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	<title>Faschismus &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Faschismus &#8211; tell</title>
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		<title>Die Wende als Katalysator</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Aug 2019 10:18:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechte]]></category>
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					<description><![CDATA[Inwieweit kam der Rechtsruck im Osten aus dem Westen? Ingo Hasselbachs "Die Abrechnung" von 1993 ist hoch aktuell: Das Aussteigerbuch des ehemaligen Neonazi zeigt, welche Rolle die radikale Rechte aus dem Westen in der Wendezeit spielte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Am ersten September finden in zwei ostdeutschen Bundesländern, Sachsen und Brandenburg, Landtagswahlen statt. Im Oktober folgt die Wahl in Thüringen. In allen drei Bundesländern sind starke Gewinne der AfD zu erwarten. Zur Erklärung für den Erfolg der Rechten in der ehemaligen DDR werden oft zwei Phänomene beigezogen: zum einen die autoritäre Prägung durch die Diktatur, zum anderen die Destabilisierung durch den Umbruch nach der Wende. Man kann diese beiden Phänomene als konkurrierende Erklärungsmodelle sehen – ich bin allerdings der Meinung, dass sie sich gegenseitig verstärken: Erst der Hass auf das DDR-System, dann das Nicht-Ankommen im Westen. Allerdings erschöpft sich die Ursachenerforschung damit noch nicht. Denn würde man die Analyse hier beenden, so wäre das Hochkommen der Neuen Rechten eine reines Ost-Phänomen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein fast vergessenes Buch</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ganz ohne den Westen lässt sich der Rechtsruck nicht erklären. Beim Wiederlesen von Ingo Hasselbachs Aussteigerbuch <em>Die Abrechnung – Ein Neonazi steigt aus</em> wird klar, welche Rolle die logistische und finanzielle Unterstützung der westdeutschen Neonazis nach der Wende für das Hochkommen der neuen Rechten im Osten spielte. Bei seinem Erscheinen im Jahr 1993 hatte Hasselbachs Buch Furore gemacht, mittlerweile ist es nur noch antiquarisch zu bekommen und fast vergessen. Dabei ist es erschreckend aktuell. Denn die Zwanzigjährigen von damals, von denen das Buch erzählt, sind die Fünfzigjährigen von heute. Also genau die Alterskohorte, die das Rückgrat der heutigen AfD darstellt. In Ingo Hasselbachs <em>Abrechnung</em> erfährt man, dass das kein Zufall ist. Viele der von Hasselbach geschilderten politischen Muster der äußersten Rechten finden wir heute wieder, mitunter auch im Parlament.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ingo Hasselbach erzählt in Form eines fiktiven Langbriefs an den Vater seinen Weg in die Neonaziszene. Es war nicht nur der fallierende Staat DDR, sondern auch instabile Familienverhältnisse, die den Ost-Berliner Teenager anfällig machten für politische Verführung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein gewalttätiger Stiefvater, eine überforderte Mutter, ein Vater, den er lange nicht kennt – diese Familienverhältnisse lassen ihn in der Heimat heimatlos werden. Nach wiederholten Streitigkeiten in der Familie geht Ingo Hasselbach eigene Wege:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Von nun an ging ich nur noch zum Schlafen in die Wohnung und ging so allen Auseinandersetzungen […] aus dem Wege. Mein Leben spielte sich fortan auf der Straße oder in den Wohnungen anderer Leute ab.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Radikalisierung im Gefängnis</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hasselbach wird zum„Punk und Bürgerschreck in Lichtenberg“. Er stiehlt Alkohol und Zigaretten, und bald fällt er den DDR-Behörden auf. Er kommt ins Gefängnis, erfährt im Strafvollzug der DDR entwürdigende Haftbedingungen. Von da an ist eine Verständigung mit der ihn umgebenden Gesellschaft nicht mehr möglich. Seine ursprüngliche Rebellion gegen die unzumutbaren Familienverhältnisse, die ihn zunächst „asozial“ (damaliges Vokabular) werden ließen, verbindet sich mit einer Rebellion gegen den Staat. Weder familiär noch gesellschaftlich findet er Halt. Das sind die Verwerfungen, die einen jungen Menschen für Ideologien empfänglich machen können, und im Knast, eingesperrt zusammen mit Kriminellen und Alt-Nazis, wird Ingo Hasselbach endgültig zu einem Neonazi. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Mein im Gefängnis angestauter Haß war so extrem, daß ich Gewalt zur Lösung von Problemen in meiner Umwelt nicht mehr ausschloß.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Frustration und Hass auf die Lebensverhältnisse im real existierenden Sozialismus  – das war 1989 die innere Ausgangslage vieler Jugendlicher und junger Erwachsener. Mit der Einheit kam nun auch ein funktionierendes Netzwerk der westdeutschen Rechtsradikalen in die ehemalige DDR. Diese wiederum erkannten sofort das Potential, das in der Umbruchsituation im Osten steckt. Umgehend erfolgten Kontaktaufnahmen zu den noch ungeordnet agierenden ostdeutschen Neonazis. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Nazi-Elite aus dem Westen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ingo Hasselbach berichtet hierüber ausführlich, es sind die zeitgeschichtlich interessantesten Passagen seines Buches. Im Zentrum steht Michael Kühnen, die Ikone der westdeutschen Naziszene. Im Januar 1990, drei Monate nach dem Mauerfall, trifft Hasselbach sich zum ersten Mal mit einer Gruppe von einschlägig bekannten Neonazis aus dem Westen: Michael Kühnen, Christian Worch und Nero Reisz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über Michael Kühnen schreibt
Ingo Hasselbach:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der „Führer“, das war selbstverständlich Michael Kühnen, zu dieser Zeit von allen respektiert.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hasselbach beschreibt, wie die westdeutsche „Nazi-Elite“ das Ziel vorgab:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bei diesem Treffen wurde uns erklärt, auf welches Ziel wir alle gemeinsam hinarbeiten würden. Dieses Ziel hieß: Wiederzulassung der NSDAP als in Deutschland wählbare Partei.<br>[…]<br>Ein paar Wochen später war die erste ultrarechte Partei der DDR im Parteiregister erfaßt. Mit einem allerdings noch gemäßigten Programm wurde die „Nationale Alternative“ im Parteiregister erfasst.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Gelder fließen, vor allem aus
dem Westen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Innerhalb kürzester Zeit hatten wir einen erlesenen Spenderkreis, zu dem vor allem Akademiker aus Westberlin, Mediziner und Juristen, gehörten.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Zentrum steht für Ingo
Hasselbach immer Michael Kühnen. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Auf einer sechsstündigen Eisenbahnfahrt von Hamburg zum Führungstreffen nach Fulda, wohin ich allein mit Michael Kühnen fuhr, teilte Kühnen mir mit, dass ich für den Vorsitz der „Deutschen Alternative“ vorgesehen bin.<br>[…]<br>Er gab mir auch zu verstehen, daß es nun langsam an der Zeit sei, konkrete Aktionen auf dem Boden der DDR folgen zu lassen. Als ich ihn fragte, was er damit meint, erklärte er, daß nationalsozialistische Aussprüche und Zeichen auf jüdischen Friedhöfen, die Zerstörung von sozialistischen Denkmälern und Angriffe auf Asylbewerberheime in den Medien für Schlagzeilen sorgen würden.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Zu allen diesen Aktionen kam
es dann auch, inklusive der von Kühnen vorausgesagten Aufmerksamkeit. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Rechte Hausbesetzer</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was einem bei der Lektüre aus heutiger Sicht auffällt, ist die Konsequenz, mit der sich die Neonazis schon damals bei linken Protestformen bedienen. Das Wort „alternativ“ war bis dato für linke, eben alternative Projekte, reserviert gewesen, nun gab es die „Nationale Alternative“ (Ost) und die &#8222;Deutsche Alternative&#8220; (West) von rechts. Es ist nicht das Einzige, was die Rechten von den Linken übernehmen. Ingo Hasselbach besetzt mit seinen Gesinnungsgenossen in Berlin-Lichtenberg ein Haus. Das erste von Rechten besetzte Haus, die Weitlingstraße 122, findet europaweite Aufmerksamkeit. Man gibt wohlmeinenden westlichen Journalisten Interviews, gern gegen Bares. Das Geld wird umgehend in die politische Arbeit gesteckt. Das gesamte Konzept der Provokation wird von links übernommen. Anfang der 90er Jahre war es auch deshalb so erfolgreich, weil verunsicherte Vertreter der Staatsmacht im Osten die Lage nicht mehr kontrollieren konnten. Manja Präkels autobiografisch gefärbter Roman <em><a href="https://www.amazon.de/Als-ich-mit-Hitler-Schnapskirschen/dp/3957322723/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=1P62BDWJNCF8K&amp;keywords=pr%C3%A4kels+schnapskirschen&amp;qid=1567073516&amp;s=gateway&amp;sprefix=Pr%C3%A4kels+Schnaps%2Caps%2C175&amp;sr=8-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß (opens in a new tab)">Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß</a></em> erzählt eindrücklich davon. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Zeit kommt die
Weitlingstraße dann doch ins Visier der Staatsmacht, Ingo Hasselbach wird
erneut wegen Körperverletzung verurteilt. Dann nimmt er Teil an einem neuen
sozialtherapeutischen Konzept: Im Rahmen der „tolerierenden Sozialarbeit“
arbeitet der evangelische Sozialdiakon Michael Heinisch in der Pfarrstraße in
Berlin Lichtenberg mit straffällig gewordenen Neonazis zusammen. Man lässt sie
zunächst gewähren, um dann mit ihnen ins Gespräch kommen, so das optimistische
Kalkül. Aber die Rechnung geht nicht auf. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die nationalsozialistische Ideologie hat sich im Lauf der Zeit bei vielen so festgehakt, daß es jemandem wie dem Sozialdiakon Michael Heinisch kaum möglich sein wird, auch nur einen der Neonazis […] von seiner Gesinnung abzubringen. […] So lobenswert seine Initiative ist, er überschätzt seinen Einfluß und seine Möglichkeiten beträchtlich<em>.</em></p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Von der sozialpädagogischen
Betreuung der Gefährdeten verspricht sich Hasselbach mehr Erfolg als vom
Versuch, den ideologischen Kern hartgesottener Neonazis zu sprengen. Bei den
„noch ungefestigten Jugendlichen“ habe man mit einer demokratischen
Grundhaltung eine Chance. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Kann man mit Rechten reden?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das erinnert sehr an die
Diskussionen von heute: Mit wem ist noch Kommunikation möglich und mit wem
nicht mehr? Wen kann man erreichen, durch welche Methode auch immer? Ingo
Hasselbach war noch erreichbar, aber ohne Hilfe hätte er es nicht geschafft. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Anfang September 1991 erzählte mir mein Bruder Jens, dass in der Pfarrstraße irgend so ein Typ aus Frankreich rumschnüffelt.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser „Typ aus Frankreich“ sollte später der Co-Autor von Hasselbachs Aussteigerbuch werden: Es war der damals in Paris lebende Journalist und Filmemacher Winfried Bonengel. Von Bonengel stammt u.a. der Film <em>Beruf Neonazi</em>. Sein „Schnüffeln“ war nichts anderes als die Recherche für seine Filme über das Aufkommen der Neonaziszene auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Bonengel findet Zugang zu Ingo Hasselbach. In den Gesprächen mit Bonengel habe er vieles begriffen, so Hasselbach. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Letzter Anlass für seinen Ausstieg aus der Szene sind für ihn die Morde von Mölln im Dezember 1992. In Rostock-Lichtenhagen, im August 1992, war Ingo Hasselbach noch auf Seiten der Neonazis, bei der Gewalt von Mölln, vier Monate später, macht er nicht mehr mit.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Führungsriege aus dem Westen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch heißt <em>Die
Abrechnung</em>. Ingo Hasselbach rechnet ab, vor allem auch mit sich selbst.
Warum war er so verführbar gewesen? Diese Frage zieht sich durch das ganze
Buch. Sie ist auch für Hasselbach selbst nicht leicht zu beantworten. Eine
immense Rolle spielt Instabilität, Verunsicherung. Keineswegs nur ökonomisch,
sondern auch gesellschaftlich und familiär. Wer keine Stütze hat, der greift
zum Nächstbesten, was ihm Halt verleiht. Und Ingo Hasselbach zeigt, wie
geschickt die westdeutsche Neonaziszene die Verwerfungen der Einheit ausnutzte,
indem sie den instabilen Jugendlichen vermeintliche Stabilität anbot. </p>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde die Wende zum Katalysator eines rechten Flächenbrandes. Doch sie war nicht dessen Ursache. Die Saat, die hier aufging, wurde vorher gelegt, und zwar in Ost wie West. Schon damals kam das Gros der Anhängerschaft der Rechten aus dem Osten, die Führungsriege und die logistische Steuerung aber aus dem Westen. Das ist heute wieder der Fall: Höcke, Kalbitz, Gauland, Weidel kommen allesamt aus dem Westen. Sie diskutieren ihre Pläne ganz offen: Ziel ist es, mit Hilfe des ostdeutschen Potentials den Westen zu gewinnen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dieser Strategie hatte unmittelbar nach der Wende schon Michael Kühnen junge Männer wie Ingo Hasselbach in sein rechtes Netzwerk eingebunden.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Demonstration von Republikanern in Leipzig, 1990<a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/95/Bundesarchiv_Bild_183-1990-0115-032%2C_Leipzig%2C_Demonstration_von_%22Republikanern%22%2C_Neonazis.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">
via Wikimedia Commons</a><br></h6>





