Zum Start von Volker Schlöndorffs Film Rückkehr nach Montauk hatten wir auf tell ursprünglich einen Lektüretipp zu Max Frischs Montauk geplant. Doch dann kamen in der Redaktion Fragen auf. Max Frisch behauptet in Montauk, er habe nichts erfunden. „Authentizität“ und „Ego-Literatur“ sind Schlagworte aus einer aktuellen Debatte in der Literatur. Montauk wurde 1975 veröffentlicht – wie lesen wir den Text vor diesem Hintergrund?

Max Frisch nennt  Montauk „Eine Erzählung“, nicht etwa „Ein Bericht“. Er stellt dem Buch ein Zitat von Montaigne als Motto voran:

Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, dass ich mir darin kein anderes Ende vorgesetzt habe als ein häusliches und privates … Ich habe es dem persönlichen Gebrauch meiner Freunde und Angehörigen gewidmet, auf dass sie, wenn sie mich verloren haben, darin einige Züge meiner Lebensart und meiner Gemütsverfassung wiederfinden … denn ich bin es, den ich darstelle. Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, soweit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaubt … So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches, es ist nicht billig, dass du deine Muße auf einen so eitlen und geringfügigen Gegenstand verwendest. / Mit Gott denn, zu Montaigne, am ersten März 1580.

(Deutsch von Johann Daniel Tietz)

Wer spricht in Montauk? In vier Texten suchen wir nach Antworten.


Authentisch – das neue Erhabene?

Von Herwig Finkeldey

1975 erscheint Max Frischs Montauk. Der Autor, der seine Geschichten bisher immer anprobierte „wie Kleider“, wie er selbst sagt, bekennt nun:

Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten.

Als eine Ursache dieses Verrats sieht Frisch die „Berufskrankheit des Schriftstellers“: das Leben nur als Rohmaterial für sein Werk zu verstehen. Sein Konzept gegen diesen Verrat nennt Frisch Aufrichtigkeit, er beruft sich dabei auf Montaigne.

Allerdings zieht seine Aufrichtigkeit in Montauk reale Personen in Mitleidenschaft. Er macht sie kenntlich, teilweise nennt er sie beim Namen (wie Ingeborg Bachmann), teilweise ergibt sich ihre Identität aus dem Zusammenhang. Seine zweite Ehefrau lässt er direkt zu Wort kommen:

Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, dass du über mich schreibst.

Dass er es dennoch tat, ist juristisch fragwürdig. Ich bin den realen Vorbildern dankbar dafür, dass sie keine juristischen Schritte gegen das Buch unternommen haben und wir damit auch ihr Leiden an Max Frisch („Max, you are a monster“) bis heute lesen können.

Eine andere Frage ist, ob Frischs Text den Anspruch der Aufrichtigkeit einlöst, ob er „authentisch“ ist. Nachdem er das Manuskript gelesen hat, schreibt Uwe Johnson Frisch in einem Brief, es sei dem Autor gelungen,

aus dem eigenen Leben mit den Mitteln der Literatur ein Kunstwerk herzustellen.

Heute wird unter authentisch eher die ungefilterte Rede verstanden, die gerade kein Kunstwerk sein will, sondern so etwas wie das wahre Leben. Authentizität gilt dabei oft als positive Eigenschaft eines Textes, so wie vor dreißig Jahren die Betroffenheit und in der Spätromantik vielleicht das Erhabene.

Doch ist dieses aufrichtige Buch nun authentischer als Frischs Romane? Hat die Aufrichtigkeit überhaupt etwas mit dem Inhalt zu tun – wäre also ein Buch bereits dann authentisch, wenn der Autor darin sein eigenes Leben zum Thema macht?


Die Vergeblichkeit des Authentischen

Von Lars Hartmann

Authentizität ist Fiktion. Bereits wenn wir eine Geschichte aus dem Alltag erzählen, fabulieren wir: Wir kleiden in Worte, schmücken aus. Auch wenn sich Max Frisch mit Montaigne Aufrichtigkeit vornimmt, auch wenn sich in Montauk manche Personen wiedererkannt haben – um Authentizität geht es nicht. Die eigentliche unerhörte Begebenheit dieser Prosa ist das Spiel mit der Wirklichkeit und der eigenen Wahrnehmung. Frisch konfrontiert uns mit den Brüchen (s)einer Biografie. Zweifel schleichen sich in die Erinnerungen des Ichs –

Oder belüge ich uns?

