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	<title>Trivialliteratur &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Trivialliteratur &#8211; tell</title>
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		<title>Satz für Satz 8: Trivialliteratur (II)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Dec 2016 09:59:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Satz für Satz]]></category>
		<category><![CDATA[Avantgarde]]></category>
		<category><![CDATA[Erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[Märchen]]></category>
		<category><![CDATA[Thriller]]></category>
		<category><![CDATA[Trivialliteratur]]></category>
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					<description><![CDATA[Trivialliteratur ist realistisch. Also muss realistische Literatur trivial sein. Solche Umkehrschlüsse sind beliebt – und sie sind falsch. Wir gehen ihnen nach.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">N</span>iemand will dabei erwischt werden, dass er Triviales mit Kunst verwechselt. Deshalb hätten wir gerne eindeutige Kriterien. Doch wie der „Satz-für-Satz“-Beitrag <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/" target="_blank">Trivialliteratur (I)</a> gezeigt hat, ist die Frage, woran man Trivialliteratur erkennt, keineswegs trivial. Die Grenzgänger (u. a. <em>Harry Potter</em>, Stephen King, <em>Star Wars </em>und viele TV-Serien) machen uns die Unterscheidung schwer.</p>
<p>Umso verführerischer sind einfache Lösungen, zum Beispiel der Umkehrschluss: Kunst ist alles, was Trivialliteratur nicht ist (z. B. experimentell). Und alles wiederum, was auf Trivialliteratur zutrifft, kann keine Kunst sein (z. B. die eindeutige Scheidung in Gut und Böse). Oder man nimmt gleich das Genre als Kriterium, als wären Krimis, Thriller, Arztromane per se trivial. In der Unterhaltungs­branche hat sich der Begriff der <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/#Genre" target="_blank">„Genre-Literatur“</a> durchgesetzt, so sehr sind wir kollektiv davon überzeugt.</p>
<p>Doch so bequem sie sind – Umkehrschlüsse schaffen keine Ordnung, sondern Missverständnisse.</p>
<h4><strong>Irrtum Nr. 1:</strong></h4>
<h4>&#8211; Trivialliteratur ist realistisch.<br />
&#8211; Realistische Literatur muss trivial sein.</h4>
<blockquote id="Eugenides"><p>Ich hatte beim Schreiben Lehrer, die mir erzählten, es sei nicht länger möglich, Geschichten zu erzählen. Ähnlich der Hochmoderne in der klassischen Musik. Keine Melodien mehr!</p></blockquote>
<p>Mit diesen Worten wird Jeffrey Eugenides in einem <a href="https://www.welt.de/print-welt/article460160/Schluss-mit-lustig.html" target="_blank">Artikel </a>über amerikanische Gegenwartsliteratur zitiert.</p>
<p>Wenn es heißt, dass Autoren (insbesondere deutsche) „wieder erzählen können“, gehen manche Kritiker gleich in Deckung. In letzter Zeit war Elena Ferrantes <em>Meine geniale Freundin</em> ein prominentes Beispiel für diesen Vorbehalt gegenüber dem Erzählen. Ferrantes Buch sei „eins zu eins erzählt, ohne jeden Bruch“, keine Szene habe ihn überrascht, so Maxim Biller im Literarischen Quartett. Auch für Thomas Steinfeld gehört Elena Ferrantes Neapel-Saga zur Trivialliteratur. Über Ferrantes Stil verliert Steinfeld in seiner <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/welterfolg-neapolitanische-suite-von-elena-ferrante-puppenspiel-1.3128011" target="_blank">Rezension </a>mit dem Titel „Puppenspiel“ nur wenige Worte: Die Autorin schreibe „in einer flüssigen, unprätentiösen, aber zuweilen stark verdichteten Sprache“; später bezeichnet Steinfeld Ferrante als „eine nüchterne, zuweilen rücksichtslos analytische Erzählerin“. Der „scheinbar ungebrochene Realismus“ sei ein nostalgisches Projekt und nur „um den Preis einer sentimentalen Konstruktion zu haben“, so sein Fazit. Einmal abgesehen davon, dass sich mit Frauenfiguren offenbar ohnehin nur Triviales schreiben lässt: „Von Frauen also handeln diese Bücher“, bemerkt Steinfeld stirnrunzelnd. Man ersetze das Wort „Frauen“ durch „Männer“ und alles ist klar.</p>