<p class="wp-block-paragraph">Ingo Hasselbach, Winfried Bonengel<br><strong>Die Abrechnung</strong><br>Ein Neonazi steigt aus<br>Aufbau Taschenbuch 2001 · 189 Seiten <br>ISBN:  978-3746670362 <br>(vergriffen, nur antiquarisch erhältlich)</p>





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<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>



<p class="wp-block-paragraph"><br></p>
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		<title>„Dieser Mann ist mir fremd“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jun 2019 08:56:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Hermann Kurzkes Vater war nicht in der NSDAP, leistete als Physiker aber kriegswichtige Forschung. In „Was mein Vater nicht erzählte“ setzt sich der Sohn mit einem Vater auseinander, der als Mitläufer gelten wollte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">
Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen 
Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen 
und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar 
machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er 
überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des 
Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.

</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Beiträge:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/" target="_blank">Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Terror von unten (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank">Terror von unten</a></li><li><a href="https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Sprache und Herrschaft (opens in a new tab)">Sprache und Herrschaft</a></li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Hermann Kurzke ist mir seit Jahrzehnten als profunder Thomas Mann-Forscher und -Kenner ein Begriff. Sein Buch <em>Was mein Vater nicht erzählte</em> ist laut Untertitel die <em>Geschichte eines „Mitläufers“</em>, sie handelt vom Leben seines Vaters im sogenannten Dritten Reich. Mit den Anführungszeichen beim Wort „Mitläufer“ zweifelt der Sohn das offizielle Urteil der Spruchkammer nach dem Krieg an. Sein Vater Herbert Kurzke war als Physiker in einem Rüstungsunternehmen tätig, er forschte an Raketen- und Granatenzündern, an Kleinst-U-Booten und an Raketen, die sich selbst ins Ziel steuern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein fatales
Erbe, das zu Lebzeiten des Vaters nie ein Thema war zwischen Vater und Sohn. In
fiktiven Gesprächen mit einem sich rechtfertigenden Vater arbeitet der Sohn
dieses Erbe auf, sie sind in den ansonsten sachlich gehaltenen Lebensbericht
eingestreut.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vernunft ohne Ethik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte eigentlich erwartet, dass Hermann Kurzke seinen Vater aus dem Geist Thomas Manns kritisieren würde, mit Bezügen zu Manns großen Essays, von den „Gedanken zum Krieg“ und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ über &nbsp;„Appell an die Vernunft“ aus dem Jahr 1930 bis zu „Deutschland und die Deutschen“ aus dem Jahr 1945, schließlich ist Hermann Kurzke Mitherausgeber der neuen kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber genau das macht Kurzke nicht. Er begibt sich vielmehr auf die Suche nach dem Wesen der rein instrumentellen Vernunft, der Vernunft ohne Ethik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass der Vater nie Mitglied der NSDAP gewesen war, entlastet ihn nur vermeintlich, zumal unklar bleibt, ob Hermann Kurzkes Vater nicht in die Partei eintreten wollte oder nicht durfte, wegen des Aufnahmestopps nach dem 19. April 1933. Seine Nichtmitgliedschaft wird durch zahlreiche Aktivitäten in nationalsozialistischen Organisationen zumindest relativiert. Schockierend für Hermann Kurzke war die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse an seinen Vater, signiert von Adolf Hitler. Man bekam es für kriegsentscheidende Leistungen an der Heimatfront. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Dem Teufel den Hintern geküsst</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie kommt man dazu, eine Urkunde von Hitler verliehen zu bekommen? Solchen Fragen nähert sich der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke nicht nur im Bericht über das Leben seines Vaters und den fiktiven Gesprächen, sondern auch über die Literatur. Im Mittelpunkt steht die Walpurgisnacht-Szene aus Goethes <em>Faust</em>. Dort heißt es: „Herr Urian sitzt oben auf!“ Und genau dorthin streben alle: nach oben, koste es, was es wolle. Kurzke zitiert Goethe: „Der ganze Strudel strebt nach oben / Du glaubst zu schieben und wirst geschoben.“  Indem er in einem  Rüstungsforschungsinstitut Karriere machte, hat sein Vater schließlich, wie Hermann Kurzke schreibt, „dem Teufel doch den Hintern geküsst“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu diesem Kuss verführte ihn  zunächst ein deutschnationaler Revanchegedanke, wie er im Bürgertum  nach 1918 mehrheitlich zu anzutreffen war. Darüber hinaus war in der  damaligen bürgerlichen Welt Widerstand gegen den Staat, gegen die  gesellschaftlichen Instanzen, einfach nicht vorgesehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem  fiktiven Gespräch lässt der Sohn seinen Vater sagen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich hatte loyal zu sein.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Sabotage, gar
in der Rüstungsindustrie, kam für den Vater Kurzke nicht in Frage.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich machte gute Arbeit, ohne an den Staat zu denken.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Neben
Staatsloyalität und der Sekundärtugend Fleiß zeigt sich in Herbert Kurzkes
beruflicher Laufbahn auch die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Karriere, nach
beruflicher Anerkennung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wes Brot ich ess&#8216;, des Lied ich sing“ ist ein Kapitel überschrieben: das Hohelied des Opportunismus. Hermann Kurzke zitiert die Physikerin Lise Meitner, eine Berufskollegin seines Vaters, mit der Klage, dass im damaligen Deutschland „keinerlei Protest“ zu verzeichnen gewesen sei. Der Sohn stellt fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ja, so war es, auch Vater hat sich so verhalten. Diensteifrig.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Versagen des Gewissens</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die
bürgerliche Angst vor einem beruflichen Scheitern hat Hitler möglicherweise
mehr geholfen, als alles andere, so Kurzkes Schlussfolgerung. „Der ganze
Strudel schiebt nach oben“, heißt es im <em>Faust</em>. Doch wo bleibt das
Gewissen bei dieser Höllenfahrt des Opportunisten? Wieder findet Kurzke die
Antwort in der Literatur: „Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich
quält“, schreibt Georg Büchner in <em>Dantons Tod</em>. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ob das Gewissen eine unabhängige Instanz ist oder ob es eben nur genauso funktioniert, wie es programmiert ist? Das ist umstritten, die Gewichte neigen sich aber eher zur zweiten These.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Möglichkeit, ein Gewissen auszubilden und demnach einen Gewissenskonflikt in sich zu spüren, wäre demnach abhängig von den Koordinaten, in die man hineingeboren wird. Herbert Kurzke war Katholik. Der Begriff des Gewissens hatte für ihn also wahrscheinlich eine Bedeutung. Aber sein Gewissen blieb das persönlich verhaftete Gewissen des Katholiken, das sich durch Zeitläufte nicht beunruhigen ließ. Wer lebt schon ohne Schuld? </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sein Gewissen war der Komplexität der Situation, in die er geraten war, nicht gewachsen. [&#8230;] Sein Theoriewerkzeug war die christliche Ethik. Die aber war dominant individuell orientiert, schien lediglich an privaten Sünden interessiert zu sein und war der kollektiven Politik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gewachsen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Vater
habe aus Überforderung nicht über seine Rolle im Dritten Reich gesprochen,
vermutet der Sohn.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er schwieg aus Scham. Er hatte seine Pflicht getan, aber die Pflicht hatte ins Elend geführt. Er hatte keine Sprache dafür.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Worüber man nicht sprechen kann</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Neben einem abgespaltenen Gewissen sieht Hermann Kurzke bei seinem Vater auch ein Erkenntnisproblem. Das Erkennen des Verbrecherischen, das nicht im Individuum, sondern in der Zeit und der Gesellschaft selbst wirkte, das war Herbert Kurzke nicht möglich. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Vater
„hatte keine Sprache“, so Hermann Kurzkes Fazit, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>und wer keine Sprache hat, kann die Welt und die eigenen Verstrickungen in ihr nicht verstehen.&nbsp; </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">
Kurzkes Urteil über seinen Vater ist ebenso furchtbar wie lapidar:

