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	<title>Nationalsozialismus &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Nationalsozialismus &#8211; tell</title>
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		<title>Vorweihnacht in Plötzensee</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Karl-Josef Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Dec 2022 09:54:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Hinrichtungen]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Tage vor Heiligabend werden 1942 in Berlin-Plötzensee mehrere Männer und Frauen des politischen Widerstandes hingerichtet. In seinem Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ stellt Peter Weiss im Verweis auf den Kreuzigungsstod die quälende Frage nach dem Sinn dieses Sterbens.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Triggerwarnung: Peter Weiss&#8216; Schilderungen der Hinrichtung durch Strang und Fallbeil, die in diesem Beitrag zitiert werden, sind an der Grenze des Erträglichen. Was sie schildern, steht im größten denkbaren Gegensatz zu jeder Weihnachtsstimmung. </p>



<p>Die Gewalt nimmt keine Rücksicht auf solche Dinge <em>–</em> damals wie heute.</p>


</div></div>
</div></div>



<p style="font-size:15px"><em>In der Frühe des Weihnachtsmorgens gegen halb vier Uhr kamen die Läuterbuben ins Mesmerhaus. Dort hatte ihnen die Mesmermutter den Tisch mit Milchkaffee und Kuchen gedeckt. Er stand neben dem Christbaum, dessen Duft von Tannen und Lichtern noch vom Hl. Abend her in der warmen Stube lag. Seit Wochen, wenn nicht das ganze Jahr, freuten sich die Läuterbuben auf diese Stunde im Mesmerhaus.</em><br>Martin Heidegger: Vom Geheimnis des Glockenturms (1954)</p>



<p style="font-size:15px"><em>Sterne hoch die Kreise schlingen,<br>Aus des Schnees Einsamkeit<br>Steigt&#8217;s wie wunderbares Singen –<br>O du gnadenreiche Zeit!</em><br>Joseph Freiherr von Eichendorff: Weihnachten (1864)</p>



<p style="font-size:15px"><em>jetzt aber frech verhöhnet,</em><br><em>gegrüßet seist du mir!</em><br>Paul Gerhardt: O Haupt voll Blut und Wunden (1656)</p>



<p>Plötzensee, 22. Dezember 1942:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er sah sich schon am Heiligen Abend im Kreis der Familie, in Weißensee, in der Langhansstraße Hundertdreiundvierzig.</p></blockquote>



<p>Der 22. Dezember 1942 ist ein Dienstag. Wilhelm Röttger muss noch arbeiten, erst morgen wird er „seinen Weihnachtsurlaub antreten“. </p>



<p>Wilhelm Röttger ist Scharfrichter, und an diesem 22. Dezember gilt es, noch einige Todesurteile zu vollstrecken. Elf Angeklagte der sogenannten <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/widerstand-im-zweiten-weltkrieg/rote-kapelle.html" target="_blank">Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe</a> sollen guillotiniert und erhängt werden. Die Frauen werden an diesem späten Nachmittag durch das Fallbeil zu Tode kommen. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die acht Männer wußten noch nicht, daß für sie der entehrende Tod durch den Strang bestimmt worden war.</p></blockquote>



<p>Peter Weiss hätte es bei solcherart Andeutungen belassen können, doch er scheut sich nicht davor, den Leser zum Augenzeugen des Geschehens zu machen. </p>



<p>Auf einer Sondermarke der DDR 1982 anlässlich des vierzigsten Jahrestages dieser Hinrichtungen ist Folgendes zu lesen: „Ehrendes Gedenken der Schulze-Boysen/Harnack-Widerstandsorganisation, den Kämpfern gegen Faschismus und Krieg, aus Anlaß des 40. Jahrestages ihrer Ermordung.“ Während das staatliche Erinnern die Ehre der Ermordeten hervorhebt, richtet sich die Aufmerksamkeit des Schriftstellers auf die „tiefste Erniedrigung“ dieser Menschen, er übernimmt dabei die Perspektive des Gefängnisseelsorgers <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.katholisch.de/artikel/34076-seelsorger-im-widerstand-vor-50-jahren-starb-harald-poelchau" target="_blank">Harald Poelchau</a>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Weil in der Welt, in der auch er ein Gefangener war, alles in Kot, Urin und in dampfenden Lachen von Blut verging, hielt er fest an seinen Handlungen, die irgendwo noch als eine Art Sühne erkannt werden müßten.</p></blockquote>



<p>Fraglos steht der Autor und Mensch Peter Weiss auf der Seite der Widerstandskämpfer, und dennoch kann er seinen Blick nicht abwenden von dem, was mit diesen Männern und Frauen geschieht. Wie lässt sich aus einem solchen Sterben so etwas wie ein höherer, überindividueller Sinn extrahieren?</p>



<p>Heilmann wird als erster gehängt: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Roselieb schob diesem die Hanfschlinge über den Kopf. Der Strick verfing sich an Nase und Lippen. Die Gesellen zogen den Strick herunter und rückten ihn auf dem Hals zurecht. Poelchau betete laut. Während die Gesellen den leichten Körper hochhoben, streckte Röttger über ihm die Hände aus. Roselieb reichte ihm die Schlaufe oben an der Schlinge, die er in den Haken steckte. Die Gesellen ließen den Körper fallen. Sie hängten sich an die um sich stoßenden Beine. Das Knacken der Wirbelknochen war zu vernehmen. Das Gesicht wurde schwärzlich blau. Die Augäpfel traten hervor. Einige Sekunden schlug die Zunge rasend schnell im weit aufgerissenen Mund hin und her. Immer noch betete Poelchau. Konvulsionen durchfuhren den Körper und die Beine des Gehenkten.</p></blockquote>



<p>„Laßt mir doch, laßt mir doch mein Leben, schrie sie“ – doch Libertas, die Frau von Harry Schulze-Boysen, wird in wenigen Augenblicken den Tod erleiden müssen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>und jetzt ging alles so schnell, daß er mit lautem Beten nicht nachkam, der Scharfrichter hatte, mit einem Ruck an der Schnur, den Vorhang in der Mitte aufgerissen, knirschend waren die Hälften auseinandergefahren, die drei Gesellen (&#8230;) waren aus dem Hintergrund hervorgesprungen, hatten sich über die Frau geworfen und sie, deren Beine zappelten, an das aufrecht stehende Brett gedrückt, dieses an seinem Scharnier umgekippt, den obern Teil der hölzernen Halskrause im Gestell niederfallen lassen, und schon sauste von oben, aus einer Verkleidung, das riesige Beil mit der schrägen schneide herab, und trennte vom Körper das Haupt, das, überschüttet von Blut, in den Weidenkorb fiel. In Stößen schoß noch das Blut aus dem Hals, (&#8230;).</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verweise auf die Bibel</h3>



<p>Besinnlich, friedlich, still und voller Hoffnung soll es sein, das Weihnachtsfest. Doch das Kind in der Krippe wird am Kreuz hängen, einen qualvollen Tod erwartend: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Im Roman von Peter Weiss sind an diesem 22. Dezember 1942 Anfang und Ende, die Geburt des Erlösers wie sein Tod am Kreuz, präsent; allerdings wird die Freude über die Geburt des Gottessohnes zu Weihnachten verdeckt durch die Zeichen, die auf seinen Tod am Karfreitag verweisen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>(&#8230;) und zur Linken die hohe, mit Stacheldraht gekrönte Mauer (&#8230;). </p></blockquote>



<p>Der Vorhang der Hinrichtungsstätte wird „in der Mitte aufgerissen“ und deutet unverkennbar auf den Tod am Kreuz: „Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über dem Land bis an die neunte Stunde. Und die Sonne verlor ihren Schein. Und der Vorhang des Tempels zerriss mitten entzwei.“</p>



<p>Der Theologie, der Wissenschaft vom Göttlichen, ist es vorbehalten, den blutigen Tod am Kreuz als Keimzelle einer absoluten Hoffnung zu deuten. Das Ehrenbuch der Opfer von Berlin-Plötzensee knüpft an dieses Deutungsmuster an: „Mit unbeugsamer Entschlossenheit und dem Bewußtsein des kommenden Sieges erfüllten sie ihre Aufgaben im Kampf gegen die faschistischen Schergen (&#8230;)“.</p>



<p>Mit dem Tempelvorhang aber hat es eine ganz eigene Bewandtnis. Im Tempel trennt ein Vorhang das Allerheiligste vom Rest des Tempels und damit von den Menschen, die durch ihre Sünden von Gott getrennt sind. Nur der Hohepriester darf einmal im Jahr hinter den Vorhang gehen, um für das Volk Israel Buße zu tun. Nach christlicher Deutung symbolisiert der zerreißende Vorhang, dass das vergossene Blut Christi den gläubigen Menschen von seinen Sünden erlöst und ihm das ewige Leben geschenkt hat.</p>



<p>Wenn Paul Gerhardt das „Haupt voll Blut und Wunden“ beschwört, rücken zunächst allein die Zeichen unsäglichen Leides in den Blick:</p>



<p><em>O Haupt voll Blut und Wunden,<br>voll Schmerz und voller Hohn,<br>o Haupt, zum Spott gebunden<br>mit einer Dornenkron,<br>o Haupt, sonst schön gezieret<br>mit höchster Ehr und Zier,<br>jetzt aber hoch schimpfieret:<br>gegrüßet seist du mir!</em></p>



<p>Als Kirchenlied, von Johann Sebastian Bach für die Matthäus-Passion vertont und gesungen in der Karwoche, verdeckt die Vertrautheit mit Text und Lied die ganze Brutalität des geschilderten Geschehens.</p>



<p>Anders bei Peter Weiss in seiner Schilderung der Ereignisse an diesem Dienstag im Jahr 1942, zwei Tage vor Weihnachten: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>(&#8230;) Kuckhoff an den Füßen aufgehängt, mit einem Sack über dem Kopf, Coppi nackt, die Haut blau und zerplatzt, in der Lache des Wassers, mit dem man ihn übergossen hatte, um ihn aus der Ohnmacht zu holen, und Heilmann, abgemagert zum Skelett, doch aufrecht gehalten vom Triumph, daß es der Folter nicht gelungen war, Bekenntnisse aus ihm herauszupressen.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Frevel an Weihnachten</h3>



<p>Unübersehbar verweisen im Romantext eine Fülle von Zeichen, beispielhaft der mehrfach geschilderte aufreißende Vorhang der Hinrichtungsstätte, aber auch das „kreuzförmige Haus Drei“, oder das bereits erwähnte „Haupt, (&#8230;) überschüttet von Blut“ und die auf das dornengekrönte Haupt Christi verweisende „hohe, mit Stacheldraht gekrönte Mauer“, auf die Texte des Neuen Testamentes und damit einhergehend auf deren Bestreben, den Tod am Kreuz zum absoluten Zeichen größter Hoffnung zu verwandeln. Bestehen allerdings bleibt die Spannung zwischen der Brutalität der Hinrichtungen – vor annähernd 2000 Jahren wie im Jahr 1942 – und dem Versuch, eben diesen an Menschen verübten unsäglichen Qualen einen fraglosen und unhinterfragbaren Sinn zu geben.</p>



<p>Dass die von Weiss geschilderten Hinrichtungen zwei Tage vor dem Weihnachtsfest 1942 stattfanden, mag Zufall sein, das Urteil war am 19. Dezember gesprochen worden; dennoch steigert das weihnachtlich-hoffnungsvolle Bild, wie es etwa in „der warmen Stube“ aus Heideggers Erzählung erscheint, noch zusätzlich die Freveltaten derer, die sich gegen eine höhere moralische Ordnung, wie sie sich dem Gläubigen im Göttlichen zeigt, meinen straflos erheben zu können. Es herrscht ein Regime, das selbst in dieser gnadenreichen Zeit seinem rasenden Vernichtungswillen keinerlei Einhalt gebietet.</p>



<p>Zu Stein verwandelt wird, so heißt es in der griechischen Mythologie, wer das grässliche Haupt der Medusa anschaut. Allein indirekt wie Perseus, der seiner nur im Spiegel des Kampfschildes ansichtig wird, lässt sich der Anblick ertragen. Dies gilt, bei aller Drastik der Darstellung, wohl auch für die Kunst, die uns lediglich Visionen eines Geschehens liefert, dessen Augenzeugen wir auch bei der Lektüre eines Textes oder beim Anblick eines Bildes nicht werden. Dennoch führen die Schilderungen von Peter Weiss uns an den Rand des Erträglichen, gerade indem sie das Unerträgliche untrennbar verzahnen mit den Zeichen der Hoffnung und mit dem Versuch einer Sinngebung eben dieser geschilderten Gräuel.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Hoffnung und Verzweiflung</h3>



