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	<title>Authentizität &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Authentizität &#8211; tell</title>
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		<title>Satz für Satz 10: Wahrhaftigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 May 2017 09:19:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Satz für Satz]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Stil]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrhaftigkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Wort „authentisch“ wird von Literaturkritikern und Lesern gern verwendet, um zu erklären, warum ein Buch sie überzeugt Aber was heißt es eigentlich, authentisch oder wahrhaftig zu schreiben?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>em Kriterium der Wahrhaftigkeit widmet Eduard Engel in <em>Deutsche Stilkunst</em> gleich zu Anfang ein ganzes Kapitel. Eigentlich gebe es nur zwei Hauptstilarten: den „wahrhaftigen“ und den „unwahrhaftigen“ Stil. Engel hängt die Latte denkbar hoch:</p>
<blockquote><p>Jeden Satz, jedes Wort so lauterwahr zu schreiben, als liege man auf dem Sterbebett, das zwingt den guten, den großen Stil herbei.</p></blockquote>
<p>Eduard Engel hat das im Jahr 1911 geschrieben. Heute würde er vielleicht das Wort „authentisch“ benutzen – oder auch gerade nicht. Das Wort hat durch inflationären und unsachgemäßen Gebrauch gelitten. Ein Blick in die <a href="https://www.dwds.de/wb/authentisch" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etymologie</a> zeigt, wie nützlich der Begriff eigentlich ist. Im griechischen „authentikos“ steckt das Wort „authos“ (selbst). „Authentisch“ bedeutet: „zum Urheber in Beziehung stehend“, also „original, zuverlässig“, später auch „echt“.</p>
<p>Ein Autor ist demnach jemand, der oder die <em>selbst</em> schreibt: in eigener Verantwortung und in Übereinstimmung mit sich selbst. Es geht darum, das zu schreiben, was man denkt und fühlt, ja vielleicht sogar das zu schreiben, was man ist. So einfach es klingt, so schwierig erscheint es in der Ausführung. Oft findet man beim Schreiben erst heraus, was man denkt und fühlt, und umgekehrt merkt man, dass ein Gedanke noch nicht reif ist, ein Gefühl noch nicht plastisch, weil man die richtigen Worte dafür nicht findet. Denn man kann zwar Dinge denken, fühlen und ahnen, die man nicht sagen kann – doch sagen kann man nur, was man denken kann. In der schönen Literatur gibt es Texte, die sich an die Grenzen des Denk- und Sagbaren heranwagen, insbesondere in der Lyrik. Die Sprache ist dann ein Forschungsinstrument: Wer sich der Sprache anvertraue, gerate bisweilen an Orte, wo zuvor noch niemand war, so formuliert es Joseph Brodsky in seiner Nobelpreisrede.</p>
<h3>Arbeit an sich selbst</h3>
<p>Wie entsteht Wahrheit im Schreiben? In ihrem Essay „Wie man ein Buch lesen sollte“ fordert Virginia Woolf die Leser auf, sich die Schwierigkeiten des Schreibens bewusst zu machen:</p>
<blockquote><p>Besinnen Sie sich also auf irgendein Ereignis, das einen deutlichen Eindruck in Ihrem Gedächtnis hinterlassen hat – wie an der Straßenecke vielleicht zwei Menschen im Gespräch standen, als Sie vorübergingen. Ein Baum bebte; ein elektrisches Licht tanzte; der Ton des Gesprächs war komisch, aber auch tragisch; eine ganze Vision, eine in sich vollkommene Konzeption schien in jenem Augenblick enthalten.</p>
<p>Doch wenn Sie versuchen, das innere Bild in Worten zu rekonstruieren, werden Sie finden, daß es in tausend widerstreitende Impressionen zerfällt. Manche müssen gedämpft, andere betont werden; währenddessen wird wahrscheinlich die Grundempfindung Ihrem Zugriff entgleiten.</p></blockquote>
<p>Wenn schon die Wiedergabe einer Alltagsszene mit Worten so komplex ist – um wie viel schwieriger erscheint dann die Übersetzung innerer Zustände in Sprache. Wahrhaftiges Schreiben bedingt die Erforschung der eigenen Wahrnehmung. Die Suche nach dem richtigen Wort ist daher nicht nur Arbeit am Text, sondern auch Arbeit an sich selbst: Zur <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/">Genauigkeit</a> gelangt nur, wer sich in seine <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/">Tiefe</a> vorwagt, wer also die (eigenen und fremden) Erwartungen, alle Absichten beiseite schiebt und sich ins Unbewusste begibt – wer „das unter dem Herzen Eingeweckte“ (Thomas Harlan) birgt und damit die „ungeheuren Emotionen&#8220; freisetzt, &#8222;die in Kunstwerken gebunden sind“ (Ossip Mandelstam).</p>
<h3>Präzision des Ausdrucks</h3>
<p>Deshalb hat das wahrhaftige Schreiben auch eine therapeutische Wirkung: Beim Schreiben findet man heraus, wer man ist. Das gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch im Alltag.</p>
<blockquote><p>Ich halte es – jetzt und in Zukunft – für ein lohnendes Ziel, seine Sprache präzise zu gebrauchen. (&#8230;) Das soll uns in die Lage versetzen, uns so umfassend und präzise wie möglich auszudrücken. (&#8230;) Denn die Häufung von nicht klar Dargelegtem, nicht richtig Ausgedrücktem kann zur Neurose führen.</p></blockquote>
<p>Diesen Ratschlag gibt Joseph Brodsky in seiner Rede „Speech at the Stadium“ (1988) den Universitätsabsolventen von Ann Arbor mit auf ihren Lebensweg. Man solle sein Vokabular so sorgfältig pflegen wie sein Bankkonto: Die Sprache als Ausdrucksmittel („articulation“) dürfe gegenüber den Erfahrungen nicht im Minus bleiben, denn dieses Defizit schade der Seele.</p>
