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	<title>Zeitgenossenschaft &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Zeitgenossenschaft &#8211; tell</title>
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		<title>Der Fluch der Rache</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Oct 2025 07:28:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Faschismus ist eine Herrschaftsform, die in unauflösbare Dilemmata führt. In seiner KZ-Erzählung „Mein ist die Rache“ von 1943 zeigt der jüdische Schriftsteller und Übersetzer Friedrich Torberg (1908-1979), welche fatalen Folgen eine mutige und richtige Entscheidung haben kann. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Putins Angriffskrieg, Trumps Schockstrategie, der globale Angriff auf die Demokratie – bis vor wenigen Jahren hätte man sich das im Traum nicht ausdenken können. <br>In unregelmäßigen Abständen lesen wir auf tell klassische Texte vor dieser Folie und fragen: Haben die Klassiker Antworten auf die derzeitigen Verwerfungen des politischen und gesellschaftlichen Raums?</p>



<p>1. März 2025: <a href="https://tell-review.de/die-tyrannei-der-freiheit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Die Tyrannei der Freiheit</a>. Herwig Finkeldey über Fernando Pessoas „Ein anarchistischer Bankier“</p>



<p>19. April 2025: <a href="https://tell-review.de/die-freiheit-zu-ziehen-oder-nicht-zu-ziehen/">Die Freiheit, zu ziehen oder nicht zu ziehen</a>. Herwig Finkeldey über Thomas Manns „Mario, der Zauberer“</p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap">Friedrich Torberg war 1940 unter dramatischen Umständen die Flucht in die USA geglückt, seine Novelle <em>Mein ist die Rache</em> ist im US-amerikanischen Exil entstanden und erschien 1943 in einem kleinen Emigrantenverlag auf Deutsch, also in der Sprache, in der gerade in Europa die Tötungsmaschine zur Vernichtung der europäischen Juden kommandiert und gelenkt wurde. Die Erzählung handelt von genau dieser Maschine sowie von der Ohnmacht und dem Grauen derjenigen, die dieser Maschine ausgesetzt sind. Wie Anna Seghers <em>Das siebte Kreuz</em> erzählt auch dieses Erzählwerk aus der überrealen Welt der Konzentrationslager.</p>



<p>Ein zunächst namenlos bleibender entflohener Insasse eines Lagers erzählt einem Mit-Exilanten in New York seine Geschichte. Er war zuvor Häftling eines Lagers gewesen, in dem zunächst ein Wechsel des Lagerkommandanten stattgefunden hatte.</p>



<p>Mit diesem Wechsel ändern sich die Verhältnisse im Lager grundlegend. Wagenseil, so der Name des neuen Kommandanten, handelt ganz im Sinne seiner Ideologie. Er glaubt an die nationalsozialistische Kernthese einer jüdischen Weltverschwörung und leitet daraus die Vernichtung der Juden als „geschichtlich notwendig“ ab. So rechtfertigt er „vor der Geschichte“ seine Verbrechen: Er will sie als humane Tat verstanden wissen, als Opfergang.</p>



<p>Sein erstes Ziel ist es, allen Insassen „jegliches Solidaritätsgefühl zu zermürben“.</p>



<p>So habe Wagenseil sofort auf Kollektivstrafen verzichtet.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Denn die Gemeinsamkeit des Leids ist so gut eine Gemeinsamkeit wie jede, sie bekräftigt und tröstet – und Wagenseil wollte uns selbst diese trostloseste aller Tröstungen verwehren.</p>
</blockquote>



<p>Über Wagenseils Sadismus sagt der Erzähler:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Er war ein Gourmet, und kein Fresser.</p>
</blockquote>



<p>Das höchste Ziel dieses „Gourmets“ war es dabei nicht, die Juden eigenhändig zu töten. Sie sollten vielmehr in den Selbstmord getrieben werden. Und diesen letzten Akt sollten sie darüber hinaus als Ausdruck einer angeblichen „geschichtlichen Notwendigkeit“ begreifen.</p>



<p>Ein Ausdruck dieser Notwendigkeit ist die von Wagenseil initiierte sogenannte Judenbaracke. Bis dato waren die Häftlinge bunt durchmischt gewesen; Wagenseil aber lässt alle Juden in einer Baracke zusammenfassen. Die den Juden zugewiesene Baracke erweist sich sofort als zu eng für 80 Menschen. Aber Wagenseil ‚beruhigt‘ die drei Juden, die es noch wagten, als Delegation die Bitte um mehr Raum vorzutragen. Nachdem Wagenseil den Bittstellern ins Gesicht geschlagen hat, gibt er die unmissverständliche Antwort:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es wird in Ihrer Baracke noch genügend Platz sein. Das verspreche ich Ihnen. – Wegtreten.</p>
</blockquote>



<p>Ein Jude nach dem anderen suizidiert sich dann nach Wagenseils Folter. Spätestens nach dem dritten Selbstmord kennen die Insassen der Judenbaracke ihr Schicksal. Unvermeidlicherweise kommt die eine Frage auf, der junge Seligmann stellt sie des Abends in der Baracke:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Aber warum, warum! Was haben wir denn getan! Warum hassen sie uns so!</p>
</blockquote>



<p>Worauf der Rabbinatskandidat Josef Aschkenasy die entscheidende Antwort gibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Man haßt uns nicht für das, was wir tun. Man haßt uns für das, was wir sind.</p>
</blockquote>



<p>Es gibt eine Szene im Roman, die das traditionelle jüdische Denken fassbar macht: das Vertrauen auf die göttliche Rache als Teil der göttlichen Gerechtigkeit. Torberg exemplifiziert das anhand des jungen Häftlings Hans Landauer.</p>



<p>Landauer erscheint die Überwindung des Suizids als letzte Freiheit, die den Häftlingen noch bleibt. Er meldet sich freiwillig zum ‚Verhör‘ bei Wagenseil, wird entsprechend gefoltert, verweigert aber den ihm zugedachten Suizid. Zerschlagen und sterbend kommt er zurück in die Baracke.</p>



<p>Noch einmal erwacht er und denkt an seinen Folterer:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Aber dem zeig ich‘s noch. Der soll nur warten. Ich zeig‘s ihm noch.</p>
</blockquote>



<p>Diese Sterbeszene ist schriftstellerisch ungeheuerlich. Die jüdischen Häftlinge diskutieren, was Hans Landauer wohl damit gemeint haben könnte. Ob er Wagenseil hätte umbringen wollen? Josef Aschkenasy sorgt dann für Erstaunen, indem er sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es ist gut, daß er es nicht getan hat. Es ist gut, daß sein Opfer rein geblieben ist vor dem Herrn. Mein ist die Rache und die Vergeltung, spricht der Herr.</p>
</blockquote>



<p>Und wenig später sagt Aschkenasy in Bezug auf die Peiniger:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Und Er wird ihnen ihr Unrecht vergelten und wird sie um ihrer Bosheit vertilgen!</p>
</blockquote>



<p>Damit beschwört der Rabbinatskandidat das jahrtausendalte Gesetz, das den Juden ihr Überleben sichern soll.</p>



<p>Dann aber wird der Ich-Erzähler zu Wagenseil gerufen. Und erleidet alles, was seine Vorgänger auch erlitten haben. Dieses Leiden lässt ihn Aschkenasys Worte noch einmal durchdenken – und damit auch die jüdische Tradition:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es ist nicht so, wie Aschkenasy gesagt hat: daß wir keine Wahl haben. Nur unsere Feinde glauben das […]. Und das ist es auch, was sie so sicher macht: daß wir immer nur auf die göttliche Rache vertrauen, immer nur, immer wieder, immer noch, seit Jahrtausenden.</p>
</blockquote>



<p>Der Ich-Erzähler redet weiter zu sich und ruft im Selbstgespräch zugleich Gott an. In seiner Vorstellung lässt er Gott antworten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ihr solltet manchmal für meine Rache einstehen, oder solltet doch zeigen, daß ihr dazu bereit seid.<br>[…]<br>Mein ist die Rache, und Ich werde sie üben, wenn es Mir gefällt. Aber ihr sollt nicht glauben, dass ihr nichts weiter zu tun braucht, als um Rache zu rufen, <em>damit</em> es mir gefiele. Denn ich bin nicht mehr sicher, ob ihr aus Gehorsam und aus Treue zum Gesetz so handelt – und nicht aus Feigheit und Furcht, und weil ihr schwach und weich geworden seid im Vertrauen auf Meine Rache.</p>
</blockquote>



<p>Mit diesen Fragen im Kopf wird der Gefolterte sich Wagenseils Manipulation zum Selbstmord widersetzen – und mit der ihm von Wagenseil hingehaltenen Waffe nicht sich, sondern Wagenseil erschießen, der geglaubt hatte, Juden würden sich nicht wehren.</p>



<p>Darauf kann der Ich-Erzähler fliehen und seine Geschichte erzählen. Die Folgen seiner Rache aber sind grausam: Das nationalsozialistische Terrorsystem rächt sich seinerseits, nun doch mit einer Kollektivstrafe.</p>



<p>So kommt es, dass der Ich-Erzähler am New Yorker Pier steht und bei jedem aus Europa anlandenden Schiff vergebens auf einen Mithäftling wartet. Sein eigenes Überleben und seine Rache haben mutmaßlich den Tod aller anderen bewirkt.</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<p>Friedrich Torbergs Erzählung <em>Mein ist die Rache</em> hallt, wie alle großen Literaturwerke, über die letzte Zeile hinaus nach, denn sie wirft Fragen auf, die moralisch kaum lösbar sind. Wie handelt man richtig? Was darf man tun, wenn der eigene, zunächst gerechte Widerstand andere an Leib und Leben gefährdet?</p>



<p>Friedrich Torberg hatte die existenzielle Dimension dieser Fragen erkannt. Nach der Vollendung von <em>Mein ist die Rache</em> erklärte er alle seine früheren Werke für null und nichtig.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: A.Greeg <br>via iStock</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Friedrich Torberg<br><strong>Mein ist die Rache</strong><br>Novelle<br>dtv 2008 · 106 Seiten · vergriffen<br>ISBN: 978-3423136860<br></p>


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a id="_msocom_1"></a></p>
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		<title>Die Tyrannei der Freiheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Mar 2025 08:41:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Elon Musk]]></category>
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					<description><![CDATA[Welche Folgen hat Freiheit ohne Solidarität? In seiner Erzählung „Ein anarchistischer Bankier“ von 1922 nimmt Fernando Pessoa Elon Musk vorweg – aus dem Abstand eines Jahrhunderts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Putins Angriffskrieg, Trumps Schockstrategie, der globale Angriff auf die Demokratie – bis vor wenigen Jahren hätte man sich das im Traum nicht ausdenken können. <br>In unregelmäßigen Abständen lesen wir auf tell klassische Texte vor dieser Folie und fragen: Haben die Klassiker Antworten auf die derzeitigen Verwerfungen des politischen und gesellschaftlichen Raums?</p>



<p>19. April 2025: <a href="https://tell-review.de/die-freiheit-zu-ziehen-oder-nicht-zu-ziehen/">Die Freiheit, zu ziehen oder nicht zu ziehen</a>. Herwig Finkeldey über Thomas Manns „Mario, der Zauberer“</p>