<p>Die <em>Ästhetische Theorie</em> Theodor W. Adornos kreist um die Frage nach dem Wesen von Kunst allgemein, insbesondere aber nach deren Stellenwert nach Auschwitz. Sein Denken oszilliert haltlos zwischen einem Rest Hoffnung und drohender absoluter Verzweiflung. In den <em>Meditationen zur Metaphysik</em>, dem letzten Teil seines Buches <em>Negative Dialektik</em>, heißt es über die Kultur, deren Teil jegliche Kunst ja zweifelsohne ist: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“</p>



<p>In  <em>Ästhetische Theorie</em> hingegen beschwört er geradezu einen Rest Hoffnung, der aus dem „Rätselcharakter“ aller Kunst spreche. Diese Hoffnung besteht in einer Verheißung, die vermeintlich der Kunst eigen ist, doch dass dem so sei, kann nicht sicher gesagt werden: „Ob die Verheißung Täuschung ist, das ist das Rätsel.“</p>



<p>Im Rückgriff auf das Karfreitagsgeschehen beschwört Peter Weiss die Hoffnung, dass dieses gewaltsame Sterben einen Sinn haben könnte. Weil er aber gleichzeitig nicht davor zurückschreckt, dieses Sterben ohne Rücksicht auf die Würde der Getöteten in den Blick zu nehmen, muss die Frage offen bleiben, ob für diese Hoffnung noch Hoffnung besteht.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Hermann Kießling, <a href="https://www.gedenkstaette-ploetzensee.de/hinrichtungen-in-ploetzensee" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Hinrichtungszelle in Plötzensee</a><br>(Gedenkstätte Deutscher Widerstand)</h6>



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		<title>Die bejubelte leere Hand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Sep 2022 07:09:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Irmgard Keun schrieb 1936 einen erstaunlichen Roman über die Verfassung der faschistisch gewordenen deutschen Gesellschaft. Als Zeitzeugin erzählt sie in "Nach Mitternacht" von Verschwörungstheorien und Denunziantentum.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Irmgard Keuns Roman <em>Nach Mitternacht</em> ist 1936 noch in den letzten Monaten ihrer inneren Emigration entstanden. Wie kaum ein zweites Buch erzählt er von der inneren Verfasstheit einer Gesellschaft, die durch Führergefolgschaft und Rassenwahn gekennzeichnet ist. Hierbei kommt Irmgard Keun zugute, dass sie selbst die Transformation der deutschen Gesellschaft in den ersten Jahren der Hitlerdiktatur aus nächster Nähe sehen konnte: Sie emigrierte erst Anfang 1937, anders etwa als Klaus Mann, der Deutschland unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung verlassen hatte und der daher in seinen Romanen Keuns Tiefenschärfe naturgemäß nicht erreichen konnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Phrasen der Hitlerdiktatur</h3>



<p>Plottragender Rahmen ist ein sogenannter Führerbesuch in Frankfurt am Main (wahrscheinlich im Jahr 1936) und die Folgen dieses Besuches für die psychische Konstellation der Stadtbewohner.</p>



<p>Hauptperson ist die Ich-Erzählerin Susanne, genannt „Sanna“. Mit ihrem betont naiven Ton ist sie prädestiniert dafür, die hohlen Phrasen der Hitlerdiktatur zu demaskieren. Sie lebt in Frankfurt am Main, davor in Köln, kommt aber aus dem ländlichen Moselgebiet, ein persönlicher Hintergrund, dank dem sie schon den ersten performativen Widersprüchen der Nazis auf die Schliche kommt. </p>



<p>Nach der „Führerrede“ sitzt sie mit Freunden in einer Kneipe und reflektiert Hitlers Hang zum Ruralen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8230; ich habe tausendmal lieber eine große Stadt. Man darf so was ja nicht sagen heutzutage wegen der Weltanschauung und der Regierung. Es ist nicht gut und edel, eine Stadt lieber zu haben und schöner zu finden.<br>[…]<br>Trotzdem werden die Städte immer größer gebaut, und Autostraßen werden angelegt auf den dampfenden Erdschollen. Der Sinn der Erdschollen besteht darin, dass die Dichter sie besingen müssen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen und nachzudenken, was in den Städten los ist und mit den Menschen.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Gesellschaft im Rausch</h3>



<p>Was in den Städten und mit den Menschen seit Hitlers Machtergreifung los ist, das beschreibt Irmgard Keun in ihrem Roman. Die Nazis und insbesondere Adolf Hitler haben eine ganze Gesellschaft in einen Rausch hineingezogen, in Ekstase versetzt, ja hypnotisiert. Die Schilderung des „Führerbesuchs“ gleicht der Schilderung eines heutigen Pop-Konzerts: dieselbe Begeisterung, dieselbe Verehrung.</p>



<p>Sanna beschreibt die Minuten auf dem Frankfurter Opernplatz bevor der Führer kommt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Rechts auf der Seite vom Opernplatz, wo es so parkartig ist, hatte sich ein schwarzes Meer von Menschen gebildet, die bewegten sich auf und ab in langen Wellen. Über ihnen schwamm müdes Licht.<br>[…]<br>Manchmal wurden aus dem Meer von Menschen ohnmächtige Frauen von SS-Männern fortgetragen.</p></blockquote>



<p>Eine halbe Seite später erscheint dann Hitler selbst:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Heil Hitler, näher kam der Mengen Ruf herangewellt, immer näher.<br>[…]<br>Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalszug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand.</p></blockquote>



<p>Hitler hat der Welt nichts zu geben, er bietet nur eine leere Hand. Was für eine Metapher! Diese bejubelte leere Hand wird die Welt, das ahnte damals die Mehrheit der Deutschen nicht, teuer bezahlen müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Rassegesetze“ im Alltag</h3>



<p>Sanna erzählt von einer „Reihendurchbrecherin“. Es sind in Szene gesetzte Kinder, die es, vorherbestimmt und geplant, „schaffen“, die Absperrungen zu durchbrechen, um dann mit einem Blumenstrauß dem Führer entgegenzulaufen. In <em>Nach Mitternacht</em> ist die zuvor bestimmte „Reihendurchbrecherin“ schwer erkältet, sie schafft es nur bis zu einem SS-Mann und wird später hochfiebernd an Entkräftung sterben. Diese Sequenzen, die Trauer der zuvor so stolzen Familie, sind die stärksten in diesem erstaunlichen Roman.</p>



<p>Auch die Rassegesetzgebung wirkt in Sannas Alltag hinein. So „geht“ Sannas Freundin Gerti mit einem „Mischling erster Klasse“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Jedenfalls darf die Gerti nichts mit ihm zu tun haben, weil doch Rassegesetze sind.</p></blockquote>



<p>Aber Gerti „hat mit ihm zu tun“.</p>



<p>Später hört Sanna einen Nazi und Stürmerleser – sie nennt ihn „Stürmermann“ – die Welt erklären:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Stürmermann hat Neues über Juden und Freimaurer herausgefunden, und zwar daß die Fünf- und Zehnpfennigstücke in einem furchtbaren Zusammenhang mit dem Judentum stehen und damit mit den Freimaurern.</p></blockquote>



<p>Die Nazis nährten die großen Verschwörungserzählungen – und sie ernährten sich ihrerseits davon.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das inszenierte Nichts</h3>



<p>In dieser gesellschaftlichen Stimmung, einer explosiven Gemengelage aus Verschwörungserzählungen und enthemmter Freude, wird jeder schief angeschaut, der nicht mitmacht. In der Folge gedeiht das Denunziantentum:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn. Und die Schreibmaschinen klappern, klappern, klappern&#8230;“</p></blockquote>



<p>Das furiose Finale dieses Romans findet, titelgebend, nach Mitternacht statt. Eine merkwürdige Mischung aus „verbotenen“ Menschen findet sich nach dem Kneipengelage zu einer privaten Fete zusammen. Sannas Liebe hat sich angekündigt, der Franz aus Köln. Das weiß der Leser seit Beginn des Buches, und nun löst sich das Geheimnis seiner Abschieds-Andeutungen: Franz muss Deutschland verlassen, denn er hat&nbsp;einen SA-Mann getötet, der ihn zuvor als Kommunisten denunziert hatte. Und Sanna wird mitgehen&#8230;</p>



<p>Die popähnliche Inszenierung des Nichts, die Ungeheuerlichkeit der sogenannten Rassegesetze, die Verschwörungserzählungen und zuletzt das eklige Denunziantentum: Das alles wirkt, als habe ein historisch versierter Erzähler von heute die wichtigsten Facetten des Dritten Reichs zusammengetragen und in Form eines inneren Monologs literarisch aufgearbeitet. Aber es war eine Zeitzeugin ohne Quellenstudium: Ihre einzige Quelle war ihr Erleben.&nbsp;Denn man muss davon ausgehen, dass Irmgard Keun alle geschilderten Situationen in <em>Nach Mitternacht</em> so oder ähnlich selbst erlebt hat.</p>



<p>Mit dem Wunsch nach Veröffentlichung dieses Romans war ein Bleiben in Deutschland nicht mehr möglich. Die Autorin Irmgard Keun floh, wie ihre Hauptperson und Ich-Erzählerin Susanne, ins Exil. Im Amsterdamer Querido-Verlag veröffentlichte sie 1937 einen der erstaunlichsten Romane der deutschen Emigrationsliteratur.</p>



<p>Nun liegt er erstmals seit langem wieder vor, mit einem vorzüglichen Nachwort von Heinrich Detering.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Reichsparteitag 1934</a> <br> Bundesarchiv</a></h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Irmgard Keun<br><strong>Nach Mitternacht</strong><br>Roman<br>Claassen 2022 · 208 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 978-3546100342<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Jun 2022 08:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[In Nachkriegsdeutschland greifen Verlage gern auf Bewährtes zurück. Michail Soschtschenko hilft das nicht mehr, doch seine Übersetzerin Grete Willinksy weiß es für sich zu nutzen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; Neue Gewänder</p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Neue Gewänder</h1>



<p class="has-drop-cap">Im April 1947 druckt die Münchner Zeitschrift <em>Der Simpl</em> – eine Nachfolgepublikation des 1944 eingestellten <em>Simplicissimus</em> – eine <a href="https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/simpl1947/0067" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kurze Satire</a>, als deren Autor ein „Fjodor Ukrainow“ firmiert. Sie trägt die Überschrift „Genosse Kommissar“ und handelt davon, wie ein Lehrer den Wohnungskommissar mit einer Schachtel Zigaretten bestechen muss, um eine unerwünschte Einquartierung zu vermeiden. Es folgt ein „Nachwort des Übersetzers“:</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="361" height="170" data-attachment-id="105140" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/maerker/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?fit=361%2C170&amp;ssl=1" data-orig-size="361,170" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Maerker" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?fit=361%2C170&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=361%2C170&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-105140" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?w=361&amp;ssl=1 361w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=300%2C141&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=80%2C38&amp;ssl=1 80w" sizes="(max-width: 361px) 100vw, 361px" /></figure>
</div>


<p>Friedrich Märker, der hier als „Übersetzer“ zeichnet, ist in Wirklichkeit der Autor des Textes und außerdem verheiratet mit der Soschtschenko-Übersetzerin Grete Willinsky. Er nutzt die ihm wohlbekannte Form der „russischen Satire“, um sich in verdruckst-plumper Sprache über unerwünschte Einquartierungen von Flüchtlingen aus dem Osten zu beschweren, die infolge des Krieges in großer Zahl in Westdeutschland eintreffen.</p>



<p>Märker, in den 1920er Jahren Dramaturg und Theaterkritiker, war seit 1930 mit Veröffentlichungen zu Charakterkunde und Physiognomik hervorgetreten. Nach der Machtübernahme der Nazis wusste er die Gunst der Stunde zu nutzen. Sein 1934 erschienenes Buch <em>Charakterbilder der Rassen: Rassenkunde auf physiognomischer und phrenologischer Grundlage</em> wurde auf der Bauchbinde als „wertvolle und eigenartige Ergänzung rassenkundlichen Schrifttums“ beworben – ein Zitat aus dem <em>Völkischen Beobachter</em>. Nach dem Krieg kommt die „Rassenkunde“ in den Titeln von Märkers Publikationen nicht mehr vor, doch er befasst sich unbeirrt weiter mit Physiognomik: 1949 gibt er Lavaters <em>Physiognomische Fragmente</em> heraus und 1971 veröffentlicht er das Buch <em>Die Kunst, aus dem Gesicht zu lesen</em>. Daneben widmet er sich der Verbandstätigkeit und gründet 1956 die „Verwertungsgesellschaft für literarische Urheberrechte“, eine Vorläuferorganisation der zwei Jahre später gegründeten VG Wort. 1959 erhält er dafür das Große Bundesverdienstkreuz.</p>



