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	<title>Medien &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Medien &#8211; tell</title>
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		<title>Wenn das Nervensystem einer Gesellschaft versagt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Apr 2022 07:29:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Während die ganze Welt Putins Krieg in Echtzeit mitverfolgt, bekommt die Mehrheit der russischen Bevölkerung davon nichts mit. Warum ist Putins Propaganda so erfolgreich?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Putins Angriffskrieg ist für den Westen eine Stunde der Wahrheit: Abstraktes Wissen verwandelt sich in Erfahrung. Das gilt nicht nur für unsere Abhängigkeit von russischem Gas und ukrainischem Weizen, sondern auch für die Macht der Medien. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Putins Krieg in Echtzeit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dass es ohne unabhängige Medien keine Demokratie geben kann, gehört zu den routiniert heruntergebeteten Phrasen des öffentlichen Diskurses, doch jetzt begreifen wir, was für verheerende Folgen es hat, wenn das Bewusstsein eines ganzen Landes manipuliert wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgerechnet die Bürger:innen des Landes, das in die Ukraine einmarschiert ist, scheinen nichts mitzukriegen von diesem Krieg, den sie nicht beim Namen nennen dürfen. Währenddessen verfolgt der Rest der Welt Putins Krieg in Echtzeit, dank Google Translate erreichen uns auf den sozialen Medien auch Postings auf Ukrainisch oder Russisch. Wir bekommen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, die im kriegführenden Land selbst gar nicht in die Köpfe gelangen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Unterwerfung unter die Propaganda</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Wahrscheinlichkeit, etwas Ungewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren, ist weit größer als die, es zu erleben“, heißt es in Robert Musils <em>Der Mann ohne Eigenschaften</em>. Der Protagonist Ulrich sinniert um 1910 darüber nach, dass sich im Abstrakten das Wesentlichere ereigne und das Belanglosere im Wirklichen. Ein Jahrhundert später gilt das erst recht. Die Medien sind unsere Sinnesorgane für das, was wir nicht selbst erleben, sie sind das Nervensystem der Gesellschaft. Jeder Eingriff in die Pressefreiheit ist ein Eingriff ins kollektive Gehirn. In Russland ist die böse Operation geglückt: Die Mehrheit der Menschen sitzt buchstäblich in einem anderen Film.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer in einer anderen Welt lebt, gilt gemeinhin als verrückt, doch die russische Gesellschaft halluziniert bei vollem Verstand. Die Unterwerfung unter das offizielle Narrativ scheint geradezu perfekt. Die Ukrainer hätten sich selbst bombardiert, so heißt es allen Ernstes, bei den Leichen auf den Straßen von Butscha handle es sich um Schauspieler, und inszeniert sei das Ganze von den Briten. So absurd die Propaganda auch ist: Sie ersetzt die Wirklichkeit. Selbst Geschichten aus erster Hand haben dagegen keine Chance: Nicht einmal den eigenen Verwandten wird geglaubt, wenn sie erzählen, dass sie von der russischen Armee bombardiert werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Aufwachen aus der Parallelwelt?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Abschied vom Glauben an das Falsche ist immer mit Scham verbunden, deshalb tut man alles, um das Narrativ und damit das eigene Selbstbild zu retten. Wir kennen das Phänomen von Coronaleugnern, doch wenn es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht, erreicht die Realitätsverweigerung noch einmal eine ganz andere Dimension. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist die Wahrheit den Verblendeten zumutbar? Wie lebt man mit der Tatsache, dass diese Verbrechen im eigenen Namen begangen wurden und man also zu den Tätern gehört? Es ist eine Schuld, mit der sich kaum leben lässt. Wie viel leichter ist es da, sich der alles rechtfertigenden Propaganda zu unterwerfen. Sie bietet Schutz vor dem, was man am meisten fürchtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann werden die Russ:innen aus ihrer Parallelwelt aufwachen? In Deutschland dauerte es nach dem Krieg über zwanzig Jahre, bis die Konfrontation mit der Wirklichkeit begann. Und es war keineswegs die Generation der Täter, die sich ihrer Vergangenheit stellten. Es waren ihre Kinder, die die Auseinandersetzung einforderten. Oft vergeblich.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br>Menschen in Chabarowsk bilden das &#8222;Z&#8220;-Symbol.<br> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Z_symbol_flash_mob_at_Platinum_Arena_in_Khabarovsk.jpg">khv27.ru</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0">CC BY 4.0</a>, via Wikimedia Commons</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Grundanders anfangen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Nov 2019 09:16:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Genozid]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nobelpreis]]></category>
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					<description><![CDATA[Peter Handke bezeichnet sich in seinen Reisen nach Serbien als „Tourist“, er verlässt sich auf seine subjektive Sicht. Gibt es ein Recht auf Naivität? Eine Verteidigung von Handkes Medienkritik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">In den Debatten um Peter Handke geht es kaum je um seine Prosa. Wir  nehmen seine jüngsten Werke unter die Lupe und suchen nach Kriterien. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die bisherigen Texte in chronologischer Reihenfolge: </p>



<ul class="wp-block-list"><li><a href="https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/">Page-99-Test zu <em>Die Obstdiebin</em></a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/ob-der-kaiser-nackt-ist/" target="_blank">Ob der Kaiser nackt ist&#8230;</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Hundert Seiten Handke. Ein P. S. zum Page-99-Test (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/hundert-seiten-handke-ein-p-s-zum-page-99-test/?preview_id=96014&amp;preview_nonce=b5f44d4b4f&amp;preview=true&amp;_thumbnail_id=96020" target="_blank">Hundert Seiten Handke: Ein P. S. zum Page-99-Test</a></li><li><a href="https://tell-review.de/vorgetaeuschter-tiefsinn/">Vorgetäuschter Tiefsinn</a></li><li><a href="https://tell-review.de/nur-keine-hast-auf-den-zwischenstrecken/">„Nur keine Hast auf den Zwischenstrecken&#8230;“</a></li><li><a href="https://tell-review.de/schleife-um-schleife-mit-riesenumwegen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label=" (opens in a new tab)">„Schleife um Schleife, mit Riesenumwegen&#8230;“</a>  </li></ul>





<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><span style="font-size: 80%">„Der Krieg errichtet eine Ordnung, zu der niemand Abstand wahren kann. <br> So gibt es nichts Äußeres. Der Krieg zeigt nicht die Exteriorität <br> und das Andere als anders; er zerstört die Identität des Selben.“<br><br><em>Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit</em></span></p>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Wogen in der Sache Literaturnobelpreis für Peter Handke kochen seit Wochen hoch. Davon einmal abgesehen, dass dieser Preis für die Prosa und nicht für politische Statements vergeben wird, lohnt dennoch ein Blick in die kritisierten Handke-Aufsätze. Die wenigsten Kritiker, so scheint es, haben Handkes Essays <em>Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien</em> und <em>Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise</em> komplett gelesen – ansonsten sind die teils harschen Reaktionen, die stellenweise ins Ehrabschneidende gehen, nicht erklärbar. Statt Bruchstücke aus Texten herauszusprengen und diese isoliert zu deuten – wie dies prominent Saša Stanišić getan hat –, stünde es den Kritikern gut an, diese beiden Aufsätze einmal gründlich und im Zusammenhang zu lesen. Auch deshalb, damit nicht das Gerücht über einen Text an die Stelle der Lektüre tritt und als stille Post sich immer weiter vervielfältigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Peter Handke ist einer der wenigen deutschsprachigen