Dieses Unbehagen an der eigenen Wahrnehmung hat allerdings Methode:

… der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.

Der Ich-Erzähler, hinter dem wir den Schriftsteller Max Frisch vermuten dürfen, kokettiert nur mit dem Tagebuchhaften. Und dies widerspricht der Aufrichtigkeit.

In der Literatur geht es nicht darum, wie wahr eine erzählte Geschichte ist, sondern wie gut ein Autor sie erzählt. Authentizität gründet nicht darin, dass das Erzählte mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern dass es stimmig erzählt wird.

Ein langer leichter Nachmittag:

Schuhe im Sand. Lynn läuft noch immer und weit weg, im Augenblick ist die Gestalt kaum zu erkennen, da dort, wo sie jetzt läuft, das Meer unter der Sonne glitzert und blendet. Sie läuft herwärts, scheint es. Später wird sie deutlich: sie läuft in Bögen, wie Slalom, vermutlich läuft sie um die einzelnen Schaumzungen der Brandung, einmal schwingt sie ihre Arme dazu. Aus Lust.

Für uns Leser sind es Variationen auf Lynn – und eben auch Variationen auf das, was ein Autor macht, der sich mit den Mitteln der Literatur einem Menschen annähert, einem Augenblick, ohne ihn zu erreichen. Frisch weiß um die Vergeblichkeit des Authentischen. Von dieser Spannung zwischen Leben und Literatur erzählt Montauk.

Literatur hebt den Augenblick auf, dazu gibt es sie. Die Literatur hat die andere Zeit, ferner ein Thema, das alle angeht oder viele – was man von ihren zwei Schuhen im Sand nicht sagen kann …


Im Spiegelkabinett

Von Sieglinde Geisel

„Warum wirkt diese Prosa nicht privat?“ Das habe ich vor über dreißig Jahren notiert, oben auf einer Seite von Montauk. Da behauptet einer, er erzähle nichts als sein Leben, doch mit dem, was heute unter Authentizität verstanden wird, hat dieses Buch nichts zu tun. Der Autor, der hier „unter Kunstzwang“ schreibt, ist gespalten, und sein sorgfältig gestalteter Text wechselt zwischen der dritten und der ersten Person, was bisweilen zu bemerkenswerten Sätzen führt:

Das erspart ihm Reden, die mich langweilen.

Unmittelbarkeit ist diesem Erzähler fremd. Er inszeniert sich, und weil er um Kontrolle ringt, ist dieses autobiografische Buch nicht privat, sondern für andere – also Kunst.

Beim Wiederlesen erstaunt es mich, dass Frischs Angehörige damals so schockiert waren. Intimitäten finden sich kaum, diese Passage über Lynn ist eine Ausnahme:

Wenn sie weiß, dass zum ersten Mal ihre Brüste gesehen werden, schließt sie die Augen und sagt: They are very small.

Bei einem Buch, für das sich der Autor vornimmt, aufrichtig zu sein, sucht man nach der Lüge. In der Tat gibt es Passagen, die mir unehrlich vorkommen, und zwar jene, in denen der Erzähler seine früheren Frauen lobt.

Zu beschreiben wäre die eine und andere Speise, die Du erfunden hast / wie Du jüngere und alte Leute gewinnst, so daß sie gern ins Haus kommen /

[I]ch sehe sie mit Hochachtung und verwundert, dass ich der Vater ihrer drei Kinder geworden bin.

Was Frischs Frauen und Kinder verletzt hat, war vielleicht nicht die ungebetene Öffentlichkeit, sondern die Kälte der gnadenlos genauen Wendungen: „der Vater ihrer drei Kinder“.

Ist Montauk ein mutiges Buch? Von der schonungslosen Offenheit, die heute so bewundert wird, findet sich nichts, im Gegenteil. Aufgeladen wird der Text gerade durch das, was der Autor verschweigt. Dieser Autor schont sich, er gefällt sich in vermeintlich selbstbezichtigenden Wendungen („ich erfinde für jede Partnerin eine andere Not mit mir“). Letztlich gibt er nichts preis.

Kann einer, der seine Wahrnehmungen fürs Schreiben plündert, überhaupt etwas preisgeben?

Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.

Ist dieser Satz, den der Autor einem amerikanischen Journalisten ins Mikrofon gesprochen hat, aufrichtig oder nur für die Presse? Auch die Umkehrung dieses Satzes findet sich in Montauk, wenige Seiten später:

und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.

Gibt es ein echtes Leben im geschriebenen? Montauk ist ein Spiegelkabinett.


Die Suche nach der wahren Empfindung

Von Frank Heibert

Max Frischs Montauk ist ein meta-authentischer Text. Seine Beschäftigung mit dem Autor selbst und seinem Leben ist Programm. Es wird ständig reflektiert und in Frage gestellt. Gegen Ende des Buchs heißt es:

Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser –
und was verschweigt es und warum?

Max Frisch nimmt eine Wochenend-Affäre zum Anlass, über seine Beziehung zu Frauen nachzudenken, die brüchigen Loyalitäten, die Missverständnisse. Doch in Wahrheit arbeitet er sich an der Blockade seiner Emotionen ab.

Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen.

Sein bisheriges Schreiben, in dem er nur die Gefühle fiktionaler Figuren in Worte gefasst hat, betrachtet er kritisch:

Ich habe mir mein Leben verschwiegen (…) mich in diesen Geschichten entblößt, bis zur Unkenntlichkeit.

Jetzt will er

erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position.

Hinter seinem Erzählen steht also eine neue Haltung. Einfältig schreibt er keineswegs. Er will sich jetzt bis zur Kenntlichkeit entblößen. Hat er früher seine Geschichten wie Kleider anprobiert, so streift er nun die neue Haltung über. Aber das Kleidungsstück will nicht recht passen. Denn auch so kommt er an seine Gefühle nicht heran. Er weiß das, und er leidet darunter. Mit dieser Ambivalenz von Sehnsucht und Angst steht er in einer langen Tradition von Künstlern, die verzweifelt auf der Suche nach der wahren Empfindung sind und immer wieder daran scheitern. Darin ist der Schriftsteller in Montauk zutiefst authentisch.

Ich möchte wissen, was ich, schreibend unter Kunstzwang, erfahre über mein Leben als Mann.

Doch da er nicht an die Quellen seines Lebens als Mann herankommt, verhakt sich die Reflexion darüber in Rechtfertigungen, in Selbststilisierungen als Opfer des ewigen Rätsels Weib:

Ich leugne nicht meine Schuld; (…) sie wird gebraucht, unsere Schuld, sie rechtfertigt viel im Leben anderer.

Man beachte das männersolidarische Wörtchen „unser“! Er findet, er „verwöhnt [die Frauen] durch seine Selbstbezichtigungen“ und bezichtigt sich denn auch märtyrerhaft des „Laster[s] des male chauvinism“. Ein typischer Mann seiner Zeit mithin: so unbeholfen und unauthentisch, wie er mit seinem Gefühlsleben umgeht, ist er ein authentisches Symptom für einen (vergangenen) gesellschaftlichen Zustand.

Die zeitlose Qualität von Montauk liegt in den kleinen Juwelen der Beobachtungen und Situationen, in all den Passagen, die 100% fiktional sein könnten, deren Authentizität also nicht aus autobiografischer Beglaubigung herrührt, sondern in ihrer künstlerischen Verdichtung zum Leuchten kommt.

Wenn sie die hölzerne Treppe zum hölzernen Hotel hinaufgeht, schaut er ihr nicht nach; er kann es sich vorstellen, wie sie die Arme bewegt, Grazie nicht ohne Komik. Er kann sie auch vergessen, zum Beispiel wenn er mit Leuten ist. Er sieht sie mit Wohlgefallen, wenn sie speist; dieser ungeile Appetit der Hageren.