<p>Ohne das innere Selbstgespräch der Seelenforschung findet man nicht heraus, was man wirklich denkt, fühlt, sieht, sich vorstellt. Wenn man hinschreibt, was einem gerade einfällt, erwischt man oft nur das Naheliegende, und das ist meistens gerade nicht das Eigene, sondern Floskeln, also Dinge, die schon andere gedacht und gesagt haben.</p>
<h3>Vom Erlebten zum Erschriebenen</h3>
<p>Der Wunsch nach Wahrhaftigkeit, nach Unverfälschtem, ist eine Reaktion auf Verunsicherung, so erklärt sich die derzeitige Konjunktur des Begriffs Authentizität. Viele Leser wünschen sich Bücher, in denen Erlebtes – in der Regel Erlittenes – möglichst direkt zu Papier kommt, ungefiltert und roh. Doch das ist ein Missverständnis, denn die Wahrhaftigkeit entsteht erst durch den Stil, auf dem Weg, den das Erlebte zum Erschriebenen zurücklegt. Wahrheit ist etwas anderes als Wirklichkeit: Märchen und Wundergeschichten sind wahr, auch wenn sie nicht stattgefunden haben, und umgekehrt entsteht oft keine Wahrheit, wenn Wirklichkeit 1:1 wiedergegeben wird. Um es grob zu sagen: Ist es nur hingekotzt (offenbar ein Leitmotiv in der <a href="http://tell-review.de/page-99-test-karl-ove-knausgard/">Selbstbeschreibungsprosa </a>des Karl-Ove Knausgård) oder ist es gestaltet? Hat sich der Autor die Erschütterungen wahrhaftig zu eigen gemacht, sie verwandelt und transzendiert – und ist er oder sie damit durch den Akt des Schreibens zum Autor des eigenen Lebens geworden? Virginia Woolf hat sogar ihre Tagebücher in dieser Haltung geschrieben, denn im Stil sind ihre <em>Diaries</em> keineswegs privat. Sie sind für andere – und damit Kunst.</p>
<h3>Kill your darlings</h3>
<p>Was verhindert Wahrhaftigkeit beim Schreiben? Man könnte sagen: Alles, was den Schreibenden von sich selbst entfernt. Eduard Engel nennt die Eitelkeit, die Pose als größten Feind der Wahrhaftigkeit. Die Eitelkeit schaut auf die Außenwirkung, nicht ins Innere, deshalb trennt die Eitelkeit den Schreibenden von sich selbst. In dem Kapitel über die Wahrheit stellt Engel in seiner Stilkunde einen Katalog der „Schwindelkünste des unredlichen Stils“ auf:</p>
<blockquote><p>Der geckenhaft gesuchte Ausdruck, die geistreichelnde Bilderei, das überflüssige Lesefrüchteln, das Prunken mit eilig zusammengerafftem Papierwissen, das eitle Auskramen von Brocken aus allen möglichen fremden Sprachen, die verstiegene Fremdwörtelei, die ‚preziöse‘, sich kostbar machende Vornehmtuerei, die Unnatur des Schwulstes.</p></blockquote>
<p>Wer sich der Vornehmtuerei, der Fremdwörtelei und dem Schwulst hingibt, bemäntelt mit den stilistischen Arabesken oft eine innere Leere: Er bietet ein Feuerwerk der Form, gibt sich jedoch in seinem wahren Selbst nicht zu erkennen. Auch bei Texten, die nicht vornehm tun wollen, ist die Eitelkeit eine Gefahr. Der Spruch „Kill your darlings!“ ist nicht von ungefähr ein Klassiker der Schreibratgeber. Wer kennt das nicht: Man ist stolz auf die brillante Idee, sonnt sich in seinem Satz – und weiß doch insgeheim, dass er besser klingt, als er ist. Gute Lektoren achten nicht nur darauf, dass im Text das steht, was der Autor ausdrücken wollte, sie nehmen auch keine Rücksicht auf dessen allfällige Selbstverliebtheiten. Das ist oft ein Drahtseilakt, denn nicht alle Autoren sind so pragmatisch wie Stephen King, der seine Bücher von seiner Frau Tabby gegenlesen lässt:</p>
<blockquote><p>Gott sei Dank habe ich jemanden, der mir sagt, dass mein Hosenstall offensteht, bevor ich damit raus an die Öffentlichkeit gehe.</p></blockquote>
<h3>Schreiben braucht Mut</h3>
<p>Das Zweite, was dem wahrhaftigen Schreiben im Weg steht, ist die Angst.</p>
<blockquote><p>Angst, davon bin ich überzeugt, ist meistens die Ursache schlecht geschriebener Texte.</p>
<p style="text-align: right;"><span style="font-size: 80%;">Stephen King</span></p>
</blockquote>
<p>Schreiben braucht Mut: zuerst den Mut herauszufinden, was zum Vorschein kommt, wenn man die ganzen Konventionen und Selbsttäuschungen einmal zur Seite räumt, und dann den Mut, sich zu dem, was man ausgegraben hat, auch zu bekennen.</p>
<p>Wahrhaftige Literatur sagt auf immer wieder neue Art:</p>
<blockquote><p>Ich ist ein anderer.</p>
<p style="text-align: right;"><span style="font-size: 80%;">Arthur Rimbaud</span></p>
</blockquote>
<h5><span style="text-decoration: underline;"><strong>Verwendete Literatur:</strong></span></h5>
<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Eduard Engel: Deutsche Stilkunst</strong><br />
Die Andere Bibliothek 2016 · 976 Seiten · 78 Euro<br />
ISBN: 978-3847703792<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Stephen King: Das Leben und das Schreiben</strong><br />
Heyne Verlag 2011 · 384 Seiten · 10,99 Euro<br />
ISBN: 978-3453435742<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Virginia Woolf: Der ungewöhnliche Leser. Band 2</strong><br />
Aus dem Englischen von Hannelore Faden<br />
S. Fischer 1990 · 324 Seiten · 17 Euro<br />
ISBN: 978-3100925725<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Joseph Brodsky: Der sterbliche Dichter</strong><br />
Essays<br />
Aus dem Englischen von Sylvia List<br />
S. Fischer 2000 · 320 Seiten · 12,90 Euro<br />
ISBN: 978-3596145973<br />
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<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: Prudentia. Die Klugheit<br />
Illustration zu Johann Amos Comenius: Orbis sensualium pictus — Kapitel CX.<br />
Künstler vermutl. Paul Creutzberger.<br />
Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOrbis-pictus-224.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