<p class="has-text-align-center">* * *</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
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<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter"><div data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="628" height="1030" alt="" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-104903" data-id="104903" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=628%2C1030&#038;ssl=1" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=628%2C1030&amp;ssl=1 628w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1947.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, 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<p>Für Grete Willinsky erweist sich der in seiner Heimat verfemte Soschtschenko auch in den Nachkriegsjahren als sichere Bank. 1947 bringt sie eine Auswahl seiner Satiren in einem der ersten Literaturverlage unter, die in der US-Besatzungszone eine Konzession erhalten: Die Anthologie <em>Der redliche Zeitgenosse</em> erscheint im Kasseler Harriet Schleber Verlag, der auch frühe Texte von Wolfgang Borchert, Heinrich Böll und Marie-Luise Kaschnitz publiziert. Nur ein Jahr danach veröffentlicht der Zürcher Werner Klassen Verlag unter dem Titel <em>Russischer Alltag</em> gleichfalls Satiren von Soschtschenko, und wieder firmiert Willinsky – neben einer Kollegin namens Hedwig Sörensen – als Übersetzerin.  </p>
</div>
</div>



<p>Während Willinsky sich in den folgenden Jahrzehnten bis zu ihrem Tod 1983 vor allem als Autorin von Kochbüchern betätigt, bleiben ihre Soschtschenko-Übersetzungen in der Bundesrepublik Deutschland verlässliche Longseller. Der Verlag Langen Müller, in dem kurz darauf auch Ephraim Kishons Satiren auf Deutsch erscheinen, übernimmt 1959 den Band <em>Der redliche Zeitgenosse</em> und bringt einen weiteren mit dem Titel Der <em>Rettungsanker</em> heraus. </p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p>Das Buch <em>Schlaf schneller, Genosse</em>, an dem sich Hitler und seine Entourage 1940 delektiert hatten, ist bereits seit 1953 mit leicht gekürzter und abgewandelter Textauswahl und einem erneut angepassten Nachwort als Taschenbuch wieder auf dem Markt –&nbsp;nicht mehr bei Rowohlt, sondern im Verlag „Das Goldene Vlies“. Dieser geht kurz darauf im Ullstein Verlag auf, wo der Band mit wechselnden, zum jeweiligen Zeitgeist passenden Covergestaltungen jahrzehntelang neu aufgelegt wird. </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter"><div data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="643" height="1030" alt="" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-104905" data-id="104905" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1.jpg?resize=643%2C1030&#038;ssl=1" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=643%2C1030&amp;ssl=1 643w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=187%2C300&amp;ssl=1 187w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, 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swiper-slide"><figure><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="678" height="1030" alt="" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-104935" data-id="104935" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1.jpg?resize=678%2C1030&#038;ssl=1" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=678%2C1030&amp;ssl=1 678w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=197%2C300&amp;ssl=1 197w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=768%2C1167&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=1010%2C1536&amp;ssl=1 1010w, 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</div>



<p>Die letzte Ausgabe erscheint Mitte der 1970er Jahre. Um diese Zeit bringt Ullstein auch ein neues Werk seines Erfolgsautors Albert Speer heraus: die <em>Spandauer Tagebücher</em> aus seiner zehn Jahre zuvor zu Ende gegangenen Haftzeit, in denen Speer sich unter anderem daran erinnert, wie Adolf Hitler ihm einmal ein Buch empfohlen hat.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild und Buchcover: Anselm Bühling.<br>Screenshot „Der Simpl“ Nr. 6/1947: Universität Heidelberg: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/simpl1947/0067.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; Neue Gewänder</p>


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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 3</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jun 2022 08:09:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschärft sich das kulturelle Klima in der Sowjetunion. Der beliebte Satiriker Michail Soschtschenko bekommt das zu spüren: An ihm wird ein Exempel statuiert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; Für fremd erklärt<br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Für fremd erklärt</h1>



<p class="has-drop-cap">Michail Soschtschenko meldet sich sofort nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion als Kriegsfreiwilliger, wird jedoch als „nicht verwendungsfähig“ abgelehnt. Er publiziert während des Krieges antifaschistische Glossen und Feuilletonbeiträge. Im Herbst 1941 wird er nach Alma-Ata evakuiert. Dort arbeitet er an einem Buch, das ihn seit langem beschäftigt. Es heißt <em>Vor Sonnenaufgang</em> (deutscher Titel: <em>Schlüssel des Glücks</em>) und hat einen ganz anderen Charakter als die Satiren, für die er bekannt ist. Soschtschenko erkundet darin seine eigene Psyche, er schreibt über die Depressionen und Neurosen, die ihn von Kindheit an geplagt haben. Er hat sich mit den Neurosentheorien Sigmund Freuds und des sowjetischen Verhaltensforschers Iwan Pawlow befasst, und er ist überzeugt, dass seine Erfahrungen mit diesem Thema ihn befähigen, anderen Menschen Mut zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie Ängste überwinden können. Der erste und zweite Teil erscheinen 1943 in den Sommernummern der Zeitschrift „Oktober“.</p>



<p>Den Abdruck weiterer Teile stoppt die Zensur. Soschtschenko wird aus der Redaktion der Satirezeitschrift „Krokodil“ ausgeschlossen, der er seit 1941 angehörte. Man streicht ihm die Lebensmittelzuteilung für Schriftsteller, und er muss aus dem Moskauer Hotel ausziehen, in dem er seit der Rückkehr aus der Evakuierung gewohnt hat. Im Dezember 1943 verteidigt er sich auf einer Präsidiumssitzung des sowjetischen Schriftstellerverbands: Er habe mit <em>Vor Sonnenaufgang</em> ein antifaschistisches Buch geschrieben. Aber das nützt ihm nichts mehr. Sein Kollege Nikolai Tichonow, der sich begeistert gezeigt hatte, als Soschtschenko ihm während der Arbeit an der Erzählung Kapitel daraus vorlas, schreibt im März 1943 in der Zeitschrift „Der Bolschewik“, das Buch sei „dem Geist und Charakter der sowjetischen Literatur zutiefst fremd“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>In dieser Erzählung wird die Realität aus spießbürgerlicher Sicht dargestellt – hässlich verzerrt, banalisiert, das seichte Hin und Her der subjektiven Gefühle steht im Vordergrund.</p>
</blockquote>



<p>Im April 1946 erhält Soschtschenko noch, zusammen mit einer Reihe anderer Schriftsteller, die Medaille „Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Vier Monate später, am 14. August, verabschiedet das Orgbüro des ZK der Kommunistischen Partei einen Beschluss gegen die Zeitschriften „Der Stern“ (Swesda) und „Leningrad“, die Texte von Soschtschenko publiziert hatten. Nun heißt es auf einmal, sein „nichtswürdiges Betragen während des Krieges“ sei noch gut in Erinnerung; er habe „dem sowjetischen Volk beim Kampf gegen die deutschen Invasoren in keiner Weise geholfen“. Und auch die Formel, die Tichonow drei Jahre zuvor verwendet hatte, taucht hier wieder auf. Soschtschenkos Werk sei „der sowjetischen Literatur fremd“:</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="501" height="750" data-attachment-id="104899" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/politbuero-beschluss/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?fit=501%2C750&amp;ssl=1" data-orig-size="501,750" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Politbuero-Beschluss" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?fit=501%2C750&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=501%2C750&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104899" style="width:233px;height:348px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?w=501&amp;ssl=1 501w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=300%2C449&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px" /></a></figure>
</div></div>
</div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Soschtschenko stellt die sowjetischen Verhältnisse und Menschen in hässlich karikierender Form dar, er schildert die Sowjetmenschen auf verleumderische Weise als primitiv, unkultiviert, dumm, mit spießigen Geschmacks- und Moralvorstellungen. Seine böswillig grobe Darstellung unserer Wirklichkeit wird von antisowjetischen Ausfällen begleitet.</p>
</blockquote>



<p>Diese übelwollende Lesart deckt sich frappierend mit der Soschtschenko-Rezeption Hitlers und seiner Entourage. Es ist leicht auszumalen, was für ein Triumph es für die Ankläger gewesen wäre, wenn sie von den Soschtschenko-Lesungen in der Reichskanzlei und auf dem Obersalzberg gewusst hätten, doch die Tagebücher der NS-Größen werden erst Jahrzehnte später veröffentlicht.</p>



<p>Nach einer hasserfüllten, vernichtenden Rede des ZK-Sekretärs Andrei Schdanow wird Soschtschenko – ebenso wie die Lyrikerin Anna Achmatowa – aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Damit ist ihm die Existenzgrundlage entzogen; er darf nichts mehr veröffentlichen und sein Name wird in sowjetischen Publikationen nicht mehr genannt. Im Treppenhaus des großen Wohnhauses für Schriftsteller am Leningrader Gribojedow-Kanal <a href="https://friedemannkohler.wordpress.com/2018/06/16/das-haus-der-unfrohen-dichter/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wartet er in den ersten Nächten vergeblich auf seine Verhaftung</a>. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück und gehen ihm bei zufälligen Begegnungen aus dem Weg. Die Zeit des Großen Terrors ist keine zehn Jahre her. Damals hatte schon der Verdacht, die falschen Leute zu kennen, genügt, um erschossen oder zu jahrzehntelanger Lagerhaft verurteilt zu werden.</p>



<p>Soschtschenko schlägt sich mit Übersetzungen durch und verdient sich als Schuhmacher etwas dazu, ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hat. Nach Stalins Tod 1953 wird er wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen, doch ein Jahr darauf fällt er erneut in Ungnade: Bei einem Treffen mit englischen Studenten hat er Kritik am Vorgehen der Partei gegen ihn durchblicken lassen. Die letzten Lebensjahre verbringt er isoliert und in Armut. 1958 stirbt er auf seiner Datscha bei Leningrad.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Anselm Bühling.<br>Beschluss des ZK der WKP(b) gegen Soschtschenko: Gemeinfrei, via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9E_%D0%B6%D1%83%D1%80%D0%BD%D0%B0%D0%BB%D0%B0%D1%85_%D0%97%D0%B2%D0%B5%D0%B7%D0%B4%D0%B0_%D0%B8_%D0%9B%D0%B5%D0%BD%D0%B8%D0%BD%D0%B3%D1%80%D0%B0%D0%B4.jpg">Wikimedia Commons</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; Für fremd erklärt<br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>



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<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Genosse im Strudel der Zeit –  2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jun 2022 07:51:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Satire]]></category>
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					<description><![CDATA[Einige Monate nach Kriegsbeginn unterhält sich das deutsche Lesepublikum mit Michail Soschtschenkos Satiren aus der Sowjetunion. Auch die NS-Führung amüsiert sich über den Band "Schlaf schneller, Genosse" – auf ihre Weise.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; Lektüre für den Führer<br>3 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Lektüre für den Führer</h1>



<p class="has-drop-cap">Am 16. März 1940 notiert Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sowie Präsident der Reichskulturkammer, in seinem Tagebuch:</p>



<div style="height:31px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sowjetrussische Satiren von Sostschenko u.a. „Schlaf schneller, Genosse!“ Sie sollen witzig sein, entrollen aber für meinen Geschmack nur ein grauenvolles Gemälde bolschewistischer Unkultur, sozialen Elends und organisatorischer Unfähigkeit.</p></blockquote>



<p>Goebbels ist seit dem Machtantritt der Nazis 1933 der Hauptverantwortliche für die Steuerung des kulturellen Lebens im Deutschen Reich. Ähnlich wie in der Sowjetunion unter Stalin ist auch in NS-Deutschland die Medienlandschaft weitgehend gleichgeschaltet, und das gilt ganz besonders für die Satire. Schon wenige Tage nach der Machtübernahme im März 1933 waren die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ von der SA überfallen worden; kurz darauf wurden die jüdischen und politisch exponierten Mitglieder aus der Redaktion gedrängt, während die restlichen eine Loyalitätserklärung unterschrieben.</p>



<p>Der „Simplicissimus“ hatte bereits in der Weimarer Republik vereinzelt <a href="http://www.simplicissimus.info/index.php?id=7&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Bpersonid%5D=3776&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Baction%5D=nameFilter&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Bcontroller%5D=PersonRegister&amp;cHash=55ed539d95f015be55c16ac519024605" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Satiren von Soschtschenko</a> gebracht. Bezeichnenderweise können diese dort auch nach der Gleichschaltung weiter erscheinen.</p>



