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	<title>Montauk &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Montauk &#8211; tell</title>
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		<title>Skepsis gegenüber sich selbst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tomas Bächli]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Jul 2017 07:37:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Montauk]]></category>
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					<description><![CDATA[In „Montauk“ erkundet Max Frisch, ob permanenter Zweifel mit der Liebe vereinbar ist. Er formuliert vorsichtig und präzise – und löst sich dabei von der Bedeutungsschwere seiner Gedanken.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Zum Start von Volker Schlöndorffs Film <em>Rückkehr nach Montauk</em> fand auf tell eine <a href="http://tell-review.de/montauk-revisited/" target="_blank" rel="noopener">Debatte</a> zu Montauk und dem Problem der Authentizität in der Literatur statt. Dieser Essay knüpft daran an.</div></div>
<p><span class="dropcap">M</span>ax Frischs „Fragebogen“ aus dem <em>Tagebuch 1966-1971</em> sind legendär. Frisch stellt seinen Lesern Fragen, deren Beantwortung neue Fragen provozieren. Frisch lehrt uns das Misstrauen gegenüber den eigenen Antworten, denn oft entspringen diese einem Denken in eingefahrenen Bahnen. Diese skeptische Haltung ist der Grund dafür, dass Frischs politische Überlegungen erstaunlich wenig Staub angesetzt haben.</p>
<h3>Das Einmalige einer Begegnung</h3>
<p>In <em>Montauk</em> geht es um die Möglichkeit und Unmöglichkeit menschlicher Beziehungen, vor allem geht es um die Liebe. Schon seine eigene Mutter habe ihm gesagt, so erfahren wir in dieser Erzählung, dass er von Frauen nichts verstehe. Frischs Skepsis gegenüber sich selbst offenbart sich in vorsichtigen, präzisen Formulierungen.</p>
<blockquote><p>Ohne Zweifel, dass seine Zärtlichkeit sich auf Lynn bezieht, die junge Fremde, sein Gefühl vertauscht sie nicht mit anderen, wenn er ihren Körper küsst.</p></blockquote>
<p>Das Einmalige einer Begegnung zweier Menschen drückt Frisch durch Negation aus: Zunächst wird der Zweifel ausgeräumt, dann wird festgestellt, dass seine Gefühle für Lynn nicht austauschbar seien, obschon ihm die Frau fremd ist. Dieses Argumentieren – die Bestätigung der zärtlichen Empfindung nach Abzug aller möglichen Einwände – schwächt zwar die sprachliche Energie des Textes, nicht aber die Logik der Aussage. Diese folgt dem Prinzip der Wissenschaft: Dort gilt bei einer Entweder-Oder-Konstellation das Widerlegen der Gegenannahme als Beweis.</p>
<p>Dass bei diesem Verfahren die beschriebenen Personen an Kontur verlieren, hat der Autor vielleicht bewusst in Kauf genommen. Lynn, die Hauptperson der Erzählung, wirkt wenig plastisch, ihre Charakterzüge sind schwer zu fassen, ihre Erscheinung bleibt vage. Aber vielleicht geht es Frisch nicht darum, existierende Personen kunstvoll in Literatur zu verwandeln (genau das wurde ihm immer wieder vorgeworfen, vor allem von den Vorbildern seiner Figuren). Vielleicht suchte er in <em>Montauk</em> nach dem größten gemeinsamen Nenner, in dem zwei Personen, trotz aller Missverständnisse, zusammenfinden können. Frisch nimmt in <em>Montauk</em> Aufrichtigkeit für sich in Anspruch. Verspricht er damit, dass er die Genauigkeit, mit der er seine Gefühle gegenüber der Geliebten schildert, nicht einer guten Geschichte opfert? „Du sollst Dir kein Bildnis machen“,  auch nicht von einem Menschen; diese Forderung findet sich in Frischs erstem Tagebuch. Weil er Lynn gerade nicht zu einer literarischen Figur formt, lässt er ihr auch im Leben die Autonomie. Dabei gibt der Schriftsteller auch seinen Heimvorteil auf: den geübten Umgang mit der Sprache. Er unterhält sich mit der Fremden in gebrochenem Englisch.</p>
<h3>Liebe ohne Schuld</h3>
<p>So formuliert Frisch den Wunsch nach einer Liebe fürs Leben:</p>
