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	<title>Corona &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Corona &#8211; tell</title>
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		<title>Gegen das Tribunaldenken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2024 07:53:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum sind die Diskussionen über die Corona-Pandemie so aufgeheizt? In ihrem Buch „Alles überstanden?“ zeigen Christian Drosten und Georg Mascolo, wie man faktenbasiert streiten kann. Eine Rezension aus der Sicht eines Arzts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Mit Ausnahme des Themas Migration war kein Thema in den Wahlkampfstrategien der Neuen Rechten derart präsent wie die Corona-Pandemie.&nbsp;Es verging im Sommer praktisch kein Tag, an dem in Sachsen nicht von irgendwo her der Rücktritt oder gar die Bestrafung von Entscheidungsträgern, Politiker, Journalisten oder Wissenschaftlern der Pandemie-Zeit gefordert wurde. Die Bestrafungsfantasien reichten teilweise bis zum Galgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Brandenburger Landtagswahlkampf arbeitete die AfD unverhohlen mit diesem Tribunaldenken. Auf Plakaten wurde gefordert, Politiker „endlich für Fehler zu bestrafen“. Der AfD-Kandidat für das Märkische Oderland, Lars Günter, lud in seinem Wahlkampf zu einem Film ein, der die während der Pandemie „schuldig“ gewordenen Eliten „entlarven“ soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und man staunte, welche Zeitgenossen dem Vorschub leisten. Etwa der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki, der eine politische Aufarbeitung der Pandemie fordert. Diese durchaus nachvollziehbare Forderung begründet er, wie die AfD, mit den angeblich kompromittierenden „RKI-Files“, obwohl sich in denen bei genauer Betrachtung nichts Wesentliches findet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie konnte es dazu kommen, dass eine ganze Gesellschaft sich von Verschwörungsdenkern derart vorführen lässt? Und wie konnte es sein, dass aus dem Wunsch einer politischen Aufarbeitung billigste Rachsucht wurde? Hat dieser Spin – weg von einer vernünftigen Aufarbeitung, hin zum Tribunaldenken – auch etwas mit fehlgegangener Kommunikation zu tun? Begann diese fehlerhafte Kommunikation schon während der Pandemie?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Personen dieser angeprangerten Eliten, Christian Drosten und Georg Mascolo, haben ein Gespräch über genau diese Zeit verfasst. Schnell erfährt man in ihrem Buch <em>Alles überstanden?</em>, dass sich die beiden durchaus nicht immer einig sind. Und genau das macht den Reiz dieses Buches aus: Beide kritisieren den jeweils anderen und dessen Rolle während der Pandemie, aber es ist eine Kritik, die ganz ohne Verschwörungsdenken auskommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Journalist Georg Mascolo etwa kritisiert die chinesische Informationspolitik und zugleich die Tatsache, dass die Frage nach der Herkunft des Virus‘ derartig ideologisch aufgeladen wurde. Eine zentrale Rolle spielte dabei ein Paper in der Fachzeitschrift <em><a href="https://www.nature.com/nm/">nature science</a></em>, an dem auch Christian Drosten beteiligt war. Darin wurde die Herkunft des Virus aus der Natur als einzige Möglichkeit dargestellt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu Mascolo:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das war ein problematischer Vorgang. Das Paper trug dazu bei, dass ein möglicher Labor-Ursprung öffentlich zu einer reinen Verschwörungserzählung erklärt werden konnte. […] Das Vertrauen, man gehe mit allen möglichen Hypothesen offen um, nahm dadurch Schaden.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Vertrauensverlust sei durch die Impfpflichtdiskussion noch verstärkt worden. Zunächst erteilten führende Politiker einer Impfpflicht eine klare Absage, dann aber wurde, ebenfalls von Politikern, eine Impfpflichtdebatte entzündet. Das habe das ohnehin schon angekratzte Vertrauen weiter verspielt, zumal die Impfung dann gegen die Weiterverbreitung des Virus doch weniger wirksam war als ursprünglich angenommen. Gerade in diesem Punkt gebe ich Georg Mascolo recht. Die Impfpflichtdiskussion hat wie keine zweite das Vertrauen in die Regierung untergraben, zumal sie sich im Pandemieverlauf mit der Erfahrung der ökonomischen Existenzbedrohung verband.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man erkennt an diesen Beispielen das Kontroverse des Gesprächs. Hier findet Aufklärung statt und die beiden schonen sich keineswegs. Das zeigt sich im Weiteren in der Auseinandersetzung über die Rolle der Medien. Mascolo fragt Drosten, wo er Berichterstattung vermisst habe.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich kann Ihnen mal drei Punkte nennen, die mir persönlich fehlten: Wie wurde an der Pandemie verdient? Um welche Themen dreht sich die Pandemie-Nachbearbeitung in anderen Ländern? Und was war eigentlich das politisch-gesellschaftliche Ziel unserer Pandemiekontrolle: Hatten offene Schulen oder hatte die Wirtschaft Priorität?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Christian Drosten kritisiert den Weg des „Economy first“: Die Pendlerzüge waren voll, doch die Schulen wurden geschlossen. Obwohl Christian Drosten dies bis heute falsch findet, wird gerade seine Person mit den Schulschließungen in Verbindung gebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Gesprächspartner wünschen eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Coronabeschlüsse. Als Arzt habe ich allerdings einige persönliche Erfahrungen gemacht, die einer solchen Aufarbeitung entgegenstehen. Auch unter meinen Kollegen habe ich undifferenzierte Schuldzuweisungen erlebt, bis hin zu Hassreden gegen Karl Lauterbach. Hier decken sich meine persönlichen Erfahrungen mit den Forschungen der Sozial-Psychologin <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/verschwoerungsmythen-hetze-netz-internet-afd-lamberty-e441769/">Pia Lamberty</a>. Verschwörungsdenken gibt es in jeder Gesellschaft, doch mit der Corona-Pandemie und ihren ökonomischen Folgen verließ dieses Denken den <em>lunatic fringe</em> und kam in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Aufklärer gerät man in diesen Debatten schnell an Grenzen: Der Verschwörungstheoretiker weiß eine große Sache und die ganz gewiss, Aufklärer dagegen kennen viele Einzelheiten, und sie haben Fragen, die sie klären möchten. Gewissheit jedoch ist immer attraktiver als abwägendes Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann auch sagen: Verschwörungstheoretiker sind auf einem Kreuzzug. Und Kreuzzügler wollen nicht analysieren, sondern schuldig sprechen, sie wollen nicht aufklären, sondern verurteilen. Ihre Gewissheit, die sie mit Wissen verwechseln, stellen sie gegen die angebliche Dummheit der Welt. Erfahrungsgemäß hilft gegen einen solchen Kreuzzug kein Einspruch der Vernunft, umso weniger, wenn dabei wirtschaftliche Ängste instrumentalisiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um wieder diskutieren zu können, sollte eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Pandemie an drei wissenschaftlich belegte Prämissen geknüpft werden:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>1. Prämisse<br></strong>Das Virus war gefährlich. In der <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1422600/umfrage/lebenserwartung-nach-kontinenten-und-weltweit" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Statistik</a> der Lebenserwartung zeigt sich für alle Kontinente in den Jahren 2020/21 eine Delle, die nur mit SARS-Cov2 erklärt werden kann.<a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2. Prämisse<br></strong>Die Impfung war wirksam. Sie verhinderte zwar nicht die Ansteckung, doch Todesfälle, denn sie sorgte für einen milderen Krankheitsverlauf. Im Juni 2024 wurde in der renommierten Fachzeitung <em><a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext#" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Lancet</a></em> eine Studie publiziert, die diese Einschätzung belegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>3. Prämisse<br></strong>Auch die nicht-pharmakologischen Maßnahmen wie Masken und Kontaktbeschränkungen waren wirksam, Beleg dafür ist ein Text der <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" data-type="link" data-id="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Royal Society</em></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn diese drei Prämissen akzeptiert werden, dann kann man über Schulschließungen, Impfpflichtdiskussionen, Freiheitsbeschränkungen etc. diskutieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Christian Drosten stellt lapidar fest, was auch meiner Erfahrung entspricht. So schlecht sind wir in Deutschland nicht durch die Pandemie gekommen, trotz unserer überalterten Bevölkerung.&nbsp; Hinterher ist man immer klüger. Drosten erinnert daher an die Voraussetzungen des Nicht-Wissens:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ein politischer oder gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozess setzt voraus, dass wir die damals herrschende Situation klar vor Augen haben und sie nicht aus einer Warte der überstandenen Gefahr bewerten, sondern aus der Warte der damaligen Bedrohung und Unsicherheit. Denn aus Unsicherheit heraus werden auch beim nächsten Mal die Entscheidungen getroffen werden müssen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: IMAGO/Bihlmayerfotografie </h6>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Christian Drosten, Georg Mascolo<br><strong>Alles überstanden? </strong><br><strong>Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird</strong><br>Ullstein 2024 · 272 Seiten · 14,99 Euro<br>ISBN: 978-3548070322<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Genesen, nicht geheilt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Nov 2022 07:44:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[LongCovid]]></category>
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					<description><![CDATA[Über LongCovid ist immer noch viel zu wenig bekannt. Manche führen psychische Ursachen ins Feld, andere leugnen die Krankheit ganz. Ein Arzt erklärt, warum die Ignoranz gegenüber LongCovid für die Gesellschaft fatal ist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank">Herwig Finkeldey</a> ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a> (16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat </a>(14. April 2020)</li><li><a href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt</a> (1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a> (22. Juli 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/die-angst-in-der-pandemie/" target="_blank">Die Angst in der Pandemie</a> (28. Januar 2021)</li></ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Long- oder Post-Covid scheint ein Thema zu sein, vor dem die Gesellschaft Angst hat. Anders lässt sich die Ignoranz zu diesem Thema kaum noch erklären. Es wird viel zu wenig geforscht, und im öffentlichen Bewusstsein ist die soziale Tragweite der Erkrankung noch längst nicht angelangt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar gibt es immer wieder Versuche, das Thema in die öffentliche Debatte zu bringen. So sprach etwa die von Long-Covid betroffene Journalistin Margarete Stokowski zusammen mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach auf der Bundespressekonferenz, sie warb dort als vierfach Geimpfte und dennoch schwer Betroffene für die Impfung. Und kürzlich lief in der ARD zur besten Sendezeit der Film <a href="https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/sendung/hirschhausen-und-long-covid-100.html">„Hirschhausen und Long Covid – Die Pandemie der Unbehandelten“</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Film von Eckart von Hirschhausen zog Kritik auf sich:&nbsp;Bemängelt wurde die einseitige Fokussierung auf die Apherese als vielversprechendes Heilmittel von Long-Covid (bei der Apherese wird mit einem der Dialyse ähnlichen Verfahren das Blut von schädlichen Eiweißen gereinigt). Carmen Scheibenbogen, klinische Immunologin an der Berliner Charité, tritt im Film als Expertin für Long-Covid und das chronische Fatigue-Syndom CFS/ME auf. Zum Endprodukt sagte sie jedoch: „Ich habe Bauchschmerzen mit diesem Film.“ Die Hoffnung auf Heilung habe einen Markt entstehen lassen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch ich habe nach eigenen Recherchen Zweifel an der allumfassenden Behauptung eines Therapieerfolges durch die Apherese. Sie mag im Einzelfall helfen – Mediziner sprechen dann von anekdotischen Erfolgen –, aber ein generalisiertes Heilsversprechen kann man daraus nicht ableiten. </p>