<p>21. Oktober 2025: <a href="https://tell-review.de/der-fluch-der-rache/">Der Fluch der Rache</a>. Herwig Finkeldey über Friedrich Torbergs „Mein ist die Rache“</p>


</div></div>



<p class="has-drop-cap">Fernando Pessoas Erzählung „Ein anarchistischer Bankier“ von 1922 ist für mich ein Buch der Stunde. Pessoa schildert darin den Dialog eines Bankiers mit einem Freund, der allerdings nur die Stichworte liefert. Aus dem Monolog des Bankiers entwickelt sich gewissermaßen das Manifest seiner Lebenshaltung.</p>



<p>Diesen Bankier beschreibt Pessoa zunächst als einen „großen Händler und namhaften Schieber“.</p>
</div></div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Mir wurde erzählt, Sie seien früher Anarchist gewesen!“</p>
</blockquote>



<p>Mit dieser Frage des Freundes wird das Gespräch in Gang gesetzt. Der Bankier korrigiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Ich bin es nicht gewesen, ich bin es noch immer.“</p>
</blockquote>



<p>Nun erklärt der Bankier, wie man beides sein kann: Bankier und Anarchist. Mehr noch: Wie das eine notwendigerweise zum anderen führt. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass nur er ein echter Anarchist sei, im Gegensatz zu den „Typen von den Arbeiterorganisationen“.</p>



<p>Wie das geht? Ganz einfach. Indem man die Freiheit absolut setzt, mit dieser Freiheit aber nur die eigene meint. So war der Bankier zunächst selbst Mitglied einer anarchistischen Gruppe gewesen und in dieser Organisation enttäuscht worden: Denn auch unter diesen Anarchisten gebe es Subordination und Forderung nach Gefolgschaft. Der Sozialismus war für ihn nie in Frage gekommen, denn die Sozialisten wollten nur die gerade gültigen „gesellschaftlichen Fiktionen“ durch andere ersetzen.</p>



<p>Deswegen sei er schließlich seinen eigenen Weg gegangen. Der korrupte Anarchismus, den er in seiner Gruppe kennengelernt hat, konnte die „Fiktionen“ nicht aufbrechen. So kam der Bankier zu folgendem Ergebnis:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die gewichtigste Fiktion in unserer Zeit ist nun einmal das Geld. Wie aber […] die Macht bzw. die Tyrannei des Geldes bezwingen? […]<br>Die einfachste Methode wäre gewesen, mich aus seiner Einflußsphäre, das heißt aus der Zivilisation zurückzuziehen; ich hätte aufs Land gehen können, Wurzeln essen und Wasser aus den Quellen trinken, nackt herumlaufen, wie ein Tier leben können.“</p>
</blockquote>



<p>Pessoa beschreibt in den Worten des Bankiers zunächst das Aussteigertum, das es ja bis heute gibt. Der Bankier nennt dieses Aussteigen eine „Flucht“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Ich musste also anders vorgehen – was ich brauchte, war eine Kampf- und keine Fluchtmethode. [&#8230;]<br>Die einzige Methode war – <em>es zu erwerben, </em>es in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar werden konnte; und je größer die erworbene Menge wäre, desto freier würde ich von seinem Einfluß. Als mir das mit der ganzen Kraft meiner anarchistischen Überzeugung und der Logik meines Scharfsinns vor Augen stand, trat ich, lieber Freund, in die jetzige Phase – in die Kommerz- und Bankphase meines Anarchismus ein.“</p>
</blockquote>



<p>Pessoa beschreibt hier die Herkunft des libertären Denkens aus dem Geist des Anarchismus. Freiheit ist, wenn <em>ich</em> frei bin. Die „Tyrannei des Geldes“ ist bezwungen, wenn <em>ich</em> reich bin. </p>



<p>Damit ist Pessoas Bankier nichts anderes als eine Vorwegnahme von Elon Musk. Genau das ist der neuralgische Punkt: Wenn Freiheit sich nicht mit Solidarität verbindet, kippt sie in Tyrannei. Musks Kettensägen-Show ist dafür ein bildhafter Beweis.</p>



<p>Gegen solche Bankiers und Online-Oligarchen hilft keine Antifa-Rhetorik, denn diese wendet sich ja immer gegen den alten, militaristischen Nazi. Möglicherweise ist das ein Grund, warum Diskussionen über und mit den Neuen Rechten bisher so wenig Erfolg hatten, egal wie intensiv sie geführt werden.</p>



<p>Der libertäre „Freiheitsheld“ Elon Musk muss sich als Nazi gar nicht angesprochen fühlen. Und dessen Fans ebenso wenig.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Elon Musk auf der CPAC 2025 (picture alliance)</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Fernando Pessoa<br><strong>Ein anarchistischer Bankier</strong><br>Erzählung<br>Wagenbach 2006 · 96 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: 978-3803112361<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783803112361&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Was macht der russische Angriffskrieg mit uns?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Feb 2023 06:26:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Jahr danach. Zeitgenossenschaft in Zeiten des Kriegs: Das bedeutet, mit Widersprüchen, Zweifeln, Hilflosigkeit zu leben. Und nachzudenken über das Zuhören, Machtpolitik und Privilegien.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Am 24. Februar 2022 endete mit dem russischen Angriff auf die Ukraine jene Epoche, die spätestens 1991 mit dem Ende der Sowjetunion begonnen hatte. Im März 2022 brachten wir auf tell eine Reihe mit sehr persönlichen Artikeln, in denen wir einen knappen Monat nach Kriegsbeginn den ersten Schock verarbeiteten: </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>21. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank">Wir sind keine Zuschauer</a> (Anselm Bühling)</li>



<li>22. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>24. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/krieg-oder-kein-krieg/" target="_blank">Krieg oder kein Krieg?</a> (Hartmut Finkeldey)</li>



<li>25. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank">Wird Schönheit die Welt retten?</a> (Agnese Franceschini)</li>



<li>26. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>



<p>Nun ziehen wir nach dem ersten Kriegsjahr Bilanz, und wieder tun wir es ganz subjektiv. </p>


</div></div>
</div></div>



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<h3 class="wp-block-heading"><strong>Widersprüche</strong></h3>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Tomas Bächli</strong></h5>



<p>Ganz einfach: Solange es Waffen auf dieser Welt gibt, soll man sie alle der Ukraine für ihre Verteidigung zur Verfügung stellen, niemand benötigt sie dringender.</p>



<p>Es bleibt ein Widerspruch: Ich selbst kann mir nicht vorstellen, diese Waffen zu tragen, noch weniger kann ich mir vorstellen, dass das meine Kinder tun. </p>



<p>Das sind die Widersprüche der Glücklichen auf dem westeuropäischen Sofa.</p>



<p>Auf die Frage, ob ich mich im Kriegsfall einem Verteidigungskampf anschließen würde oder ob ich alles dransetzen würde, mich zu entziehen, kann ich von diesem Sofa aus ohnehin keine ehrliche Antwort geben.</p>



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<h3 class="wp-block-heading"><strong>Privilegien</strong></h3>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Sieglinde Geisel</strong></h5>



<p>Jeden Abend gehe ich mit dem Bewusstsein des Kriegs ins Bett, und jeden Morgen wache ich mit diesem Bewusstsein wieder auf. Und doch: Trotz aller Nachrichten, die mich auf Twitter aus nächster Nähe des Kriegs erreichen, kann ich mir nicht vorstellen, was es heißt, im Krieg zu sein.</p>



<p>Zugleich gibt es für mich ein Leben vor dem 24. Februar und eins danach. Seit einem Jahr fühle ich mich privilegiert, wenn ich abends in mein warmes Bett steige, ohne Angst vor Bomben, ohne Angst um Menschen an der Front.</p>



<p>Beim Gedanken, meine Söhne (19, 23) müssten an die Front, wird mir schlecht.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Hilflosigkeit </strong><strong></strong></h3>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Herwig Finkeldey</strong><strong></strong></h5>



<p>Ich kann, rein persönlich, nichts wirklich Neues über den Krieg schreiben. Meinem <a href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/">Text</a> von vor einem Jahr habe ich weder etwas hinzuzufügen noch etwas wegzunehmen.</p>



<p>Interessant scheinen mir die offenen Briefe und Erklärungen zu sein, von denen wir im Laufe des Jahres hören und lesen mussten. Sie sind bestenfalls Ausdruck der Hilflosigkeit, und in einem solchen Fall sind sie auch mir nahe. Denn hilflos gefangen im Netz des Krieges sind wir alle.</p>



<p>Ich fürchte aber, dass einige Unterschriften auch aus dem Geist der angemaßten Überlegenheit kommen. Eines frappiert mich dabei besonders: Diese meist linken Stimmen wurden doch sonst nie müde, vor einem drohenden neuen Faschismus im Westen zu warnen. Dass der neue Faschismus einer ist, der sich als Gegner des Westens definiert, erwischt viele auf dem falschen Fuß, lässt viele stolpern. Und manche sind noch inmitten der Fallbewegung.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Zuhören</strong><strong></strong></h3>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Anselm Bühling</strong></h5>



<p>„Es ist Zeit, uns zuzuhören!“ verkünden Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht in ihrem <em>Manifest für den Frieden</em> ein Jahr nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine.</p>



<p>Statt lautstark Aufmerksamkeit für uns selbst zu fordern, sollten wir besser den Angegriffenen zuhören. Und uns dann gut überlegen, wie wir ihnen antworten.</p>



<p>Achten wir darauf, wer das versucht – und wer sich dagegen vorstellt, man könnte über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu einem Arrangement gelangen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Machtpolitik</strong><strong></strong></h3>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Hartmut Finkeldey</strong><strong></strong></h5>



<p>Ich bin so rat- und fassungslos wie vor einem Jahr. Ich erinnere mich gut, wie ich auf die Nachricht reagierte: Oh Gott, der tut das ja wirklich! Und wie ich wochenlang, wenn der Fernseher an war, auf die Breaking News: „+++Putsch in Moskau+++Putsch in Moskau+++“ wartete. Es musste doch auch in Moskau noch Restvernunft geben! Denn dass Putin <em>in the very long run</em> vor allem auch seinem eigenen Land schadet, ist allen Denkfähigen klar.</p>



<p>Wo und wie soll das enden? Über die, gelinde gesagt, haltlose Naivität von Wagenknecht und Schwarzer müssen wir nicht reden, aber mich verstören auch die ganz Nassforschen. Neulich las ich auf Facebook, man müsse „Putin aus der Krim rausprügeln“. Dieses Maulheldentum! Wie viele toten Ukrainer dürfen‘s denn sein? 100 000? 200 000?</p>



<p>Mit gefallen Marc Saxers Analysen zum Krieg. Der politische Analyst, der das Asia-Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bangkok leitet, ist in seiner Haltungeindeutig. Er benennt den Aggressor klar und befürwortet Waffen, aber ohne Maximalmoral: „Russland ist ein Aggressor, den es zu bekämpfen und auf Dauer einzuhegen gilt. Die Frage ist, wie man dabei am wenigsten schlecht vorgeht, denn wirklich gute Optionen gibt es keine“, so in einem Facebook-Kommentar. Und ja, das kann auch faule Kompromisse enthalten. Nennt sich Machtpolitik, nennt sich Realpolitik, und die ist moralisch nie schön anzuschauen.</p>