Angaben zum Buch
Max Frisch
Montauk
Eine Erzählung
Suhrkamp Taschenbuch 2016 · 224 Seiten · 8 Euro
ISBN: 978-3518372005
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Beitragsbild:
Montauk Point Lighthouse (2012)
Via Wikimedia
Bearbeitung: Lars Hartmann
Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Von Redaktion

8 Kommentare

  1. Ich verstehe die Diskussion nicht. Die von Frisch durch Montaigne (Zitat) in Anspruch genommene Aufrichtigkeit, vorsichtig übertragen zu: ’nicht zu lügen‘, hat doch mit Authentizität nichts zu tun, die eventuell mit ‚Echtheit‘ Kontur gewinnen könnte. Es handelt sich um völlig verschiedene Fälle! Aufrichtigkeit ließe Spielräume zu, Echtheit ließe fragen, ob ein Nachbar dies und jenes tatsächlich gesagt hat … ‚Aufrichtig‘ ist ein moralisches Wort, das in Bezug auf Literatur ebenso verfehlt wäre, wie ‚authentisch‘, das eventuell in Bezug auf journalistische Darstellungen von Ereignissen nutzbar sein könnte.

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  2. Victor Rancour 18. Mai 2017 um 11:42

    Dass „Authentizität“ überhaupt als Schlagwort gilt und als Kriterium an ein Kunstwerk angelegt wird, ist bereits eine Unsitte an sich. Einerseits ist das Werk eines Schriftstellers, Bildhauers oder Malers immer ein Akt der Verfremdung, der Überzeichnung und des Schliffs, welcher im Idealfall den Ansprüchen des Künstlers an sein Werk gerecht wird. Der Begriff der „Authentizität“ suggeriert eine Objektivität, die einem zeitgemäßen Kunstverständnis, in dem Produktion und Rezeption des Werkes inhärent subjektive Erfahrungen darstellen, zuwider läuft. Es ist ein Schlagwort, aber doch weich wie ein Schwamm, der sich mit unterschiedlichen Inhalten vollsaugen kann – je nachdem, wer ihn gerade in der Hand hält und in welche Flüssigkeit er getunkt wird. Ist Authentizität nun durch die möglichst detailgetreue Schilderung realer Ereignisse gewährleistet, auch wenn die geschilderte Realität von Rezipienten als unglaubwürdig wahrgenommen wird? Oder ist es möglich, dass ein frei erfundenes Stück authentisch ist, weil es sich für eine Mehrzahl der Leser/Betrachter als konsistent, nachvollziehbar und aufrichtig darstellt.

    tl;dr: Authentizität ist als Bewertungskriterium von Kunst vollends unbrauchbar.

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  3. Ich stimme einerseits Victor Rancour zu. Andererseits geht es in diesem tell-Text weniger um die Verteidigung dieses Begriffes, sondern um dessen Sichtung. Zudem bezieht sich dieser Beitrag (implizit) auf andere Debatten, wo der Begriff des Authentischen in der Sicht aufs Werk eine Rolle spielt – unabhängig davon, ob dieser Begriff für die Ästhetik nun brauchbar ist oder nicht. Stichworte seien hier die Texte von Knausgard und letztes Jahr das Buch von Thomas Melle. Im Herbst 2016 bezog sich Richard Kämmerlings in der „Welt“ mit seinem Artikel „In welche Richtung will die Gegenwartsliteratur?“ auf diese Form des authentischen bzw. autobiographischen Schreibens. Ebenso Anfang des Jahres Peter Praschls Plädoyer fürs Autobiographische: „Warum mich Romane heute nur noch langweilen“. In der FAZ antwortete darauf Jan Wiele, wie auch auf tell Samuel Hamen. (http://tell-review.de/die-neue-ego-literatur/)

    Auch ich halte den Begriff „authentisch“ für unglücklich, wie man meinem Statement entnehmen kann. An diesem Begriff ist nicht viel zu retten. Allenfalls kann man ihn übersetzen oder anders buchstabieren. Wenn man es mit Habermas‘ Ausdifferenzierung der Geltungssphären machen möchte, kann man von ästhetischer Wahrhaftigkeit bzw. von ästhetischer Expressivität sprechen. D.h. einem Kunstwerk inhäriert zum einen Ausdrucksqualität, zum anderen sollte ein gelungenes Kunstwerk ästhetisch stimmig sein. Auch dies freilich sind Allgemeinbegriffe und da befinden wir uns schon wieder in der Aporie, wie wir es beim Authentischen bereits hatten: Die moderne Kunst setzt keine Normen mehr voraus, es ist die Gattungs- oder Regelpoetik obsolet geworden. Insofern können sich Begriffe der Kunsttheorie wie auch der Kunstkritik nur aus der immanenten Sichtung und Analyse des Werkes jeweils ergeben und nicht ex cathedra ans Werk herangetragen werden. Insofern sind im Grunde alle Begriffe, die außen ans Werk gebracht werden, unbrauchbar oder zumindest problematisch, weil sie eine Norm als verbindlich indizieren, die es lange nicht mehr ist. Eine für die Ästhetik eigentlich schwierige Situation. Wenn Adorno vom Nominalismus der Kunst der Moderne sprach, so müssen wir nolens volens auch von einem Nominalismus der Kritik sprechen. Ich formuliere es mal als Frage – ohne Fragezeichen.