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		<title>Montauk revisited</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 May 2017 08:40:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Montauk]]></category>
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					<description><![CDATA["Montauk" sei ein aufrichtiges Buch, sagte Max Frisch 1975. Heute ist Authentizität ein Schlagwort. Trifft es zu auf Max Frischs Erzählung? Eine Diskussion mit Beiträgen von Herwig Finkeldey, Lars Hartmann, Sieglinde Geisel und Frank Heibert. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Zum Start von Volker Schlöndorffs Film <em>Rückkehr nach Montauk</em> hatten wir auf tell ursprünglich einen Lektüretipp zu Max Frischs <em>Montauk</em> geplant. Doch dann kamen in der Redaktion Fragen auf. Max Frisch behauptet in <em>Montauk</em>, er habe nichts erfunden. „Authentizität“ und <a href="http://tell-review.de/die-neue-ego-literatur/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">„Ego-Literatur“</a> sind Schlagworte aus einer aktuellen Debatte in der Literatur. <em>Montauk</em> wurde 1975 veröffentlicht – wie lesen wir den Text vor diesem Hintergrund?</p>
<p>Max Frisch nennt  <em>Montauk</em> „Eine Erzählung“, nicht etwa „Ein Bericht“. Er stellt dem Buch ein Zitat von Montaigne als Motto voran:</p>
<blockquote><p><span style="font-variant: small-caps;">Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, dass ich mir darin kein anderes Ende vorgesetzt habe als ein häusliches und privates … Ich habe es dem persönlichen Gebrauch meiner Freunde und Angehörigen gewidmet, auf dass sie, wenn sie mich verloren haben, darin einige Züge meiner Lebensart und meiner Gemütsverfassung wiederfinden … denn ich bin es, den ich darstelle. Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, soweit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaubt … So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches, es ist nicht billig, dass du deine Muße auf einen so eitlen und geringfügigen Gegenstand verwendest. / Mit Gott denn, zu Montaigne, am ersten März 1580.</span></p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">(Deutsch von Johann Daniel Tietz)</h6>
<p>Wer spricht in <em>Montauk</em>? In vier Texten suchen wir nach Antworten.</div></div>
<hr />
<h3>Authentisch – das neue Erhabene?</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Herwig Finkeldey</a></p>
<p>1975 erscheint Max Frischs <em>Montauk</em>. Der Autor, der seine Geschichten bisher immer anprobierte „wie Kleider“, wie er selbst sagt, bekennt nun:</p>
<blockquote><p>Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten.</p></blockquote>
<p>Als eine Ursache dieses Verrats sieht Frisch die „Berufskrankheit des Schriftstellers“: das Leben nur als Rohmaterial für sein Werk zu verstehen. Sein Konzept gegen diesen Verrat nennt Frisch Aufrichtigkeit, er beruft sich dabei auf Montaigne.</p>
<p>Allerdings zieht seine Aufrichtigkeit in <em>Montauk</em> reale Personen in Mitleidenschaft. Er macht sie kenntlich, teilweise nennt er sie beim Namen (wie Ingeborg Bachmann), teilweise ergibt sich ihre Identität aus dem Zusammenhang. Seine zweite Ehefrau lässt er direkt zu Wort kommen:</p>
<blockquote><p><span style="font-variant: small-caps;">Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, dass du über mich schreibst.</span></p></blockquote>
<p>Dass er es dennoch tat, ist juristisch fragwürdig. Ich bin den realen Vorbildern dankbar dafür, dass sie keine juristischen Schritte gegen das Buch unternommen haben und wir damit auch ihr Leiden an Max Frisch („Max, you are a monster“) bis heute lesen können.</p>
<p>Eine andere Frage ist, ob Frischs Text den Anspruch der Aufrichtigkeit einlöst, ob er „authentisch“ ist. Nachdem er das Manuskript gelesen hat, schreibt Uwe Johnson Frisch in einem Brief, es sei dem Autor gelungen,</p>
<blockquote><p>aus dem eigenen Leben mit den Mitteln der Literatur ein Kunstwerk herzustellen.</p></blockquote>
<p>Heute wird unter authentisch eher die ungefilterte Rede verstanden, die gerade kein Kunstwerk sein will, sondern so etwas wie das wahre Leben. Authentizität gilt dabei oft als positive Eigenschaft eines Textes, so wie vor dreißig Jahren die Betroffenheit und in der Spätromantik vielleicht das Erhabene.</p>
<p>Doch ist dieses aufrichtige Buch nun authentischer als Frischs Romane? Hat die Aufrichtigkeit überhaupt etwas mit dem Inhalt zu tun – wäre also ein Buch bereits dann authentisch, wenn der Autor darin sein eigenes Leben zum Thema macht?</p>
<hr />
<h3>Die Vergeblichkeit des Authentischen</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/lars-hartmann/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lars Hartmann</a></p>
<p>Authentizität ist Fiktion. Bereits wenn wir eine Geschichte aus dem Alltag erzählen, fabulieren wir: Wir kleiden in Worte, schmücken aus. Auch wenn sich Max Frisch mit Montaigne Aufrichtigkeit vornimmt, auch wenn sich in <em>Montauk</em> manche Personen wiedererkannt haben – um Authentizität geht es nicht. Die eigentliche unerhörte Begebenheit dieser Prosa ist das Spiel mit der Wirklichkeit und der eigenen Wahrnehmung. Frisch konfrontiert uns mit den Brüchen (s)einer Biografie. Zweifel schleichen sich in die Erinnerungen des Ichs –</p>
<blockquote><p>Oder belüge ich uns?</p></blockquote>
<p>Dieses Unbehagen an der eigenen Wahrnehmung hat allerdings Methode:</p>
<blockquote><p>… der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.</p></blockquote>
<p>Der Ich-Erzähler, hinter dem wir den Schriftsteller Max Frisch vermuten dürfen, kokettiert nur mit dem Tagebuchhaften. Und dies widerspricht der Aufrichtigkeit.</p>
