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	<title>Schatztruhe &#8211; tell</title>
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	<title>Schatztruhe &#8211; tell</title>
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		<title>Die Wunden eines Psychonauten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 May 2017 09:28:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Erster Weltkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Erinnerung zur Qual wird? Ernst Jünger stand in zwei Weltkriegen an der Front: Er legt literarisch Zeugnis ab von den Folgen traumatischer Erlebnisse. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;<a href="http://tell-review.de/author/johannes-spengler/">Die Hundertjährigen</a>&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<hr />
<blockquote><p>Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien; wir müssen sie austragen. Sie reicht tief in die Träume hinab.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<h3>Anamnese:<br />
Risikofaktoren in Jugend und Familie</h3>
<div id="attachment_9934" style="width: 185px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-9934" data-attachment-id="9934" data-permalink="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/ernst_juenger_ww1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?fit=189%2C324&amp;ssl=1" data-orig-size="189,324" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Der Schriftsteller Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?fit=175%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?fit=189%2C324&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-9934" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1-175x300.jpg?resize=175%2C300" alt="Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg" width="175" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?resize=175%2C300&amp;ssl=1 175w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?resize=47%2C80&amp;ssl=1 47w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?w=189&amp;ssl=1 189w" sizes="(max-width: 175px) 100vw, 175px" /><p id="caption-attachment-9934" class="wp-caption-text">Der Schriftsteller Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg</p></div>
<p><span class="dropcap">F</span>ür knapp 3.300 Deutsche herrscht auch im Jahr 2017 Krieg. Als Bundeswehrsoldaten riskieren diese Männer und Frauen im Ausland nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre seelische Unversehrtheit. Allein im Jahr 2015 sind <a href="https://www.angriff-auf-die-seele.de/cms/informationen/aktuelles/420-einsatzbedingte-psychische-erkrankungen-in-der-bundeswehr-im-jahr-2015-ptbs.html">235 Angehörige der Bundeswehr</a> an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) neu erkrankt. Die Dunkelziffer ist hoch, nur 20 Prozent aller Fälle werden erkannt und behandelt. Zu den Symptomen der PTBS gehören unter anderem Panikattacken, Flashbacks, unkontrollierte Wutausbrüche und der Verlust des Glaubens an die Menschlichkeit – die Krankheit macht ein normales Leben unmöglich.</p>
<p>Ob jemand an einer PTBS erkrankt, hängt maßgeblich vom persönlichen Hintergrund ab. Das individuelle Risiko wird durch Faktoren wie Armut oder mangelnde Bildung erhöht. Ernst Jünger, geboren am 29. März 1895, zeigt bereits in der Jugend Merkmale, die ein späteres Trauma begünstigen können. Der Apothekersohn wird früh entwurzelt, die Familie zieht vier Mal um, bevor sie bei Hannover eine Villa beziehen. Auch die schulischen Leistungen Jüngers lassen zu wünschen übrig. Über die Schulzeit schreibt er später:</p>
<blockquote><p>So war ich bereits dazu übergegangen, mich am Unterricht nicht mehr zu beteiligen und mich statt dessen in afrikanische Reisebeschreibungen zu vertiefen, die ich unter dem Pult durchblätterte. [&#8230;] Ich war im Grunde nur als Stellvertreter eines fernen Reisenden anwesend.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>Afrikanische Spiele</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Die Sehnsucht nimmt bedenkliche Formen an: Mehr als zehn Mal muss Jünger die Schule wechseln. Statt mit Freunden zu spielen, sammelt er Käfer, träumt, liest und trinkt viel. Im Winter 1913 schließlich bricht er mit seinem Umfeld: Der 18-Jährige reißt von Zuhause aus und meldet sich zur Fremdenlegion, wo er auf der Stelle gemustert und nach Algerien verschifft wird. Dort will er desertieren und ein freies Leben führen. Nach zwei Monaten endet das Abenteuer – in Deutschland hat sein Vater die Entlassung verfügt.</p>
<p>Die letzten Wochen vor Beginn des Ersten Weltkrieges verbringt Jünger im alten Schultrott. Der Jugendliche wird später als distanziert und kühl, sogar empathielos beschrieben. Zeit seines Lebens sucht er das gesellschaftliche Abseits. Ausgerechnet im Krieg blüht Jünger auf. Endlich gilt es, sich zu beweisen und Abenteuer zu bestehen. Dass er so denkt, überrascht nicht – Zeitgenossen wie Thomas Mann, Hermann Hesse oder Franz Kafka haben sich den Krieg ungefähr so vorgestellt:</p>
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<p>&nbsp;</p>
<h3>Trauma:<br />
Kriegszittern an der Westfront</h3>
<blockquote><p>Die Straße war von großen Blutlachen gerötet; durchlöcherte Helme und Koppeln lagen umher. [&#8230;] Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magneten an diesen Anblick geheftet; gleichzeitig ging eine tiefe Veränderung in mir vor.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Im Sommer 1914 wird der „Kriegsmutwillige“, wie Jünger sich nennt, an die Westfront verlegt. Bis zur Kapitulation im Jahr 1918 wird er 14 Mal verwundet und daraufhin mit dem höchsten Orden des Deutschen Kaiserreichs dekoriert. Für den einfachen Frontsoldaten ist der Krieg ein Karriereschub, Jünger bringt es bis zum Kompanieführer. Trotzdem zweifelt auch er am Sinn des Schlachtens. In seinem Kriegstagebuch heißt es:</p>
<blockquote><p>Lange schon bin ich im Krieg, schon manchen sah ich fallen, der wert war zu leben. Was soll das Morden und immer wieder Morden?</p></blockquote>
<p>Erstmals zeigt sich der Krieg in seiner totalen Form. In vier Jahren sterben 10 Millionen Soldaten, weitere 20 Millionen <a href="http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs">werden verletzt oder verkrüppelt</a>. Und die moderne Psychiatrie wird mit einem neuen Phänomen konfrontiert: der Kriegsneurose. Immer mehr Soldaten kehren seelisch gebrochen von der Front zurück. Weil die Belastungsstörung bei einigen Betroffenen auch zu körperlichen Symptomen führt – einem krampfanfallartigen Schütteln –, nennt man sie Kriegszitterer:</p>
<a href="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FfE-CLofucRI%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
<p>Die Behandlung der Kriegsneurotiker ist ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte der Psychiatrie. Sigmund Freud, der sich von den Methoden seiner Kollegen distanziert, berichtet von Elektroschocks, mit denen die Betroffenen gequält werden, um, so wörtlich, &#8222;das Kranksein noch unleidlicher als den Dienst [zu machen]&#8220;. Wer die Behandlung überlebt, darf zurück an die Front. (Aus: <em>Sigmund Freud, Gutachten über die elektrische Behandlung der Kriegsneurotiker</em>)</p>