Schriftsteller, die in Jugoslawien mehrfach vor Ort waren, unter anderem auch
1999, als Serbien ohne UN-Mandat von den USA und der NATO bombardiert wurde,
und dabei saß er nicht mit Slobodan Milošević im Bunker, sondern war bei den
Menschen, auf die die Bomben fielen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man in der gründlichen Lektüre dieser beiden Texte einen
Schritt zurücktritt, reduziert sich möglicherweise auch jene Wut, die eine
sachliche Diskussion verhindert. Diese Wut der Kritiker mag teils, wie bei Saša Stanišić, biografisch
motiviert sein. Doch Texte sind komplexe Gebilde, und sie sind mehr als nur
einzelne Sätze, die man sich herausseziert. Das klingt trivial, ist es aber
nicht, wenn man etwa die Interpretationsartefakte betrachtet, die Handkes
Statements in den besagten Aufsätzen als Billigung von Massakern und Mord deuten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Blick des Reisenden</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Liest man den Anfang von Handkes zweitem Reisebericht, kommt
es einem nicht in den Sinn, die beiden Texte als politische Rechtfertigung für
Mord zu deuten. Handke reist als Schriftsteller, als Beobachter, das schreibt
er ausdrücklich, sein Blick ist nicht der des Politologen oder des
Balkan-Experten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wie schon beim ersten Mal kam ich nach Serbien vordringlich als Tourist, ein einzelner aus eigenem, was auch ‚auf eigene Rechnung‘ heißt, hatte noch weniger als beim ersten Mal vor, von unserem Unterwegssein etwas aufzuschreiben, und machte mir dann auch noch weniger Notizen, nämlich keine einzige.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Handke bezieht eine subjektive Position, nämlich die des
Reisenden. Und von Anfang an sichtet Handke als Beobachter die Vernichtungen,
die ihm in den bosnischen Ortschaften und auch am Wegesrand immer wieder
begegnen, wie etwa in Dobrun bei Višegrad, einem Ort kurz hinter der serbischen
Grenze, die er in beiden Reisen überquerte. Er reiste in ein Gebiet, in dem
einst Bosnier, Muslime und Serben gemeinsam lebten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Aber von dem Dorf gab es außer dem Namen fast allein noch die dach-, türen- und fensterstocklosen Hausmauern. Geplünderte Häuser? Die Häuser als Häuser, die Häuser als solche wirkten geplündert, und das erschien als etwas Schlimmeres als selbst eine noch so vollkommene Zerstörung; als sei durch eine derartige Weise des Plünderns jeweils nicht bloß ein einzelnes, dieses bestimmte Haus da vernichtet worden, sondern sozusagen das Haus an sich, das Haus ‚Haus‘, das Wesen des Hauses (dieses wurde faßbar gerade in so einer Form der Vernichtung). </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Passage geht es nicht mehr einfach um konkrete
Taten, um ein Plündern und Zerstören hier oder dort, vielmehr wird in diesen
Sätzen exemplarisch sichtbar, was in solchen Kriegen und Massakern geschieht. Eine
Gewalt bricht über die Menschen herein, eine Gewalt, die ihnen ihr
unmittelbares Umfeld nimmt, nämlich das Haus und damit die Behausung und auch die
Ortschaft, auf die jeder Mensch angewiesen ist. Menschen wohnen. Die Gewalt gegenüber
einem einzelnen Objekt „Haus“ macht mehr, als nur ein einzelnes Gebäude oder
eben eine Vielzahl von Häusern zu zerstören. Diese Gewalt reicht bei Handke am
Ende bis ins Wesenhafte hinein, nämlich das Wesen Mensch in seinem Dasein