<p>Die Ukraine würde dabei wohl eher nicht gefragt werden.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Zweifel</strong></h3>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Agnese Franceschini</strong></h5>



<p>Um mit der Wahrheit zu beginnen: Dies ist nicht der erste Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. In den neunziger Jahren gab es einen verheerenden Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Aber wir haben ihn vergessen, vielleicht um Putins Aggression gegen die Ukraine in den Vordergrund zu rücken.</p>



<p>Diese „Verdrängung“ verrät viel über eine Waffe, die nicht direkt tödlich ist, aber viele Tote verursachen kann: die Propaganda. Auf der einen Seite Putins Propaganda, die den Zweiten Weltkrieg braucht, um die Ukrainer als Nazi-Kollaborateure abzustempeln und ihnen das Recht auf eine eigene Nation abzusprechen. Auf der anderen Seite die westliche Propaganda, die den Zweiten Weltkrieg braucht, um die Gefährlichkeit eines Diktators hervorzuheben, als ob uns allein die Analogie zu Hitler bewusst machen würde, wie gefährlich ein skrupelloser Diktator wie Putin ist.</p>



<p>Wir haben auf diese Weise ein bestimmtes Bild des Kriegs geschaffen, und ich frage mich, was dieses Bild des Kriegs mit uns gemacht hat. Es hat uns die Überzeugung eingeprägt, dass man mit Diktatoren nicht reden kann und darf. Und da niemand die Wahrheit dieses Satzes in Frage stellt, sind wir zum Krieg verpflichtet.</p>



<p>In seinem vieldiskutierten Gastbeitrag in der <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/juergen-habermas-ukraine-sz-verhandlungen-e159105/?reduced=true"><em>Süddeutschen Zeitung</em></a> versucht Jürgen Habermas, dieser Logik zu entkommen. Für ihn ist klar: „Die Ukraine darf den Krieg nicht verlieren!“ Aber seiner Meinung nach ist es auch „fatal [&#8230;], dass der Unterschied zwischen ‚nicht verlieren‘ und ‚gewinnen‘ begrifflich nicht geklärt ist“. Der Titel des Artikels &#8222;Ein Plädoyer für Verhandlungen&#8220; ist Programm. </p>



<p>Interessanterweise ist auch US-Generalstabschef Mark Milley davon überzeugt, dass es in diesem Krieg keinen Sieger geben kann. Einerseits sei es für Russland „praktisch unmöglich“, seine militärischen Ziele zu erreichen. Andererseits sei die Ukraine nicht in der Lage, „die Russen einfach rauszuwerfen“, so Milley in der <a href="https://www.ft.com/content/a3c943e9-9071-49b8-9f6d-2b82e1f8167b"><em>Financial Times</em></a>. Deshalb plädiert der US-General nachdrücklich für Verhandlungen. Doch derzeit werden Verhandlungen von allen Beteiligten abgelehnt.</p>



<p>Das ist es, was dieser Krieg aus uns gemacht hat: Er hat uns in eine Situation gebracht, aus der es keinen Ausweg gibt. Wir sind gezwungen, daran zu glauben, dass dieser Krieg die einzige Möglichkeit ist, die Freiheit und die Demokratie in Europa zu verteidigen; wir müssen den Krieg füttern (mit Waffen und Munition), und der Krieg muss weitergeführt werden. Gleichzeitig wissen wir, dass dies keine Lösung sein kann. Die Ukraine kann nicht verlieren, aber sie kann möglicherweise gegen die Weltmacht Russland auch nicht gewinnen, zumindest nicht auf dem Schlachtfeld.</p>



<p>Das ist es, was dieses Kriegsjahr aus mir gemacht hat: Zweifel begleiten mich jeden Tag, ich kenne nur Fragen, aber keine Antworten. Jetzt kenne ich die Angst vor dem Irreversiblen und die Wut über die eigene Ohnmacht. Wenn wir uns in einer ausweglosen Situation befinden, bedeutet das, dass wir den falschen Weg eingeschlagen haben. </p>



<p>Dieser Krieg gibt mir das Gefühl, im falschen Leben zu leben.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: mammuth <br>via iStock



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		<title>Krieg und Trauma</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Apr 2022 09:26:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Holodomor]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Krieg Russlands gegen die Ukraine findet auf einem traumatisierten Gelände statt. Doch kaum jemand spricht über den Holodomor und Tschernobyl. Die Lektüre von Oksana Sabuschkos Essayband „Planet Wermut“ (2012) bringt die unterirdischen Traumafelder ins Bewusstsein. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Walter Benjamin spricht in seinen Thesen zum Begriff der Geschichte vom Trümmerfeld der Vergangenheit. Der Engel der Geschichte könne die einzelnen Trümmer deshalb nicht wieder zusammenfügen, da ihn ein Sturm fortträgt, der aus dem Paradies herüber weht und den man den Fortschritt nennt.</p>



<p>Das gegenwärtige Trümmerfeld der bombardierten ukrainischen Städte wächst, nicht nur durch den Beschuss aus der Luft, sondern auch von unten her, heraus aus einem weiteren Feld, das manche als Traumafeld bezeichnen, welches sich über die Jahrhunderte in der gesamten Region zwischen Riga, Lwiw und Wladiwostok ausgebildet hat. Darüber wird in diesen Tagen kaum gesprochen, und doch wäre gerade dies so dringlich, wenn wir der Spirale von Gewalt und Hass entkommen wollen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zurück zum Eisernen Vorhang</h2>



<p>Die ersten zwei Wochen des Krieges haben in mir schieres Entsetzen, Angst und Trauer ausgelöst. Die Trauer trat zunehmend in den Vordergrund: Trauer um das Leid der Menschen und die im Krieg Getöteten und zugleich um den Verlust der Welt, wie wir sie kannten. Trauer darüber, dass die Logik des Militärischen uns übertölpelt und jene Welt pulverisiert, die seit den 1970er Jahren unter Namen wie Entspannung, friedliche Koexistenz, Wandel durch Handel die Hoffnung auf Verständigung und sogar Partnerschaft zwischen Ost und West genährt hatte. Trauer darüber, innerhalb von wenigen Stunden sich zurück katapultiert zu finden in die Welt des Eisernen Vorhangs und der atomaren Bedrohung. Plötzlich in eine scheinbare Alternativlosigkeit von Waffenlieferungen und Aufrüstung gestoßen zu sein.</p>



<p>Dann gab es einen ersten Lichtblick: ein Interview mit Alexander Kluge in der <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2022-03/alexander-kluge-krieg-ukraine-europa-frieden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ZEIT</a> eine Woche nach Kriegsausbruch. Krieg, so Kluge, sei unberechenbar, unbeherrschbar und nebelhaft. Man könne Krieg nicht durch Krieg besiegen. Und dann: „Man kann den Krieg nur beenden, wenn man den Möglichkeitsraum findet, in dem Frieden möglich wäre.“ Wo öffnen sich also Möglichkeitsräume? Oder – ein beliebter Topos bei Kluge – die Notausgänge?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verstrickung durch Ignoranz</h2>



<p>Schauen wir einmal auf das unterirdische Traumafeld, das sich rhizomartig von Ost nach West erstreckt, auch über die Elbe hinaus. Auch wir sind darin verstrickt, ob wir es wahrnehmen möchten oder nicht. Im Jahre 1941 haben ukrainische und litauische Parteien und Militärverbände die Nazis als Befreier begrüßt, mit deren Hilfe sie die Herrschaft der Sowjets abzuschütteln hofften. Wieder einmal wurde der Ritter, der auszog, den Drachen zu bekämpfen, im Zuge des Kampfes selbst zum Drachen.</p>



<p>Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ging unsere Verstrickung durch Ignoranz weiter. Die politischen Eliten des Westens wollten nichts hören von den Traumata des Ostens, sie setzten auf Fortschritt und wollten siegen und vergessen. Die Integration des westlichen mit dem östlichen Europa ist misslungen, weil auf beiden Seiten der Sturm vom Paradies stärker war als die Mühsal, Scherben aufzulesen und hier und da zusammenzufügen. Ich selbst kenne gut die polnischen Befindlichkeiten, die russischen dagegen weit weniger. Über die Ukraine wusste ich bisher nicht allzu viel außer den Klischees einer scharfen kulturellen Trennlinie zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des Landes.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kosmische Katastrophen</h2>



<p>Vor ein paar Tagen nun habe ich auf Empfehlung eines Freundes den Essayband der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko gelesen, der vor zehn Jahren unter dem Titel <em>Planet Wermut</em> erschienen ist. Die Essays sind von einer beschwörenden und mitreißenden Poesie getragen, wie man es selten antrifft, und die Lektüre wirkte wie das Entzünden einer ganzen Batterie von Leuchtstrahlern. Plötzlich schien ich zu verstehen, worum es in diesem Krieg geht: Die Ukraine ist die schwelende Wunde im kollektiven Gedächtnis Russlands.</p>



<p>In Sabuschkos Essays tut sich ein schockierend klarer und tiefer Blick in die Seelenlandschaft der Ukraine auf. Im Mittelpunkt stehen zwei „kosmische“ Katastrophen: Der als Holodomor bezeichnete Hungermord der Jahre 1932/33 und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl des Jahres 1986. Der Holodomor existierte in der offiziellen Propaganda der Sowjetunion genauso wenig, wie es heute in den russischen Staatsmedien einen Krieg gibt. Die Ermordung von 4 Millionen Menschen (oder 6 oder 8 oder 10 Millionen?) durch die Liquidierung der Bauern und die Beschlagnahme der letzten Lebensmittel hat in der russischen Geschichtsschreibung bis heute so gut wie nicht stattgefunden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Gott im Kreml</h2>



<p>Weshalb nun bezeichnet Sabuschko den Holodomor als kosmische Katastrophe, vergleichbar mit einer atomaren Auslöschung? Seit Jahrhunderten, so sagt sie, habe es im Bewusstsein der Ukrainer so etwas wie ein Grundvertrauen in die Natur und die göttliche Schöpfung gegeben: Was immer auch an Krieg und menschengemachter Gewalt über das Land hereinbrechen würde – die Menschen auf diesem Flecken Erde würden es überleben. Denn das Land sei durch die Natur in einzigartiger Weise begünstigt, hier befindet sich ein Viertel der weltweiten Ressourcen jener ungewöhnlich fruchtbaren Schwarzerde. Sabuschko schreibt, dass es Stalin, neben den polit-ökonomischen Zielen der Kollektivierung, vor allem darum gegangen sei, bei den Menschen der Ukraine dieses Grundvertrauen in die Natur und in Gott zu zerstören. Er selbst, Stalin, sei schließlich Gott, der den Menschen die Nahrung gibt – und sie ihnen eben auch nehmen kann.</p>



<p>Den nationalen Widerstand der Ukrainer im Allgemeinen und den sozialen der Bauern im Besonderen zu brechen, war fraglos das Ziel des Holodomor, doch damit jeglicher Widerstand tatsächlich auf Dauer ausgerottet sei, bedurfte es eines besonders grausamen Zeichens an die Menschen. Etwa in dieser Weise: Natur und Gott werden euch nicht mehr helfen, ihr habt buchstäblich keinen Boden mehr unter den Füßen. Entweder ihr anerkennt den neuen Gott im Kreml, oder des Grauens ist kein Ende.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein therapeutischer Schock</h2>