<p>Ob auch Ernst Jünger im Krieg traumatisiert wurde, kann heute nicht abschließend geklärt werden. Manche seiner Biografen entdecken deutliche Hinweise für eine seelische Verwundung im Leben des Schriftstellers. Er selbst hat sich nicht öffentlich dazu geäußert. In seinem Werk findet Jünger jedoch eindringliche Bilder für die Todesangst, der ein Soldat ausgeliefert ist:</p>
<blockquote><p>Man stelle sich vor, ganz fest an einen Pfahl gebunden und dabei von einem Kerl, der einen schweren Hammer schwingt, ständig bedroht zu sein. Bald ist der Hammer zum Schwung zurückgezogen, bald saust er vor, dass er fast den Schädel berührt, dann wieder trifft er den Pfahl, dass die Splitter fliegen – genau dieser Lage entspricht das, was man deckungslos inmitten einer schweren Beschießung erlebt.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
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		<title>Das Schiff auf dem Weißmeerkanal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Mar 2017 09:20:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Passagen der sowjetischen Literaturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Passagen aus der sowjetischen Literaturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Stalin]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Im August 1933 befahren über hundert sowjetische Schriftsteller den neuen Weißmeer-Ostsee-Kanal, um über die „Umschmiedung“ der Häftlinge in den Zwangsarbeiterlagern zu berichten. Dabei kommt es zu heiklen Begegnungen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Dies ist der dritte Beitrag der Reihe „Passagen aus der sowjetischen Literaturgeschichte“. Weitere Beiträge:<br />
<a href="http://tell-review.de/das-philosophenschiff/" target="_blank">Das Philosophenschiff</a><br />
<a href="http://tell-review.de/das-narrenschiff/" target="_blank">Das Narrenschiff</a><br />
</div></div>
<p><span class="dropcap">A</span>m 17. August 1933 bricht in Leningrad eine Gruppe von 120 Schriftstellern und Kulturschaffenden zu einer Exkursion auf. Die Teilnehmer stammen aus allen Republiken der Sowjetunion. Sie sollen per Schiff den Weißmeer-Ostsee-Kanal befahren, der kurz vor der Eröffnung steht. Unter ihnen sind bekannte Autoren wie Alexei Tolstoi, Boris Pilnjak und Michail Soschtschenko. Auch der Literaturtheoretiker Viktor Schklowski reist mit. Er hofft, seinen älteren Bruder Wladimir wiederzusehen. Wladimir Schklowski ist im „Weißmeer-Ostsee Besserungsarbeitslager“ (BelBaltLag) inhaftiert – als einer unter Zehntausenden von Strafgefangenen, die den Kanal innerhalb von zwei Jahren mit einfachsten Mitteln errichtet haben, fast ohne Baumaschinen, Stahl oder Beton.</p>
<p>Der Weißmeer-Ostsee-Kanal ist ein Prestigeprojekt des ersten Fünfjahresplans, der 1929 verabschiedet worden war. Josef Stalin hat inzwischen die uneingeschränkte Macht in Staat und Partei. Er treibt die Industrialisierung der Sowjetunion in rasantem Tempo und mit brachialen Methoden voran. Hunderttausende werden in den „Besserungslagern“ interniert und müssen Zwangsarbeit leisten. Zu ihnen zählen Bauern, die im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft deportiert wurden ebenso wie Straftäter und politische Gefangene. Viele sterben an den Strapazen und Entbehrungen.</p>
<div id="attachment_6681" style="width: 639px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6681" data-attachment-id="6681" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/belomorkanal/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?fit=800%2C504&amp;ssl=1" data-orig-size="800,504" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Belomorkanal" data-image-description="&lt;p&gt;Häftlinge beim Bau des Weißmeerkanals&lt;br /&gt;
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Belomorkanal.png&lt;/p&gt;
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<p>Die Schiffsreise auf dem Kanal dient der Öffentlichkeitsarbeit. Die mitfahrenden Autoren sollen den Bau des Kanals als Musterprojekt der Industrialisierung darstellen und dabei berichten, wie Strafgefangene durch Arbeit zu nützlichen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft „umgeschmiedet&#8220; werden. Genrich Jagoda, der Verantwortliche für den Kanalbau, hat die Reise zusammen mit Maxim Gorki organisiert. Gorki ist erst kurz zuvor endgültig in die Sowjetunion zurückgekehrt. Nach der <a href="http://tell-review.de/das-philosophenschiff/#pomgol" target="_blank">Zerschlagung des „Allrussischen Hilfskomitees für die Hungernden“</a> im Jahr 1921 hatte er lange Zeit im Exil verbracht, dabei die Verbindung zur sowjetischen Regierung jedoch nie abreißen lassen. Jagoda, Literaturliebhaber und persönlicher Freund Gorkis, hat als Leiter der Geheimpolizei OGPU seit Ende der 1920er Jahre erheblich dazu beigetragen, die Rückkehr des Schriftstellers in die Sowjetunion vorzubereiten. Gorkis endgültige Heimkehr 1932 wird medienwirksam inszeniert. Spätestens ab diesem Zeitpunkt gilt der weltberühmte proletarische Autor auch in der Sowjetunion als wichtigster Repräsentant der sozialistischen Literatur.</p>
<div id="attachment_6686" style="width: 639px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6686" data-attachment-id="6686" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?fit=654%2C436&amp;ssl=1" data-orig-size="654,436" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="1935_genrich_jagoda_maxim_gorki" data-image-description="&lt;p&gt;Genrich Jagoda und Maxim Gorki&lt;br /&gt;
1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg&lt;br /&gt;
Gemeinfrei, via &lt;a href=&quot;https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg&quot;&gt;Wikimedia Commons&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Maxim Gorki und Genrich Jagoda&lt;/p&gt;
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<p>Die Betreuung der Kulturschaffenden übernimmt die OGPU. Semjon Firin, OGPU-Hauptmajor und Leiter des BelBaltLag, begleitet die Gruppe. Die Reisenden werden opulent bewirtet: Es gibt Kaviar, Stör, Schweinebraten, geräucherte Wurst, Schokolade, Wodka, Wein und Champagner. Schklowski hat keinen rechten Appetit – er muss an die Hungerkatastrophe im Süden der Sowjetunion denken, die infolge der Zwangskollektivierung ausgebrochen ist.</p>
<p>Die Autoren besichtigen das Lager, in dem Schklowskis Bruder und Tausende anderer Gefangene – offiziell „Kanalarmisten“ – inhaftiert sind. Die Schauspielerin Tamara Iwanowa, die ihren Mann, den Schriftsteller Wsewolod Iwanow, auf der Reise begleitet, erinnert sich:</p>
<blockquote><p>Sie zeigten uns potemkinsche Dörfer – mir war das schon damals klar. Ich konnte nicht an mich halten und fragte Wsewolod und Michail Soschtschenko: Merkt ihr denn wirklich nicht, dass der Auftritt der ‚umgeschmiedeten‘ Häftlinge Theater ist und die Hütten mit Palisadenzäunen und die mit sauberem Sand bestreuten Wege bloß Kulissen? Sie erwiderten aufrichtig (beide glaubten an die Möglichkeit des Umschmiedens), dass man einen Menschen vor allem in sehr gute Verhältnisse bringen müsse, um ihn umzuerziehen – in ganz andere Verhältnisse als die, aus denen er in die Welt des Verbrechens geraten sei. […] So unwahrscheinlich es klingt: Sowohl Wsewolod als auch Soschtschenko glaubten ihnen. Und vor allem, sie wollten glauben.</p></blockquote>
