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	<title>Nobelpreisträger &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Nobelpreisträger &#8211; tell</title>
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		<title>Page-99-Test: Abdulrazak Gurnah</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Sep 2022 07:33:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Adjektive]]></category>
		<category><![CDATA[Nobelpreisträger]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Roman "Nachleben" des Nobelpreisträgers Abdelrazak Gurnah ist effizient und lebendig erzählt. Die Analyse der Beiwörter verrät, dass es dem Autor dabei wohl nicht um stilistische Raffinesse geht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Eben ist der neuste Roman des aktuellen Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah auf Deutsch erschienen: <em>Nachleben</em>. Da die Seite 99 auf ein Kapitelende fällt, weiche ich auf <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Seite-99-Gurnah_geschnitten.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 98</a> aus.</p>



<p></p>



<p>Wir befinden uns in der Gesellschaft von „Freundinnen und Nachbarinnen, den Ehefrauen und Verwandten anderer Kaufleute und auch von ihren Angestellten“ (mit diesen Worten beginnt die Seite). Der Schauplatz ist höchst lebendig. Zum Reiz der Lektüre gehört es, dass wir auf doppelte Weise Zeuge dieser Szene werden: zum einen als Leser oder Leserin, zum anderen durch die Perspektive von Afiya, dem Kind, das die Szene erlebt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Afiya lauschte mit offenem Mund, während sie sich schadenfroh über andere Leute lustig machten.<br>[&#8230;]<br>Afiya tat nicht einmal mehr so, als hörte sie nicht zu.</p></blockquote>



<p>Die (ausschließlich weiblichen) Anwesenden unterhalten sich über „Hochzeiten, Geburten und Todesfälle“, sie machen sich lustig „über Männer, die vor lauter Eitelkeit kaum geradeaus laufen konnten“, über eingebildete Frauen und über Würdenträger, „die bloß Heuchler waren“. </p>



<p>Der Klatsch ist allumfassend, und gerade, weil Afiya nicht alles mitbekommen soll, ist sie das energetische Zentrum dieser Szene. Die Frauen ermahnen einander, vor ihr nicht alles preiszugeben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>durch ein Zwinkern, eine hochgezogene Augenbraue oder ein Geheimzeichen.</p></blockquote>



<p>Afiya wiederum merkt sofort, wenn ihr etwas vorenthalten wird,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>denn in dem Fall wurde gesummt und gehüstelt, umständlich formuliert, gestikuliert und gekichert.</p></blockquote>



<p>Diese Aufzählungen sind nicht besonders kunstvoll, aber sie erfüllen ihren Zweck: Sie lassen uns in die Szene eintauchen, so dass wir das Flirren spüren zwischen dem Harmlosen und dem Verbotenen, das leicht Ungehörige, dem sich die tratschenden Frauen umso hemmungsloser hingeben.</p>



<p>Die Seite hat einen Spannungsbogen: Das Tuscheln und Andeuten steigert sich, bis es schließlich durch Afiyas Einsicht aufgefangen wird:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ihr fiel erst nach einer ganzen Weile auf, dass nicht alles, was über andere Menschen gesagt wurde, tatsächlich der Wahrheit entsprach.</p></blockquote>



<p>Der nächste, kurze Satz rundet die Szene ab, er verleiht dem Ganzen einen fast märchenhaften Ton:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Und so verbrachte Afiya ihre Zeit.</p></blockquote>



<p>Die Schilderung lebt vom Rhythmus des Satzbaus. Auf der Ebene der Wortwahl dagegen ist diese Seite nichts Besonderes: Es gibt nichts, worüber man stolpert – aber auch nichts, was ins Auge fällt. Wenn man die Adjektive und Adverbien als Messlatte für die Qualität von Literatur nimmt, dann haben wir es hier, stilistisch gesehen, mit solidem Mittelmaß zu tun (Eva Bonnés Übersetzung dürfte in der Unauffälligkeit dem Original entsprechen). </p>



