚überzeugt‘, den tyrannischen Launen des Vaters keinen Widerstand entgegenzusetzen. Allzu große Härten federt sie ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das äußere Leben besteht ausschließlich aus dem Kampf um die Existenz sowie gegen Neider, Missgünstige und Betrüger, die nicht selten im eigenen Betrieb hocken. Dazu der ewige Vorwurf der Eltern an die undankbaren Kinder: Hart und entbehrungsreich mussten wir arbeiten, während ihr wohlstandsverwahrlost und ohne Leistungswillen dahinlebt. Kurzum: Kafka beschreibt hier nichts anderes als die toxische Bürgerlichkeit, wie sie in Aufsteigerfamilien typischerweise zu finden ist. Solche Familienverhältnisse waren bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Regel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch einen Aspekt berührt dieser lange Brief: das Verhältnis des Künstlers zum bürgerlichen Leben, zur bürgerlichen Existenz. Kafkas Hang zur Ambivalenz zeigt sich auch hier. Seine Unfähigkeit zur endgültigen Entscheidung betraf die Ehe mit allen Konsequenzen ebenso wie das bürgerliche Leben und dessen Anforderungen. Auch davon erzählt nicht nur der Brief, sondern das gesamte literarische Werk des Antibürgers Franz Kafka, dessen Helden ja vor allem die Unmöglichkeit auszeichnet, sich einzuordnen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Montage: Anselm Bühling)



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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