<p>Im Lager kommt es zu einer heiklen Begegnung. Die Schriftsteller treffen überraschend auf einen inhaftierten Kollegen, den Dichter Sergei Alymow. Der ehemalige Futurist und Autor des beliebten Liedes „Über Täler, über Höhen schritt die Division voran“ ist als Redakteur für die Lagerzeitung <em>Perekowka</em> („Die Umschmiedung“) verantwortlich. Alymows Moskauer Bekannte versuchen, die Verlegenheit mit Schulterklopfen und Scherzen zu überbrücken, aber er spielt nicht mit. Schließlich setzt sich der Lyriker Alexander Besymenski beim Lagerkommandanten Semjon Firin, der die Gruppe begleitet, für Alymow ein. Alexander Awdejenko, der als junger Nachwuchsautor mit dabei ist, beschreibt die Szene in seinen Erinnerungen so:</p>
<blockquote><p>Sascha Besymenski konnte es nicht lassen, zu witzeln: „Serjoscha soll hier die Schubkarre über Täler, über Höhen schieben.“ Alle lachten, auch Firin. Alymow brachte nicht einmal ein Lächeln zustande. Seine Augen verdüsterten sich wie eine aufgequollene Regenwolke. Besymenski machte sich die heitere und offensichtlich freundschaftliche Stimmung Firins zunutze und sagte: „Semjon Grigorjewitsch, ich muss einfach ein gutes Wort einlegen und Sie bitten, dem Kollegen die Strafe zu verkürzen.“ „Schon geschehen. Alymow wird bald nach Moskau zurückkehren.“ Mit diesen Worten entfernte sich Firin, weil er zu tun habe. &#8222;Serjoscha, weshalb bist du denn nun hier gelandet?&#8220; fragte Besymenski jetzt ganz im Ernst. Der Kanalarmist Alymow winkte ab und kletterte weinend auf die obere Pritsche.</p></blockquote>
<div id="attachment_6678" style="width: 396px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6678" data-attachment-id="6678" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/386px-bbk_poster/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/386px-BBK_poster.jpg?fit=386%2C599&amp;ssl=1" data-orig-size="386,599" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="386px-BBK_poster" data-image-description="&lt;p&gt;Plakat Weißmeerkanalarbeiter&lt;br /&gt;
386px-BBK_poster.jpg&lt;br /&gt;
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" data-image-caption="&lt;p&gt;Agitationsplakat aus der Zeit des Kanalbaus:&lt;br /&gt;
„Kanalarmist! Durch heiße Arbeit schmilzt dein Strafmaß“&lt;/p&gt;
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<p>Viktor Schklowski hat noch in Moskau die Genehmigung für Treffen mit seinem inhaftierten Bruder Wladimir erwirkt. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der zutiefst gläubige Wladimir – er hat als Philologe Dantes <em>De vulgari eloquentia</em> erstmals ins Russische übersetzt – ist im nachrevolutionären Russland wegen illegaler Missionstätigkeit und politischer Unzuverlässigkeit immer wieder verhaftet worden. Schon vor Jahren hat er den Kontakt zu seinem jüngeren Bruder Viktor eingestellt, weil er ihn nicht in Schwierigkeiten bringen möchte.</p>
<div id="attachment_6683" style="width: 270px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6683" data-attachment-id="6683" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/sklovsky/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?fit=260%2C348&amp;ssl=1" data-orig-size="260,348" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Sklovsky" data-image-description="&lt;p&gt;Viktor Schklowski in den 1920er Jahren&lt;br /&gt;
Gemeinfrei https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sklovsky.jpg&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Viktor Schklowsky&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?fit=224%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?fit=260%2C348&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-6683" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?resize=260%2C348" alt="" width="260" height="348" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?w=260&amp;ssl=1 260w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?resize=224%2C300&amp;ssl=1 224w" sizes="auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px" /><p id="caption-attachment-6683" class="wp-caption-text">Viktor Schklowski</p></div>
<p>Denn auch dieser befindet sich in einer heiklen Lage. Er gehörte in den ersten Revolutionsjahren der Partei der Sozialrevolutionäre an und galt damit als Gegner der Bolschewiki. 1922 war er über die zugefrorene Ostsee nach Finnland geflohen, um einer Verhaftung als Konterrevolutionär zu entgehen. Nach zweijährigem Exil, das er überwiegend in Berlin verbracht hat, ist er 1924 auf eigenes Ersuchen, unterstützt durch die Fürsprache Gorkis und Majakowskis, in die Sowjetunion zurückgekehrt. Die literaturtheoretischen Arbeiten der Gruppe OPOJAZ („Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache“), der er Anfang der zwanziger Jahre angehörte, werden inzwischen als „Formalismus“ verurteilt. Im Jahr 1930 muss er sie öffentlich als wissenschaftlichen Irrtum widerrufen. Es gelingt ihm, sich als vielseitiger und produktiver Autor zu etablieren, aber der Makel des ehemaligen Konterrevolutionärs bleibt an ihm haften.</p>
<p>Das Wiedersehen der beiden Brüder im Gulag fällt kurz aus. Gut vierzig Jahre später erinnert sich Viktor Schklowski daran im Gespräch mit der italienischen Slawistin Serena Vitale:</p>
<blockquote><p>Ich hielt die Tränen zurück, als ich ihn sah. „Erkennst du mich?“ flüsterte ich. „Nein“, erwiderte er mit fester Stimme – er hatte Angst um mich. Oder vor mir?</p></blockquote>
<p>Viktor lässt seinem Bruder ein Päckchen Zigaretten da. Auf die Frage des begleitenden Aufsehers, wie er sich nach der Begegnung fühle, antwortet er: „Wie ein lebender Fuchs im Pelzladen.“</p>
<div id="attachment_6695" style="width: 1310px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6695" data-attachment-id="6695" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/weissmeerkanal-buch/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?fit=1300%2C531&amp;ssl=1" data-orig-size="1300,531" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Weißmeerkanal (Buch)" data-image-description="&lt;p&gt;Das Buch &amp;#8222;Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal&amp;#8220;&lt;br /&gt;
Fotograf unbekannt&lt;br /&gt;
https://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.auction-imperia.ru%2Fi%2Fbooklot%2F1235152682.jpg&amp;#038;imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.auction-imperia.ru%2Fwdate.php%3Ft%3Dbooklot%26i%3D121&amp;#038;docid=720CDsP5zpPhCM&amp;#038;tbnid=U0xG2nTVqbHJ8M%3A&amp;#038;vet=1&amp;#038;w=1300&amp;#038;h=531&amp;#038;hl=de&amp;#038;bih=900&amp;#038;biw=1600&amp;#038;q=%D0%91%D0%B5%D0%BB%D0%BE%D0%BC%D0%BE%D1%80%D1%81%D0%BA%D0%BE-%D0%91%D0%B0%D0%BB%D1%82%D0%B8%D0%B9%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%B9%20%D0%BA%D0%B0%D0%BD%D0%B0%D0%BB%20%D0%B8%D0%BC%D0%B5%D0%BD%D0%B8%20%D0%A1%D1%82%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0&amp;#038;ved=0ahUKEwjsxobT4YbSAhVTb5oKHQVLADwQMwgcKAIwAg&amp;#038;iact=mrc&amp;#038;uact=8#h=531&amp;#038;imgrc=U0xG2nTVqbHJ8M:&amp;#038;vet=1&amp;#038;w=1300&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Das Buch „Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal“&lt;/p&gt;