<p>Was darauf folgte, so Sabuschko, sei nur noch lähmende Angst gewesen – und zwar für eine Zeitspanne von fünfzig Jahren. Menschen hätten die Sprache verloren. Wen wundert es, denn es durfte über das Geschehene nicht gesprochen werden. Okasana Sabuschko berichtet von einer Frau, die zu jenen gehörte, denen es 1933 die Sprache verschlagen hatte und die plötzlich im Jahre 1986 wieder anfing zu sprechen, im Angesicht der neuen Katastrophe, die der Reaktorunfall von Tschernobyl darstellte. Dieser Unfall wirkte wie „ein therapeutischer Schock“, so Sabuschko. Dieser Ausdruck bezieht sich zum einen auf die Reaktivierung eines alten Traumas, das nun plötzlich in der Erinnerung so präsent wird, dass es benannt werden kann. Es gab aber noch andere Elemente dieses – letztlich einen Ausweg weisenden – Schocks: Die Angst war gewichen, sie wurde überblendet von der Wut auf jene zur Lächerlichkeit geschrumpften Politbüro-Kader, die im Gegensatz zu 1933 nichts mehr verheimlichen konnten und nun stotternd und unbeholfen aus ihren Büros vor die Kameras stolperten.</p>



<p>Das Wort Tschernobyl bedeutet Wermut, darauf bezieht sich auch der Titel <em>Planet Wermut</em>. „Und der dritte Engel blies seine Posaune“, heißt es im Johannes-Evangelium, „und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns hieß Wermut.“ Innerhalb von Stunden, so Oksana Sabuschko, sei dieser Bibeltext in Kiew von Mund zu Mund getragen worden. Keiner habe gewusst, wer ihn zuerst ausgesprochen hatte, aber er wurde zum Menetekel für das kommunistische System, eine biblische Prophezeiung hatte auf einmal mehr Gewicht als jedes Wort aus den Zentren der sowjetischen Macht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die russische Wunde</h2>



<p>Dieser Text führt mich nun noch einmal zu Alexander Kluge und seiner Grundannahme: Krieg könne nicht durch Krieg besiegt werden, sehr wohl aber gebe es in jeder Situation Möglichkeitsräume jenseits einer Spirale von Gewalt und Hass, wie sie durch politische und militärische Aktionen am Laufen gehalten wird. Kluge spricht dabei oft von der „Lücke, die der Teufel lässt“ oder dem „Notausgang“. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl könnte man als eine solche „Lücke des Teufels“ verstehen, so könnte man Oksana Sabuschko interpretieren. Mit dem therapeutischen Schock von 1986 war ein Bann gebrochen. Die Angst wich, die Sprache kehrte zurück, und plötzlich kam etwas ganz und gar Unerwartetes in Bewegung – bis hin zum Kollaps des sowjetischen Systems.</p>



<p>Was könnte dies für die Gegenwart bedeuten? Die weitere Aufrüstung der Ukraine mag irgendwann zu einem Waffenstillstand führen – um welchen Preis auch immer. Damit wären jedoch die Wunden des Traumafeldes nicht nur nicht geheilt, sondern vertieft.</p>



<p>Die Frage stünde weiter im Raum, wodurch eigentlich die russische Führung sich von Seiten der Ukraine bedroht sieht. Wäre die Ukraine eine Person, der Putin in die Augen blickte: Was sähe er? Ist es ähnlich wie beim Blick des Bären in die Augen eines Menschen, in dem das Tier einen anderen Teil seiner selbst erkennt, der ihn so erschreckt, dass er den Menschen angreift? Beim Blick in die Augen der Ukraine lodert dem Betrachter das große Verbrechen entgegen, die nie geheilte Wunde des Holodomor, die an die eigene, die russische Wunde rührt, an schwere Schuld und Scham, seit fast einem Jahrhundert schwärend und beschwiegen. Liegt in dem Entsetzen im Angesicht der Wunde, die Russland sich durch das begangene Verbrechen selbst zugefügt hat, vielleicht die verborgene Wurzel jener Obsession, das Geschaute zu vernichten?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Arbeit am Trauma</h2>



<p>Wäre es so, dann werden die politischen und militärischen Lösungsansätze dieses Konflikts versanden. Dann bedarf es tatsächlich einer anderen Sprache, die es der russischen kollektiven Seele erlaubt, sich den Verbrechen der Stalin-Ära zu stellen und diese Zeit nicht weiter zu glorifizieren. Kunst und Spiritualität hätten ihre therapeutische Wirkung zu bezeugen. Ich zitiere noch einmal Alexander Kluge. Es sei absurd, so sagte er kürzlich, wenn <a href="https://tell-review.de/es-geht-auch-ohne-sie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anna Netrebko</a> nicht mehr auftreten dürfe  – sie solle gerade jetzt umso mehr auf die Bühne und Tschaikowskys Oper „Mazeppa“ singen, um die Menschen zum Weinen zu bringen. Dann hätte man einen Moment der Trauer: „Wir können trauern, können Versteinertes verflüssigen. Das Auge fängt an zu laufen und verflüssigt den Blick. Ist das Teleskop oder die Träne der bessere Verstärker des Auges? Die Kunst würde antworten: die Träne. Die Wissenschaft würde Ihnen sagen, selbstverständlich das Mikroskop, das Fernrohr und die Brille. Beide Antworten sind wahr. Aber um Emotion mit Einsicht zu verbinden, dazu ist Trauer nötig.“</p>



<p>Die Arbeit am Trauma wird nur durch den Schmerz hindurch gelingen. Auch wenn dieser Weg sich lang erstrecken mag, auf lange Sicht ist er derjenige, der den Frieden verheißen kann.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ein bewaffneter Komsomolze bewacht ein Lagerhaus mit Saatgut und Versicherungsgeldern bei Charkiw (1934). Gemeinfrei,  via <a href="https://uk.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:%D0%9A%D0%BE%D0%BC%D1%81%D0%BE%D0%BC%D0%BE%D0%BB%D0%B5%D1%86%D1%8C.jpg">[Wikimedia Commons]</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Oksana Sabuschko<br><strong>Planet Wermut</strong><br>Essays<br>Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochwil<br>Droschl 2012 · 168 Seiten · 19 Euro<br>ISBN: 978-3854207955<br></p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783854207955&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


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		<title>Wenn das Nervensystem einer Gesellschaft versagt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Apr 2022 07:29:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Während die ganze Welt Putins Krieg in Echtzeit mitverfolgt, bekommt die Mehrheit der russischen Bevölkerung davon nichts mit. Warum ist Putins Propaganda so erfolgreich?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Putins Angriffskrieg ist für den Westen eine Stunde der Wahrheit: Abstraktes Wissen verwandelt sich in Erfahrung. Das gilt nicht nur für unsere Abhängigkeit von russischem Gas und ukrainischem Weizen, sondern auch für die Macht der Medien. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Putins Krieg in Echtzeit</h2>



<p>Dass es ohne unabhängige Medien keine Demokratie geben kann, gehört zu den routiniert heruntergebeteten Phrasen des öffentlichen Diskurses, doch jetzt begreifen wir, was für verheerende Folgen es hat, wenn das Bewusstsein eines ganzen Landes manipuliert wird.</p>



<p>Ausgerechnet die Bürger:innen des Landes, das in die Ukraine einmarschiert ist, scheinen nichts mitzukriegen von diesem Krieg, den sie nicht beim Namen nennen dürfen. Währenddessen verfolgt der Rest der Welt Putins Krieg in Echtzeit, dank Google Translate erreichen uns auf den sozialen Medien auch Postings auf Ukrainisch oder Russisch. Wir bekommen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, die im kriegführenden Land selbst gar nicht in die Köpfe gelangen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Unterwerfung unter die Propaganda</h2>



<p>„Die Wahrscheinlichkeit, etwas Ungewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren, ist weit größer als die, es zu erleben“, heißt es in Robert Musils <em>Der Mann ohne Eigenschaften</em>. Der Protagonist Ulrich sinniert um 1910 darüber nach, dass sich im Abstrakten das Wesentlichere ereigne und das Belanglosere im Wirklichen. Ein Jahrhundert später gilt das erst recht. Die Medien sind unsere Sinnesorgane für das, was wir nicht selbst erleben, sie sind das Nervensystem der Gesellschaft. Jeder Eingriff in die Pressefreiheit ist ein Eingriff ins kollektive Gehirn. In Russland ist die böse Operation geglückt: Die Mehrheit der Menschen sitzt buchstäblich in einem anderen Film.</p>



<p>Wer in einer anderen Welt lebt, gilt gemeinhin als verrückt, doch die russische Gesellschaft halluziniert bei vollem Verstand. Die Unterwerfung unter das offizielle Narrativ scheint geradezu perfekt. Die Ukrainer hätten sich selbst bombardiert, so heißt es allen Ernstes, bei den Leichen auf den Straßen von Butscha handle es sich um Schauspieler, und inszeniert sei das Ganze von den Briten. So absurd die Propaganda auch ist: Sie ersetzt die Wirklichkeit. Selbst Geschichten aus erster Hand haben dagegen keine Chance: Nicht einmal den eigenen Verwandten wird geglaubt, wenn sie erzählen, dass sie von der russischen Armee bombardiert werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Aufwachen aus der Parallelwelt?</h2>



<p>Der Abschied vom Glauben an das Falsche ist immer mit Scham verbunden, deshalb tut man alles, um das Narrativ und damit das eigene Selbstbild zu retten. Wir kennen das Phänomen von Coronaleugnern, doch wenn es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht, erreicht die Realitätsverweigerung noch einmal eine ganz andere Dimension. </p>



<p>Ist die Wahrheit den Verblendeten zumutbar? Wie lebt man mit der Tatsache, dass diese Verbrechen im eigenen Namen begangen wurden und man also zu den Tätern gehört? Es ist eine Schuld, mit der sich kaum leben lässt. Wie viel leichter ist es da, sich der alles rechtfertigenden Propaganda zu unterwerfen. Sie bietet Schutz vor dem, was man am meisten fürchtet.</p>



<p>Wann werden die Russ:innen aus ihrer Parallelwelt aufwachen? In Deutschland dauerte es nach dem Krieg über zwanzig Jahre, bis die Konfrontation mit der Wirklichkeit begann. Und es war keineswegs die Generation der Täter, die sich ihrer Vergangenheit stellten. Es waren ihre Kinder, die die Auseinandersetzung einforderten. Oft vergeblich.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br>Menschen in Chabarowsk bilden das &#8222;Z&#8220;-Symbol.<br> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Z_symbol_flash_mob_at_Platinum_Arena_in_Khabarovsk.jpg">khv27.ru</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0">CC BY 4.0</a>, via Wikimedia Commons</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Angriff auf den Sinn</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Mar 2022 08:34:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Krieg geht es, angesichts der umfassenden Zerstörung, zuerst einmal um das Weiterleben. Was diesem Weiterleben einen Sinn verleihen kann, ist die Kunst. Deshalb ist Kunst im Krieg unverzichtbar.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p>In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>21. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank">Wir sind keine Zuschauer</a> (Anselm Bühling)</li>