<p>In der Literatur geht es nicht darum, wie wahr eine erzählte Geschichte ist, sondern wie gut ein Autor sie erzählt. Authentizität gründet nicht darin, dass das Erzählte mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern dass es stimmig erzählt wird.</p>
<blockquote><p>Ein langer leichter Nachmittag:</p>
<p>Schuhe im Sand. Lynn läuft noch immer und weit weg, im Augenblick ist die Gestalt kaum zu erkennen, da dort, wo sie jetzt läuft, das Meer unter der Sonne glitzert und blendet. Sie läuft herwärts, scheint es. Später wird sie deutlich: sie läuft in Bögen, wie Slalom, vermutlich läuft sie um die einzelnen Schaumzungen der Brandung, einmal schwingt sie ihre Arme dazu. Aus Lust.</p></blockquote>
<p>Für uns Leser sind es Variationen auf Lynn – und eben auch Variationen auf das, was ein Autor macht, der sich mit den Mitteln der Literatur einem Menschen annähert, einem Augenblick, ohne ihn zu erreichen. Frisch weiß um die Vergeblichkeit des Authentischen. Von dieser Spannung zwischen Leben und Literatur erzählt <em>Montauk.</em></p>
<blockquote><p>Literatur hebt den Augenblick auf, dazu gibt es sie. Die Literatur hat die andere Zeit, ferner ein Thema, das alle angeht oder viele – was man von ihren zwei Schuhen im Sand nicht sagen kann …</p></blockquote>
<hr />
<h3>Im Spiegelkabinett</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sieglinde Geisel</a></p>
<p>„Warum wirkt diese Prosa nicht privat?“ Das habe ich vor über dreißig Jahren notiert, oben auf einer Seite von <em>Montauk</em>. Da behauptet einer, er erzähle nichts als sein Leben, doch mit dem, was heute unter Authentizität verstanden wird, hat dieses Buch nichts zu tun. Der Autor, der hier „unter Kunstzwang“ schreibt, ist gespalten, und sein sorgfältig gestalteter Text wechselt zwischen der dritten und der ersten Person, was bisweilen zu bemerkenswerten Sätzen führt:</p>
<blockquote><p>Das erspart ihm Reden, die mich langweilen.</p></blockquote>
<p>Unmittelbarkeit ist diesem Erzähler fremd. Er inszeniert sich, und weil er um Kontrolle ringt, ist dieses autobiografische Buch nicht privat, sondern für andere – also Kunst.</p>
<p>Beim Wiederlesen erstaunt es mich, dass Frischs Angehörige damals so schockiert waren. Intimitäten finden sich kaum, diese Passage über Lynn ist eine Ausnahme:</p>
<blockquote><p>Wenn sie weiß, dass zum ersten Mal ihre Brüste gesehen werden, schließt sie die Augen und sagt: They are very small.</p></blockquote>
<p>Bei einem Buch, für das sich der Autor vornimmt, aufrichtig zu sein, sucht man nach der Lüge. In der Tat gibt es Passagen, die mir unehrlich vorkommen, und zwar jene, in denen der Erzähler seine früheren Frauen lobt.</p>
<blockquote><p>Zu beschreiben wäre die eine und andere Speise, die Du erfunden hast / wie Du jüngere und alte Leute gewinnst, so daß sie gern ins Haus kommen /</p>
[I]ch sehe sie mit Hochachtung und verwundert, dass ich der Vater ihrer drei Kinder geworden bin.</p></blockquote>
<p>Was Frischs Frauen und Kinder verletzt hat, war vielleicht nicht die ungebetene Öffentlichkeit, sondern die Kälte der gnadenlos genauen Wendungen: „der Vater ihrer drei Kinder“.</p>
<p>Ist <em>Montauk</em> ein mutiges Buch? Von der schonungslosen Offenheit, die heute so bewundert wird, findet sich nichts, im Gegenteil. Aufgeladen wird der Text gerade durch das, was der Autor verschweigt. Dieser Autor schont sich, er gefällt sich in vermeintlich selbstbezichtigenden Wendungen („ich erfinde für jede Partnerin eine andere Not mit mir“). Letztlich gibt er nichts preis.</p>
<p>Kann einer, der seine Wahrnehmungen fürs Schreiben plündert, überhaupt etwas preisgeben?</p>
<blockquote><p>Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.</p></blockquote>
<p>Ist dieser Satz, den der Autor einem amerikanischen Journalisten ins Mikrofon gesprochen hat, aufrichtig oder nur für die Presse? Auch die Umkehrung dieses Satzes findet sich in <em>Montauk</em>, wenige Seiten später:</p>
<blockquote><p>und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.</p></blockquote>
<p>Gibt es ein echtes Leben im geschriebenen? <em>Montauk</em> ist ein Spiegelkabinett.</p>
<hr />
<h3>Die Suche nach der wahren Empfindung</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/frank-heibert/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Frank Heibert</a></p>
<p>Max Frischs <em>Montauk</em> ist ein meta-authentischer Text. Seine Beschäftigung mit dem Autor selbst und seinem Leben ist Programm. Es wird ständig reflektiert und in Frage gestellt. Gegen Ende des Buchs heißt es:</p>
<blockquote><p><span style="font-variant: small-caps;">Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser –</span><br />
und was verschweigt es und warum?</p></blockquote>
<p>Max Frisch nimmt eine Wochenend-Affäre zum Anlass, über seine Beziehung zu Frauen nachzudenken, die brüchigen Loyalitäten, die Missverständnisse. Doch in Wahrheit arbeitet er sich an der Blockade seiner Emotionen ab.</p>
<blockquote><p>Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen.</p></blockquote>
<p>Sein bisheriges Schreiben, in dem er nur die Gefühle fiktionaler Figuren in Worte gefasst hat, betrachtet er kritisch:</p>
<blockquote><p>Ich habe mir mein Leben verschwiegen (…) mich in diesen Geschichten entblößt, bis zur Unkenntlichkeit.</p></blockquote>
<p>Jetzt will er</p>
<blockquote><p>erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position.</p></blockquote>