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<p>Die sowjetische Presse berichtet ausgiebig über die Reise der Autoren. Die Teilnehmer selbst publizieren zahlreiche Artikel und Aufsätze. Anfang 1934, anlässlich des XVII. Parteitags der KPdSU (B), erscheint das Buch <em>Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal: Geschichte des Baus 1931-1934</em>. Herausgegeben wird das Gemeinschaftswerk von Maxim Gorki, Leopold Awerbach, einem Schriftsteller, Literaturfunktionär und glühenden Stalinisten, sowie Semjon Firin, dem Leiter des Besserungslagers BelBaltLag. Die Fotos stammen von Alexander Rodtschenko, einem der bekanntesten konstruktivistischen Maler und Grafiker Russlands. Zu den 36 genannten Autoren gehört auch Sergei Alymow. Die Mitarbeit ist der Preis für seine Freilassung, die nach seinem Tränenausbruch bei dem Gespräch im Lager eilig in die Wege geleitet worden war.</p>
<p>Am häufigsten taucht im Inhaltsverzeichnis jedoch der Name Viktor Schklowski auf. Er hat an mehr Kapiteln mitgearbeitet als alle anderen Autoren. Sein Bruder Wladimir kommt noch im gleichen Jahr frei, nachdem er sein Strafmaß verbüßt hat und, wie Zehntausende anderer Zwangsarbeiter, nicht mehr benötigt wird. Denn der Weißmeer-Ostee-Kanal ist vollendet. An seiner Einfahrt prangen die Bildnisse von Stalin und Jagoda.</p>
<div id="attachment_6680" style="width: 674px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6680" data-attachment-id="6680" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/1933_entrance_belomor_canal/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?fit=664%2C224&amp;ssl=1" data-orig-size="664,224" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="1933_entrance_belomor_canal" data-image-description="&lt;p&gt;Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal 1933 mit den Porträts von Stalin und Jagoda (später ausgelöscht)&lt;br /&gt;
1933_entrance_belomor_canal.png&lt;br /&gt;
See page for author [Public domain], &lt;a href=&quot;https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1933_entrance_belomor_canal.png&quot;&gt;via Wikimedia Commons&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Die Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal mit den Porträts von Stalin und Jagoda.&lt;br /&gt;
Das Foto ist von 1933. Das Porträt Jagodas wurde später unkenntlich gemacht.&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?fit=300%2C101&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?fit=664%2C224&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-6680" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?resize=664%2C224" alt="" width="664" height="224" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?w=664&amp;ssl=1 664w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?resize=80%2C27&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?resize=300%2C101&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 664px) 100vw, 664px" /><p id="caption-attachment-6680" class="wp-caption-text">Die Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal. Links und rechts sind die Porträts von Stalin und Jagoda. Das Foto wurde 1933 aufgenommen. Das Porträt Jagodas wurde nachträglich unkenntlich gemacht.</p></div>
<p>Nach der Fertigstellung des Kanals übernimmt Genrich Jagoda die Leitung des Geheimdienstes NKWD. Im August 1936, zwei Monate nach Maxim Gorkis Tod, leitet er den ersten Moskauer Schauprozess. Im März 1937 wird er selbst als Volksfeind verhaftet. Im dritten Schauprozess, ein Jahr später, zählt er zu den Hauptangeklagten.</p>
<p>Jagodas Todesurteil wird unverzüglich in der Lubjanka vollstreckt, der Zentrale des Geheimdienstes, den er geleitet hat. Im August 1937 werden die beiden noch lebenden Herausgeber des Buches ebenfalls erschossen – Leopold Awerbach und der ehemalige Gulag-Kommandant Semyon Firin. Sein Häftling Wladimir Schklowski überlebt ihn um drei Monate, bevor diesen das gleiche Schicksal trifft. Nur Sergei Alymow bleibt verschont. Er stirbt 1948 bei einem Autounfall.</p>
<p>Das Buch über den Weißmeer-Ostsee-Kanal wird drei Jahre nach Erscheinen aus dem Verkehr gezogen. Zu viele der Namen, die darin vorkommen, gehören inzwischen Volksfeinden.</p>
<hr />
<div class="su-row">
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
<strong><span style="font-size: 80%;">Quellen:</span></strong></p>
<ul>
<li><span style="font-size: 80%;">Avdejenko, Ak´leksandr: Nakazanie bez prestupleniya<br />
Sovetskaja Rossija, 1991</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Ivanova, Tamara: Ešče o «nasledstve», o «dolge» i «prave».</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Byl li Vsevolod Ivanov «ždanovcem»?</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Knižnoe obozrenie. 1989. № 34</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Klein, Joachim: Belomorkanal. Literatur und Propaganda der Stalinzeit</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Zeitschrift für Slavische Philologie, 1995/1996, LV, 53-98</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Vitale, Serena: Shklovsky: Witness To An Era</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Translated by Jamie Richards</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Russian Literature, 2013</span><br />
<span style="font-size: 80%;">ISBN: 978-1564787910</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Website: <a href="http://aquaviva.ru/journal/vladimir-shklovskiy-1889-1937" target="_blank">Vladimir Šklovskij (1889-1937)<br />
</a>Voda živaja – Sankt-Peterburgskij cerkovnyj vestnik</span></li>
</ul>
<ul>
<li><span style="font-size: 80%;">Artikel der russischen Wikipedia, insbesondere:</span></li>
</ul>
<p><span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%B5%D0%BB%D0%B1%D0%B0%D0%BB%D1%82%D0%BB%D0%B0%D0%B3" target="_blank">Belbaltlag</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%B5%D0%BB%D0%BE%D0%BC%D0%BE%D1%80%D1%81%D0%BA%D0%BE-%D0%91%D0%B0%D0%BB%D1%82%D0%B8%D0%B9%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BA%D0%B0%D0%BD%D0%B0%D0%BB" target="_blank">Belomorsko-Baltijskij Kanal</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Беломорско-Балтийский_канал_имени_Сталина_(книга)" target="_blank">Belomorsko-Baltijski Kanal imeni Stalina (kniga)</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9C%D0%B0%D0%BA%D1%81%D0%B8%D0%BC_%D0%93%D0%BE%D1%80%D1%8C%D0%BA%D0%B8%D0%B9" target="_blank">Maksim Gor&#8217;kij</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%AF%D0%B3%D0%BE%D0%B4%D0%B0,_%D0%93%D0%B5%D0%BD%D1%80%D0%B8%D1%85_%D0%93%D1%80%D0%B8%D0%B3%D0%BE%D1%80%D1%8C%D0%B5%D0%B2%D0%B8%D1%87" target="_blank">Jagoda, Genrich Grigor&#8217;evič</a></span></p>
<ul>
<li><span style="font-size: 80%;">Artikel der deutschen Wikipedia:</span></li>
</ul>
<p><span style="font-size: 80%;"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wiktor_Borissowitsch_Schklowski" target="_blank">Wiktor Borissowitsch Schklowski</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Genrich_Grigorjewitsch_Jagoda" target="_blank">Genrich Grigorjewitsch Jagoda</a></span></p>
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild: Bauarbeiten am Weißmeer-Ostsee-Kanal 1932 (Panoramabild)</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1932_belomorkanal.png">via Wikimedia Commons<br />
</a></em><em><br />