</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dieser Mann ist mir sehr fremd.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende
seines Vaterbuchs setzt Herman Kurzke das Versagen seines Vaters noch einmal in
Beziehung zur Weltliteratur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er verstand die Physik, aber nicht die Welt – so wie der Apotheker Homais in Flauberts <em>Madame Bovary</em> die Medizin versteht, aber nicht die Welt, und ganz modern, aber hilflos, Chlor verwendet, wo dem Pfarrer Weihwasser zur Verfügung steht. Altmodisch, aber viel richtiger.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ist dem
Germanisten Hermann Kurzke der technisch begabte Vater genau deswegen fremd?
Weil er bei aller technischen Intelligenz eben doch ein Technokrat blieb,
jemand, dem nicht die Sprache des Verstehens gegeben war? Und der deswegen
formal tatsächlich nicht mehr als ein „Mitläufer“ war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist Herman Kurzkes erschreckende Wahrheit über seinen Vater und über eine ganze Generation: Ein Mitläufer ist jemand, dessen Sprache nicht reicht, um Verbrechen zu verstehen, die über das individuelle Maß hinausgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist
möglicherweise die wichtigste Aufgabe der Literatur: Den Menschen eine Sprache
zu geben, die sie befähigt, nicht nur sich selbst, sondern die Welt zu
verstehen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Wernher von Braun 1960<br>NASA/Marshall Space Flight Center [Public domain]<br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wernher_von_Braun_1960.jpg">via Wikimedia Commons</a>  (Ausschnitt)<br>Buchcover: Verlag</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Hermann Kurzke <br><strong>Was mein Vater nicht erzählte</strong> <br>Geschichte eines Mitläufers <br>C.H. Beck 2019 · 239 Seiten · 24,95 Euro <br>ISBN:  978-3-406-73139-6</p>



Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3406731392/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783406731396" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel





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<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Sprache und Herrschaft</title>
		<link>https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/</link>
					<comments>https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Jun 2019 09:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[Victor Klemperer beschreibt in „LTI“ (1947) die ideologische Instrumentalisierung von Sprache durch die Nationalsozialisten - eine aufschlussreiche Lektüre im Hinblick auf die Gegenwart. Die Geschichte des Buchs ist eng mit der Biografie des Autors verbunden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Beiträge:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/">Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank">Terror von unten</a></li><li><a href="https://tell-review.de/dieser-mann-ist-mir-fremd/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="&quot;Dieser Mann ist mir fremd&quot; (opens in a new tab)">&#8222;Dieser Mann ist mir fremd&#8220;</a></li></ul>