<li>22. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>24. März 2022: <a href="https://tell-review.de/krieg-oder-kein-krieg/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Krieg oder kein Krieg?</a> (Hartmut Finkeldey)</li>



<li>25. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank">Wird Schönheit die Welt retten?</a> (Agnese Franceschini)</li>
</ul>


</div></div>
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<p class="has-drop-cap">Sie solle unbedingt bei der Nachbarin vorbeigehen, so rät man Anna Politkowskaja im zerstörten Grosny: „Oma Sawnapi hat nichts, nur ihre Blumen. Aber die sind wunderschön.“ Von Oma Sawnapis Haus steht nur noch das Fundament, doch in diesen Ruinen hat sie einen Steingarten angelegt. „Nach der Erstürmung bin ich durch das leere Komsomolskoje gelaufen“, sagt sie der Reporterin. „Hole hier ein Blümchen aus der Asche, grabe dort ein Pflänzchen aus… und schon habe ich einen Garten… Ich liebe Schönheit.“</p>



<h2 class="wp-block-heading">Widerstand gegen die Zerstörung</h2>



<p>Beim Lesen von Agnese Franceschinis <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank">Text</a> über die Notwendigkeit der Kunst im Krieg musste ich an diese Passage aus Anna Politkowskajas Buch <em>Tschetschenien </em>(2003) denken. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, heißt es im Matthäus-Evangelium, „sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Dieses Jesuswort gilt umso mehr, wenn das Brot fehlt. Die Worte aus dem Mund Gottes, von denen hier die Rede ist, bezeichnen für mich alles Spirituelle – alles, was über die bloße Wirklichkeit hinausweist. </p>



<p>Oma Sawnapis Garten gehört dazu ebenso wie die Videos aus dem Kriegsgebiet, die mich auf den sozialen Medien erreichen. Die Pianistin, die in ihrer zerstörten Wohnung auf ihrem Flügel ein letztes Mal <a href="https://www.youtube.com/watch?v=DDUdK5SYa7w" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Chopin</a> spielt. Die Frau, die erschöpft an der polnischen Grenze ankommt und sich an ein Klavier setzt für <a href="https://www.facebook.com/watch/?v=368415241800473" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„We Are The Champions“</a> von Queen. Die Open Air Aufführung des Gefangenenchors von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bsUQ_3CNR6A&amp;t=2s" target="_blank" rel="noreferrer noopener">„Nabucco“</a> in Odessa. </p>



<p>Oder dieser Tweet:</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote hcb-fetch-image-from="https://twitter.com/EuromaidanPR/status/1507311330767822864?s=20&amp;t=RemhQWTxT6QmmKjqo_A2nQ" class="twitter-tweet" data-width="550" data-dnt="true"><p lang="en" dir="ltr">In <a href="https://twitter.com/hashtag/Kharkiv?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Kharkiv</a>, the guitarist masterfully performs the song &quot;My Dear Mother&quot; right on the ruins of the destroyed building.<a href="https://twitter.com/hashtag/Ukraine?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Ukraine</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/RussiaUkraineWar?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#RussiaUkraineWar</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/UkraineRussianWar?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#UkraineRussianWar</a> <a href="https://t.co/3bPzhimWXm">pic.twitter.com/3bPzhimWXm</a></p>&mdash; Ukraine Front Lines (@EuromaidanPR) <a href="https://twitter.com/EuromaidanPR/status/1507311330767822864?ref_src=twsrc%5Etfw">March 25, 2022</a></blockquote><script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>
</div></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Die Vorstellungskraft in Gang halten</h2>



<p>In meinem Gesprächsband <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.sieglindegeisel.ch/buecher-aufsaetze/alberto-manguel-ein-getraeumtes-leben/" target="_blank"><em>Ein geträumtes Leben</em></a> (2021) erzählt Alberto Manguel von der jüdisch-französischen Philosophin Simone Weil. Während dem Zweiten Weltkrieg war sie zusammen mit ihren Eltern in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Casablanca interniert. Sie hatte sich einen der wenigen Stühle gesichert, und auf diesem Stuhl saß sie den ganzen Tag, um zu schreiben. Wenn sie einmal nicht auf diesem Stuhl saß, besetzten ihn ihre Eltern, damit ihre Tochter den Platz nicht verlor, den sie zum Denken und Schreiben brauchte. </p>



<p>Die Vorstellungskraft in Gang zu halten, im Vertrauen auf den eigenen Intellekt – das sei das Einzige, was einen in den schlimmsten Momenten retten könne, so Manguel: „Damit rettet man sich nicht physisch, aber man rettet seine Menschlichkeit.“</p>



<p>Musik im Kriegsgebiet ist ein Akt des Widerstands gegen die Zerstörung alles Menschlichen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Sinn des Weiterlebens</h2>



<p>Peter von Matt schreibt in seinem Essay „Kultur und Geschwindigkeit“ (in: <em>Die verdächtige Pracht</em>):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was immer Kultur sein will, muss den Gewinn von Sinn für irgend jemand ermöglichen, in welcher Form auch immer, und sei es nur durch eine glückliche Sekunde angesichts einer schönen Sache.</p>
</blockquote>



<p>Er denkt in diesem Essay über zwei Arten der Erkenntnis nach: Die eine Erkenntnis beseitigt Unwissenheit durch Information und ermöglicht im Extremfall mein Überleben, die andere Erkenntnis besteht in einer Erfahrung, einer Transformation.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es ist der Unterschied zwischen dem, was mir das Weiterleben sichert und dem, was mir den Sinn dieses Weiterlebens offenbart.</p>
</blockquote>



<p>Das Wort „Sinn“ bedeutete ursprünglich Weg. Das bedeutet, dass Sinn auf Zukunft ausgerichtet ist. </p>



<p>Im Mittelalter habe die Musik als „consolatrix“ gegolten, als Trösterin, sagt der Komponist Gerd Zacher in einem <a href="https://www.nzz.ch/articleCIVDM-ld.338903">Interview</a>: „In einer ausweglosen Situation kann die Musik Hoffnung geben, denn sie sagt in jedem Moment: Es könnte alles auch ganz anders sein. Jetzt klingt es so, und du denkst, es geht so weiter – aber es geht anders weiter. Es wird eine Zukunft entworfen.“</p>



<p>Die Kunst hat die utopische Kraft, in der Mauer der Hoffnungslosigkeit einen Spalt zu öffnen. Vielleicht meinte Dostojewski dies, als er seinen Fürsten Myschkin sagen ließ, dass die Schönheit die Welt retten werde.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



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		<title>Wird Schönheit die Welt retten?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Mar 2022 07:58:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Es gehört zu den Mechanismen des Kriegs, dass er unser Denken besetzt. Doch wenn wir nur noch über den Krieg schreiben, sind auch wir seine Opfer. Eine Erzählung von Siegfried Lenz liefert ein Beispiel dafür, wie man sich durch Kunst dem Krieg entziehen kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p>In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>21. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank">Wir sind keine Zuschauer</a> (Anselm Bühling)</li>



<li>22. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>24. März 2022: <a href="https://tell-review.de/krieg-oder-kein-krieg/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Krieg oder kein Krieg?</a> (Hartmut Finkeldey)</li>



<li>26. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbemerkung</h4>



<p>Mein Beitrag geht auf eine tell-interne Diskussion zurück. Wir hatten überlegt, in welcher Weise wir die im letzten Jahr erschienenen drei Bände <em>Sämtliche Essays und Reden</em> von Christa Wolf auf tell rezensieren können.</p>



<p>Doch dann kam der Krieg, und Herwig Finkeldey schrieb auf Slack: „Also liebe Freunde, ich gebe es klar zu: In meinem Kopf hat Christa Wolf aktuell wenig Platz; zumindest müssten wir alles neu ausrichten. Über <em>Kassandra </em>(Krieg!) und <em>Störfall </em>(Tschernobyl) schreiben.“</p>



<p>Diese Aufforderung hat mich zum Nachdenken gebracht. Nur noch über den Krieg und die Ukraine schreiben? Das würde heißen, dass wir Literatur nur in ihrem Beitrag zur aktuellen Situation betrachten. Dieser Text ist meine Stellungnahme.&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<p class="has-drop-cap">Über den Krieg zu schreiben, finde ich nicht so einfach. Nur an den Krieg zu denken und nur über den Krieg zu reflektieren, ist auch keine Lösung. Es ist im Gegenteil ein Teil des Problems. Möchten wir wirklich den Krieg bekämpfen, indem wir nur noch über den Krieg schreiben?</p>



<p>Wir sollten in der Lage sein, über diesen Krieg nachzudenken und über ihn zu schreiben, ohne uns den Kriegsmechanismen zu unterwerfen. Mit Kriegsmechanismen meine ich nicht nur Kriegspropaganda, sondern auch den subtileren und schwieriger zu erkennenden Mechanismus, der uns dazu bringt, uns ausschließlich mit dem Thema Krieg zu befassen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Frieden um jeden Preis?</h2>



<p>Es gehört zu den Mechanismen des Krieges, nichts anderem Raum zu geben. Gerade deswegen ist der Rückgriff auf Literatur und ganz allgemein auf Kultur unverzichtbar.</p>



<p>Sind wir für einen Frieden um jeden Preis? Was bedeutet das? Sich dem Angreifer zu ergeben, ohne zu kämpfen? Ist der ukrainische Präsident mitverantwortlich für die Ermordung von Zivilisten, weil er beschlossen hat, sein Land bis zum Ende zu verteidigen? </p>



<p>Und welche Bedeutung hat die ukrainische Fahne bei den Demonstrationen? Auf der einen Seite ist eine Flagge das Symbol einer Nation mit all ihren Widersprüchen. Wenn wir die ukrainische Flagge jedoch auf der anderen Seite in ein Symbol des Friedens verwandeln, laufen wir Gefahr, von diesem Symbol instrumentalisiert zu werden.</p>



<p>Natürlich müssen Putins Lügen eingedämmt werden, aber wenn wir dies tun, indem wir Russia Today und andere Medien verbieten, stellen wir dann nicht einen für die westliche Gesellschaft grundlegenden Wert in Frage, nämlich die Pressefreiheit?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Krieg in unserer Nähe</h2>



<p>Wir brauchen andere Gedanken, um den Krieg – nicht nur diesen Krieg &#8211; und seine Ursachen zu bekämpfen. Wir sind still geblieben auf tell, als Aleppo zerstört wurde. Wir haben nichts gesagt, als die Frauen in Afghanistan zurück in ihre Häuser getrieben wurden. Erst, als der Krieg in unsere Nähe kam, wurde er zum Skandal. Was empfinden wir als empörend: den Krieg, oder nur die Tatsache, dass der Krieg jetzt ganz nah ist? Wir sind still geblieben, als die Bomben von Saudi-Arabien mit der Hilfe der USA die wunderschöne antike Stadt Sanaa halb zerstört haben. Ist der Jemen zu weit weg für unser Mitgefühl?</p>