<blockquote><p>Eine wird die letzte Frau sein, und ich wünsche, es sei Lynn, wir werden einen leichten und guten Abschied haben.</p></blockquote>
<p>Früher hieß es einmal „bis dass der Tod euch scheidet“, doch inzwischen wissen wir, dass das nicht realistisch ist. Die Erwartungen und Hoffnungen hat Frisch heruntergeschraubt. Was bleibt, ist ein Wunsch.</p>
<p>Denn auch der permanente Zweifel setzt eine Gegenkraft voraus: die Möglichkeit einer Utopie, oder wenigstens den Wunsch danach. Der Autor muss dem Leser klar machen, warum er das Buch fertiggeschrieben hat und warum es sich lohnt, es zu Ende zu lesen. Doch gerade, weil man als Leser dieses Trotz-Alledem erwartet, wird man misstrauisch, wenn es erscheint. Es droht das Absehbare, der Kitsch, der tröstende Silberstreifen am Horizont, mit dem man am Ende des Buchs entlassen wird wie nach einer Kirchenpredigt.</p>
<p>Gibt es eine Möglichkeit, dass sich zwei Menschen begegnen, ohne dass es in einem Desaster endet?</p>
<blockquote><p>Lynn wird kein Name für eine Schuld.</p></blockquote>
<p>Auch dieser Lichtblick wird ex negativo definiert: durch die Abwesenheit von Schuldgefühlen. Denn Schuldgefühle dominieren alle anderen Liebesgeschichten, die Frisch in <em>Montauk</em> erzählt. Keine Schuldgefühle zu haben, schafft einen Freiraum. Kann der Leser diesen Raum mit Leben füllen, mit Möglichkeiten, die ihm der Autor nicht vorschreiben will?</p>
<blockquote><p>Ein langer, leichter Nachmittag.</p></blockquote>
<p>Keine Liebesnacht, in der die Zeit angehalten wird. Der Nachmittag hat sich in die Länge gezogen, die Übergangszeit. Der alternde Mann löst sich von der Bedeutungsschwere seiner Gedanken. Er fühlt sich leicht.</p>
<p>Als Leser bin ich bereit, ihm das zu glauben.</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:</em><br />
<em> Montauk Point Lighthouse (2012)</em><br />
<em> Via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Montauk_Pt_Lighthouse_from_Turtle_Cove.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wikimedia<br />
</a>Bearbeitung: Anselm Bühling</em><br />
<em> Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC-BY-SA 3.0</a></em></h6>
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		<title>Montauk revisited</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 May 2017 08:40:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Montauk]]></category>
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					<description><![CDATA["Montauk" sei ein aufrichtiges Buch, sagte Max Frisch 1975. Heute ist Authentizität ein Schlagwort. Trifft es zu auf Max Frischs Erzählung? Eine Diskussion mit Beiträgen von Herwig Finkeldey, Lars Hartmann, Sieglinde Geisel und Frank Heibert. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Zum Start von Volker Schlöndorffs Film <em>Rückkehr nach Montauk</em> hatten wir auf tell ursprünglich einen Lektüretipp zu Max Frischs <em>Montauk</em> geplant. Doch dann kamen in der Redaktion Fragen auf. Max Frisch behauptet in <em>Montauk</em>, er habe nichts erfunden. „Authentizität“ und <a href="http://tell-review.de/die-neue-ego-literatur/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">„Ego-Literatur“</a> sind Schlagworte aus einer aktuellen Debatte in der Literatur. <em>Montauk</em> wurde 1975 veröffentlicht – wie lesen wir den Text vor diesem Hintergrund?</p>
<p>Max Frisch nennt  <em>Montauk</em> „Eine Erzählung“, nicht etwa „Ein Bericht“. Er stellt dem Buch ein Zitat von Montaigne als Motto voran:</p>
<blockquote><p><span style="font-variant: small-caps;">Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, dass ich mir darin kein anderes Ende vorgesetzt habe als ein häusliches und privates … Ich habe es dem persönlichen Gebrauch meiner Freunde und Angehörigen gewidmet, auf dass sie, wenn sie mich verloren haben, darin einige Züge meiner Lebensart und meiner Gemütsverfassung wiederfinden … denn ich bin es, den ich darstelle. Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, soweit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaubt … So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches, es ist nicht billig, dass du deine Muße auf einen so eitlen und geringfügigen Gegenstand verwendest. / Mit Gott denn, zu Montaigne, am ersten März 1580.</span></p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">(Deutsch von Johann Daniel Tietz)</h6>