<h3 class="wp-block-heading">„LongCovid-Falscheria“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Oftmals wird die Not der verzweifelten Patienten ausgenutzt, doch davon hört man in von Hirschhausens Film nichts. Genau davor warnt dagegen die international anerkannte Expertin für Long Covid Jördis Frommhold in einem <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjJpv7D0u36AhUlYPEDHTzWBJEQFnoECBAQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.focus.de%2Fgesundheit%2Fcoronavirus%2Fexpertin-warnt-vor-long-covid-falscheria-notlage-der-betroffenen-wird-von-vielen-seiten-schamlos-ausgenutzt_id_166145357.html&amp;usg=AOvVaw10hFedR1ptDCcZM1ffsPbY">Interview</a> mit dem <em>Focus</em>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen ich […] gesehen habe, die nicht nur körperlich, sondern auch finanziell am Ende waren. Das ist eine richtige Long-Covid-Falscheria, die sich da inzwischen auftut. Die Notlage der Betroffenen wird inzwischen von vielen schamlos ausgenutzt.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Frommhold negiert nicht den Therapieerfolg von Einzelfällen. Doch Einzelfälle sind noch kein allgemeingültiges Therapiekonzept. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gesamte Problematik dieser experimentellen Therapieansätze schildert Jördis Frommhold bereits in ihrem Buch <em>LongCovid – die neue Volkskrankheit</em>. Sie kommt auch auf die mangelhafte Studienlage zur Apherese zu sprechen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Mir bleibt damit wieder nur der Apell, LongCovid-Patienten auch bei der Anwendung der Plasma-Pherese in Studien einzubeziehen, um belastbare – oder wie wir in der Medizin sagen: evidenzbasierte – Ergebnisse zu bekommen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Ergebnisse liegen bis heute nicht vor. Jördis Frommhold, seit Anfang Oktober 2022 Leiterin des Instituts Long Covid in Rostock, berichtet in ihrem Interview von Fällen, in denen der einzige Effekt der Therapie eine leer gesaugte Geldbörse auf der Patientenseite ist, eine gefüllte hingegen auf der Seite der Ärzte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">LongCovid – ein Chamäleon</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem Buch unterscheidet Jördis Frommhold PostCovid von LongCovid, sie zieht aber die Grenze anders als die offizielle Leitlinie der Schulmedizin. Die Leitlinie geht allein vom zeitlichen Verlauf aus: Bei einem Krankheitsverlauf von weniger als 12 Wochen spricht sie von Long-Covid, bei längerer Krankheitsdauer von Post-Covid. Jördis Frommhold dagegen definiert PostCovid als eine Erkrankung, die unmittelbar nach einem komplizierten Verlauf folgt. Dieser komplizierte Verlauf geht nicht selten mit einem Aufenthalt auf der Intensivstation einher, eventuell verbunden mit einer Langzeit-Beatmung. Damit hat diese Erkrankung große Ähnlichkeit mit den Problemen bei Patienten, die aus anderen Gründen einen Langzeitaufenthalt auf einer Intensivstation hinter sich haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Krankheit LongCovid tritt dagegen häufig nach Bagatellverläufen und einer scheinbar vollständigen Genesung auf, das klinische Bild ist merkwürdig komplex und lässt sich kaum in einem Begriff fassen. Jördis Frommhold nennt diese Erkrankung auch ein „Chamäleon“. Sie hat wenig mit den üblichen Problemen nach einem schweren Verlauf zu tun: LongCovid ist definitiv kein verlängertes PostCovid.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für LongCovid-Patienten gilt leider die Formel: „Genesen, nicht geheilt.“ Das uneinheitliche klinische Bild lässt den Schluss zu, dass es für die Symptome mehr als eine Ursache geben muss. Das „Chamäleon“ kann eine Herzschwäche verursachen. Oder aber Kurzatmigkeit. Daneben kann es zu einer Schwäche der Muskulatur und zu Muskelschmerzen kommen, die sich mit Schmerzmitteln kaum beeinflussen lassen. Ich selbst hatte schon Patienten mit all diesen Bildern. Diese Symptome können zu einem ausgeprägten Leistungsknick mit folgender Arbeitsunfähigkeit führen. Gerade die Kurzatmigkeit, die häufig mit einem krankhaft veränderten Atemmuster einhergeht, spricht allerdings sehr gut auf physio- und atemtherapeutische Ansätze an, während sich die Muskelschmerzen hingegen, medizinisch Myalgien genannt, mit Schmerzmitteln kaum beeinflussen lassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kognitive Störungen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Noch komplexer wird die Lage bei der von vielen Patienten beklagten Leistungsschwäche. Sie kann neben der Beteiligung des Herzmuskels weitere Ursachen haben. So verschaffen sich Corona-Viren über die Nase Zugang zum Gehirn, darauf verweisen die bekannten Geruchs- und Geschmacksstörungen. Im Gehirn wurden die Viren oder Virusfragmente in verschiedensten Regionen nachgewiesen, teilweise als Dauergast. Zu nennen sind der Hippocampus, die Hypophyse und der Thalamus. Diese Lokalisationen könnten die Gedächtnisschwäche ebenso erklären wie weitere kognitive Fehlleistungen, so etwa die von Jördis Frommhold anschaulich beschriebenen Wortfindungsstörungen. LongCovid-Patienten leiden nicht selten an Schlafstörungen, auch die Störungen des Schlaf-Wachrhythmus‘ lassen sich damit begründen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Nachweis von Virusfragmenten in der Hypophyse wiederum steht für den Befall des Hormonsystems gerade an jener Stelle, wo das endokrine System und das zentrale Nervensystem aufeinandertreffen. Hormonstörungen gehören in der Tat zu den Erscheinungsformen dieses „Chamäleons“. Ich selbst habe den Fall einer Hashimoto-Patientin gesehen, die nach einer Covid-Infektion wieder in die Überfunktion der Schilddrüse rutschte, nachdem sie zuvor jahrelang medikamentös gut eingestellt gewesen war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Parallelen zum Fatigue-Syndrom</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Fassen wir diese Symptome zusammen: Leistungsknick, schnelle Erschöpfbarkeit, chronische Müdigkeit, kognitive Störungen (Wortfindungsstörungen, Gedächtnisprobleme), Änderungen im Lebensrhythmus, Schlafstörungen. Herausragendes Symptom ist dabei die sogenannte post-exzeptionelle Malaise<em>. </em>Hiermit wird das Phänomen beschrieben, dass Betroffene nach einer Überanstrengung einen schweren Rückfall bezüglich der Leistungsfähigkeit erleiden, den „crash“. Nach einer Überanstrengung benötigen diese Patienten eine längere Zeit, um sich wieder zu erholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier wird zum Teil ein altbekanntes Muster erkennbar: Diese Symptome entsprechen weitgehend der Krankheit ME/CFS, dem Fatigue-Syndrom, früher auch chronische Müdigkeit genannt. Das ist deswegen interessant, weil ME/CFS, ebenso wie LongCovid, als Folge einer Virusinfektion gesehen wird, häufig mit dem Herpesvirus Epstein-Barr. Offenkundig sind überschießende Immunreaktionen hierbei ein wichtiger Faktor. Daher ist es plausibel, aus den Erkenntnissen über das ME/CFS auch auf LongCovid zu schließen. Umgekehrt könnte das aufkommende Thema LongCovid die Forschung zu ME/CFS befruchten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Encephalitis epidemica – ein Vorläufer?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Erkrankung aus der Medizingeschichte kommt mir dabei sofort in den Sinn. Vor hundert Jahren gab es das Phänomen der Encephalitis epidemica, die Europäische Schlafkrankheit: eine Folgeerkrankung einer akuten Infektion, in der viele Mediziner aufgrund der zeitlichen Nähe eine Folge der Spanischen Grippe sehen. Der Ausbruch der Encephalitis epidemica dauerte von 1915 bis1927, das würde in etwa mit der Dauer der Spanischen Grippe übereinstimmen. Allerdings konnte das damalige Influenzavirus H1N1 in den bis heute erhalten gebliebenen Gewebsblöcken Verstorbener nirgendwo nachgewiesen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der deutsche Neurologe Felix Stern (1884-1942) hatte diese rätselhafte Erkrankung seinerzeit am gründlichsten beforscht. Er kam zu Ergebnissen, die in entscheidenden Elementen eine frappierende Ähnlichkeit zu LongCovid zeigen. Zunächst lag auch damals zuerst eine akute Infektion vor, meist als Enzephalitis, also als Gehirnentzündung. Nach einem Akutstadium konnte es zu einer scheinbaren Heilung kommen, dann aber folgte bei einem Teil der Patienten das chronische Stadium. </p>



<div class="wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile"><figure class="wp-block-media-text__media"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="540" height="720" data-attachment-id="111937" data-permalink="https://tell-review.de/genesen-nicht-geheilt/felix-stern-1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?fit=540%2C720&amp;ssl=1" data-orig-size="540,720" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Felix-Stern-1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?fit=540%2C720&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=540%2C720&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-111937 size-full" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?w=540&amp;ssl=1 540w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/11/Felix-Stern-1.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 540px) 100vw, 540px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<p class="wp-block-paragraph">In seinem Buch <em>Die Epidemische Encephalitis</em> von 1928 schildert Stern diese Erkrankung als „proteusartig“, also als äußerst variantenreich, das entspricht Jördis Frommholds  „Chamäleon“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Symptome benennt er Bewegungsstörungen, „gesteigerte Müdigkeit“, „gesteigerte, pseudoneurasthenische Erschöpfbarkeit“ (das würde man heute „brain fog“ nennen), Leistungsknick, Schlafstörungen, Muskelschmerzen sowie Atemstörungen, die er bereits als Störung des Atemmusters interpretiert.</p>
</div></div>



<h3 class="wp-block-heading">Keine psychologische Erklärung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Den Leistungsknick und die chronische Müdigkeit beschreibt Stern in seiner mit vielen Falldarstellungen gespickten Monografie exemplarisch am Beispiel eines Sattlers:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er gibt sich Mühe, seinen Arbeiten als Sattler nachzukommen, braucht aber 2 Tage zu Arbeiten, die er sonst in dreiviertel Tagen erledigte. Bei Überanstrengungen Kopfschmerzen und Erbrechen. </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Leistungsknick und die post-exzeptionelle Malaise<em>, </em>der<em> crash,</em> schimmern hier durch. Es fehle darüber hinaus, so Stern, „jedes hysterische seelische Symptom.“ Stern versagt sich jegliche „psychologische“ Erklärung der Symptome, er nennt es damals noch „seelisch“ und „hysterisch“. Hier sei die Ursache dieser „proteusartigen Erkrankung“ nicht zu finden. Häufig waren Menschen ohne jegliche, „hysterische Anamnese“ betroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders als bei der Grippe, mit ihrem aus dem scheinbaren Nichts kommenden steilen Anstieg der Fallzahlen und einem ebenso schnellen Abfall, erscheint der Verlauf hier als Welle mit Berg- und Tal-Charakter. Auch im Sommer geht die Welle nicht auf null, im Spätsommer beginnt sie sich wieder aufzubäumen und hält dann kurz inne, um im Spätwinter die höchsten Zahlen zu erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War der Neurologe Felix Stern schon einer Variante des chronischen Müdigkeitssyndroms auf der Spur? Träfe das zu, dann wäre LongCovid gar keine so neue Erkrankung, sondern möglicherweise eine neue Variante eines bereits beschriebenen Syndroms. Dafür spricht manches, so die Ähnlichkeit der Symptome. Es wäre durchaus denkbar, dass die Enzephalitis epidemica durch ein spezielles Corona-Virus verursacht worden sein könnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">LongCovid-Leugner von rechts</h3>



