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	<title>Sachbuch &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Mon, 13 Mar 2023 10:45:01 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Sachbuch &#8211; tell</title>
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		<title>Die Ambivalenz des Daseins</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Mar 2023 08:54:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
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					<description><![CDATA[Hanjo Kesting erkundet in seinem Essayband „Glanz und Qual“ das Leben und Schaffen Thomas Manns. Dem Werk widmet er sich ebenso wie den biografischen Widersprüchen: der politische Haltung Manns, seinem Verhältnis zu Juden und seiner unterdrückte Homoerotik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><span class="dropcap">A</span>ls es 1975 galt, den 100. Geburtstag Thomas Manns gebührend zu feiern, kam die Mehrheit der Reaktionen des Literaturbetriebs „einer Generaloffensive gleich“ (Marcel Reich-Ranicki). An der Spitze dieser Offensive stand unter anderem der junge Hanjo Kesting, damals Redaktionsleiter des NDR. Er hatte zehn recht despektierliche „Thesen über einen Klassiker“ verfasst und ließ über diese Thesen in einer Radiodiskussion debattieren. Teilnehmer waren, neben ihm selbst, Martin Walser, Walter Boehlich und Peter Wapnewski, der als einziger Thomas Mann verteidigte und damit auf verlorenem Posten stand.</p>



<p>Damit nicht genug. Diese Diskussion hörte der <em>Spiegel</em>-Redakteur Hellmuth Karasek, und das führte dazu, dass die Thesen prominent im <em><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/kultur/thomas-mann-oder-der-selbsterwaehlte-a-4c7324bb-0002-0001-0000-000041521068" target="_blank">Spiegel</a></em> abgedruckt wurden, worauf sich eine <a href="https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/41483678" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Flut von Leserbriefen</a> über das Wochenmagazin ergoss.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Mann als Übervater</h3>



<p>Fast ein halbes Jahrhundert später hat Hanjo Kesting ein Buch über Thomas Mann verfasst, eine Sammlung von Essays mit dem Titel <em>Glanz und Qual</em>, ein Buch für Kenner ebenso wie für Anfänger Heute ist Kesting selbst „einer der größten Verehrer“ von Mann (Kesting über Kesting). Seinen damaligen Exkurs nennt er rückblickend einen „ödipalen Reflex“, den er als „ziemlich unausgegoren“ apostrophiert. Ödipus? Vatermord? Das sind große Worte. Was war es, das Kesting Thomas Mann als eine Art Übervater erkennen ließ? Darüber gibt Kesting in seinem wunderbaren Buch Auskunft.</p>



<p>Der Band ist dreigeteilt und beginnt, unter dem Titel „Werkfahrten“, mit luziden Analysen der Hauptwerke Thomas Manns. Was auffällt, ist allerdings die Aussparung von <em>Doktor Faustus</em>, Thomas Manns „Lebensbeichte“. Man kennt Kestings Kennerschaft aus seinen Vorträgen über die Werke, und in diesem ersten Teil stimmt alles.</p>



<p>Im zweiten Teil „Querfahrten“ untersucht Kesting einerseits besondere Aspekte in Thomas Manns Werk, andererseits die Beziehung zwischen Leben und Werk. Kesting gehört, wie die Mehrheit der Mann-Forscher und -Leser, zu denjenigen, die Manns Leben aus dem Werk und sein Werk aus dem Leben erklären. Vor allem das Kapitel „Thomas Mann und die Musik“ sticht hier hervor. Der Musikkenner Kesting ist sich sicher, was die Bedeutung von Richard Wagner angeht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wagners Musik überlagerte für Thomas Mann alle andere Musik. Nur wenig konnte sich daneben eigenständig behaupten [&#8230;].</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Frage der ethischen Stimmung</h3>



<p>Auch die berühmte Rede aus dem Jahr 1945 „Deutschland und die Deutschen“, in der Mann die deutsche Musik der Romantik in Beziehung setzt zum deutschen Jahrhundertverbrechen, wird von Kesting kenntnisreich reflektiert. Thomas Mann, der gerade an <em>Doktor Faustus</em> schrieb, nannte die Musik zwischenzeitlich ein „Teufelswerk“. Diese Rede hörten natürlich auch emigrierte Musiker und waren entsprechend enttäuscht. Ihre Musik soll dem deutschen Irrsinn musikalisch den Boden bereitet haben?</p>



<p>Thomas Mann erinnert die Wirkung seiner Rede später genau: „Noch weiß ich wie ich den betrübten Adolf Busch spät in der Nacht vom Hotel aus anrief, um ihm zu versichern, daß die Bedenklichkeiten, die ich gegen die deutscheste der Künste vorgebracht, nur eine Form der Huldigung sei.“</p>



<p>Hanjo Kesting schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Wie er die Musik letztlich sah – ob als „dämonisches Gebiet“, wie im Frühwerk, als „heiligen Grundtypus der Kunst“, wie in den <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em>, oder als Teufelswerk, wie im <em>Doktor Faustus</em>, das war zuletzt nur eine Frage der „ethischen Stimmung“. Sie war in seiner Lebenszeit vielen Schwankungen unterworfen, erst recht in den Jahren der NS-Herrschaft.</p>
</blockquote>



<p>Im Weiteren sticht ein wunderbares Kapitel über Thomas Manns Leben im Hotel heraus. Dessen „fürstlicher Hang zu Repräsentation“ zeigt sich auch in seiner Vorliebe für gehobene Hotels. Seine Notizen über Güte und Mängel der Beherbergungsbranche dürften ein schmales Bändchen füllen, dessen ist sich Hanjo Kesting sicher. Entsprechend unzufrieden war Mann, wenn eine Unterkunft dem nicht entsprach, so notiert er über eine Pension in einem französischen Badeort: „[&#8230;] ich finde in diesem Kulturgebiet alles schäbig, wackelig, unkomfortabel und unter meinem Lebensniveau.“ Ein „Grand Hotel“ in Venedig nennt Thomas Mann – Kesting zitiert es mit Freude – gar einen „Schwindel, eine anspruchsvolle Spelunke“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das problematische Verhältnis zum „Jüdischen“</h3>



<p>Das große Thema ‚Thomas Mann und die Juden‘ (oder „das Jüdische“, eine Wendung, die Hanjo Kesting zu Recht in Anführungszeichen schreibt) erhält dagegen kein eigenes Kapitel. Dafür ist es allgegenwärtig. Immer wieder wurde Mann Antisemitismus vorgeworfen. Dagegen half weder, dass er in eine jüdische Familie eingeheiratet hatte noch die Tatsache, dass die Nationalsozialisten ihn „einen großen Freund der Juden“ nannten, wie Kesting anführt.</p>



<p>Kesting belegt das problematische Verhältnis Thomas Manns zu den Juden mit Dutzenden von Beispielen aus Werk und Tagebüchern, etwa seinen Ausführungen über Alfred Kerr und Theodor Lessing. Kurz nach dem Judenboykott schreibt Mann im Tagebuch im April 1933: „Daß die übermütige und vergiftende Nietzsche-Vermauschelung Kerrs ausgeschlossen ist, ist am Ende kein Unglück; auch die Entjudung der Justiz am Ende nicht.“ Über den Philosophen und Schriftsteller Theodor Lessing schrieb Mann nach dessen Ermordung am 31. August in Marienbad: „Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir.“ Man muss dazu allerdings wissen, dass Kerr und Lessing beide Verehrer Katia Pringsheims gewesen waren, also Konkurrenten auch im persönlichen Bereich.</p>



<p>Man kann in Thomas Manns Werk ebenso viele Zitate finden, die seine Judenfeindschaft be- wie eben auch widerlegen, daher ist es schade, dass Kesting diese Ambivalenz nicht weiter ausführt. Auch hier war es eine Frage der „ethischen Stimmung“, wie Thomas Mann Juden und „dem Jüdischen“ entgegentrat. So schreibt Mann in seinem Tagebuch über den windigen Herrenreiter Franz von Papen nach dessen „Marburger Rede“ vom 21.06.1934: „Die Zeitungen reden von der Oppositionsrede Papens. Dieser agile, kleine Reaktionär hat sich zwar allerlei erlaubt. Von den Juden aber und den elenden Rache-Prozessen und von den fortwährenden Kommunisten-Hinrichtungen hat er kein Wort gesagt.“ Mann beklagt hier u.a. von Papens Schweigen über die Drangsalierung der Juden im damaligen Reich. Es gibt etliche Passagen in Manns Tagebüchern mit ähnlichem Tenor, etwa wenn er die Erfahrungen der Nürnberger Buchhändlerin Ida Herz kommentiert, einer Thomas Mann-Verehrerin, die mit ihm im Kontakt stand. Albert Einsteins Bemerkung über Hindenburg („alter Halunke!“) kommentiert Thomas Mann folgendermaßen: &#8222;Die Juden haben eben mehr Wahrheitssinn, ihr Gehirn ist unverkleistert vom Mythus.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Manns „Stahlgewitter“</h3>



<p>Auch Thomas Manns politische Haltung war ambivalent. Kestings Hinweis auf das Reaktionäre in den <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em> ist stichhaltig.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em> waren eine einzige, trotzige Apologie des Kaiserreiches und seiner Atmosphäre „machtgeschützter Innerlichkeit“.</p>
</blockquote>



<p>Das Buch, das Ende 1918 erschienen war, sei, „um eine gefährliche Formel zu verwenden“, Thomas Manns „Stahlgewitter“, so Kesting<em>. </em>Wirklich gewandelt habe Thomas Mann sich auch später nicht, davon ist Kesting überzeugt. Im Vorwort zu seiner Rede „Von deutscher Republik“ im Jahr 1922 schrieb Mann den Satz: „Ich habe vielleicht meine Gedanken geändert, &#8211; nicht meinen Sinn.“ Das kommentiert Hanjo Kesting zunächst ebenso schlüssig:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Das alte Denkmodell wurde beibehalten, nur die Begriffe wurden neu definiert und umgewertet.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Erliegen des freien Geistes</h3>



<p>Man könnte somit in der Tat annehmen, dass Thomas Mann sich 1922 und auch später nicht grundlegend gewandelt hat. Doch dann findet man in den Tagebüchern wieder Einträge, die „das alte Denkmodell“ in Frage stellen, die auch die politische Anschauung als ambivalent erkennen lassen. Im Angesicht einer Wagner-Lektüre schreibt Thomas Mann: „Sonnabend, den 27. VI. 36. Abends Lesung […] ‚Die Briefe R. Wagners an Judith Gautier‘. Außerordentlich gefesselt. W‘s Briefe an die Mendes zur Zeit des Krieges – katastrophal. Welch ein Verderb für die Kultur und den Geist sind die Kriege! Das hilflose Erliegen des freien Geistes vor den ‚Taten‘ der Staatsmänner ist erbärmlich zu sehen. Übrigens habe ich 1914 dieselbe Depravierung durchgemacht.“</p>



<p>Hätte er diese Sätze öffentlich gesagt, sie wären sicherlich berühmt bis heute. Möglicherweise war Thomas Mann auch schon in den Zeiten des Kaiserreichs, also vor und während der Niederschrift der <em>Betrachtungen</em>, politisch ambivalenter, als es uns scheint. Leider fehlen hier viele Zeugnisse, vor allem die Tagebücher,</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von der Peinlichkeit des Lebens</h3>



<p>Die letzte und wichtigste, die innerliche Ambivalenz Thomas Manns, seine der Welt verschwiegene, nur im Werk kompensatorisch „verarbeitete“ Homoerotik, wird von Kesting im dritten Teil „Lebensfahrten“ beleuchtet. Hier stehen die Tagebücher im Zentrum. Kesting weist auf die Tatsache hin, dass es die Veröffentlichung der Tagebücher ab 1977 war, die die öffentliche Wahrnehmung Thomas Manns veränderte: Die „Generaloffensive“, an der Kesting im Jahr 1975 selbst beteiligt war, mündete in eine geradezu sektenartige Verehrung. Hanjo Kesting zitiert Reich-Ranicki, der nach der Veröffentlichung von Manns Tagebüchern schrieb: „Haben seine Notizen – wie man schon hören konnte – tatsächlich die Wirkung einer Droge?“ Laut Reich-Ranicki erreichten die Tagebücher, was dem Werk verwehrt war: „Sie machen aus Bewunderern Angehörige einer Gemeinde.“</p>



<p>Einiges spricht dafür, dass auch Kesting erst durch die Tagebücher zum „Verehrer“ wurde. In den Tagebüchern kondensiert sich Thomas Manns Problematik noch einmal, hier zeigt sich, dass sein gesamtes Wesen getragen ist von der Ambivalenz des Daseins. Hanjo Kestings titelgebendes Leitmotiv geht auf ein Zitat aus den Tagebüchern zurück: „War nicht das <em>ganze </em>Leben peinlich. Es gab wohl selten ein solches Ineinander von Qual und Glanz.“ Dem äußeren Glanz entsprach die innere Qual. Über sein frühes Urteil schreibt Hanjo Kesting resümierend:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>So ist Thomas Manns Werk, wo immer man es aufschlägt, vom Goldglanz der Vollendung umgeben, der es wie ein magischer Schutzwall umgibt. Vor langen Jahren, als ich meine polemischen Thesen anschlug, habe ich vor allem dieses glänzende Gold gesehen, den Prunkrahmen um das Gemälde des großen Werkes. Doch muss man das Gemälde selbst ins Auge fassen, um zu erkennen, dass es bei allem Glanz über einem Abgrund von Qual, Not und Schmerz errichtet ist.</p>
</blockquote>



<p>Die Tagebücher gehören zu diesem Gemälde, zum großen Werk. Sie stehen nahezu gleichberechtigt neben den Romanen und Erzählungen. So manche Ambivalenz im Leben und Werk Thomas Manns wäre uns ohne ihre Kenntnis entgangen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Unbekannter Autor, <br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-R15883,_Thomas_Mann.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Thomas Mann in seinem Heim in München (1932)</a><br> Via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-R15883,_Thomas_Mann.jpg">Wikimedia Commons / Deutsches Bundesarchiv / CC-BY-SA 3.0</a></h6>



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<p>Hanjo Kesting<br><strong>Thomas Mann</strong><br>Glanz und Qual<br>Wallstein Verlag 2023 · 400 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3-8353-5413-5<br></p>



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		<title>Der unerklärbare Überschuss der Poesie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Jan 2023 09:53:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachphilosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[In Krisenzeiten ist die Poesie als schöpferische Lebenshaltung unverzichtbar. Das Buch „Poetisch denken: Jetzt“ des Sprachwissenschaftlers Marko Pajević ist in diesem Sinn ein Manifest für das Sprachdenken und gegen die Sprachskepsis.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>In Zeiten des Kriegs brauche man keine Poesie – mit diesem Argument hätten mehrere Verlage kürzlich ihre Gedichte abgelehnt, so berichtete eine Lyrikerin aus der Ukraine am diesjährigen internationalen Literaturfestival Berlin. Dem widerspricht der Sprachwissenschaftler Marko Pajević: Gerade in Zeiten von Krieg und multiplen Krisen sei poetisches Denken überlebenswichtig, so seine These in <em>Poetisch denken: Jetzt</em>. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Poesie als das nicht Gewusste</h3>



<p>Auf 130 Seiten entfaltet der Autor in dem Buch eine philosophische Antwort auf die Krisen unserer Zeit; er greift dabei auf die fast vergessene Tradition des Sprachdenkens zurück. Das Wort <em>Jetzt</em> ist auf dem Buch-Cover mit eigener Zeile vom <em>Poetisch denken</em> abgesetzt. Dadurch bekommt der Titel insgesamt den Charakter einer Aufforderung; unwillkürlich erscheint ein Ausrufungszeichen vor dem lesenden Auge, obwohl dort keines steht. </p>



<p>Tatsächlich kann man das Buch als Manifest lesen, das nicht nur zu einem anderen Denken, sondern zum Handeln auffordert – poetisches Denken also, ganz im Sinne der griechischen Poiesis, was ja nichts anderes als „Erschaffen von Neuem“ bedeutet.</p>