<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">LTI steht für <em>Lingua Tertii Imperii</em>, die Sprache des Dritten Reichs. Das gleichnamige Buch von Victor Klemperer ist erstmals 1947 erschienen, gut zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist lebendig geblieben, und leider auch aktuell. Schlagwörter wie „Flüchtlingsinvasion“ und „Bevölkerungsaustausch“ funktionieren nach einem ganz ähnlichen Muster, wie Klemperer es beschreibt: Sie sind agitatorisch – sie stellen eine Gruppe von Menschen als fremd, feindlich und potenzielle Angreifer dar. Und sie sind eingängig: Sie werden leicht übernommen, und wer sie gebraucht, muss sich nicht darum kümmern, was sie transportieren. Manchmal greift die extreme Rechte direkt auf die Sprache der Nationalsozialisten zurück – etwa, wenn der Begriff „völkisch“ wiederbelebt werden soll, wenn von „Altparteien“ und „Systemmedien“ die Rede ist oder wenn der <a rel="noreferrer noopener" aria-label="AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen (opens in a new tab)" href="https://www.giessener-allgemeine.de/giessen/afd-chef-meuthen-giessen-wir-brauchen-festung-europa-12275406.html" target="_blank">AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen</a> eine <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/meuthen-salvini-und-co-gemeinsam-wollen-die-nationalisten-europa-zur-festung-machen/24196654.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="„Festung Europa“ (opens in a new tab)">„Festung Europa“</a> fordert – ein Ausdruck, den Klemperer als „lexikalisch und begrifflich entscheidend für die LTI“ bezeichnet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>So oft der Name Europa während der letzten Jahre in der Presse oder in Reden auftaucht – und je schlechter es um Deutschland steht, um so öfter und beschwörender geschieht das – immer ist dies sein alleiniger Inhalt: Deutschland, die „Ordnungsmacht“, verteidigt die „Festung Europa“. </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Victor Klemperer ist nicht der Einzige, der sich nach dem Krieg mit der Sprache des Nationalsozialismus befasst. Von 1945 an erscheinen in der Monatszeitschrift <em>Die Wandlung</em> Artikel zu einzelnen Ausdrücken aus der Zeit des Dritten Reichs. Die Autoren Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind stammen aus dem Umfeld der <em>Frankfurter Zeitung</em>, die sich bis zu ihrem Verbot 1943 eine gewisse Distanz zum NS-Regime hatte bewahren können. Einige der Wörter, über die sie schreiben – wie  „fanatisch“,  „charakterlich“ oder  „organisieren“ – kommen auch in Klemperers <em>LTI </em>vor. Sternberger, Storz und Süskind veröffentlichten ihre Texte 1957 in überarbeiteter und ergänzter Fassung unter dem Titel <em>Aus dem Wörterbuch des Unmenschen</em>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders als diese Autoren bleibt Klemperer nicht bei der Untersuchung einzelner Begriffe stehen. Er beschreibt Wirkungsmechanismen, die heute unter dem Schlagwort „Framing“ gehandelt werden, und einige seiner Beobachtungen berühren Fragestellungen der Totalitarismusanalyse oder der pragmatischen Linguistik – Forschungsansätze, die erst im Entstehen sind, als er das Buch schreibt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Tagebuch als Balancierstange</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zugleich ist <em>LTI</em> ein sehr persönliches Buch und nicht von der Biografie des Autors zu trennen. Der 1881 geborene Victor Klemperer ist Professor für Romanische Philologie. Als Wissenschaftler jüdischer Herkunft verliert er unter den Nazis zuerst seinen Lehrstuhl an der TU Dresden, dann sein Haus und seinen Besitz und schließlich die elementarsten Rechte. Selbst die private wissenschaftliche Betätigung wird ihm unmöglich gemacht: Erst darf er den Lesesaal der Universitätsbibliothek nicht mehr benutzen, später auch keine anderen Bibliotheken mehr. Während des Krieges wird er mit seiner Frau Eva in einem „Judenhaus“ interniert. Hier leben die beiden in einem einzigen Zimmer; der Deportation entgeht Klemperer nur, weil seine Frau, die als „Arierin“ gilt, an seiner Seite bleibt. Nun ist es ihm sogar verboten, Bücher nichtjüdischer Autoren zu besitzen oder bei sich aufzubewahren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Situation existenzieller Bedrohung wird die
langjährige Gewohnheit des Tagebuchschreibens zur „Balancierstange“, die ihm
Halt gibt – auch wenn er damit sich selbst und andere einem hohen Risiko
aussetzt. Das Kürzel <em>LTI</em> taucht zuerst
im Tagebuch auf. Es kennzeichnet die Beobachtungen zur „Sprache des Dritten
Reichs“ und parodiert zugleich die Abkürzungen der Nazis – von BdM und HJ über
SA und SS bis zu KdF und KZ.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Abgründige Leichtigkeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Indem Klemperer die Verhältnisse beschreibt, wird er vom
Opfer zum Zeugen und Chronisten; indem er sich mit der Sprache des Dritten
Reichs befasst, unterläuft er das Berufsverbot: Er macht die Mittel, mit denen
er und unzählige andere unterdrückt werden, zum Gegenstand seiner Forschung.
Seine Aufzeichnungen zur LTI betrachtet er ursprünglich als Materialsammlung
für eine wissenschaftliche Arbeit. Aber nach dem Krieg wird ihm rasch klar,
dass er angesichts zerstörter Bibliotheken und Forschungseinrichtungen sowie seiner
begrenzten Kräfte nicht in der Lage sein würde, ein Grundsatzwerk zu diesem
Thema zu schreiben. Stattdessen beginnt er schon im Sommer 1945 in Dresden, kurz
nach der Rückkehr in sein Haus, mit der Arbeit an einem Buch. Zwei Jahre später
erscheint <em>LTI – Notizbuch eines Philologen</em> beim neu gegründeten Berliner
Aufbau Verlag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es besteht aus 36 kurzen Kapiteln – jedes davon ein
kleiner, in sich abgeschlossener Essay, der persönlich Erlebtes mit Gelesenem
und Berichtetem verbindet. Die Erinnerung ist noch frisch, und die
Tagebuchaufzeichnungen fließen direkt in den Text ein. Vor seiner
Universitätslaufbahn war Klemperer Publizist und Kulturjournalist. Sein Stil
ist elegant und von einer Leichtigkeit, die abgründig wirkt, wenn man sich
vergegenwärtigt, was der Autor durchgemacht hat und in welcher Situation er das
Buch schreibt: Er ist erst wenige Wochen zuvor erschöpft und ausgehungert nach
Dresden zurückgekehrt, die Stadt ist zerstört, die Versorgungslage katastrophal.
Das ganze Grauen der Vernichtungslager wird nach und nach bekannt, und die
ehemaligen Nazis und Mitläufer beginnen sich in der Nachkriegssituation
einzurichten – einige fliehen in den Westen, andere arrangieren sich mit der
sowjetischen Besatzungsmacht. Tag für Tag wird Klemperer von früheren
NSDAP-Mitgliedern aufgesucht, die ihn um ein Entlastungsschreiben bitten. <em>Die
Mörder sind unter uns</em> – so fasst es der Titel des Films von Wolfgang
Staudte zusammen, der 1946 in die Kinos kommt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Herrschaft durch Einförmigkeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Victor Klemperer hat als Romanist zu den französischen
Aufklärern des 18. Jahrhunderts gearbeitet, und das zeigt sich auch in <em>LTI</em>.
Sein Interesse an der Sprache der Nazis ist geradezu enzyklopädisch. Er
unterzieht die Sprache des Nationalsozialismus einer Stilkritik, die nichts
Doktrinäres und nichts Oberflächliches hat. Erst der genaue Blick auf die sprachliche
Ausdrucksform legt den Inhalt frei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c&#8217;est l&#8217;homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Als einen Grundzug der LTI bezeichnet Klemperer ihre „Armut“: Sie verzichtet auf jegliche Nuancierung oder Variation und kommt mit einem kleinen Bestand an Schlagwörtern und Phrasen aus. Sie kennt ausschließlich den Modus der Agitation: „alles in ihr war Rede, musste Anrede, Aufruf, Aufpeitschung sein. “ Die Einförmigkeit ist für die Sprache des Dritten Reichs kein Mangel, erkennt Klemperer: Erst sie macht die Sprache tauglich zum Herrschaftsinstrument. Durch ständige Wiederholung werden den Menschen die immergleichen Ausdrucksschablonen ins Gedächtnis gestanzt. Irgendwann sind sie so alltäglich, dass selbst Gegner und Opfer der Nazis sie ganz unreflektiert verwenden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch nach
dem Ende des Dritten Reichs beobachtet Klemperer, wie junge Leute aus der Kriegsgeneration,
auf die er in Diskussionen oder bei seiner Unterrichtstätigkeit am
Abendgymnasium der Dresdner Volkshochschule trifft, immer wieder gedankenlos von
„Heldentum“ oder „heroischem Widerstand“ sprechen. Sein Buch ist nicht zuletzt
die bewusste Intervention eines politisch wachen Zeitgenossen. Klemperer will
zeigen, wie sich der Geist des Nationalsozialismus auch in kleinen,
unauffälligen Wendungen am Leben erhält, und er will dazu beitragen, diesen
Geist den Nachkriegsdeutschen gründlich auszutreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Sprache des Vierten Reichs</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die weitere
Geschichte des Buches und seines Autors entfaltet sich im Spannungsfeld der
Nachkriegssituation. Klemperer ist noch 1945 in die KPD eingetreten, weil er in
ihr die einzige konsequent antifaschistische Kraft sieht. Zugleich ist
unübersehbar, dass es zwischen der Sprache des Nationalsozialismus und der
Sprache des Stalinismus Berührungspunkte gibt. Klemperer macht sich im Tagebuch
schon bald Notizen &nbsp;zu <em>LQI</em> – der „Sprache des Vierten Reichs“. Im Oktober 1945 notiert er:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man erzählt, wie sehr wir alle Antifaschisten u. Demokraten geworden sind, wie sehr „gesäubert“, umgekehrt, besser gemacht wird. Man predigt gegen jeden Militarismus – u. man schlägt mit alledem genau, ganz haargenau so kraß aller Wahrheit u. Realität ins Gesicht, wie es, andersherum, aber mit gleichen, ganz gleichen Worten LTI=LQI!! ausrichten, kämpferisch, wahre Demokratie etc. etc. wie das die Nazis taten.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In <em>LTI</em> versucht Klemperer hingegen, einer Gleichsetzung vorzubeugen: In einem Kapitel mit der Überschrift „Wenn zwei dasselbe tun…“ grenzt er den metaphorischen Gebrauch technischer Wendungen durch die Nationalsozialisten von dem in der Sowjetunion ab: „die deutsche Metapher weist in die Sklaverei, und die russische weist in die Freiheit. “  Trotzdem bemängelt der Rezensent der im sowjetischen Sektor erscheinenden <em>Berliner Zeitung</em> vom 14. Februar 1948, der Autor hätte den „funktionellen Gegensatz zwischen gewissen äußerlich ähnlichen Sprachformen in Deutschland und in der Sowjetunion […] im ganzen klarer herausarbeiten sollen“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die LTI in der DDR</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gut vier
Jahre später hält Klemperer im Berliner Klub der Kulturschaffenden den Vortrag <em>Zur gegenwärtigen Sprachsituation in
Deutschland</em>. Inzwischen gibt es zwei deutsche Staaten und der Kalte Krieg
ist in vollem Gang. Der Vortragende, jetzt Professor für Romanistik an der
Humboldt-Universität und Abgeordneter der Volkskammer der DDR, lobt Stalins
Auffassung der Sprache. Das Fortbestehen von Elementen der <em>LTI</em> stellt er als rein westdeutsches Phänomen dar:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die nazistische Sprachpest, von der wir uns zu befreien bestrebt sind, und halbwegs befreit haben, blüht drüben wieder auf. Ihre von hier vertriebenen Verbreiter dürfen dort ihr Idiom weiterpflegen, da es der faschistischen Gesinnung und Absicht der Vereinigten Staaten entspricht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Juli
1956, als er sich mit seiner zweiten Frau Hadwig zu Studienzwecken in Paris
aufhält, veröffentlicht die französische Presse Chruschtschows Geheimbericht
zum XX. Parteitag der KPdSU, der einige Verbrechen Stalins benennt. „Hadwig
liest ihn genau, ich werfe mit Abscheu Blicke hinein. Es ist ganz gräßlich und
desillusioniert mich vollkommen“, notiert er im Tagebuch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> Offiziell bekennt Klemperer sich bis zu seinem Tod 1960 zur DDR. Gerade das macht es möglich, dass <em>LTI</em> dort immer wieder neu aufgelegt wird – erst im Aufbau Verlag, dann im Leipziger Reclam Verlag. Mehrere Generationen von Lesern entdecken ein Buch, in dem die Auseinandersetzung mit dem Faschismus sich nicht in Parolen und ideologischen Formeln erschöpft – im Gegenteil, es regt dazu an, über diese Art des Sprachgebrauchs nachzudenken. Und damit setzt es einen Maßstab, der die Kluft zwischen dem antifaschistischen Anspruch der DDR und ihrer politischen Wirklichkeit nur zu deutlich werden lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kürzel <em>LTI</em> verführt dazu, es beiläufig in Diskussionen fallen zu lassen, als sei damit alles gesagt. Dabei will das Buch gar nicht das letzte Wort haben. Es regt dazu an, über das Verhältnis von Sprache und Gewalt nachzudenken. Es hilft zu erkennen, wo sprachliche Klischees bewusst als Machttechnik eingesetzt werden, wie sie sich ausbreiten und welche Ideologien sie transportieren.</p>





<p class="wp-block-paragraph">Victor Klemperer  <br><strong>LTI – Notizbuch eines Philologen </strong> <br>Hg. von Elke Fröhlich  <br>Reclam 2010 · 416 Seiten · 24,95 Euro <br>ISBN:  978-3-15-010743-0</p>