<p class="wp-block-paragraph">LongCovid ist eine Krankheit mit enormen sozialen Folgen. Jördis Frommhold sieht darin auch eine Herausforderung der Leistungsgesellschaft:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Viele unserer Patienten kommen aus sehr anspruchsvollen, kräftezehrenden und leistungsorientierten Lebensverhältnissen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade diese Leistungsorientierung ist bei der Therapie der chronischen Müdigkeit ein Problem. Jördis Frommhold empfiehlt hier ein „Auf-sich-Hören“. Die Aktivitäten sollen dem Ergebnis dieses Auf-sich-Hörens angepasst werden. Ihre Patienten lernen dies mit der Methode des „Pacing“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen weiteren Fokus setzt Frommhold auf die „gesellschaftliche Verarbeitung“ der Erkrankung LongCovid. Wie gehen wir mit der Erkrankung – und vor allen Dingen mit den Erkrankten – um? Bei dieser Frage erkenne ich eine Frontlinie im aktuellen Kulturkampf: Coronaleugner sind häufig auch LongCovid-Leugner resp. ME/CFS-Leugner. Es ist bemerkenswert, wie sich gegenwärtig auch bei medizinischen Fragen ein Umschlagen von rechts und links feststellen lässt. Früher war es modern, auf die psychischen Faktoren von Krankheiten hinzuweisen, ein Ansatz, der von konservativen Medizinern nicht selten als „linke Spinnerei“ abgetan wurde. Heute sind es dagegen die Reaktionären, die die Psychosomatik missbrauchen, um körperlich Erkrankten eine psychische Instabilität oder gar Hypochondrie zu unterstellen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Schwache Nerven“?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das wesentliche Moment dieser Leugnung besteht in der Unterstellung einer psychosomatischen Genese, demnach einer psychischen Störung. Krankheit sei Einstellungssache, so heißt es dann, sie könne durch bloße Willensanstrengung aus der Welt geschafft werden – eine Unterstellung, die leider auch von manchen Ärzten ausgeht. „Schwache Nerven“ hieß das einst, Fachausdruck Neurasthenie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit „schwachen Nerven“ jedoch hat LongCovid nichts zu tun. Sowohl Carmen Scheibenbogen, Leiterin der ME/CFS-Ambulanz der Charité, als auch Jördis Frommhold lehnen eine psychosomatische Erklärung für LongCovid entschieden ab. Schon Felix Stern hatte sich bei der chronischen Enzephalitis dagegen verwahrt, und auch Eckart von Hirschhausen geht in seinem Film nicht von einer psychischen Erkrankung aus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Spätfolgen der Pandemie lassen sich nicht leugnen. Sie werden uns noch lange beschäftigen, ob man das nun wahrhaben will oder nicht.</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Der in diesem Text erwähnte deutsche Neurologe Felix Stern wurde 1884 in Groß Glogau in Schlesien geboren. Er studierte in Berlin und Freiburg Humanmedizin, war dann in Kiel, Göttingen und zuletzt als Leiter der Neurologie im Versorgungswerk in Kassel tätig.<br>1933 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen, man entzog ihm die Venia Legendi. Er eröffnete in Berlin eine Privatpraxis. Am 30. August 1942 beging Prof. Dr. med. Felix Stern in Berlin-Halensee Selbstmord, da ihm die Deportation nach Auschwitz-Birkenau drohte.<br>Dieser Text soll auch an ihn erinnern.</p>


</div></div>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Romolo Tavani <br> Coronavirus in einer Arterie (3d-Rendering)</a> via Adobe Stock</a><br></h6>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Jördis Frommhold<br><strong>LongCovid – Die neue Volkskrankheit</strong><br>C. H. Beck 2022 · 176 Seiten · 14,95 Euro<br>ISBN: 978-3406783562<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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</div></div></div> </div></div>
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<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Page-99-Test: Orhan Pamuk</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Mar 2022 13:05:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Pandemie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=105723</guid>

					<description><![CDATA[Auf der Seite 99 von Orhan Pamuks Roman "Die Nächte der Pest" herrscht das Prinzip Aufzählung. Eine anstrengende und unergiebige Lektüre.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Zitat zugeschrieben Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br><strong>Warnung</strong>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.</p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Eigentlich darf ich bei einem Page-99-Test keine weiteren Seiten des Romans lesen, so lautet meine eigene Spielregel. Diesmal weiche ich von dieser Regel ab. Für den SRF-Literaturclub vom <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sendung/literaturclub?id=7d4e63a6-9e39-454e-a3b4-9a74f7dc7e50" target="_blank" rel="noreferrer noopener">8. März 2022</a> habe ich Orhan Pamuks Roman <em>Die Nächte der Pest</em> in Gänze gelesen, mit dem Page-99-Test überprüfe ich auch meinen Leseeindruck.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="579" height="1030" data-attachment-id="105727" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-orhan-pamuk/pamuk_seite-99-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?fit=1440%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1440,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;1.7&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;SM-G930F&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1645776506&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.2&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;160&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.03030303030303&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Pamuk_Seite-99" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?fit=579%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99.jpg?resize=579%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-105727" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=579%2C1030&amp;ssl=1 579w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=169%2C300&amp;ssl=1 169w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=45%2C80&amp;ssl=1 45w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=768%2C1365&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=864%2C1536&amp;ssl=1 864w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=1152%2C2048&amp;ssl=1 1152w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=2000%2C3556&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=1300%2C2311&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?resize=300%2C533&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk_Seite-99-scaled.jpg?w=1440&amp;ssl=1 1440w" sizes="auto, (max-width: 579px) 100vw, 579px" /></figure></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Was auf dieser Seite 99 schon beim ersten Lesen auffällt, ist eine gewisse Sperrigkeit. Jeder Satz steht für sich, deshalb kommt der Text nicht recht voran. Und obwohl diese Sätze mit Wörtern vollgestopft sind, bleiben sie seltsam leer, denn die Wörter transportieren weder Handlung noch Stimmung oder Gefühle</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In der kurzen Zeit, in der Damat Pascha nun mit einem Abkömmling des Herrscherhauses verheiratet war, hatte er bereits gelernt, ausuferndes Zeremoniell und endlose Lobhudelei gleichmütig über sich ergehen zu lassen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Warum sollte es mich interessieren, dass Damat Pascha sich in der kurzen Zeit seit seiner Heirat an die Konventionen gewöhnt hat, die mit einem „Abkömmling des Herrscherhauses“ offenbar verbunden sind? Der Satzbau holpert, und die geschraubte Formulierung kostet mich beim Lesen Energie, ohne dass daraus ein Mehrwert entsteht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der nächste Satz doppelt nach:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dass sie unmittelbar nach dem Aussteigen aus den Ruderbooten mit dem Abspielen von Märschen empfangen wurden, überraschte ihn nicht weiter, obwohl eine solche Tradition nicht bestand, und er nahm auch ergeben hin, dass Sami Pascha ihm ausführlich zu seiner Hochzeit gratulierte.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei schwerfällige Substantivierungen folgen unmittelbar aufeinander: das „Aussteigen aus den Ruderbooten“ und das „Abspielen von Märschen“. Das kann durchaus aufs Konto des Übersetzers gehen, ebenso wie die mühsame Syntax und die geschraubte Formulierung von oben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch an diesem Satz ist auch inhaltlich nichts interessant: weder, dass die Eheleute mit dem Abspielen von Märschen empfangen wurden, noch, dass dies unmittelbar nach dem Aussteigen aus den Ruderbooten geschah, noch, dass dies Damat Pascha nicht weiter überraschte, noch, dass eine solche Tradition nicht bestand (und es ihn daher offenbar hätte überraschen sollen), noch, dass Sami Pascha ihm zu seiner Hochzeit gratulierte, noch, dass er dies ausführlich tat, noch, dass Damat Pascha dies ergeben hinnahm.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Schon bald war eine Griechisch, Französisch, Türkisch, Arabisch und Mingerisch sprechende Menge um sie versammelt.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufzählung der fünf Sprachen ist müßig, solange in diesen Sprachen nichts gesagt wird.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Mit Ausnahme von Izmir, Saloniki oder Beirut ließ sich selbst in den fortschrittlichsten Städten der osmanischen Provinz beobachten, dass es sich bei den Männern mit Hut und Krawatte grundsätzlich um Christen handelte.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Satz tut so, als wäre es eine Neuigkeit, dass Christen Hut und Krawatte tragen (und nicht Fez und Umhang). Im Weiteren hält der Text es für erwähnenswert, dass diese naheliegende Tatsache überall der Fall ist, außer in den drei genannten Städten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Über diese Null-Nachricht heißt es nun:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Doktor Nuri wusste das aus Erfahrung, seine Frau indes begriff es durch ihre rasche Auffassungsgabe.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte ich nur die Seite 99 zur Verfügung, hielte ich diesen Satz schlicht für dämlich. Doch weil ich das ganze Buch kenne, verstehe ich die Anspielung: Doktor Nuris Frau (der „Abkömmling des Herrscherhauses“ von oben), hat nämlich ihre ersten zwanzig Lebensjahre eingesperrt in einen Sultanspalast verbracht, daher kann sie solche Dinge nicht aus Erfahrung wissen. Dieses Manko macht sie mit ihrer raschen Auffassungsgabe wett. (Dass die Sultanstochter ausnehmend klug ist, wird uns bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eheleute fahren nun in einem gepanzerten Landauer durch die Stadt. Aus dem Fenster der Kutsche sehen sie im ersten Satz:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Hotels, Lokale, Reisebüros, stattliche Geschäfte.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Kleider-, Schuh-, Kurzwaren-, und Buchläden.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar ist es dann doch nur <em>ein</em> Buchladen, der jedoch enthält</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>griechische, französische und türkische Bücher.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Weiteren gibt es Geschäfte, die</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Geschirr, Stoffe und Möbel</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">führen, und zwar</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>aus Izmir oder Saloniki.