<p>Ein Manifest sagt pointiert, wogegen und wofür es eintritt. Um die Frage nach dem Wofür zu klären, kann der Leser durchaus mit dem letzten Kapitel des Buches beginnen. Es trägt die Überschrift „Sinn und Zweck poetischen Denkens“. Dort wird zum einen deutlich, dass poetisches Denken weder eine Technik noch eine Anleitung zum Schreiben von Gedichten ist. Es ist eine Lebenshaltung, die für das menschliche Leben unverzichtbar sei. </p>



<p>Im poetischen Denken würden wir lernen, so Pajević, die Mehrdeutigkeit von Sprache in unser Denken zu integrieren und sie vor allem nicht nur auszuhalten, sondern als Reichtum zu begreifen.  </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir müssen das Fremde aushalten, auch das Fremde in uns selbst […]. Sprechen ist deshalb immer ein Dennoch-Sprechen, trotz der Unmöglichkeit einer vollständigen Übereinstimmung. Aber es ist ein Bemühen um das Fremde und in diesem Bemühen gewissermaßen eine Überwindung der Fremdheit […]. In solchem liebenden Sprechen wird jedes Mal und jeweilig gemeinsam etwas Neues hergestellt […]. Das Poetische ist immer etwas noch nicht Gewusstes, es muss einem zufallen. Alles Erwartete, und sei es noch so erfreulich, kann nicht poetisch sein.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Gegen die Diskursmacht</h3>



<p>Damit wäre man denn auch schon bei der Frage, wogegen das Buch als Manifest streitet. Man könnte sagen: gegen alle Versuche, im heutigen Diskurs Eindeutigkeit zu postulieren, sei es durch ein binäres Denken, das den identitären Verirrungen zuarbeitet, sei es durch die Vorherrschaft des „Gewussten“ in Form von Fakten, Daten, Zahlen, mit denen komplexe Vorgänge auf einfache Modelle und Regeln reduziert werden. Gefährlich wird es, wenn daraus ein Wahrheitsanspruch abgeleitet wird, der jedwedes kritische Hinterfragen als „unwissenschaftlich“ zu delegitimieren versucht. </p>



<p>Pajević sieht hier im Namen einer falsch verstandenen Wissenschaftlichkeit eine Gefahr für demokratische Institutionen, da dies leicht in eine Kontrollgesellschaft umschlagen kann, in der die herrschende Diskursmacht abweichende Positionen sanktioniert. Dass der Autor&nbsp;diesen Phänomenen ausgerechnet ein poetisches Denken gegenüberstellt, mag überraschen. Doch er argumentiert zunächst einmal nur stringent:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Aus Sicht des poetischen Denkens schlage ich vor, von Sinn- oder Deutungswissenschaften zu sprechen, denn damit wird der Unterschied deutlich zu reinem Faktenwissen und dem, was man damit macht. […] Im Poetischen geht es um die Frage, wie Sinn überhaupt erst entsteht. Deshalb ist das poetische Denken in der heutigen Situation so entscheidend – es stellt die Basis für ein ganzheitliches Verständnis der Sinnentstehungsprozesse dar.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Sprachdenken vs. Sprachskepsis</h3>



<p>Vor diesem Hintergrund geht Pajević  direkt die Erblast der europäischen Philosophie an: die Skepsis gegenüber der Sprache. Seit Platon werde die Sprache als defizitär angesehen, weil in ihr jene Mehrdeutigkeit der Begriffe angelegt sei, gegen die dann seit Descartes die französischen Aufklärer so verbissen gekämpft hätten. Diese Erblast, so könnte man zugespitzt sagen, zeigt sich in der hartnäckig behaupteten Annahme, dass Sprache lediglich ein Werkzeug zur Kommunikation von nicht sprachlich verfertigten Gedanken sei. Das Resultat seien Zeichendenken und die strikte Trennung zwischen Subjekt des Handelns, Erkennens und Wahrnehmens und der Welt der Objekte – und eben der Szientismus. </p>



<p>Der philosophischen Sprachskepsis stellt der Autor nun eine andere Tradition gegenüber: das Sprachdenken, das von Humboldt und Herder bis zu Henri Meschonnic in Frankreich und&nbsp;Bruno Liebrucks in Deutschland und anderen führt.</p>



<p>Sprache wird in dieser Tradition nicht auf das instrumentelle Verfahren der Begriffsbildung reduziert, sondern in der ganzen Fülle von Klang, Rhythmus und Atem gedacht. Das umfasst die vielschichtige Entstehung von Bedeutungen, Assoziationen und Atmosphären, die über die Ebene des Wortes hinausgehen – all dies könne das Zeichendenken niemals erfassen. Über den reinen Begriff und über die Bedeutung des Zeichens hinaus existiert nach Pajević&nbsp;ein Überschuss – und darin, diesen Überschuss denken und erspüren zu können, besteht die ureigenste Natur des poetischen Denkens. </p>



<p>Dabei wird die Mehrdeutigkeit der Sprache nicht mehr als Mangel, sondern als Gewinn wahrgenommen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sprache im vollen Sinne ist also gerade ein poetischer Überschuss des Menschseins, in dem sich das Menschein erst konstituiert […].Es scheint auf in glückenden Momenten, im Kairos. In diesen Momenten gehen wir über das gesellschaftliche Funktionieren hinaus, mit diesem Überschuss erreichen wir Ganzheitlichkeit.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Denken des Zwischen</h3>



<p>Poetisches Denken und Sprachdenken als Lebenshaltung ist immer dialogisch – eine Lebenshaltung, die auf den Anderen verweist. Damit öffnet sich hier noch einmal eine Traditionslinie, die sich von Jacobi, Hamann und Feuerbach bis zu Buber, Rosenzweig und Eugen Rosenstock-Huessy ausgeprägt hat, um nur die Herausragendsten zu nennen. Es ist ein großes Verdienst des Buches, diese Traditionslinie des Sprachdenkens und des dialogischen Denkens erst einmal wieder ins Bewusstsein zu bringen, scheint sie doch im akademischen Leben so gut wie ausgestorben. </p>



<p>Besonders dicht präsentiert Pajević das Bubersche Denken als ein Denken des Zwischen, das sowohl das Ich wie das Du transzendiert. Dabei ginge es nicht mehr um eine objektiv-gültige Erkenntnis des Seins, sondern um das Gespräch als das Ereignis, in dem etwas neu entsteht. Ganz nach Hölderlin: „Das Gespräch, das wir sind“.</p>



<p>Pajević verknüpft diese beiden Traditionen – Sprachdenken und dialogisches Denken –, wobei keines von dem anderen zu trennen ist. Insofern ist das Buch <em>Poetisch denken: Jetzt</em> tatsächlich in erster Linie ein Manifest, um eine vernachlässigte, aber höchst relevante philosophische Tradition wieder in den Mittelpunkt eines Diskurses um die Bedingungen menschlichen Lebens zu rücken. Wenn man den Manifest-Charakter des Buches anerkennt, dann mag man auch die häufige Verwendung des Verbs „müssen“ als appellative Besonderheit des Textes verzeihen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Prozess der Sinnwerdung</h3>



<p>Im Kontrast dazu steht das durchgängig erscheinende Thema eines produktiven Nicht-Wissens, das im poetischen oder Sprachdenken jeweils neue Räume von Wahrnehmung und Weltbezug öffnet. Die Lektüre des&nbsp;Buches bedarf einer geduldigen Haltung, denn jeder Satz ist in der Fülle der Assoziationen und Querverweise ein kleines Universum für sich. So auch in einer der Zusammenfassungen dessen, was unter poetischem Denken zu verstehen sei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das Wesentliche an der Sprache ist nicht die Kommunikation von Gedachtem, sondern der unerklärbare Überschuss. Es ist der Prozess der Sinnwerdung, die Entstehung von etwas Neuem. Das poetische Denken ist also ein Sprachdenken, das selbst noch nicht weiß, was es zu kommunizieren gibt. Es ist ein zur Sprache-Kommen-lassen, ein Horchen auf etwas noch-nicht-Daseiendes […].</p></blockquote>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: von cirquedesprit, via <a>Adobe Stock</a><br></h6>



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Marko Pajević<br><strong>Poetisch denken: Jetzt</strong><br>Passagen Verlag 2022 · 128 Seiten · 17 Euro<br>ISBN: ‎ 978-3709205259<br></p>



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		<title>Empathie und Kontrolle</title>
		<link>https://tell-review.de/empathie-und-kontrolle/</link>
					<comments>https://tell-review.de/empathie-und-kontrolle/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Veniamin Itskovich]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Sep 2021 07:27:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gerald Knaus]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=103356</guid>

					<description><![CDATA[„Welche Grenzen brauchen wir“ fragt Gerald Knaus im Titel seines Sachbuchs über Migration. Der menschenwürdige Umgang mit Flüchtlingen stand nie im Fokus der Politik - obwohl es Lösungen gäbe, wie Knaus aufzeigt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Vor siebzig Jahren wurde die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet. Ihr Kernversprechen besteht im Gebot der Nichtzurückweisung aller Menschen, denen im Heimatland politische Verfolgung droht. Doch an die illegalen Pushbacks durch die libysche und griechische Küstenwache scheint sich die europäische Bevölkerung inzwischen ebenso gewöhnt zu haben wie an die fortwährende Hölle in den Lagern auf der Ägäis und an das Sterben im Mittelmeer.</p>



<p>Welche Zukunft kann das Abkommen angesichts der permanenten Verstöße in Europa noch haben? Dieser Frage geht der Migrationsforscher Gerald Knaus in <em>Welche Grenzen brauchen wir?</em> nach. Seit seinem Erscheinen im Herbst des vergangenen Jahrs hat das Buch nichts von seiner Aktualität eingebüßt.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fehlende Konzepte</h3>



<p>Knaus, den die Geschichte seiner eigenen Familie an die Themen Flucht und Asyl bindet, will mit seinem Buch eine „lösungsorientierte Debatte“ stiften im Hinblick auf die Grenz- und Migrationspolitik in Europa und anderswo. Er fragt, welche Möglichkeiten wir haben, die aktuellen Missstände in absehbarer Zeit zu verändern. Das internationale Asylsystem von heute in seinem ruinösen Zustand vergleicht er mit der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz: Noch hundert Jahre nach der Errichtung des Kirchenschiffs fehlte dem Bau das entscheidende Element, nämlich die Kuppel.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>So stand im Jahr 1400 das Schiff ihrer Kirche, doch bei jedem Unwetter regnete es auf den Hauptaltar. Wo eine Kuppel sein sollte, war ein Loch.</p></blockquote>



<p>Ebenso verhalte es sich mit dem internationalen System zum Schutz von Flüchtlingen: Zu seiner Fertigstellung mangle es weder an einem Bauplan (der besteht in der Genfer Flüchtlingskonvention) noch an tragenden Strukturen (Institutionen wie dem UNCHR und den nationalen Asylbehörden). Was fehlt, seien Konzepte und Mechanismen, die sicherstellen, dass das Asylsystem den Menschen tatsächlich Schutz gewähren kann, ohne populistischen Anstürmen ausgesetzt zu sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist mehrheitsfähig?</h3>



<p>In knapp fünfzig kompakten Kapiteln präsentiert Knaus zahlreiche Ideen, wie diese Aufgabe in naher Zukunft politisch angegangen werden könnte. Die Suche führt „von Westafrika bis Südostasien, vom Alpenrhein zur Oder, über die Ukraine und die Türkei nach Libyen und Marokko“, für Knaus gilt dabei fortwährend das Kriterium demokratischer Mehrheitsfähigkeit. Europäische Mehrheiten verlangen von der Politik sowohl einen humanen Umgang mit Schutzsuchenden als auch Kontrolle über Grenzen und Migrationsbewegungen, daher gelte es, politische Ideen zu erarbeiten, die beides verbinden: „Empathie <em>und </em>Kontrolle“.</p>



<p>Knaus präsentiert zahlreiche Vorschläge, die diesem Anspruch genügen sollen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Abkommen der EU mit nord- und westafrikanischen Ländern</li><li>eine Reorganisation der Seenotrettung</li><li>eine neue Einigung mit der Türkei</li><li>eine lösungsorientierte Kooperation europäischer Asylbehörden</li><li>„faire und schnelle“ Asylverfahren in Europa (die allerdings einen „Abschiebungsrealismus“ zur Bedingung hätten)</li><li>eine internationale Koalition, um die Neuansiedlung Schutzbedürftiger wiederzubeleben</li></ul>



<h3 class="wp-block-heading">Rückblick in die Geschichte</h3>



<p>Anschaulich stellt Knaus zentrale Episoden aus der modernen Geschichte von Flucht und Asyl dar, häufig anhand von Interviewmaterial und biografischen Einlassungen. Ein humaner Umgang mit Schutzsuchenden stand im vergangenen Jahrhundert selten im Fokus der Politik, das zeigten das brutale Grenzregime der Schweiz im zweiten Weltkrieg und der rassistische Umgang der französischen Regierung mit den algerischen Harkis in den 60ern ebenso wie die bis in die Gegenwart reichenden Pushbacks sowie Abschreckungslager vor den Küsten Australiens. </p>



<p>Als positives Beispiel nennt Knaus dagegen etwa das private Patenschaftssystem, das seit 1979 in Kanada für erhöhte Aufnahmequoten von Schutzsuchenden sorgt, trotz politischem Gegenwind. Daran hätten sich europäische Staaten ein Beispiel zu nehmen, um die Umsiedlung von Flüchtlingen aus Griechenland oder der Türkei im Rahmen von „Resettlement“ voranzubringen und zugleich die irreguläre Migration über die gefährlichen Meeresrouten zu verringern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Irreführende Rhetorik</h3>



<p>Energisch arbeitet sich Gerald Knaus an <em>idées reçues</em><em><strong> </strong></em>und Mythen zum Thema Grenzen, Flucht und Migration ab. Vehement kritisiert er etwa „die Angewohnheit, Flucht und Migration als Phänomene in der Sprache der Physik und Hydraulik zu beschreiben“. Diese Rhetorik sei nicht nur irreführend, sondern leugne auch die reale Verantwortung der Politik:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nicht technisches Unvermögen oder irgendein Naturgesetz der Migrationsphysik hält Regierungen davon ab, größere Migrationsbewegungen zu stoppen, sondern ihre Werte und die Interessen, die sie verfolgen.</p></blockquote>



<p>Kritisch wendet sich Knaus auch gegen die Vorstellung eines angeblichen „Migrationsdrucks“ aus armen Ländern:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Manche Europäer fürchten eine irreguläre Massenimmigration, die es nicht gibt, und sehen nicht, dass reguläre Mobilität aus Afrika nicht nur sehr gering ist, sondern seit einem Jahrzehnt zurückgeht.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Sterben im Mittelmeer</h3>



<p>Knaus, der seine Argumentation gerne mit Zahlentabellen untermauert, spricht hier von „apokalyptischen Migrationsmythen“. Dagegen setzt er sich für eine „faktengestützte“ Berichterstattung ein sowie für eine Migrationsforschung, die bei der Analyse von Fluchtursachen ins Detail geht und die Erfahrungen kleiner Gruppen anschaulich beschreibt. Prognosen für die nächsten Jahrzehnte seien von diesen Analysen allerdings nicht zu erwarten. &nbsp;Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Knaus mögliche Fluchtbewegungen in der Zukunft (etwa im Zusammenhang mit dem Klimawandel) nicht diskutiert.</p>



<p>Von zentraler Bedeutung ist für den Autor die Frage, wie das Sterben im Mittelmeer beendet werden kann. Seenotrettung allein reiche dafür nicht aus: Im Jahr 2016 ertranken mehr Menschen im Mittelmeer als je zuvor, obwohl durch die Kampagne „Mare Nostrum“ der italienischen Marine eine Rekordzahl Schiffbrüchiger in Sicherheit gebracht werden konnten. Sowohl die australische als auch die europäische Grenzpolitik sei Knaus zufolge in einem „Dilemma“ gefangen: zwischen dem Nichtstun angesichts des Sterbens auf dem Meer einerseits und „Abschreckungslagern“, wie sie an den europäischen Außengrenzen bestehen, andererseits. Schon 2016 sprach sich Sebastian Kurz dafür aus, Schutzsuchende „idealerweise auf einer Insel“ zu internieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Abschreckungspolitik</h3>