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<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Plakatwand mit Durchhalteparolen im II. Weltkrieg<br>Bundesarchiv, Bild 101I-244-2316-34A / Waidelich / CC-BY-SA 3.0 [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">CC BY-SA 3.0 de</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-244-2316-34A,_Rum%C3%A4nien,_Plakatwand_mit_Durchhalteparolen_retouched.jpg">via Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Terror von unten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Mar 2019 13:01:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
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					<description><![CDATA[Noch im Exil schrieb Franz Neumann seine Studie über den Nationalsozialismus 1933-1944. Das Dritte Reich sei kein Staat gewesen, sondern eine politische Bewegung von unten, so seine These in "Behemoth".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.</p>
<p>Weitere Beiträge:</p>
<ul>
<li><a href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Der Faschismus – schneller, billiger, effizienter</a></li>
<li><a href="https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sprache und Herrschaft</a><br />
</div></div></li>
</ul>
<p><span class="dropcap">I</span>m Exil während des Zweiten Weltkrieges schrieb der Jurist und Politologe Franz Neumann sein Buch <em>Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944.</em> Es ist ein bemerkenswertes Zeitdokument, das der Frage nachgeht, wieso eine Gesellschaft einem verbrecherischen Regime bis in den Untergang folgt.</p>
<p>Neumann beschreibt das sogenannte Dritte Reich weniger als einen neuen Staat, sondern vielmehr als eine politische Bewegung, die von der Geschichte unseligerweise mit staatlichen Machtmitteln ausgestattet wurde.</p>
<h3>Anarchisch gestimmte Kleinbürger</h3>
<p>Sein Freund und Mitstreiter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Fraenkel_(Politikwissenschaftler)" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ernst Fraenkel</a> sah den Charakter des Dritten Reichs ähnlich, er ging deswegen von einem „Doppelstaat“ aus, der zugleich durch Gesetze von oben sowie durch Terror von unten Macht ausübt. Franz Neumann geht noch weiter: Das wesentliche Moment des nationalsozialistischen Systems sei die Methode „Terror und Propaganda“. Ausführende Organe dieser Methode sind alle Organisationen der nationalsozialistischen Bewegung, einigende Kraft dieser konkurrierenden Organe wiederum ist einzig Adolf Hitler. Terrorakte, die in Hitlers Namen begangen wurden, durften der Straffreiheit sicher sein.</p>
<p>Neumann schreibt Anfang der 1940er-Jahre:</p>
<blockquote><p>Charismatische Herrschaft ist lange Zeit vernachlässigt und lächerlich gemacht worden, hat aber offenbar weit zurückreichende Wurzeln und wird, wenn die geeigneten psychologischen und sozialen Bedingungen erst einmal vorhanden sind, zu einer machtvollen Antriebskraft. Die charismatische Macht des Führers ist kein bloßes Trugbild – niemand kann bezweifeln, daß Millionen an sie glauben.</p></blockquote>
<p>Der Kitt dieser Herrschaftsform sei nicht eine politische Theorie, Gesetze oder gar eine Verfassung, sondern allein das Führerprinzip:</p>
<blockquote><p>Tatsächlich gibt es außer der charismatischen Führergewalt keine Autorität.</p></blockquote>
<h3>Behemoth statt Leviathan</h3>
<p>Für diesen gesetzlosen Terror einer Bewegung, die nur der Dynamik des Führerprinzips verpflichtet ist, findet Neumann bei Thomas Hobbes das anarchistische Landungeheuer Behemoth als Sinnbild. Er setzt damit bewusst ein Gegenbild zum Seeungeheuer Leviathan, das bei Hobbes für den alles kontrollierenden Staat steht. Der Terror ist Methode und Inhalt der Gesellschaft in einem, er ist Ausdruck des anarchisch gestimmten Kleinbürgerabsolutismus. Inhaltlich bietet die „neue Gesellschaft“ lediglich die Rassentheorie an, ansonsten ist ihr Inhalt deckungsgleich mit ihrer totalitären Methode.</p>
<blockquote><p>Propaganda ist kein Ersatz für Gewalt, sondern eine ihrer Seiten. Beide verfolgen denselben Zweck: die Menschen der Kontrolle von oben zu unterwerfen.</p>
<p>Was der Nationalsozialismus mit seiner Propaganda getan hat und weiter tut, ist die schwache Stellen im Gesellschaftskörper auszubeuten. […] Solche schwachen Stellen sind in jedem sozialen Organismus zu finden.</p></blockquote>
<p>Die Probleme, die sich aus dem Kampf gegen Propaganda ergeben, beschreibt Neumann so:</p>
<blockquote><p>Die Überlegenheit der nationalsozialistischen gegenüber der demokratischen Propaganda beruht auf der vollständigen Umwandlung von Kultur in Schleuderware. Eine Demokratie kann die Propaganda nie gänzlich von der Wahrheit ablösen, weil es in ihr konkurrierende Propagandaapparate gibt, und diese ihren Wert letzten Endes durch tatsächliche Leistungen im sozialen Leben unter Beweis stellen müssen. Der Nationalsozialismus hat weder eine politische noch eine soziale Theorie. Weder besitzt er eine Philosophie noch interessiert ihn die Wahrheit. Er übernimmt in jeder beliebigen Situation jede Theorie, die sich als nützlich erweisen könnte, und er lässt diese Theorie wieder fallen, sobald sich die Situation ändert.</p></blockquote>
<h3>Propaganda ohne Inhalt</h3>
<p>Mit Faschisten kann man nicht über Inhalte diskutieren. Diese sind für sie austauschbar. Was zählt, sind die Machtstrategien: Propaganda und Gewalt. Es gibt dabei keinen Wirklichkeitsabgleich, ein Phänomen, das auch heute wieder zu beobachten ist, etwa im Zusammenhang mit dem Brexit.</p>
<p>Neumann resümiert:</p>
<blockquote><p>Die nationalsozialistische Propaganda wird immer überlegen bleiben, weil die nationalsozialistische Kultur Propaganda ist und sonst nichts, während die demokratische Kultur eine Mischung aus beidem darstellt. Die nationalsozialistische Propaganda kann nicht durch eine demokratische „Superpropaganda“ geschlagen werden, sondern nur von einer überlegenen, die schwachen Stellen beseitigenden demokratische Politik.</p></blockquote>
<p>Diese Sätze sind auch in der heutigen Situation relevant. Auf Facebook und Twitter tobt sich der Kleinbürgerabsolutismus aus. Auch heute gilt, dass die Demokratie nur durch bessere Politik überzeugen kann. Propaganda können die Rechten besser.</p>
<p>Zugleich gibt es Grenzen der Analogien: Einen „charismatischen Führer“ haben die Neuen Rechten in Deutschland (noch) nicht, auch ist die Situation weder innen- noch außenpolitisch so desaströs, dass der Glaube an die Notwendigkeit eines solchen Führers mehrheitsfähig wäre.</p>
<h3>Das korrumpierte Volk?</h3>
<p>Ist die entfesselte Gewalt, wirklich nur Ergebnis der Anwendung der Methode „Gewalt und Propaganda“ auf ein Volk, das eigentlich gar nicht radikal denkt? Oder stößt der Ton der alten wie der neuen Rechten in Teilen der Bevölkerung doch auf Resonanz?<br />
Im letzten Satz der ersten Fassung des <em>Behemoth</em> von 1941 hofft Franz Neumann noch auf den „Sturz des Regimes“ durch die „unterdrückten Massen“. Neumann, der nach dem Krieg einer der wichtigsten Köpfe hinter der Entnazifizierung wurde, wollte die Deutschen noch nicht ganz aufgeben.</p>
<p>Aber er ahnt bereits, dass die Dynamik des Behemoth allein mit den „unterdrückten Massen“ nicht erklärbar ist. Neumanns Auseinandersetzung mit der Studie <em>State of the Masses</em> (1940) des nach New York emigrierten österreichischen Soziologen Emil Lederer macht das deutlich. Lederer geht von einer Korrumpierung des deutschen Volkes durch die Nazis aus, die dem Volk neben einem rauschhaften Erlebnis auch materielle Gaben anbieten. Neumann, der Lederers Buch immerhin ein „Körnchen Wahrheit“ zugesteht, fasst sein ablehnendes Urteil so zusammen:</p>
<blockquote><p>Träfe Lederers Analyse zu, wären unsere bisherigen Überlegungen völlig falsch. Der Sozialimperialismus wäre dann nicht ein Mittel, die Massen zu umfangen, sondern Ausdruck ihres spontanen Verlangens. Der Rassismus wäre […] tief in den Massen verwurzelt. Die Führeranbetung wäre ein echtes semireligiöses Phänomen und nicht bloß ein Mittel, um Einsicht in den Ablauf des sozioökonomischen Mechanismus zu verstellen.</p></blockquote>
<p>Man fragt sich beim Lesen dieser Zeilen, ob Franz Neumann nicht genau hier, in der Beschreibung einer Position, die er eigentlich ablehnt, das Wesen des Behemoths, des Terrors von unten, am angemessensten beschreibt. Im ergänzenden Teil, den Neumann der Neuausgabe 1944 zugefügt hat, enthält er sich eines eindeutigen Urteils. Nun wird das deutsche Volk vom emigrierten Juden Franz Neumann nicht mehr freigesprochen.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Franz Neumann<br />
<strong>Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944</strong><br />
Aktualisierte Neuausgabe, hg. von Alfons Söllner und Michael Wildt<br />
Europäische Verlagsanstalt 2018 · 757 Seiten · 38 Euro<br />
ISBN: 978-3863930486<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3863930487/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783863930486" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="15158" data-permalink="https://tell-review.de/terror-von-unten/cover-15/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?fit=321%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="321,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?fit=321%2C499&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-15158" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=193%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="193" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=193%2C300&amp;ssl=1 193w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?resize=300%2C466&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Cover.jpg?w=321&amp;ssl=1 321w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Bücherverbrennung, Berlin 11. Mai 1933<br />
Von Georg Pahl<br />
Via Bundesarchiv<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-14597,_Berlin,_Opernplatz,_B%C3%BCcherverbrennung.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bundesarchiv</a><br />
<span class="licensetpl_attr">Lizenz: CC-BY-SA 3.0</span></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<item>
		<title>Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Feb 2019 09:56:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbücher]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum brauchen wir die Demokratie, wenn es mit dem Faschismus so viel einfacher geht? Ganz Italien diskutiert über Michela Murgias „Anleitung, Faschist zu werden“. Doch ob die Provokation der sardischen Autorin ein Umdenken einleitet, bleibt fraglich.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.</p>
<p>Weitere Beiträge:</p>
<ul>
<li><a href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Terror von unten</a></li>
<li><a href="https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Sprache und Herrschaft</a></li>
<li><a href="https://tell-review.de/dieser-mann-ist-mir-fremd/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">&#8222;Dieser Mann ist mir fremd&#8220;</a></div></div></li>
</ul>