<blockquote><p>Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben,</p></blockquote>
<p>sagt Joan Didion, und sie ist nicht die Einzige, die im Erzählen ein elementares menschliches Bedürfnis sieht. Das Erzählen dient zum einen der Unterhaltung und zum anderen der Deutung. Wir bewältigen unseren Alltag, indem wir Geschichten daraus fügen, das ist die noble Aufgabe des Erzählens. Doch dienen nicht alle Geschichten dazu, uns einen Reim auf unser Leben zu machen. Zum einen gibt es triviale Geschichten. Zum anderen kann man eine Geschichte auf eine triviale Weise erzählen. Und schließlich kann das Bedürfnis nach Geschichten, wie jedes menschliche Bedürfnis, für merkantile Zwecke missbraucht werden: In der Werbung ist Storytelling derzeit das führende Schlagwort.</p>
<p>Doch folgt aus all dem, dass das Erzählen sich als Kunstform überlebt habe? „Make it new“, lautet Ezra Pounds berühmte Forderung für künstlerische Innovation. <span class="pull-left">Adjektive schlagen Funken aus ihren Widersprüchen.</span>Warum sollte diese Maxime für die Kunst des Erzählens nicht mehr gelten?</p>
<p>Gerade Elena Ferrante gehört zu den Autorinnen und Autoren, die das Erzählen erneuern. Sie bedient keine Erwartungen. Um dies zu erkennen, muss man ihre Sätze allerdings so <a href="http://tell-review.de/page-99-test-elena-ferrante/" target="_blank">genau lesen</a>, wie sie geschrieben sind. Durch die Nüchternheit und Schärfe ihrer Sprache gelingt es ihr, auf dem Papier das zu erschaffen, was Flaubert „geschriebene Wirklichkeit“ nennt.</p>
<p>Woran kann man erkennen, dass Elena Ferrantes Prosa nicht trivial ist? Zum Beispiel an den <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-6-glanz-und-elend-des-adjektivs/" target="_blank">Adjektiven</a>:</p>
<blockquote><p>diese verbitterte, hasserfüllte, gefügige Angst</p></blockquote>
<p>Die Adjektive schlagen Funken aus ihren Widersprüchen. Denn vor Don Achille haben die Bewohner des Viertels in Neapel nicht einfach Angst. Es ist ein gemischtes, starkes Gefühl, das durch die Adjektive einen Resonanzraum erhält – und nachdem die beiden Mädchen &#8222;dem schrecklichen Don Achille&#8220; begegnet sind, zweifeln sie daran, ob diese komplexe Angst überhaupt gerechtfertigt ist.</p>
<p>Verstörend ist im Weiteren die subtile Art und Weise, wie Elena Ferrante von der selbstverständlichen familiären Gewalt erzählt, beispielsweise in einer Szene, in der die beiden Freundinnen Lila und Lenù zehn Jahre alt sind. In Lilas Wohnung im oberen Stock tobt ein wüster Familienstreit, von der Straße aus ruft Lenù verzweifelt nach ihrer Freundin, um sie herauszuholen.</p>
<blockquote><p>Plötzlich verstummte das Geschrei, und Augenblicke später flog meine Freundin über meinen Kopf hinweg aus dem Fenster und landete hinter mir auf dem Asphalt.</p></blockquote>
<p>Lila versucht aufzustehen, “mit einer fast belustigten Grimasse“:</p>
<blockquote><p>„Mir ist nichts passiert.“<br />
Doch sie blutete, sie hatte sich einen Arm gebrochen.</p></blockquote>
<p>Elena Ferrante erzählt mit doppeltem Boden, und sie setzt sehr effektvolle Lücken. In diesem Raum wird der Leser aktiv, denn wenn Adjektive einander widersprechen, entscheiden wir, wie die Szene zu deuten ist, und wenn ein Mädchen einfach so aus dem Fenster fliegt, und sagt, es sei ihr nichts passiert, ergänzen wir, was passiert ist. Ist man auf diese Dinge einmal aufmerksam geworden, erlebt man eine Überraschung nach der anderen. Jeder Leser und jede Leserin wird etwas anderes entdecken.</p>
<h4><strong>Irrtum Nr. 2:</strong></h4>
<h4>&#8211; In der Trivialliteratur sind die Bösen böse und die Guten gut.<br />
&#8211; Wenn die Bösen böse und die Guten gut sind, muss es sich um Trivialliteratur handeln.</h4>