<p>Ich stelle mir diese Fragen, und auch deshalb fällt es mir schwer, über diesen Krieg zu schreiben.</p>



<p>Wenn wir nur über den Krieg reden, sind auch wir seine Opfer: Wenn wir nur noch über den Krieg reden, hat der Krieg gewonnen, dann hat er uns seinen Code und sein Referenzsystem aufgezwungen, und wir verlieren die Vielfalt des menschlichen Gefühls, des Lebens. Ich glaube, dass die Kultur uns Werkzeuge an die Hand geben kann, um uns dem Krieg zu widersetzen. Sie gibt uns die Möglichkeit, eine andere Sprache zu sprechen, uns nicht auf den Täter-Opfer-Dualismus zu reduzieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Krieg und das Lesen</h2>



<p>Ein Beispiel dafür, wie man sich den Kriegsmechanismen verweigern kann und dafür, wie die Schönheit die Welt retten kann (um Dostojewski zu zitieren), findet sich in Siegfried Lenz’ Erzählung “Der Leseteufel” im Band <em>So zärtlich war Suleyken</em>.</p>



<p>Der Ich-Erzähler berichtet von der späten Leidenschaft seines Großvaters Hamilkar Schaß für das Lesen. Die Leseleidenschaft lässt den Großvater nicht nur alles vergessen, was um ihn herum passiert, sondern auch – und vor allem – den Angreifer General Wawrila, „der unter Sengen, Plündern und ähnlichen Dreibastigkeiten aus den Rokitno-Sümpfen aufbrach und nach Masuren, genauer nach Suleyken, seine Hand ausstreckte“. Mit seiner Weigerung, sich beim Lesen unterbrechen zu lassen, gelingt es dem Großvater, den Gegner zu entwaffnen.</p>



<p>Auf General Wawrilas Drohungen hin bittet Schaß nur darum, das Buch zu Ende lesen zu dürfen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wawrila wurde wütend und zog meinem Großvater eine über, und dann fühlte er sich bemüßigt, so zu sprechen: »Ich werde dich jetzt, du alte Eidechse, halbieren. Aber ganz langsam.« <br>»Eine Seite nur noch«, sagte Hamilkar Schaß. »Es sind, bei Gottchen, nicht mehr als fünfunddreißig Zeilen. Dann ist das Kapitelchen zu Ende.«<br>Wawrila, bestürzt, beinahe nüchtern geworden, lieh sich von einem hinkenden Menschen aus seiner Begleitung eine Flinte, drückte den Lauf auf den Hals des Hamilkar Schaß und sagte: »Ich werde dich, du stinkende Dotterblume, mit gehacktem Blei wegpusten. Schau her, die Flinte ist gespannt.« <br>»Gleich«, sagte Hamilkar Schaß. »Nur noch zehn Zeilen, dann wird alles geregelt werden, wie es sein soll.«<br>Da packte, wie jeder Kundige verstehen wird, Wawrila und seine Bagage ein solch unheimliches Entsetzen, daß sie, ihre Flinten zurücklassend, dahin flohen, woher sie gekommen waren – dahin: damit sind gemeint die besonders trostlosen Sümpfe Rokitnos.<br>Adolf Abromeit, der die Flucht staunend beobachtet hatte, schlich sich zurück, trat, mit seiner Flinte in der Hand, neben den Lesenden und wartete stumm. Und nachdem auch die letzte Zeile gelesen war, hob Hamilkar Schaß den Kopf, lächelte selig und sagte: »Du hast, Adolf Abromeit, scheint mir, etwas gesagt?«</p>
</blockquote>



<p>Auf paradoxe und ironische Weise stehen sich in dieser Geschichte zwei ungleiche Kräfte gegenüber: der Krieg und das Lesen. Das Lesen gewinnt, weil es die einzige Kraft ist, die über den Krieg hinausführt. Wawrila wird von dem Bewusstsein besiegt, dass man die Welt, die Menschheit, den Reichtum des Geistes niemals im Käfig des Krieges einsperren kann.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



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		<title>Krieg oder kein Krieg?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Mar 2022 07:57:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Ukrainekrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Lässt sich angesichts von Putins Angriffskrieg noch pazifistisch argumentieren? Soll man der Ukraine zum Widerstand bis zum Äußersten raten? Was man aus dem Vergleich mit den dreißiger Jahren lernen kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p>In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>21. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank">Wir sind keine Zuschauer</a> (Anselm Bühling)</li>



<li>22. März 2022: <a href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>25. März 2022: <a href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wird Schönheit die Welt retten?</a> (Agnese Franceschini)</li>



<li>26. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap">Der russische Angriff auf die Ukraine hat mich entsetzt. Ich fand es ehrlich von Habeck, zuzugeben, dass er damit lange Zeit nicht gerechnet habe. Mir ging es genauso. Als die Nachricht kam, war ich einfach nur fassungslos: Selbst aus Putins Sicht, gerade aus seinen Machtinteressen heraus, so glaubte ich bis fast zum Schluss, wäre das doch Wahnsinn. Und ist es ja auch, wie sich jetzt zeigt.</p>



<p>Putins völkerrechtswidriger Angriffskrieg hat einen naheliegenden Vergleich herausgefordert, nämlich den mit den dreißiger Jahren. Ich war immer <a href="https://tell-review.de/prachtvoller-hass-versus-gutmenschenscheiss/">gegen Vergleichsverbote</a>, denn vergleichen heißt ja nicht in eins setzen, sondern parallelisieren – und schauen, wie weit man damit kommt. </p>



<p>Und so nähere auch ich mich diesem Krieg mit drei Zitaten aus den dreißiger bzw. vierziger Jahren: zwei bekannten Zitaten emigrierter deutscher Schriftsteller – Klaus Mann und Bertolt Brecht –, und einem in Deutschland vielleicht weniger bekannten Zitat von George Orwell.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Radikaler Pazifismus</h2>



<p>In seiner Autobiographie <em>Der Wendepunkt</em> berichtet Klaus Mann, wie er im Sommer 1940 kurz nach Hitlers Sieg im Westen mit seinem alten Freund Christopher Isherwood aneinandergeriet. Die beiden kannten sich schon aus Berlin. Isherwood gehörte mit W. H. Auden und Klaus Mann u.a. zur den frühen Protagonisten der Schwulenbewegung. Dass Isherwood als Schwuler und als Weltbürger kein Nazi-Sympathisant war, steht außer Diskussion. Seit Ende der dreißiger Jahre näherte sich Isherwood ostasiatischen Weisheitslehren an (oder dem, was er dafür hielt). In diesem Rahmen entwickelte er einen Radikal-Pazifismus: Krieg ist immer schlecht, und zwar jeder Krieg, auch der gegen Hitler. (Krieg weglächeln, Gewalt wegmeditieren – dieser herzensgut gemeinte Unfug ist keineswegs neuesten Ursprungs!)</p>



<p>Klaus Manns Gegenargument:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Als gesitteter Mensch ist man natürlich Pazifist, was denn sonst. (…) [Aber] ein Krieg, der unvermeidlich geworden ist, lässt sich nicht mehr ‚ablehnen‘, sondern nur noch gewinnen.</p>
</blockquote>



<p>Das Recht auf Selbstverteidigung ist elementar, und welche Mittel der Angegriffene aufwendet, um einen rechtswidrigen Angriff auf sich abzuwehren, ist nicht vorgeschrieben. Wenn die Ukraine so agiert, wie sie es derzeit tut, ist das ihr gutes Recht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Moral posing</h2>



<p>Das zweite Zitat stammt von Bertolt Brecht, und von hier an wird die Geschichte kompliziert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Dabei wissen wir doch:<br>Auch der Haß gegen die Niedrigkeit<br>verzerrt die Züge.</p>
</blockquote>



<p>Genau das ist derzeit zu beobachten. Auf Social Media, in den etablierten Medien, auch auf einer Website wie „Zentrum liberale Moderne“. Den Verteidigungskrieg der Ukraine für legitim halten – was er trivialerweise ist –, ist das eine. Das andere: Jeder Krieg, auch der gerechte, verändert uns. Das <em>moral posing</em>, in dem sich nun viele als kleine Churchills gerieren, klingt mir wie die neueste Variante des nachgeholten Widerstands. Auf <a href="https://www.youtube.com/watch?v=gRptIoJ3cSE">„Bild-TV“</a> werden im Bewunderungsgestus Videos mit Angriffen auf russische Panzer gezeigt, in denen, so müssen wir annehmen, russische Soldaten sterben. Selbsternannte Generalstabsoffiziere geben detaillierte Tipps („nicht nur Stinger, sondern auch weitreichende Fla-Raketen“). Literarisch Gebildete spielen auf Ernst Jünger an. Wer auch nur um zwei Winkelminuten von der Linie abweicht, wer etwa nach dem rechtsextremen Asov-Regiment fragt oder nach der Rolle ukrainischer Oligarchen, muss sich als „Putin-Versteher“ anrempeln lassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Vietnamisierung der Ukraine</h2>



<p>Wenn wir die heutige Situation mit den dreißiger Jahren vergleichen, also mit Chamberlains Appeasement und Churchills Warnungen, dann müssen wir neben den Parallelen auch die Differenzen im Blick behalten.</p>



<p>Zu den Parallelen hat mein <a href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/">Bruder</a> schon vieles gesagt. Putin (und seine Entourage, er agiert ja nicht allein) fühlt sich, wie die extreme Rechte der Weimarer Republik, zu kurz gekommen, und auch er lädt dieses Gefühl mit einer Ideologie auf, die den Kontakt zur Realität längst abgebrochen hat: Er identifiziert „Schuldige“ für die empfundenen Defizite und hält „Lösungen“ des gar nicht existierenden „Problems“ allein per Gewalt für möglich.</p>



<p>Es gibt aber auch Unterschiede. Der erste Unterschied ist der entscheidende: Hitler hatte keine Atombombe, punkt. Nazi-Deutschland war die Apotheose des Grauens, primus inter pares aller verluderten Politverbrecher, und verfügte leider über eine militärisch kompetente Armee. Aber Nazi-Deutschland war besiegbar. Die Atommacht Russland ist das nicht. Aus heutiger Sicht wissen wir: Es wäre 1938 besser gewesen, den Krieg zu riskieren. So unvorbereitet England und Frankreich waren – das militärische Potenzial Nazi-Deutschlands wurde massiv überschätzt; auch Deutschland war keineswegs kriegsbereit. </p>



<p>Es bleibt natürlich Spekulation, aber Einiges spricht dafür, dass Hitler 1938 in dem schwierigen sudetendeutschen Gelände sein Ukraine-Erlebnis gehabt hätte. Nur kann diese Erkenntnis nicht auf den Ukrainekrieg übertragen werden. Die Nato kann nicht direkt eingreifen – sie hat das ja auch sofort erklärt –, und Putin weiß das auch. Ist es eine gute Idee, die Ukraine sich weiter opfern zu lassen, wie es z.B. das <a href="https://libmod.de/gressel-stand-der-russischen-invasion-ukraine/">„Zentrum liberale Moderne</a>“, aber auch viele social media-Nutzer, unverhohlen fordern? Ist es eine gute Idee, den Krieg durch die Unterstützung der Ukraine zu einer jahrelangen tödlichen Gemengelage zu machen, die Ukraine gewissermaßen zu vietnamisieren?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kriegsvorbereitungen</h2>