<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Eine Debatte über den Faschismus in Italien ist aus zwei Gründen notwendig. Zum einen wegen der Regierung: Der Innenminister Matteo Salvini von der Rechtspartei Lega donnert fast jeden Tag gegen Ausländer und Migranten. Zum anderen wegen der nicht verarbeiteten Geschichte der Diktatur Mussolinis. So ist es in Italien etwa nicht verboten, Devotionalien des „Duce“ zu verkaufen. Außerdem betrachten die Italiener ihre Beteiligung an der Judenverfolgung als harmlos und von den Nazis erzwungen, nach dem Motto „Italiani brava gente“ („die Italiener sind anständige Menschen“).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch <em>Istruzioni per diventare fascisti</em>, („Anleitung, Faschist zu werden“) von Michela Murgia entlarvt den wahren Charakter der aktuellen italienischen Gesellschaft und Politik. Unter den italienischen Schriftstellerinnen und Intellektuellen ist Michela Murgia ein Star. Bekannt geworden ist sie mit dem Buch <em>Camilla im Callcenterland</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal hat sie sich für eine Provokation entschieden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das Buch, das ihr in Händen haltet, ist nicht nur entstanden, um zu zeigen, dass die Demokratie völlig unbrauchbar ist, ja sogar schädlich für die Gemeinschaft, sondern auch, um nachzuweisen, dass ihre bewährteste Alternative – der Faschismus – eine wesentlich bessere,  kostensparendere und effizientere Art staatlicher Organisation darstellt. </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch sei für die „gebildete Schicht“ gedacht, schreibt sie weiter, denn:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der breiten Masse musste man schließlich noch nie erklären, dass der Faschismus die überlegenere Alternative ist. </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sind auf der ersten Seite des Buches, und das Programm ist schon klar: In uns allen steckt mehr oder weniger ein Faschist. Das Coverbild gibt die Richtung vor. Ein stilisierter Forrest Gump, das menschliche Chamäleon schlechthin, sagt: <em>„Fascista é chi il fascista fa“</em>, „Faschist ist der, der Faschistisches tut.“ Im Film heißt es: „Stupid is as stupid does.“ Ein tautologischer Satz, der keinen Widerspruch erlaubt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sprache als Verpackung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit ihren provokanten Aussagen, die dem täglichen Diskurs der italienischen Durchschnittsbürger entstammen, zeigt Murgia, dass die Übergänge zwischen Demokratie und Faschismus fließend sind. Dabei spielt die Sprache eine zentrale Rolle. In ihrem Vorwort erklärt die Autorin, wie man ein ganzes Land faschistisch machen kann, „ohne das Wort Faschismus auszusprechen“. Nicht die faschistischen Inhalte solle man propagieren, sondern die faschistische Sprache.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p> So als wäre sie eine Schachtel ohne Etikett – weder rechts noch links –, die bequem von einer Hand zur anderen wandert, ohne dass jemand unmittelbar mit ihrem Inhalt zu tun hätte.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der heutige italienische Faschismus, so Murgia, hat nichts mehr mit der Überlegenheit der weißen Rasse oder mit der offenen Unterdrückung der Pressefreiheit zu tun. Er braucht auch keinen Putsch, um an die Macht zu kommen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wenn es uns gelingt, täglich einen Demokraten davon zu überzeugen, ein Wort zu benutzen, das wir ihm eingegeben haben, können wir gewinnen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch äußerlich ist das Buch als Anleitung strukturiert. Jedes Kapitel gibt Ratschläge für ein bestimmtes Gebiet, zum Beispiel „Cominciare da capo“ (etwa „Am Anfang beginnen“, aber auch „Mit dem Chef anfangen“). Man sollte sich von einem Capo, einem Chef, führen lassen, also von jemandem, der Entscheidungen treffen kann, ohne von den Abgeordneten aufgehalten zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Kapitel über die Pressefreiheit ist Murgias Rat gleichzeitig die perfekte Beschreibung der Lage der italienischen Talk-Show-Kultur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ist es vielleicht die für den Faschismus geeignetste Lösung, sie einfach reden zu lassen. Und zwar immer. Alle. Auf einmal. Über alles. Ohne die geringste Hierarchie zwischen den Meinungen, ohne Abstufungen in ihrer Maßgeblichkeit. </p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Faschistometer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Michela Murgias Provokation ist zugleich eine Analyse der italienischen Gesellschaft. Sie zeigt, wie weit sich das faschistische Gedankengut schon in der italienischen Mehrheitsgesellschaft verbreitet hat. Am Ende des Buches kann man das an sich selbst erproben – mit dem „Faschistometer“: einer Liste von 65 Aussagen und Behauptungen, die man „mit gesundem Menschenverstand“ als richtig oder falsch bewerten soll. Es sind Aussagen, die in Italien in der öffentlichen Diskussion praktisch täglich fallen, gerade im Streit um die Aufnahme und Integration von Zuwanderern.</p>



<ul class="wp-block-list"><li>„Die Italiener kommen zuerst.“</li><li>&#8222;Ist Vergewaltigung schwerer erträglich, wenn ein Ausländer sie begangen hat?&#8220;</li><li>„Man sollte ihnen in ihrem Heimatland helfen.“</li><li>„Wenn sie dir so gut gefallen, dann nimm sie doch mit nach Hause.“</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Jede positive Antwort ergibt einen Punkt. Am Ende werden die Punkte addiert, woraus sich dann der Zahlenwert der tatsächlichen Nähe zum Faschismus ergeben soll – vom „Aspiranten“ (0–15 Punkte) bis zum „bewusst Militanten“ (36–50) und schließlich dem „Patrioten“ (ab 51).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das „Faschistometer“ war ein großer Erfolg, hunderttausende Italiener haben den Fragebogen ausgefüllt. Murgias Buch gehörte 2018 in Italien zu den meistverkauften Sachbüchern. Michela Murgia hat es geschafft, die Italiener dazu zu bringen, sich mit dem Thema Faschismus zu beschäftigen. Die Frage ist: Reicht das aus, oder ist die nationale Selbsttäuschung, die Italiener seien auf jeden Fall gute Menschen, stärker als jede Evidenz?</p>


<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />Beitragsbild: Hitler und Mussolini in München, Juni 1940 <br />Foto: Eva Braun [gemeinfrei], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hitler_and_Mussolini_June_1940.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a><br />Buchcover: Einaudi</h6>




<p class="wp-block-paragraph">Michela Murgia <br><strong>Faschist werden</strong> <br>Eine Anleitung <br>Aus dem Italienischen von Julika Brandestini <br>Wagenbach Verlag 2019 · 112 Seiten · 7 Euro <br>ISBN:  978-3803136862  </p>



Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3803136865/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783803136862" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel





<figure class="wp-block-image is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="85897" data-permalink="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/cover-wagenbach/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/Cover-Wagenbach.jpg?fit=367%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="367,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Wagenbach" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/Cover-Wagenbach.jpg?fit=367%2C499&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/Cover-Wagenbach.jpg?resize=199%2C271&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-85897" width="199" height="271" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/Cover-Wagenbach.jpg?w=367&amp;ssl=1 367w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/Cover-Wagenbach.jpg?resize=59%2C80&amp;ssl=1 59w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/Cover-Wagenbach.jpg?resize=221%2C300&amp;ssl=1 221w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/07/Cover-Wagenbach.jpg?resize=300%2C408&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px" /></figure>





<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Vers für Vers 4: Von der Ästhetik zur Barbarei?</title>
		<link>https://tell-review.de/vers-fuer-vers-4-von-der-aesthetik-zur-barbarei/</link>
					<comments>https://tell-review.de/vers-fuer-vers-4-von-der-aesthetik-zur-barbarei/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Jan 2017 10:45:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Vers für Vers]]></category>
		<category><![CDATA[Ästhetizismus]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Romantik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=6492</guid>