<p>In seinem Essay <a href="http://www.nybooks.com/articles/2016/10/13/pleasures-of-reading-stephen-king/" target="_blank">„The Pleasures of Reading Stephen King”</a> erkundet der Autor und Essayist Tim Parks das Grenzgebiet zwischen Kunst und Genre, mit sichtlichem Genuss. Stephen King ist ein schillerndes Beispiel für diese Untersuchung. Denn wer Kings Schreibratgeber <em>Das Leben und das Schreiben</em> gelesen hat, wird den erfolgreichsten Thrillerautor der Welt nicht mehr ohne Weiteres in die Genre-Schublade stecken.</p>
<blockquote><p>Was ich mir am meisten wünsche, ist Resonanz, etwas, das für eine Weile im Kopf (und Herzen) des beständigen Lesers nachklingt, nachdem er das Buch zugeklappt und ins Regal gestellt hat.</p></blockquote>
<p>Tim Parks benennt die verlässliche Scheidung in Gut und Böse in den Thrillern von Stephen King als wichtigstes Kennzeichen der Genre-Literatur:</p>
<blockquote><p>Our hero will remain an indisputably good person; he will not let us down.</p></blockquote>
<p>Wie gruselig die Thriller auf der Handlungsoberfläche auch sein mögen, auf einer tieferen Ebene werden die Leserinnen und Leser nicht um ihre Ruhe gebracht, im Gegenteil:</p>
<blockquote><p>The reader closes the book feeling immensely reassured.</p></blockquote>
<p>In der gnadenlosen Bestrafung des Bösewichts wird die Ordnung wiederhergestellt, und deshalb ist die Lektüre so befriedigend.</p>
<p>Diesem Prinzip gehorchen auch die Märchen. Sie gehen immer gut aus, und an der Verteilung von Gut und Böse lassen sie keinen Zweifel:</p>
<p>&#8211; Königssohn/Däumling/die sieben Zwerge = <em>gut</em><br />
&#8211; Hexe/ Drache/Stiefmutter = <em>böse</em></p>
<p>Ein moralisch zweifelhafter Märchenheld würde die Regeln der Gattung ebenso verletzen wie eine mitfühlende Darstellung des Feindes. <span class="pull-left">George Lucas: Die mythische Heldenreise war die Grundlage für <em>Star Wars</em></span>Und doch sind Märchen keine Trivialliteratur. Ihre Symbolwelten halten sich seit Jahrhunderten lebendig und dienen jeder Generation aufs Neue als Nahrung für das eigene Leben.</p>
<p>Die mythische Heldenreise, wie Joseph Campbell sie in seinem Klassiker <em>Der Held mit den tausend Gesichtern</em> (<em>The Hero With a Thousand Faces</em>, 1946) analysiert, erweist sich als universell. Sowohl die Trivialliteratur als auch die Kunst nutzen dieses Erzählprinzip: Ohne Campbells Einsichten hätte er sich etwa die Weltraum-Saga <em>Star Wars</em> nicht ausdenken können, so George Lucas. Der Drehbuchautor und Script-Berater Christopher Vogler wiederum hat die von Campbell beschriebenen Stationen der Heldenreise erfolgreich angewendet, um Hollywood-Drehbücher auf ihre Publikumschancen hin zu überprüfen. Voglers Schreibratgeber <em>Die Odyssee des Drehbuchschreibers</em> (<em>The Writer’s Journey. Mythic Structure for writers, </em>1998) ist ein Standardwerk für die erzählenden Künste.</p>
<h4><strong>Irrtum Nr. 3:</strong></h4>
<h4>&#8211; Trivialliteratur dient einzig der Unterhaltung.<br />
&#8211; Literatur, die sich relevanten Themen zuwendet, kann nicht trivial sein.</h4>
<p>Thesenromane dürfen gesellschaftliche Relevanz für sich in Anspruch nehmen: Wer den Roman zur gerade aktuellen Debatte schreibt – Klimawandel, Hirnforschung, Flüchtlinge –, ist von vornherein legitimiert. Doch das ändert nichts daran, dass die literarischen Verfahrensweisen meistens trivial sind. So haben die Figuren in der Regel eine Funktion: Sie repräsentieren eine Meinung/Gesellschaftschicht/Weltsicht; ihr Schicksal illustriert einen Sachverhalt. Romane wie Richard Powers&#8216; <em>Das größere Glück</em>, Ian McEwans <em>Kindeswohl</em>, Juli Zehs <em>Unterleuten</em> inszenieren mit Hilfe von typisiertem Personal eine aktuelle Debatte. Weil der Stoff sich beherrschen lässt, gehen solche Romane oft ohne Rest auf: Alles lässt sich erklären – und wird auch erklärt, damit sind sie näher bei der Soziologie als bei der Literatur. Im Gespräch einer Gesellschaft mit sich selbst haben solche Romane durchaus ihren Platz, sie stellen zeitgemäße Fragen, manchmal geben sie sogar Antworten. Man lernt etwas. Doch sie lassen sich erschöpfend lesen. Sie liegen an einer Kreuzung, auf der sich alle treffen – so die <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/#trivial" target="_blank">etymologische Bedeutung</a> des Worts Trivialität.</p>