<p>Eine Kritik an der gesellschaftlichen Realität des eigenen Landes findet sich im „Simplicissimus“ der NS-Zeit hingegen nicht einmal in Ansätzen – ebenso wenig wie in anderen Medien. Dafür sorgt Goebbels. So verbietet er die Zeitschrift „Der Querschnitt“, als sie 1936 einen <a href="https://iiif.arthistoricum.net/mirador/#f84beb48-9d69-48c7-8d4a-22fc9d9f89ec" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Beitrag</a> mit der Überschrift „Fremdwörterbuch“ veröffentlicht, der Definitionen enthält wie „Absurd: wenn einer auf bessere Zeiten hofft“, „Journalismus: Seiltanz zwischen den Zeilen“ und „Makulatur: die öffentliche Meinung von gestern“. Und im Januar 1939 verhängt er ein Auftrittsverbot über das Gesangstrio „Die drei Rulands“, nachdem es im „Kabarett der Komiker“ die nationalsozialistischen Umbaupläne für die Reichshauptstadt Berlin aufs Korn genommen hat. Selbst eine Intervention von Albert Speer, auf den die Kritik zielte und der sie als unverfänglich empfand, kann daran nichts ändern.</p>



<p>Dass in der Sowjetunion Satiren erscheinen dürfen, die die alltäglichen Verhältnisse in so drastischer Form anprangern, registriert der Propagandaminister mit kühler Verachtung. Er sieht darin</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[den] Beweis dafür, daß den Bolschewiken auch jedes Gefühl für das Abstoßende dieser Darstellungen fehlt. Da haben wir uns den richtigen Bundesgenossen angelacht. Wenn uns nicht das Wasser bis zum Halse gestanden hätte, [&#8230;]</blockquote>



<p>Am 28. April 1940 hält Goebbels im Tagebuch eine Lagebesprechung vom Vortag fest und vermerkt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Führer amüsiert sich sehr über Sostschenkos Buch „Schlaf schneller, Genosse!“, das ich ihm gegeben hatte. Ich lese eine Anekdote daraus vor. Wir lachen sehr darüber.</p></blockquote>



<p>Unter den Teilnehmern der Besprechung ist auch Alfred Rosenberg, der ‚Chefideologe‘ der NSDAP, der wenige Monate darauf mit seinem „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ den Raub von Kulturgütern in den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas organisieren wird.</p>



<p>Er trägt für den 27. April 1940 in sein <a href="https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn73077#?rsc=131001&amp;cv=404&amp;c=0&amp;m=0&amp;s=0&amp;xywh=-1554%2C150%2C5211%2C2745" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tagebuch</a> ein:</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p> </p><p>Während des Essens wurde mit Gelächter die Übersetzung des russischen Buches „Schlaf schneller, Genosse“ besprochen. Der Führer hat eine halbe Nacht darangesetzt, um diese Bilder des Elends a. d. Sowjetunion, „humoristisch“ geschildert, durchzulesen. Die Bücher wurden gleich für jene besorgt u. verteilt, die die Schrift noch nicht kannten.</p><p></p></blockquote>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="900" height="649" data-attachment-id="104860" data-permalink="https://tell-review.de/rosenberg/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?fit=983%2C709&amp;ssl=1" data-orig-size="983,709" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Rosenberg" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?fit=900%2C649&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=900%2C649&#038;ssl=1" alt="Ausschnitt aus dem handgeschriebenen Tagebuch von Alfred Rosenberg, Eintrag vom 30.04.1940" class="wp-image-104860" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?w=983&amp;ssl=1 983w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=300%2C216&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=80%2C58&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=768%2C554&amp;ssl=1 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></a></figure>
</div>
</div>



<p>Im November 1949 notiert Albert Speer im Spandauer Gefängnis eine ähnliche Episode, die aber nicht, wie die Besprechung vom 27. April, in Berlin, sondern auf dem Berghof bei Berchtesgaden stattfand. Speer verlegt sie irrtümlich in den Sommer 1939, vor den Beginn des Kriegs und den Erscheinungszeitpunkt des Buchs – das zeigt, wie wenig die Realität des Krieges zu dieser Zeit in seinem Bewusstsein präsent war.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir traten in die Veranda. Und ganz unvermittelt, wie es seine Art war, begann er [<em>Hitler</em>] plötzlich von ganz Banalem zu reden. Seit Monaten war das Buch von Soschtschenko: <em>Schlaf schneller, Genosse!</em> ein Gesprächsgegenstand auf dem Berghof. Wieder erzählte er einzelne Episoden und wurde dabei von Lachen überwältigt. Bormann bekam den Auftrag, einen Fahrer nach München zu schicken und jedem von uns ein Exemplar des Buches zu besorgen. Ich habe übrigens nie herausgefunden, ob er Soschtschenkos Kritik am Sowjetsystem oder Soschtschenkos Humor mehr schätzte. – Aber ich habe damals wohl auch nicht viel darüber nachgedacht.</p></blockquote>



<p>Dafür, dass Hitler Soschtschenkos Humor zu schätzen gewusst hätte, spricht wenig. Die Tagebucheinträge von Goebbels und Rosenberg bekräftigen eher, was ohnehin naheliegt: Für die Herrenmenschen der NS-Führung ist das Buch schlicht ein Anlass, ihrer Häme über die primitiven Zustände in der „jüdisch-bolschewistischen“ Sowjetunion freien Lauf zu lassen und sich im Gefühl der vermeintlichen Überlegenheit zu sonnen.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Ein Jahr später, im Mai 1941, läuft der US-Nachrichtenkorrespondent Howard K. Smith trübsinnig über den Wittenbergplatz im Berliner Westen. Die Atmosphäre in NS-Deutschland ist für ihn unerträglich geworden. Er hat seine Kündigung bei United Press eingereicht und wartet nur noch darauf, abreisen zu können. Smith bleibt vor einer Buchhandlung stehen, an der er öfters vorbeikommt. Sie befindet sich auf der Südseite des Wittenbergplatzes, gleich neben der <a href="https://www.alamy.de/alois-ein-stiefbruder-adolf-hitlers-eroffnete-mit-diesem-werbeplakat-sein-restaurant-am-wittenbergplatz-in-berlin-automatisierte-ubersetzung-image446960503.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gaststätte „Alois“</a>, die von <a href="https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/neuer-name-nach-dem-krieg-seine-kneipe-war-beliebter-nazi-treffpunkt-das-bewegte-leben-von-hitlers-halbbruder-alois_id_12969656.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hitlers älterem Halbbruder</a> betrieben wird.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-jetpack-image-compare"><div class="juxtapose" data-mode="horizontal"><img loading="lazy" decoding="async" id="104967" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Alois-II-scaled-e1642162968227.jpg?ssl=1" alt="" width="2336" height="1516" class="image-compare__image-before"/><img loading="lazy" decoding="async" id="104968" src="https://i1.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Alois-scaled-e1642163080885.jpg?ssl=1" alt="" width="2336" height="1516" class="image-compare__image-after"/></div></figure>
</div>
</div>



<p>Beim Blick ins Schaufenster der Buchhandlung stutzt Smith: Das Buch <em>Schlaf schneller, Genosse</em>, das dort seit Anfang letzten Jahres ausgelegen hat, fehlt. Er betritt den Laden und fragt nach Büchern über die Sowjetunion. Die Buchhändlerin legt ihm die üblichen Propagandatitel vor. Der beliebte Satirenband ist nicht mehr im Sortiment.</p>



<p>Smith vereinbart ein Treffen mit einem Informanten und erfährt, Hitler habe eine Reihe von Forderungen an Stalin gestellt. Unter anderem solle die Ukraine für 99&nbsp;Jahre an das Deutsche Reich verpachtet werden. Das erweist sich später zwar als ein von der NS-Führung vermutlich gezielt in Korrespondentenkreisen platziertes Gerücht, aber es ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich eine Konfrontation mit der Sowjetunion anbahnt. Smith beschließt, in Deutschland zu bleiben und heuert beim Radionetzwerk CBS an. Am 22.&nbsp;Juni wird er nachts aus dem Bett geklingelt und für fünf Uhr morgens zu einer Pressekonferenz im Außenministerium bestellt. Zwei Stunden zuvor hat der Überfall der deutschen Truppen auf die Sowjetunion begonnen: Auf einer über zweitausend Kilometer breiten Front durchbricht die Wehrmacht mit 121 Divisionen die sowjetische Grenze.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Die Hinweise auf die Tagebucheinträge von Rosenberg, Speer und Goebbels gehen auf einen <a rel="noreferrer noopener" href="https://a-dyukov.livejournal.com/1447257.html" target="_blank">Blogeintrag des russischen Historikers Alexander Djukow</a> zurück, der im <a rel="noreferrer noopener" href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Зощенко,_Михаил_Михайлович" target="_blank">russischen Wikipedia-Artikel zu Michail Soschtschenko</a> verlinkt ist.</p>


</div></div>
</div></div>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild und Foto der Postkarte: Anselm Bühling<br>Auszug aus dem handschriftlichen Tagebuch Alfred Rosenbergs: <a href="https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn73077#?rsc=131001&amp;cv=404&amp;c=0&amp;m=0&amp;s=0&amp;xywh=-1437%2C-121%2C5611%2C3285" target="_blank" rel="noopener noreferrer">United States Holocaust Memorial Museum</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; Lektüre für den Führer<br>3 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
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<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"></a></p></div>
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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 May 2022 08:10:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Band mit sowjetischen Satiren erscheint 1940 auf Deutsch. Ursprünglich als NS-Propaganda veröffentlicht, wird er in Deutschland zu einem Longseller. Im Schicksal des Buchs spiegelt sich ein Stück Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; Ein Buch macht Karriere<br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
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</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Ein Buch macht Karriere</h1>



<p class="has-drop-cap">Im Januar 1940 erscheint bei Rowohlt ein kleines rotes Buch, einer von nur neun Titeln, die der Verlag in diesem Jahr herausbringt. Bücher sind damals schwer zu produzieren, werden aber stark nachgefragt. Gut vier Monate zuvor hat NS-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselt. Lebensmittel und Bedarfsgüter gibt es nur noch auf Bezugsschein. Juden erhalten reduzierte Lebensmittelrationen, ab Februar 1940 streicht man ihnen die Kleiderkarten. Sie müssen ihre Wohnungen aufgeben und in „Judenhäuser“ ziehen, aus denen sie später in die Vernichtungslager deportiert werden.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p>Titel und Inhalt des Buchs sind für die Zeit ungewöhnlich. Es heißt: <em>Schlaf schneller Genosse – Sowjetrussische Satiren</em>. Der Klappentext wirbt:  </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p> </p>



<p>Die in diesem Sammelband vereinigten Kabinettstücke satirischer kleiner Prosa sind von der russischen Presse in alle Schichten des Volkes getragen worden und haben die Namen Sostschenko, Schischkow, Romanow und Katajew bekannt und berühmt gemacht. Der deutsche Leser nimmt durch sie zum erstenmal wieder am geistigen Leben und am ungezwungenen Lachen des neuen Rußland teil.</p>



<p></p>
</blockquote>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="625" height="1030" data-attachment-id="104850" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/ssg_1940-1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?fit=1553%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1553,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="ssg_1940-1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?fit=625%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1.jpg?resize=625%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104850" style="width:302px;height:496px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=625%2C1030&amp;ssl=1 625w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=768%2C1266&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=932%2C1536&amp;ssl=1 932w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=1243%2C2048&amp;ssl=1 1243w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=1300%2C2143&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=300%2C494&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?w=1553&amp;ssl=1 1553w" sizes="auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px" /></figure>
</div></div>
</div>



<p>Die kurzen Geschichten, die zwischen den frühen 1920er Jahren und 1938 entstanden sind, handeln von Bürokratismus, Misswirtschaft, Wohnungsnot, Armut, Korruption und anderen Missständen des sowjetischen Alltags. Sie sind für ein Publikum geschrieben, das mit diesem Alltag vertraut ist und arbeiten mit unterschiedlichen literarischen Registern – von der Groteske bis zur Tragik, von der Zuspitzung bis zur Verdichtung.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%"><div class="wp-block-image is-style-rounded">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="478" height="827" data-attachment-id="105000" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/m-_zoshchenko/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?fit=478%2C827&amp;ssl=1" data-orig-size="478,827" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="M._Zoshchenko" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?fit=478%2C827&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=478%2C827&#038;ssl=1" alt="Michail Soschtschenko" class="wp-image-105000" style="width:200px;height:346px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?w=478&amp;ssl=1 478w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=173%2C300&amp;ssl=1 173w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=46%2C80&amp;ssl=1 46w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/M._Zoshchenko.jpg?resize=300%2C519&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 478px) 100vw, 478px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p>Die meisten Texte, mehr als zwei Drittel, stammen von Michail Soschtschenko (so die heute übliche Transkription). Der 1894 geborene Autor erfreut sich damals einer ungeheuren Popularität. Überall in der Sowjetunion strömt das Publikum zu seinen Lesungen. Es kennt seine Texte aus den Zeitungen und der einzigen noch verbliebenen Satirezeitschrift „Krokodil“. Seine Bücher erscheinen in großer Auflage und finden auch im Ausland Anklang. Soschtschenko hat einen ganz eigenen Ton entwickelt. Er schließt an die Tradition des <em>skaz</em> an, der Wiedergabe der gesprochenen Sprache bei Autoren wie Gogol und Nikolai Leskow. Aber bei ihm ist es die Umgangssprache der neuen, sowjetischen Gesellschaft, die Eingang in die Literatur findet.</p>
</div>
</div>