<p>An Beiwörtern aller Art findet sich auf dieser Seite folgende Liste:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8211; parfümierte Kangas [Kanga ist ein afrikanischer Wickelrock]<p>&#8211; raschelnde Chiffonkleider</p><p>&#8211; sich schadenfroh über andere Menschen lustig machen</p><p>&#8211; vor lauter Eitelkeit</p><p>&#8211; die bloß Heuchler waren</p><p>&#8211; ein gnadenloses Urteil</p><p>&#8211; nicht tatsächlich der Wahrheit entsprechen</p><p>&#8211; in einem winzigen Haus</p><p>&#8211; wundersame Begebenheiten</p></blockquote>



<p>Das sind keine <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/satz-fuer-satz-6-glanz-und-elend-des-adjektivs/" target="_blank">Adjektive</a> und Intensifikatoren, die man streichen müsste (außer „schadenfroh“ und „tatsächlich“), aber für kaum eins dieser Beiwörter wäre man bereit, etwas auf sich zu nehmen: zum Beispiel in den dritten Stock hochsteigen und um Erlaubnis zu fragen (Georges Clemenceau) oder sie aus dem Keller heraufholen (Stephen King). Keins der Wörter auf dieser Seite trägt den Autor an einen Ort, „wo noch niemand vor ihm gewesen ist“ (Joseph Brodsky). </p>



<p>Das ist eine Prosa, deren Kreativität mehr im Was liegt als im Wie, die Sprache bleibt Mittel und wird nicht zum Zweck. Auch wenn es dem Autor (zumindest auf dieser Seite) nicht darum geht, die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache zu erweitern – dem Lesevergnügen wird das keinen Abbruch tun.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Abdulrazak Gurnah<br><strong>Nachleben</strong><br>Roman<br>Aus dem Englischen von Eva Bonné<br>Penguin Verlag 2022 · 384 Seiten · 26 Euro<br>ISBN: 978-3328602590<br></p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783328602590&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="314" height="499" data-attachment-id="110787" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-abdulrazak-gurnah/cover-gurnah/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="314,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Gurnah" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?fit=189%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?resize=314%2C499&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-110787" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?w=314&amp;ssl=1 314w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/09/Cover-Gurnah.jpg?resize=300%2C477&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 314px) 100vw, 314px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>„Nur keine Hast auf den Zwischenstrecken…“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Feb 2020 08:33:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Nobelpreisträger]]></category>
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					<description><![CDATA[Peter Handkes Roman „Die Obstdiebin“ ist kein Buch für Schnellleser. Der Weg zum Genuss führt über Geduld und Muße. Eine Verteidigung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Eine ausführlichere Version dieses Essays findet sich auf der Website <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Unzeitgemäßes Feuilleton (opens in a new tab)" href="https://gesinepalmer.wordpress.com/2020/02/09/nur-keine-hast-auf-den-zwischenstrecken-zu-peter-handkes-epos-die-obstdiebin-frank-hahn/" target="_blank">Unzeitgemäßes Feuilleton</a>.</p>







<p>In den Debatten um Peter Handke geht es kaum je um seine Prosa. Wir  nehmen seine jüngsten Werke unter die Lupe und suchen nach Kriterien. </p>



<p>Die bisherigen Texte in chronologischer Reihenfolge: </p>



<ul class="wp-block-list"><li><a href="https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/">Page-99-Test zu <em>Die Obstdiebin</em></a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/ob-der-kaiser-nackt-ist/" target="_blank">Ob der Kaiser nackt ist&#8230;</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/hundert-seiten-handke-ein-p-s-zum-page-99-test/?preview_id=96014&amp;preview_nonce=b5f44d4b4f&amp;preview=true&amp;_thumbnail_id=96020" target="_blank">Hundert Seiten Handke:Ein P. S. zum Page-99-Test</a></li><li><a href="https://tell-review.de/grundanders-anfangen/">Grundanders anfangen</a></li><li><a href="https://tell-review.de/nur-keine-hast-auf-den-zwischenstrecken/">V</a><a href="https://tell-review.de/vorgetaeuschter-tiefsinn/">orgetäuschter Tiefsin</a><a href="https://tell-review.de/nur-keine-hast-auf-den-zwischenstrecken/">n</a></li><li><a href="https://tell-review.de/schleife-um-schleife-mit-riesenumwegen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label=" (opens in a new tab)">„Schleife um Schleife, mit Riesenumwegen&#8230;“</a>    </li></ul>