<p>Wer spricht in <em>Montauk</em>? In vier Texten suchen wir nach Antworten.</div></div>
<hr />
<h3>Authentisch – das neue Erhabene?</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/herwig-finkeldey/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Herwig Finkeldey</a></p>
<p>1975 erscheint Max Frischs <em>Montauk</em>. Der Autor, der seine Geschichten bisher immer anprobierte „wie Kleider“, wie er selbst sagt, bekennt nun:</p>
<blockquote><p>Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten.</p></blockquote>
<p>Als eine Ursache dieses Verrats sieht Frisch die „Berufskrankheit des Schriftstellers“: das Leben nur als Rohmaterial für sein Werk zu verstehen. Sein Konzept gegen diesen Verrat nennt Frisch Aufrichtigkeit, er beruft sich dabei auf Montaigne.</p>
<p>Allerdings zieht seine Aufrichtigkeit in <em>Montauk</em> reale Personen in Mitleidenschaft. Er macht sie kenntlich, teilweise nennt er sie beim Namen (wie Ingeborg Bachmann), teilweise ergibt sich ihre Identität aus dem Zusammenhang. Seine zweite Ehefrau lässt er direkt zu Wort kommen:</p>
<blockquote><p><span style="font-variant: small-caps;">Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, dass du über mich schreibst.</span></p></blockquote>
<p>Dass er es dennoch tat, ist juristisch fragwürdig. Ich bin den realen Vorbildern dankbar dafür, dass sie keine juristischen Schritte gegen das Buch unternommen haben und wir damit auch ihr Leiden an Max Frisch („Max, you are a monster“) bis heute lesen können.</p>
<p>Eine andere Frage ist, ob Frischs Text den Anspruch der Aufrichtigkeit einlöst, ob er „authentisch“ ist. Nachdem er das Manuskript gelesen hat, schreibt Uwe Johnson Frisch in einem Brief, es sei dem Autor gelungen,</p>
<blockquote><p>aus dem eigenen Leben mit den Mitteln der Literatur ein Kunstwerk herzustellen.</p></blockquote>
<p>Heute wird unter authentisch eher die ungefilterte Rede verstanden, die gerade kein Kunstwerk sein will, sondern so etwas wie das wahre Leben. Authentizität gilt dabei oft als positive Eigenschaft eines Textes, so wie vor dreißig Jahren die Betroffenheit und in der Spätromantik vielleicht das Erhabene.</p>
<p>Doch ist dieses aufrichtige Buch nun authentischer als Frischs Romane? Hat die Aufrichtigkeit überhaupt etwas mit dem Inhalt zu tun – wäre also ein Buch bereits dann authentisch, wenn der Autor darin sein eigenes Leben zum Thema macht?</p>
<hr />
<h3>Die Vergeblichkeit des Authentischen</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/lars-hartmann/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lars Hartmann</a></p>
<p>Authentizität ist Fiktion. Bereits wenn wir eine Geschichte aus dem Alltag erzählen, fabulieren wir: Wir kleiden in Worte, schmücken aus. Auch wenn sich Max Frisch mit Montaigne Aufrichtigkeit vornimmt, auch wenn sich in <em>Montauk</em> manche Personen wiedererkannt haben – um Authentizität geht es nicht. Die eigentliche unerhörte Begebenheit dieser Prosa ist das Spiel mit der Wirklichkeit und der eigenen Wahrnehmung. Frisch konfrontiert uns mit den Brüchen (s)einer Biografie. Zweifel schleichen sich in die Erinnerungen des Ichs –</p>
<blockquote><p>Oder belüge ich uns?</p></blockquote>
<p>Dieses Unbehagen an der eigenen Wahrnehmung hat allerdings Methode:</p>
<blockquote><p>… der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.</p></blockquote>
<p>Der Ich-Erzähler, hinter dem wir den Schriftsteller Max Frisch vermuten dürfen, kokettiert nur mit dem Tagebuchhaften. Und dies widerspricht der Aufrichtigkeit.</p>
<p>In der Literatur geht es nicht darum, wie wahr eine erzählte Geschichte ist, sondern wie gut ein Autor sie erzählt. Authentizität gründet nicht darin, dass das Erzählte mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern dass es stimmig erzählt wird.</p>