Häftlinge beim Bau des Weißmeerkanals</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Belomorkanal.png">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Maxim Gorki und Genrich Jagoda</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Agitationsplakat aus der Zeit des Kanalbaus</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:BBK_poster.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Viktor Schklowski</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sklovsky.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Buch „Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal“: © auction-imperia.ru</em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal 1933</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1933_entrance_belomor_canal.png">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
</div></div>
</div>
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		<title>Hans Henny Jahnn – oder wie man eine Sekte gründet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Mar 2017 09:07:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
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		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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		<category><![CDATA[Ugrino]]></category>
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					<description><![CDATA[Investieren Sie jetzt in den krisenfesten Glaubensmarkt und werden Sie Erlösungsdienstleister! Wo Angst herrscht, sind Religionen nicht weit. Davon können auch Sie profitieren!]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;<a href="http://tell-review.de/author/johannes-spengler/">Die Hundertjährigen</a>&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<h4>Einen neuen Gott erfinden</h4>
<div id="attachment_6850" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6850" data-attachment-id="6850" data-permalink="https://tell-review.de/hans-henny-jahnn-oder-wie-man-eine-sekte-gruendet/jahnn-ugrino-tracht/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Jahnn-Ugrino-Tracht.jpg?fit=212%2C300&amp;ssl=1" data-orig-size="212,300" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Jahnn Ugrino-Tracht" data-image-description="&lt;p&gt;Schriftsteller Hans Henny Jahnn, Ugrino, Tracht&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Kultfigur: Der Schriftsteller und Sekten-Gründer Hans Henny Jahnn in der typischen Ugrino-Tracht.&lt;/p&gt;
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<p>Glückwunsch, Sie haben sich dazu entschieden, eine Religion zu gründen! Um sich erfolgreich auf dem Glaubensmarkt zu etablieren, brauchen Sie eine Marke mit hohem Wiedererkennungswert. Mit anderen Worten: einen Gott. Um Ihr Produkt von bereits existierenden Marken abzugrenzen, müssen Sie die Unique Selling Points deutlich hervorheben. Wie das Beispiel des Schriftstellers Hans Henny Jahnn zeigt, kann dies ein langer Prozess sein – doch es lohnt sich!</p>
<p>Hans Henny Jahnn, am 17. Dezember 1894 in Hamburg geboren, gründet bereits zu Schulzeiten eine Glaubensgemeinschaft. Doch das Start-up ist zum Scheitern verurteilt, zu eng ist das Produkt ans Christentum angelehnt. So versucht Jahnn etwa gegenüber seinen Eltern, Lehrern und Mitschülern, immer die Wahrheit zu sagen und niemals zu lügen. Viele Anhänger gewinnt er damit nicht. Stattdessen droht sein Vater mit einer Zwangseinweisung in die Irrenanstalt – Jahnn bricht das Experiment ab. Durch den Fehlschlag erkennt er, dass seine radikale Bibelauslegung potenzielle Anhänger verschreckt. Um sich neu zu orientieren, wendet er sich vom Christentum ab. Als Jugendlicher schreibt Jahnn:</p>
<blockquote><p>Jeder muss sich seine Religion selbst bauen, jeder muss sich mit seinem Gott aussöhnen. Doch nach dem Tode gibt es kein Glauben und Hoffen mehr, nur Leben. Das Menschlich <strong>[sic!]</strong> Leben liegt vor dir, es wird dich erziehen. Nur den Rat möchte ich dir geben, suche die Gottheit nicht in fernen Welten.<br />
(Aus: <em>Der Tod ist das ewige Leben</em>)</p></blockquote>
<h4>Schwächen in Stärken umwandeln</h4>
<p>Jahnns neue Strategie besteht aus der vollständigen Ablehnung des Christentums sowie der wilhelminischen Gesellschaftsmoral. Um sinnsuchende Altersgenossen anzusprechen, entwickelt er ab 1915 – Jahnn ist damals 21 Jahre alt – eine freigeistige Marke mit dem Namen Ugrino. Die Weltanschauung der Sekte wird in dem Romanfragment <em>Ugrino und Ingrabanien</em> ausführlich beschrieben. Programmatisch heißt es:</p>
<blockquote><p>»Im Anfang war das Wort –« Lüge, Lüge! – Im Anfang war der Leib, die Liebe, Gott, Brunft, Hochzeit, Bildhauer, Marmor, Bronze.</p></blockquote>
<p>Der Grundgedanke von Ugrino besteht darin, das christliche Prinzip der Trennung von Körper und Seele aufzuheben. Jahnns Kunstreligion feiert den Körper, das sinnliche Erleben und die sexuelle Freiheit. Jahnn will mit Ugrino eine liberale Gesellschaft erschaffen, die Außenseiter vorurteilslos begrüßt. Seine Motivation dafür ist verständlich: Aufgrund der lebenslangen Liebe zu seinem Schulkameraden Gottfried Harms – 1913 heiraten die beiden inoffiziell – wird Jahnn früh aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen. In seinem Tagebuch notiert er 1915 verzweifelt:</p>
<blockquote><p>Wie, und meint Ihr, es gibt nur Hochzeit zwischen Mann und Frau? [&#8230;] Warum habt Ihr Euch darauf gelegt, das Norm zu nennen, wenn ein Mann sein Glied in den Schoß einer Frau einführt? Die Norm gibt es nicht. Es sind Qual und Not und Lust und Liebe zu einem Strick zusammengeflochten, aber die Lösungen, die glutenden Erlösungen, [&#8230;] sie sind von Gott gefügt.</p></blockquote>
<p>Die ersten Mitglieder von Ugrino rekrutieren sich aus dem Freundeskreis von Jahnn und Harms. Hauptsächlich besteht die Gruppe aus jungen Männern wie dem Bildhauer Franz Buse oder dem Mäzen Lorenz Jürgensen. Zusammen verfolgen sie unterschiedliche Ziele: Jahnn will den Orgelbau reformieren, gleichzeitig gründet die Sekte einen Musikverlag, um vergessene Komponisten wie Dietrich Buxtehude zu kanonisieren. In der Öffentlichkeit gibt sich die Sekte unterdessen so freizügig und wild wie möglich – um die Scheinmoral ihrer Zeit zu entlarven.</p>
<p>Ob Sie mit Ihrer eigenen Sekte den Körper, die Seele, Bäume oder das Fliegende Spaghettimonster zu Gott erklären, steht Ihnen frei – Hauptsache es verkauft sich! Plausibilität spielt keine Rolle. Religion beruht auf einer engen Beziehung zum Nichtwissen, sie beantwortet Fragen, auf die es naturgemäß keine Antworten gibt. Scientologen etwa geben all ihr Geld für dieses Produkt aus:</p>
<a href="https://tell-review.de/hans-henny-jahnn-oder-wie-man-eine-sekte-gruendet/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FSHoMxP4K1to%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
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		<title>Die Reise, die niemals endet – Malcolm Lowry und 10 Tipps für unterwegs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Sep 2016 09:54:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Malcolm Lowry]]></category>