<p>Hinter seinem Erzählen steht also eine neue Haltung. Einfältig schreibt er keineswegs. Er will sich jetzt bis zur Kenntlichkeit entblößen. Hat er früher seine Geschichten wie Kleider anprobiert, so streift er nun die neue Haltung über. Aber das Kleidungsstück will nicht recht passen. Denn auch so kommt er an seine Gefühle nicht heran. Er weiß das, und er leidet darunter. Mit dieser Ambivalenz von Sehnsucht und Angst steht er in einer langen Tradition von Künstlern, die verzweifelt auf der Suche nach der wahren Empfindung sind und immer wieder daran scheitern. Darin ist der Schriftsteller in <em>Montauk</em> zutiefst authentisch.</p>
<blockquote><p>Ich möchte wissen, was ich, schreibend unter Kunstzwang, erfahre über mein Leben als Mann.</p></blockquote>
<p>Doch da er nicht an die Quellen seines Lebens als Mann herankommt, verhakt sich die Reflexion darüber in Rechtfertigungen, in Selbststilisierungen als Opfer des ewigen Rätsels Weib:</p>
<blockquote><p>Ich leugne nicht meine Schuld; (…) sie wird gebraucht, unsere Schuld, sie rechtfertigt viel im Leben anderer.</p></blockquote>
<p>Man beachte das männersolidarische Wörtchen „unser“! Er findet, er „verwöhnt [die Frauen] durch seine Selbstbezichtigungen“ und bezichtigt sich denn auch märtyrerhaft des „Laster[s] des <em>male chauvinism</em>“. Ein typischer Mann seiner Zeit mithin: so unbeholfen und unauthentisch, wie er mit seinem Gefühlsleben umgeht, ist er ein authentisches Symptom für einen (vergangenen) gesellschaftlichen Zustand.</p>
<p>Die zeitlose Qualität von <em>Montauk</em> liegt in den kleinen Juwelen der Beobachtungen und Situationen, in all den Passagen, die 100% fiktional sein könnten, deren Authentizität also nicht aus autobiografischer Beglaubigung herrührt, sondern in ihrer künstlerischen Verdichtung zum Leuchten kommt.</p>
<blockquote><p>Wenn sie die hölzerne Treppe zum hölzernen Hotel hinaufgeht, schaut er ihr nicht nach; er kann es sich vorstellen, wie sie die Arme bewegt, Grazie nicht ohne Komik. Er kann sie auch vergessen, zum Beispiel wenn er mit Leuten ist. Er sieht sie mit Wohlgefallen, wenn sie speist; dieser ungeile Appetit der Hageren.</p></blockquote>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Max Frisch<br />
<strong>Montauk</strong><br />
Eine Erzählung<br />
Suhrkamp Taschenbuch 2016 · 224 Seiten · 8 Euro<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="10012" data-permalink="https://tell-review.de/montauk-revisited/frisch_montauk/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Frisch_Montauk.jpg?fit=303%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="303,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Frisch_Montauk" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Frisch_Montauk.jpg?fit=303%2C499&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-10012" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Frisch_Montauk-182x300.jpg?resize=182%2C300" alt="" width="182" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Frisch_Montauk.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Frisch_Montauk.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Frisch_Montauk.jpg?resize=300%2C494&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Frisch_Montauk.jpg?w=303&amp;ssl=1 303w" sizes="(max-width: 182px) 100vw, 182px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Montauk Point Lighthouse (2012)<br />
Via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Montauk_Pt_Lighthouse_from_Turtle_Cove.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wikimedia<br />
</a>Bearbeitung: Lars Hartmann<br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC-BY-SA 3.0</a></h6>
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		<title>Die neue Ego-Literatur</title>
		<link>https://tell-review.de/die-neue-ego-literatur/</link>
					<comments>https://tell-review.de/die-neue-ego-literatur/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Samuel Hamen]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Jan 2017 09:56:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
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					<description><![CDATA[In postfaktischen Zeiten gerät selbst die Fiktion in Verruf. „Radikale Ich-Texte“ wie die (Tage-)Bücher von Karl-Ove Knausgård haben Konjunktur. Auf der Strecke bleiben Weltentwürfe, die imaginieren, wie es hätte sein können. Eine Erwiderung auf einen Artikel von Peter Praschl in der „Welt“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">E</span>s beginnt mit einer Enttäuschung. „Doch es gab mir nichts mehr.“ Peter Praschl mag keine Fiktionen mehr lesen. Er leide an einem „Fiktionalitäts-Ennui“, schrieb er vor wenigen Tagen in der <a href="https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article160960374/Warum-mich-Romane-heute-nur-noch-langweilen.html" target="_blank">Welt</a>. (Die neue Langeweile gegenüber Romanen teilt er übrigens mit <a href="https://www.ft.com/content/bcfc4554-9d87-11e0-9a70-00144feabdc0#axzz1QaqOE8NR">Philip Roth</a>.) Kafka, Flaubert, Joyce et al. finde er nicht mehr lesenswert, stattdessen habe er sich darauf verlegt, sich</p>
<blockquote><p>Texte reinzuziehen, in denen ein schreibendes Ich mir lesendem Ich erzählte, was los war in seinem Leben, das meistens meinem eigenen ähnlich war [&#8230;], und gleichzeitig total anders.</p></blockquote>