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seite endet mit der Erwähnung von „weitläufigen Gärten“ mit</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Palmen, Kiefern, Linden und […]</blockquote>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Aufzählungen gibt es, wie ich nach der Lektüre der ganzen 700 Seiten bestätigen kann, nicht nur auf der Seite 99. Für den Stil sind sie ebenso charakteristisch wie das ermüdende Aneinanderreihen von Unerheblichkeiten. Manchmal sind die Puzzleteile auch weniger banal, dann bestehen sie etwa aus historischen Ereignissen oder Aussagen bedeutender Personen. Doch das macht den Text nicht lebendiger, denn kaum ein Leser wird diese Dinge spontan einordnen können. Es ist, als hätte der Autor ein 1000er-Puzzle ausgeschüttet, und wir müssen es nun zusammensetzen: Ständig vergleicht man ein Teilchen mit dem anderen, um zu sehen, ob zwei Farben zusammenpassen, in der Hoffnung, dass irgendwo ein Motiv sichtbar wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weder die Insel Minger hat es je gegeben, noch Doktor Nuri und die Sultanstochter Pakize. Die ganze Geschichte, so erklärt uns die Ich-Erzählerin im Vorwort, beruht auf den Briefen, die diese erfundene Pakize von ihrem Gästezimmer auf Minger aus an ihre Schwester in Istanbul schreibt. Bei der Ich-Erzählerin handelt es sich nicht nur um die Herausgeberin von Pakizes Briefen (der vorliegende Roman soll eine Art Vorwort für eine akademische Geschichte Mingers sein), sondern auch um deren Urenkelin (das erfahren wir allerdings erst in einer Art Epilog), also wissen wir, dass auch die Ich-Erzählerin (mit dem achso sprechenden Namen Mîna Mingerli) eine erfundene Figur ist. Die altbewährte Instanz des unzuverlässigen Erzählers vervielfältigt sich wie in einem Spiegelkabinett – jedoch ohne, dass dabei etwas ins Schwingen gerät.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch kaum hat mich ein Buch beim Lesen derart frustriert. Da wir es mit einem <em>fake</em> historischen Roman zu tun haben, ist man am Ende nicht einmal um ein paar historische Erkenntnisse klüger. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dank dem Page-99-Test weiß ich jetzt wenigstens, was die Lektüre so anstrengend macht.</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Orhan Pamuk<br><strong>Die Nächte der Pest</strong><br>Aus dem Türkischen von Gerhard Meier<br>Roman<br>Hanser 2022 · 696 Seiten · 30 Euro<br>ISBN: 9783446270848<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="326" height="499" data-attachment-id="105725" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-orhan-pamuk/pamuk-cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk-Cover.jpg?fit=326%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="326,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Pamuk-Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk-Cover.jpg?fit=326%2C499&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk-Cover.jpg?resize=326%2C499&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-105725" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk-Cover.jpg?w=326&amp;ssl=1 326w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk-Cover.jpg?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk-Cover.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/03/Pamuk-Cover.jpg?resize=300%2C459&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 326px) 100vw, 326px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
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		<title>Die Schmerzvermeidung der Querdenker</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jan 2022 08:13:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[kognitive Dissonanz]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer Corona-Irrtümern anhängt, muss viel kognitive Dissonanz aushalten. Die Abwehr der inneren Widersprüche führt zu einem zwanghaften Denken – doch wie kann die Befreiung daraus gelingen? Überlegungen aus Sicht eines Arztes.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Wenn man es im eigenen beruflichen Umfeld oder auch in den sozialen Medien mit Querdenkern zu tun bekommt, gewinnt man noch einmal einen ganz anderen Eindruck dieses Phänomens: den Blick aus der Nähe. Er bestätigt die <a href="https://tell-review.de/die-widersprueche-des-querdenkertums/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">gewonnenen Eindrücke</a>, vertieft sie zugleich und lässt Konturen schärfer hervortreten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Volten des Irrtums</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Potpourri der Pandemie-Irrtümer habe ich als Arzt selbst erlebt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfang gab es das Virus gar nicht. Dann machte es nicht krank. Dann war die Krankheit „nur eine Grippe“. Dann waren nur die krank, die ohnehin bald sterben. Dann war die Impfung wirkungslos. Dann machte die Impfung krank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und über allem schwebte Bill Gates.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neuste Volte: Die Übersterblichkeit des Herbstes 2021 geht auf die Impfung zurück. Allerdings ergeben sich auch hier wieder Inkonsistenzen zur Faktenlage. So steigt die Übersterblichkeit bis zum Januar 2022 keineswegs an, sie fällt vielmehr ab, und genau das war wegen der gestiegenen Impfquote auch zu erwarten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mentale Geisterfahrer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">War es vielleicht doch so, dass die Impfung schützt? Als ich in den sozialen Medien einen Querdenker auf diesen offenkundigen Widerspruch hinweise, wird mir „Menschenverachtung“ vorgeworfen, in Tateinheit mit der Unterstützung einer Diktatur. Weil ich angeblich eine gesellschaftliche Gruppe, die nur ihre Meinung sagt, für Tote verantwortlich machen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem anderen Fall hatte ich es im Krankenhaus mit einer ganzen Querdenkerfamilie zu tun. Der Vater hatte eine lebensbedrohliche Covid19-Infektion, und ich wurde von den erwachsenen Kindern gefragt, welche Krankheit ihr Vater denn nun wirklich habe. Ich antwortete wahrheitsgemäß. Und erhielt eine äußerst aggressive Reaktion: „Das können Sie mir doch nicht erzählen! Unser Vater ist doch nicht so schwer krank wegen einer Grippe!“ Auf Nachfrage gab diese Familie an, dass sie sich in den letzten Monaten überwiegend über russische Staatsmedien informiert hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir kommt bei diesen absurden Szenen immer der alte Geisterfahrerwitz in den Sinn. Ein Geisterfahrer hört über das Autoradio von einem Geisterfahrer auf der Autobahn und reagiert empört: „Einer? Das sind Hunderte!“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gefangen in der eigenen Überzeugung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sascha Lobo beschreibt das Phänomen im <a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/corona-und-die-radikalisierung-der-impfgegner-die-denkpest-geht-um-kolumne-a-307b0e08-c4fe-43c2-800b-b2da618ec4ca" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Spiegel</a> als „Denkpest“, aber das überzeugt nicht. Zu viel Empörung, zu viel Metapher, zu wenig Analyse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Näher kommt dem Phänomen das Konzept des Dunning-Kruger-Effektes. Menschen, deren Urteil in einer Fachfrage ihr eigenes Kompetenzniveau übersteigt, sind gerade deswegen nicht zu einer kritischen Revision ihrer Sicht in der Lage. Wer sich in der Materie wirklich auskennt, kennt auch die Einwände und ist bei neuen Erkenntnissen zu einer Neubewertung bereit. Der Laie hingegen bleibt in seiner ursprünglichen Überzeugung gefangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am überzeugendsten jedoch bleibt für mich Leon Festingers Konzept der „kognitiven Dissonanz“. Damit beschreibt Festinger das Phänomen, dass Argumente, die der eigenen Überzeugung widersprechen, selbst dann nicht gehört werden, wenn ihre Wahrheit offensichtlich ist. Wichtigstes Ziel eines Menschen ist nämlich, so Festinger, die Vermeidung von Widersprüchlichkeit im eigenen Selbst. Das gilt vor allem dann, wenn Menschen sich öffentlich geäußert haben. Tritt nun der Fall ein, dass allgemeine Erkenntnisse den eigenen Äußerungen diametral entgegen stehen, erlebt der Mensch das als „Inkonsistenz“, als Makel.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Logik des Gruppenzwangs</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dieser Inkonsistenz kann man unterschiedlich umgehen. Man kann den Irrtum eingestehen: „Stimmt. Rauchen macht krank, also höre ich damit auf.“ Man kann die Faktenlage und die eigene Situation jedoch auch uminterpretieren: „Ich inhaliere nicht, also macht meine Art des Rauchens nicht krank.“ Oder man leugnet das Offensichtliche und schließt sich einer Verschwörungstheorie an: „Dass Rauchen krank macht, ist Quatsch! Das behauptet nur die Gesundheitsmafia!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fatal wirken diese Mechanismen, wenn sie sich mit einem Gruppenzwang verbinden, zum Beispiel in einer Sekte. Festingers ursprüngliches Beispiel betraf eine Sekte, die am 21. Dezember 1954 pünktlich um Mitternacht ein UFO erwartete, das alle Einsichtigen und Erwählten mitnehmen und damit vor dem Weltuntergang retten würde. Als die Prophezeiung nicht eintraf, führte das keineswegs zur Einsicht. Die Sektenmitglieder drehten den Spieß einfach um: Wegen ihres gegen alle Widerstände durchgesetzten unerschütterlichen Glaubens habe die extraterrestrische Macht den Vernichtungsplan fallen gelassen, die Sekte hatte die Welt vor dem Untergang bewahrt. Gewissermaßen das Präventionsparadox auf außerirdisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schmerzhafte Erkenntnis</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In genau dieser Situation befinden sich die Querdenker. Sie haben sich öffentlich exponiert und stehen nun vor dem Scherbenhaufen ihrer Falschbehauptungen. Um die Behauptung zu retten, dass die Impfung eine Übersterblichkeit verursache, wird in allen Untergruppen der offiziellen Statistik gewühlt: Irgendwo muss doch der Beleg für die längst haltlos gewordene These sein! Unglaubliche Energien werden bei der Durchsuchung der Bildränder verschwendet, um zu beweisen, dass der Elefant im Zentrum des Bildes nicht existiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist ein Konzept der Schmerzvermeidung. Denn die Erkenntnis, sich geirrt zu haben, ist schmerzhaft. Erst recht, wenn dieser Irrtum zu einer schweren Erkrankung oder gar zum Tod eines nahen Menschen geführt hat. In der Schmerzvermeidung perpetuiert sich der Irrtum, und gerade das macht es für alle anderen so unerträglich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Problem der Häme</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Auflösung einer kognitiven Dissonanz kann nur über die Einsicht in den eigenen Irrtum führen. Für diejenigen, die sich im Irrtum verfangen haben, kann das bitter sein. Die Lösung des Problems tut weh, aber sie befreit auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist das Angebot an alle Querdenker: Freiheit vom Gruppenzwang und vom zwanghaften Denken. Denn ein Denken, das nur noch davon bestimmt ist, Inkonsistenz zu vermeiden, wird sehr schnell zum Zwang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch der Mehrheit, welche die Infektionsschutzmaßnahmen befürwortet, sei eines mitgegeben: Häme ist nicht angebracht, weder im Privaten noch öffentlich. Wichtig ist die Förderung der Erkenntnis. Und Erkenntnis findet nun einmal im Stillen statt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Von Sieglinde Geisel, Grafitti auf einer Berliner Hauswand im Sommer 2020<br></h6>



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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die Widersprüche des Querdenkertums</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Dec 2021 08:32:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Impfgegner]]></category>
		<category><![CDATA[Querdenker]]></category>