<p>Das Nachwort der Rowohlt-Ausgabe zitiert Soschtschenko mit den Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich parodiere nur. Ich parodiere einen von mir erdachten Proletarierschriftsteller, der in gegenwärtiger Zeit bei den herrschenden Lebensbedingungen existieren könnte.</p>
</blockquote>



<p>Die Satiren sind oft aus der Ich-Perspektive geschrieben und skizzieren ihre Charaktere mit mindestens ebenso viel Liebe wie Spott. Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede zwischen Autor, Erzähler, Figuren und Publikum hier zu verschwimmen. Alle sitzen im gleichen Boot, alle sind Teil eines umfassenden „Wir“. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass Soschtschenko kunstvoll mit Distanz und Nähe spielt. Er montiert die Phrasen der neuen Zeit in seine Texte und lässt dabei sprachliche Versatzstücke absichtlich unbeholfen aufeinanderprallen. </p>



<p>„Schlaf schneller, Genosse“, die Titelgeschichte des Rowohlt-Bands, handelt von einem Reisenden, der mit Mühe ein Hotelbett ergattern kann, aber nicht zur Ruhe kommt wegen des schlechten Betts, der Wanzen, der dünnen Wände und des Lärms im Hof. Über dem Bett hängt ein Schild mit der Parole: „Schlaf schneller, Genosse, Dein Kissen benötigt schon ein anderer!“</p>



<p>In einer anderen Geschichte sehen die Bewohner bestürzt, in welch elenden Verhältnissen sie leben, als in ihrem Haus eine elektrische Beleuchtung installiert wird. Der Erzähler kratzt das letzte Geld zusammen, um sein Zimmer zu renovieren, doch seine Wirtin schneidet die Stromleitung durch, weil sie ihre dürftigen Räume nicht so grell beleuchtet sehen möchte – sie kann sich ihrerseits eine Renovierung nicht leisten.</p>



<p>Ins Deutsche übertragen wurden die Texte von Grete Willinsky. Sie ist 1906 in der Hafenstadt Libau (heute Liepāja in Lettland) geboren, die damals als Teil des Gouvernements Kurland zum Russischen Reich gehörte. Willinskys deutsche Fassungen wirken deutlich gröber als die russischen Vorlagen. Sie sind teils nicht durchgearbeitet, teils zielen sie auf den schnellen Effekt, und manchmal fehlen ganze Passagen. Trotzdem geht Soschtschenkos Komik nicht ganz verloren. Aber das, was von dieser Komik bleibt, findet sich hier in einem völlig anderen Umfeld wieder.</p>



<p class="has-text-align-center">*  *  *</p>



<p>Anfang 1940, als das Buch bei Rowohlt erscheint, sind NS-Deutschland und die UdSSR faktisch Verbündete. Die Unterzeichnung des „deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts“ – bekannt als „Hitler-Stalin-Pakt“ – am 23. August 1939 hat die Voraussetzungen für den deutschen Überfall auf Polen geschaffen, mit dem der Krieg beginnt. Seit Oktober 1939 haben Deutschland und die Sowjetunion das Staatsgebiet der Zweiten Polnischen Republik unter sich aufgeteilt. In dieser politisch-militärischen Großwetterlage passt der Titel gut ins Programm.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p>Dass der Rowohlt-Verlag nach der Unterzeichnung des Pakts und dem Kriegsbeginn nur vier Monate braucht, um das Buch auf den Markt zu bringen, hängt wohl auch damit zusammen, dass die meisten Texte schon fertig auf Deutsch vorliegen. Die Übersetzerin Grete Willinsky hat 1938 bereits den Band <em>Sowjet-Rußland in der Satire</em> herausgegeben – bei „Dr. Hermann Eschenhagen / Ohlau“. Dieser Kleinverlag publiziert sonst unter anderem Bücher zur „Welteislehre“, einer pseudowissenschaftlichen Theorie, zu deren Anhängern Heinrich Himmler und andere führende Nazis zählen. Die sowjetischen Satiren werden hier unmissverständlich in den Dienst der NS-Propaganda gestellt. Auf der Impressumsseite des Buchs findet sich der Hinweis: </p>
</div>



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<div class="wp-block-image is-style-default">
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<p>Im Vorwort dieser Ausgabe stimmt Willinsky die Leserschaft entsprechend ein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>An der Spitze des Rätereiches aber stand eine volksfremde Gewalthaberkaste, die mit der programmmäßigen Vernichtung des Individuums und des Eigentums auch das echte Gemeinschaftsgefühl aus dem russischen Volk ausrottete. Aus den Mietshäusern der Städte, aus den Kommunalwohnungen, in denen auch heute noch ganze Familien in einem Zimmer zusammengepfercht leben, stieg wie übler Geruch Zwietracht empor. Und kein Dichter kann dieses lichtlose Leben des Hasses, der Enge und der Zerstörung zu einem „Hohen Lied“ bolschewistischer Gemeinschaft erklären.</p>
</blockquote>



<p>Nachdem die NS-Führung kurz vor Kriegsbeginn ein taktisches Bündnis mit der „volksfremden Gewalthaberkaste“ geschlossen hat, ist die Zeit nun offenbar günstig, die Texte bei einem großen Publikumsverlag unterzubringen. Erweitert um neue Übersetzungen, erscheinen sie in professionellerer Aufmachung bei Rowohlt, abgestimmt auf die veränderte Lage und das verlegerische Umfeld.</p>



<p>In ihrem Nachwort findet Grete Willinsky den dazu passenden Tonfall. Jetzt heißt es geradezu verständnisvoll:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Registrierung der Gegenwart in ihren Erscheinungsformen ist der hervorstechendste Zug der neuen russischen Dichtung überhaupt. […] Und weil in den neuen Verhältnissen und werdenden Formen oft noch nicht erreicht ist, was erreicht werden soll, geschieht die Registrierung bei Sostschenko, Katajew und anderen eben in satirischem, ironischem Ton.</p>
</blockquote>



<p>Das Buch wird ein Erfolg, die erste Auflage von 3000 Exemplaren ist innerhalb weniger Tage ausverkauft. Zu den begeisterten Lesern gehört der Berliner Korrespondent der US-Nachrichtenagentur United Press, Howard K. Smith, der einen ausführlichen Beitrag darüber schreibt. In seinem 1942 erschienenen Bericht <em>Last train from Berlin</em> gibt er den Kommentar einer deutschen Bekannten wieder, der er sein Exemplar ausleiht: „Unglaublich. Kein deutscher Schriftsteller könnte so etwas über Deutschland schreiben. Er würde einen Kopf kürzer gemacht.“ Smith meint, das Buch habe eher dazu beigetragen, das Ansehen der Sowjetunion in Deutschland zu heben. Das mag für einen Teil des Lesepublikums zutreffen. Andere hingegen lesen es mehr oder weniger als realistische Beschreibung sowjetischer Zustände und sonnen sich im Gefühl der eigenen Überlegenheit. Solche Leser finden sich nicht zuletzt in der NS-Führung.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild, Buchcover und Buchausschnitt: Anselm Bühling.<br> Porträtfoto Michail Soschtschenko: Gemeinfrei, via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:M._Zoshchenko.jpg">Wikimedia Commons</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p>1 &#8211; Ein Buch macht Karriere<br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Der Nazi an der Wand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Knoeppler]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Jan 2021 09:43:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst und Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Was tun, wenn sich der Maler des Bilds an der Wand als Nationalsozialist entpuppt: Hängenlassen oder abhängen? Eine Selbsterforschung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Gleich unterhalb von Friedrich Hebbel hängt er, der Nazi, bei mir im Arbeitszimmer an der Wand. Oben die hübsch verzierte Abschrift des Gedichts „Sommerbild“, die mir meine 16-jährige Tochter zum Geburtstag geschenkt hat, darunter die Radierung „Das Haus am Deich“ von Otto Thämer.</p>



<p>„Oh. Erstaunlich schön“, dachte ich, als ich das Bild in einem Stapel alter Holzrahmen entdeckte, den ich ein paar Jahre zuvor in einem Trödelladen gekauft hatte. Die anderen Rahmen waren mit Kätzchen und Blümchen bestückt. Ja, ich finde es schön, dieses Bild, genauer gesagt interessant, auch jetzt noch. Eigentlich für meinen Geschmack zu volkstümlich, aber auch kraftvoll und mit einem Himmel, wie er mir gefällt.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="900" height="689" data-attachment-id="100196" data-permalink="https://tell-review.de/der-nazi-an-der-wand/bild-otto-thaemer/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?fit=2560%2C1960&amp;ssl=1" data-orig-size="2560,1960" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;2.2&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;iPhone 6s&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1609771722&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.15&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;40&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.03030303030303&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="" data-image-description="&lt;p&gt;Otto Thämer: Das Haus am Deich, an der Wand bei Florian Knöppler&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?fit=900%2C689&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer.jpg?resize=900%2C689&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-100196" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=1030%2C789&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=300%2C230&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=80%2C61&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=768%2C588&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=1536%2C1176&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=2048%2C1568&amp;ssl=1 2048w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=2000%2C1531&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=1300%2C995&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure></div>



<h2 class="wp-block-heading">Verherrlichung des ‚arischen Menschen‘</h2>



<p>Leider weiß ich inzwischen, wer Otto Thämer (1892-1975) war. Nicht nur der Grafiker und Maler aus Hamburg, der schon lange vor dem Dritten Reich erfolgreich war und auch in der Bundesrepublik als Künstler geachtet wurde. Sondern eben auch der Nationalsozialist, der Propagandaschriften illustrierte und Fresken malte, bei denen einem schlecht wird, so selbstgewiss verherrlichen sie den ‚arischen Menschen‘. Will man Werke eines solchen Mannes an der Wand hängen haben? Sollten sie heute noch in Kiel und anderswo ausgestellt werden? Und wenn ja, sollte man sie mit entsprechenden Vermerken versehen?</p>



<p>Man macht es sich zu einfach, wenn man behauptet, Kunstwerke stünden ganz für sich selbst und müssten nur nach ihrer Ästhetik beurteilt werden. Niemand würde guten Gedichten oder Bildern von Adolf Hitler ein Forum bieten wollen, wenn es sie denn gäbe. Andererseits fällt es schwer, das Verhalten der Menschen im Dritten Reich mit allzu großer Eindeutigkeit und Klarheit zu beurteilen, zumindest, solange sie niemanden denunziert, angegriffen oder gedemütigt haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Frage der Verführbarkeit</h2>



<p>Was also darf man von einem Menschen wie Otto Thämer erwarten, wenn eine Diktatur entsteht, in der seine Werke geschätzt werden? Sophie Scholl hätte darauf sicher eine klare Antwort, vielleicht auch der Vater von Joachim Fest, der zwar kein Widerständler war, aber standhaft sagte: „Ich nicht“, egal wie sehr er und seine Familie deshalb zu leiden hatten.</p>



<p>Eine solche Haltung ist bewundernswert. Kann sie als moralischer Maßstab gelten, den man an alle Menschen anlegen darf? Hätte ich mich damals dem Sog entziehen können, ohne das Wissen von heute, ohne die Erziehung meiner Eltern? Je nach persönlicher Anlage, Elternhaus und Bildung waren die Menschen verschieden leicht verführbar, als Männer an die Macht kamen, die einfache Lösungen boten und Gefühle von Aufbruch und Energie erzeugten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kunst und Ideologie</h2>



<p>Es ist mir bisher nicht gelungen herauszufinden, wie Otto Thämer im Innersten zum Nationalsozialismus stand. Die Informationen im Internet beschränken sich auf Fakten und Jahreszahlen. Sogar seine Teilnahme an der nationalsozialistischen „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München scheint niemandem ein paar zusätzliche Worte wert zu sein. Er sei eben ein Künstler dieser Zeit gewesen, heißt es lapidar. Als wäre damit alles erklärt und entschuldigt.</p>