<p>Diese Abwendung vom Roman geht einher mit der Hinwendung zu Büchern von Autoren wie Thomas Melle, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Karl-Ove Knausgård. Sie würden „radikale Ich-Texte“ schreiben, die „mutiger“ seien als Romane, so Praschl. Das ist zwar eine willkommene, letztlich aber willkürliche Aufteilung – werden doch sowohl Melles <a href="http://tell-review.de/wenn-nichts-mehr-stimmt/" target="_blank"><em>Die Welt im Rücken</em></a> wie auch Knausgårds <em>Min kamp</em>-Reihe auf den jeweiligen Verlagsseiten als Roman rubriziert. Und bei <em>Panikherz </em>habe man, so von Stuckrad-Barre auf seiner Lesereise im vergangenen Jahr, unter anderem deswegen auf den Gattungszusatz Roman verzichtet, weil es auf der Sachbuchliste einfacher sei, auf Platz 1 aufzusteigen, als in der Belletristik.</p>
<h3>Wahr oder erfunden?</h3>
<p>Was ist überhaupt ein „Ich-Text“? Viele Romane sind in der ersten Person Singular geschrieben, und es gibt wiederum autobiografische Schriften, die in der dritten Person Singular verfasst sind, weil ihre Autoren Distanz herstellen wollen zum Erlebten. Hinzu kommen literarische Memoirs, die Fiktionalität als Bestandteil ihres Erzählens anerkennen und thematisieren, etwa Katja Petrowskajas <em>Vielleicht Esther</em>. Der Gegensatz, den Praschl behauptet, lässt sich nicht halten.</p>
<p>Seine neue Ego-Literatur mag überwiegend autobiografisch durchdrungen sein, doch das ändert nichts daran, dass wir uns auch beim Lesen von <em>Panikherz </em>oder <em>Sterben </em>auf eine literarische Kommunikation einlassen, auf ein Zwiegespräch mit einem Gegenüber, bei dem wir uns nie sicher sein können, ob das, was wir lesen, wahr ist oder gelogen. Und ist das nicht der Trumpf der Literatur? Dass sie uns von der alltäglichen Mühe entbindet, ständig zwischen Wahrem und Erfundenem zu unterscheiden?</p>
<p>Praschl liest also nach wie vor Romane, nur mag er das Romanhafte an ihnen nicht mehr, und deshalb leugnet er, dass es Romane seien. Das Fiktionale ist ihm nicht mehr Trumpf, sondern Makel. Es erstaunt, dass Praschl als Literaturredakteur den Gründen dieser Abkehr nicht nachgeht. Stattdessen setzt er mit der gezierten Geste des Enttäuschten zu angeblich neuen Ufern über und schlägt sein Zelt inmitten der Ich-Texte auf, mit „ihrer Radikalität, ihrer Risikofreude, ihrer Verschlungenheit, ihrer Rohheit, ihrer Direktheit und ihrer emotionalen Wucht.“</p>
<h3>Gespenster ohne Substanz</h3>
<p>Auch dieser Unmut ist keineswegs neu. Recht grob führt Praschl die These von Maxim Biller weiter, die dieser bereits 2011 einigermaßen grob in der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/unsere-literarische-epoche-ichzeit-11447220.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2" target="_blank">FAZ </a>formuliert hat:</p>
<blockquote><p>Die Literatur braucht wieder ein starkes, glaubhaftes, mitreißendes, suggestives Erzähler-Ich, das stärkste, das es je gab – sonst hört ihr uns, die tief empfindenden Dichter und Denker, im immer lauter werdenden Medienlärm nicht mehr.</p></blockquote>
<p>David Shields argumentiert in seinem Text <em>Saving my life</em> (2012) ganz ähnlich in Bezug auf Blogs:</p>
<blockquote><p>The blog form: immediacy, relative lack of scrim between writer and reader, promised delivery of unmediated reality, pseudoartlessness, nakedness, comedy, real feeling hidden ten fathoms deep.</p></blockquote>
<p>Bemerkenswert ist die poetologische Verschiebung, die sich in den letzten fünf Jahren vollzogen hat. 2011 schreibt Biller über den Autor von Gegenwartsliteratur:</p>
<blockquote><p>Ob er dafür eine gewisse Anna Karenina erfinden muss oder bis zur Kenntlichkeit sein eigenes Ich entblößt, ist egal.</p></blockquote>
<p>Heute, an einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des verrückten 21. Jahrhunderts, ist das nicht mehr egal.</p>
<blockquote><p>Ich war muffig, ungnädig, meine Güte, dachte ich, was soll das, jetzt lässt Flaubert wieder seine Kutsche durch die Gegend fahren, und ich soll Emma verachten, was für ein durchsichtiger Trick,</p></blockquote>
<p>schreibt Praschl.</p>
<p>Anna und Emma werden zum unerwünschten Personal. Sie sind Gespenster ohne Substanz, Humbug ohne Körper – und die Autoren hinter ihnen erscheinen als Aufschneider, die uns etwas vormachen wollen.</p>
<h3>Abwehrzauber gegen Fake News</h3>
<p>Plötzlich steht wieder der alte Verdacht im Raum: Fiktion ist Lüge! Jeder Erzählung ist mit Misstrauen zu begegnen, weil sie den Leser bezirzt, manipuliert, an der Nase herumführt. Die momentane „J’accuse“-Stimmung gegenüber der Fiktion ballt sich zum absurden Vorwurf, Romane seien postfaktisch. Der gegenwärtige Abgesang auf die Fiktion ist daher vor allem eins: ein so verwegener wie naiver Abwehrzauber gegen die sogenannten Fake News. Man möchte sich lieber mit Texten auseinandersetzen, die <a href="http://tell-review.de/gefaehrliche-leibschaften/" target="_blank">Realitätstreue </a>versprechen.</p>
<p>Auf der Strecke bleiben jene Weltentwürfe, die nicht behaupten zu sagen, wie es ist, sondern die imaginieren, wie es hätte sein können. Vor einigen Monaten stellte Lukas Bärfuss im Gespräch mit der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/lukas-baerfuss-peter-von-matt-und-sibylle-berg-14196834.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2">FAZ</a> die Diagnose:</p>
<blockquote><p>Die Zerstörung des positiven Zukunftsbegriffs ist eines der zentralen Probleme unserer Zeit.</p></blockquote>
<p>Knausgård &amp; Co sind keineswegs deshalb relevant, weil sie vorgeben, authentisches Leben zu schildern und sich hierfür mit dem zurzeit sehr gefragten Attribut „wahr“ schmücken dürfen. Der erzählerische Rückzug in das biografische Jetzt – sei es dasjenige eines Ex-Junkies, eines trunksüchtigen Vaters oder eines Menschen mit bipolarer Störung – ist ein Symptom: Wir wissen unsere Zukunft nicht mehr zu erzählen und fabrizieren stattdessen narzisstische „Ich-Texte“.</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:</em><br />