treffend. Handke bringt solche Gewalt in ein Bild, und hier geschieht das mit literarischen
Mitteln. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die fragende Position als Korrektiv</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kritiker Handkes können anführen, dass
er primär die Serben als Opfer sieht und nicht die Vertreibung der Muslime
benennt – etwa die aus Dobrun oder die Belagerung von Sarajevo. Dieser Einwand
führt aber insofern an der Sache vorbei, weil Handke einerseits auch von Serben
als Tätern und von Muslimen als Opfer schreibt (eben jene in der Ortschaft
Dobrun sowie beispielsweise das Verschwinden der Minarette aus Višegrad), und
er andererseits beim Blick der Öffentlichkeit auf diesen Krieg jene
„Gerechtigkeit für Serbien“ sich wünscht, die in den Medien oft nicht zu finden
ist. In diesem Sinne sind Handkes Texte als Korrektiv zu lesen. Dennoch nennt
er die Täter:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Und nicht bloß einmal, nicht bloß für den Augenblick, angesichts wieder eines in einer der Leichenhallen von Sarajewo wie im leeren Universum alleingelassenen getöteten Kindes – Photographien übrigens, für die spanische Zeitungen wie El País Vergrößerungs- und Veröffentlichungsweltmeister sind, nach ihrem Selbstbewußtsein wohl in der Nachfolge Francisco Goyas? –, fragte ich mich dazu, wieso denn nicht endlich einer von uns hier, oder, besser noch, einer von dort, einer aus dem Serbenvolk persönlich, den für so etwas Verantwortlichen, das heißt den bosnischen Serbenhäuptling Radovan Karadžić, vor dem Krieg angeblich Verfasser von Kinderreimen!, vom Leben zum Tode bringe, ein anderer Stauffenberg oder Georg Elsner <em>[sic]</em> !? </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese fragende Position Handkes, die in ihren Beobachtungen oft am Anschein und an dem in den Medien Dargestellten zweifelt, findet sich ebenso in der prominenten, von Stanišić genannten, Višegrad-Szene mit den barfüßigen Freischärlern, unter anderem jenem als Kriegsverbrecher verurteilten Milan Lukić. Handke fragte im Juni 1996 nach, was bei diesen Massakern, genau dort vor Ort, geschehen ist. Dabei kritisiert er insbesondere den Journalisten Chris Hedges, der mit seiner Reportage in der <a href="https://www.nytimes.com/1996/03/25/world/from-one-serbian-militia-chief-a-trail-of-plunder-and-slaughter.html">New York Times</a> vom März 1996 Suggestionen erzeugt und Geschichten schreibt, die auf Sensation aus sind. Diese Art der Darstellung hinterfragt Handke in dieser Passage in <em>Sommerlicher Nachtrag</em>: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wenn man schon im ersten Satz eines so genannten Berichts die Tendenz und das Ressentiment spürt – für mich ist das unerträglich. </p><cite> (Peter Handke, Der Standard, 10.06.&nbsp;2006, zit nach: Struck, Lothar, Der mit seinem Jugoslawien) </cite></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Der Schriftsteller als Medienkritiker</h3>



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Handke bezweifelt eine bestimmte Form der Berichterstattung über Jugoslawien, insbesondere in der FAZ damals und im Spiegel. Handke zweifelt nicht an den Gräueln an sich, er schreibt explizit, dass diese stattfanden, sondern an der Art und Weise, wie solcher Mord dargestellt wird. Dies geschieht freilich von einem subjektiven Blick her, dem des Reisenden, des Schriftstellers – und das ist Handkes gutes Recht als Privatperson und Autor. Wer Handke vorwirft, dass er Massaker oder gar Genozide leugnet, muss dies an belastbaren Textstellen in diesen Aufsätzen vornehmen. Und es sollte bei solchem Verfahren auch nicht der Kontext solcher Stellen außer Acht gelassen werden: dass es sich nämlich in vielen dieser Passagen explizit um eine Medienkritik handelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleich im Anschluss an diese Massaker-Stelle,
wo er von der „Tötung in der hiesigen Muslimgemeinde vor ziemlich genau vier