<p>Otto Thämers Kunst passte hervorragend zur Ideologie der Zeit, das ist wahr. Mit einer Avantgarde à la Klee oder Kandinsky konnte er offenbar wenig anfangen, und man muss davon ausgehen, dass er mit seinen Propagandawerken Hitlers Schreckensherrschaft bewusst unterstützte. Eigentlich reicht das, um die Radierung an meiner Wand abzuhängen.</p>



<p>Vorerst lasse ich das Bild trotzdem hängen, jedenfalls, bis ich zu seinem Urheber mehr weiß. Die Gründe dafür sind vielleicht viel einfacher, als ich wahrhaben will. Vielleicht möchte ich das Bild nur weiter an meiner Wand hängen haben, weil es mir gefällt, und es kommt mir entgegen, dass ich Otto Thämer mit dem Argument der Verführbarkeit entlasten kann. Dazu würde passen, dass ich bisher nicht viel Aufwand betrieben habe, weitere Details herauszufinden. Ein halbherziger Anruf bei der Kunsthalle in Kiel war alles.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Fähigkeit zum Widerstand</h2>



<p>Aber noch einmal zurück zur entscheidenden Frage: Was hätte man von einem Mann wie Thämer erwarten können? Er besaß genug Bildung, um sich in seinen Gedanken und Gefühlen eine Unabhängigkeit zu bewahren. Er hätte erkennen können, was der Nationalsozialismus war und wohin er führen konnte. Er wäre wohl kaum mit einem Berufsverbot belegt worden, wenn er sich der Propaganda verweigert hätte, seine Werke standen nicht im Widerspruch zur nationalsozialistischen Auffassung von Kunst. Auf öffentliche Anerkennung hätte er verzichten müssen, aber er hätte wohl genug private Käufer für seine Bilder gefunden.</p>



<p>Dennoch bin ich überzeugt, dass es damals sehr schwer war, „Ich nicht“ zu rufen. Mir hätte wohl mein Harmoniebedürfnis im Weg gestanden. Es wäre für mich kaum zu ertragen gewesen, über Jahre mit meinen Meinungen allein dazustehen, in einem beständigen Gegensatz zu fast der gesamten Gesellschaft und ohne Aussicht auf eine Besserung der Verhältnisse. </p>



<p>Werde ich herausbekommen, ob so etwas Ähnliches auch auf Otto Thämer zutrifft?</p>
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		<title>Ein Held der Neuen Rechten?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Jul 2019 08:30:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbücher]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Neue Rechte]]></category>
		<category><![CDATA[Widerstand]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 ist im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu bewertet worden. Was ist davon zu halten, dass sich neuerdings auch die sogenannten Neuen Rechten auf Claus Graf Schenk von Stauffenberg berufen? Eine neue Stauffenberg-Biografie von Thomas Karlauf hilft bei der Einordnung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Vor 75 Jahren verübte Claus Graf Schenk von Stauffenberg sein Attentat auf Adolf Hitler. Die Einordnung der Tat und die Motivation des Täters sind bis heute Anlass für Diskussionen. Historische Forschung wird fast immer von ideologischem Hintergrundrauschen begleitet. Bei diesem Thema jedoch scheint dieses Rauschen alles andere zu übertönen – und das seit Jahrzehnten.</p>



<p>In der Positionierung zu Stauffenberg sowie zum militärischen Widerstand gegen das NS-Regime im allgemeinen findet sich das gesamte gesellschaftliche Spektrum abgebildet: Von der ersten Wertung der Tat als Vaterlandsverrat unmittelbar nach dem Krieg über ihre Heroisierung als Ausdruck glühendster Vaterlandsliebe bis hin zur Kritik von linker Seite, das Attentat der „schuldig gewordenen Offizierskaste“ sei erst erfolgt, als die Niederlage absehbar war. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Widerstand im Angesicht der Niederlage</h3>



<p>Bis in die 70er Jahre spielte die Frage, inwieweit der militärische Widerstand gegen Hitler durch die deutschen Verbrechen motiviert war, praktisch keine Rolle. Aber als sich nach der Erstausstrahlung der amerikanischen Serie <em>Holocaust</em> im Jahr 1979 der Fokus der historischen Forschung auf den Mord an den europäischen Juden richtete, behauptete der Historiker Peter Steinbach nur wenige Jahre später, 1984 in der Gedenkrede zum vierzigsten Jahrestag des Attentats, die Tat sei Ausdruck einer „moralischen Rigidität“ des militärischen Widerstands.</p>



<p>Joachim Fest hingegen vertritt in seinem Buch <em>Staatsstreich</em>, anlässlich des fünfzigsten Jahrestags, eine deutlich realistischere Sicht. Danach war der militärische Widerstand immer auch ein Spiegel der militärischen Lage. Während der siegreichen Feldzüge der deutschen Wehrmacht war an eine offene Verweigerung des Militärs nicht zu denken – auch, weil die Verschwörer Angst vor einer neuerlichen Dolchstoßlegende hatten. Erst als die Niederlage sich abzuzeichnen begann, reaktivierte sich der zwischenzeitlich brach liegende Widerstand.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Polierte Geschichtsbilder</h3>



<p>Auffällig ist auch, dass die Protagonisten des Widerstands in der öffentlichen Diskussion gern zu makellosen Heiligen stilisiert werden. Antisemitische Äußerungen Stauffenbergs „erklärt“ dessen Biograf Peter Hoffmann 1994 so: „Die gegenwärtige ‚korrekte‘ sprachliche Scheu vor allem, was als abschätzige Äußerung über Juden aufgefasst werden könnte, die kannte er nicht.“ Es war, als dürften die Offiziersröcke der Verschwörer keinen Fleck aufweisen.</p>



<p>Wem dienen diese gereinigten Geschichtsbilder? Und was hat es zu bedeuten, wenn wir die Verschwörer nur gereinigt und  poliert würdigen können, und nicht als die widersprüchlichen Menschen,  die sie waren? Zumal in den letzten Jahren auch die Neue Rechte an diesem Heldenmythos partizipieren will,  namentlich der Stauffenberg-Verehrer Götz Kubitschek. Er hat hierbei einige Positionsvorteile. Denn Stauffenberg war nicht nur dezidiert antisemitisch, er sah sich und seinen Stand auch als geistige Elite Deutschlands. Hierbei stand ihm vor allem Stefan George und dessen Konzept des „Geheimen Deutschlands“ vor Augen. Gemeint ist eine romantisch verklärte Sicht, nach der unter der flachen und unbedeutenden Oberfläche Deutschlands geistige Strömungen darauf hinwirken, dass das Land durch eine würdige Leitgestalt zu jener Höhe emporgehoben werde, die ihm eigentlich zukomme. Dieses Konzept passt genau in Kubitscheks Denken, wie er in seinem Aufsatz „<a href="https://sezession.de/7416/das-schwert-des-geheimen-deutschland">Das Schwert des Geheimen Deutschland“</a> bereits 2004 dargelegt hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Elite und Pöbelherrschaft</h3>



<p>Diese Nähe des Attentäters zu antidemokratischen Strömungen holt der George-Kenner Thomas Karlauf in seiner soeben erschienenen Stauffenberg-Biografie ins Zentrum, während viele frühere Werke diese problematischen Züge mit Schweigen übergehen.&nbsp; </p>



<p>Karlauf zeigt, dass Stauffenbergs Widerstand gerade aus
seiner elitären Weltsicht im Geiste Georges erwuchs. Nach anfänglicher
Begeisterung für den Nationalsozialismus, auch für dessen „Rassenpolitik“,
sieht er später im Hitlerregime keinen Ausdruck des „Geheimen Deutschlands“
mehr, sondern nur noch „Pöbelherrschaft“.</p>



<p>Vor seiner Tat soll Claus Graf Schenk von Stauffenberg
mehrfach das George-Gedicht „Der Widerchrist“ zitiert haben, in dem von der
Blindheit des Volkes im Angesicht des „Fürst(en) des Geziefers“ die Rede ist:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[&#8230;] ihr merkt nicht den trug<br> Mit euren geschlagenen sinnen. <br> [&#8230;] <br> Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein ·<br> Verprasset was blieb von dem früheren sein<br> Und fühlt erst die not vor dem ende.</p></blockquote>



<p>In einem weiteren George-Gedicht, dem dritten
„Jahrhundertspruch“, heißt es:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der mann! die tat! so lechzen volk und hoher rat ·<br> Hofft nicht auf einen der an euren tischen ass!<br> Vielleicht wer jahrlang unter euren mördern sass ·<br> In euren zellen schlief: steht auf und tut die tat.</p></blockquote>



<p>Doch weder „volk“ noch „hoher rat“ „lechzten“ nach der
„tat“. Möglicherweise zeigt sich hier, dass der Faschismus, zu dessen Wesen der
Elitenhass gehört, aus einem elitären Geist heraus nicht zu besiegen ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Wahrnehmungsstörung der neurechten Ideologie</h3>



<p>Dass die Neue Rechte sich als Elite versteht, gehört zu ihren inhärenten Widersprüchen. Kubitschek zählt sich und die Seinen zu den Auserwählten, die das Wissen um das „Geheime Deutschland“ durch die Irrungen der Gegenwart retten müssen. Stauffenberg ist für ihn darüber hinaus offenbar die Blaupause für sein eigenes Engagement gegen den Staat.</p>



<p>Die Gleichsetzung von Diktatur und Demokratie ist eine Wahrnehmungsstörung, ohne welche die neurechte Ideologie nicht zu verstehen ist. Götz Kubitschek nennt die demokratische Bundesrepublik „Merkel-Diktatur“, und aus seiner Sicht ist daher „Widerstand“ gegen den Staat heute ebenso berechtigt wie damals. </p>



<p>Wahnsysteme folgen einer verqueren Wahrnehmung, agieren jedoch innerhalb dieser gestörten Wahrnehmung folgerichtig. In dieser Logik ist das Andocken der Neuen Rechten an den militärischen Widerstand gegen das Hitlerregime nur konsequent: Der AfD-Politiker Uwe Junge hat jüngst von den Bundeswehrgenerälen &#8222;Widerstand&#8220; gegen Annegret Kramp-Karrenbauer <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-politiker-uwe-junge-gegen-die-neue-verteidigungsministerin-akk-16289612.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label=" (opens in a new tab)">gefordert</a> &#8211; und sich dabei implizit auf den 20.Juli bezogen. Auf seiner <a rel="noreferrer noopener" aria-label="AfD-Website (opens in a new tab)" href="https://www.afd-rlp-fraktion.de/abgeordnete/uwe-junge-afd-zum-20-juli-handlungsmotiv-war-vaterlandsliebe/" target="_blank">AfD-Website</a> schreibt er: „Es darf nicht in Vergessenheit geraten, dass die große Mehrzahl der Widerstandskämpfer konservativ-patriotische Positionen vertrat. Für mich als Offizier war und ist Oberst Graf Schenk von Stauffenberg ein Vorbild in Haltung und Pflichterfüllung, der dem Prinzip von Befehl und Gehorsam durch das eigene Gewissen Grenzen gesetzt hat!“</p>



<p>Gegen diese Wahrnehmungsstörung hilft es aber nicht, Stauffenberg nun zum philosemitischen Demokraten umzuframen. Die Stärke und das historische Selbstverständnis der Demokratie sollte vielmehr darin bestehen, Stauffenbergs Tat als vorbildlich zu sehen, ohne mit allen seinen Motiven übereinstimmen zu müssen. Eine kritische Biografie wie die von Thomas Karlauf kommt daher gerade zur rechten Zeit.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Stauffenberg, Hitler und Keitel im Führerhauptquartier.<br>Bundesarchiv, Bild 146-1984-079-02 [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">CC BY-SA 3.0 de</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1984-079-02,_F%C3%BChrerhauptquartier,_Stauffenberg,_Hitler,_Keitel.jpg">via Wikimedia Commons</a> (bearbeitet)<br>Buchcover: Verlag</h6>





<p>Thomas Karlauf<br><strong>Stauffenberg</strong><br>Porträt eines Attentäters<br>Blessing 2019 · 268 Seiten · 24 Euro<br>ISBN:  978-3896674111 </p>



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Blessing 2019&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?fit=649%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?resize=155%2C246&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-95020" width="155" height="246" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?resize=768%2C1218&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?resize=649%2C1030&amp;ssl=1 649w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?resize=1300%2C2062&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?resize=300%2C476&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/cover_Karlauf_Stauffenberg.jpg?w=1614&amp;ssl=1 1614w" sizes="auto, (max-width: 155px) 100vw, 155px" /></a></figure>





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		<title>„Dieser Mann ist mir fremd“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jun 2019 08:56:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissen]]></category>
		<category><![CDATA[Mitläufer]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Hermann Kurzkes Vater war nicht in der NSDAP, leistete als Physiker aber kriegswichtige Forschung. In „Was mein Vater nicht erzählte“ setzt sich der Sohn mit einem Vater auseinander, der als Mitläufer gelten wollte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>
Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen 
Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen 
und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar 
machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er 
überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des 
Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.