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					<description><![CDATA[Die „Querdenker“ erhalten viel gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Ihre Rebellion zielt, anders als es scheint, nicht auf die Impfung. Und genau deshalb haben wir allen Grund, sie zu fürchten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Erkrankung COVID19 ist bis heute noch nicht annähernd komplett in ihrer medizinischen Komplexität erfasst. Alle Vergleiche zu früheren Pandemien sind deswegen unergiebig. Der klinische Verlauf ist von Patient zu Patient völlig unterschiedlich, er reicht von der unauffälligen Besiedelung mit dem Virus bis zum tödlichen Lungenversagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erschwert zum einen die ärztliche Prognose, zum anderen aber auch die gesellschaftliche Einschätzung der Pandemie. Wie wird sie in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren verlaufen? Welches Krankheitsbild haben die neuen Mutanten? Wer wird zur nächsten Risiko-Population zählen?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine kaum greifbare Bewegung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Konnte es vielen Bürgern und Politikern zu Beginn der Pandemie nicht schnell genug mit den Einschränkungen gehen, sind wir mittlerweile in der Situation, dass niemand auch nur einen Millimeter zu viel beschließen möchte. Wehe dem Entscheidungsträger, der sich geirrt hat, und sei es im belanglosesten Detail: Der Verzicht, den eine solche Infektionserkrankung einer gesamten Gesellschaft aufzwingt, darf auf keinen Fall umsonst gewesen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Angstsituation liegt vor allen Dingen an der kaum greifbaren Bewegung der „Querdenker“. Doch wer gehört dazu? Welche Motive speisen die so unterschiedlichen Mitglieder dieser informellen Gruppe? Und: Gibt es unter ihnen einen gemeinsamen Nenner?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Rebellion gegen den Westen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst sind überraschenderweise keineswegs alle Querdenker auch Impfgegner. Die ostdeutschen Querdenker beispielsweise sind nicht gegen das Impfen, sondern gegen den Westen, i.e. die neue Zeit oder „die Moderne“. Der mRNA-Impfstoff ist eine Chiffre für „die Moderne“: Den “Weststoff” wollen die ostdeutschen Wutbürger nicht haben. Viele erklären im Gespräch, dass sie „den Sputnik“ durchaus nehmen würden. Das angebliche staatliche „Durchdrücken“ der „Gates-Vakzine“ erleben sie innerlich als Zwang, ebenso das Kontaktverbot, und so ist man schnell bei der „Corona-Diktatur“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Irritierenderweise erfährt dieser Teil der Szene Unterstützung von einigen ehemaligen ostdeutschen Bürgerrechtlern. Diese Gruppe ist zwar zahlenmäßig gering, moralisch jedoch gewichtig: Da es sich bei Exponentinnen wie Angelika Barbe, Vera Lengsfeld und Sigmar Faust um diktaturerfahrene Freiheitskämpfer handelt, verbieten sich Zweifel an ihrer Argumentation quasi von selbst.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Egoismus der Stinknormalen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch nicht nur die ostdeutschen Querdenker haben Probleme mit den modernen Impfstoffen. Im Westen sind es, neben den impfskeptisch eingestellten Katholiken in Oberbayern, vor allem die ehemals pietistisch geprägten Gebiete in Baden-Württemberg, die eine niedrige Impfquote aufweisen. Hier dominieren seit jeher esoterische Ökolinke: Ihre Impfskepsis richtet sich gegen die Gentechnik, mit der die modernen Impfstoffe hergestellt werden. Gentechnik wirkt als Chiffre für „den Westen“, den auch sie schon immer abgelehnt haben: Wo früher gegen die US-Armee protestiert wurde, bezieht man nun gegen Bill Gates und seine „US-Vakzine“ Stellung. Einen Nicht-mRNA-Impfstoff hingegen – das muss im Westen nicht Sputnik sein – würden einige akzeptieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bleibt die größte Gruppe der Querdenker: die Stinknormalen. Sie kommen, in Ost wie West, aus der Mitte der Gesellschaft. Auch sie haben eigentlich kein Problem mit dem Impfen. Sie werden sauer, wenn man ihnen den Spaß verdirbt. <em>Wenn ich nicht in den Urlaub fliegen darf, ist was los! </em>Und schuld sind „die da oben“, die Politiker, die keinen Plan haben. Auch die Kulturschaffenden, die sich unter dem Hashtag #allesdichtmachen für genau diesen Egoismus einsetzten, kamen aus der Mitte der Gesellschaft. Dass sie diesen Egoismus zum kulturellen Allgemeinwohl umdeklarierten, hat mich seinerzeit frappiert.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Ignoranz der Mitte</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Noch eine Gruppe fehlt. Sie ist zahlenmäßig gering, politisch aber die bedenklichste: die neuen Rechten und die Neonazis. Es ist nicht mehr zu leugnen, dass rechte Gruppen Initiatoren und Nutznießer der Querdenkerszene zugleich sind. Aus diesem trüben Umfeld kommen die Morddrohungen gegen Politiker (aktuell gegen Sachsens Ministerpräsident Kretschmer) ebenso wie der bizarre, ästhetisch an den Ku-Klux-Klan erinnernde Auftritt vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping. Nicht alle Demonstranten gegen Petra Köpping waren Nazis, doch das ändert nichts daran, dass mit solchen Aktionen die Botschaft der Rechten genau dort ankommt, wo die Nazis selbst hinwollen: in der Mitte der Gesellschaft. Rechte Hetze wirkt, das zeigte schon der Mord an dem Studenten, der in einer Tankstelle in Idar-Oberstein einen Kunden zum Tragen der Maske aufgefordert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Klammer, die alle Gruppierungen der Querdenkerszene vereint, ist die Offenheit gegenüber rechts: Sie haben überhaupt kein Problem damit, mit Neonazis zu demonstrieren. Die Mitte der Gesellschaft stört sich nicht mehr an ihnen. Und das ist genau die Konstellation, die die Rechten herbeiführen möchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ignoranz der Mitte ist es, die mich noch mehr das Fürchten lehrt als diejenigen, vor denen wir uns fürchten müssen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Roy Zuo <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Querdenken-Demo_Leipzig_20201107_13.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Querdenker-Demo Leipzig 11.07.2020</a>, via Wikimedia Commons <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">(Lizenz CC BY-SA 4.0)</a></h6>



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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>In der Herzkammer der Pandemie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Nov 2021 14:36:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Notarzt berichtet von einer 24-Stunden-Schicht, in der er alle Facetten der Corona-Pandemie erlebt. Ein Wettlauf mit dem Virus, wie ihn derzeit alle erleben, die im Gesundheitswesen arbeiten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen veröffentlichen wir diesen Bericht anonym.</p>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Schon am Vorabend habe ich auf dem Handy die Nachricht erhalten, dass beim 5-jährigen Sohn unserer Nachbarn mehrere Antigen-Tests positiv waren, ein PCR-Test steht noch aus. Später sollte sich herausstellen, dass die gesamte Kita des Dorfes durchseucht ist. Mehrere Eltern, so kam nach und nach heraus, hatten offenbar positive Tests ihrer Kinder verschwiegen und sie dennoch in die Kita geschickt. Grund dieses Verschweigens war der eigene Impfstatus: Die Eltern waren ungeimpft und befürchteten einen Wegfall der Lohnfortzahlung im Fall einer angeordneten Quarantäne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soviel zu denjenigen, die sich von einer Androhung von Ordnungsstrafen automatisch eine positive Wirkung auf den Pandemieverlauf versprechen: Hier führte es zum genauen Gegenteil. Das deckt sich übrigens mit meinen Erfahrungen als Amtsarzt im Tuberkulosezentrum. Dort war ich unter anderem für die Kontaktnachverfolgung zuständig. Hierbei stellte sich heraus, dass viele, die sich hätten untersuchen lassen müssen, dieser Pflicht nicht nachkamen. Die Androhung von Ordnungsstrafen erwies sich vor allem deswegen als untaugliches Instrument, weil bei Ordnungsverfahren Fristen gelten. In der aktuellen Notlage kann man damit den Spieß nicht umdrehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ungeimpfter Pfleger</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das sind meine Gedanken auf dem Arbeitsweg im Zug. Die Schicht beginnt unspektakulär: eine Patientin mit Schwindel. Untersuchung, Gefäßzugang, Krankenhaus. Routine. Dann fordert ein Krankenwagen, der nur mit Sanitätern besetzt war, den Notarzt nach, zwecks Entscheidungshilfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir treffen auf einen schwer luftnötigen älteren Patienten, er war im März und April zweimal gegen SARSCov2 grundimmunisiert worden und hat bereits einen Boostertermin. Offenbar ist Delta diesem Booster zuvorgekommen, so mein Verdacht, der vom Bericht der Angehörigen gleich unterfüttert wird, mit einer Information, die ich kaum glauben kann: Der Patient ist von einem ungeimpften Pfleger betreut worden, der darüber hinaus ohne Maske arbeitet. Der Fall sei in der Firma weithin bekannt, aber es gebe schützende Hände. Wie bitte? Ich habe zu wenig Zeit, mich weiter zu empören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir nehmen den Patienten mit ins Krankenhaus, dort bestätigt sich der Verdacht: COVID19-Pneumonie.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Übermittlungsfehler im Arztbrief</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischen 11und 15 Uhr kein Einsatz, so helfe ich auf der unterbesetzten Rettungsstelle aus. Immer wieder geht es um die Frage, ob die „ISO-Zimmer“ frei seien, es komme „wieder ein Covid“ ins Haus. In den deutschen Krankenhäusern trägt das Grauen aktuell den Namen Covid.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann der nächste Einsatz. Stichwort: Bewusstseinsstörung. Also los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir treffen eine eingetrübte, verwahrloste Frau vor, im Bett liegend. Alkoholikerhaushalt. Beim Zurückschlagen der Bettdecke steigen Fliegen auf. Vitalparameter derzeit stabil. Fieber und Luftnot neben einer sogenannten Vigilanzstörung: reduzierte Wachheit, wenig Reaktionsbereitschaft. Das ist immer verdächtig auf eine Infektion. Der gerade anwesende Hausarzt tut überrascht, als ich nach einem Corona-Test frage: Die Frau sei vor einigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden und&nbsp;im Entlassungsbericht stehe ein negativer PCR-Test.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schnelltest der Frau ist positiv, und dann erweist sich – man glaubt es kaum – im Computerprogramm des Labors der negative PCR-Test von letzter Woche auch bereits als positiv. Offenbar ein Übermittlungsfehler im Arztbrief. Wahnsinn, denke ich und gehe in mein Dienstzimmer. Das mag ein individueller Fehler gewesen sein, doch klar ist auch, dass das Krankenhaus weiter Geld verdienen muss, derweil die Delta-Variante mit den Bediensteten des Gesundheitssystems Katz und Maus spielt. Ein profitorientiertes Gesundheitssystem, das auf planbare Kalkulationen setzt, kann den besonderen Anforderungen einer Pandemie nicht gerecht werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Infektionsschutz ist Kinderschutz</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgende Pause ist nur kurz, ich sehe mir auf Phönix eine Dokumentation über Shackletons Endurance-Expedition an. Die Pandemie kennt keine Pausen, nächster Alarm: ein elfjähriges Kind mit Atemnot. Wir fahren in der frühen Herbstdunkelheit durch den Wald zu einer Familie im Aussteigermodus. Der Vater steht vor dem Gartenzaun: „Vorsicht, meine Tochter ist coronapositiv!“ Das hat man uns vorab nicht mitgeteilt, aber überrascht sind wir nicht. Umkleiden, Kind holen. Ungenügender Sauerstoffgehalt des Blutes, hohe Pulsfrequenz, hohe Atemfrequenz. Angst. Nichts macht mehr Angst als Luftnot. Wir geben unseren pharmakologischen Kram, dem Mädchen geht es besser. Ansteckung offenbar familiär. Doch dann weint das Mädchen fast unvermittelt: Sie will auf keinen Fall ihre jüngere Schwester angesteckt haben. Ich weiß nicht, was sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir testen sie nochmal, kein Zweifel. COVID19 positiv. Das Mädchen kommt aus einer Gruppe der Gesellschaft, die angeblich „kein Treiber der Pandemie“ sei, wie uns unentwegt erklärt wird. Überhaupt: Kinderschutz. In manchen Kreisen gelten Befürworter eines Lockdowns als kinderfressende Monster. Infektionsschutz ist auch Kinderschutz, denke ich, doch jetzt ist keine Zeit zum Überlegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses „Keine Zeit!“ ist die Grundempfindung aller, die während der Pandemie im Gesundheitssystem arbeiten. So auch hier: Der Pieper vibriert erneut. Stichwort: Reanimation. Wir haben ein weites Stück zu fahren, wir geben Gas.</p>