					<description><![CDATA[War Friedrich Nietzsche ein Vordenker des Faschismus? Anhand des Gedichts „Vereinsamt“ und dessen zweitem Teil „Antwort“ lotet Hartmut Finkeldey die Ambivalenzen von Nietzsches politischer Moral aus.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p><strong>I. Vereinsamt</strong></p>
<p>Die Krähen schreiʼn<br />
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:<br />
bald wird es schnei’n. –<br />
wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!</p>
<p>Nun stehst du starr,<br />
schaust rückwärts, ach! wie lange schon!<br />
Was bist Du Narr<br />
vor Winters in die Welt entflohn?</p>
<p>Die Welt – ein Tor<br />
zu tausend Wüsten stumm und kalt!<br />
Wer das verlor,<br />
was du verlorst, macht nirgends Halt.</p>
<p>Nun stehst du bleich,<br />
zur Winter-Wanderschaft verflucht,<br />
dem Rauche gleich,<br />
der stets nach kältern Himmeln sucht.</p>
<p>Flieg, Vogel, schnarr<br />
dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –<br />
Versteck, du Narr,<br />
dein blutend Herz in Eis und Hohn!</p>
<p>Die Krähen schreiʼn<br />
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:<br />
bald wird es schneiʼn. –<br />
weh dem, der keine Heimat hat!</p>
<p><strong>II. Antwort</strong></p>
<p>Daß Gott erbarm!<br />
Der meint, ich sehnte mich zurück<br />
ins deutsche Warm,<br />
ins dumpfe deutsche Stuben-Glück!</p>
<p>Mein Freund, was hier<br />
mich hemmt und hält ist dein Verstand,<br />
Mitleid mit dir!<br />
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!</p></blockquote>
<hr />
<p><span class="dropcap">Ü</span>ber Nietzsches Philosophie gibt es einen Mythos: Nietzsche sei ein rationaler Philosoph, sein Perspektivismus, sein Plädoyer für multiple Welten und infolgedessen multiple Identitäten mache ihn zum Protagonisten der fröhlichen Postmoderne, des ästhetisch begründeten Verhältnisses zu Selbst und Welt. Erst der philologisch verantwortungslose Umgang mit seinem Nachlass habe aus ihm einen Vordenker faschistischer Ideologie gemacht. Speziell das Kompendium aus dem Nachlass mit dem Titel <em>Der Wille zur Macht</em>, verbrochen von Peter Gast und Elisabeth Förster-Nietzsche, zeige eine Willens- und Machtmetaphysik, die Nietzsche so nie intendiert habe.</p>
<p>Dem entgegen steht eine andere Deutung, die wesentlich auf Georg Lukács zurückgeht: Nietzsche sei sehr wohl als Vorläufer des europäischen Faschismus anzusehen.</p>
<h4>Auflösung der Romantik</h4>
<p>Das Gedicht liefert Belege für beide Deutungen. Als es 1894 veröffentlicht wurde – Nietzsche war bereits seit fünf Jahren krank und nicht mehr ansprechbar –, wurde lediglich der erste, längere Teil publiziert, unter dem Titel „Vereinsamt“. Und so ist es in die Anthologien eingegangen, als eines der großen Herbstgedichte deutscher Sprache.</p>
<p>Formal variiert das Gedicht auf brillante Weise Strophenformen der Romantik. Auch die Bildlichkeit orientiert sich am romantischen Naturerleben, doch sie nähert sich bereits dem reinen Symbol. Sowohl formal wie bildlich betreibt der Dichter die Auflösung der Romantik mit ihren eigenen Mitteln.</p>
<p>Im Sinn der Romantik wäre etwa dies:</p>
<blockquote><p>Ich hör‘ die Krähen nochmals schreien<br />
sie ziehen vor mir her zur Stadt<br />
Bald wird es immer tiefer schneien<br />
Ob jeder jetzt noch Heimat hat</p></blockquote>
<p>Die Romantik antwortete auf den Abgrund, der sich seit 1789 auftat und den sie sehr wohl wahrnahm, von dem her sie sich überhaupt erst etablierte, mit poetischer Aufladung:</p>
<blockquote><p>Romantisieren heißt, dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein geben.</p></blockquote>
<h5 style="text-align: right;">(Novalis)</h5>
<p>Wenn wir Romantik ganz konventionell als Sehnsucht nach der Blauen Blume charakterisieren, also als Sehnsucht nach Heimat, nach Versöhnung, dann verweist diese Sehnsucht, erstens, auf einen Mangel, dem, zweitens, nur noch virtuell abgeholfen werden kann. Die romantische Sehnsucht, den Riss von Ich und Welt noch einmal zu versöhnen (wenn auch nur als bewusster „Schein“), wird von Nietzsche zerstört. Jetzt gilt es, erst einmal diesen Riss auszuhalten.</p>
<h4>Wüste als Befreiung</h4>
<p>Und wie viele doppelte Böden sich unter diesem Riss auftun! Der Winter, die Stadt, das, was Heimat ist, gilt dem Sprecher gerade nicht als „Welt“. Und auch mit dem Begriffspaar warm/kalt spielt Nietzsche ein faszinierendes Spiel. Eine ‚normale‘ Metaphernfolge wäre in etwa so organisiert: Der Einsame verlässt die warme Stube (das sichere, bürgerliche Leben) und begibt sich todesmutig in eisige Höhen (geistige Abenteuer).</p>
<p>Aber so ist es hier gerade nicht. Die Kälte (von der aber gesichert ist, dass sie qua Abfolge der Jahreszeiten auch wieder endet) und die bürgerliche Wärme sind aufeinander bezogen und ergeben erst in der Summe jene Schein-Welt bürgerlicher Solidität, von welcher der Sprechende sich abwendet. Diesem quasi bürgerlichen Winter „entflieht“ der Sprechende nicht in die warme Stadt (im Gegensatz zu den Todesvögeln), sondern in „die Welt“ – die sich als Tor zu tausend Wüsten entpuppt. Der Wanderer, der Freigeist, der Selbstbefreier, er gleicht dem Rauch, der „stets nach kältern Himmeln sucht“ – eine fantastisch kühne, paradoxe Metapher, vielleicht die erste moderne Chiffre, ein starkes Bild für Auflösung, für das Schmelzen alles fest Gefügten. Die Wüstenerfahrung hat etwas Befreiendes.</p>
<p>So könnte man „I. Vereinsamt“, tatsächlich rein ästhetizistisch lesen: als Ausdruck einer Befreiung zu stil- und lustvoll ausgelebtem selbstwidersprüchlichem Perspektivismus, zu multiplen „Ichs“ im Plural bis zur Auflösung, mithin zu dem, was wir heute unter „Postmoderne“ verschlagworten.</p>
<p>Nun ist diese postmoderne Deutung nicht falsch. Sie übersieht allerdings, dass das Gedicht zwei Teile hat. Literarisch fällt der zweite Teil stark ab – Polemik statt Lyrik –, doch er ist zentral. Der Sprecher in „II. Antwort“ ist identisch mit dem in „I. Vereinsamt“: „II. Antwort“ ist eine Antwort auf Einwände, die nicht zur Sprache kommen, die wir aber erschließen können. Der abwesende Gesprächspartner, dem im zweiten Teil des Gedichts geantwortet wird, ist der Romantiker par excellence. Der Freigeist würde sich noch nach seinem Wüstenritt in die Stuben zurückwünschen. Nietzsche jedoch will nicht zurück ins deutsche Stubenglück, um Himmels Willen nicht („Daß Gott erbarm“). Im Gegenteil: Nietzsche will die Stube auf Vordermann bringen!</p>
<blockquote><p>Die deutsche Unlust am Leben ist wesentlich Wintersiechtum,</p></blockquote>
<p>heißt es in <em>Die Fröhliche Wissenschaft</em>.</p>
<p>Wohin will er dann, der Sprecher, den wir hier getrost mit Nietzsche identifizieren dürfen? Das Gedicht sagt es uns nicht. Aber Nietzsches Werk sagt es uns in verstörender Eindeutigkeit.</p>
<h4>Priester und Krieger</h4>
<p>Die Wüste spielt in Nietzsches Bilder- und Gedankenwelt eine wesentliche Rolle. Seit Herodot ist die Wüste für Europa nicht Teil der Welt, sondern Symbol für das Andere, Fremde, Bedrohliche. Bei Nietzsche ist sie ein „Hunger, der nach Leichen scharrt“ (Nachlass der 1880er Jahre), also ein lebensfeindliches Prinzip. Der Priester lernt in der Wüste die Entsagung, die er fortan predigt. Ganz anders aber verändert sich der Freigeist in ihr: In den berühmten drei Verwandlungen in <em>Zarathustra</em> geht das Kamel beladen in die Einsamkeit der Wüste, um dort seine Lasten abzulegen und sich in einen Löwen zu verwandeln. Der Löwe schafft keine neuen Werte – er nimmt aber den Kampf mit der „Sklaven-Moral“ auf. Dem „du sollst“ setzt er sein „ich will“ entgegen. Erst danach wird er zu einem Kind, das in aller Unschuld neue Werte etabliert. Die Wüste spielt also eine wesentliche Rolle bei der Selbstfindung der beiden Kasten, die Nietzsche als Träger der Geschichte sieht: die Priester und die Krieger.</p>
<p>Den Krieger hat die Wüste zum Gesetzgeber gemacht. Es gilt, neue Regeln zu finden gegen alle „Sklaven-Moral“, also gegen den (für Nietzsche erniedrigenden) Gedanken, alle Menschen hätten identische Rechte: Die schwachen Sklaven würden per Gleichheitsbegriff Macht ausüben wollen – dies ist ein nietzscheanischer, sozialdarwinistischer und heute wiederkehrender Topos. Nietzsche votiert für die Differenz von Herr und Sklave, für das Vorrecht zur Gewalt, für den Renaissance-Menschen, den Nietzsche gegen alle „Entartung“ der Moderne rehabilitieren wollte. Die „großen Affekte“ der Kriegerkaste – „Wille zur Macht, Wille zum Genuß, Wille und Vermögen zu kommandieren“ (Nachlass der 80er Jahre / <em>Der Wille zur Macht</em>) – das ist es, was der Krieger auf seinem Wüstenritt erfährt und wozu er sich enthemmt. Und genau so hat ihn die völkische deutsche Rechte immer wieder gelesen – von den ‚Meisterdenkern und -dichtern‘ der konservativen Revolution (Niekisch, Spengler, George, Jünger, zeitweilig Benn) bis hin zu Goebbels, der Nietzsche in Leitartikeln gerne zitierte, und Rosenberg, der erklärte, Nietzsche stünde heute „an unserer [der Nazis] Seite“; „wir [die Nazis] grüßen ihn als nahen Verwandten“. Auch heute beruft sich die intellektuelle deutsche Rechte häufig auf Nietzsche. Sie liegt damit nicht falsch, wenn sie den Philosophen meint, der den Krieger preist und die Moral [heute: „Gutmenschentum“] als Hemmnis allen besseren Lebens ansieht – eine „Sklaven-Moral“, die „Mißrathene“ erzeuge und nach der „Europa zu stinken beginnt“ (in <em>Genealogie der Moral</em>).</p>
<h4>Ein postmoderner Rassist?</h4>
<p>Nietzsches Apologeten (ziemlich unkritisch: Michael Tanner, kritischer: <a href="https://youtu.be/BBEaVSDRrm8?t=1496" target="_blank">Volker Gerhardt</a>) argumentieren, Nietzsche habe sich wiederholt gegen stumpfes völkisches Gerede gewandt. In der Tat wollte Nietzsche von Bärenhäuter-Germanismus nichts wissen, über biologistische Rassereinheitsgedanken hat er wiederholt seinen Spott ausgeschüttet. Die Apologeten übersehen aber, was nicht zu übersehen ist: dass Nietzsche sehr wohl von einer „Reinheit der Rasse“ (in <em>Morgenröte</em>) träumte, wobei er, wie man heute sagen würde, einen kulturalistischen Begriff von „Rasse“ im Sinn hatte, keinen biologischen. Die Reinheit der höheren Rasse war ein Projekt. So verstanden, war bereits Nietzsche ein postmoderner Rassist, oder gar ein kulturalistischer Postrassist, also das, was heute bei den Rechtsintellektuellen en vogue ist.</p>
<p>Es ist unredlich, wenn man von Nietzsche allein die fröhlich-postmoderne Seite sieht, sozusagen nur „I. Vereinsamt“ – und die Augen verschließt vor „II. Antwort“. Die Erfahrung lehrt: Irgendwann ist der Riss in der Welt dann doch nicht mehr auszuhalten. Irgendwann will dieser Riss gewaltsam gekittet sein. Irgendwann überschreitet einer die Grenze von der Welt, die nur ästhetisch erfahren werden kann, hin zu jener ungeheuren „Energie der Größe“, die man gewinnen müsse, „um, durch Züchtung und andererseits durch Vernichtung Millionen Mißrathener, den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zu Grunde zu gehen an dem Leid, das man schafft“ (Nachlaß der 80er Jahre, ganz ähnlich u.a. <em>Genealogie der Moral</em>).</p>