<p>Ästhetische Erfahrung findet jenseits des Lernens statt, wie Lukas Bärfuss es in einem Essay über Robert Walser beschreibt. Als Kind habe er nur Bücher gelesen, aus denen man etwas lernen konnte, so Bärfuss:</p>
<blockquote><p>Ich verstand die Sprache als ein Mittel, um diesen Zweck zu erfüllen, und je besser der Dichter sein Mittel beherrschte, umso klarer vermittelte sich der Zweck.</p></blockquote>
<p>Doch dann habe er Robert Walser gelesen – und nichts verstanden, denn bei Walser gibt es keinen Zweck. Als er dies nach der ersten Irritation akzeptiert hatte, so Bärfuss weiter, „hörte ich auf zu <em>lernen</em> und begann zu <em>erleben</em>“ (Hervorhebungen im Original).</p>
<p>Wer beim Lesen etwas erlebt, schafft sich seine eigene Welt und vollzieht damit einen kreativen Akt. Entscheidend hierfür ist die Sprache.</p>
<blockquote><p>Ich hörte sie atmen, schnaufen, sah, wie sie trabte, galoppierte, tänzelte, fühlte sie schmeicheln und kratzen, sich zieren und winden.</p></blockquote>
<p>So beschreibt Bärfuss seine Lese-Erfahrung mit Robert Walser.</p>
<p>Nicht die Thematik bewahrt die Literatur vor der Trivialität, sondern der Stil.</p>
<blockquote><p>Kunst handelt nicht nur von etwas, sie ist etwas.</p></blockquote>
<p>So drückt es Susan Sontag in ihrem Essay „Über Stil“ aus. Thesenromane handeln von etwas. Sie können Einsichten verschaffen, aber sie verwandeln uns beim Lesen nicht. Man kann sie konsumieren, ohne dabei selbst zum Akteur zu werden.</p>
<h4><strong>Irrtum Nr. 4:</strong></h4>
<h4>&#8211; Trivialliteratur ist nicht avantgardistisch.<br />
&#8211; Avantgardistische Literatur kann nicht trivial sein.</h4>
<p>Schön wär&#8217;s. Natürlich hat auch die Avantgarde ihre Gemeinplätze und Klischees, ihre bewährten Rezepte und Tricks. Eine <a href="http://tell-review.de/page-7-test-sharon-dodua-otoo/#Ei" target="_blank">Zeile </a>wie</p>
<blockquote><p>Das. Ei. War. Noch. Weich.</p></blockquote>
<p>signalisiert den Willen zur Avantgarde, zum Experiment. Allein, man bemerkt die Absicht und ist verstimmt. Flapsig gesagt: Nur weil man anders schreibt, als es im Duden steht, entsteht noch keine Kunst.</p>
<h4><strong>Irrtum Nr. 5:</strong></h4>
<h4>&#8211; Trivialliteratur fordert den Leser nicht heraus.<br />
&#8211; Literatur, die den Leser herausfordert, kann nicht trivial sein.</h4>
<p>Es gibt Romane, bei denen man alle Hände damit zu tun hat, die Fäden zu entwirren und die Komplexität der Themen und des Figurengeflechts zu durchdringen, so etwa in Jonathan Franzens <em>Unschuld</em> oder in Daniel Kehlmanns <em>F</em>. Doch wenn man die Stränge einmal auseinanderklamüsert hat, merkt man, dass es wilder, kühner, anspruchsvoller aussieht, als es ist. Wenn am Ende nichts übrig bleibt, über das man sich wundert, findet man sich wieder auf einer Kreuzung. Hier treffen sich alle, die sich ein wenig angestrengt haben.</p>
<h4><strong>Fazit:</strong></h4>
<h4>&#8211; Trivialliteratur ist, wenn in einem Buch alle <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/#Auden" target="_blank">das Gleiche lesen</a>.<br />
&#8211; Kunst ist, wenn jeder etwas Anderes liest.</h4>
<p>Welche Eigenschaften muss ein Text haben, damit dieses Wunder geschieht? Ich komme auf ein Kriterium, von dem man besser die Finger lässt, wenn man von den Kollegen noch ernst genommen werden möchte.</p>
<p><a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/" target="_blank">Tiefe</a>.</p>