<p>Der zweite Unterschied: Große Teile des deutschen Volks, will sagen, große Teile unserer Vorfahren, waren einfach vom Teufel geritten und machten fanatisch mit, bis zum Abwinken. Davon kann, soweit sich derzeit sagen lässt, in Russland so nicht die Rede sein. Es gibt Zustimmung für Putin, leider, aber sie ist nicht grenzenlos, es sind nicht die neunzig Prozent, die wir bei Hitler auf dem Höhepunkt seiner Popularität veranschlagen dürfen. Die Widerstandskräfte in Russland – wer denkt jetzt nicht an <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marina_Wladimirowna_Owsjannikowa" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Marina Ovsiannikova</a> – gilt es zu stärken. Es gibt in Russland eine Mittelschicht, die Europa nicht angreifen, sondern als Touristen bereisen will.</p>



<p>Übrigens bewertet man die Appeasement-Politik Chamberlains inzwischen differenzierter. Die jahrzehntelang gepflegte Erzählung – der Trottel Chamberlain ließ sich von Hitler übern Tisch ziehen – dürfte in dieser Ausschließlichkeit nicht haltbar sein. England hatte sehr wohl begriffen, dass es um eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland nicht herum kommen würde und nutzte seine durch Appeasement gewonnene Zeit für umfangreiche Vorbereitungen. Chain Home (das englische Radarsystem, das der deutschen Luftwaffe 1940 eine Überraschung nach der anderen bereitete) wurde unter Chamberlain errichtet, nicht unter Churchill. Auch die Nato bereitet sich ja seit Jahren vor. Die derzeitige Wehklage, man sei so naiv und unvorbereitet gewesen, nehme ich angesichts der Nato-Manöver, die es seit Jahren an der Nato-Ostgrenze gibt, nicht ernst. Putin zu signalisieren, dass man massiv aufrüsten werde, ist als Geste wohl richtig, sollte aber nicht verbunden werden mit einer Kriegsrhetorik, die ihrerseits alle Brücken abbricht und jeden Friedensvorschlag als Defätismus denunziert.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Krieg als das kleinere Übel?</h2>



<p>Denn: Appeasement, also der Glaube an Verhandlung, Vermittlung, Ausgleich, ist gleichsam die Demokratie selbst. Entsprechend problematisch ist es, Verhandlung, Ausgleich, Vermittlung per se mit Schwäche zu assoziieren (der Glaube, ein Parlament sei eine „Quasselbude“, geht in die gleiche Richtung). Tatsächlich wird skrupellose Dreistigkeit immer zunächst billige Siege gegen Demokratie und Humanität einheimsen. Langfristig wird das Prinzip Gewalt – so viel Norbert-Elias-Optimismus bewahre ich mir – aber keine Chance haben.</p>



<p>Was könnte man folgern?</p>



<p>Der massive und von Putin so nicht erwartete ukrainische Widerstand war zunächst einmal offenkundig richtig (Klaus Mann). Sich in eine binäre Kriegslogik einzupanzern, ist ebenso offenkundig falsch (Brecht). In seinem Essay „Looking back on the Spanish War“ schreibt George Orwell (es ging ihm auch um die ständig wechselnden Haltungen der westlichen Linken in den Dreißigern – mal hieß es „war is hell“, dann in Spanien wiederum „war is glorious“):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>We have become too civilized to grasp the obvious. For the truth is very simple. To survive you often have to fight, and to fight you have to dirty yourself. War is evil, and it is often the lesser evil. Those who take the sword perish by the sword, and those who don‘t take the sword will perish by smelly diseases.</p>



<p><em>Wir sind zu zivilisiert geworden, um das Offenkundige zu sehen. Denn die Wahrheit ist sehr einfach. Um zu überleben, muss man häufig kämpfen, und wenn man kämpft, macht man sich schmutzig.&nbsp;Krieg ist böse, nur ist er häufig das kleinere Übel. Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen, und wer nicht zum Schwert greift, stirbt durch faule Kompromisse.</em></p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Widerstand bis zum Äußersten?</h2>



<p>“Häufig“ muss man kämpfen, aber nicht „immer“. Wenn das wahr ist, dann stellt sich die Frage, wie „wir“ die Ukraine unterstützen. Das ist keine prinzipielle, sondern eine pragmatische Frage. Waffen liefern? Auf eine Verhandlungslösung drängen, mit massivem Druck auf Putin? Die Frage sollte sein, was für die Ukraine das Beste ist, nicht, was unserem öffentlich inszenierten Gewissen moralisch am besten schmeckt (Sie lesen gerade einen Beitrag dazu!). Englands Durchhalten 1940 war richtig, Golo Mann bezeichnete dieses Durchhalten als „imposant, das einzig menschlich große Ereignis“ jener Jahre. </p>



<p>Aber erliegen einige hier nicht doch einer allzu undifferenzierten Parallelisierung?</p>



<p>Ich gebe <a href="https://vimeo.com/683720956#t=2h14m00s">Tanja Maljartschuk</a> und <a href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/">Anselm Bühling</a> recht: Wir urbanen Großstadtintellektuellen haben das nicht zu entscheiden, auch moralisch nicht. Ob es aber die Militärs allein entscheiden sollten? „Der dritte Weltkrieg wird die Ukraine auch nicht retten“, zitiert Anselm Bühling Tatjana Maljartschuk, und auch das stimmt zweifellos. </p>



<p>Vielleicht bin ich „zu weich“ aufgewachsen, im sicheren Schoß der alten Bundesrepublik, was immer das heißen mag. Aber ich habe nicht den Maulheldenmut, der Ukraine Widerstand bis zum Äußersten anzuraten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



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		<title>Das Böse in der Politik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Mar 2022 07:44:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Ukrainekrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Was verbindet Putin mit Hitler? Beide Kriegsverbrecher deklarierten ihre Motive ganz offen, und beide wurden nicht ernst genommen. Müssen wir wieder lernen, mit dem Bösen zu rechnen? ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p>In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>21. März 2022: <a href="https://tell-review.de/wir-sind-keine-zuschauer/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wir sind keine Zuschauer</a> (Anselm Bühling)</li>



<li>24. März 2022: <a href="https://tell-review.de/krieg-oder-kein-krieg/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Krieg oder kein Krieg?</a> (Hartmut Finkeldey)</li>



<li>25. März 2022: <a href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wird Schönheit die Welt retten?</a> (Agnese Franceschini)</li>



<li>26. März 2022: <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap">Der Vergleich Hitler-Putin ist in aller Munde. Er trifft – und trifft in manchen Punkten auch nicht, wie das bei Vergleichen komplexer historischer Situationen eben so ist. Die gescheiterte Appeasement-Politik ist sicherlich ein Punkt, wo der Vergleich zutrifft, ebenso der militärische Überfall und seine kruden völkischen Begründungen. Nicht zu passen scheint hingegen die militärische Reaktion der Ukraine. Doch der entscheidende Unterschied zwischen heute und 1939 ist die Bedrohungslage. Mit der A-Bombe im Hintergrund werden die Churchill-Träume mancher Hobbystrategen auf Facebook Makulatur.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ignoranz gegenüber Putin</h2>



<p>Das Wichtigste an dem Vergleich zwischen Putin und Hitler ist jedoch etwas anderes: Der Umstand, dass dieser Vergleich nicht mehr verboten ist. Wurden vormalige Vergleiche noch als unsensibel und nicht selten als unpassend abgewunken, hört man davon in der aktuellen Situation nichts mehr.</p>



<p>Wann war für westliche Nachrichtenkonsumenten und Social-Media-Besserwisser erkennbar, dass ein solcher Vergleich legitim ist? Erst am Morgen des 24. Februar 2022? Sind wirklich alle im Westen an diesem 24. Februar 2022 „in einer anderen Welt aufgewacht“? Daraus ergäbe sich der Vorwurf der jahrzehntelangen Ignoranz gegenüber Putin. Ein Vorwurf, für den einiges spricht.</p>



<p>Wie konnte es geschehen, dass wir die Absichten Putins so lange ignoriert haben? Vielleicht waren wir abgelenkt von Themen, die man ebensowenig ignorieren durfte. Genannt seien der Bürgerkrieg in Syrien mit nachfolgender Flüchtlingskrise 2015/16, die Klimakrise, das Hochkommen neurechter Populisten und natürlich die Pandemie. Diese Themen verbrannten Aufmerksamkeit, also jenen Stoff, der als einziger in unserer Wohlstandswelt Mangelware ist.</p>



<p>Wenn man sich diese Themen allerdings genauer anschaut, merkt man irgendwann, dass sie netzartig zusammenhängen, und zwar in einem Netz, das in allen Aspekten starke Drähte nach Moskau spannt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Putins Kampf gegen den Westen</h2>



<p>Putin nutzte die Energiekrise und die politische Naivität Westeuropas, namentlich Deutschlands, aus und profitiert nun von unserer Abhängigkeit. Er unterstützte alle neurechten Demagogen im Westen, sei es, wie im Fall Le Pen, direkt mit Wahlkampfunterstützung, sei es, wie bei Trump, in Form von Wahlkampfmanipulaton. Putin startete (oder ließ starten) eine Desinformationskampagne über Corona. Zudem griff er direkt in den syrischen Bürgerkrieg ein, bombardierte dort Krankenhäuser und Wohngebiete und forcierte damit noch einmal die Flüchtlingskrise. Zuletzt erpressten Putin und Lukaschenko den Westen mit Flüchtlingen an der polnisch-weissrussischen Grenze. Und ganz abgesehen davon hatte Putin bereits in Georgien und in Tschetschenien „territoriale Politik“ in Form von Raubzügen betrieben.</p>



<p>All das hat einen ideologischen Überbau: Putins Kampf gegen den Westen und sein Versuch, die Niederlage der Sowjetunion zu revidieren. Schienen diese Zusammenhänge, die nun ein rundes Bild ergeben, vormals vielen zu fantastisch? Ich denke schon. Wenn man auf den Tatbestand der Wahlmanipulation durch Putin 2016 im amerikanischen Präsidentenwahlkampf hinwies, wurde man in den sozialen Medien durchaus schon einmal als Verschwörungstheoretiker geframed.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Mangelnde Vorstellungskraft</h2>



<p>Das ist vielleicht die unheimlichste Gemeinsamkeit zwischen Putin und Hitler: Die Motive ihrer Politik sind dermaßen ins Groteske verzogen, dass man als vernünftiger Mensch zunächst geneigt ist, sie nicht ernst, ja sie noch nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen. Und als man merkte, wie ernst die Sache wurde, war es zu spät für eine halbwegs glimpfliche Lösung. Was zunächst beinahe wie eine Verschwörungstheorie wirkte, entpuppte sich als der einzige realistische Blick.</p>



<p>Osteuropäische Intellektuelle wie Ivan Krastev hatten das schon seit Jahren gesehen. Sie erlebten ein ähnliches Phänomen wie die Emigranten aus Deutschland nach 1933. Zunächst wollte niemand ihren vermeintlichen Horrorszenarien Glauben schenken, dann stellten sich diese als glatte Verharmlosung heraus.</p>