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  4. Als Frisch „Montauk“ schrieb, war der Begriff Authentizität noch nicht so aufgeladen wie heute, spielte in der Literaturrezeption keine große Rolle. Heute wird ja gerade autobiographischem Schreiben in der ersten Singular häufig dieses Etikett gegeben. Und zwar lobend, positiv.

    Das damalige Äquivalent war Betroffenheit und Frisch selbst hat Volker Hages Frage nach den Gründen für seinen Erfolg so beantwortet: „Vielleicht so: Die meisten Sachen, die ich gemacht habe, sind verbunden mit einer eigenen Betroffenheit.“ (rowohlts monografie 321, p125) Würde er heute „Authentizität“ setzen? Ist „Montauk“ also Vorläufer dieser gegenwärtigen, autobiographischen, „authentisch“ genannten Literatur? Und eine Frage noch zuletzt: Betroffenheit ist ja nun schon lange aus der Mode, die ursprüngliche positive Konnotation hat sich nachgerade in sein Gegenetil verkehrt. Wird „Authentizität“ ein ähnliches Schicksal erleiden?

    Das waren so Fragen, die die Redaktion umtrieb und die zu einer fruchtbaren, internen Diskussion führte. Die interessanten Einwände/Ergänzungen unser Leser Reinhard Matern und Victor Rancour spiegeln diese Diskussion ja wider. Und sie zeigen, dass es für diese Diskussion offenkundig Bedarf gibt.

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  5. Spannend finde ich Reinhard Materns Feststellung, dass „aufrichtig“ eine moralische Bedeutung hat (das gilt ja auch für „Betroffenheit“: Wer betroffen ist, ist nicht kalt…). Damit fällt es als ästhetisches Kriterium erst einmal aus. Und doch gibt es in der aktuellen Literaturkritik eine Argumentationsschlaufe, die genau dies tut: Ein Werk, das „schonungslos offen“ ist, gilt als gelungen oder zumindest relevant. Wir wollen wissen, wie es „wirklich“ ist, über die Literatur Zugang zum „wahren Leben“ erhalten – und nehmen dabei auch in Kauf, dass es vielleicht nicht so toll geschrieben ist, ja nicht einmal so toll geschrieben sein DARF, denn wer feilt, verfälscht das wahre, rohe, unmittelbare Leben. Kunst ist eben gerade nicht Leben…, sondern was? Etwas, das darüber hinausgeht, dem wahrenrohenunmittelbaren Leben etwas hinzufügt. Dieses mit Sinn versieht?

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    1. Kann die von Reinhard Matern herausgearbeitete, moralische Kategorie, die für betroffen und aufrichtig gilt, auch für „authentisch“ i.S. von echt unterstellt werden? In dem Sinn, dass der Authentische nicht lügt beispielsweise?

      Gute Literatur hingegen lügt ja oft. Da wäre dann die Bruchkante zur Authentizität. Aber das ist von mir gänzlich improvisiert.

    2. Literatur will eine Geschichte GUT erzählen, sie will Wirklichkeit nicht wiedergeben, sondern gestalten, deuten. Ob die Deutung dann „wahr“ etc. ist, entscheidet der Betrachter. Das ungefiltert Authentische ist künstlerisch einfach uninteressant.
      Kunst ist mehr als Leben. Um noch einmal Max Frisch zu zitieren: „Kunst als solche ist transzendent.“

  6. Jochen Schimmang 27. Mai 2017 um 10:05

    Kleiner Lesetipp: Christian Linder, Die Krankheit der Phantasie. Über Max Frisch. Zuerst in Linder, „Die Träume der Wunschmaschine“, Rowohlt das neue buch, Reinbek 1981. Später in: Linder, „Noten an den Rand des Lebens“, Matthes & Seitz, Berlin 2011, darin S. 147 – 199.

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