<blockquote><p>Ein langer leichter Nachmittag:</p>
<p>Schuhe im Sand. Lynn läuft noch immer und weit weg, im Augenblick ist die Gestalt kaum zu erkennen, da dort, wo sie jetzt läuft, das Meer unter der Sonne glitzert und blendet. Sie läuft herwärts, scheint es. Später wird sie deutlich: sie läuft in Bögen, wie Slalom, vermutlich läuft sie um die einzelnen Schaumzungen der Brandung, einmal schwingt sie ihre Arme dazu. Aus Lust.</p></blockquote>
<p>Für uns Leser sind es Variationen auf Lynn – und eben auch Variationen auf das, was ein Autor macht, der sich mit den Mitteln der Literatur einem Menschen annähert, einem Augenblick, ohne ihn zu erreichen. Frisch weiß um die Vergeblichkeit des Authentischen. Von dieser Spannung zwischen Leben und Literatur erzählt <em>Montauk.</em></p>
<blockquote><p>Literatur hebt den Augenblick auf, dazu gibt es sie. Die Literatur hat die andere Zeit, ferner ein Thema, das alle angeht oder viele – was man von ihren zwei Schuhen im Sand nicht sagen kann …</p></blockquote>
<hr />
<h3>Im Spiegelkabinett</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sieglinde Geisel</a></p>
<p>„Warum wirkt diese Prosa nicht privat?“ Das habe ich vor über dreißig Jahren notiert, oben auf einer Seite von <em>Montauk</em>. Da behauptet einer, er erzähle nichts als sein Leben, doch mit dem, was heute unter Authentizität verstanden wird, hat dieses Buch nichts zu tun. Der Autor, der hier „unter Kunstzwang“ schreibt, ist gespalten, und sein sorgfältig gestalteter Text wechselt zwischen der dritten und der ersten Person, was bisweilen zu bemerkenswerten Sätzen führt:</p>
<blockquote><p>Das erspart ihm Reden, die mich langweilen.</p></blockquote>
<p>Unmittelbarkeit ist diesem Erzähler fremd. Er inszeniert sich, und weil er um Kontrolle ringt, ist dieses autobiografische Buch nicht privat, sondern für andere – also Kunst.</p>
<p>Beim Wiederlesen erstaunt es mich, dass Frischs Angehörige damals so schockiert waren. Intimitäten finden sich kaum, diese Passage über Lynn ist eine Ausnahme:</p>
<blockquote><p>Wenn sie weiß, dass zum ersten Mal ihre Brüste gesehen werden, schließt sie die Augen und sagt: They are very small.</p></blockquote>
<p>Bei einem Buch, für das sich der Autor vornimmt, aufrichtig zu sein, sucht man nach der Lüge. In der Tat gibt es Passagen, die mir unehrlich vorkommen, und zwar jene, in denen der Erzähler seine früheren Frauen lobt.</p>
<blockquote><p>Zu beschreiben wäre die eine und andere Speise, die Du erfunden hast / wie Du jüngere und alte Leute gewinnst, so daß sie gern ins Haus kommen /</p>
[I]ch sehe sie mit Hochachtung und verwundert, dass ich der Vater ihrer drei Kinder geworden bin.</p></blockquote>
<p>Was Frischs Frauen und Kinder verletzt hat, war vielleicht nicht die ungebetene Öffentlichkeit, sondern die Kälte der gnadenlos genauen Wendungen: „der Vater ihrer drei Kinder“.</p>
<p>Ist <em>Montauk</em> ein mutiges Buch? Von der schonungslosen Offenheit, die heute so bewundert wird, findet sich nichts, im Gegenteil. Aufgeladen wird der Text gerade durch das, was der Autor verschweigt. Dieser Autor schont sich, er gefällt sich in vermeintlich selbstbezichtigenden Wendungen („ich erfinde für jede Partnerin eine andere Not mit mir“). Letztlich gibt er nichts preis.</p>
<p>Kann einer, der seine Wahrnehmungen fürs Schreiben plündert, überhaupt etwas preisgeben?</p>
<blockquote><p>Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.</p></blockquote>
<p>Ist dieser Satz, den der Autor einem amerikanischen Journalisten ins Mikrofon gesprochen hat, aufrichtig oder nur für die Presse? Auch die Umkehrung dieses Satzes findet sich in <em>Montauk</em>, wenige Seiten später:</p>
<blockquote><p>und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.</p></blockquote>
<p>Gibt es ein echtes Leben im geschriebenen? <em>Montauk</em> ist ein Spiegelkabinett.</p>
<hr />