<p>Was folgt daraus? Wie bekommt man die Problematik der falschen Wahrnehmung in den Griff?</p>



<p>Waren wir zu aufgeklärt, um das Böse zu erkennen? Konnten wir uns das Böse einfach nicht mehr vorstellen? Oder wenn doch, dann nur ironisch gebrochen und milde belächelt?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Wiederentdeckung des Bösen</h2>



<p>Putin ist sicherlich vieles, aber Ironie ist bei ihm nicht im Spiel. Das Böse ist vielleicht nachgerade das Fehlen jeglicher Ironie, eben weil es so eindeutig ist.</p>



<p>Nur wäre dann zu fragen, ob eine durchironisierte Gesellschaft noch in der Lage ist, das Böse zu erkennen. „Irgendwo muß doch noch ein Haken sein“, denken wir, „irgendetwas kann doch hier nicht stimmen.“ So dekonstruieren wir uns das Böse und erkennen es nicht mehr.</p>



<p>Diktatoren wie Putin oder Hitler (oder Stalin) kommt man nicht mit ironischen Wendungen bei. Man muss immer die schlimmstmögliche Wendung annehmen. Sie sind klassische Bösewichte, wie man sie sonst nur auf der Theaterbühne sieht, beispielsweise in Shakespeares „Richard III“. Als Churchill 1945 der Welt den Tod von Adolf Hitler mitteilte, zitierte er Shakespeare: „The bloody dog is dead!“</p>



<p>Mehr war nicht zu sagen. Schon Thomas Mann fand ja für sich heraus, dass seine Zeit „das Böse wiederentdeckt“ hat. Das gilt nun auch für uns.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Wir sind keine Zuschauer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Mar 2022 09:02:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Putin]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Ukraine kämpft für das, was für uns Westeuropäer selbstverständlich ist: eine Gesellschaft, in der wir nach unseren Vorstellungen leben können. Welche Verantwortung haben wir in diesem Krieg?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät. </p>



<p>In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg. </p>



<ul class="wp-block-list">
<li>22. März 2022: <a href="https://tell-review.de/das-boese-in-der-politik/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Böse in der Politik</a> (Herwig Finkeldey)</li>



<li>24. März 2022: <a href="https://tell-review.de/krieg-oder-kein-krieg/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Krieg oder kein Krieg?</a> (Hartmut Finkeldey)</li>



<li>25. März 2022: <a href="https://tell-review.de/wird-schoenheit-die-welt-retten/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wird Schönheit die Welt retten?</a> (Agnese Franceschini)</li>



<li>26. März 2022: <a href="https://tell-review.de/angriff-auf-den-sinn/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Angriff auf den Sinn</a> (Sieglinde Geisel)</li>
</ul>


</div></div>
</div></div>



<div style="height:43px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p style="font-size:16px"><em>In Erwägung, dass ihr uns dann eben<br>Mit Gewehren und Kanonen droht<br>Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben<br>Mehr zu fürchten als den Tod</em></p>



<p class="has-small-font-size">Bertolt Brecht, Resolution der Kommunarden</p>



<div style="height:31px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-drop-cap">Die Leute leben weiter ihr gewohntes Leben. Sie posten Katzenbilder auf Instagram. Und sie üben schießen.“ Das sagte eine Freundin, die beruflich enge Kontakte in die Ukraine hat, zwei Wochen vor dem russischen Überfall auf das Land.</p>



<p>Die Bedrohung war da schon seit Monaten offensichtlich und zugleich merkwürdig ungreifbar. Etwas würde passieren, aber was? Die US-Regierung warnte immer wieder, ein Angriff auf die gesamte Ukraine stehe unmittelbar bevor. Wusste sie wirklich etwas oder war das ein verantwortungsloses Vabanquespiel?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Frieden schaffen ohne Waffen?</h2>



<p>Der Gedanke, dass sich in der Ukraine nun ganz normale Menschen im Umgang mit Waffen üben, berührte mich unangenehm. Ich bin ein deutsches Nachkriegskind und habe Anfang der Achtziger den Wehrdienst verweigert. Waffen sind dazu da, Menschen zu töten. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, das zu tun. Aber ich musste es mir in meinem Leben auch nie wirklich vorstellen. Ich war gegen die Bundeswehr. Ich war gegen die NATO und allemal gegen Aufrüstung. Dass ich in einem geteilten Land lebte, und zwar in der Hälfte, in der ich gegen die Aufrüstung der eigenen Seite auf die Straße gehen konnte, das war für mich einfach eine Gegebenheit. Niemand würde mein Land überfallen – und selbst wenn, es würde irgendwie schon verteidigt werden, auch ohne mich.</p>



<p>Eine Woche nach dem Gespräch mit unserer Freundin stand ich zusammen mit ein paar hundert Leuten am Brandenburger Tor, um Solidarität mit der Ukraine zu fordern. Mein Bekannter Lew, der mit seiner Familie aus Moskau nach Berlin emigriert ist, bestand darauf, dass Deutschland auch Waffen liefern müsse. Ich weiß nicht, sagte ich, es gibt doch auch andere Maßnahmen. Es müssen doch nicht alle das Gleiche tun, und gerade Deutschland… Weiter kam ich nicht. Genau das, fiel Lew mir erregt ins Wort, genau diese noble Haltung, sich nicht die Hände schmutzig machen zu wollen – das werde dazu beitragen, dass jetzt Ähnliches geschieht wie 1938 mit Hitlers Überfall auf die Tschechoslowakei.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Flucht oder Kampf</h2>



<p>Fünf Tage später fiel Putins Armee über die Ukraine her. Eine Freundin war gerade in Kyjiw. Ihr Vater war zwei Tage vor dem Angriff gestorben. Jetzt musste sie zusehen, dass sie ihre 85jährige Mutter so schnell wie möglich aus der Stadt und aus dem Land bringen konnte. Die Mutter war 1941 als kleines jüdisches Mädchen vor den Deutschen nach Russland geflohen und hatte so überlebt. Als alte Frau floh sie nun vor den Russen nach Deutschland.</p>



<p>Fliehen, um am Leben zu bleiben. Ausharren und hoffen zu überleben. Oder kämpfen und sein Leben aufs Spiel setzen. Andere Optionen gibt es nicht für die Menschen in einem überfallenen Land.</p>



<p>Auch viele russische Freunde haben über Nacht ihre Heimat verlassen. Sie wurden nicht beschossen und bombardiert. Aber sie erlebten schon seit langem, dass die wenigen verbliebenen Freiräume nach und nach geschlossen wurden. „Es gibt keine Luft“, hieß es immer öfter. Jetzt ging alles rasend schnell. Plötzlich war es verboten, von „Krieg“ statt von „militärischer Spezialoperation“ zu sprechen. <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.youtube.com/watch?v=YnkTLKJt6K0" target="_blank">Die Propagandamaschine lief auf Hochtouren.</a> Dann gab es Gerüchte, bald werde das Kriegsrecht verhängt und niemand komme mehr aus dem Land. Tausende packten von einem Tag auf den anderen die Koffer. Andere bleiben, versuchen etwas zu tun und wissen nicht, was sie erwartet.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine lebenswerte Gesellschaft</h2>



<p>Für uns ist es selbstverständlich, dass wir uns öffentlich äußern und unsere Gesellschaft mitgestalten können, auch wenn das nicht immer so leicht geht, wie es sich sagt. Es gibt Machtstrukturen, unterschiedliche Vorstellungen, manche Stimmen dringen nicht durch, andere finden sofort Gehör. Aber wir werden weder getötet noch eingesperrt, wenn wir für unsere Überzeugungen eintreten und so leben, wie es uns entspricht. Für viele, die hier leben, war das immer schon so; wir mussten nichts dafür tun und nehmen es kaum noch wahr. „Wir leben in einer Diktatur!“ rief letztes Jahr eine Kollegin bei einem Übersetzerstammtisch empört, weil sie mit den Coronamaßnahmen nicht einverstanden war. Wer so redet, hat den Unterschied nicht begriffen.</p>



<p>„Wir hatten ein normales Leben. Wir konnten sagen, was wir wollten.“ Das habe ich in den letzten Tagen mehrfach von ukrainischen Flüchtlingen gehört. Dass es in ihrem Land Probleme gibt, ist ihnen völlig klar, und sie können sich genauso darüber ereifern wie wir. Selenskyjs Beliebtheit hatte vor dem Überfall einen Tiefstand erreicht. Aber jetzt steht für diese Menschen das auf dem Spiel, was sich für uns von selbst versteht: eine Gesellschaft, die ihnen nicht die Luft abschnürt, sondern Raum lässt, sich einzubringen und ihre Interessen öffentlich zu vertreten. Sie wussten von Anfang an, dass niemand anders diese Gesellschaft für sie verteidigen wird. Sie hatten nur die Wahl, aufzugeben oder einen scheinbar aussichtslosen Kampf aufzunehmen. Sie haben sich entschieden, ohne uns erst um Rat zu fragen.</p>



<p>Selenskyjs Weigerung, sich in die USA ausfliegen zu lassen, hat nicht nur im eigenen Land die Kräfte mobilisiert, sondern auch dazu geführt, dass die westlichen Länder ihre Unterstützung erheblich ausgeweitet haben. Das ist gut so, denn wer vor Gewalt und Schrecken zurückweicht, sorgt dafür, dass sich Verhältnisse ausbreiten, in denen die Angst regiert. Pazifismus wird widersinnig, wo er demjenigen den Weg ebnet, der seine Waffen am skrupellosesten einsetzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Energie-Embargo jetzt</h2>



<p>Drei Wochen nach dem russischen Überfall sieht die Lage ganz anders aus, als es anfangs die meisten erwartet hätten: Der Angriff auf die Ukraine ist für Putin zum Desaster geworden. Die russische Invasion kommt allenfalls schleppend und unter großen Verlusten voran. Die ukrainische Regierung ist im Amt und in einer weit besseren Position, als es anfangs möglich schien.</p>



<p>Alles was verantwortbar getan werden kann, um den Angreifer zurückzudrängen, muss getan werden. Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk hat bei einer Diskussion im Literaturhaus Stuttgart zu Recht <a href="https://vimeo.com/683720956#t=2h14m00s" target="_blank" rel="noreferrer noopener">darauf hingewiesen</a>, dass über die Einrichtung von Flugverbotszonen nicht Schriftsteller und öffentliche Intellektuelle entscheiden sollten, sondern militärische und strategische Experten: „Der dritte Weltkrieg wird die Ukraine auch nicht retten.“</p>



<p>Das ist ein guter Grund, nicht sofort auf alles einzugehen, was gefordert wird. Unsere eigene Befindlichkeit dagegen ist kein guter Grund. Wenn ein Embargo von russischem Gas und Öl dazu beitragen kann, die Finanzierung dieses Angriffskriegs früher zu stoppen, dann ist dieses Embargo nötig – und zwar jetzt und nicht irgendwann später. Wir täuschen uns, wenn wir uns einreden, wir seien nur Zuschauer. Wir spielen mit in diesem Stück. Es wird erst enden, wenn dem, der das alles ins Werk gesetzt hat, die Bühne entzogen worden ist.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de</h6>



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