<p>Die Tiefe eines Werks lässt sich nicht messen, sondern nur erleben, es ist wie ein Klang, der im <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-1-mit-dem-koerper-lesen/" target="_blank">Körper </a>auf Resonanz stößt.</p>
<blockquote><p>Es ist, als ziehe das Gedicht, das Gemälde, die Sonate rings um sich einen letzten Kreis, einen Raum für unverletzte Autonomie,</p></blockquote>
<p>so George Steiner in <em>Errata</em>. Einen Klassiker definiert Steiner</p>
<blockquote><p>als das, um welches herum dieser Raum beständig fruchtbar ist.</p></blockquote>
<p>Dieses Kriterium des fruchtbaren Raums – der Tiefe – unterscheidet nicht zwischen Genres und Verfahrensweisen. Es gilt für <em>Frau Holle</em> und <em>Ulysses</em>, für einen komischen Roman wie <em>Herr Lehmann</em> und abgrundtief tragische Dorfprosa wie <em>Die Mittellosen</em> von Szilárd Borbély.</p>
<p>Wenn der Text zu jedem Leser anders spricht, wird der Leser verwandelt.<br />
Der Leser wird verwandelt, wenn er etwas erlebt.<br />
Der Leser erlebt etwas, wenn der Text Eigenleben hat.<br />
Der Text hat Eigenleben, wenn mehr drin steht, als der Autor hineingeschrieben hat.</p>
<p>Ein Text ist trivial, wenn er kein Geheimnis hat.</p>
<hr />
<h5><span style="text-decoration: underline;"><strong>Zitierte Literatur:</strong></span></h5>
<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Stephen King: Das Leben und das Schreiben</strong><br />
Heyne Verlag 2011 · 384 Seiten · 10,99 Euro<br />
ISBN: 978-3453435742<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Christopher Vogler: The Writer&#8217;s Journey<br />
</strong>Michael Wiese Productions · 2007 · 300 Seiten · 23,99 Euro<br />
ISBN: 978-1932907360<br />
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(deutsche Ausgabe vergriffen)<br />
</span></p>
<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Susan Sontag: Kunst und Antikunst</strong>. 24 literarische Analysen.<br />
Fischer Taschenbuch · 1982 · 384 Seiten · 9,95 Euro<br />
ISBN: 978-3596264841<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Lukas Bärfuss: Stil und Moral</strong>. Essays.<br />
Wallstein Verlag · 2015 · 253 Seiten · 19,90 Euro<br />
ISBN: 978-3835316799<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3835316796/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783835316799" target="_blank">buecher.de</a><img decoding="async" class="ywvdkjgfykdkskuwxnlg" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /></span></p>
<p><span style="font-size: 80%;"><strong>George Steiner: Errata. </strong>Bilanz eines Lebens.<br />
Hanser Verlag · 1999 · 224 Seiten · (vergriffen)</span></p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Raffael: Die Engel der Sixtina (Ausschnitt aus Sixtinische Madonna)<br />
Via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/54/Raffaels_Angels.jpg" target="_blank">Wikimedia</a><br />
Gemeinfrei</h6>
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		<title>Wer bestimmt, was trivial ist?</title>
		<link>https://tell-review.de/wer-bestimmt-was-trivial-ist/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Oct 2016 09:23:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Trivialliteratur]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=5339</guid>

					<description><![CDATA[Eine Debatte über Political Correctness in der Kunst –  und über unsere Vorurteile. Mit Beiträgen von Sieglinde Geisel, Lars Hartmann, Hartmut Finkeldey.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Den Anstoß zu dieser Debatte gab Sieglinde Geisels Essay <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/" target="_blank">Satz für Satz 7 – Trivialliteratur I</a>.</p>
<p>Debattenbeiträge:</p>
<p><a href="#sgeisel">Sieglinde Geisel: Guilty Pleasures</a><br />
<a href="http://tell-review.de/wer-bestimmt-was-trivial-ist/2#lhartmann">Lars Hartmann: Das Triviale ist das Erwartbare</a><br />
<a href="http://tell-review.de/wer-bestimmt-was-trivial-ist/3#hfinkeldey">Hartmut Finkeldey: &#8230; &#8222;aus der Tiefe des Volksgemüths&#8220;</a></div></div>