<p>Der von Knaus mitgestaltete EU-Türkei-Deal sollte eine dritte Möglichkeit schaffen. Der Autor analysiert, warum das Abkommen letztlich scheiterte und damit zur Überfüllung der ägäischen Lager führte sowie zu den unter den Augen der EU-Regierungen durchgeführten Pushbacks auf dem Meer.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die katastrophalen Bedingungen waren das Ergebnis der nie korrigierten Diskrepanz zwischen der Zahl der Ankommenden und der getroffenen Entscheidungen.</p></blockquote>



<p>So sei Europa auf die australische Option einer „gewollten“ Abschreckungspolitik an der griechisch-türkischen Grenze verfallen. Knaus plädiert für eine Wiederbelebung der Türkei-Vereinbarung, unter der Bedingung fairer und schneller Asylverfahren in Griechenland sowie einer Verbesserung des türkischen Systems durch Unterstützung von Seiten der EU.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das „Nächstmögliche“</h3>



<p>Gegen den Türkei-Deal gibt es verbreitete Einwände – dass Knaus diese kaum kritisch diskutiert, wirkt tendenziös, gerade angesichts seiner eigenen Beteiligung an dem Deal. In einem Satz verweist er zwar auf die „lange Tradition“ der Türkei, Asylsuchenden Aufenthalt zu gewähren, er geht aber an keiner Stelle auf die Tatsache ein, dass Geflüchtete in der Türkei rechtlich nur „temporären Schutz“ genießen und daher den Machtspielen der AKP-Regierung schutzlos ausgeliefert sind.&nbsp;</p>



<p>Knaus&#8216; Argumentation lässt einen mit solchen Fragen und Einwänden bisweilen allein, wohl auch weil sie zumeist in Erzählform vorgebracht wird. Trodzem liest man das Buch mit Gewinn: Neben zahlreichen Fakten erfährt man viel über die Geschichte von Flucht und Migration im 20. und 21. Jahrhundert. Der Migrationsforscher vermittelt einen Sinn für das „Nächstmögliche“: für das, was in naher Zukunft getan werden kann, um eine Kuppel für das internationale System zum Schutz von Flüchtlingen zu erbauen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20151030_Syrians_and_Iraq_refugees_arrive_at_Skala_Sykamias_Lesvos_Greece_2.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Flüchtlinge bei der Ankunft auf Lesbos (2016)</a> via <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Wikimedia Commons</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Gerald Knaus<br><strong>Welche Grenzen brauchen wir?</strong><br>Zwischen Empathie und Angst &#8211; Flucht, Migration und die Zukunft von Asyl<br>Piper 2020 · 336 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: ‎ 978-3492059886<br></p>



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</div></div></div> </div></div>
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		<title>Nachwirkungen eines vergessenen Kriegs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2020 08:38:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=97474</guid>

					<description><![CDATA[In seinem Buch "Der vergessene Sieg" zeigt Stephan Lehnstaedt die Folgen des Polnisch-Sowjetischen Kriegs von 1919 bis 1921: Um die damalige Staatenbildung in Osteuropa geht es dabei ebenso wie um die heutigen nationalistischen Tendenzen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">In den Wirren der sich auflösenden Monarchien Ost- und Mitteleuropas begann im Jahr 1919 der Polnisch-Sowjetische Krieg. Sein Ausgang 1921 hat die weitere Entwicklung Osteuropas entscheidend geprägt. Doch im Westen sehen ihn viele als Fußnote.</p>



<p>Über diese Fußnote hat der Historiker Stephan Lehnstaedt nun ein schmales, aber wichtiges Buch verfasst. Im Norden zog sich dieser vergessene Krieg bis ins Baltikum, im Süden bis weit in die Ukraine. Dass die Frage nach einer ukrainischen Nation danach siebzig Jahre lang nicht mehr auf der Tagesordnung stand, ist ein Ergebnis dieses Kriegs, denn über die nationalen Bedürfnisse der ukrainischen Bevölkerung hatte der Sozialismus gesiegt. Damit ist einer der zentralen Gedanken des Buches angedeutet: die Frage nach dem Motiv der Staatenbildung. Nationalismus oder Sozialismus – diese beiden Prinzipien prallen direkt aufeinander, wenn man die Folgen dieses Kriegs analysiert. </p>



<p>Lehnstaedt schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das eigene Vaterland war den meisten Osteuropäern ausgangs des 19. Jahrhunderts eine geliebte Idee – aber keine, mit der sie auf einen eigenen Nationalstaat hoffen konnten. Zu fest saßen die Kaiser in Wien, St. Petersburg und Berlin auf ihren Thronen.</p></blockquote>



<p>Das änderte sich mit dem Ende der Monarchien. Zunächst kam der Sozialismus nicht gegen die enormen Bindekräfte nationaler Identitäten an, das war dem sowjetischen Politkommissar der Südfront, Josef Stalin, klar. Lenin und Trotzki dagegen wollten mit der Roten Armee den Sozialismus über Polen nach Westen tragen. </p>



<p>Ein verheerendes Vorhaben, wie Lehnstaedt resümiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Mit Blick auf den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts lässt sich wohl sagen, dass es eine ganz und gar kontraproduktive Entscheidung war, denn kaum je wurden Sympathien für den Sozialismus so gründlich bereits in ihren Ansätzen erstickt.</p></blockquote>



<p>Auch aus dieser Erfahrung
heraus entwickelt Stalin später das Konzept des „Sozialismus in einem Land“,
was wiederum die Voraussetzung dafür war, dass er den Zweiten Weltkrieg als den
„Vaterländischen Krieg“ im kollektiven Gedächtnis der Sowjetunion verankern
konnte.</p>



<p>Ausführlich thematisiert Lehnstaedt die Leiden der Zivilbevölkerung, besonders die der Juden im Kriegsgebiet. Beide Seiten verübten Pogrome, allerdings begingen die polnischen Truppen dabei die größeren Verbrechen. Die Ursache dafür sieht Lehnstaedt in den Nationalbewegungen, dem Traum von ethnisch homogenen Staaten – „in denen für Juden kein Platz mehr war“. </p>



<p>Daraus folgte fast
zwangsläufig eine gewisse Sympathie der osteuropäischen Juden für den
Sozialismus.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Attraktivität des Kommunismus als internationale, nicht religiöse Ideologie für Juden bestand nun gerade im Gegensatz zu den Nationalbewegungen, die die Juden ausschlossen.</p></blockquote>



<p>Viele Juden, die in den Kampfgebieten der Ukraine und den Masuren lebten, sprachen überdies russisch, aber nicht polnisch. Dies mag ebenfalls zur Attraktivität des Kommunismus beigetragen haben – obwohl auch die Sowjetunion antisemitisch agierte. </p>



<p>Lehnstaedt fasst die Auswirkungen dieses Krieges in seinem Buch gut zusammen. Sie reichen von den stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion und ihrer Militärstrategie im Zweiten Weltkrieg bis zur heutigen Identitätsfindung der Ukraine, ja bis zu den nationalistischen Tendenzen in Polen und bei den Identitären im Westen. </p>



<p>Im August 1920 gelang es Polen, die Rote Armee zurückzuschlagen – dieses „Wunder an der Weichsel“ war für Polen in der Zwischenkriegszeit identitätsstiftend. Es war Anlass für die Erinnerung an 1683, als Jan Sobieski den entscheidenden Schlag gegen die Türken vor Wien geführt hatte, denn mit dem Sieg über die Rote Armee konnte sich Polen ein weiteres Mal als Retter Europas vor einer Invasion aus dem Osten feiern lassen. </p>



<p>Seit dem Ende des Sozialismus wird nun dieser unterdrückte Mythos reaktiviert. Die Dritte Polnische Republik nach 1989 knüpfte identitätspolitisch an die Zweite Polnische Republik von 1919 bis 1939 an. Allerdings zeigt sich in den polnischen Populisten um PIS auch die aggressive, ausschließende Variante dieser identitätspolitischen Volte: Wer auf einen Mythos rekurriert, wendet sich dabei oft gegen jene Menschen, die in diesem Mythos nicht vorkommen. </p>



<p>Und so darf man sich nicht darüber wundern, dass Polens zweimalige „Abendlandsrettung“ sich auch in den Köpfen der europäischen Identitären und bei PEGIDA wiederfindet. Auch hier ist die Jahreszahl 1683 präsent, ähnlich wie der Kampf der Spartaner am Thermopylen-Pass. Gemeint ist freilich mit dieser „Rettung“ nichts anderes als die Abwehr derjenigen, die vermeintlich nicht zu Europa gehören sollen. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Polnische Truppen in Kiew 1920, <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Polish_troops_in_Kiev.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Stephan Lehnstädt<br><strong>Der vergessene Sieg </strong><br>Der Polnisch-Sowjetische Krieg 1919-1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa<br>Verlag C. H. Beck 2019 · 217 Seiten · 14,95 Euro<br>ISBN:  9783406740220 </p>



<p></p>



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		<title>Der größte Prokrastinator der Nachkriegsliteratur</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jan Süselbeck]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Sep 2019 10:49:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Nachkriegsliteratur]]></category>
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					<description><![CDATA[Wolfgang Koeppens Gespräche und Interviews sind eine faszinierende Lektüre. Sie zeugen von dem großen autobiografischen Roman, den der zaudernde Schriftsteller nie geschrieben hat.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Es gibt gute Gründe dafür, sich den jüngsten Band von Wolfgang Koeppens Werkausgabe vorzunehmen, der die <em>Gespräche und Interviews </em>des Nachkriegsautors versammelt. Hier spricht ein Zeitzeuge des „Dritten Reiches“, dessen Vita in vielerlei Hinsicht besonders verlief und nach wie vor Fragen aufwirft. Die unglückliche Liebe zu der Schauspielerin Sybille Schloß etwa, die in Koeppens Debütroman von 1934 fiktionalisiert wurde, war ein früher Faktor für den melancholischen Grundton seines Werks. Der jüdische Vater von Sybille Schloß wurde später in Auschwitz ermordet, ihre deutsche Mutter, die sich nicht von ihrem Mann trennen wollte, kam im KZ Ravensbrück um. Doch die unmittelbare Bedrohung der jungen Frau durch den nationalsozialistischen Antisemitismus stand für Koeppen nicht im Vordergrund, im Gegenteil: In seinen Interview-Erinnerungen aus der Nachkriegszeit wird die Vorgeschichte dieses Grauens oft seltsam beiläufig erzählt. Die Schauspielerin war zur Zeit der Weimarer Republik in Berlin zunächst ein erfolgreiches Fotomodell, bis sie 1933 ein erstes Engagement an den Münchner Kammerspielen bekam. Vor ihrer Emigration nach New York tourte sie mit Therese Giehses und Erika Manns Kabarett <em>Die Pfeffermühle </em>durch die Nachbarländer Nazideutschlands.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entlastende Selbstinszenierung</h3>



<p>Im Jahr 1988 erzählt Koeppen der Münchner Abendzeitung in einem Interview von seinem Besuch einer Vorstellung der <em>Pfeffermühle </em>in der ‚Stadt der Bewegung‘, exakt am Tag von Adolf Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933. München sei damals „friedlich“ gewesen, ein unnahbarer Thomas Mann habe der Premiere seiner Tochter beigewohnt – und manch einer habe seinerzeit sogar noch geglaubt, mit Hitler sei es schon wieder vorbei. Der junge Journalist Koeppen war hingerissen von der selbstbewussten Sybille Schloß. Mit &nbsp;einem neckischen Telegramm hatte sie ihn zur Premiere eingeladen: „L.W. Du mußt umgehend hier erscheinen, die Pfeffermühle ansehen, und mir etwas dichten fürs Februarprogramm. [&#8230;] Dalli dalli deine Sybille.“ Bedeutend für Koeppen war an der Geschichte offenbar auch in den 1980er Jahren immer noch eher die Tatsache, dass Sybille Schloß ihm nach der Theatereinladung dann doch einen Korb gab und schließlich an der Seite eines anderen Mannes nach Amerika floh. Damals gestand Koeppen Marcel Reich-Ranicki, er erkenne sich in Gustave Flauberts Bonmot wieder: „Ein Schriftsteller hat sich entwickelt und ist ein Schriftsteller geworden durch das Mädchen, das er nicht bekommen hat.“</p>



<p>Koeppen arbeitete zu Beginn des „Dritten Reichs“ noch beim Berliner Börsen-Courier. Das war damals eine überaus angesehene Tageszeitung. Laut Koeppen war das Blatt in seinem Wirtschaftsteil „hochkapitalistisch“, während das Feuilleton „kulturbolschewistisch“ gewesen sei. Die von den Nazis als „Judenblatt“ eingestufte Zeitung wurde bereits im Dezember 1933 verboten. Nach dem jähen Ende seiner Journalistenkarriere verbrachte der mittellose Bohemien Koeppen einige Jahre im niederländischen Exil, von 1935 bis Kriegsbeginn lebte er auf Kosten eines befreundeten jüdischen Exilanten-Ehepaars in Den Haag. Kurz vor Kriegsbeginn ging er zurück nach Deutschland, um dort ein Auskommen zu finden. Das war, Koeppen zufolge, ein riskanter Schritt. Tatsächlich gelang es dem Autor jedoch, die Kriegsjahre ohne propagandistische Zwangsschulungen für zurückgekehrte Exilanten oder gar eine Einberufung an die Front relativ unbeschadet zu überstehen. Zeitlebens reklamierte er für sich, niemals ernsthaft mit den Nazis kooperiert zu haben. </p>



<p>Der
vorliegende Band der Werkausgabe erlaubt es, diese entlastende Selbstinszenierung
des Autors genauer zu betrachten. Was genau verrät Koeppen in seinen Interviews
über diese Zeit? Verstrickt er sich in Widersprüche? Verheimlicht er etwas?</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Ein Leben lang an einem Buch schreiben“</h3>



<p>Koeppen konnte
seine Maske im Interview plötzlich fallen lassen und somit bis dato unbekannte Bruchstücke
seiner Biografie preisgeben. Manche Stellen in diesem Buch gleichen grandiosen
Romanszenen, die der Autor niemals irgendwo anders festgehalten hat. So eröffnete
Koeppen dem verblüfften Marcel Reich-Ranicki, dass ihn die Amerikaner bei Kriegsende
zum Feldafinger Polizeichef ernannt hätten. In dieser Rolle habe er mit einer
Maschinenpistole in einem nahen Wald um eine ehemalige „Nationalpolitische Lehranstalt“
der Nazis auf „Menschenjagd“ gehen müssen, dabei aber als Laie versucht, „den
Lauf der Waffe irgendwie hochzuhalten, auf dass ich ja keinen treffen konnte“.
Sein zwielichtiger Boss habe damals vorgegeben, ein holländischer Alliierter
der US-Truppen zu sein. Doch als der Ex-Exilant und zeitweise Wahl-Holländer Koeppen
mit ihm auf Niederländisch reden wollte, zeigte sich, dass der Mann dieser
Sprache gar nicht mächtig war. Mit dieser unbeabsichtigten Enttarnung seines Vorgesetzten
war das Engagement des Schriftstellers auch schon wieder beendet.</p>



<p>Es ist
anzunehmen, dass Koeppen solche bizarren Anekdoten in den Interviews nicht ohne
Flunkereien und nachträgliche Beschönigungen erzählt. Gerade diese schillernden
Stellen wirken wie Szenen aus jenem ungeschriebenen Opus
Magnum, von dem Koeppen selbst frühzeitig
annahm, niemand werde es jemals zu Gesicht bekommen. Es sei denkbar, „ein Leben
lang an einem Buch zu schreiben“. Dabei handele es sich für ihn um einen Alp-
und einen Wunschtraum zugleich, und „es bekäme keiner zu lesen!“, so Koeppen
1971 in einer verschmitzten „Selbstanzeige“, die in dem Band abgedruckt ist.</p>