<p class="has-drop-cap">Endlich, so könnte man sagen, kommt die wochenlange um sich selbst kreisende mediale Erregung zum „Fall“ Handke zur Ruhe, und der Mensch und Schriftsteller Peter Handke gewinnt mehr Aufmerksamkeit. Auf den Seiten von <em>tell </em>hat sich <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Lars Hartmann (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/grundanders-anfangen/" target="_blank">Lars Hartmann</a> in wohltuender und nicht diffamierender Weise zu Handkes Beweggründen in der sogenannten Jugoslawien-Debatte geäußert. <a rel="noreferrer noopener" aria-label="Sieglinde Geisel (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/hundert-seiten-handke-ein-p-s-zum-page-99-test/" target="_blank">Sieglinde Geisel</a> beschäftigt sich mit dem Schreiben und der Sprache Handkes. Sie hat sich dazu das jüngste Werk des Autors angesehen, das 2017 unter dem Titel <em>Die Obstdiebin</em> (Untertitel „Einfache Fahrt ins Landesinnere“) erschienen ist. </p>



<p>Da sie jedoch nur die ersten 100 Seiten dieses Werkes gelesen hat, könnte es sein, dass ihr wesentliche Aspekte entgangen sind. Nachdem ich das 559 Seiten umfassende Buch in Gänze gelesen habe, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, mich in die Debatte einzuklinken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wahrnehmung und (a)politisches Schreiben </h3>



<p>Ich beginne mit einem Zitat von Sieglinde Geisel zu Handkes Buch: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es ist ein durch und durch apolitisches Schreiben. Es blendet aus, dass es etwas jenseits dieses unablässig um seine eigene Wahrnehmung kreisenden Selbsts gibt, das überhaupt erzählenswert, sagenswert wäre. Diese Prosa kommt nicht von Homer, von Tolstoi, von Cervantes, denn das sind keine apolitischen Autoren. Mit dem Stammbaum, den Handke sich anmaßt, hat sein Schreiben nichts zu tun, zumindest nicht, wie es sich auf den ersten hundert Seiten von <em>Die Obstdiebin</em> zeigt. </p></blockquote>



<p>Ganz abgesehen davon, dass man darüber streiten kann, ob überhaupt und wenn ja, auf welche Weise Literatur politisch sein soll – und was in diesem Kontext „politisch“ im engeren und weiteren Sinn bedeuten könnte –, lässt sich der hier formulierte Vorwurf nicht aufrechterhalten. Dies im Übrigen aus meiner Sicht schon nicht auf den ersten 100 Seiten, aber das lasse ich dahingestellt sein. Tatsächlich tritt die titelgebende Hauptperson erst ab Seite 136 in Aktion. Dort wird der Leser Zeuge eines Treffens zwischen der Obstdiebin und ihrem Vater, der sie beauftragt, nach der Mutter zu suchen, die sich nördlich von Paris auf dem Land, in der Picardie, aufhalten soll. Daraus entfaltet sich dann auf etwas über 400 Seiten eine dreitägige Wanderung der jungen Frau durch Städte, Dörfer, Auen und Hochplateaus. </p>



<p>Auf den ersten Blick – und dies betont der Erzähler selbst mehrfach – sind dies drei ereignislose Tage. Da aber die Obstdiebin auf ihrer „Fahrt ins Landesinnere“ (so der Untertitel) ungefähr einem Dutzend Menschen begegnet, werden anhand dieser Begegnungen die großen Themen aufgerufen, die den Menschen heute und seit je umtreiben: Krieg und Frieden, Gewalt und Schuld, die Vereinsamung in der modernen Gesellschaft und das Bedürfnis nach Gemeinschaft, die Weitergabe von Traumata von Generation zu Generation, die Verstrickungen in Familiensysteme, die Würdigung der Ahnen und schließlich der Umgang mit dem Tod. Unweigerlich werden dabei philosophische und spirituelle Dimensionen berührt, wie die Frage nach Zeit und Ewigkeit, nach Offenbarung und Erlösung, obwohl diese Worte nie explizit fallen. Im Jahr 2016 geschrieben, scheint in dem Werk nicht zuletzt auch die Flüchtlingsdebatte jener Tage durch. </p>