<h3 id="sgeisel">Guilty Pleasures</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank">Sieglinde Geisel</a></p>
<p><span class="dropcap">I</span>n einer <a href="https://www.facebook.com/smesch/posts/10211251125656793" target="_blank">Facebook-Debatte</a> bei <a href="https://stefanmesch.wordpress.com/" target="_blank">Stefan Mesch</a> hat sich eine spannende Diskussion über meinen <a href="http://tell-review.de/category/rubriken/satz-fuer-satz/" target="_blank">Satz-für-Satz</a>-Beitrag <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/" target="_blank">„Trivialliteratur“ </a>entwickelt. Es geht um mein Eingeständnis der Harry-Potter-Lektüre als „guilty pleasure“. Damit würde ich meinen eigenen Unterhaltungsgeschmack abwerten, heißt es, jemand fragt gar, ob ich mich meiner Harry-Potter-Lektüre schämen würde. Überhaupt nicht – wenn schon, dann kokettiere ich damit (ähnlich wie vor kurzem Tim Parks in seinem Essay <a href="http://www.nybooks.com/articles/2016/10/13/pleasures-of-reading-stephen-king/">„The Pleasures of Reading Stephen King“</a> in der New York Review of Books).</p>
<p>Was an der Wendung „guilty pleasure“ provoziert, ist der Ruch des Elitären. Das sagten jene, die sonst „nur anerkannte Klassiker“ läsen, heißt es in der Facebook-Diskussion. Dieser Reflex ist mir schon bei der <a href="http://tell-review.de/ist-es-literatur-bob-dylan-und-sein-preis/" target="_blank">Bob-Dylan-Debatte</a> aufgefallen. Es gibt eine Political Correctness des ästhetischen Urteils: Wer die Literaturnobelpreis-Vergabe an Dylan anzweifelt, gilt als elitär, denn er oder sie behauptet damit letztlich, Pop sei keine Kunst. Als würde es sich bei diesen beiden Arten der kulturellen Äußerung tatsächlich um das Gleiche handeln.</p>
<p>Nehmen wir, um der Klarheit des Arguments willen, einen Schlagersänger, der tatsächlich nur unterhalten und nicht die Welt verbessern will.</p>
<blockquote><p>Wer Heino und Beethoven auf die gleiche Stufe stellt, verdirbt mir die Freude an Heino, nicht an Beethoven,</p></blockquote>
<p>sagt der Pianist <a href="http://tell-review.de/author/tomas-baechli/" target="_blank">Tomas Bächli</a>. In der Politik mag Political Correctness einen Sinn haben, denn hier geht es um Gerechtigkeit. In der Kunst bewirkt Political Correctness das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt, denn in der Kunst gibt es, wie im Sport, keine Gleichberechtigung. Die Goldmedaille gewinnt der oder die Beste. In der Kunst allerdings fehlen messbare Kriterien. Die Preise und Lobreden, die Autorinnen und Autoren zu Lebzeiten erhalten, werden von einer weitgehend selbst ernannten Elite von Kritikern ausgeteilt. Dass die Unterhaltungsbranche von diesem Spiel ausgeschlossen ist, erzeugt ein Kränkungspotenzial, über das die enorme Breitenwirkung der Pop-Kultur offenbar nicht hinwegzutrösten vermag.</p>
<p>In der Kunst ist niemand von Vorurteilen frei. Die einen glauben, jedes unterhaltsame Buch sei trivial, während die anderen (überspitzt gesagt) bereit sind, alles für Kunst zu halten, was keinen Spaß macht. Wie entgeht man solchen Vor- und Fehlurteilen? Indem man Kriterien anwendet, die sowohl für U- als auch für E-Literatur gelten. Zum Beispiel Billy Wilder&#8217;s oberstes Gebot fürs Showbusiness (zu dem ich die Literatur und ihre Kritik zähle):</p>
<blockquote><p>Du sollst nicht langweilen!</p></blockquote>
<p>Ein subjektives Kriterium, zugegeben, doch ein verlässliches. Es gilt beispielsweise für Klassiker, die ebenfalls unter einem Vorurteil leiden: Viele Leser begegnen ihnen mit einer falsch verstandenen Ehrfurcht. Dabei sind Klassiker lebendiger und interessanter als die meiste Genre-Literatur. Über die Aufnahme in den Kanon entscheidet keine Jury, hier wirken andere Kräfte: Für die Nachwelt bleiben jene Werke erhalten, deren Anziehungskraft nicht erlischt. Es sind Werke, zu denen die Leserinnen und Leser immer wieder zurückkehren. Nicht aus einem Bedürfnis nach Unterhaltung, sondern um der Langeweile zu entgehen.</p>