<em> John William Waterhouse: Echo and Narcissus</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AJohn_William_Waterhouse_-_Echo_and_Narcissus_-_Google_Art_Project.jpg" target="_blank">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
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		<title>Gefährliche Leibschaften</title>
		<link>https://tell-review.de/gefaehrliche-leibschaften/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Samuel Hamen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Sep 2016 08:46:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Fake]]></category>
		<category><![CDATA[Image]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Gegenwartsliteratur hat das wahre Leben Konjunktur. Es ist eine Wahrheit, die durch den Leib des Autors beglaubigt wird. Karl Ove Knausgård, Benjamin von Stuckrad-Barre, Clemens Meyer, Michel Houellebecq: der Körper als Garant für Authentizität.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>I.</h3>
<p><span class="dropcap">D</span>er Fake ist überall – egal, ob <em>Fifty Cent </em><a href="http://petapixel.com/2016/03/12/broke-50-cent-tells-judge-takes-photos-fake-money-publicity/" target="_blank">mit falschen Dollarscheinen</a> posiert, ob eine politische Initiative eine Kampagne des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales <a href="http://deutschland-sagt-sorry.de/" target="_blank">imitiert</a> oder <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/7500917.stm" target="_blank">zu viele Trägerraketen</a> auf Bildern einer iranischen Militärübung zu sehen sind. Jan Böhmermanns klassisch gewordener <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Vx-1LQu6mAE" target="_blank">Varoufake</a> sei nur am Rande erwähnt. Wir leben in gefährlichen Zeiten. Wer als Mediennutzer nicht aufpasst, steht schnell einmal als tumber Naivling da. Nicht zufällig wird das Münchner Filmfestival<a href="https://www.dokfest-muenchen.de/" target="_blank"><em> DOK.fest </em></a>immer beliebter – Dokus sind so schön und echt. Wir haben einfach keine Lust mehr, belogen zu werden.</p>
<p>Die neue Behutsamkeit mit ihrem Faible für das Authentische bricht sich auch in der Gegenwartsliteratur Bahn. Vor einem Jahr wurde Karl Ove Knausgårds autobiografischer Prosa-Zyklus <em>Min kamp</em> durch die deutschen Feuilletons gereicht wie zuckrige Erdbeerbowle auf einer miefigen Firmenfeier. Nachdem die FAZ den ersten Band Sterben seinerzeit als &#8222;unerschrocken und souverän“ gefeiert hatte, bekannte Ijoma Mangold nun in der <a href="http://www.zeit.de/2014/28/karl-ove-knausgard-entschleunigung-min-kamp/komplettansicht" target="_blank"><em>Zeit</em></a>, „die Wucht seiner Bücher“ habe ihn förmlich erschlagen, und <a href="http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16930" target="_blank">literaturkritik.de</a> ergötzte sich an einer „radikal-autobiografischen Stimme der eigenen Persönlichkeit.“ Frei nach Rilkes Mantra „Wer spricht von Siegen? Überstehen ist alles!“ heißt es in der <a href="https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article122268136/Er-zeigt-uns-wie-wir-lieben-kaempfen-sterben.html" target="_blank"><em>Welt</em></a> ehrfurchtsvoll: „Man konnte sich kaum vorstellen, wie er es überstanden hatte, das alles aufzuschreiben“. Nun, Karl Ove Knausgård hat es überstanden, und er hat sich und sein Schreiben dadurch zu einem Label gemacht.</p>
<blockquote><p>Geprägt von der skandinavischen Herkunft, ist die [&#8230;] Philosophie von einer liberalen und aufgeschlossenen Haltung bestimmt: &#8222;The Freedom to be Yourself&#8220;.</p></blockquote>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="4457" data-permalink="https://tell-review.de/gefaehrliche-leibschaften/mop_schalaktion-_v354791102_1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/mop_schalaktion-_v354791102_1.jpg?fit=401%2C325&amp;ssl=1" data-orig-size="401,325" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="mop_schalaktion-_v354791102_1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/mop_schalaktion-_v354791102_1.jpg?fit=401%2C325&amp;ssl=1" class="alignright wp-image-4457 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/mop_schalaktion-_v354791102_1.jpg?resize=401%2C325" alt="mop_schalaktion-_v354791102_1" width="401" height="325" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/mop_schalaktion-_v354791102_1.jpg?w=401&amp;ssl=1 401w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/mop_schalaktion-_v354791102_1.jpg?resize=80%2C65&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/mop_schalaktion-_v354791102_1.jpg?resize=300%2C243&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 401px) 100vw, 401px" /></p>
<p>Nein, wir sind nicht auf der Homepage von Knausgårds Agentur oder seinem Verlag gelandet, sondern auf derjenigen von <a href="http://company.marc-o-polo.com/unternehmen/philosophie/?lang=de" target="_blank">„Marc O’Polo“</a>. Die unternehmensphilosophische Nähe zwischen Knausgård und der Kleidermarke ist bezeichnend. Knausgård verbürgt sein Schreiben durch seinen Körper; dadurch macht er sich zum Model seiner selbst. Er gerinnt zur autorschaftlichen Werbemaßnahme in eigener Sache.</p>