Jahren“ schreibt, bezieht Handke sich auf jenen <a href="https://www.nytimes.com/1996/03/25/world/from-one-serbian-militia-chief-a-trail-of-plunder-and-slaughter.html">Bericht</a> von Hedges. Auch ich habe den Artikel gelesen und finde dort
eine suggestive Sicht: Emotionalisierungen und Storytelling – die Brücke von Višegrad im smaragdgrünen
Wasser, ein Massenmörder, der auch mal barfuß durchs Dorf läuft: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In Višegrad there is a graceful 400-year-old bridge, hewn of large off-white stones, that spans the emerald-green waters of the Drina River.</p><p>The steep wooded hillsides that plunge to the river have for centuries also produced killers of appalling magnitude. Mr. Lukic, along with his group of some 15 well-armed companions, was the latest, according to more than two dozen survivors and witnesses.</p><p>Mr. Lukic, who often went barefoot, called the group the Wolves.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist für einen journalistischen Text Sprachkitsch. Hedges
schreibt als Journalist fürs Gefühl, und das kritisiert Handke. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso kritisiert Handke das Verschwinden eines wichtigen
Zeugen aus Serbien. Einen solchen Zeugen gibt man hinterher im
Gefangenenaustausch weg? Das würde mich als Journalist stutzig machen. Solche
Zeitungsberichte und darin besonders der Stil sind es, die Handke ärgern. Hier
wird mittels „Schreibe“ ans Gefühl appelliert. Handke hat in Chris Hedges‘
Story ein Problem benannt, das heute noch akut ist. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Herstellung politischer Emotionen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich verstehe nach der Lektüre und dem Stil solcher Reportage,
was Handke mit den „eingeflogenen Manhattan-Journalisten“ meint. Meine Kritik
an Handke geht freilich in eine andere Richtung: Er steht vor diesem Text von
Hedges hilflos und wie ein gebanntes Kind. Karl Kraus hätte diesen
Hinterwäldlersinn aus den „steep wooded hillsides“ und dem „smaragdgrünen
Wasser“, mit dem politische Emotionen gebastelt werden, von seiner Sprache her gnadenlos
zerlegt. Das sind Dinge, die im Journalismus nichts zu suchen haben. Handkes
Text hingegen wird von Melancholie, Trauer und einer stillen Wut getragen, aber
leider nicht von Sprachkritik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Umstand, dass es sich bei dieser
Szene um eine, wenn auch wenig subtile, Medienkritik handelt, wird in der
Bewertung ausgeblendet. Manchmal ist Handkes Sprache zwar drastisch, wenn er etwa
den „nach Višegrad hinter die bosnischen Berge geheuerten Manhattan-Journalisten“
und damit eben die Variante des Journalismus kritisiert, der anschaulich
zuspitzt. Doch bei dieser Art teils suggestiver und einseitiger Darstellung,
wie sie etwa in Deutschland prominent beim damaligen FAZ-Herausgeber Johann
Georg Reißmüller erfolgte, ist ein gewisser Ton von Polemik
verständlich. Handke schreibt als Einzelner, er schreibt keine Medien-Studie
zum Stand der Berichterstattung von Zeitungen im Jugoslawien-Krieg, sondern er
berichtet subjektiv – als Autor und Reisender. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Macht der Bilder</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In <em>Eine winterliche Reise s</em>chreibt Handke über die Fotografien der Opfer des Krieges:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8230; doch weshalb habe ich solche gar sorgfältig kadrierten, ausgeklügelten und eben wie gestellten Aufnahmen noch keinmal – jedenfalls nicht hier, im &#8218;Westen&#8216; – von einem serbischen Kriegsopfer zu Gesicht bekommen? Weshalb wurden solche Serben kaum je in Großaufnahmen gezeigt, und kam je einzeln, sondern fast immer nur als Grüppchen, und fast immer nur im Mittel- oder fern im Hintergrund, eben verschwindend, und auch kaum je, anders als ihre kroatischen oder muselmanischen Mitleidenden, mit dem Blick voll und leidensvoll in die Kamera, vielmehr seit- oder bodenwärts, wie Schuldbewußte? Wie ein fremder Stamm? – Oder wie zu stolz zum Posieren? – Oder wie zu traurig dafür?</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich von der Fotografie her mit der