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		<title>Satz für Satz 7: Trivialliteratur (I)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Oct 2016 07:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Satz für Satz]]></category>
		<category><![CDATA[Trivialliteratur]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie erkennt man Trivialliteratur? Die Grenze zwischen Unterhaltungsliteratur und ernster Literatur ist längst nicht so klar, wie es den Anschein hat. Gibt es überhaupt Kriterien? Über Literatur, die vom Leser etwas will – und "guilty pleasures".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Aus diesem Essay hat sich eine Debatte entwickelt: <a href="http://tell-review.de/wer-bestimmt-was-trivial-ist/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Wer bestimmt, was trivial ist?&#8220;</a> </div></div>
<p><span class="dropcap">D</span>as Verdikt Trivialliteratur ist die rote Karte der Literaturkritik. Wird sie gezogen, erübrigt sich eine literaturkritische Auseinandersetzung mit dem betreffenden Werk.</p>
<p>Aber woran erkennt man, ob es sich um Trivialliteratur handelt? Diese Frage ist selbst keineswegs trivial, denn die Trennlinie zwischen dem Trivialen und der Kunst lässt sich längst nicht so sauber ziehen, wie es oft den Anschein hat. Das Wort trivial geht auf das Lateinische zurück: <em>tres</em> = drei, <em>via</em> = Weg. Das Triviale findet sich dort, wo die Wege aufeinander treffen und alle zusammen kommen – eine Metapher, die im deutschen Wort Gemeinplatz eine überraschende Entsprechung hat.</p>
<h4>Bewusstseinsveränderung</h4>
<p id="Genre">Für das Gegenteil von Trivialliteratur gibt es seltsamerweise keinen eindeutigen Begriff. Anspruchsvolle oder seriöse Literatur? Belletristik? Kunst? In der Unterhaltungsbranche nennt man es „Literatur-Literatur“: ein Eingeständnis, dass es sich bei der sogenannten Genre-Literatur nicht um Literatur handelt, sondern um eine Ware, um etwas also, dessen Ziel sich im Geldverdienen erschöpft.</p>
<p>Trivialliteratur macht es ihrem Leser leicht: Er muss nicht herausfinden, wie der Text zu lesen sei, der Autor nimmt ihn an der Hand, etwa indem er ihn bei jeder Gelegenheit wissen lässt, wie die Figuren sich fühlen. „Traurig schaut sie aus dem Fenster.“ Alles klar. Dagegen: „Er weinte und biss sich in die Faust.“ Hier wird nichts erklärt, nur gezeigt.</p>
<p>Ein Buch, das sich seinem Leser nicht erklärt, ist anstrengend. Es lässt ihn nicht in Ruhe. Er soll mitmachen. Das Buch will etwas von ihm.</p>
<blockquote><p>&#8211; Du musst dein Leben ändern.</p>
<p>&#8211; Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.</p></blockquote>
<p>Diese Sätze von Rilke und Kafka sind zum Klischee geworden, so häufig werden sie zitiert. Sie bieten Metaphern für das, was sich beim Lesen eines Kunstwerks in uns ereignet. Vorausgesetzt, wir lassen uns auf das Werk ein, lassen das Werk in uns hinein. Bücher seien „containers of consciousness“, sagt der amerikanische Essayist <a href="http://www.readinggass.org/" target="_blank" rel="noopener">William H. Gass</a>. Eine lohnende Lektüre bewirke eine Bewusstseinsveränderung, ähnlich wie das Anhören eines Musikstücks: Wenn man sich der Musik etwa von Mozart ganz zuwende, <em>werde</em> man zu dieser Musik.</p>
<blockquote><p>Das kann eine elektrisierende Erfahrung sein, denn es ist ein völlig neues Bewusstsein, komplett nicht-natürlich – und besser als alles, was man sich selbst vorstellen könnte.</p></blockquote>
<p>Auch in Unterhaltungsliteratur kann man eintauchen, auch sie kann das eigene Innenleben bereichern. Doch man bleibt Zuhörer, Zuschauer. Ein Kunstwerk, das uns verstört, verlangt Mitwirkung.</p>
<blockquote><p>Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?</p></blockquote>