</p>



<p>Weitere Beiträge:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/" target="_blank">Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Terror von unten (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank">Terror von unten</a></li><li><a href="https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Sprache und Herrschaft (opens in a new tab)">Sprache und Herrschaft</a></li></ul>





<p class="has-drop-cap">Hermann Kurzke ist mir seit Jahrzehnten als profunder Thomas Mann-Forscher und -Kenner ein Begriff. Sein Buch <em>Was mein Vater nicht erzählte</em> ist laut Untertitel die <em>Geschichte eines „Mitläufers“</em>, sie handelt vom Leben seines Vaters im sogenannten Dritten Reich. Mit den Anführungszeichen beim Wort „Mitläufer“ zweifelt der Sohn das offizielle Urteil der Spruchkammer nach dem Krieg an. Sein Vater Herbert Kurzke war als Physiker in einem Rüstungsunternehmen tätig, er forschte an Raketen- und Granatenzündern, an Kleinst-U-Booten und an Raketen, die sich selbst ins Ziel steuern.</p>



<p>Ein fatales
Erbe, das zu Lebzeiten des Vaters nie ein Thema war zwischen Vater und Sohn. In
fiktiven Gesprächen mit einem sich rechtfertigenden Vater arbeitet der Sohn
dieses Erbe auf, sie sind in den ansonsten sachlich gehaltenen Lebensbericht
eingestreut.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vernunft ohne Ethik</h3>



<p>Ich hatte eigentlich erwartet, dass Hermann Kurzke seinen Vater aus dem Geist Thomas Manns kritisieren würde, mit Bezügen zu Manns großen Essays, von den „Gedanken zum Krieg“ und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ über &nbsp;„Appell an die Vernunft“ aus dem Jahr 1930 bis zu „Deutschland und die Deutschen“ aus dem Jahr 1945, schließlich ist Hermann Kurzke Mitherausgeber der neuen kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe. </p>



<p>Aber genau das macht Kurzke nicht. Er begibt sich vielmehr auf die Suche nach dem Wesen der rein instrumentellen Vernunft, der Vernunft ohne Ethik.</p>



<p>Dass der Vater nie Mitglied der NSDAP gewesen war, entlastet ihn nur vermeintlich, zumal unklar bleibt, ob Hermann Kurzkes Vater nicht in die Partei eintreten wollte oder nicht durfte, wegen des Aufnahmestopps nach dem 19. April 1933. Seine Nichtmitgliedschaft wird durch zahlreiche Aktivitäten in nationalsozialistischen Organisationen zumindest relativiert. Schockierend für Hermann Kurzke war die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse an seinen Vater, signiert von Adolf Hitler. Man bekam es für kriegsentscheidende Leistungen an der Heimatfront. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Dem Teufel den Hintern geküsst</h3>



<p>Wie kommt man dazu, eine Urkunde von Hitler verliehen zu bekommen? Solchen Fragen nähert sich der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke nicht nur im Bericht über das Leben seines Vaters und den fiktiven Gesprächen, sondern auch über die Literatur. Im Mittelpunkt steht die Walpurgisnacht-Szene aus Goethes <em>Faust</em>. Dort heißt es: „Herr Urian sitzt oben auf!“ Und genau dorthin streben alle: nach oben, koste es, was es wolle. Kurzke zitiert Goethe: „Der ganze Strudel strebt nach oben / Du glaubst zu schieben und wirst geschoben.“  Indem er in einem  Rüstungsforschungsinstitut Karriere machte, hat sein Vater schließlich, wie Hermann Kurzke schreibt, „dem Teufel doch den Hintern geküsst“. </p>



<p>Zu diesem Kuss verführte ihn  zunächst ein deutschnationaler Revanchegedanke, wie er im Bürgertum  nach 1918 mehrheitlich zu anzutreffen war. Darüber hinaus war in der  damaligen bürgerlichen Welt Widerstand gegen den Staat, gegen die  gesellschaftlichen Instanzen, einfach nicht vorgesehen. </p>



<p>In seinem  fiktiven Gespräch lässt der Sohn seinen Vater sagen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich hatte loyal zu sein.</p></blockquote>



<p>Sabotage, gar
in der Rüstungsindustrie, kam für den Vater Kurzke nicht in Frage.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich machte gute Arbeit, ohne an den Staat zu denken.</p></blockquote>



<p>Neben
Staatsloyalität und der Sekundärtugend Fleiß zeigt sich in Herbert Kurzkes
beruflicher Laufbahn auch die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Karriere, nach
beruflicher Anerkennung.</p>



<p>„Wes Brot ich ess&#8216;, des Lied ich sing“ ist ein Kapitel überschrieben: das Hohelied des Opportunismus. Hermann Kurzke zitiert die Physikerin Lise Meitner, eine Berufskollegin seines Vaters, mit der Klage, dass im damaligen Deutschland „keinerlei Protest“ zu verzeichnen gewesen sei. Der Sohn stellt fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ja, so war es, auch Vater hat sich so verhalten. Diensteifrig.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Versagen des Gewissens</h3>



<p>Die
bürgerliche Angst vor einem beruflichen Scheitern hat Hitler möglicherweise
mehr geholfen, als alles andere, so Kurzkes Schlussfolgerung. „Der ganze
Strudel schiebt nach oben“, heißt es im <em>Faust</em>. Doch wo bleibt das
Gewissen bei dieser Höllenfahrt des Opportunisten? Wieder findet Kurzke die
Antwort in der Literatur: „Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich
quält“, schreibt Georg Büchner in <em>Dantons Tod</em>. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ob das Gewissen eine unabhängige Instanz ist oder ob es eben nur genauso funktioniert, wie es programmiert ist? Das ist umstritten, die Gewichte neigen sich aber eher zur zweiten These.</p></blockquote>



<p>Die Möglichkeit, ein Gewissen auszubilden und demnach einen Gewissenskonflikt in sich zu spüren, wäre demnach abhängig von den Koordinaten, in die man hineingeboren wird. Herbert Kurzke war Katholik. Der Begriff des Gewissens hatte für ihn also wahrscheinlich eine Bedeutung. Aber sein Gewissen blieb das persönlich verhaftete Gewissen des Katholiken, das sich durch Zeitläufte nicht beunruhigen ließ. Wer lebt schon ohne Schuld? </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sein Gewissen war der Komplexität der Situation, in die er geraten war, nicht gewachsen. [&#8230;] Sein Theoriewerkzeug war die christliche Ethik. Die aber war dominant individuell orientiert, schien lediglich an privaten Sünden interessiert zu sein und war der kollektiven Politik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gewachsen.</p></blockquote>



<p>Der Vater
habe aus Überforderung nicht über seine Rolle im Dritten Reich gesprochen,
vermutet der Sohn.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er schwieg aus Scham. Er hatte seine Pflicht getan, aber die Pflicht hatte ins Elend geführt. Er hatte keine Sprache dafür.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Worüber man nicht sprechen kann</h3>



<p>Neben einem abgespaltenen Gewissen sieht Hermann Kurzke bei seinem Vater auch ein Erkenntnisproblem. Das Erkennen des Verbrecherischen, das nicht im Individuum, sondern in der Zeit und der Gesellschaft selbst wirkte, das war Herbert Kurzke nicht möglich. </p>



<p>Sein Vater
„hatte keine Sprache“, so Hermann Kurzkes Fazit, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>und wer keine Sprache hat, kann die Welt und die eigenen Verstrickungen in ihr nicht verstehen.&nbsp; </p></blockquote>



<p>
Kurzkes Urteil über seinen Vater ist ebenso furchtbar wie lapidar:

</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dieser Mann ist mir sehr fremd.</p></blockquote>



<p>Am Ende
seines Vaterbuchs setzt Herman Kurzke das Versagen seines Vaters noch einmal in
Beziehung zur Weltliteratur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er verstand die Physik, aber nicht die Welt – so wie der Apotheker Homais in Flauberts <em>Madame Bovary</em> die Medizin versteht, aber nicht die Welt, und ganz modern, aber hilflos, Chlor verwendet, wo dem Pfarrer Weihwasser zur Verfügung steht. Altmodisch, aber viel richtiger.</p></blockquote>



<p>Ist dem
Germanisten Hermann Kurzke der technisch begabte Vater genau deswegen fremd?
Weil er bei aller technischen Intelligenz eben doch ein Technokrat blieb,
jemand, dem nicht die Sprache des Verstehens gegeben war? Und der deswegen
formal tatsächlich nicht mehr als ein „Mitläufer“ war.</p>



<p>Das ist Herman Kurzkes erschreckende Wahrheit über seinen Vater und über eine ganze Generation: Ein Mitläufer ist jemand, dessen Sprache nicht reicht, um Verbrechen zu verstehen, die über das individuelle Maß hinausgehen.</p>



<p>Das ist
möglicherweise die wichtigste Aufgabe der Literatur: Den Menschen eine Sprache
zu geben, die sie befähigt, nicht nur sich selbst, sondern die Welt zu
verstehen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Wernher von Braun 1960<br>NASA/Marshall Space Flight Center [Public domain]<br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wernher_von_Braun_1960.jpg">via Wikimedia Commons</a>  (Ausschnitt)<br>Buchcover: Verlag</h6>





<p>Hermann Kurzke <br><strong>Was mein Vater nicht erzählte</strong> <br>Geschichte eines Mitläufers <br>C.H. Beck 2019 · 239 Seiten · 24,95 Euro <br>ISBN:  978-3-406-73139-6</p>



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<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Sprache und Herrschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Jun 2019 09:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[Victor Klemperer beschreibt in „LTI“ (1947) die ideologische Instrumentalisierung von Sprache durch die Nationalsozialisten - eine aufschlussreiche Lektüre im Hinblick auf die Gegenwart. Die Geschichte des Buchs ist eng mit der Biografie des Autors verbunden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.</p>



<p>Weitere Beiträge:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/">Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank">Terror von unten</a></li><li><a href="https://tell-review.de/dieser-mann-ist-mir-fremd/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="&quot;Dieser Mann ist mir fremd&quot; (opens in a new tab)">&#8222;Dieser Mann ist mir fremd&#8220;</a></li></ul>





<p class="has-drop-cap">LTI steht für <em>Lingua Tertii Imperii</em>, die Sprache des Dritten Reichs. Das gleichnamige Buch von Victor Klemperer ist erstmals 1947 erschienen, gut zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist lebendig geblieben, und leider auch aktuell. Schlagwörter wie „Flüchtlingsinvasion“ und „Bevölkerungsaustausch“ funktionieren nach einem ganz ähnlichen Muster, wie Klemperer es beschreibt: Sie sind agitatorisch – sie stellen eine Gruppe von Menschen als fremd, feindlich und potenzielle Angreifer dar. Und sie sind eingängig: Sie werden leicht übernommen, und wer sie gebraucht, muss sich nicht darum kümmern, was sie transportieren. Manchmal greift die extreme Rechte direkt auf die Sprache der Nationalsozialisten zurück – etwa, wenn der Begriff „völkisch“ wiederbelebt werden soll, wenn von „Altparteien“ und „Systemmedien“ die Rede ist oder wenn der <a rel="noreferrer noopener" aria-label="AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen (opens in a new tab)" href="https://www.giessener-allgemeine.de/giessen/afd-chef-meuthen-giessen-wir-brauchen-festung-europa-12275406.html" target="_blank">AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen</a> eine <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/meuthen-salvini-und-co-gemeinsam-wollen-die-nationalisten-europa-zur-festung-machen/24196654.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="„Festung Europa“ (opens in a new tab)">„Festung Europa“</a> fordert – ein Ausdruck, den Klemperer als „lexikalisch und begrifflich entscheidend für die LTI“ bezeichnet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>So oft der Name Europa während der letzten Jahre in der Presse oder in Reden auftaucht – und je schlechter es um Deutschland steht, um so öfter und beschwörender geschieht das – immer ist dies sein alleiniger Inhalt: Deutschland, die „Ordnungsmacht“, verteidigt die „Festung Europa“. </p></blockquote>