(politischen) Macht der Bilder beschäftigt und Fotografien nicht per se als
selbstverständlich und objektiv wahrnimmt, wird sich solchen Fragen und solchen
Zweifeln stellen müssen. Handkes Bücher zu Serbien sind in diesem Sinne
Medienkritik von der Warte des Schriftstellers.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lothar Struck, Experte für Handke, nicht
nur in Sachen seiner Serbien-Reiseberichte, sichtet in seinem Buch <em>Der mit seinem Jugoslawien. </em><em>Peter Handke im Spannungsfeld
zwischen Literatur, Medien und Politik</em> die Texte
Handkes akribisch. Zu jener Višegrad-Passage schreibt er:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Tatsächlich ist der Artikel von Hedges (dem hinter die Berge geheuerten Manhattan-Journalisten) äußerst suggestiv geschrieben. Und eine Statistik aus dem Jahr 1991 zeigte für Višegrad und Umgebung rund zwei Drittel der Bevölkerung als bosnisch und ein Drittel serbisch. Insofern war Handkes Einwand nachvollziehbar. Dabei übersah er jedoch die Kriegssituation. Denn im Mai 1992 zog sich die jugoslawische Volksarmee, die die Stadt aus geostrategischen Gründen erobert hatte, zurück und überließ paramilitärischen Milizen das Feld. Etliche Bosniaken waren bereits geflohen; das Verhältnis in der Bevölkerung hatte sich verändert. Und wer besaß nun die Waffen? Jegliche staatliche Ordnung brach zusammen – der Mob regierte. Lukić war einer der Anführer.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Handke mag im Urteil zuweilen falsch liegen, darin ist den
Kritikern zuzustimmen. Aber das heißt im Sinne eines falschen Analogieschlusses
nicht, dass er Völkermord billigt oder relativiert, wenn er auf die Art der
Berichterstattung schaut. Zudem bedient sich Handke als Erzähler häufig
anschaulicher Elemente, er visualisiert, versucht für sich und für seine Leser
in Bildern zu begreifen. Diese rhetorische Ebene seiner Reise-Essays ist
ebenfalls mitzudenken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein anderer Anfang des Erzählens</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere vermeintlich inkriminierende Stelle ist jene
Passage aus <em>Sommerlicher Nachtrag</em>, in der Handke die Serben mit den
Indianern in Western-Filmen vergleicht. Doch auch bei dem Indianer-Zitat muss
man sowohl den Kontext wie auch das Ende des Textes mitlesen. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>‚Letzte Frage‘: Wie hat man den Kampf der Serben in Bosnien wahrgenommen? – Dazu siehe vielleicht wieder ‚Geographie‘: die Freiheitskämpfer oben – auf den Bergen –, die Zwangsherren in den Tälern, so als Opfer ‚vor-gesehen‘ – aber erscheinen nicht auch in den Western die bösen Indianer oben auf den Felsklippen, die friedlichen Ami-Karawanen überfallend und metzelnd – und kämpfen die Indianer nicht doch um ihre Freiheit? Und ‚allerletzte Frage‘: Wird man einmal, bald, wer?, die Serben von Bosnien auch als solche Indianer entdecken? Und ab jetzt nichts mehr fragen, und wenn, dann jedenfalls grundanders anfangen als mit dem folgenden Satz einer langen aktuellen Bosniengeschichte in der Zeitschrift „The New Yorker“ : „Haris XY wurde ethnisch gereinigt, während er mit seinen Freunden Karten spielte.“</p><p>Anfangen wie? Zum Beispiel so: „Am Beginn aller Stege und Wege, am Ursprung des Bildes, das ich mir davon mache, stehen unauslöslich eingeprägt die Pfade, wo ich frei die ersten Schritte tat. Das war in Višegrad, und die Wege waren hart, ungleichmäßig, wie ausgenagt &#8230;“<br>(Ivo Andrić, <em>Pfade</em>)</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind dies die letzten Sätze des Buches, ein Abschluss also.