<p>Diese ambivalente
Bemerkung lässt sich als unverblümte Beschreibung von Koeppens prekärer
Autorschaft lesen. Laut Thomas Mann ist ein Schriftsteller jemand, dem das
Schreiben schwerer fällt als anderen Leuten. Mehr noch, als auf den effizient
arbeitenden Nobelpreisträger selbst, der täglich eine Seite schrieb, passt
dieser Steckbrief auf Wolfgang Koeppen, den größten Prokrastinator der
Nachkriegsliteratur. Setzte sich dieser Zauderer jedoch einmal an seine
Schreibmaschine und begann mit nur einem Finger zu tippen, so seine
Arbeitsmethode, entstanden hinreißende Texte. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Stoff für kommende #MeToo-Debatten</h3>



<p>Koeppens Werkstattgespräche
regen dazu an, sich seine literarhistorische und ästhetische Positionierung im
Literaturbetrieb der Nachkriegszeit noch einmal ganz neu vor Augen zu halten. So
wird etwa Arno Schmidt in diesem Band auffallend häufig genannt. Wie der betont
avantgardistische und nonkonformistische Nachkriegskollege war auch Koeppen ein
radikaler Solitär. Wie für Schmidt war zudem für Koeppen der Expressionismus
die Initialzündung für seine Lese- und Autorbiografie. Und genau wie Schmidt
schätzte auch Koeppen Alfred Döblin und James Joyce über alles. Die
internationale klassische Moderne war seine Inspiration, von Marcel Proust über
Gertrude Stein und John Dos Passos bis hin zum <em>Ulysses</em> von Joyce, den
Koeppen bereits 1927 gelesen haben will.</p>



<p>Diese
Aspekte seines Schaffens sind schon lange bekannt. Weniger betrachtet wurde
jedoch bisher Koeppens sexuelle Vorliebe für junge Mädchen, die in den
ungekürzten Interviewtexten der Ausgabe deutlicher denn je aufscheint. Zu
Zeiten von #MeToo und der Missbrauchs-Skandale
um Donald Trump, Harvey Weinstein und Jeffrey Epstein – im Weiteren auch den
Debatten um Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ oder zuletzt Johann Wolfgang
Goethes „Heidenröslein“ – ist es befremdlich zu sehen, wie wenig kritisch die Journalisten
bis in die 90er Jahre hinein mit diesem heiklen Thema umgingen. Koeppens
erotische Obsession spiegelte sich nicht nur in seiner frühen Liebe zu Sybille
Schloß und seiner schwierigen späteren Ehe: Koeppens Frau Marion war erst sechzehn
Jahre alt, als er sie bei Kriegsende kennenlernte; in den folgenden Jahrzehnten
trank sie sich systematisch zu Tode. Bereits in seiner Exilzeit in Den Haag
scheint es bei Koeppen weitere Beziehungen dieser Art gegeben zu haben. So wird
im Kommentar der Interview-Werkausgabe „eine offenbar sehr junge namentlich
nicht genannte Frau“ erwähnt, „wie ein Kind von Renoir gemalt“.</p>



<p>Noch mit 85
Jahren prahlt Koeppen gegenüber einer Wiener Zeitung mit einer 19-jährigen
Geliebten, die ihn als Abiturientin wegen einiger Fragen zu seinem Werk kontaktiert
habe, um ihm bald darauf einen Heiratsantrag zu machen: „Als wir das erste Mal
beieinanderlagen, hat sie mich gefragt, ob ich sie heiraten will. Ich habe ganz
entsetzt mich von ihr abgewandt und dachte, sie ist verrückt geworden. Was
wiederum das Mädchen schockiert hat.“ Darauf wird Koeppen noch grundsätzlicher:
„Ich interessiere mich nicht für junge Mädchen, ich liebe junge Mädchen“, offenbart
er seinem Interviewpartner schließlich bei ausgeschaltetem Mikrophon, wie man nun
im Anhang dieser Ausgabe nachlesen kann. Wie bei Arno Schmidt oder auch
Vladimir Nabokov fand diese Kindfrau-Faszination in Koeppens Werk vielfach
Niederschlag, doch der Interview-Band lässt diese Neigung in einem neuen,
fragwürdigeren Licht erscheinen. Die Interviewer verhielten sich angesichts
solcher Enthüllungen jedoch eher diskret, um die Publikation ihrer Arbeit nicht
zu gefährden. In der Regel verlangte Koeppen vor der Veröffentlichung der
Interviews die Streichung solch unbedachter persönlicher Geständnisse. Im
vorliegenden Band kann man sich nun erstmals gebündelt damit auseinandersetzen.
Künftige gendertheoretische Studien zum Werk Koeppens sollten sich diese Quellensammlung
vornehmen und, zusammen mit dem 2008 posthum erschienenen Briefwechsel zwischen
dem Autor und seiner alkoholkranken Frau Marion, zu einer Neubewertung des
literarischen Œuvres mit heranziehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">&#8222;Ich war immer ein Außenseiter&#8220;</h3>



<p>Wie Arno Schmidt
hatte auch Wolfgang Koeppen ein schwieriges Verhältnis zur Öffentlichkeit. Obwohl
er damit hätte Geld verdienen können, weigerte er sich genauso standfest wie
sein zurückgezogen lebender Bargfelder Kollege, auf Lesereisen zu gehen. Wie
Schmidt vermied er sogar einen Auftritt in der Gruppe 47, jenem monopolistischen und renommierten
Literaturforum nach 1945: Seine literarischen Entwürfe vor einem Star-Aufgebot
deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller öffentlich diskutieren zu
lassen, kam für Koeppen nicht in Frage. „Ich war kein Gemeinschaftsmensch, ich
war kein Team-Arbeiter; ich war immer ein Außenseiter, absolut gegen eine
Gemeinschaft“, konstatierte er 1975 im Interview mit Heinz Ludwig Arnold. Mit
einem Zitat von Thomas Bernhard, dem zentralen österreichischen Einzelgänger
des 20. Jahrhunderts, der in Koeppens Interviews ebenfalls häufiger auftaucht, betont
der Autor, dass „das Alleinsein, das Abgeschnittensein, das Nichtdabeisein“
seine Schule gewesen sei.</p>



<p>Blickt man zurück
auf das Jahr 1959, so war Koeppens
Literatur damals derjenigen seiner bis heute viel gelobten Kollegen formal weit
überlegen. Laut Hans Magnus Enzensberger erreichte die deutschsprachige
Nachkriegsliteratur in dieser Zeit mit Romanen wie Günter Grass‘ <em>Blechtrommel </em>das ästhetische
„Klassenziel der Weltkultur“. Dass Koeppen hier eine Vorbildfunktion hatte, wird
deutlich, wenn man sich Heinrich Bölls 1959 erschienenen Roman <em>Billard um halbzehn </em>vornimmt, der als
eines der Hauptwerke dieser angeblichen literaturgeschichtlichen Zäsur zum Ende
der 50er Jahre gilt. Dabei handelt es sich um eine überaus bemüht konstruierte
Familiengeschichte über die frömmelnde Miefigkeit sowie die Rehabilitation
nationalsozialistischer Täter in der frühen Nachkriegsphase der BRD. Bölls kurzer,
aber äußerst zäh zu lesender Roman ist von einer schockierenden sprachlichen
Dürftigkeit. Zugleich hat er eine auffallend verschachtelte Struktur, die auf
frappierende Weise an Koeppens zuvor erschienene Romane der 50er Jahre erinnert.
Die Form des Textes gleicht einer filmischen Schnitttechnik, und der Leser ist
dazu gezwungen, den permanenten Wechsel der Erzählperspektive anhand kontextueller
Details oder kursiv gesetzter Leitmotive selbst zu identifizieren und sie dann kreativ
zu einer kohärenten Geschichte zusammenzusetzen. Beobachtet man genauer, wie
plump Böll diese Schreibweise im Vergleich zu Koeppen einsetzt, so wird
deutlich, wie einflussreich und wie unerreicht dessen frühes Nackriegswerk
tatsächlich war.</p>



<p>Koeppens zwischen 1951 und 1954 verblüffend zügig realisierte und von der zeitgenössischen Kritik in ihrer Bedeutung zunächst unterschätzte Roman-Trilogie <em>Tauben im Gras</em>, <em>Das Treibhaus </em>und <em>Tod in Rom </em>gehört längst zum Kanon. In seinen Interviews weist Koeppen immer wieder daraufhin, dass sein Kollege Günter Grass seinerzeit bemerkt habe, <em>Tauben im Gras</em> sei für die Zeitgenossen einfach „zu früh“ erschienen und daher lange verkannt geblieben. Wer heute über die deutschsprachige Nachkriegsliteratur mitreden möchte, kommt an diesen mosaikartigen, mit geradezu mathematischer Präzision komponierten Prosawerken ebenso wenig vorbei wie an Koeppens eleganten Radio-Essays, die auf Anregung Alfred Anderschs für den Süddeutschen Rundfunk realisiert wurden. Von 1958 bis 1961 verfasste Koeppen diese ausgesprochen komplex gestalteten Reiseberichte aus Russland, Amerika und weiteren Ländern. Sie sind seinem Romanwerk stilistisch sehr ähnlich und keinesfalls, wie zeitgenössische Kritiker oft meinten, als ästhetischer Rückschritt einzuschätzen. Koeppens Interviews sind voller persönlicher Rückblicke auf diese wichtige Schaffensphase und geben Aufschluss über die Arbeitsweise und die Poetologie dieses einzigartigen Autors.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Autor ohne Werk</h3>



<p>Während Koeppen in den 50er Jahren zu einer Art Geheimtipp der deutschsprachigen Metaliteratur avancierte, begann in den frühen 60ern das große Verstummen. Das Leiden an seiner Schreibhemmung avancierte für den Autor zum zentralen Motiv seiner Selbstdarstellung. Koeppen fühlte sich zusehends wie ein Eulenspiegel, dem mitten auf dem Seil auffällt, dass er gar nicht balancieren kann. Dies bedeutete keinesfalls, dass er nichts mehr schrieb. Allerdings wurde er damit einfach nicht mehr fertig. Wie die <em><a href="http://www.koeppen-jugend.de/textgenese/sequenz/1" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Textgenetische Edition seines späten Fragments „Jugend“ (opens in a new tab)">Textgenetische Edition </a></em><a href="http://www.koeppen-jugend.de/textgenese/sequenz/1" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Textgenetische Edition seines späten Fragments „Jugend“ (opens in a new tab)">seines späten Fragments „Jugend“</a> (1976) eindrucksvoll dokumentiert, konnte er in diesem Zustand extremer Selbstzweifel viele Jahre damit verbringen, die ersten Sätze eines geplanten Romans immer wieder neu zu formulieren und aus Unzufriedenheit abermals zu verwerfen. Meist verlor er irgendwann das Interesse und gab seine Projekte ganz auf.</p>



<p>Dieser
„Fall“, wie ihn sein Förderer Marcel Reich-Ranicki bereits Anfang der 1960er
Jahre besorgt nannte, ist in der deutschen Literaturgeschichte einzigartig. Seit
dieser Zeit vermochte Koeppen keines seiner immer wieder neu annoncierten
Romanprojekte mehr abzuschließen. Dabei hatte er allerdings Glück im Unglück,
wie die Interviews deutlich machen: Wenn er auch prekär lebte und etwa keine
Krankenkasse hatte, wurde dieser ,Autor ohne Werk‘ lange Jahre von Siegfried
Unselds Suhrkamp Verlag
finanziell über Wasser gehalten – eine geradezu paradiesische Dauerförderung,
von der heutige Autorinnen und Autoren im Literaturbetrieb nur träumen können. Die
verlegerischen Erträge dieses Abkommens blieben karg. Bis zu seinem Tod im Jahr
1996 brachte Koeppen außer sporadischen Zeitungsartikeln,
Wiederveröffentlichungen alter Werke und der betörenden Talentprobe <em>Jugend</em>
kaum noch etwas Nennenswertes zustande.</p>



<h3 class="wp-block-heading">An der Kette seines Lebens</h3>



<p>Bleiben
also die vorliegenden Interviews, in denen sich Koeppen über Jahrzehnte immer
wieder genötigt sah, Wasserstandsmeldungen über das angeblich bald fertige
nächste Romanprojekt abzugeben und bohrende Fragen zu seiner Zeitzeugenschaft in
Krieg und Nachkrieg zu beantworten. Seine schalkhaften Selbstdarstellungen zeigen
auf paradigmatische Weise den Alltag, die Arbeitsformen und die schwierige
Existenz eines modernen deutschen Schriftstellers im 20. Jahrhundert. Man kann
auf diesen 770 Seiten geradezu in Zeitlupe mitverfolgen, wie Koeppen seine
Biografie über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu konstruiert, durch Legenden
und romanhafte Erinnerungsszenen ergänzt, verrätselt und verschleiert, um sie
den jeweiligen ethischen Anforderungen der Gegenwart anzupassen. Die Interviews
als letztes verbleibendes Experimentierfeld für autobiografische
Selbstdarstellungen in der Öffentlichkeit zeugen nicht zuletzt von dem offensichtlich
immer drängender werdenden Problem dieses Autors, in seinen geplanten Werken mit
der eigenen Rolle im Nationalsozialismus fertig zu werden. Schließlich war er
kurz vor Kriegsbeginn von den Niederlanden aus keineswegs weiter nach Amerika
geflohen, sondern reumütig ins „Dritte Reich“ zurückgekehrt. Angesichts dieser
Tatsache sind seine Interviews als wichtige Quellen zur Literaturgeschichte des
„Dritten Reiches“ und ihrer Folgen einzustufen. </p>



<p>Die
gigantische Publikationshemmung, die ihn schließlich weitgehend verstummen
ließ, hing wohl zu allererst mit unausgesprochenen, jedoch im Innern lauernden Schuldgefühlen
zusammen, die aus diesem Lebensabschnitt folgten. Wie die Interviews nahelegen,
hatten sie ihren Ursprung in Koeppens jahrelangem Mitläufer-Verhalten im
„Dritten Reich“.</p>



<p>In einem seiner Interviews äußert der Autor, ein Schriftsteller liege „an der Kette seines Lebens“. Zugleich orakelt er in der ihm eigenen Vagheit, kein Buch von ihm sei autobiografisch, doch ebenso sei keines nicht autobiografisch. Genau hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis von Koeppens immer beredter werdendem Schweigen seit den frühen 60er Jahren: Was zum Versiegen seiner literarischer Schaffenskraft führte, waren bewusste oder unbewusste Zweifel an der Möglichkeit einer moralisch und literarisch präsentablen Darstellung der eigenen Biografie vor 1945. Koeppens wachsende Skepsis gegenüber einer adäquaten Vermittlung seiner angeblichen Haltung als bloßer Beobachter oder Zuschauer im „Dritten Reich“ machten dem Autor das Schreiben schließlich unmöglich. Es bestand zuletzt nur noch in der Interview-Ankündigung niemals ernsthaft begonnener Luftschloss-Projekte, die so mediokre Phantasietitel trugen wie der 1987 im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erwähnte Roman <em>Bismarck oder All unsere Tränen</em>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebenslügen und Schutzbehauptungen</h3>



<p>Noch
problematischer sind die Ungereimtheiten und Widersprüche, die der Herausgeber
Hans-Ulrich Treichel in seinem Kommentar herausarbeitet. Eine geharnischte zeitgenössische
Kritik an seinem Erstling <em>Eine unglückliche Liebe</em> etwa bauschte Koeppen zu
einer öffentlichen Androhung einer Inhaftierung in einem NS-„Arbeitslager“ auf.
Der regimetreue Rezensent hatte 1934 im Wortlaut vermerkt, „schwächliche
Kreaturen“ wie die Figuren dieses Romans gäben ihm Anlass, dem Autor „Arbeitsdienst“
zu wünschen. Wie man nun nachlesen kann, reifte diese Anekdote schnell zu einer
veritablen Lebenslüge heran. Ohne, dass in dem von Koeppen immer wieder
triumphierend hochgehaltenen Nazi-Verriss davon die Rede gewesen wäre, stellte sich
der Autor wiederholt in eine Reihe mit Thomas Mann, Heinrich Mann und Alfred
Döblin – Autoren, die im „Dritten Reich“ tatsächlich verfolgt wurden und deren
Werk Koeppen, aus Sicht des NS-Kritikers, im „Dritten Reich“ verbotenerweise habe
fortführen wollen. </p>