<h2 class="wp-block-heading">An und mit Corona</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bei unserem Eintreffen ist das erste Team schon dabei. Der Patient wird reanimiert und beatmet. Ich intubiere um, ich möchte einen Beatmungsschlauch direkt in die Luftröhre legen und den Patienten nicht nur über eine in diesem Fall undichte Kehlkopfmaske beatmen. Eine schwierige Prozedur, denn der Patient ist an den Stimmlippen voroperiert. Ich muss mehrmals ansetzen und bekomme die Gespräche nicht mit, die die Notfallsanitäterin mit den Angehörigen führt, die bei dieser beklemmenden Tätigkeit mit dabei sind. Wir schaffen es nicht, zumindest einen, wie wir sagen, „schockbaren Rhythmus“ zu etablieren, dann könnte man elektrisch defibrillieren, geschweige denn, dass sich ein Spontankreislauf zeigt. Nichts. Nach vierzig Minuten rhythmischem Drücken auf den Brustkorb und Beatmen sowie dem leitliniengerechten Injizieren von Kreislaufmitteln geben wir auf, der Patient ist gestorben. Von Anbeginn waren die Pupillen weit, starr und entrundet, das ist immer ein schlechtes Zeichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorgeschichte offenbart sich mir erst jetzt. Der Patient war tagsüber beim Hausarzt wegen unspezifischer Beschwerden. Der Hausarzt machte einen PCR-Test, dessen Ergebnis natürlich noch nicht vorlag. Es ist zwei Uhr in der Nacht, doch wir horchen auf: Der Patient war zweimal geimpft, hatte aber die Boosterimpfung noch nicht erhalten. Wieso nicht? Ach, der Termin lag schon vor, aber&#8230; War Delta etwa wieder schneller? Wir machen an der Leiche einen Schnelltest. Das Ergebnis überraschte mich an diesem Tag nicht mehr: positiv. Der Patient ist also an und mit Corona gestorben, um diese schwachsinnige Diskussion auch noch in meinem Bericht unterzubringen. Ich fülle den Leichenschauschein aus, spreche mit den Angehörigen, wünsche viel Kraft für die kommenden Wochen. Und sage ihnen, dass sie nun eine Quarantänepflicht hätten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Reinfektion mit Delta</h2>



<p class="wp-block-paragraph">So! Das war’s für heute, mehr geht nicht, dachten wir, voller ungeordneter Emotionen, auf der Rückfahrt. Da erreicht uns um 3 Uhr 10 der nächste Alarm: junge Frau, 18 Jahre alt, Luftnot.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Eintreffen zeigt sich, dass die junge Frau nicht nur Luftnot hat, sondern auch Fieber. Sie war im April bereits an COVID19 erkrankt, damals noch der Wildtyp. Wir können es nicht belegen, aber wir ahnen, was die Patientin ebenfalls ahnt: Es dürfte sich um eine Reinfektion mit dem Deltatyp handeln. (Hallo Querdenker! Hier zeigt sich, dass auch die überstandene Infektion nicht vor der Reinfektion durch Mutanten schützt! Ihr wollt euch auf „natürlichem Weg“ die Immunität durch Infektion verschaffen, um die Impfung zu umgehen? Ist Quatsch, Leute!)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir versuchen den Infektionsweg zu ergründen und fragen die Patientin nach ihrer Tätigkeit. Sie sei Praktikantin – in einem Pflegeheim. Wir glauben so langsam, wir sind im Kino. Oder, schlimmer noch, in einer schlechten Vorabendserie. Aber wir sind im Dienst, das ist Wirklichkeit. Immerhin ist die junge Frau unsere letzte Patientin, wir lassen sie zuhause, sie kann sich nach unserer Einschätzung allein auskurieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wettlauf mit dem Virus</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Notdienst-Schicht hat uns in die Herzkammer der Pandemie geführt. Wir haben gesehen, was das Virus anrichtet und wie es zu den Menschen kommt: unvermittelt, hart, und meistens durch die Hintertür. Es kommt so, dass man sich hilflos selbst dabei zuschaut, wie man der Delta-Variante hinterherläuft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schlafe noch zwei Stunden, fahre mit Fahrrad und Zug nach Hause. Dort erfahre ich, dass der PCR-Test des Nachbarjungen positiv ist. Und ich erfahre, dass ich noch immer keinen Boosterimpftermin für mich selbst habe. Irgendwann vor Weihnachten soll es einen geben – für jemanden, der täglich ins Sperrfeuer geht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Schnelltest ist negativ. Vorerst.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Keikona, <a href="[URL zum Bild]" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Krankenwagen</a> via <a href="[https://www.istockphoto.com/de/foto/verschwommen-notfall-auto-in-deutschen-stadt-gm1068900058-285927004]">iStock</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Briefe nach Patmos</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Mar 2021 08:42:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie umgehen mit den Zumutungen der Pandemie? Die Protagonistin von Thea Dorns Briefroman „Trost“ sieht sich als Heldin der Freiheit inmitten einer Gesellschaft, die sich vor Todesangst in eine blökende Herde verwandelt. Sie setzt auf das Pathos des Aufstands. Eine ziemlich trostlose Perspektive.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich fürchte mich jetzt schon vor den Dutzenden von Corona-Tagebüchern und Seuchenromanen, die demnächst erscheinen dürften.</p></blockquote>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">So Thea Dorn im Sommer 2020 in einem <a href="https://www.alternovum.de/thea-dorn-ueber-corona" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview</a>. Und schon ist ihr eigenes Pandemiebuch erschienen, schneller als alle anderen. Müssen wir uns nun auch davor fürchten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Ich bin eher verblüfft über diesen Bluff. „Eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen dieser Zeit“, so sekundiert Juli Zeh auf dem Umschlag. Sollen wir also diesen Briefroman nicht nur als Erzählung über das Erleben der Pandemie, sondern auch für bare Münze nehmen?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Einsames Sterben</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auch immer. Literarisch sieht Thea Dorns angebliche „Auseinandersetzung mit den großen Fragen dieser Zeit“ wie folgt aus: Johanna, eine Feuilleton-Redakteurin aus Berlin, verliert in der Pandemie ihre 84-jährige Mutter. Sie stirbt an Corona. Die alte Dame, die jahrzehntelang eine Schauspieler-Agentur leitete, hat sich in Italien infiziert, in das sie, furchtlos und freiheitsliebend, wie sie nun einmal war, trotz Reisewarnung gefahren ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Sterben ihrer Mutter erlebt Johanna als traumatisch, denn sie darf aus Seuchenschutzgründen nicht zu ihr. Johannas Mutter stirbt einen einsamen Tod, begleitet nur vom Geräusch des Beatmungsgerätes, die Leiche wird in einen schwarzen Seuchensack gepackt und dann verbrannt, auch der Ablauf der Beerdigung unterliegt dem Seuchenschutz.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Pandemie wegatmen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In diese Situation hinein erhält Johanna Post von ihrem alten Philosophielehrer Max, der, ohne Internet, auf der griechischen Insel Patmos sitzt. Von dort aus begleitet er Johannas apokalyptisches Erleben, und zwar indem er ihr Kunstpostkarten zuschickt, auf denen meist nur ein Fragesatz steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Postkarten fungieren als Stichwortgeber für Johannas Tiraden über die Pandemie. Soweit der dramaturgische Rahmen. Was Johanna dann, ausgelöst durch Max‘ Karten, schreibt, ist zunächst nicht uninteressant. Es ist, als würde sie die Pandemie mithilfe der klassischen Philosophie und Literatur wegatmen wollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Nähe zu den Querdenkern</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erinnert sich und Max an Sokrates‘ „geselligen Tod“, an Antigones tragisches Aufbegehren gegen eine staatliche Verordnung. Sie stellt sich Hamlets Frage aus dem 3.&nbsp;Akt, ob es edler sei, die Ungerechtigkeit zu ertragen oder dagegen zu revoltieren. Später kommt noch Max‘ Postkarten-Einwand: „Gibt es auch eine Bescheidenheit im Schmerz?“ Nach dem Bild einer Säulenhalle wird die Stoa ins Spiel gebracht: Johanna findet ihre alte Seneca-Ausgabe in der zweiten Regalreihe ganz oben und schreibt seitenlang und interessant über ihn. Das ist alles reflektiert und gut zu lesen, Thea Dorn erweist sich als Philosophin, die schreiben kann. Weiterhin betäubt Johanna ihren Schmerz mit Gin, was mitunter dazu führt, das im Text die Groß- und Kleinschreibung durcheinandergeht. Das ist alles soweit plausibel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch stutzt man immer wieder im Text. Neben aller Reflexion findet man Meinungen vertreten, die eine fatale Nähe zu den sogenannten Querdenkern haben, mitunter besteht der Abstand zwischen fundierter Reflexion und Querdenkermeinung nur aus einem Satz.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Zorn der Verzweifelten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Max stellt Johanna, nach ihrer ersten Tirade, die programmatische Frage dieses Buches.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bist Du bei Trost?</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Johanna erinnert sich darauf an die deutsche Redewendung „nicht bei Trost sein“. Jemand, der keinen Trost findet, ist auch in Gefahr, innerlich abzustürzen. Worauf Johanna zunächst antwortet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nicht die Gelassenheitsapostel, nicht die Unerschütterlichen, sondern die Verzweifelten, die Zornigen sind das Salz der Erde.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dem kann man ja zustimmen. Nur was, wenn der Zorn die Verzweifelten zu den Wutbürgern leitet? Über diese Gefahr verliert Johanna kein Wort. Sie denkt stattdessen über Trost als Aufgabe nach und zitiert Goethe:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Du kennst den Goethe-Satz, dass es Fälle gibt, <em>wo jeder Trost niederträchtig und Verzweiflung Pflicht </em>ist. Aus diesem Satz spricht der aufrechte Mensch. Spricht Faust. Spricht Prometheus.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Pflicht der Aufrechten kommt Johanna nun im Übermaß nach. Sie sieht sich, in Bezug auf das Sterben ihrer Mutter, als Antigone, die ihren Bruder Polyneikes gegen den Willen des Tyrannen begräbt und dafür zum Tod verurteilt wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch war es wirklich Tyrannenwillkür, die Johanna den Abschied von ihrer Mutter verboten hat? Liegt nicht gerade darin der Denkfehler der Querdenker? Wäre nicht spätestens hier der Zeitpunkt, um über das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit nachzudenken? Aber Johanna sieht in ihrer Untröstlichkeit nur sich selbst.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Arroganz der Skeptiker</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Max schickt ihr eine Postkarte mit einem Bild von Pietro Perugino, auf dem die Mutter Gottes neben dem pfeildurchbohrten Märtyrer Sebastian zu sehen ist. Dies provoziert Johanna zu folgendem Ausbruch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was willst Du mir mit Deinem Perugino sagen? Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden? Mit diesem Satz hält man, pardon, Lastesel bei Laune! Das brave Eselchen, das sein Leid so artig trägt, soll dann auch sein Trostzuckerchen bekommen. Ich will aber kein ruhiggestellter Lastesel sein!</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">An solchen Stellen kippt der Text. Das erinnert fatal an die Reden der Reichstagsstürmer vom vergangenen Jahr. Und es erinnert auch an Thea Dorns eigenen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/kultur/2020-04/sterben-coronavirus-krankheit-freiheit-triage" target="_blank">Zeit-Essay</a> aus der ersten Pandemiewelle. Da hilft es wenig, wenn sich Johanna an anderer Stelle von den Coronaleugnern demonstrativ distanziert, indem sie etwa schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>die Verschwörungsdeppen […] könnten einem Hieronymus-Bosch-Gemälde entsprungen sein.