		<category><![CDATA[Reiseliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Schriftsteller Malcolm Lowry war Matrose, Weltenbummler, Trinker und Autor des modernen Klassikers "Unter dem Vulkan". Das Reisen und die Fremde - darum drehte sich Malcom Lowrys Leben und seine Literatur. Ein Trip in zehn Etappen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;Die Hundertjährigen&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<p><span class="dropcap">M</span>alcolm Lowry ist der Backpacker der Weltliteratur. Den Großteil seines Lebens verbringt der gebürtige Engländer im Ausland, nur zum Sterben kommt er in die Heimat zurück. Geblieben sind Lowrys Romane und Briefe, voll mit praktischen Tipps fürs Ausland, die nicht im <em>Lonely Planet</em> stehen.</p>
<h4 id="unterwegs"><strong>1. [Unterwegs]: </strong>Hör auf anzukommen!</h4>
<blockquote><p>Und so sehe ich mich zuweilen als einen großen Forscher, der ein außerordentliches Land entdeckt hat, aus dem er niemals zurückkehren kann, um der Welt davon zu berichten; aber der Name dieses Landes ist Hölle.<br />
(Aus: <em>Unter dem Vulkan</em>)</p></blockquote>
<div id="attachment_4821" style="width: 252px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4821" data-attachment-id="4821" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170713821_0002/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170713821_0002.jpg?fit=813%2C1009&amp;ssl=1" data-orig-size="813,1009" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Malcolm und Margerie Lowry" data-image-description="&lt;p&gt;Malcolm Lowry und Margerie Lowry bei Vancouver, Kanada.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Malcolm Lowry mit seiner Ehefrau Margerie in der Nähe von Vancouver, Kanada.&lt;/p&gt;
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<p>Reisen ist eine gefährliche Angelegenheit – hat dich einmal das Fernweh gepackt, gibt es kein Zurück. Malcolm Lowry macht diese Erfahrung bereits in der Jugend. Am 28. Juli 1909 wird der Dauertourist als Kind reicher <strong>[→<a href="#geld">Geld]</a></strong>, aber engstirniger Eltern in der Nähe von Liverpool geboren. Um dem Elternhaus zu entfliehen, heuert er im Alter von 17 Jahren als Schiffsjunge auf der <em>Pyrrhus</em> an. Für sein Studium wird er noch einmal nach England zurückkehren. Da hat ihn das Fernweh jedoch bereits gepackt. Kaum hat er den Abschluss in der Tasche, kann die Odyssee beginnen.</p>
<p>Mit kurzen Unterbrechungen ist Lowry lebenslang unterwegs. Er verbringt elternfinanzierte Auslandssemester in Frankreich, Italien und Mexiko, bereist exotische Orte wie Shanghai, Bonn oder den siebten Höllenkreis <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong> und wandert schließlich nach Kanada aus. Knapp 14 Jahre lang wohnt der Aussteiger in einer ärmlichen Fischerhütte in der Nähe von Vancouver. Nach England kehrt er erst im Jahr 1955 zurück – zwei Jahre später stirbt er.</p>
<h4 id="gepäck"><strong>2. [Gepäck]: </strong>Vergiss dein Gepäck!</h4>
<blockquote><p>Ich bin mir darüber kein bisschen im Klaren, aber in einem mexikanischen Gefängnis muss man manchmal aus einem Pisspott trinken. (Besonders, wenn man keinen Ausweis hat.)<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Unerfahrene Backpacker erkennst du am großen Rucksack. Echte Profis reisen nur mit wenig oder ganz ohne Gepäck. Lowry stellt das bereits an Bord der <em>Pyrrhus</em> fest, wo er komplett ausgeraubt wird. Danach reist er so leicht wie möglich: Als er im Jahr 1933 seinen <strong>→<a href="#partner">Partner</a> </strong>Conrad Aiken in den USA besucht, hat er nur das Manuskript seines ersten Romans <em>Ultramarin</em> sowie ein paar Socken und seine Ukulele dabei.</p>
<p>Ganz ohne einen gültigen Pass oder Kleidung zum Wechseln zu reisen, ist allerdings nicht gerade einfach. Ständig sind pingelige Grenzbeamte und <strong>→<a href="#locals">Locals</a></strong> hinter Lowry her. Doch sobald der Weltenbummler aus einem Land hinausgeworfen wird, zieht es ihn ins nächste. Pragmatisch gesinnt, macht Lowry das Beste aus dem Wenigen, das er hat, benutzt seinen Schlips als Gürtel und staubt die letzte Hose ab, bevor er sie für <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a> </strong>verpfändet.</p>
<h4 id="alkohol"><strong>3. [Alkohol]: </strong>Trink so viel du kannst!</h4>
<blockquote><p>Dann sagte Fernando etwas so Schönes, mit einem so traurigen Akzent&#8230;: «Ich bin ein Trinker.»<br />
(Aus: <em>Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt</em>)</p></blockquote>
<div id="attachment_4824" style="width: 247px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4824" data-attachment-id="4824" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170753351_0002/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170753351_0002.jpg?fit=1289%2C1953&amp;ssl=1" data-orig-size="1289,1953" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Malcolm Lowry mit Gin" data-image-description="&lt;p&gt;Malcolm Lowry bei der Arbeit mit einer Flasche Gin.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Malcolm Lowry bei der Arbeit mit einer Flasche Gin.&lt;/p&gt;
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<p>Im Ausland wirst du zuerst eine unangenehme Erfahrung machen, die man als Kulturschock bezeichnet. Plötzlich versagt dir die Sprache, der Alltag, die Sitten, sogar das Essen ist anders. Zum Glück kennt Lowry ein Heilmittel: Alkohol! Du wirst sehen, Alkohol ist die Lösung aller Probleme – lallend überwindest du jede Sprachbarriere und gewinnst schnell neue Freunde, um dich im fremden Land zurecht zu finden. Dank der alkoholbedingten Impotenz bleibt dir außerdem die Peinlichkeit erspart, bei exotischen Frauen abzublitzen <strong>[→</strong><a href="#sex"><strong>Sex</strong></a><strong>]</strong>.</p>
<p>Leider kann Alkohol auch Komplikationen verursachen. Der Quartalssäufer Lowry schlägt im Vollsuff ein Pferd k.o., streichelt einen Hasen zu Tode <strong>[→<a href="#lügen">Lügen</a>]</strong> und landet laut eigener Darstellung in jedem Gefängnis, jedem Krankenhaus und jeder Psychiatrie auf seinem Weg. Doch am nächsten Morgen ist alles vergessen. Noch mehr klassische Lowry-Momente kannst du dir hier anschauen:</p>
<a href="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2F4E7jRLLWJ9Q%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
<p>Alkohol ist für den Dipsomanen Lowry mehr als ein Ausweg, er ist eine Inspiration. Während Lowry sich immer tiefer in den Abgrund säuft, sammelt er Berge von Notizen, im Delirium tremens locker auf Speisekarten, Fahrplänen und Servietten gekritzelt, um seinen Untergang zu dokumentieren. Nach jahrelanger <strong>→ <a href="#arbeit">Arbeit</a></strong> entsteht daraus der Roman <em>Unter dem Vulkan,</em> ein Meisterwerk, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mit <em>Ulysses</em> von James Joyce verglichen wird.</p>
<h4 id="lügen"><strong>4. [Lügen]: </strong>Du sollst lügen!</h4>
<blockquote><p>Aber zu jener Zeit war der arme Konsul kaum noch imstande, die Wahrheit zu sagen, und was er von seinem Leben erzählte, hörte sich wie ein überspannter Roman an.<br />
(Aus: <em>Unter dem Vulkan</em>)</p></blockquote>
<p>Im Ausland musst du dir angewöhnen, die Wahrheit strategisch zu nutzen. Erzähl´ deinen Eltern niemals, dass du gerade durch Rom turnst und dich regelmäßig betrinkst. Merke dir deshalb folgenden Satz: &#8222;Ich bin total damit beschäftigt, die Kultur von [Name des Landes] kennenzulernen.&#8220; Sonst sitzt du schnell auf dem Trockenen. Nimm dir ein Beispiel an Lowry! Seine Briefe sind gespickt mit großen und kleinen Lügen, um vom Verleger mehr Zeit zum Schreiben zu ertricksen und vom Vater mehr <strong>→<a href="#geld">Geld</a></strong>.</p>