<p>So viel zu dem vermeintlich
„apolitischen Schreiben“ in Handkes <em>Die Obstdiebin</em>. Neben dem „Was“ geht
es bei Literatur jedoch immer auch um das „Wie“ des Geschriebenen. Und da käme
man dann auf Handkes „Vorbilder“ – oder Stammbaum, wie es Sieglinde Geisel
nennt. Sie bezeichnet es als des Autors Anmaßung, dass er sich in der Tradition
von Homer, Tolstoi und Cervantes sieht. Immerhin schickt sie selbst die
Einschränkung hinterher, dass sich ihr Urteil nur auf die ersten 100 Seiten beziehe.
</p>



<h3 class="wp-block-heading">Rhythmus und Klang der großen Epen</h3>



<p>Ohne dass ich jetzt an ausgewählten Beispielen Analogien zu den drei Größen der Weltliteratur ziehen möchte (auch das wäre zweifellos spannend), sei nur soviel gesagt: Ich lese <em>Die Obstdiebin</em> als ein episches Langgedicht, das den sprachlichen Rhythmus und Klang der großen Epen aufleben lässt, wobei der Autor explizit mehrfach an Wolfram von Eschenbach anknüpft. Es ist also kein Roman für Schnellleser, die nach kurzen, klaren Botschaften suchen. Geduld und sogar die etwas aus der Mode gekommene Muße sind zweifellos wichtige Begleiter, um sich auf eine genussreiche Lektüre einzulassen. </p>



<p>Mir wurde dieser Genuss in konzentrierter Form gleich beim ersten Lesen zuteil, und beim zweiten und dritten Umgehen mit dem Text sogar in steigendem Maße. Schon beim ersten Lesen habe ich mich seinerzeit gefragt, was mich an dem Buch so tief berührt. Es ist zunächst tatsächlich der besondere sprachliche Rhythmus, der mich getragen hat, also gerade jener „Stil“, gegen den Sieglinde Geisel eine starke Abneigung empfindet. So stark, dass sie Handke abspricht, große Literatur zu schreiben. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier zu einem Kunstwerk ein Werturteil gefällt wird – und zwar auf Basis einer persönlichen Empfindung. Die Autorin mag einwenden, sie analysiere lediglich die Sprachverfahren Handkes. Die Analyse ist eines – doch lassen sich daraus so einfach Kriterien für die Güte eines literarischen Werks ableiten, die dem Kritiker ein allgemeines Urteil und eine ebensolche Wertung erlauben? Das scheint mir zumindest problematisch.&nbsp; </p>



<p>Man kann die Redundanzen
und Doppelungen in Handkes Prosa kritisieren, wie es Sieglinde Geisel tut, es
gibt jedoch eine lange Tradition solcher Verfahren, die aus mythologischen
Erzählungen stammen, nicht zuletzt aus dem Alten Testament. Unabhängig davon
habe ich das Verfahren der Doppelungen als ein Anknüpfen an die mündliche Tradition
des Erzählens gelesen, was dem Genre des Epos durchaus ansteht. Selbstredend
kann man der Autorin ihre Empfindung beim Lesen des Textes nicht absprechen,
denn jeder Leser und jede Leserin reagieren auf Sprache mit mehr oder minder
starken Emotionen. Und doch wäre es wünschenswert, zwischen Empfinden und
Wertung sauberer zu trennen – wenngleich dies schon Auftakt zu einer weiteren
Debatte zu einem Grundsatzthema wäre.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Poetik des Innehaltens</h3>