Und Handke nutzt das Zitat von Andrić – freilich weit vor den Massakern von
Višegrad und in einer anderen Zeit geschrieben – , um auf einen anderen Anfang
des Sehens und des Erzählens zu weisen, der nicht einfach im Kreislauf dieser
Gewalt verbleibt. Das mag angesichts schrecklicher Massaker hilflos oder ausweichend
anmuten, aber Handke schreibt nicht als Historiker oder als Journalist, dessen
Pflicht es ist, zu dokumentieren und zu berichten. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Form von Differenzierung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Handke greift hier zudem auf Motive des Westerns zurück, denn
die Bilder von Geschichte, die uns Western vermitteln, erzeugen Mythen und
Narrative. Für die USA etwa, wie ein Land mit Gewalt besiedelt und wie Landraub
begangen wurde. Die Situationen sind historisch kaum vergleichbar. Aber darum
geht es Handke nicht. Sein Thema ist die Frage nach der Deutung und den
Narrativen. Konsequent in der Methode ist diese Referenz, weil es um jene über
die Medien vermittelten Bilder dieses Krieges geht, die Handke kritisiert. Was
manche als unerhörte und unverschämte Frage deuten, kann genauso als eine Form
von Differenzierung gelesen werden: dass nämlich Serben nicht nur Täter,
sondern ebenso Opfer waren, so z.&nbsp;B. beim Angriff auf Kravica 1993. Trotz
Sarajevo und trotz der entsetzlichen Massaker in Srebrenica. Ob diese Bilder
das historische Geschehen angemessen abzubilden vermögen, bleibt Gegenstand der
Debatte. Ich halte es für eine legitime Sicht.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wohl wahr: in Višegrad fand ein Leben nur noch auf dem Friedhof statt, und in Srebrenica, dem Anschein nach, gar nicht mehr – aber vielleicht gab es da ein anderes zu entdecken, ein unsern Begriffen schwer zugängliches?</p>[…]<p>Und einmal dann der Gedanke, wenn überhaupt irgendwo auf Erden die Auferstehung der Toten noch Wunsch, oder akuter Tagtraum, oder wüster Wahn sei, so dort bei zumindest einem der Abgehausten, einem einzigen, von S.,  Auferstehung auch und vor allem der Vor-Bewohner, oder zumindest eines von denen, eines einzigen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Spirale der Gewalt aufzulösen, ist schwierig. Prosa kann vielleicht davon träumen, wenn sie jenen „anderen Anfang“ imaginiert,  wie Handke das tut. Man kann es als naiv bezeichnen, aber diese  vermeintliche Naivität ist das Recht eines Schriftstellers.  </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Vladimir Mijailović: Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA 4.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Most_Mehmed_Pa%C5%A1e_Sokolovi%C4%87a_u_Vi%C5%A1egradu.jpg">via Wikimedia Commons</a><br>Buchcover: Verlage</h6>



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<p class="wp-block-paragraph">Peter Handke<br><strong>Abschied des Träumers / Winterliche Reise / Sommerlicher Nachtrag</strong><br>Suhrkamp Verlag 1998 · 250 Seiten · 14,00 Euro<br>ISBN:  978-3518394052 <br></p>







<figure class="wp-block-image"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="179" height="300" data-attachment-id="96102" data-permalink="https://tell-review.de/buchcover_handke_traeumer/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/11/Buchcover_Handke_Traeumer.jpg?fit=1232%2C2064&amp;ssl=1" data-orig-size="1232,2064" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover_Handke_Traeumer" data-image-description="&lt;p&gt;Buchcover&lt;br /&gt;
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Abschied des Träumers vom Neunten Land&lt;br /&gt;
Suhrkamp 1998&lt;/p&gt;
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<p class="wp-block-paragraph">Lothar Struck<br><strong>Der mit seinem Jugoslawien</strong><br>Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik<br>Verlag Ille &amp; Riemer 2013 · 332 Seiten · 24,80 Euro<br>ISBN:  978-3-95420-402-1 <br></p>



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<figure class="wp-block-image is-resized"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="96103" data-permalink="https://tell-review.de/buchcover_struck_jugoslawien/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/11/Buchcover_Struck_Jugoslawien.jpg?fit=700%2C993&amp;ssl=1" data-orig-size="700,993" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover_Struck_Jugoslawien" data-image-description="&lt;p&gt;Lother Struck&lt;br /&gt;
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