<p>Im Weiteren
verstören Koeppens widersprüchliche Angaben zu seiner Rolle als
Drehbuchbearbeiter im nationalsozialistischen München. Nach seiner Rückkehr aus
Holland im Jahr 1939 arbeitete er für die NS-Filmindustrie. Über Jahrzehnte
hinweg wiederholte der Autor, er habe sich bloß „untergestellt“. Welcher Natur
dieses Engagement allerdings genau war, bleibt in den Interviews unklar. Die in
den Texten wiederkehrenden Schutzbehauptungen vermögen jedenfalls kaum zu
überzeugen. Wie sollte es Koeppen möglich gewesen sein, als Angestellter dieser
selbst noch gegen Ende des Krieges florierenden Propagandamaschinerie ohne jede
ernsthafte Mitarbeit über Jahre hinweg mehr Geld zu verdienen, als er ausgeben
konnte? Während sich andere mit Lebensmittelmarken über Wasser hielten, logierte
Koeppen, ähnlich wie der noble Protagonist in Takis Würgers missratener NS-Geschichtsfiktion
<a href="https://tell-review.de/stella-eine-erbauliche-geschichte/"><em>Stella</em></a> (2019),
mondän in einem Münchner Hotel und unterhielt nebenbei auch noch eine möblierte
Wohnung in Berlin. Der Autor gab an, während dieser Zeit kein einziges
verwertbares Filmskript abgeliefert zu haben. Damit konstruierte er die wenig
glaubhafte Legende einer gewieften Sabotage der NS-Unterhaltungsindustrie durch
partielle Arbeitsverweigerung, die er sich von seinen regimetreuen Vorgesetzten
auch noch fürstlich entlohnen ließ.</p>



<p>Diese abenteuerliche
Geschichte erzählt Koeppen in seinen Interviews immer wieder: Er habe vor Ort gerade
so viel geleistet, dass man ihn für talentiert genug hielt, um ihn
weiterzubeschäftigen. Seine Drehbuchentwürfe habe er dabei so gewieft austariert,
dass sie letztlich nicht verwendbar gewesen seien. Irgendwann sei ihm jedoch
ein Produzent auf die Schliche gekommen, woraufhin Koeppen umgehend „untergetaucht“
sei. Diese Ungereimtheiten sind von der Kritik und der Literaturwissenschaft
schon seit Längerem ins Auge gefasst worden. Unter anderem hat der Siegener
Literaturwissenschaftler Jörg Döring, einer der Mitherausgeber der
Koeppen-Werkausgabe, seit den 1990er Jahren genauere Recherchen zu Koeppens
Verhalten im Nationalsozialismus <a href="https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22099#_ftnref6">angestellt</a>. Wie Döring herausgefunden hat, wurden tatsächlich
mehrere Filmprojekte, an denen Koeppen als Drehbuchautor beteiligt war, auch realisiert.
</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Schreibmaschine im Hotelkeller</h3>



<p>Nicht
zuletzt behauptete Koeppen, er habe das Kriegsende in einem Hotelkeller bei
München überlebt, ausschließlich beim Verzehr roher Kartoffeln. Diese
Leidenszeit überblendet Koeppen zum Ende seines Lebens hin zusehends mit Jakob
Littners Shoah-Überlebensbericht <em>Aufzeichnungen
aus einem Erdloch</em>. Koeppen
hatte die Memoiren 1948 als Ghostwriter überarbeitet und 1992 sogar unter
seinem eigenem Namen wiederveröffentlicht: „Da wurde es meine Geschichte“, schreibt
er in seinem Vorwort zur damaligen Neuauflage im Suhrkamp Verlag. Bei genauerer
Durchsicht seiner betreffenden Interviewaussagen stellt man allerdings fest,
dass sich diese Leidenszeit im Hotelkeller mit den Jahren immer weiter verkürzt.
Koeppens schleichende Identifikation mit einem Holocaust-Opfer wie Littner
spottet jeder Beschreibung. In Wahrheit scheint der ‚untergestellte‘ NS-Drehbuchautor
aufgrund eines stillschweigenden Abkommens mit dem Direktor des Hotels über
weite Strecken in besten Verhältnissen gelebt zu haben. Koeppen berichtet in seinem
Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki unter anderem, dass die französischen
Soldaten, die bei Kriegsende zuerst in Feldafing eintrafen, aus seinem Kellerversteck
seine Schreibmaschine sowie eine Flasche Wein konfiszierten. In dem gleichen
Haus hatte Koeppen zuvor unter eher mondän klingenden Umständen seine
Teenager-Liebe Marion kennengelernt, die dort mit ihren angeblich insgeheim regimekritischen
Nazi-Eltern verkehrte. In einem Interview mit Volker Wehdeking berichtete
Koeppen 1989 über diese Treffen, Marions Vater sei vor Kriegsende immer zum
Abendessen ins Feldafinger Hotel gefahren gekommen, in Uniform, als Münchner
Oberst der Abwehr und als NSDAP-Mitglied, „aber er war kein Nazi. So etwas gibt
es, wenn es auch unglaublich wirkte“. Zumindest der Hotel-Inhaber war jedoch ein
überzeugter Nationalsozialist, konnte den untergetauchten Propagandafilm-Autor
aus Gründen des Selbstschutzes offenbar nicht denunzieren und gewährte ihm bis
Kriegsende Obdach.</p>



<p>All diese vielfältigen
Verstrickungen werden nirgends so deutlich wie in dem langen, rückblickend geradezu
abgründigen TV-Interview, das Koeppen Mitte der 1980er Jahre dem
Shoah-Überlebenden Marcel Reich-Ranicki gegeben hat. Koeppen stellt sich hier
zum Schluss selbst einen Persilschein aus. Es sei seine größte Leistung
gewesen, das „Dritte Reich“ mit einer weißen Weste überstanden zu haben: „Das
möchte ich betonen. Ich habe mich nicht beschmutzt.“ </p>



<h3 class="wp-block-heading">Kontinuitäten und Zusammenhänge</h3>



<p>Wie
sonderbar diese Selbstvergewisserungen gegenüber dem jüdischen Interviewer
geklungen haben müssen, lässt sich kaum ausdrücken. Marcel Reich-Ranicki hatte zur
Zeit des „Dritten Reiches“ kein privilegiertes Leben in der
NS-Propagandaindustrie geführt. Stattdessen hatte er das Warschauer Ghetto
überlebt und hilflos mitansehen müssen, wie seine Eltern in das
Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden. Liest man dieses TV-Gespräch heute,
sind Koeppens Lamentos nur noch schwer erträglich. Als wisse er nicht, wen er
vor sich hat, klagt der passionierte Gourmet dort abermals weinerlich über die
rohen Kartoffeln, die er zum Ende des Krieges in Feldafing habe essen müssen:
„Es war schrecklich.“</p>



<p>Reich-Ranickis
Zurückhaltung gegenüber diesen deutschen Klagen ist atemberaubend. Er kommentiert
Koeppens Selbstdarstellungen mit keinem einzigen kritischen Wort. Auch dies ist
eine faszinierende Facette des Bandes. Denn von Belang ist nicht nur, wie
Koeppen sich in diesen Interviews selbst darstellte. Wichtiger noch für die kommende
Literaturgeschichtsschreibung ist die Frage, aufgrund welcher Weichenstellungen
und stillschweigenden Übereinkünfte Koeppens Werk seit den 1950er Jahren im
Feuilleton rezipiert und im literarischen Feld positioniert wurde. 

An diesem
16. Band der Werkausgabe wird die literaturwissenschaftliche Koeppen-Forschung in
Zukunft kaum vorbeikommen, wenn auch vieles von dem, was Treichel hier
aufarbeitet, bereits in Jörg Dörings Monografie <em>„Ich stellte mich unter, ich
machte mich klein&#8230;“ – Wolfgang Koeppen 1933-1948</em> (Stroemfeld 2001, Taschenbuch-Ausgabe:
Suhrkamp 2003) behandelt worden ist. Alles
in allem sind die Interviewtexte jedoch äußerst unterhaltsam zu lesen, sie
halten insbesondere für Leserinnen und Leser außerhalb der
Literaturwissenschaft viele Überraschungen bereit. Die Art und Weise, wie
Koeppen sich hier in der Öffentlichkeit darstellt, ist nicht nur exemplarisch
für eine vertrackte Autorvita des 20. Jahrhunderts, sondern auch von
außerordentlicher historischer Bedeutung, wenn man mehr über die Kontinuitäten
und Zusammenhänge zwischen der Literatur der Weimarer Republik, des „Dritten Reiches“
und der BRD herausfinden möchte.



</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Geburtshaus von Wolfgang Koeppen in Greifswald<br>Hyby2015 [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA 4.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Geburtshaus_Wolfgang_Koeppen.jpg">via Wikimedia Commons</a><br>Buchcover: Verlag</h6>



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<p>Wolfgang Koeppen<br><strong>Werke in 16 Bänden<br>Band 16: Gespräche und Interviews</strong><br>Herausgegeben von Hans-Ulrich Treichel<br>Suhrkamp 2018 · 770 Seiten · 48 Euro<br>ISBN: 978-3-518-42343-1<br></p>



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		<title>Unstillbares Heimweh</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Sep 2019 06:43:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Melancholie]]></category>
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					<description><![CDATA[In seinem Essay „Lob der Melancholie“ erkundet László Földényi ein paradoxes Gefühl zwischen Traurigkeit und Transzendenz.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Das Thema der Melancholie beschäftigt den
ungarischen Kunsttheoretiker, Literaturwissenschaftler und Essayisten László
Földényi seit Jahrzehnten. Bereits 1988 erschien dazu von ihm eine historische
Studie zum Bedeutungswandel des Begriffs von der Antike bis zur Gegenwart. In seinem
neuesten Buch <em>Lob der Melancholie – Rätselhafte Botschaften</em> lässt er nun
Melancholiker aus verschiedenen Zeiten zu uns sprechen: Es sind Kunstschaffende
unterschiedlicher Sparten, denen er mit einer essayistisch-poetischen Sprache
sehr persönlich begegnet. </p>



<p>Schon in seiner ersten Studie <em>Melancholie </em>(2004) hatte Földényi dargelegt, dass erst im 19. Jahrhundert die Melancholie fälschlicherweise einseitig als depressive Stimmung definiert wurde. Hieran anknüpfend betont der Autor in seinem neuesten Buch, dass sich Melancholie auch als Freude, Hochstimmung, sogar Ekstase und konzentrierte Aufmerksamkeit bemerkbar machen könne. Was aber ist dann genau die Melancholie? Die Unmöglichkeit, diese Frage klar zu beantworten, erscheint Földényi selbst als Ausdruck der Melancholie. Es ist wohl nicht zuletzt die Unlösbarkeit dieser Frage, die den Autor immer wieder fasziniert. Der Versuch einer Antwort jedenfalls führe nicht nur über das Wissen, sondern auch über das Gefühl hinaus:&nbsp; &nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[…] als verhüllte der Begriff der Melancholie die Melancholie selbst. Die Worte machen das, worüber sie sprechen sollen, zunichte. […] Melancholie erinnert an die Unzuverlässigkeit der Gefühle und an die Vergeblichkeit sogenannten letzten Wissens – und daran, dass die Welt auf zerbrechlichen und wackligen Säulen ruht.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Sinnbild des Nicht-Erklärbaren</h3>



<p>Aus diesem Paradox, dass eine scheinbare Klarheit gerade im Moment des Aufblitzens sich selbst wieder verhüllt, schöpften vor allem Künstler ihre Themen, und so präsentiert Földényi dem Leser eine Jahrhunderte übergreifende Kollektion von Beispielen aus Malerei, Architektur, Skulptur und Film (die Literatur ist nur spärlich vertreten), an denen er aufzeigt, dass große Kunst fast immer aus der Spannung um das Nicht-Wissen, Nicht-Sehen und Nicht-Erklären-Können entsteht, welche er der Melancholie zuordnet. Földényi schreibt dabei nicht akademisch, sondern schöpft stets aus persönlichen Erlebnissen.</p>



<p>Ein immer wiederkehrender Bezugspunkt bei seiner Reise durch die Kunst der Jahrhunderte ist die <em>Melencolia</em> von Dürer mit dem rätselhaften Polyeder im Zentrum des Bildes. </p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="95600" data-permalink="https://tell-review.de/unstillbares-heimweh/melencolia_i_durero_1514/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/09/Melencolia_I_Durero_1514.jpg?fit=712%2C899&amp;ssl=1" data-orig-size="712,899" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Melencolia_I_Durero_1514" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Albrecht Dürer: Melencolia (1514)&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/09/Melencolia_I_Durero_1514.jpg?fit=712%2C899&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/09/Melencolia_I_Durero_1514.jpg?resize=378%2C478&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-95600" width="378" height="478" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/09/Melencolia_I_Durero_1514.jpg?w=712&amp;ssl=1 712w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/09/Melencolia_I_Durero_1514.jpg?resize=63%2C80&amp;ssl=1 63w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/09/Melencolia_I_Durero_1514.jpg?resize=238%2C300&amp;ssl=1 238w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/09/Melencolia_I_Durero_1514.jpg?resize=300%2C379&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 378px) 100vw, 378px" /></figure></div>



<p>Die Geschichte dieses Steinblocks als Sinnbild des Nicht-Erklärbaren blättert der Autor in alle Richtungen auf: So habe sich Dürer von seinem Zeitgenossen Giorgione dazu inspirieren lassen, bis in die Moderne werde dieser berühmte Polyeder immer wieder zitiert, sei es im Film wie bei Stanley Kubrick oder in den Skulpturen von Anselm Kiefer. Es ist äußerst anregend, dem Autor bei seinen assoziativen Begegnungen mit den Kunstwerken verschiedener Epochen zu folgen. Die Beschreibung seines ganz persönlichen Kunsterlebens nimmt dem Leser dabei nichts vorweg, öffnet ihm vielmehr einen Raum, nun seinerseits mit eigenen Augen – und seinen inneren Resonanzen nachspürend – bekannte Kunstwerke neu zu sehen und unbekannte ohne Vorbehalte zu entdecken. </p>



<p>Nachdem
man so viel Neues und Originelles zu Dürer, Kubrick, Kiefer, Sebald, Gerhard
Richter oder Segantini gelesen hat, scheint es, als habe man plötzlich das
Thema des Buches verloren. Wo ist die Melancholie geblieben? Der Autor hatte eingangs
gewarnt, dass sie nicht zu fassen sein werde. Doch das Buch heißt nun einmal <em>Lob
der Melancholie</em> – und so habe ich mich beim zweiten Lesen weniger dem
„Kunstgenuss“ als der Frage nach der Begrifflichkeit gewidmet und mich gefragt,
wie weit Földényis nicht definierende Definition der Melancholie trägt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Kühne Gegensätze</h3>



<p>Wenn es um das Erleben von Kunst geht, erscheint Földényis Begriff der Melancholie nachvollziehbar:&nbsp; das Unsichtbare im Sichtbaren wirken zu lassen, der rätselhafte Moment des Zwischen, in dem Verlust und Vergänglichkeit einen süßen Schmerz hervorrufen, den man am liebsten  zugleich ersticken und intensivieren möchte. Doch in der Welt der Begriffe erscheint das Lob, welches der Autor der Melancholie zuschreibt, eher fraglich. Sind es doch Worte wie Schicksal, Mangel, Einsamkeit, das Grauen der Verlorenheit oder eben die Bruchstückhaftigkeit der Welt, die Földényi der Melancholie beigesellt. Ebenso ist von fehlender Kohärenz, der Beiläufigkeit, Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit der Welt die Rede, und schließlich von der Anwesenheit des Todes im Leben. </p>