<p>Victor Klemperer ist nicht der Einzige, der sich nach dem Krieg mit der Sprache des Nationalsozialismus befasst. Von 1945 an erscheinen in der Monatszeitschrift <em>Die Wandlung</em> Artikel zu einzelnen Ausdrücken aus der Zeit des Dritten Reichs. Die Autoren Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind stammen aus dem Umfeld der <em>Frankfurter Zeitung</em>, die sich bis zu ihrem Verbot 1943 eine gewisse Distanz zum NS-Regime hatte bewahren können. Einige der Wörter, über die sie schreiben – wie  „fanatisch“,  „charakterlich“ oder  „organisieren“ – kommen auch in Klemperers <em>LTI </em>vor. Sternberger, Storz und Süskind veröffentlichten ihre Texte 1957 in überarbeiteter und ergänzter Fassung unter dem Titel <em>Aus dem Wörterbuch des Unmenschen</em>. </p>



<p>Anders als diese Autoren bleibt Klemperer nicht bei der Untersuchung einzelner Begriffe stehen. Er beschreibt Wirkungsmechanismen, die heute unter dem Schlagwort „Framing“ gehandelt werden, und einige seiner Beobachtungen berühren Fragestellungen der Totalitarismusanalyse oder der pragmatischen Linguistik – Forschungsansätze, die erst im Entstehen sind, als er das Buch schreibt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Tagebuch als Balancierstange</h3>



<p>Zugleich ist <em>LTI</em> ein sehr persönliches Buch und nicht von der Biografie des Autors zu trennen. Der 1881 geborene Victor Klemperer ist Professor für Romanische Philologie. Als Wissenschaftler jüdischer Herkunft verliert er unter den Nazis zuerst seinen Lehrstuhl an der TU Dresden, dann sein Haus und seinen Besitz und schließlich die elementarsten Rechte. Selbst die private wissenschaftliche Betätigung wird ihm unmöglich gemacht: Erst darf er den Lesesaal der Universitätsbibliothek nicht mehr benutzen, später auch keine anderen Bibliotheken mehr. Während des Krieges wird er mit seiner Frau Eva in einem „Judenhaus“ interniert. Hier leben die beiden in einem einzigen Zimmer; der Deportation entgeht Klemperer nur, weil seine Frau, die als „Arierin“ gilt, an seiner Seite bleibt. Nun ist es ihm sogar verboten, Bücher nichtjüdischer Autoren zu besitzen oder bei sich aufzubewahren.&nbsp;</p>



<p>In dieser Situation existenzieller Bedrohung wird die
langjährige Gewohnheit des Tagebuchschreibens zur „Balancierstange“, die ihm
Halt gibt – auch wenn er damit sich selbst und andere einem hohen Risiko
aussetzt. Das Kürzel <em>LTI</em> taucht zuerst
im Tagebuch auf. Es kennzeichnet die Beobachtungen zur „Sprache des Dritten
Reichs“ und parodiert zugleich die Abkürzungen der Nazis – von BdM und HJ über
SA und SS bis zu KdF und KZ.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Abgründige Leichtigkeit</h3>



<p>Indem Klemperer die Verhältnisse beschreibt, wird er vom
Opfer zum Zeugen und Chronisten; indem er sich mit der Sprache des Dritten
Reichs befasst, unterläuft er das Berufsverbot: Er macht die Mittel, mit denen
er und unzählige andere unterdrückt werden, zum Gegenstand seiner Forschung.
Seine Aufzeichnungen zur LTI betrachtet er ursprünglich als Materialsammlung
für eine wissenschaftliche Arbeit. Aber nach dem Krieg wird ihm rasch klar,
dass er angesichts zerstörter Bibliotheken und Forschungseinrichtungen sowie seiner
begrenzten Kräfte nicht in der Lage sein würde, ein Grundsatzwerk zu diesem
Thema zu schreiben. Stattdessen beginnt er schon im Sommer 1945 in Dresden, kurz
nach der Rückkehr in sein Haus, mit der Arbeit an einem Buch. Zwei Jahre später
erscheint <em>LTI – Notizbuch eines Philologen</em> beim neu gegründeten Berliner
Aufbau Verlag.</p>



<p>Es besteht aus 36 kurzen Kapiteln – jedes davon ein
kleiner, in sich abgeschlossener Essay, der persönlich Erlebtes mit Gelesenem
und Berichtetem verbindet. Die Erinnerung ist noch frisch, und die
Tagebuchaufzeichnungen fließen direkt in den Text ein. Vor seiner
Universitätslaufbahn war Klemperer Publizist und Kulturjournalist. Sein Stil
ist elegant und von einer Leichtigkeit, die abgründig wirkt, wenn man sich
vergegenwärtigt, was der Autor durchgemacht hat und in welcher Situation er das
Buch schreibt: Er ist erst wenige Wochen zuvor erschöpft und ausgehungert nach
Dresden zurückgekehrt, die Stadt ist zerstört, die Versorgungslage katastrophal.
Das ganze Grauen der Vernichtungslager wird nach und nach bekannt, und die
ehemaligen Nazis und Mitläufer beginnen sich in der Nachkriegssituation
einzurichten – einige fliehen in den Westen, andere arrangieren sich mit der
sowjetischen Besatzungsmacht. Tag für Tag wird Klemperer von früheren
NSDAP-Mitgliedern aufgesucht, die ihn um ein Entlastungsschreiben bitten. <em>Die
Mörder sind unter uns</em> – so fasst es der Titel des Films von Wolfgang
Staudte zusammen, der 1946 in die Kinos kommt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Herrschaft durch Einförmigkeit</h3>



<p>Victor Klemperer hat als Romanist zu den französischen
Aufklärern des 18. Jahrhunderts gearbeitet, und das zeigt sich auch in <em>LTI</em>.
Sein Interesse an der Sprache der Nazis ist geradezu enzyklopädisch. Er
unterzieht die Sprache des Nationalsozialismus einer Stilkritik, die nichts
Doktrinäres und nichts Oberflächliches hat. Erst der genaue Blick auf die sprachliche
Ausdrucksform legt den Inhalt frei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c&#8217;est l&#8217;homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.</p></blockquote>



<p>Als einen Grundzug der LTI bezeichnet Klemperer ihre „Armut“: Sie verzichtet auf jegliche Nuancierung oder Variation und kommt mit einem kleinen Bestand an Schlagwörtern und Phrasen aus. Sie kennt ausschließlich den Modus der Agitation: „alles in ihr war Rede, musste Anrede, Aufruf, Aufpeitschung sein. “ Die Einförmigkeit ist für die Sprache des Dritten Reichs kein Mangel, erkennt Klemperer: Erst sie macht die Sprache tauglich zum Herrschaftsinstrument. Durch ständige Wiederholung werden den Menschen die immergleichen Ausdrucksschablonen ins Gedächtnis gestanzt. Irgendwann sind sie so alltäglich, dass selbst Gegner und Opfer der Nazis sie ganz unreflektiert verwenden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein.</p></blockquote>



<p>Auch nach
dem Ende des Dritten Reichs beobachtet Klemperer, wie junge Leute aus der Kriegsgeneration,
auf die er in Diskussionen oder bei seiner Unterrichtstätigkeit am
Abendgymnasium der Dresdner Volkshochschule trifft, immer wieder gedankenlos von
„Heldentum“ oder „heroischem Widerstand“ sprechen. Sein Buch ist nicht zuletzt
die bewusste Intervention eines politisch wachen Zeitgenossen. Klemperer will
zeigen, wie sich der Geist des Nationalsozialismus auch in kleinen,
unauffälligen Wendungen am Leben erhält, und er will dazu beitragen, diesen
Geist den Nachkriegsdeutschen gründlich auszutreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Sprache des Vierten Reichs</h3>



<p>Die weitere
Geschichte des Buches und seines Autors entfaltet sich im Spannungsfeld der
Nachkriegssituation. Klemperer ist noch 1945 in die KPD eingetreten, weil er in
ihr die einzige konsequent antifaschistische Kraft sieht. Zugleich ist
unübersehbar, dass es zwischen der Sprache des Nationalsozialismus und der
Sprache des Stalinismus Berührungspunkte gibt. Klemperer macht sich im Tagebuch
schon bald Notizen &nbsp;zu <em>LQI</em> – der „Sprache des Vierten Reichs“. Im Oktober 1945 notiert er:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man erzählt, wie sehr wir alle Antifaschisten u. Demokraten geworden sind, wie sehr „gesäubert“, umgekehrt, besser gemacht wird. Man predigt gegen jeden Militarismus – u. man schlägt mit alledem genau, ganz haargenau so kraß aller Wahrheit u. Realität ins Gesicht, wie es, andersherum, aber mit gleichen, ganz gleichen Worten LTI=LQI!! ausrichten, kämpferisch, wahre Demokratie etc. etc. wie das die Nazis taten.</p></blockquote>



<p>In <em>LTI</em> versucht Klemperer hingegen, einer Gleichsetzung vorzubeugen: In einem Kapitel mit der Überschrift „Wenn zwei dasselbe tun…“ grenzt er den metaphorischen Gebrauch technischer Wendungen durch die Nationalsozialisten von dem in der Sowjetunion ab: „die deutsche Metapher weist in die Sklaverei, und die russische weist in die Freiheit. “  Trotzdem bemängelt der Rezensent der im sowjetischen Sektor erscheinenden <em>Berliner Zeitung</em> vom 14. Februar 1948, der Autor hätte den „funktionellen Gegensatz zwischen gewissen äußerlich ähnlichen Sprachformen in Deutschland und in der Sowjetunion […] im ganzen klarer herausarbeiten sollen“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die LTI in der DDR</h3>



<p>Gut vier
Jahre später hält Klemperer im Berliner Klub der Kulturschaffenden den Vortrag <em>Zur gegenwärtigen Sprachsituation in
Deutschland</em>. Inzwischen gibt es zwei deutsche Staaten und der Kalte Krieg
ist in vollem Gang. Der Vortragende, jetzt Professor für Romanistik an der
Humboldt-Universität und Abgeordneter der Volkskammer der DDR, lobt Stalins
Auffassung der Sprache. Das Fortbestehen von Elementen der <em>LTI</em> stellt er als rein westdeutsches Phänomen dar:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die nazistische Sprachpest, von der wir uns zu befreien bestrebt sind, und halbwegs befreit haben, blüht drüben wieder auf. Ihre von hier vertriebenen Verbreiter dürfen dort ihr Idiom weiterpflegen, da es der faschistischen Gesinnung und Absicht der Vereinigten Staaten entspricht.</p></blockquote>



<p>Im Juli
1956, als er sich mit seiner zweiten Frau Hadwig zu Studienzwecken in Paris
aufhält, veröffentlicht die französische Presse Chruschtschows Geheimbericht
zum XX. Parteitag der KPdSU, der einige Verbrechen Stalins benennt. „Hadwig
liest ihn genau, ich werfe mit Abscheu Blicke hinein. Es ist ganz gräßlich und
desillusioniert mich vollkommen“, notiert er im Tagebuch.</p>



<p> Offiziell bekennt Klemperer sich bis zu seinem Tod 1960 zur DDR. Gerade das macht es möglich, dass <em>LTI</em> dort immer wieder neu aufgelegt wird – erst im Aufbau Verlag, dann im Leipziger Reclam Verlag. Mehrere Generationen von Lesern entdecken ein Buch, in dem die Auseinandersetzung mit dem Faschismus sich nicht in Parolen und ideologischen Formeln erschöpft – im Gegenteil, es regt dazu an, über diese Art des Sprachgebrauchs nachzudenken. Und damit setzt es einen Maßstab, der die Kluft zwischen dem antifaschistischen Anspruch der DDR und ihrer politischen Wirklichkeit nur zu deutlich werden lässt.</p>



<p>Das Kürzel <em>LTI</em> verführt dazu, es beiläufig in Diskussionen fallen zu lassen, als sei damit alles gesagt. Dabei will das Buch gar nicht das letzte Wort haben. Es regt dazu an, über das Verhältnis von Sprache und Gewalt nachzudenken. Es hilft zu erkennen, wo sprachliche Klischees bewusst als Machttechnik eingesetzt werden, wie sie sich ausbreiten und welche Ideologien sie transportieren.</p>





<p>Victor Klemperer  <br><strong>LTI – Notizbuch eines Philologen </strong> <br>Hg. von Elke Fröhlich  <br>Reclam 2010 · 416 Seiten · 24,95 Euro <br>ISBN:  978-3-15-010743-0</p>



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<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Plakatwand mit Durchhalteparolen im II. Weltkrieg<br>Bundesarchiv, Bild 101I-244-2316-34A / Waidelich / CC-BY-SA 3.0 [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">CC BY-SA 3.0 de</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-244-2316-34A,_Rum%C3%A4nien,_Plakatwand_mit_Durchhalteparolen_retouched.jpg">via Wikimedia Commons</a></h6>



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