<p>In diesen Sätzen macht Kafka die Zumutung von Literatur-Literatur deutlich. Sie stehen vor dem berühmten Diktum von der &#8222;Axt und dem gefrorenen Meer in uns&#8220; und führen darauf hin.</p>
<h4>Guilty Pleasures</h4>
<blockquote id="Auden"><p>Dass man es auf verschiedene Arten lesen kann, ist ein Zeichen für den literarischen Wert eines Buchs.</p></blockquote>
<p>Als Beweis für diese These führt W. H. Auden in seinem Essay „Lesen“ die Pornografie an. Sie lasse sich nur als sexueller Stimulus lesen, beim Versuch, es anders aufzufassen, werde man „zu Tränen gelangweilt“.</p>
<p>Die Offenheit für verschiedene Lesarten ist die Voraussetzung dafür, dass ein Werk seine eigene Epoche überdauert: Nur jene Bücher, die von späteren Generationen in einem anderen Lebensumfeld neu gelesen werden können, werden zu Klassikern.</p>
<p>Der Trivialroman dagegen bleibt seiner Zeit verhaftet, seine unmittelbare Leserschaft liebt ihn dafür umso heißer. Er stiftet Gemeinschaft, er ist die Kreuzung, auf der sich seine Leser treffen, weil sie alle das Gleiche erleben und sich in der Lektüre einig sind.</p>
<blockquote><p>Der Trivialroman zeichnet sich dadurch aus, dass man mit dem Leser bereits alles vereinbart hat. Da ist kein Wort mehr, das ihn stört.</p></blockquote>
<p>So formuliert es Thomas Harlan in einem <a href="https://www.thomasharlan.com/wp-content/uploads/2015/03/Interview-Thomas-Harlan-Sinn-und-Form.pdf" target="_blank" rel="noopener">Interview</a>. Die Trivialliteratur gibt uns das, was wir erwarten und somit bereits kennen. Wir werden nicht aufgescheucht, irritiert oder verstört. Statt uns herauszufordern, bestätigt sie unsere Wahrnehmung. Damit spendet sie Trost, früher nannte man das &#8222;erbaulich&#8220;.</p>
<p>Gibt es Leser, denen das Bedürfnis nach Trost fremd ist? Vor einigen Jahren hatte ich mir vorgenommen, alle <em>Harry-Potter</em>-Bände zu lesen, denn als Redakteurin der NZZ-Kinderbuchseite musste ich den siebten Band rezensieren. Ich verordnete mir ein Pensum von 150 Seiten pro Tag, ein wenig Todesverachtung schwang darin mit. Zu meiner Überraschung wurde die abendliche <em>Harry-Potter</em>-Lektüre zu einem „guilty pleasure“, auf das ich mich den ganzen Tag heimlich freute. Das sind Dinge, die man sich als Kritiker nicht ohne weiteres eingesteht.</p>
<p>Doch hat <em>Harry Potter</em> die rote Karte überhaupt verdient? Natürlich nicht, dazu sind die Charaktere zu vielschichtig, vor allem ist die mythologische Anlage zu kühn. Es gibt viele Werke, die in dieser Grauzone liegen, und ich habe den Verdacht, die Trennung von U und E sei mehr ein Anliegen der Kritiker als der Autoren, von den Lesern ganz zu schweigen. In den letzten Jahrzehnten haben vor allem Fantasy-Zyklen die Literatur mit Erkundungen in dieser Grauzone bereichert, neben <em>Harry Potter</em> etwa die <em>Bartimäus</em>-Tetralogie von Jonathan Stroud und Philip Pullmans <em>Der goldene Kompass</em>. In früheren Zeiten waren es die exotischen Fantasien von Karl May oder die Krimis von Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Ross Macdonald.</p>
<p>Kunst oder Schund – muss man sich für eins von beidem entscheiden? Kinder haben noch nicht gelernt, dass nur das Bedürfnis nach Literatur-Literatur legitim ist. Sie lieben <em>Pippi Langstrumpf</em> und <em>Conny backt Pizza </em>gleichermaßen. Von den Kindern können wir lernen, beim Lesen lebendig zu bleiben, also auf alles gefasst zu sein – bei jedem Buch aufs Neue.</p>
<h6>Alle Beiträge der Reihe <a href="http://tell-review.de/category/rubriken/satz-fuer-satz/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Satz für Satz&#8220;</a></h6>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ludwig_Skell_R%C3%B6hrender_Hirsch_im_Gebirge.jpg" target="_blank" rel="noopener">Röhrender Hirsch im Gebirge,</a> signiert L. Skell, 1905<br />
CC (Creative Commons)</h6>
<hr />
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