<p>Ich versuche daher, im Folgenden nicht zu sagen, was Handke aus literaturwissenschaftlicher Sicht Geniales oder Verwerfliches leistet, sondern lediglich, welche Empfindungen die Lektüre in mir geweckt hat. Wie schon erwähnt, hat mich der charakteristische Sprachgestus des Verzögerns – oder Hinauszögerns – in seinen Bann gezogen. Sieglinde Geisel spricht in diesem Zusammenhang von einem „Stottern“ der Sprache, das für sie quälend werde. Bei mir entsteht die entgegengesetzte Wirkung: Ich fühle, wie mir auf wohltuende Weise, um es ganz leiblich auszudrücken, die Brust weit wird. Das Lesen des Textes wird zu einer Art Durchatmen, in dem ich die Welt neu und anders in Empfang nehme. Im Fluss der Sprache kann ich nacherleben, wie sich bestimmte Wahrnehmungen langsam heraus bilden – sei es das Rufen einer Eule, das Hervorkommen des Mondes hinter dem Turm mit seiner Uhr, das Rascheln und Knistern im Wald –, erst schemenhaft, dann deutlicher, dabei Ahnungen, Erwartungen, Befürchtungen und Hoffnungen weckend. Ich spüre eine Befreiung von Hast und Übereilung in meiner eigenen Wahrnehmung. Stattdessen erlebe ich durch einen langsam gehenden und hier und dort innehaltenden, zögernden und schweifenden Sprachfluss die Dinge, die Natur und die Menschen auf neue, vielleicht nie gehörte und gesehene Weise. Auch lenke ich größere Aufmerksamkeit auf meine Eigenwahrnehmung. Das Unscheinbare und leicht zu Übersehende gewinnt neue Bedeutung – oder überhaupt erst eine. </p>



<p>Und so – welch ein Geschenk
– erhält der Augenblick für mich eine neue Dauer, wie zum Beispiel in folgender
Passage: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dafür hörte sie dann, mit der Zeit immer vordringlicher, wenn auch keinmal vorherrschend, ganz anderes. Und das waren einmal – kaum zu glauben, oder doch – dabei völlig ungewiss, von wo die Geräusche kamen, ob aus den Grasrondellen um die neugepflanzten Stadtbäumchen, aus deren Laubwerk oben? ein nächtliches Grillenzirpen – „zirpen“ ein einmal im guten Deutsch wie unzureichendes Wort – und dann, in der weiten Ferne, Eulenrufe, die man anfangs für ein langgezogenes Miauen von Katzen halten konnte&#8230; Und aus dem Vordringlichen wurde jetzt, heimlich und noch heimlicher, das Eindringliche. Die Laute der Rufe der einen Mittsommergrille trafen auf ein Antworten von woanders, und wieder woanders, da, dort, in Stadthintergründen, und auch die Eulenschreie wurden beantwortet, statt mit einem Miauen von einem Pfeifen, das zugleich ein Gurgeln war, wie unter Wasser, oder von einer Wasserpfeife.</p></blockquote>



<p>Handkes Sprachfluss
empfinde ich nicht als „Stottern“, sondern ich nenne es eine Poetik des
Innehaltens und Hinhorchens. Beispiele dafür gibt es zu Hauf. Auch jenes vom
Herabsenken der Stille auf die Erdlandschaft, das Sieglinde Geisel zum Beweis
des sprachlichen „Stotterns“ heranzieht. Sie beschreibt anschaulich ihr
Bemühen, den besagten Satz „auszuwringen“. Das kann natürlich nur dazu führen,
dass der Satz dann austrocknet und abstirbt, selbst wenn ein Ergebnis in Form
einer blassen faktischen „Aussage“ auf dem Tisch läge. Aber in diesem Beispiel,
und vielen anderen im Text, geht es ja gerade nicht darum, irgendeine
Wirklichkeit beschreibend abzubilden, sondern das langsame Aufsteigen der
wahrnehmenden Empfindung als einer vielschichtigen Bewegung lebendig werden zu
lassen. </p>