<p>Worin besteht hier Anlass zum Lob? Als junger Mensch hätte mich vermutlich die Anhäufung solch verstörender Vokabeln in tiefste Traurigkeit und Niedergeschlagenheit gestürzt. Da ich mit den Werken Földényis ein wenig vertraut bin und ihn auch bei mancher Gelegenheit in der Öffentlichkeit gehört habe, weiß ich jedoch, dass er keineswegs ein trauriger oder depressiver Mensch ist. Was also möchte der Autor an der Melancholie loben? Ist es gerade die Erfahrung der Bruchstückhaftigkeit, derer laut Földényi „der Mensch bedarf, damit seine Sehnsucht nach Ganzheit überhaupt erwachen kann“? Oder ist es die spürbare Paradoxie des Themas, die ihn reizt? So versammelt Földényi unter dem Dach der Melancholie eine kühne Mischung von Gegensätzen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Melancholie ist zugleich Revolte und Resignation, anschwellende Vitalität und Versinken in sich selbst, Inspiration und Lähmung […]</blockquote>



<p>Solche
Sätze haben zweifellos etwas Prickelndes, doch zugleich fragt man sich, ob hier
nicht der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet werde. Wenn all dies und noch viel
mehr unter dem Begriff der Melancholie Platz findet, sind dann nicht alle
Gemütsbewegungen irgendwie auch melancholisch? </p>



<h3 class="wp-block-heading">Berührbarkeit</h3>



<p>Doch
beim erneuten Eintauchen in den Text zeigt sich das Ganze noch einmal in anderen
Konturen. So schildert der Autor den Verzicht auf ein letztes Wissen und auf allumfassende
Erklärungen der Welt als äußerst befreiend. Sodann erscheint in der Brüchigkeit
der Welt auch die Fragilität unserer selbst und unserer Mitmenschen so zart, dass
damit unsere Fähigkeit zur Berührbarkeit gestärkt wird. In diesem Sinne würde
die Melancholie dem menschlichen Miteinander zweifellos guttun. </p>



<p>Dass es Földényi nicht zuletzt um dieses Miteinander geht, wird in dem faszinierenden Kapitel über den europäischen Film deutlich. Der Autor, der auch an der Hochschule für Theater und Film in Budapest lehrt, beschreibt die Filmkunst nach 1945 – im Unterschied zur Filmindustrie – als Suche nach den „metaphysischen Banden“ zwischen den Menschen. Als schließlich Földényi die vom Schweizer Architekten Peter Zumthor entworfene Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel besucht, taucht unvermittelt das Wort Transzendenz auf, obwohl Földényi den Religionen gegenüber Distanz wahrt. </p>



<p>Die Kapelle, die er als räumliche Inkarnation von Dürers Polyeder erlebt, überrascht ihn mit einer „rätselhaften Botschaft“: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Transzendenz selbst wurde sichtbar, man hätte sie sogar berühren können […]. Die Materialien Stein, Metall und Licht wurden sprichwörtlich verklärt. Und doch hatte das Ganze auch etwas Verhaltenes.</p></blockquote>



<p>Nebenbei dienen Földényi solche Beispiele – vor allem aus den Bereichen Fotografie und Film – dazu, die innere Verarmung des Menschen durch die Überhandnahme der digitalen Technik zu thematisieren. Denn hier werde die Welt auf das reduziert, was abbildbar, sichtbar, objektivierbar und fassbar sei. Die Zwischentöne also werden gelöscht – oder wie Földényi sagt: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die analoge Technik hat den Betrachter noch die doppelte Natur des Lichts wahrnehmen lassen, die zugleich sinnlich und übersinnlich ist.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Transzendenz als körperliches Erlebnis</h3>



<p>Zum einen entkräften diese Beispiele den Verdacht der Beliebigkeit im Gebrauch des Wortes Melancholie, zugleich verstärken sie ihn jedoch: Denn wozu bedürfen wir des Wortes Melancholie, wenn wir auch „Transzendenz“ oder „metaphysische Bande“ sagen können? Der Leser ist gut beraten, sich Földényis eigene Warnung zu Herzen zu nehmen und nicht nach einer gültigen Definition der Melancholie zu suchen. Gibt er sich stattdessen den kreisenden Suchbewegungen des Autors hin, ist die Lektüre ein großer Gewinn. Und dies nicht zuletzt deswegen, weil Földényi Begriffe wie Metaphysik und Transzendenz vom „rein Geistigen“ befreit, das in der europäischen Tradition so hartnäckig an ihnen haftet. Földényi gelingt es, mithilfe der Melancholie die Transzendenz und die metaphysischen Bande als ein körperliches Erlebnis zu beschreiben. So stehen Anfang und Ende des Buches im Zeichen eigener Körperbeobachtungen: Zu Beginn beschreibt Földényi, wie sein Körper, auf einer Wiese liegend, sich von ihm scheinbar löst und langsam in die Erde sinkt wie in sein eigenes Grab, wobei auf einmal der Tod seinen Schrecken verliert. Und am Ende des Buches lässt der Autor den Leser teilhaben an dem Blick zweier Augenpaare, dem er sich ausgesetzt hat: einmal sind es die Augen seines soeben geborenen Sohnes, der aus der Dunkelheit kommt und das erste Mal ins Licht blickt, und dann sind es die Augen seines soeben gestorbenen Vaters, die in ein unendliches Nichts blicken, aus dem sich nun ein Blick enthüllt, der den Autor anschaut. </p>



<p>Földényi knüpft hier an Nabokovs Diktum an, wonach „unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels“ sei und endet sein Buch mit folgenden Worten:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p> So stelle ich mir die Momente der Melancholie vor. Eine schreckliche Dunkelheit deutet sich an, die Ahnung eines gewaltigen Blickes wird spürbar. Und dann verblasst das eine, verdunkelt sich das Andere. Als hätte es sie nie gegeben. Einzig das unstillbare Heimweh, das einen ab und zu genauso grundlos wie ziellos überkommt, lässt noch auf sie schließen.</p></blockquote>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Bruder-Klaus Feldkapelle von Peter Zumthor in Mechernich-Wachendorf,<br>Stampfbetonwand mit mundgeblasenem Glaspfropfen<br>Andreas Schwarzkopf [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA 4.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bruder-Klaus_Feldkapelle_von_Peter_Zumthor_in_Mechernich-Wachendorf,_Stampfbetonwand_mit_mundgeblasenem_Glaspfropfen.jpg">via Wikimedia Commons</a><br>Albrecht Dürer, Melencolia I: Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melencolia_I_(Durero).jpg">via Wikimedia Commons</a><br>Buchcover: Verlag</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>László F. Földényi <br><strong>Lob der Melancholie</strong><br>Rätselhafte Botschaften<br>Matthes &amp; Seitz 2019 · 280 Seiten · 30 Euro<br>ISBN: 978-3-95757-708-5<br></p>



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		<title>Ein Gefängnis ohne Dach</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anna Shibarova]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Sep 2019 08:04:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Gefängnis]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[Schon zur Zarenzeit war Sibirien das Land der Straflager. Dabei ging es auch um Kolonisierung durch Zwangsarbeit. In seinem enzyklopädischen Sachbuch „Das Totenhaus“ erzählt Daniel Beer die Geschichte dieses kaum zu kontrollierenden russischen "Gefängnisreichs".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen glich; hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten und Bräuche. Es war ein Totenhaus lebend Begrabener, darinnen ein Leben wie sonst nirgendwo; und auch die Menschen waren hier anders. Eben diesen besonderen Ort will ich nun zu beschreiben versuchen.</p></blockquote>



<p class="has-drop-cap">Dieses Zitat aus Fjodor Dostojewskis <em>Aufzeichnungen aus einem Totenhaus</em> steht als Motto am Anfang von Daniel Beers Buch. Dostojewski kannte diese „besondere Welt“ nur zu gut: Vier Jahre hatte er in einem sibirischen Zuchthaus verbracht. <em>Aufzeichnungen aus einem Totenhaus </em>schrieb er nach der Entlassung. Das 1862 publizierte Buch machte in Russland damals Furore. Diesem Urtext der russischen Lagerprosa hat der britische Historiker Daniel Beer nicht nur das Motto entnommen, sondern auch den Titel für sein Werk über die Geschichte der sibirischen Verbannung im zaristischen Russland.</p>



<p>Der 28-jährige Dostojewski wurde im Jahr 1849 in St.&nbsp;Petersburg verhaftet und zum Tod verurteilt, für das Streuen „von verderblichen Lehren, welche im ganzen westlichen Europa Wirren und Revolten hervorbrachten“, wie es hieß. Zusammen mit anderen wartete er auf die Vollstreckung des Urteils. An einem kalten Tag in der Weihnachtszeit brachte man die Gefangenen aus der Peter-und-Pauls-Festung zum Hinrichtungsplatz. Die ersten drei standen bereits an Pfähle gefesselt, das Erschießungskommando brachte die Gewehre in Anschlag. Dostojewski sollte als Nächster drankommen. Da machte ein Wink mit einem weißen Tuch der wohlüberlegten Inszenierung ein abruptes Ende. Nikolaus der Erste schenkte ihnen das Leben. Das neue Urteil hieß: vier Jahre Zwangsarbeit in Sibirien, danach lebenslanger Militärdienst als Soldat. Aus seiner Zelle schrieb Dostojewski einen euphorischen Brief: „Das Leben ist ein Geschenk, das Leben ist ein Glück, jede Minute kann zur Ewigkeit des Glückes werden.“ Mit angelegten Beineisen, im bewachten Schlittenkonvoi, verließ er St.&nbsp;Petersburg. Der glücklich Begnadigte gehörte jetzt zu den Scharen anonymer „Unglücklicher“, wie das Volk unter den Zaren die Zuchthäusler nannte. Ein Jahrhundert später, in der sowjetischen Gulag-Zeit, wurde diese mitfühlende Bezeichnung durch eine karge Abkürzung ersetzt: „Zeka“ für „zakljuchjonnyj“ – „Gefangener“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vorbühne des politischen Kampfes</h3>



<p>Daniel Beer erzählt in Geschichten. Manche Szenen, wie die der inszenierten Hinrichtung von Dostojewski, wirken wie verlangsamte Filmsequenzen. Das Buch besteht aus 13 umfangreichen Kapiteln. Ein ganzes Kapitel ist Dostojewski gewidmet. Weitere wichtigen Figuren des Buches sind die Dekabristen: die russischen Adligen, die im Dezember 1825 einen Aufstand auf dem Senatsplatz in St. Petersburg anführten und dafür nach Sibirien verbannt wurden. Sie waren die ersten Umstürzler in Russland, die nichts für sich wollten. Manche Dekabristen wurden von ihren Frauen in die Verbannung begleitet. Diese Frauen, die alles opferten, sind als mutige Retterinnen ins kulturelle Gedächtnis eingegangen. Ein weiteres großes Thema für Daniel Beer sind die polnischen Rebellen – und wie sie während ihrer Verbannungszeit Sibirien, den Ort ihrer Bestrafung, zur Vorbühne des politischen Kampfes machten.</p>



<p>Neben den berühmten politischen Exilanten gibt es auch die „Tausende gewöhnlicher Verbrecher“, deren Namen wir nicht kennen. Ihre Spuren galt es, in akribischer Forschungsarbeit in den Polizeiberichten und Gerichtsakten ausfindig zu machen. Sie bilden das Fundament von Beers <em>Das Totenhaus</em>. Anderthalb Jahre hat Daniel Beer in den Archiven von Sankt Petersburg, Moskau und den sibirischen Städten Tobolsk und Irkutsk geforscht. Sein Erzählgewebe ist dicht geflochten aus seinen Archiv-Entdeckungen, aus Memoiren, Tagebüchern und Reiseberichten sowie der Fach-Literatur zum Thema Zuchthaus und Gefängnis. Eine geradezu fesselnde wissenschaftliche Prosa, frei von jeglichem Jargon und von Bernd Rullkötter hervorragend übersetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Strafkolonisation als Staatsprojekt</h3>



<p>Die Geschichte des sibirischen Exils begann gleich nach der Eroberung Sibiriens durch das Russische Reich unter Iwan dem Schrecklichen. Im Jahre 1582 überquerte ein kosakisches Heer den Ural und besiegte den sibirischen Mongolenführer Kütschüm Khan. Damit stand das Tor zur östlichen Terra incognita offen. Die ersten Kolonisten waren Krieger, Pelzhändler, Staatsbeamte und Bauern. Manche wurden durch die Verheißungen des Neulandes angezogen, andere retteten sich als Flüchtling dorthin. Von Anfang an gab es jene, die unfreiwillig gingen. Die entlegenen Territorien waren bestens geeignet, um sich gefährlicher Leute zu entledigen, Staatsfeinde betraf dies ebenso wie Diebe, Räuber und Mörder. „Wie wir schädliche Elemente aus dem Körper entfernen müssen, damit er nicht dahinscheidet, so handeln wir auch in der Gemeinschaft der Bürger“, schrieb 1708 ein sibirischer Bischof, selbst ein Verbannter.</p>



<p>Im Jahre 1753 ließ Zarin Elisabeth die Todesstrafe für alle Delikte abschaffen, mit Ausnahme schwerer Verbrechen gegen die Staatsmacht. Als Alternative zur Todesstrafe gewann die Verbannung nach Sibirien noch an Bedeutung. Die russische Staatsmacht nutzte diese Strafe als Mittel zur Kolonisierung des dünnbesiedelten, rauen Ostkontinents. Die weit entfernten Gegenden brauchten die Arbeit menschlicher Hände. Im späten 18. Jahrhundert, unter Katharina der Großen, wurde das System der Strafkolonisation Sibiriens zu einem Staatsprojekt ausgebaut. Die Kluft zwischen den Plänen und ihrer Realisierung blieb allerdings groß, wie Daniel Beer schreibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Umerziehung durch Zwangsarbeit</h3>



<p>Wie legt ein Verbannter den weiten Weg zu seinem Verbannungsort zurück? Wie sollte man die Strecke ausstatten, damit die Gefangenen unterwegs nicht vor Erschöpfung starben? Wie werden die Zuchthäusler mit Arbeit versorgt, und was passiert mit Frau und Kind? Diese Fragen wurden von der Regierung erst Anfang der 1820er Jahre gestellt, als die Häftlingskonvois schon über zweihundert Jahre gen Osten marschiert waren. Im Jahre 1822 unternahm der Staatsmann Michail Speranski die erste Reglementierung des chaotischen Exilwesens. Dabei hatte er eine humanitäre Vision: Aus den verbannten Verbrechern sollten fleißige Siedler werden. Die Verbannten sollten Sibirien bevölkern, erschließen und damit an Russland binden. Die Behörden mussten jedoch bald feststellen, dass sich der Plan der Regierung nicht verwirklichen ließ: „Ein verbannter Siedler ist jemand, den wir auf der Straße treffen: fast nackt trotz der Grausamkeit des sibirischen Winters, verdorrt vor Hunger, schmutzig, niedergeschlagen und mit einem klaren Ausdruck des Leids in den Augen“, heißt es in einem Bericht. Statt Heerscharen von fleißigen friedlichen Siedlern fand man in Sibirien eine wachsende Armee von Geflohenen. Diese kriminellen Landstreicher terrorisierten die sibirische Bauernschaft und verhinderten somit die Entwicklung des Landes, statt sie zu fördern. Die Idee der Umerziehung durch Zwangsarbeit war schon damals gescheitert. Die apokalyptischen Realitäten der Verbannung, die Daniel Beer beschreibt, unterscheiden sich deutlich vom Bild, das Alexander Solschenizyn in <em>Archipel Gulag</em> vom Bestrafungssystem des Zarenreichs gezeichnet hat. Gegenüber der Bestialität der sowjetischen Lager verharmloste er die Verhältnisse vor der Revolution.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von der Strafkolonie zum Gulag</h3>



