Aus diesem Essay hat sich eine Debatte entwickelt: „Wer bestimmt, was trivial ist?“

Das Verdikt Trivialliteratur ist die rote Karte der Literaturkritik. Wird sie gezogen, erübrigt sich eine literaturkritische Auseinandersetzung mit dem betreffenden Werk.

Aber woran erkennt man, ob es sich um Trivialliteratur handelt? Diese Frage ist selbst keineswegs trivial, denn die Trennlinie zwischen dem Trivialen und der Kunst lässt sich längst nicht so sauber ziehen, wie es oft den Anschein hat. Das Wort trivial geht auf das Lateinische zurück: tres = drei, via = Weg. Das Triviale findet sich dort, wo die Wege aufeinander treffen und alle zusammen kommen – eine Metapher, die im deutschen Wort Gemeinplatz eine überraschende Entsprechung hat.

Bewusstseinsveränderung

Für das Gegenteil von Trivialliteratur gibt es seltsamerweise keinen eindeutigen Begriff. Anspruchsvolle oder seriöse Literatur? Belletristik? Kunst? In der Unterhaltungsbranche nennt man es „Literatur-Literatur“: ein Eingeständnis, dass es sich bei der sogenannten Genre-Literatur nicht um Literatur handelt, sondern um eine Ware, um etwas also, dessen Ziel sich im Geldverdienen erschöpft.

Trivialliteratur macht es ihrem Leser leicht: Er muss nicht herausfinden, wie der Text zu lesen sei, der Autor nimmt ihn an der Hand, etwa indem er ihn bei jeder Gelegenheit wissen lässt, wie die Figuren sich fühlen. „Traurig schaut sie aus dem Fenster.“ Alles klar. Dagegen: „Er weinte und biss sich in die Faust.“ Hier wird nichts erklärt, nur gezeigt.

Ein Buch, das sich seinem Leser nicht erklärt, ist anstrengend. Es lässt ihn nicht in Ruhe. Er soll mitmachen. Das Buch will etwas von ihm.

– Du musst dein Leben ändern.

– Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Diese Sätze von Rilke und Kafka sind zum Klischee geworden, so häufig werden sie zitiert. Sie bieten Metaphern für das, was sich beim Lesen eines Kunstwerks in uns ereignet. Vorausgesetzt, wir lassen uns auf das Werk ein, lassen das Werk in uns hinein. Bücher seien „containers of consciousness“, sagt der amerikanische Essayist William H. Gass. Eine lohnende Lektüre bewirke eine Bewusstseinsveränderung, ähnlich wie das Anhören eines Musikstücks: Wenn man sich der Musik etwa von Mozart ganz zuwende, werde man zu dieser Musik.

Das kann eine elektrisierende Erfahrung sein, denn es ist ein völlig neues Bewusstsein, komplett nicht-natürlich – und besser als alles, was man sich selbst vorstellen könnte.

Auch in Unterhaltungsliteratur kann man eintauchen, auch sie kann das eigene Innenleben bereichern. Doch man bleibt Zuhörer, Zuschauer. Ein Kunstwerk, das uns verstört, verlangt Mitwirkung.

Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?

In diesen Sätzen macht Kafka die Zumutung von Literatur-Literatur deutlich. Sie stehen vor dem berühmten Diktum von der „Axt und dem gefrorenen Meer in uns“ und führen darauf hin.

Guilty Pleasures

Dass man es auf verschiedene Arten lesen kann, ist ein Zeichen für den literarischen Wert eines Buchs.

Als Beweis für diese These führt W. H. Auden in seinem Essay „Lesen“ die Pornografie an. Sie lasse sich nur als sexueller Stimulus lesen, beim Versuch, es anders aufzufassen, werde man „zu Tränen gelangweilt“.

Die Offenheit für verschiedene Lesarten ist die Voraussetzung dafür, dass ein Werk seine eigene Epoche überdauert: Nur jene Bücher, die von späteren Generationen in einem anderen Lebensumfeld neu gelesen werden können, werden zu Klassikern.