<p>Die wenigsten Leser werden
genau diese Empfindung, so wie sie dort sich sprachlich heraus schält, so
teilen, aber sie können den eigenen Empfindungen vielleicht mithilfe einer
Sprache des Hinhorchens und Verzögerns besser nachspüren. Apolitisch? Oder ist
dies nicht gerade eine Form von politischem Akt (im Sinne eines bewussteren
Zusammenlebens), wenn ein Autor durch die Preisgabe der Entstehung seiner
Wahrnehmung andere anregt, sich nun auch ihrerseits aufmerksamer zu beobachten?
</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vorsätzlich langsame Schritte</h3>



<p>Doch zum Text: Handke selbst gibt an einer Stelle den
entscheidenden Fingerzeig auf sein poetologisches Selbstverständnis.
Ausgangspunkt ist dabei das Gehen der Obstdiebin und ihres Begleiters, die sich
gern vom Weg und dem, was ihnen am Wegesrand begegnet, überraschen lassen.
Deshalb machen sie auch „vorsätzlich langsame Schritte“: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ein Ausschreiten war das, ein Ausmessen der Zwischenstrecke mit den Bewegungen von Geometern, verbunden mit einem Aufmerken für womöglich alle auf dem Weg, an ihm und um ihn herum auftretende Einzelheiten. Diese durften nicht übersehen werden. Gerade auf solchen Zwischenstrecken konnten sie die Fingerzeige geben, welche halfen, sich auf das, was einen am Zielort erwartete, vorzubereiten – einen öffnete für das Geschehende dort. Ja, schon auf der Zwischenstrecke jetzt, im Aufnehmen für deren Aspekte, auch deren Hörbilder, konnte es, in der Vorahnung, geschehen – war es möglich, dass es, in Gestalt einer leisen Vorwegnahme, sich ereignete. Konnte was geschehen? Konnte was sich ereignen? Es – was auch immer. Und also: nur keine Hast auf den Zwischenstrecken. Wehe den Übereiligen dort&#8230;</p></blockquote>



<p>Tatsächlich passt Handke sein Schreiben dem Gehen an – oder
ist sein Schreiben ein langsames Gehen? Jedenfalls ein Aufmerken für das
Einzelne, ein Aufnehmen von Hörbildern, eine leise Vorwegnahme und eben Öffnung
hin auf ein innehaltendes Zwischen, ob als Zwischenstrecke, Zwischenraum oder
Zwischenzeit. Als Leser fühle ich mich eingeladen, den Zwischenräumen und
Zwischenzeiten mehr nachzuspüren, in denen mich eine Fülle von noch zu
Entdeckendem und noch nicht Gesagtem erwartet. Die Obstdiebin und ihr Begleiter
scheinen, so heißt es im Text kurz vor der zitierten Passage, „nachdenklich“
und „von weit her zu kommen“. Ein meditativer oder spiritueller, zuweilen
mystischer Klang „von weit her“ durchweht für mich das ganze Epos – so wie für
andere ein religiöser Text oder ein Gebet. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Reise ins Innere </h3>



<p>Ist dieses meditative Schreiben apolitisch im Sinne eines Kreisens nur um sich und die eigene Wahrnehmung? Es scheint mir unbestreitbar, dass die allgemeine Verfeinerung der Wahrnehmung sich förderlich auf ein gelingendes Miteinander auswirken wird. Die großartige Etty Hillesum hatte seinerzeit auf ihrem Weg in das Lager Auschwitz geschrieben, dass nur dann Frieden in der Welt möglich werde, wenn der einzelne zunächst den Frieden in sich selbst fände. <em>Die Obstdiebin</em> folgt diesem Pfad ausdrücklich, und dies ist so etwas wie ein programmtischer Faden des ganzen Epos. Als die Protagonistin und ihr Begleiter zum Beispiel bei einem Unwetter bei einem vereinsamten Hotelwirt unterkommen, schläft die Obstdiebin in einer kleinen Kammer unterhalb der Treppe – eine Art Verschlag, der sie jedoch an ähnliche Orte ihrer Kindheit erinnert. </p>