<p>Die „besondere Welt“, um die es in Daniel Beers <em>Das Totenhaus </em>geht, ist nicht auf das Zuchthaus beschränkt, sondern meint ganz Sibirien. Es ist ein integraler Teil des Russischen Reiches, doch zugleich ist es ein Nicht-Russland; es ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten und eine Strafkolonie; ein riesiges Gefängnis ohne Dach und ein Laboratorium der Revolution. Im Fokus des Buchs steht zwar das neunzehnte Jahrhundert, doch der Zeitraum umfasst viel mehr: Das Buch beginnt mit den letzten Lebensjahren Iwans des Schrecklichen im späten sechzehnten Jahrhundert und endet mit der Abdankung Nikolaus des Zweiten im März 1917. Was man in diesem wahrhaft enzyklopädischen Werk vermisst, ist eine übersichtlichere Unterteilung der einzelnen Kapitel. Manchmal verliert man beim Lesen die Orientierung.</p>



<p>Nach der Februarrevolution wurde das Verbannungssystem offiziell abgeschafft und Russland zum „freiesten Land der Welt“ erklärt. Allerdings sollten die neuen bolschewistischen Machthaber Sibirien schon sehr bald wieder als einen Ort der Besserungslager und der Ausbeutung entdecken. Die Ära der vergeblichen „Mühen Russlands, seines Gefängnisreiches Herr zu werden“ war zu Ende. Die Ära des Gulags begann.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Nowosibirsk 1895.<br> Fotograf unbekannt, aus: Günter Nerlich: Sibirien, VEB F.A.&nbsp;Brockhaus Verlag, Leipzig, 1961, S.&nbsp;58 (gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NowoSibirsk1895.png?uselang=de">via Wikimedia Commons</a>)</h6>



<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Daniel Beer<br>
<strong>Das Totenhaus</strong><br>
Sibirisches Exil unter den Zaren · Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter<br>
S. Fischer 2018 · 624 Seiten · 28 Euro<br>
ISBN: 978-3103973716<br>
Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3103973713/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a HREF="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&#038;site=3780&#038;type=text&#038;tnb=14&#038;prd=yes&#038;suchwert=9783103973716" TARGET="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><IMG SRC="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&#038;ref=776227&#038;b=0&#038;type=text&#038;tnb=14" BORDER="0" WIDTH="1" HEIGHT="1"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel
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</div></div></div>
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<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>„Dieser Mann ist mir fremd“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jun 2019 08:56:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissen]]></category>
		<category><![CDATA[Mitläufer]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Hermann Kurzkes Vater war nicht in der NSDAP, leistete als Physiker aber kriegswichtige Forschung. In „Was mein Vater nicht erzählte“ setzt sich der Sohn mit einem Vater auseinander, der als Mitläufer gelten wollte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>
Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen 
Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen 
und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar 
machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er 
überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des 
Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.

</p>



<p>Weitere Beiträge:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/" target="_blank">Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Terror von unten (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank">Terror von unten</a></li><li><a href="https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Sprache und Herrschaft (opens in a new tab)">Sprache und Herrschaft</a></li></ul>





<p class="has-drop-cap">Hermann Kurzke ist mir seit Jahrzehnten als profunder Thomas Mann-Forscher und -Kenner ein Begriff. Sein Buch <em>Was mein Vater nicht erzählte</em> ist laut Untertitel die <em>Geschichte eines „Mitläufers“</em>, sie handelt vom Leben seines Vaters im sogenannten Dritten Reich. Mit den Anführungszeichen beim Wort „Mitläufer“ zweifelt der Sohn das offizielle Urteil der Spruchkammer nach dem Krieg an. Sein Vater Herbert Kurzke war als Physiker in einem Rüstungsunternehmen tätig, er forschte an Raketen- und Granatenzündern, an Kleinst-U-Booten und an Raketen, die sich selbst ins Ziel steuern.</p>



<p>Ein fatales
Erbe, das zu Lebzeiten des Vaters nie ein Thema war zwischen Vater und Sohn. In
fiktiven Gesprächen mit einem sich rechtfertigenden Vater arbeitet der Sohn
dieses Erbe auf, sie sind in den ansonsten sachlich gehaltenen Lebensbericht
eingestreut.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vernunft ohne Ethik</h3>



<p>Ich hatte eigentlich erwartet, dass Hermann Kurzke seinen Vater aus dem Geist Thomas Manns kritisieren würde, mit Bezügen zu Manns großen Essays, von den „Gedanken zum Krieg“ und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ über &nbsp;„Appell an die Vernunft“ aus dem Jahr 1930 bis zu „Deutschland und die Deutschen“ aus dem Jahr 1945, schließlich ist Hermann Kurzke Mitherausgeber der neuen kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe. </p>



<p>Aber genau das macht Kurzke nicht. Er begibt sich vielmehr auf die Suche nach dem Wesen der rein instrumentellen Vernunft, der Vernunft ohne Ethik.</p>



<p>Dass der Vater nie Mitglied der NSDAP gewesen war, entlastet ihn nur vermeintlich, zumal unklar bleibt, ob Hermann Kurzkes Vater nicht in die Partei eintreten wollte oder nicht durfte, wegen des Aufnahmestopps nach dem 19. April 1933. Seine Nichtmitgliedschaft wird durch zahlreiche Aktivitäten in nationalsozialistischen Organisationen zumindest relativiert. Schockierend für Hermann Kurzke war die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse an seinen Vater, signiert von Adolf Hitler. Man bekam es für kriegsentscheidende Leistungen an der Heimatfront. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Dem Teufel den Hintern geküsst</h3>



<p>Wie kommt man dazu, eine Urkunde von Hitler verliehen zu bekommen? Solchen Fragen nähert sich der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke nicht nur im Bericht über das Leben seines Vaters und den fiktiven Gesprächen, sondern auch über die Literatur. Im Mittelpunkt steht die Walpurgisnacht-Szene aus Goethes <em>Faust</em>. Dort heißt es: „Herr Urian sitzt oben auf!“ Und genau dorthin streben alle: nach oben, koste es, was es wolle. Kurzke zitiert Goethe: „Der ganze Strudel strebt nach oben / Du glaubst zu schieben und wirst geschoben.“  Indem er in einem  Rüstungsforschungsinstitut Karriere machte, hat sein Vater schließlich, wie Hermann Kurzke schreibt, „dem Teufel doch den Hintern geküsst“. </p>



<p>Zu diesem Kuss verführte ihn  zunächst ein deutschnationaler Revanchegedanke, wie er im Bürgertum  nach 1918 mehrheitlich zu anzutreffen war. Darüber hinaus war in der  damaligen bürgerlichen Welt Widerstand gegen den Staat, gegen die  gesellschaftlichen Instanzen, einfach nicht vorgesehen. </p>



<p>In seinem  fiktiven Gespräch lässt der Sohn seinen Vater sagen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich hatte loyal zu sein.</p></blockquote>



<p>Sabotage, gar
in der Rüstungsindustrie, kam für den Vater Kurzke nicht in Frage.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich machte gute Arbeit, ohne an den Staat zu denken.</p></blockquote>



<p>Neben
Staatsloyalität und der Sekundärtugend Fleiß zeigt sich in Herbert Kurzkes
beruflicher Laufbahn auch die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Karriere, nach
beruflicher Anerkennung.</p>



<p>„Wes Brot ich ess&#8216;, des Lied ich sing“ ist ein Kapitel überschrieben: das Hohelied des Opportunismus. Hermann Kurzke zitiert die Physikerin Lise Meitner, eine Berufskollegin seines Vaters, mit der Klage, dass im damaligen Deutschland „keinerlei Protest“ zu verzeichnen gewesen sei. Der Sohn stellt fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ja, so war es, auch Vater hat sich so verhalten. Diensteifrig.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Versagen des Gewissens</h3>



<p>Die
bürgerliche Angst vor einem beruflichen Scheitern hat Hitler möglicherweise
mehr geholfen, als alles andere, so Kurzkes Schlussfolgerung. „Der ganze
Strudel schiebt nach oben“, heißt es im <em>Faust</em>. Doch wo bleibt das
Gewissen bei dieser Höllenfahrt des Opportunisten? Wieder findet Kurzke die
Antwort in der Literatur: „Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich
quält“, schreibt Georg Büchner in <em>Dantons Tod</em>. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ob das Gewissen eine unabhängige Instanz ist oder ob es eben nur genauso funktioniert, wie es programmiert ist? Das ist umstritten, die Gewichte neigen sich aber eher zur zweiten These.</p></blockquote>



<p>Die Möglichkeit, ein Gewissen auszubilden und demnach einen Gewissenskonflikt in sich zu spüren, wäre demnach abhängig von den Koordinaten, in die man hineingeboren wird. Herbert Kurzke war Katholik. Der Begriff des Gewissens hatte für ihn also wahrscheinlich eine Bedeutung. Aber sein Gewissen blieb das persönlich verhaftete Gewissen des Katholiken, das sich durch Zeitläufte nicht beunruhigen ließ. Wer lebt schon ohne Schuld? </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sein Gewissen war der Komplexität der Situation, in die er geraten war, nicht gewachsen. [&#8230;] Sein Theoriewerkzeug war die christliche Ethik. Die aber war dominant individuell orientiert, schien lediglich an privaten Sünden interessiert zu sein und war der kollektiven Politik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gewachsen.</p></blockquote>



<p>Der Vater
habe aus Überforderung nicht über seine Rolle im Dritten Reich gesprochen,
vermutet der Sohn.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er schwieg aus Scham. Er hatte seine Pflicht getan, aber die Pflicht hatte ins Elend geführt. Er hatte keine Sprache dafür.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Worüber man nicht sprechen kann</h3>



<p>Neben einem abgespaltenen Gewissen sieht Hermann Kurzke bei seinem Vater auch ein Erkenntnisproblem. Das Erkennen des Verbrecherischen, das nicht im Individuum, sondern in der Zeit und der Gesellschaft selbst wirkte, das war Herbert Kurzke nicht möglich. </p>



<p>Sein Vater
„hatte keine Sprache“, so Hermann Kurzkes Fazit, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>und wer keine Sprache hat, kann die Welt und die eigenen Verstrickungen in ihr nicht verstehen.&nbsp; </p></blockquote>



<p>
Kurzkes Urteil über seinen Vater ist ebenso furchtbar wie lapidar:

</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dieser Mann ist mir sehr fremd.</p></blockquote>



<p>Am Ende
seines Vaterbuchs setzt Herman Kurzke das Versagen seines Vaters noch einmal in
Beziehung zur Weltliteratur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er verstand die Physik, aber nicht die Welt – so wie der Apotheker Homais in Flauberts <em>Madame Bovary</em> die Medizin versteht, aber nicht die Welt, und ganz modern, aber hilflos, Chlor verwendet, wo dem Pfarrer Weihwasser zur Verfügung steht. Altmodisch, aber viel richtiger.</p></blockquote>



<p>Ist dem
Germanisten Hermann Kurzke der technisch begabte Vater genau deswegen fremd?
Weil er bei aller technischen Intelligenz eben doch ein Technokrat blieb,
jemand, dem nicht die Sprache des Verstehens gegeben war? Und der deswegen
formal tatsächlich nicht mehr als ein „Mitläufer“ war.</p>



<p>Das ist Herman Kurzkes erschreckende Wahrheit über seinen Vater und über eine ganze Generation: Ein Mitläufer ist jemand, dessen Sprache nicht reicht, um Verbrechen zu verstehen, die über das individuelle Maß hinausgehen.</p>



<p>Das ist
möglicherweise die wichtigste Aufgabe der Literatur: Den Menschen eine Sprache
zu geben, die sie befähigt, nicht nur sich selbst, sondern die Welt zu
verstehen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Wernher von Braun 1960<br>NASA/Marshall Space Flight Center [Public domain]<br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wernher_von_Braun_1960.jpg">via Wikimedia Commons</a>  (Ausschnitt)<br>Buchcover: Verlag</h6>





<p>Hermann Kurzke <br><strong>Was mein Vater nicht erzählte</strong> <br>Geschichte eines Mitläufers <br>C.H. Beck 2019 · 239 Seiten · 24,95 Euro <br>ISBN:  978-3-406-73139-6</p>



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		<title>Die narrative Erschaffung der Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 May 2019 10:02:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[frankophone Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Narrativität]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Universalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[In seinem Buch „Universalität nach dem Universalismus“ vergleicht der Romanist Markus Messling die frankophonen Literaturen innerhalb und außerhalb Europas. Ein neues "Weltbewusstsein" findet er vor allem bei den Stimmen aus Afrika und der Karibik. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Einigermaßen ungewöhnlich ist es schon, wenn ein deutscher Professor auf der ersten Seite eines kulturwissenschaftlichen Buches den afrikanischen Philosophen Achille Mbembe zitiert, und so weckt diese erste Überraschung Appetit auf das, was danach kommt. Die Rede ist hier von Markus Messling und seinem Buch „Universalität nach dem Universalismus“.&nbsp; Messling zieht eine feine Trennlinie zwischen der Ideologie des Universalismus, womit der sogenannte Westen für sich in Anspruch nimmt, bestimmte „universelle Werte“ global durchsetzen zu müssen, und andererseits einer Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen, die bei Wahrung dieser Verschiedenheit zugleich etwas uns alle Verbindendes als Grundlage des Miteinander anerkennen. Man könnte diese zweite Variante Universalität nennen, wenngleich der Autor selbst betont, dass diese erst herzustellen und keineswegs begrifflich schon geklärt sei. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Ende des universalistischen Projekts</h3>



<p>Messling schreibt eine elegante und zugängliche Wissenschaftsprosa, in der es ihm zugleich gelingt, dem Schmerz, der Verunsicherung und auch dem Zorn eine Stimme zu geben, die sich beim Blick auf das heutige Europa einstellen können. Diese Gefühlslage ließe sich aus dem Fehlschlag des universalistischen Projekts erklären, dessen Ende Messling gekommen sieht. Er gewinnt diesen Blick nicht zuletzt aus der Perspektive des romanischen Philologen, der besonders mit der französischen Literatur, Philosophie und Kultur vertraut ist, die für sich wie keine andere das universalistische Erbe der Werte von 1789 in Anspruch nimmt. „Universalität nach dem Universalismus“ – das „Nach“ im Titel sieht Messling zum einen im erneuten Aufkommen völkischer und rassistischer Bewegungen, zum anderen in der globalpolitischen Marginalisierung Europas sowie des Westens generell. Diese werde noch verstärkt durch einen Verlust an Glaubwürdigkeit nach den Kriegen im Irak und anderswo sowie angesichts der Zehntausenden von toten Migrantinnen und Migranten im Mittelmeer. In dieser Gemengelage würden die europäischen Forderungen nach Durchsetzung und Einhaltung von Menschenrechten kaum noch ernst genommen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Selbst wenn die Werte von 1789 die besten Garanten gegen völkische und rassistische Bewegungen und das Beste sind, was wir haben, können wir sie nicht mehr unschuldig ins Feld führen, sie selbst sind von der europäischen Geschichte kontaminiert. </p></blockquote>



<p>Von jenem Frankreich, das sich nach 1789 als Zentrum einer universellen Vernunft verstanden habe, sei zugleich eine koloniale und imperiale Gewalt ausgegangen, die die Rede von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit als puren Hohn erscheinen lasse. Der philosophische Gegenentwurf der Postmoderne und der Dekonstruktion habe laut Messling zwar das Bewusstsein der Freiheit neu hervorgebracht, doch zugleich mit der Betonung auf einen Relativismus und auf das je Eigene ungewollt einem romantischen Backlash Vorschub geleistet. Dieser zeige sich nun in den identitären Bewegungen, die durchaus komplementär zu den außereuropäischen „Identitären“ (Islamismus, Panarabismus, Négritude oder auch Isolationismus) auftreten. Kurz gesagt, die unerwünschten Nebeneffekte des – so vielfältigen wie widersprüchlichen – Widerstands gegen den Universalismus hätten unsere Zeit um das Verbindende gebracht, das man als Universalität bezeichnen könnte. Doch die Suche danach führt an die Grenze einer nur diskursiven Sprache: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir stehen vor dem Paradox, Universalität begründen zu müssen, weil aus ihr Gültigkeiten in der Weltgesellschaft ableitbar werden, diese Universalität aber nicht mehr auf den Begriff bringen zu können. </p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Erzählen statt Erklären </h3>