<p>Keine Angst vor Skrupeln: Lügen ist einfach – du musst bloß selbst daran glauben. Ein guter Lügner wie Lowry kann irgendwann nicht mehr zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden. Stimmt es etwa, dass Lowry von einer Babysitterin misshandelt wurde? Ist er als Kind wirklich für vier Jahre erblindet? Stammt die gezackte Narbe am Knie von einer Schusswunde oder von einem Fahrradunfall? Und wie war das mit dem Hasen? <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong></p>
<p>Aus heutiger Sicht lassen sich Mythos und Wahrheit nur schwer voneinander trennen. Da Lowrys Romane radikal autobiografisch sind, gehört die Legendenbildung auch zu seiner schriftstellerischen <strong>→<a href="#arbeit">Arbeit</a></strong>. Geradezu planmäßig schmückt er die eigene Vergangenheit aus, um seine Figuren – allesamt kaum verhohlene Alter Egos – mit einer Geschichte auszustaffieren. Welche Anekdoten Lowry erfunden hat, um sie später als Material für seine Romane zu benutzen, ist deshalb nur schwer zu überprüfen.</p>
<h4 id="geld"><strong>5. [Geld]: </strong>Schnorr´ so viel du kannst!</h4>
<blockquote><p>Ich kann mir nicht vorstellen, wie Du mir helfen könntest; oder irgendein anderer, außer man schickt mir Geld, das unvermeidlich schlecht angewandt werden wird.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<div id="attachment_4823" style="width: 258px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4823" data-attachment-id="4823" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170713821_0001/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170713821_0001.jpg?fit=1285%2C1553&amp;ssl=1" data-orig-size="1285,1553" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Fischerhütte" data-image-description="&lt;p&gt;Die Fischerhütte von Malcolm Lowry in Dollarton, Kanada.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;    Die Fischerhütte in Dollarton, Kanada. Nachdem die erste Hütte abbrennt, baut Malcolm Lowry die zweite Hütte mit eigenen Händen wieder auf.&lt;/p&gt;
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<p>Im Ausland bist du von spendablen Geldgebern abhängig (Erasmus-Amt, Eltern, Oma). Dafür musst du dich nicht schämen. Auch Lowry finanziert seine Reisen <strong>[→<a href="#unterwegs">Unterwegs</a>]</strong> mit dem Geld seiner Eltern, rund 100 Dollar bekommt er im Monat. Erst, als 1947 <em>Unter dem Vulkan</em> veröffentlicht wird – da ist Lowry bereits 38 Jahre alt – hat er ein eigenes Einkommen.</p>
<p>Trotzdem bleibt Lowrys finanzielle Situation desaströs. Ständig wird er von Halsabschneidern und korrupten Beamten abgezockt. Im Scheidungsprozess von seiner ersten Frau Jan Gabrial erklärt das Gericht ihn wegen seiner <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a></strong>-Sucht sogar für unzurechnungsfähig. Seitdem verwaltet Margerie Bonner, seine zweite Frau und lebenslange <strong>→<a href="#partner">Partnerin</a></strong>, das Lowry´sche Vermögen. Er selbst bekommt keinen Cent.</p>
<h4 id="sex"><strong>6. [Sex]: </strong>Keine Angst vor Geschlechtskrankheiten!</h4>
<blockquote><p>«Auf der vorletzten Fahrt, in Moji war´s, hab ich mir´s eingefangen, den schönsten Tripper, den du je gesehen hast; vorletzte Fahrt, auf der Maharajah – sie liegt jetzt hier im Hafen&#8230;»<br />
(Aus: <em>Ultramarin</em>)</p></blockquote>
<p>Im Jahr 2014 verkündet die EU-Bildungskommissarin: Erasmusstudenten haben europaweit eine <a href="http://www.migazin.de/2014/09/24/eine-million-erasmus-babys/">Millionen Babys gezeugt</a>. Reisen ist sexy! Unbekannt ist allerdings, wie viele der Studenten sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben. Natürlich schützt ein Kondom vor Tripper, Aids und Syphilis. Sicherer ist jedoch, du verzichtest ganz auf Sex – schau einfach im anatomischen Museum vorbei. Als Lowry fünf Jahre alt ist, wird er von seinem Vater als Abschreckungsmaßnahme dazu gezwungen, syphilitisch deformierte Geschlechtsteile im anatomischen Museum von Liverpool zu betrachten. Danach ist Lowry vom Sex geheilt. Anfangs mag es dir schwerfallen, auf Sex zu verzichten. Doch zum Glück gibt es ja <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a></strong>!</p>
<h4 id="arbeit"><strong>7. [Arbeit]: </strong>Probier dich aus!</h4>
<blockquote><p>Ich bin jetzt so weit, dass ich jede Nacht fünf Romane im Kopf schreibe, mich auch vollkommen daran erinnere (was auch immer das heißen mag), aber unfähig bin, auch nur ein Wort zu schreiben.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Niemand erwartet von dir, dass du im Ausland<strong> →<a href="#geld">Geld</a></strong> verdienst. Wenn du zwischendurch nüchtern bist, solltest du deshalb eigene unprofitable Projekte anstoßen. Lowry ist ein echter Meister im Ausprobieren. Ständig schreibt er um, arrangiert neu und begreift keines seiner Werke als fertig – nicht einmal die abgeschlossenen. Insgesamt kommen auf jede veröffentlichte Romanseite rund 200 unveröffentlichte Seiten Manuskript. Die Novelle <em>Die letzte Adresse</em> fordert er vom Verleger zurück, obwohl sie bereits angenommen ist.</p>
<p>Deine Projekte sollten außerdem von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Lowry zum Beispiel plant, sein gesamtes Werk durch Querverweise in einem Romanzyklus zusammenzufassen. Arbeitstitel: <em>Die Reise, die niemals endet</em>. Der Zyklus ist an Dantes <em>Göttliche Komödie</em> angelehnt und soll den Aufstieg von der Hölle zum Himmel beschreiben. Ein gewaltiges Projekt, für das Lowry auch <em>Unter dem Vulkan</em> überarbeiten will. Der Roman soll das Inferno <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong> darstellen. Als Paradiso ist das 2000 Seiten starke Manuskript von <em>In Ballast to the White Sea</em> vorgesehen, das 1944 vollständig verbrennt. Das <strong>→<a href="#schicksal">Schicksal</a></strong> hält keinen Himmel für Lowry bereit.</p>
<h4 id="partner"><strong>8. [Partner]: </strong>Reise niemals alleine!</h4>
<blockquote><p>Nichtsdestotrotz müssen meine Pläne für die Zukunft Margerie mit einschließen, wie Du wohl verstehen kannst; denn unsere Zuneigung zueinander ist das einzige, was mich am Leben und bei Gesundheit hält.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Reisen ist mit allerlei lästigen Aufgaben und Pflichten verbunden. Du brauchst deshalb einen Reisepartner, der dein <strong>→<a href="#gepäck">Gepäck</a></strong> schleppt und dich aus dem Gefängnis freikauft. Lowry wurde vor allem von zwei Menschen begleitet: dem Schriftsteller Conrad Aiken und seiner zweiten Frau Margerie Bonner.</p>
<p>Die erste Begegnung zwischen Lowry und Aiken verläuft unglücklich: Als die beiden um einen Toilettensitz ringen, zertrümmert Lowry seinem späteren Ziehvater den Schädel <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong>. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Seitdem fungiert Aiken als literarisches Vorbild, Vormund <em>in loco parentis</em> und Reisekumpan für Lowry. Erst, als abzusehen ist, dass sein genialer Pflegesohn die Trunksucht nicht überleben wird, kündigt Aiken ihm die Freundschaft.</p>