<p>Die Probleme dieser Welt gewaltsam zu lösen, indem man den neuen Menschen schafft (oder „züchtet“, wie Nietzsche es nennt) – das war im 20. Jahrhundert die große Verführung für Intellektuelle und Künstler. Der Schritt von der „Artisten-Metaphysik“ zur Rechtfertigung der Barbarei ist klein. Nietzsches Werk hat ihn ausgemessen.</p>
<hr />
<h5><span style="text-decoration: underline;"><strong>Literatur:</strong></span></h5>
<p><strong>Nietzsche, Friedrich:</strong></p>
<p>KStA (Colli/Montinari), 1967-77, 2te 1988ff<br />
Nietzsche, Friedrich, Der Wille zur Macht, (Förster-Nietzsche, Elisabeth / Gast,Peter, Hg.) Stuttgart, 1964 u.ö.</p>
<p><strong>Gerhardt, Volker:</strong> Pathos und Distanz, Studien zur Philosophie Friedrich Nietzsches, Stuttgart 1988</p>
<p><strong>Rorty, Richard:</strong> Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt/Main 1989</p>
<p><strong>Schönert, Jörg:</strong> Friedrich Nietzsche: „Der Freigeist“, in: Schönert, Jörg, u.a., Lyrik und Narratologie Text-Analysen zu deutschsprachigen Gedichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Berlin – New York 2007</p>
<p><strong>Tanner, Michael:</strong> Nietzsche, Freiburg/Basel/Wien o.J.</p>
<p><strong>Taureck, Bernard:</strong> Nietzsche und der Faschismus, Leipzig 2000 (zuerst Hamburg 1989)</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Radar Transect South Dome</em><br />
<em> via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/97/Radar_transect_south_dome.jpg">Wikimedia Commons</a></em></h6>
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		<title>Der Faschismus des Herzens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Nov 2016 09:01:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
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		<category><![CDATA[Donald Trump]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwanzig Jahre vor der Wahl von Donald Trump hat William H. Gass in seinem ästhetisch avancierten Roman "Der Tunnel" bereits ein Porträt der "Enttäuschten" des Midwest entworfen: Sie haben nicht das richtige Leben geführt. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div></p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5760" data-permalink="https://tell-review.de/der-faschismus-des-herzens/cover_tunnel/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Cover_Tunnel.jpg?fit=174%2C266&amp;ssl=1" data-orig-size="174,266" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="cover_tunnel" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Cover_Tunnel.jpg?fit=174%2C266&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-5760 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Cover_Tunnel.jpg?resize=174%2C266" alt="cover_tunnel" width="174" height="266" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Cover_Tunnel.jpg?w=174&amp;ssl=1 174w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Cover_Tunnel.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w" sizes="auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px" /></p>
<p><span class="dropcap">D</span>as Buch zur Wahl von Donald Trump ist über zwanzig Jahre alt: 1995 erschien in den USA <em>TheTunnel </em>von William H. Gass (*1924), 2011 kam es in der Übersetzung von Nikolaus Stingl <a href="http://www.zeit.de/2011/41/L-B-Gass" target="_blank">auf Deutsch</a> heraus.</p>
<p>Bücher seien „Behältnisse von Bewusstsein“, sagt William H. Gass. Und so graben wir uns denn lesend in das Bewusstsein von William Frederick Kohler, einem Historiker, Rilke-Leser und Hölderlin-Fan aus dem Midwest, der sich, statt an seinem Buch <em>Schuld und Unschuld in Hitlers Deutschland</em> zu schreiben, in ein schriftliches Selbstgespräch verliert, von dem er sagt:</p>
<p><div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Englisch</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Deutsch</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Englisch"> „Are these sheets to be <strong>MEIN KAMPF</strong>? Haw haw, indeed. Bear malice! The malice I bear has borne me to my knees. I have resentment to spare for a flood; my loose change would millionaire most men.“ </div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Deutsch"> „Werden diese Blätter etwa <strong>MEIN KAMPF</strong>? Ha, ha, in der Tat! Einen Groll hegen! Der Groll, den ich hege, hat mich auf die Knie gezwungen. Ich habe so viel Ressentiment übrig, dass es für eine Flut reicht; mein Kleingeld würde die meisten zum Millionär machen.“ </div></div></div></p>
<p>Kohler nährt seinen Groll und pflegt sein Ressentiment, er verachtet alles und jeden, insbesondere seine Frau Martha und seine Kinder. All dies tut er als sprachlicher Virtuose, denn die Hauptfigur bekommt immer die besten Zeilen, so William H. Gass in einem Interview. <em>Der Tunnel</em> ist voll von Binnenreimen und Assonanzen, die allerdings in der Übersetzung nicht immer voll erhalten bleiben:</p>
<p><div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Englisch</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Deutsch</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Englisch"> „There’s no height to the hills of the heart, Rainer.“<br />
„&#8230;and in the following sigh, my pistoned penis spit its seed.“<br />
„Outside I hear the power mowers mow the snow.“ </div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Deutsch"> „Die Berge des Herzens besitzen keine Höhe, Rainer.“<br />
„&#8230;und im darauffolgenden Seufzer spie mein wie ein Kolben bewegter Penis seinen Samen.“<br />
„Draußen höre ich die Schneefräsen den Schnee fräsen.“ </div></div></div></p>
<p><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5765" data-permalink="https://tell-review.de/der-faschismus-des-herzens/tunnel4-min/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?fit=3024%2C4032&amp;ssl=1" data-orig-size="3024,4032" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="tunnel4-min" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?fit=773%2C1030&amp;ssl=1" class="alignright wp-image-5765 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min-225x300.jpg?resize=225%2C300" alt="tunnel4-min" width="225" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?resize=768%2C1024&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?resize=773%2C1030&amp;ssl=1 773w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?resize=1200%2C1600&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?resize=1300%2C1733&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Tunnel4-min.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><br />
In<em> Der Tunnel</em> untersucht William H. Gass den „Faschismus des Herzens“. Dieser private Faschismus beginnt am Küchentisch, in der Familie. Er wird von Enttäuschungen gespeist und kennt nur passive Emotionen. Auf der ersten Seite des Buchs werden sie als Wimpel dargestellt.</p>
<p>Kohler gründet die fiktive „Party of the Disappointed People“, bisweilen „Party of the Disappointed Penis“ – das Ressentiment bezieht sich auch auf den Machtverlust der Männer. Die Partei der Enttäuschten ist gedacht für Leute mit unerfüllten Aussichten. Im Englischen versammeln sie sich unter Wörtern mit <strong>d</strong> (wie disappointment), im Deutschen mit <strong>e</strong> (wie Enttäuschung):</p>
<p><div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Englisch</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Deutsch</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Englisch"> „disappointed, displaced, depressed, deprived.“ </div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Deutsch"> &#8222;Enttäuscht, entwurzelt, erledigt, enteignet.” </div></div></div></p>
<p>Man kann<em> Der Tunnel</em> auf viele Arten lesen, als Bewusstseinsstrom, Satire, Rache. Oder als Analyse der gekränkten Seelen und dem Hass, der in ihnen gärt. „Wir haben nicht das richtige Leben geführt“ – wie ein Refrain zieht sich dieser Satz durch das Buch.</p>
<p>Wir sollen uns mit diesem Führer der Enttäuschten identifizieren, deshalb sorgt Gass dafür, dass wir mit seiner Figur mitleiden. In Rückblenden erzählt uns Kohler seine Kindheit in der mentalen und landschaftlichen Ödnis des Midwest, die Mutter säuft sich ins Elend, der Vater leidet unter seiner Arthrose und seinem Charakter, &#8222;meine Eltern alterten nicht, sie siechten einfach dahin&#8220;.  Tiefer und tiefer gräbt sich das Buch in diese verletzte Seele hinein, und je näher wir dieser Wunde kommen, desto schlichter wird die Sprache, bis der Stil zur Ruhe kommt und einfach nur erzählt.</p>
<p><em>Der Tunnel</em> ist ein wildes Buch, bis zum Bersten gefüllt mit Anspielungen, Sprachwitz und Boshaftigkeiten. Das, was uns tagesaktuell nun so brennend interessiert, liegt nicht an der Oberfläche des Texts, man muss es ausgraben. Aus den Lebensenttäuschungen des deutschlandseligen Kohler schmiedet Gass einen Schlüssel, der uns Zugang verschafft zu einem unheimlichen Innenraum der amerikanischen Seele.</p>
<p>Nikolaus Stingl hat <em>Der Tunnel</em> kompetent und kreativ übersetzt. Eine besondere Herausforderung waren die schweinischen Limericks, mit denen eine Nebenfigur namens Culp die Weltgeschichte neu erzählt. Hier allerdings entschärft die Übersetzung bisweilen die Tabubrüche.</p>
<p><div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Englisch</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Deutsch</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Englisch"> <strong>A nun went to bed with Herr Hitler,</strong><br />
<strong>whose cock just got littler and littler. </strong><br />
<strong>O what I would do</strong><br />
<strong>if you was a Jew,</strong><br />
<strong>he cried as he bit her and hit her.</strong> </div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Deutsch"> <strong>Eine Nonne schlief mal mit dem Führer,</strong><br />
<strong>der war, wie bekannt, kein A. Dürer.</strong><br />
<strong>Auch wenn er stundenlang</strong><br />
<strong>Seinen Pinsel wrang,</strong><br />
<strong>er war und blieb bloß ein Schmierer.</strong> </div></div></div></p>
<p>Doch das wäre wieder ein anderes Thema. <em>Der Tunnel</em> hätte viele Lektüretipps verdient.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
William H. Gass<br />
<strong>Der Tunnel</strong><br />
Roman<br />
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl<br />
Rowohlt Verlag 2014 · 1096 Seiten · 14.99 Euro<br />
ISBN: 978-3499240911<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3499240912/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783499240911" target="_blank">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="kydgmmofkkclbigjtzpx" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --></div></div></p>
<h6 style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;">Bildnachweis:</span><br />
Beitragsbild: Aus <em>Der Tunnel</em>, Rowohlt-Verlag<br />
Buchcover: Rowohlt-Verlag</h6>
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