<h3>Die Suche nach der wahren Empfindung</h3>
<p>Von <a href="http://tell-review.de/author/frank-heibert/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Frank Heibert</a></p>
<p>Max Frischs <em>Montauk</em> ist ein meta-authentischer Text. Seine Beschäftigung mit dem Autor selbst und seinem Leben ist Programm. Es wird ständig reflektiert und in Frage gestellt. Gegen Ende des Buchs heißt es:</p>
<blockquote><p><span style="font-variant: small-caps;">Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser –</span><br />
und was verschweigt es und warum?</p></blockquote>
<p>Max Frisch nimmt eine Wochenend-Affäre zum Anlass, über seine Beziehung zu Frauen nachzudenken, die brüchigen Loyalitäten, die Missverständnisse. Doch in Wahrheit arbeitet er sich an der Blockade seiner Emotionen ab.</p>
<blockquote><p>Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen.</p></blockquote>
<p>Sein bisheriges Schreiben, in dem er nur die Gefühle fiktionaler Figuren in Worte gefasst hat, betrachtet er kritisch:</p>
<blockquote><p>Ich habe mir mein Leben verschwiegen (…) mich in diesen Geschichten entblößt, bis zur Unkenntlichkeit.</p></blockquote>
<p>Jetzt will er</p>
<blockquote><p>erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position.</p></blockquote>
<p>Hinter seinem Erzählen steht also eine neue Haltung. Einfältig schreibt er keineswegs. Er will sich jetzt bis zur Kenntlichkeit entblößen. Hat er früher seine Geschichten wie Kleider anprobiert, so streift er nun die neue Haltung über. Aber das Kleidungsstück will nicht recht passen. Denn auch so kommt er an seine Gefühle nicht heran. Er weiß das, und er leidet darunter. Mit dieser Ambivalenz von Sehnsucht und Angst steht er in einer langen Tradition von Künstlern, die verzweifelt auf der Suche nach der wahren Empfindung sind und immer wieder daran scheitern. Darin ist der Schriftsteller in <em>Montauk</em> zutiefst authentisch.</p>
<blockquote><p>Ich möchte wissen, was ich, schreibend unter Kunstzwang, erfahre über mein Leben als Mann.</p></blockquote>
<p>Doch da er nicht an die Quellen seines Lebens als Mann herankommt, verhakt sich die Reflexion darüber in Rechtfertigungen, in Selbststilisierungen als Opfer des ewigen Rätsels Weib:</p>
<blockquote><p>Ich leugne nicht meine Schuld; (…) sie wird gebraucht, unsere Schuld, sie rechtfertigt viel im Leben anderer.</p></blockquote>
<p>Man beachte das männersolidarische Wörtchen „unser“! Er findet, er „verwöhnt [die Frauen] durch seine Selbstbezichtigungen“ und bezichtigt sich denn auch märtyrerhaft des „Laster[s] des <em>male chauvinism</em>“. Ein typischer Mann seiner Zeit mithin: so unbeholfen und unauthentisch, wie er mit seinem Gefühlsleben umgeht, ist er ein authentisches Symptom für einen (vergangenen) gesellschaftlichen Zustand.</p>
<p>Die zeitlose Qualität von <em>Montauk</em> liegt in den kleinen Juwelen der Beobachtungen und Situationen, in all den Passagen, die 100% fiktional sein könnten, deren Authentizität also nicht aus autobiografischer Beglaubigung herrührt, sondern in ihrer künstlerischen Verdichtung zum Leuchten kommt.</p>
<blockquote><p>Wenn sie die hölzerne Treppe zum hölzernen Hotel hinaufgeht, schaut er ihr nicht nach; er kann es sich vorstellen, wie sie die Arme bewegt, Grazie nicht ohne Komik. Er kann sie auch vergessen, zum Beispiel wenn er mit Leuten ist. Er sieht sie mit Wohlgefallen, wenn sie speist; dieser ungeile Appetit der Hageren.</p></blockquote>
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<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Max Frisch<br />
<strong>Montauk</strong><br />
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</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Montauk Point Lighthouse (2012)<br />
Via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Montauk_Pt_Lighthouse_from_Turtle_Cove.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wikimedia<br />
</a>Bearbeitung: Lars Hartmann<br />
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