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Denn zu den Vokabeln, die Johanna den anderen anhängt, gehören wahlweise „Blockwart“, „arbeitsloser IM“ oder „Seuchenrittmeister“. Auch die Erkenntnis-Arroganz der Coronaskeptiker findet sich bei Johanna: Nur sie und ihresgleichen haben die Tragik der Pandemie erkannt. Sie beschreibt die blind gehorchende Gesellschaft mit folgenden Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir mutieren zur blökenden Herde, weil wir uns vor dem Tod zu Tode fürchten.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Allen Ernstes fragt sie Max:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was, wenn das unbeirrte Feiern der Freiheit, wie meine Mutter es getan hat – und ja, wie ich es mir in jener Nacht herausgenommen habe, […]&nbsp; was, wenn solche Feiern doch der Heroismus wären, den wir heute bräuchten, um die Freiheit zu retten?</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Heldenverehrung und Todessehnsucht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Johanna fällt in der Pandemie ausgerechnet Ernst Jünger ein und dessen „Verachtung für die Schönwettergesellschaft“. Ist der kollektive Wunsch der Gesellschaft, möglichst viele ihrer Mitglieder überleben zu lassen, Ausdruck einer Vollkasko-Mentalität, einer „Schönwettergesellschaft“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so geht es durch das ganze Buch. Auf Max‘ Kunstpostkarte mit Caravaggios Narziss antwortet Johanna:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Unsere ideellen Widerstandskräfte sind verkümmert, weil wir nur noch auf uns selber starren. Wer ewig an sich selbst genug hat, schwingt sich nicht ins Ideelle auf.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Wunschtraum ihrer Zeitgenossen urteilt sie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>die Sehnsucht hinter der Maschinenreligion: Tiere zu schaffen, die nichts mehr wollen, außer bei guter Gesundheit ewig vor sich hin zu konsumieren.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Als Lösung schlägt sie vor:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was wir brauchen, ist ein Aufstand. […] Ein Aufstand gegen die Technokratie. Gegen die Thanatophobie.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der gesellschaftlichen Dumpfheit erlöst uns das Pathos. Im Slogan „gegen die Thanatophobie“ steckt eine todessehnsüchtige Romantik. Einzig bestehen kann bei Johanna die Arbeit der Pflege und des medizinischen Personals:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie sind so heroisch, wie es Ärzte und Krankenschwestern und Pfleger je gewesen sind.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dieser Dichotomie beruht das gedankliche Grundmuster des Romans: Hier die „Aufrechten“, die „Wissenden“, die „Heroischen“, die sich gegen die gesellschaftlich verordnete Grabesruhe wehren und sich nicht mit billigem Trost abspeisen lassen; dort die „blökende Herde“, also die gut geölten Funktioniermaschinen, die den Tod fürchten und ihn deswegen ignorieren, die eselhaft mitmachen, was „die da oben“ verordnen, und in der Folge alles Geistige und Höhere, ja die Freiheit selbst platt trampeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Antiheld Sisyphos</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In <em>Trost</em> findet sich alles, was das Querdenkerherz begehrt. Wir gegen Die! Freiheit gegen Feigheit!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor einer Gesellschaft allerdings, die lernen soll, die menschliche Angst vor dem Tod zu besiegen, fürchte ich mich in der Tat. Eine Gesellschaft, die „heroisch“ mit dem Tod umgeht, wäre auch eine Gesellschaft, die aus idealistischen Gründen im Zweifelsfall tötet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was den Heroismus des Klinikpersonals angeht: Niemand, der in den Pandemiewellen am Krankenbett steht, definiert ihr oder sein Tun als „heroisch“, das kann ich aus meinem Umfeld als Arzt bestätigen. Ärzte und Pflegende sehen ihr Handeln als notwendig und zugleich als tragisch, weil wir fatale Entwicklungen nicht aufhalten konnten. Auch wir sind da untröstlich. Aber wir suchen keinen billigen Trost wie Johanna, die sich als Opfer der Pandemiemaßnahmen sieht und zugleich andere beschimpft. Sie ist&nbsp; in der Tat nicht mehr bei Trost. Welcher Teufel hat Thea Dorn bloß geritten, als sie ihre verzweifelte und untröstliche Johanna als Spätpubertierende enden ließ?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Figur, die in Johannas Parforceritt durch die Antike seltsamerweise fehlt, ist Sisyphos. Die Weltdeutung dieses Mythos kommt der Wirklichkeit der Pandemie sehr viel näher als der Gegensatz von Untertanengeist und Idealismus. Albert Camus‘ Sisyphos gehorcht niemandem in seinem absurden Tun. Er fühlt sich nicht als „heroisch“ und auch nicht als Opfer von irgendwelchen „Seuchenrittmeistern“. Aber er rollt seinen Stein. Jeden Tag aufs Neue, obwohl er weiß, dass sein Protest gegen das Absurde fast folgenlos verhallen wird. Man muss sich ihn – gemäß Camus – übrigens als glücklichen Menschen denken.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h6 class="has-text-align-right wp-block-heading">Beitragsbild: Schafherde in Griechenland. <br><a href="https://pixabay.com/de/users/atlantios-4957810/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2846127">Antonios Ntoumas</a> via <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2846127">Pixabay</a></h6>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"></div></div> <div class="su-row"></div><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"></div></div>



<p class="wp-block-paragraph">Thea Dorn<br><strong>Trost</strong><br>Briefe an Max<br>Penguin Verlag 2021 · 176 Seiten · 16 Euro<br>ISBN: 978-3-328-60173-9 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" identifier="978-3-328-60173-9" identifiertype="2" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker" src="data:image/svg+xml;base64,PD94bWwgdmVyc2lvbj0iMS4wIiBlbmNvZGluZz0idXRmLTgiPz48IURPQ1RZUEUgc3ZnIFBVQkxJQyAiLS8vVzNDLy9EVEQgU1ZHIDEuMS8vRU4iICJodHRwOi8vd3d3LnczLm9yZy9HcmFwaGljcy9TVkcvMS4xL0RURC9zdmcxMS5kdGQiPjxzdmcgdmVyc2lvbj0iMS4xIiBpZD0iRWJlbmVfMSIgeG1sbnM9Imh0dHA6Ly93d3cudzMub3JnLzIwMDAvc3ZnIiB4bWxuczp4bGluaz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMTk5OS94bGluayIgeD0iMHB4IiB5PSIwcHgiIHdpZHRoPSIxNnB4IiBoZWlnaHQ9IjE2cHgiIHZpZXdCb3g9IjAgMCAxNiAxNiIgZW5hYmxlLWJhY2tncm91bmQ9Im5ldyAwIDAgMTYgMTYiIHhtbDpzcGFjZT0icHJlc2VydmUiPjxnPjxnPjxwYXRoIGZpbGw9IiNGRkZGRkYiIGQ9Ik04LjAwMSwxNS41QzMuODY0LDE1LjUsMC41LDEyLjEzNiwwLjUsOGMwLTQuMTM1LDMuMzY1LTcuNSw3LjUwMS03LjVTMTUuNSwzLjg2NCwxNS41LDhTMTIuMTM3LDE1LjUsOC4wMDEsMTUuNXoiLz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNOC4wMDEsMUMxMS44NiwxLDE1LDQuMTQxLDE1LDhzLTMuMTM5LDctNi45OTksN0M0LjE0LDE1LDEsMTEuODU5LDEsOFM0LjE0LDEsOC4wMDEsMSBNOC4wMDEsMEMzLjU4MiwwLDAsMy41ODIsMCw4czMuNTgyLDgsOC4wMDEsOEMxMi40MTgsMTYsMTYsMTIuNDE4LDE2LDhTMTIuNDE4LDAsOC4wMDEsMEw4LjAwMSwweiIvPjwvZz48cGF0aCBmaWxsPSIjRDUyQjFFIiBkPSJNNi43NDUsMTIuNTg5Yy0wLjIyNywwLjEyMi0wLjQ5NywwLjI0Ny0wLjY4NCwwLjI0N2MtMC4zMTgsMC0wLjUwMS0wLjE2NC0wLjUwMS0wLjQ1MmMwLTAuMjA3LDAuMTQtMC4zNzUsMC41OTUtMC42MjJjMS41NDktMC45MDQsMi41OTQtMi4yNzIsMi41OTQtMy43MjFjMC0wLjgyNS0wLjIyNy0xLjExOS0wLjY4MS0xLjExOWMtMC4xMzUsMC0wLjMyLDAuMjE5LTAuNjM2LDAuMjE5SDcuMTU3QzYuMTAyLDcuMTQzLDUuMzMzLDYuMjY0LDUuMzMzLDUuMjNjMC0xLjE1MiwwLjk1OC0yLjAwNiwyLjI4LTIuMDA2YzEuNzc3LDAsMy4wNTMsMS4zNzMsMy4wNTMsMy40M0MxMC42NjYsOS4yMTUsOS4yMDMsMTEuMjcsNi43NDUsMTIuNTg5Ii8+PC9nPjwvc3ZnPg" style="border: 0px none!important;width: 16px!important;height: 16px!important;margin-left:1px !important;margin-right:1px !important;"></a></span><br></p>



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		<title>Zahlen und Atem</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Mar 2021 10:45:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Corona-Pandemie wirft Fragen auf, die das Spirituelle berühren. Die Vorstellung der vollständigen Kontrolle erweist sich als Illusion. Aber darin liegt auch eine Chance: Wir können lernen, mit Grenzen umzugehen und uns der eigenen Vergänglichkeit zu stellen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Sie haben etwas Beklemmendes, die täglichen Zahlen von Inzidenzen und Infektionen und Reproduktionen und Sterbe-, manchmal auch Genesungsfällen. Sind es die Zahlen oder ist es die Art und Weise ihrer zum Ritual gewordenen Verkündigung, was einem manchmal die Luft nimmt? Folgt die Beklemmung daraus, dass Leben und Tod auf statistische Daten reduziert werden? Oder ist es die Tatsache, dass mithilfe von Zahlen Politik gemacht wird? Denn die Zahlen spiegeln ja weder die Wirklichkeit wider noch werden sie ausgewertet und interpretiert, und so erzeugen sie den Eindruck der Alternativlosigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Beklemmung hat also mannigfache Ursachen. Doch wie damit umgehen?&nbsp;&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Spirituelle Krise</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Gesprächen im vergangenen Jahr bin ich immer wieder auf den Begriff der spirituellen Krise gestoßen, die sich im Zusammenhang mit der Reaktion auf das Corona-Virus offenbart habe. Gemeint war damit in erster Linie unser entfremdeter Umgang mit Krankheit und Tod. Zugleich spürte ich, dass sich im Wort der spirituellen Krise noch etwas anderes zeigt. Ich komme ihm näher, indem ich <em>Spirit</em> als Hauch lese und <em>spirare</em> mit atmen übersetze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die spirituelle Krise als Krise des Atmens? Inmitten eines täglichen Zahlenrituals, das einem manches Mal die Luft nehmen kann?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Angst vor Krankheit und Tod macht die Gesellschaft atemlos, und so geraten wir in eine Situation der Ausweglosigkeit, welche die Schriftstellerin Thea Dorn kürzlich im <a href="https://www.philomag.de/artikel/thea-dorn-todesvermeidung-um-jeden-preis-bringt-uns-eine-existenzielle-aporie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Philosophie Magazin</a> so beschrieben hat: „Todesvermeidung um jeden Preis führt den Menschen in eine existenzielle Aporie.“ Wenn der Mensch sein Handeln einzig danach ausrichtete, alles zu unterlassen, was gesundheitsgefährdend bis tödlich sein könnte, bliebe von seinem Leben nichts mehr übrig, das diesen Namen verdiente. „Noch etwas zugespitzter ließe sich sagen: der Mensch begeht Selbstmord aus Angst vor dem Tod.“ So heißt es bei Dorn.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Überwältigt von der Angst</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Doch wie kommen wir aus der Aporie heraus? Kann dies überhaupt gelingen? Jede kurze und einfache Antwort wäre unangebracht. Aber den Raum für Fragen zu öffnen, wäre eine gesundheitlich unbedenkliche Öffnungsstrategie. Dies wäre ein Raum, in dem auch die kritischen Stimmen aus der Kunst, der Philosophie, der Literatur, den basisdemokratischen Kreisen (wenn es sie noch gibt), sich noch mehr zu Wort meldeten. Denn diejenigen, die einst für einen aufgeklärten Geist kämpften, der gerade auch dem Alleinvertretungsanspruch der Naturwissenschaft mit Methodenkritik begegnete, sind scheinbar verstummt und überlassen damit das Feld den Rechten und den Verschwörungstheoretikern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht schweigen die anderen, weil das Feld so stark besetzt ist. Vielleicht auch, weil sie überwältigt sind von der eigenen Angst vor Krankheit und Tod. Das Regieren auf der Basis von Angst scheint jedenfalls ein probates Mittel geworden zu sein, und kein anderes Thema bietet sich dabei besser an als die Gesundheit. Ich war jedenfalls entsetzt, als Minister Altmaier kürzlich verkündete: „Wir sind verantwortlich für die Gesundheit von 83 Millionen Menschen!