<p>Eine der Pointen des Buches besteht deshalb darin, einmal mehr den Vorteil der Philologie gegenüber der Philosophie stark zu machen – oder jenen der literarischen Erzählung gegenüber der rein begrifflichen Erklärung. So bespricht Messling nach einem einleitenden Essay in drei Kapiteln das Werk von neun frankophonen Autorinnen und Autoren. Jeweils dreien von ihnen ist eines der Kapitel unter den Überschriften &#8222;Égalité&#8220;, &#8222;Fraternité&#8220; und &#8222;Liberté&#8220; gewidmet. Ganz in der Tradition Erich Auerbachs und Jacques Rancières, die er ausführlich zitiert, wird Messling bei seiner ergebnisoffenen Suche nach einer neuen Universalität in der Literatur fündig. Er spricht von der „narrativen Erschaffung der Welt“, wenn Erfahrungen auf lokaler Ebene erzählend verbunden würden mit dem Gesamtzusammenhang von Geschichte und gegenwärtigen Weltbezügen. Das Sinnliche in den Erzählungen, die Spannung von Sprache und Sprachlosigkeit (wie etwa angesichts unsagbarer Leiden), die Erzählungen des Alltäglichen, in dem sich etwas Allgemeines manifestiert – in all dem könnten wir entdecken, was uns mit anderen verbindet. Aus den Erzählungen über Schmerz und Leid der anderen, über Hoffnungen und Verlustängste, könnte ein neues „Weltbewusstsein“ entstehen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Zorn und Melancholie</h3>



<p>Warum bieten sich gerade die frankophonen Literaturen für diese Überlegungen an? In der Gegenüberstellung von französischen Autorinnen und Autoren sowie solchen aus Afrika, dem Nahen Osten oder der Karibik zeige sich die ganze Spannbreite unterschiedlicher Antworten auf die Fragen unserer Zeit und die Suche nach einer neuen Universalität. Bei den französischen Autoren spürt Messling Befindlichkeiten auf, die exemplarisch für den europäischen „Zeitgeist“ stehen mögen: Verunsicherung, Zorn, Sehnsucht nach Idealen, Bodenlosigkeit und Melancholie. Dagegen erscheinen Begriffe wie Gastfreundschaft, Vorsicht und Würde, wie sie der senegalesische Denker Felwine Sarr in seinem Essay <em>Afrotopia </em>als zukunftsweisende „spirituelle Revolution“ beschreibt, als veritables afrikanisches Gegenstück zur europäischen Gemütslage.</p>



<p>Ganz so einfach macht es sich der Autor allerdings nicht. Die französischen Autoren im Kapitel zur „Égalité“ werden durchaus in ihren Differenzen wahrgenommen. Wenngleich die Schriftsteller Michel Houellebecq, Mathias Énard und Camille de Toledo zusammen unter dem Label der „weißen melancholischen Männer über 40“ behandelt werden, arbeitet Messling doch einen wesentlichen Unterscheid z.&nbsp;B. zwischen Houellebecq und Énard heraus. Während Ersterer als geschäftstüchtiger Autor das Publikum gern mit Untergangsszenarien bespielt (und das dazu noch ganz umgangssprachlich), verharrt Énard für Messling mit seiner Melancholie und seinen Anleihen bei der Romantik nicht in nostalgischer Rückschau, sondern wendet den Blick nach vorn auf eine Welt, in der es darum geht, den anderen in seiner Differenz wahrzunehmen und anzuerkennen. Schade eigentlich, dass Messling die weiblichen Stimmen in Frankreich nicht befragt hat – wie etwa Cécile Wajsbrot oder Annie Ernaux. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine archipelische &#8222;Poetik der Vielheit&#8220;</h3>



<p>Es sind schließlich die Autorinnen und Autoren aus Afrika und der Karibik, bei denen Messling Antworten auf die Frage nach einer neuen Universalität findet. Ausgehend von Jacques Derridas Forderung nach einem neuen „Wir der Verantwortung“ formuliert Messling die „Neubegründung dieses Wir“ als Untertitel des Kapitels zur Fraternité. Die Möglichkeiten dieses neuen Wir erkundet Messling unter anderem mit dem karibischen Philosophen und Dichter Édouard Glissant sowie der kamerunischen Schriftstellerin Léonora Miano. Gegen eine europäische, kontinentale „Poetik der Behausung“ setzt Glissant eine archipelische „Poetik der Vielheit“. Gegen die europäischen Obsessionen von Verwurzelung und Reinheit habe er die Poetik des mannigfaltigen Bezuges einer anti-hierarchischen „All-Welt“ entworfen. Jedoch bleibt Glissant aus Messlings Sicht in ethisch–politischer Hinsicht vage. Und so findet der Autor die Antwort Léonora Mianos noch überzeugender. Auf sinnliche Weise entfalte sie in dem Roman <em>La saison de l’ombre</em> die Möglichkeiten eines neuen Wir. Es geht dabei um koloniale Gewalterfahrungen in einem afrikanischen Dorf. Die Frauen dieses Dorfes schätzen die Ausübung von Gegengewalt angesichts der historischen Übermacht der Kolonialherren richtigerweise als aussichtslos ein und begründen deswegen gemeinsam mit ihren Familien ein neues Leben fern der Heimat. So entstehe bei Miano eine neue Gemeinschaft, die sich gegen die Obsessionen von Verwurzelung und Reinheit wende und gerade in der Zurückdrängung des vermeintlich Eigenen sowie der Heimatlosigkeit eine Öffnung zum Erhalt der Menschheit erfahre: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es ist ein Wir der Solidarität, das sowohl die Kritik an der zerstörerischen Kraft der Moderne als auch die emanzipatorischen Möglichkeiten der Moderne in sich aufnimmt. </p></blockquote>



<p>In diesem Sinne möchte auch Messling nicht bei der Anklage an ein schuldbeladenes Europa stehen bleiben. Vielmehr knüpft er an Achille Mbembes Vorstellung an, wonach die Menschheit sich von den imperialen Rändern her neu begründen müsse. Anhand der Literatur zeigt Messling, dass Europa inzwischen ein Opfer eben jener Verwertungsstrategien geworden sei, mit denen es die Kolonien unterworfen hat. Gerade deswegen bedürfe es heute des Wissens der ehemaligen Kolonien von der „All-Welt“. Messlings Suche nach einer neuen Universalität endet mit dem starken Plädoyer dafür, dass Europa in seinem eigenen Interesse den Stimmen der Literaturen und den Stimmen der Anderen zuhöre solle, nicht zuletzt denen aus dem afrikanischen Kontinent.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Drainage-Arbeiten mit einem Lastwagen in Kamerun. <br>Minette Lontsie [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA 4.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Drainage_work_with_a_truck.jpg">via Wikimedia Commons</a>.<br>Buchcover: Verlag</h6>





Markus Messling<br>
<strong>Universalität nach dem Universalismus</strong><br>
Über frankophone Literaturen der Gegenwart<br>
Matthes &#038; Seitz 2019 · 222 Seiten · 24 Euro<br>
ISBN: 978-3957577252<br><br>
Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/395757725X/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a HREF="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&#038;site=3780&#038;type=text&#038;tnb=14&#038;prd=yes&#038;suchwert=9783957577252" TARGET="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><IMG SRC="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&#038;ref=776227&#038;b=0&#038;type=text&#038;tnb=14" BORDER="0" WIDTH="1" HEIGHT="1"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel





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Universalität nach dem Universalismus. Über frankophone Literaturen der Gegenwart&lt;br /&gt;
Matthes &amp;#038; Seitz 2019&lt;br /&gt;
ISBN 978-3957577252&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;/p&gt;
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		<title>Körperwärme und Schriftlichkeit</title>
		<link>https://tell-review.de/koerperwaerme-und-schriftlichkeit/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 May 2019 06:35:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Unter dem Titel „Leni weint“ veröffentlicht Péter Nádas Essays aus den Jahren 1989 bis 2014. In ihnen verbindet sich begriffliche Schärfe mit Grenzüberschreitung; unerbittliche Selbsterforschung geht einher mit teilnehmender Beobachtung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Morgens schrieb Péter Nádas stets Prosa. Viele seiner Erzählungen
und die umfangreichen Romane <em>Parallelgeschichten</em>
und <em>Aufleuchtende Details</em> sind so in
Budapest und im Dorf Gombosszeg nahe der slowenischen Grenze entstanden. Der
Nachmittag war unter anderem Essays vorbehalten – ein kräftezehrendes Pensum,
das sich der 1942 geborene Ungar inzwischen nicht mehr auferlegt. Péter Nádas‘
essayistisches Werk umfasst mehrere tausend Seiten, die selbst die ungarische
Werkausgabe nur in einer Auswahl präsentieren wird. Die jetzt auf Deutsch
erschienene Sammlung <em>Leni weint</em> ist
noch stärker fokussiert: Nádas beschränkt sich auf dreißig Essays aus den
Jahren 1989 bis 2014, sechs davon werden in dem Band erstmals auf Deutsch
veröffentlicht. Es ist ein klug komponiertes Buch, das einen ungewöhnlich
politischen Autor zeigt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Urschleim der eigenen Dumpfheit</h3>



<p>Im Zentrum von Nádas‘ früheren Essays standen oft C. G. Jungs Archetypen. Sie bildeten einen festen Kontrapunkt zum Gleiten, dem Weg- und Ineinandergleiten von Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken, deren Zusammenhang eine höchst bewegliche Sprache auch mit stilistischer Mimikry nachzeichnete. Die neueren Texte haben an begrifflicher Schärfe gewonnen, zielen aber weiterhin auf Grenzüberschreitungen, wie schon die Überschriften „In der Körperwärme der Schriftlichkeit“ oder „Streifzüge in den Quellgebieten des Vertrauens“ ankündigen. Nur die Synthese von Körperwärme und Schriftlichkeit ergebe, so Nádas, eine wahrhaftige Mitteilung, zudem zeuge sie von der täglich aufs Neue notwendigen Erhebung aus dem morgendlichen „Urschleim der eigenen Dumpfheit“. Und mit den poetisch klingenden „Streifzügen“, einem Vortrag, den Nádas am 15. September 2008 in Budapest gehalten hat, warnte er niemand anderen als die Angestellten der ungarischen Nationalbank, wie schlecht es um das Vertrauen in Demokratie und Kapitalismus bestellt sei. Am Tag nach dem Vortrag ging die nordamerikanische Bank Lehman Brothers pleite, was das Vertrauen nicht erhöht haben dürfte.</p>



<p>Der Aufstieg des Rechtspopulisten Viktor Orbán und die
Selbstdemontage der ungarischen Oppositionsparteien haben sicher ihren Teil
dazu beigetragen, dass sich der Band <em>Leni
weint</em> fast ausschließlich auf Fragen der Demokratie in Europa konzentriert.
Nádas argumentiert allerdings nie vordergründig politisch, sondern zugleich ethnologisch,
soziologisch, mythologisch, anthropologisch – und persönlich. Hinzu kommt eine
aufs Ganze zielende unerbittliche Selbsterforschung, die ihren Konterpart in
Leni Riefenstahl findet. Hitlers Hofkünstlerin ist, rechtzeitig unterrichtet, keineswegs
zufällig im eben von der Wehrmacht überfallenen Polen vor Ort, bricht jedoch angesichts
einer Massenexekution von Zivilisten in Tränen aus. „Leni weint“ heißt der Titel
des Essays, aber Riefenstahl hält den Überfall auf Europa „für die natürlichste
Sache der Welt“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Regression und Demokratie</h3>



<p>Nádas‘ Darstellung des eigenen Dorfes in „Behutsame Ortsbestimmung“ ist ein Paradebeispiel für teilnehmende Beobachtung: Der Zugezogene beschreibt, wie die Dorfbewohner kollektiv handeln, denken und Bescheid wissen. Wie sie miteinander sprechen (nämlich alle gleichzeitig und laut), Verbrechen sanktionieren (drakonisch, gemeinsam und unter sich), wie familiäre und nachbarschaftliche Loyalitäten und Abmachungen Gesetze ersetzen – und dass die Welt hinter dem nächsten Hügel endet.</p>



<p>In diesem magisch-mythischen Universum regiert die
„Findigkeit“: Um des Überlebens willen betrügen die Beherrschten die Betriebe
der sozialistischen Mangelwirtschaft. Institutionen und Prinzipien, Recht und
Besitz gelten nichts, und an dieser immer noch lebendigen
Regressionsmentalität, so Nádas, kann die über die Menschen gekommene
Demokratie nur scheitern. Sein Lob der westlichen Demokratie mit Institutionen,
Regeln sowie Kreativität statt Findigkeit zeichnet allerdings – trotz des
Hinweises auf den Zwang zum Lächeln bis zum Tod – ein Ideal nach; es fällt sehr
überschwänglich aus. Auch der Essay zur Debatte über Martin Walsers
Paulskirchenrede mit der Formulierung einer „Moralkeule“ namens Auschwitz
überzeugt nicht – vielleicht, weil Nádas auf nur 11 Seiten zu viel verhandelt: den
Hass auf die Deutschen nach 1945 als „legitimen Rassismus“, die problematische
Formulierung der nationalen Identität Deutschlands, den Selbsthass seiner
Bewohner, die fehlende Konfrontation der Ostdeutschen mit der „Lingua Tertii Imperii“,
die Kluft zwischen dem kulturellen und dem politischen Selbstverständnis
Deutschlands, die mangelnde Unterscheidung von historischer und persönlicher
Verantwortung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Ordnung existenzieller Dringlichkeit</h3>



<p>Die plausible Annahme, alles hänge miteinander zusammen, auch der Körper sei ohne das Gedächtnis der Seele nicht zu verstehen, lässt fast alle Texte kunstvoll und reich werden. Die Leserin der Romane dürfte allerdings manchen Essay zu Fotografie und Wahrnehmung vermissen (etwa den Essay „Aufleuchtende Details“, der zentrale Fragestellungen mit dem gleichnamigen Roman teilt und den Nádas zusammen mit eigenen Fotografien im Band <em>Lichtgeschichten</em> veröffentlicht hat). Sie kann sich aber trösten mit dem Essay „Der Mensch als Schöpfer und Überlebender“ – Nádas betrachtet darin Claude Monets Gemälde „Seerosen“, als wäre es einer seiner Romane. Auch die Miniaturen „Spurensicherung“ über beängstigende Begegnungen mit der ungarischen Stasi fehlen, dafür führt die beklemmend eingestandene Faszination beim wiederholten Betrachten des Filmes über die Hinrichtung von Nicolae und Elena Ceaușescu („Großes weihnachtliches Morden“) direkt ins Zentrum des Bösen. Mit „Der eigene Tod“ schließt der Band. Nádas, der mit knapper Not einen Herzinfarkt überlebt hat, staubsaugt in seiner Wohnung und nimmt die Riffelungen des Staubsaugerschlauchs wahr. Nicht nur den Leser erinnern sie an den „Geburtskanal“, in dem Nádas wenige Seiten davor dem Tod entgegen zu rutschen meinte, Anfang und Ende des Lebens gleichsetzend. </p>



<p>Auf dieselbe Weise schließt sich auf den letzten Seiten des Bandes der Kreis: Der magisch-mythischen Welt des Dorfes, mit deren Beschreibung <em>Leni weint</em> anfängt, sowie den Phänomenen in Alltag und Wirtschaft, Politik und Kunst stellt Nádas der Schriftlichkeit mit der Körperwärme eine Ordnung existenzieller Dringlichkeit entgegen. Dieser täglich und an jedem Gegenstand, nicht zuletzt am eigenen Leben, aufs Neue zu wiederholende Vorgang strukturiert die einzelnen Essays ebenso wie die Sammlung selbst. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ian Dury: Florfliege (Chrysopa oculata), [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chrysopa_oculata_2.JPG">via Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Péter Nádas<br><strong>Leni weint</strong><br>Essays · Aus dem Ungarischen von Akos Doma, Heinrich Elsterer u.a.<br>Rowohlt Verlag 2018 · 528 Seiten · 36 Euro<br>ISBN:  978-3-498-04699-6 <br></p>



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