<p>Ein gutes Jahr später hat der deutsche Buchmarkt nachgezogen und seinen früheren Pop-Buben und heutigen Ex-Junkie-Helden Benjamin von Stuckrad-Barre ins Feld geschickt. Sein Roman <em>Panikherz</em> wird gelobt als „ehrlich, anrührend“ (<a href="http://www.bild.de/unterhaltung/leute/benjamin-von-stuckrad-barre/muss-ich-panikherz-von-stuckrad-barre-lesen-44907136.bild.html" target="_blank"><em>BILD</em></a>), als „klug, schnell, poetisch, komisch und [&#8230;] wahr“ (Ferdinand von Schirach), als „wahnsinnig und intensiv“ (<a href="http://www.fnp.de/nachrichten/kultur/bdquo-Panikherz-rdquo-Neues-von-Stuckrad-Barre;art46564,1899969" target="_blank">Frankfurter Neue Presse</a>). Es sei „die schönste autobiographische Literatur“ (<a href="http://www.bz-berlin.de/kultur/literatur/panikherz-die-lebensbeichte-eines-zaertlichen-berserkers" target="_blank">bz-berlin.de</a>) und warte mit „einer Wucht an Ehrlichkeit“ auf (<a href="http://derstandard.at/2000032736356/Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Hier-geht-es-ums-Eingemachte" target="_blank">derstandard.at</a>). Eins hat Stuckrad-Barre seinem Kollegen Knausgård sogar voraus: 1999 hat er bereits für ein Bekleidungshaus gemodelt und auf diese Weise <a href="http://www.zeit.de/1999/37/199937.reden_stuckrad_k.xml" target="_blank">Arbeitsbereich und Wirkungsfeld des Autors</a> erweitert.</p>
<h4>Legendenbildung in eigener Sache</h4>
<p>Beiden Autoren ist gemein, dass sie ihre Lebensbeutelungen unverhohlen als biografische Narrative verwerten und dass sie behaupten, ihr Leben 1:1 in Literatur zu transportieren. Der russische Formalist Boris Toma­ševskij spricht diesbezüglich von den „›literarischen Funktionen‹ der Biographie“<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> und von der „vom Autor selbst geschaffenen Legende seines Lebens, die allein ein literarisches Faktum darstellt“. Diese Legendenbildung hinzubekommen, das ist die selbstauferlegte Aufgabe dieser beiden Wahrheits(dar)steller. Hierfür werfen sie alles in die Waagschale: ihr Familienglück, ihr Renommee, ihr Schreibtalent und ihren schriftstellerischen Körper. Der Körper wird zur Fläche, auf der so etwas wie Authentizität überhaupt noch möglich und vor allem nachweisbar ist.</p>
<blockquote><p>Dann schon, nach wenigen Sekunden, zittert er wieder.</p></blockquote>
<p>Mit diesem Satz endet ein <a href="https://www.taz.de/%215287392/">taz-Artikel</a> über eine <em>Panikherz</em>-Lesung von Stuckrad-Barre. Erst dieses Zittern authentifiziert Stuckrad-Barres Sprechen über seine bombastisch destruktive Junkie-Zeit; erst der live einsehbare körperliche Verfallszustand garantiert die Echtheit des fiktional behaupteten Verfalls. Nur so lässt sich der Vorwurf des Fakes und der Junkie-Travestie von sich weisen, selbst wenn dieser Vorwurf für einen literarischen Entwurf noch so widersinnig erscheinen mag.</p>
<p>Und Knausgård?</p>
<div id="attachment_4460" style="width: 673px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4460" data-attachment-id="4460" data-permalink="https://tell-review.de/gefaehrliche-leibschaften/knausgard-timeline/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/knausgard-timeline.png?fit=663%2C316&amp;ssl=1" data-orig-size="663,316" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="knausgard-timeline" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Google-Foto-Wall von Karl Ove Knausgård&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/knausgard-timeline.png?fit=663%2C316&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-4460" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/knausgard-timeline.png?resize=663%2C316" alt="Google-Foto-Wall von Karl Ove Knausgård" width="663" height="316" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/knausgard-timeline.png?w=663&amp;ssl=1 663w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/knausgard-timeline.png?resize=80%2C38&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/knausgard-timeline.png?resize=300%2C143&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 663px) 100vw, 663px" /><p id="caption-attachment-4460" class="wp-caption-text">Google-Foto-Wall von Karl Ove Knausgård</p></div>
<p>Die Google-Foto-Wall gibt erste Aufschlüsse über Knausgårds Label<em>: </em>skandinavische Herbheit, ein von einem schreckdurchsetzten Leben gegerbtes Gesicht, eine fast schon machohaft starke Präsenz – und das alles in HD. In ihrem Gehalt sind Knausgårds Porträts imagologische Pendants zu seinem Schreiben. Auch dort wird unserem geistigen Auge mit gnadenlosem Stolz jede Pore, jede Geste, jeder Gemütszustand dargeboten.</p>
<h4>Schonungslose Nähe</h4>
<p>Und just deswegen muss diese ganze werbewirksame Volte irgendwann in sich zusammenstürzen. Von Knausgård, der für seine unprätentiöse Wahrheitsschau und seinen ehrlichkeitsdurchdrungenen Verzicht auf Erfindung gelobt wurde, gibt es fast keine Fotos, die nicht hergerichtet wären, um einen Effekt zu erzielen – nämlich denjenigen der Zoom-Authentizität und schonungslosen Nähe. Analog hierzu ist der <em>Min kamp</em>-Zyklus ein monumentaler Stilkniff, um den Eindruck des Authentischen auch im Schriftlichen herzustellen, ohne dass dies als handelsübliche Effekthascherei zu erkennen (und zu entlarven) wäre. Das ist das einzige, soghaft wirksame Axiom seiner Literatur.</p>
<p>Aber sieht die Google-Foto-Wall nicht bei jedem Autor so aus? Die Bilder variieren, je nach Alter, Geschlecht, Herkunft sowie Stellung innerhalb des Literaturbetriebs. Wahrscheinlich ließe sich anhand der Google-Foto-Wall sogar eine verknappte Geschichte der jüngeren Literatur schreiben.</p>
<p>Clemens Meyers Imagologie etwa unterscheidet sich beträchtlich von derjenigen Knausgårds:</p>
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