“ Welche ungeheure Anmaßung kommt hier zum Ausdruck! Und das ausgerechnet von einem Wirtschaftsminister, der in der aktuellen Krise auf manifeste Weise versagt hat. Ich möchte immer noch selbst für meine Gesundheit verantwortlich sein und auswählen, welche Ärzte ich aufsuche, wie ich mich ernähre und mit welchen Freunden ich mich umgebe. Ich möchte nicht Teil eines Kollektivs sein, in dem mir verordnet wird, was für mich gesund ist und was nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Chimäre der Verfügbarkeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es zeigen sich an diesem Punkt weitere Widersprüche: die zwischen physischer und psychischer und sozialer Gesundheit. Hier sollte eigentlich der Prozess des Abwägens beginnen – was auf jedem Beipackzettel unter Risiken und Nebenwirkungen aufgelistet wird. Die psychische Gesundheit der Menschen sollte nicht für das scheinbar einzig noch relevante Ziel, das Virus zu bekämpfen, geopfert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Frage nach der Ausgewogenheit von Maßnahmen innerhalb dieses Spannungsfelds der unterschiedlichen Dimensionen von Gesundheit könnte man den angesprochenen Frageraum öffnen. Als Nächstes drängen die Themen heran, welche die spirituelle Dimension der Pandemie berühren: Fragen nach Vergänglichkeit, Sterblichkeit, Endlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat das Virus nicht auch deswegen eine solche Macht über Gefühle und Entscheidungen bekommen, weil das Projekt der Moderne als das große Vergessen von Vergänglichkeit und Endlichkeit angelegt scheint? Plötzlich erweist sich die Vorstellung vollständiger Kontrolle über die Dinge und ihre jederzeitige Verfügbarkeit im Zeitalter grenzenlosen Fortschritts als Chimäre.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Durchlässige Grenzen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Müssen wir also den Umgang mit Grenzen neu erlernen? Die Antwort hat viel mit Spiritualität zu tun. Denn wenn wir vor Grenzen nicht angstvoll erstarren oder versuchen wollen, sie gewaltsam niederzureißen, bleibt nur, sie durchlässiger zu machen, ohne ihre Existenz zu leugnen. Es ist ähnlich wie bei der Haut, die wir als erste Grenze erfahren: Sie schützt uns, ist verletzlich – und zugleich atmet sie, durch sie hindurch kommen wir in den Austausch mit der Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter den Philosophen war Emmanuel Lévinas einer der wenigen, die sich mit der Hautatmung beschäftigt haben. In der Verletzlichkeit der Haut zeigte sich für ihn eine Sensibilität, sich berühren zu lassen und daraus eine tiefere Fähigkeit des Hörens zu schöpfen, was Paul Ricoeur eine „Bewegung auf das Hören hin“ nannte. Eine <em>Öffnung auf</em> – ohne schon zu wissen worauf, ohne Erwartung und Intention. Mit dem anderen sein, ohne ihn zu vereinnahmen. Das heißt für mich Spiritualität: Resonanz, Verbindung, Durchlässigkeit, Berührbarkeit.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wissen und Atmen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hier zeigen sich also unterschiedliche Wege eines Umgangs mit Grenzen. Im einen Fall überschreitet der Mensch die Grenze zum Anderen, zu den Gegenständen, zur Welt, indem er zugreift, sich ihrer bemächtigt, prüft, untersucht, bewertet und sie verfügbar macht. Im anderen Fall gibt es auf der anderen Seite der Grenze keinen „Gegenstand“, nur reine Beziehung oder <em>Öffnung auf</em>. Im Durchlässigwerden der Grenzen vollzieht sich das Dasein als lebendige Bewegung des Sein-Lassens und So-Seins. Romano Guardini nennt dies ein Wissen des lebendigen Inneseins und schreibt dazu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dieses Wissen ist in eine Linie mit dem Atmen gestellt. Dass man atmet und eben darin die Bewegung des Daseins sich verwirklicht, weiß man in der Form des Inneseins. <a href="#_ftn1">[1]</a></p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Haltungen zur Welt also, ausgedrückt im unterschiedlichen Umgang mit Grenzen: Im einen Fall geht es um Bemächtigung, indem der Mensch sich die Welt verfügbar macht. Im anderen Fall geht es um Beziehung im Sinne von Begegnung, Berührung, Resonanz. Liegt aus dieser Sicht nicht eine große Kraft im Annehmen von Vergänglichkeit und Endlichkeit? Eine Kraft, die Wege ins Offene zeigen würde? Vielleicht sogar eine tiefere Weisheit, derer wir gerade in dieser Zeit bedürfen?</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="#_ftnref1">[1]</a> Romano Guardini:&nbsp; Zu Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins, Verlag Helmut Küpper 1948,&nbsp; S.62</p>



<p class="has-text-align-right has-small-font-size"><br>Beitragsbild: <a href="https://pixabay.com/de/users/asundermeier-448808/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=5112463">Anke Sundermeier</a> via <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=5112463">Pixabay</a></p>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Die Angst in der Pandemie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Jan 2021 09:28:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Beginn der Pandemie war die Einsicht in die Maßnahmen größer als in der zweiten Welle. Die Angst ist diffus geworden - ein Zustand, der die Populisten auf den Plan ruft.]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Der tell-Mitarbeiter&nbsp;<a href="https://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Herwig Finkeldey</a>&nbsp;ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/safety-first/" target="_blank">Safety first</a>&nbsp;(16. März 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-man-es-in-der-intensivmedizin-immer-mit-dem-einzelfall-zu-tun-hat/" target="_blank">Warum man es in der Medizin immer mit dem Einzelfall zu tun hat&nbsp;</a>(14. April 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/warum-es-beim-coronavirus-keine-einfachen-antworten-gibt/" target="_blank">Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt&nbsp;</a>(1. Mai 2020)</li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-neue-chamaeleon-der-medizin/" target="_blank">Das neue Chamäleon der Medizin</a>&nbsp;(22. Juli 2020)</li><li><a href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Warum Argumente es bei Corona so schwer haben</a> (17. September 2020)</li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Pandemie grundiert nun schon lange das alltägliche Leben. Aus der akuten Bedrohung durch ein Virus ist im Verlauf eines Jahres ein chronischer Zustand geworden. Mit der Chronifizierung hat sich auch die Wahrnehmung dieser Pandemie verschoben: Am Beginn stand ein Schreck, den man fast als akute Todesangst beschreiben kann, und dieser Schreck förderte Solidarität und Einsicht in die Pandemie-Maßnahmen. Doch mit der Dauer der Pandemie hat sich die Angst verändert: Die andauernde Angst motiviert nicht, sondern sie lähmt und vergiftet die Gesellschaft. Dies umso mehr, als die Furcht vor dem Virus inzwischen für viele in ökonomische Existenzangst umgeschlagen ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Angst vor den Querdenkern</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor die Pandemie-Maßnahmen befürwortet: Die Einsicht bröckelt. Dass nicht die Maßnahmen die Ursache der ökonomischen Verwerfungen sind, sondern das Virus, ist vielen Menschen nicht bewusst: Ein ungebremstes Durchlaufen der Pandemie durch die Bevölkerung würde einen ökonomischen Schaden anrichten, der den Schaden des Lockdowns um ein Vielfaches übersteigen würde, von den zusätzlichen Toten ganz zu schweigen. In Schweden kann man die Folgen dieser Taktik sehen. Aber es scheint zunehmend schwieriger, mit dieser Argumentation durchzudringen. Die Angst ist stärker. Und die Populisten und ihr „Corona-Arm“ der Querdenker befeuern diese Angst mit allen Mitteln. Denn Angst ist das Benzin, das den Motor des Populismus antreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Folglich überrascht es nicht, dass dieses Klima der Angst auch die politischen Entscheidungsträger erreicht. Sie haben Angst vor falschen Entscheidungen (selbst wenn diese nur vermeintlich falsch sind), und sie müssen befürchten, von den Populisten am Ende der Pandemie die Rechnung präsentiert zu bekommen. Die Angst vor den Querdenkern schwingt bei den Verlautbarungen der Politiker immer mit: Wer nur einmal in seiner Prognose „falsch“ liegt, liefert damit einen „Beweis“ für die Inkompetenz der Eliten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Profiteure der Angst</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In keiner einzigen Sachfrage haben die Verharmloser der Pandemie die besseren Argumente, und doch bestimmen sie durch diese Angstkommunikation die Richtung. Denn im öffentlichen Diskurs geht es nicht um Argumente, sondern um das Auslösen starker Gefühle, und Angst ist im politischen Leben das wirkungsvollste Gefühl, vor allem wenn sie die ökonomische Existenz betrifft. Als Profiteure der Angst halten die Populisten diese Angst ständig am Köcheln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie geht man gegen diesen perfiden Mechanismus vor? Und was lief falsch, nachdem die öffentlichen Diskussionen am Beginn der Corona-Pandemie so gut funktionierten? Damals kamen die Populisten kaum zu Wort, sie konnten ja nichts Substantielles zur Problemlösung beitragen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gewöhnung ans Risiko</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, dass die zunehmenden Kommunikationsschwierigkeiten beim Fortschreiten der Pandemie gerade mit dem anfänglichen Erfolg der Pandemie-Kommunikation zu tun haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die beiden Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino, die ich im <a href="https://tell-review.de/warum-argumente-es-bei-corona-so-schwer-haben/">vorherigen Corona-Beitrag</a> bereits zitiert habe, sagten am 24.12.2020 in einem <a href="https://taz.de/Risikoethiker-ueber-Triage-in-Pandemie/!5735983/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview mit der taz</a>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Philosoph David Hume hat schon im 18. Jahrhundert den psychologischen Mechanismus analysiert: Wir reagieren auf Gefahren anfangs sehr alarmiert, vernachlässigen diese Risiken mit zunehmender Gewöhnung aber wieder. So hat auch bei uns die Pandemie im Laufe der ersten Welle eine starke Alarmbereitschaft hervorgerufen, die aber offensichtlich nicht einmal bis zum gegenwärtigen Herbst und Winter angehalten hat.<br>Hätten wir uns weniger von psychologischen Effekten leiten lassen, sondern vernünftig agiert, dann hätten wir uns stärker auf die wissenschaftliche Evidenz bezogen und dadurch die zweite Welle vorhersehen und besser abwenden können.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Lähmung und Abwehr</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Mukerji/Mannino sehen also den offenkundigen Widerspruch zwischen den ersten Kommunikations-Erfolgen zu Beginn der Pandemie einerseits, als große Einschnitte in die persönliche Freiheit willig hingenommen wurden – und andererseits der zähen, beinahe kleinlichen Herumdiskutiererei um jede Maßnahme, die man am Beginn der zweiten Welle beobachten konnte.&nbsp; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mobilisation der Gegenöffentlichkeit durch die Querdenker hat die akute Angst in eine chronische verwandelt, und so verwandelten sich Einsicht und Motivation in Gleichgültigkeit, Lähmung oder gar aggressive Abwehr. Dieser veränderten gesellschaftlichen Konstellation musste auch die Politik ihren Tribut zollen. Die zögerlichen und halbherzigen Maßnahmen zu Beginn der zweiten Welle sind so zu erklären.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich spielen hier auch die Erfahrungen während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 mit hinein: Auch damals ließen sich die Verantwortlichen zunächst von Einsicht und humanen Aspekten leiten – und erlebten dann den Aufstieg einer Partei, die gnadenlos gegen Migranten hetzte, indem sie Existenzängste auf die Flüchtlinge umlenkte. Wenn man sieht, wie schwer es heute ist, trotz der <a href="https://tell-review.de/unser-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit/">unwürdigen Zustände</a> in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln humanes Handeln zu erwirken, dann ahnt man, wie tief die Angst bereits im politischen Getriebe hockt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieselbe diffuse, chronifizierte Angst verhindert nun entschlossenes Handeln gegen die Pandemie.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Selbstporträt)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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