<p>In diesem Kontext steht das folgende Zitat:&nbsp; </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Eine Forschungsreise zu sämtlichen Untertreppenbehausungen zu welchem Zweck, Ziel, Behuf? Um was zu erforschen in den Verschlägen, den einstigen Schlafstätten, Besenkammern, Verstecken für Deserteure und Résistancekämpfer, Arrestzellen zum Wegsperren ungestümer Kinder, Todeszellen für die bei Morgengrauen Hinzurichtenden? Zu erforschen was auch immer. Zu forschen, angesichts all dieser Untertreppenhöhlen – nachzuforschen insbesondere in sich selber.</p></blockquote>



<p>„Einfache Fahrt ins Landesinnere“, so der Untertitel – es könnte auch einfach heißen „ins Innere“, in das innere Land eines jeden Lesers und einer jeden Leserin. Die Obstdiebin jedenfalls weicht der Erforschung des eigenen Inneren nicht aus, so wie auch den verschiedenen Konflikten nicht, denen sie sich auf ihrer Fahrt zu stellen hat – bis hin zu einem blutigen Faustkampf mit einer ehemaligen „Feindin“, die sinnig als „Doppelgängerin“ bezeichnet wird. Aus diesem Kampf geht die Obstdiebin gestärkt hervor. So sehr, dass sie sich dem Krieg in sich selbst stellt, ihrem „Wüten gegen die Welt“, nicht gegen einen bestimmten Menschen. Sie fragt sich, weshalb ihr und Ihresgleichen der Zugang zur Welt verwehrt sei. Hängt dies nur damit zusammen, dass ihre Großeltern als Flüchtlinge den Status der Staatenlosigkeit hatten? (Apolitisches Schreiben?) Käme ihr Wunsch nach Zugehörigkeit da her? &nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Umherstreifen ohne Mission</h3>



<p>Aus diesem Wunsch scheint zugleich die besondere Aura zu entspringen, die sie umgibt: eine Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit, aus Anmut und Geistesgegenwart, mit der sie anderen Menschen im entscheidenden Moment beispringt, aus gesunder Selbstfürsorge und&nbsp; Feinfühligkeit gegenüber den Verlorenen und Verstoßenen. Einige Rezensenten und auch manche Figuren im Roman sehen in ihr eine Heilige. Doch stimmt das? Eher werden wohl Hoffnungen, Idealbilder und Versäumnisse auf sie, „die Besondere, die eine Mission hat“,&nbsp; projiziert. </p>



<p>Von einer Mission will sie selbst nicht wissen. Aber die inneren Kämpfe, die sie mit sich austrägt und ihr Gewahrsein, in dem sie ein feines Gespür nicht nur für sich selbst zeigt, sondern für das, was unausgesprochen zwischen den Menschen hin und her schwingt, machen sie zur „Expertin für die Welt“, wenn unter Welt das Dreieck „ich selbst, die Natur und die Anderen“ verstanden wird. In diesem Dreieck ist sie jederzeit auf dem Sprung, mitzutun und einzuspringen – oder, wie es heißt, zu geben. Dies tut sie ohne Mission und ohne Absicht, sondern – so wie auch ihr Obstdiebestum in einem absichtslosen Umherstreifen besteht – im „Vorbeigehen“ oder in ihrem schieren So-Sein und Da-Sein. Damit wächst ihr das Vertrauen der anderen wie nebenbei zu. </p>



<p>Und sie? Sie kann den Schmerz der Anderen tragen, da sie ihren eigenen kennt und ihn zugleich je neu überwindet. Das Erleben dieser Spannung kann mich als Leser zu Tränen rühren und mir zugleich Kraft spenden – auch dazu, den eigenen Schmerz besser zu spüren und ihm seinen Platz zu geben. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: colling-architektur, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arzfeld_(Eifel);_Rastplatz_f%C3%BCr_Wanderer_a.jpg" title="via Wikimedia Commons">Colling-architektur</a> [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA</a>]<br><Buchcover: Verlag></h6>



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<p>Peter Handke<br><strong>Die Obstdiebin</strong><br>Roman<br>Suhrkamp Verlag 2017 · 559 Seiten · 34 Euro<br>ISBN:  978-3518427576 <br></p>
</div></div>



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