Der Trivialroman dagegen bleibt seiner Zeit verhaftet, seine unmittelbare Leserschaft liebt ihn dafür umso heißer. Er stiftet Gemeinschaft, er ist die Kreuzung, auf der sich seine Leser treffen, weil sie alle das Gleiche erleben und sich in der Lektüre einig sind.

Der Trivialroman zeichnet sich dadurch aus, dass man mit dem Leser bereits alles vereinbart hat. Da ist kein Wort mehr, das ihn stört.

So formuliert es Thomas Harlan in einem Interview. Die Trivialliteratur gibt uns das, was wir erwarten und somit bereits kennen. Wir werden nicht aufgescheucht, irritiert oder verstört. Statt uns herauszufordern, bestätigt sie unsere Wahrnehmung. Damit spendet sie Trost, früher nannte man das „erbaulich“.

Gibt es Leser, denen das Bedürfnis nach Trost fremd ist? Vor einigen Jahren hatte ich mir vorgenommen, alle Harry-Potter-Bände zu lesen, denn als Redakteurin der NZZ-Kinderbuchseite musste ich den siebten Band rezensieren. Ich verordnete mir ein Pensum von 150 Seiten pro Tag, ein wenig Todesverachtung schwang darin mit. Zu meiner Überraschung wurde die abendliche Harry-Potter-Lektüre zu einem „guilty pleasure“, auf das ich mich den ganzen Tag heimlich freute. Das sind Dinge, die man sich als Kritiker nicht ohne weiteres eingesteht.

Doch hat Harry Potter die rote Karte überhaupt verdient? Natürlich nicht, dazu sind die Charaktere zu vielschichtig, vor allem ist die mythologische Anlage zu kühn. Es gibt viele Werke, die in dieser Grauzone liegen, und ich habe den Verdacht, die Trennung von U und E sei mehr ein Anliegen der Kritiker als der Autoren, von den Lesern ganz zu schweigen. In den letzten Jahrzehnten haben vor allem Fantasy-Zyklen die Literatur mit Erkundungen in dieser Grauzone bereichert, neben Harry Potter etwa die Bartimäus-Tetralogie von Jonathan Stroud und Philip Pullmans Der goldene Kompass. In früheren Zeiten waren es die exotischen Fantasien von Karl May oder die Krimis von Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Ross Macdonald.

Kunst oder Schund – muss man sich für eins von beidem entscheiden? Kinder haben noch nicht gelernt, dass nur das Bedürfnis nach Literatur-Literatur legitim ist. Sie lieben Pippi Langstrumpf und Conny backt Pizza gleichermaßen. Von den Kindern können wir lernen, beim Lesen lebendig zu bleiben, also auf alles gefasst zu sein – bei jedem Buch aufs Neue.

Alle Beiträge der Reihe „Satz für Satz“
Beitragsbild:
Röhrender Hirsch im Gebirge, signiert L. Skell, 1905
CC (Creative Commons)

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Diese Diskussion ist nicht neu, ich möchte daher an die Reihe „Gossenhefte“ erinnern: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=35655

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  2. Was für ein schönes Bild, ein Ort, an dem drei Wege aufeinandertreffen. Und die deutsche Entsprechung „Gemeinplatz“. Ich muß an den Marktplatz eines kleinen Städtchens denken, an dem sich alle Teile der Stadtgesellschaft, vielleicht nicht begegnen, aber doch aufhalten und gegenseitig in Augenschein nehmen können. Der Begriff „Trivialliteratur“ dient nicht nur zur Abgrenzung nach außen, schlechter Literatur wird die Einreise verweigert, sondern auch nach innen, ich bekomme die Qualität von Literatur serviert, die mir schmeckt, bei der ich weiß, wann ich mit Messer und Gabel essen sollte, und wann ich die Finger benutzen darf. Wahrscheinlich gilt auch hier, das Grenzverletzungen in beiden Richtungen horizonterweiternd sind.

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