<p>Während Aiken die Rolle des Lehrers und Ersatzvaters einnimmt, gelingt es allein Margerie, Lowry so lange nüchtern zu halten, dass er schreiben kann <strong>[→<a href="#arbeit">Arbeit</a>]</strong>. Darüber hinaus ist Margerie kreativ in den Schaffensprozess eingebunden. Während der zehnjährigen Entstehungszeit von <em>Unter dem Vulkan</em> korrigiert sie Manuskripte, verfasst Landschaftsbeschreibungen, gibt dem Plot neue Wendungen und hält die Zigarette für ihren delirierenden Mann. Ohne sie hätte Lowry den Roman niemals vollendet.</p>
<h4 id="locals"><strong>9. [Locals]: </strong>Ignoriere die Einheimischen!</h4>
<blockquote><p>«Diesmal hatten wir´ne Fahrt nach Südamerika – Santos und Paraguay, San Francisco, Florianopolis – Port Allegre. Wir sind um die ganze Welt geschippert. Ach! Aber es ist überall das gleiche – Prosit.»<br />
(Aus: <em>Ultramarin</em>)</p></blockquote>
<p>Als echter Reiseprofi solltest du eine wohlwollende Ignoranz gegenüber der lokalen Kultur und den Einheimischen entwickeln. Wirklich sehenswert sind ohnehin nur die Kneipen. Hier erfährst du alles Wissenswerte über das Land. Hör auf Lowry! Egal, wie viele Kilometer er hinter sich bringt, für ihn steht fest: Auch auf der weitesten Reise werden keine geografischen, sondern seelische Grenzen überwunden <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong>.</p>
<div id="attachment_4825" style="width: 257px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4825" data-attachment-id="4825" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170753351_0001/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170753351_0001.jpg?fit=996%2C1208&amp;ssl=1" data-orig-size="996,1208" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Malcolm Lowry unterwegs" data-image-description="&lt;p&gt;Malcolm Lowry auf der Karibik-Insel Curaçao im Jahr 1947.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt; Malcolm Lowry auf der Karibik-Insel Curaçao im Jahr 1947.&lt;/p&gt;
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<p>Diese Einstellung könnte allerdings als Respektlosigkeit gegenüber der einheimischen Kultur interpretiert werden. Aufgrund seines unangepassten Lebensstils wird Lowry von Polizisten verfolgt, spanische Kinder hänseln <em>el borracho inglés</em> und der Bürgermeister von Vancouver droht ihm mit einer Zwangsräumung der Fischerhütte. Doch anstatt solchen Scherereien aus dem Weg zu gehen, nutzt Lowry die Konflikte als Material für seine Romane. Das unveröffentlichte Fragment <em>La Mordida</em> etwa handelt von der Korruption in Mexiko, in <em>Oktoberfähre nach Gabriola</em> wird die Vertreibung aus dem eigenen Haus thematisiert. Gelöst werden die Probleme dadurch natürlich nicht. Dafür baut Lowry auf seine weltoffenen <strong>→<a href="#partner">Partner</a></strong>, die ihm regelmäßig aus der Patsche helfen.</p>
<h4 id="schicksal"><strong>10. [Schicksal]: </strong>Sei paranoid!</h4>
<blockquote><p>Ich werde auf Schritt und Tritt verfolgt, und sogar jetzt, während ich schreibe, beobachten mich nicht weniger als fünf Polizisten. Es ist die vollkommene Kafka-Situation; aber du wirst mir verzeihen, dass ich das nicht mehr komisch finde.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Touristen sind leichte Opfer. Sei auf der Hut vor Taschendieben und Abzockern! Auf Lowrys Reisen geht allerhand <strong>→<a href="#gepäck">Gepäck</a></strong> verloren: 1932 wird das Manuskript von <em>Ultramarin</em> aus dem Auto des Lektors gestohlen (Freunde finden eine Durchschrift), der amerikanische Konsul in Acapulco klaut eine frühe Fassung von <em>Unter dem Vulkan</em> (ein Bekannter klaut es zurück) und bei dem Feuer der Fischerhütte im Jahr 1944 verbrennt das Manuskript von <em>In Ballast to the White Sea</em> komplett. Ohne Lowrys Wissen bewahrt seine erste Frau eine frühe Fassung auf, <a href="http://www.theguardian.com/books/2014/oct/27/malcolm-lowry-novel-published-in-ballast-to-the-white-sea-under-the-volcano">die erst im Jahr 2014 publiziert wird</a><a>.</a></p>
<p>Um Gefahr vorzubeugen, hilft eine vorausschauende Paranoia. Doch Vorsicht, Angst verselbstständigt sich schnell! Nicht lange und du glaubst, deine Gedanken könnten Feuer entfachen. Ist der Typ an der Ecke ein mexikanischer Nazi-Spion? Lowry behauptet schließlich sogar, Margerie habe es nur auf sein <strong>→<a href="#geld">Geld</a></strong> abgesehen und versucht mehrmals im Rausch, sie zu erwürgen. Diese Unannehmlichkeit solltest du jedoch in Kauf nehmen, um sicher zu reisen. Übrigens: Wenn es dir schwerfällt, den Verstand zu verlieren, kann ein bisschen <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a></strong> sicher nicht schaden.</p>
<p>Am 27. Juni 1957 stirbt Malcolm Lowry unter bis heute ungeklärten Umständen an einer Überdosis Schlaftabletten. Zu Lebzeiten hat er lediglich den Jugendroman <em>Ultramarin</em>, wenige Erzählungen und Gedichte sowie das Meisterwerk <em>Unter dem Vulkan</em> veröffentlicht. Erst posthum erscheinen die Romanfragmente <em>Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt</em> und <em>Oktoberfähre nach Gabriola</em>, die Kurzgeschichtensammlung <em>Hör uns, o Herr, der Du im Himmel wohnst</em>, die Novelle <em>Die letzte Adresse</em> sowie Gedichte und Briefe. In diesen autobiografischen Geschichten lebt Lowry bis heute fort. Die Reise endet niemals <strong>[→<a href="#unterwegs">Unterwegs</a>]</strong>!</p>
<hr />
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<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbilder:<br />
Quelle: Douglas Day &#8222;Malcolm Lowry &#8211; A Biogaphy&#8220;</h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Die Erfindung des Nerds – Kurd Laßwitz und die deutsche Science-Fiction</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Aug 2016 08:07:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Science fiction]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor über hundert Jahren ist Kurd Laßwitz‘ utopischer Roman "Auf zwei Planeten" erschienen. Er hat Generationen von Wissenschaftlern und Schriftstellern fasziniert. Wir erinnern an den einflussreichsten Unbekannten der Science-Fiction-Literatur.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;Die Hundertjährigen&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<p><span class="dropcap">M</span>itte des 19. Jahrhunderts stand der Nerd noch in den Sternen. Dass irgendwann coole Sportstudenten T-Shirts mit Marvel-Superhelden-Aufdruck tragen würden, konnte damals niemand ahnen. Inzwischen haben Nerds nach der Macht gegriffen – und nach dem Plastik-Laserschwert von Toys &#8222;R&#8220; Us. <em>The Big Bang Theory</em>, Mark Zuckerberg und Hornbrillen – all das wäre undenkbar ohne Kurd Laßwitz, den Stammvater der deutschen Science-Fiction.</p>
<h4><strong>Sternzeit: 1848 bis 1871 – Die Schule der Zukunft</strong></h4>
<div id="attachment_3857" style="width: 219px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3857" data-attachment-id="3857" data-permalink="https://tell-review.de/die-erfindung-des-nerds-kurd-lasswitz-und-die-deutsche-science-fiction/fb-gotha-chart-b-2203-10_007/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?fit=1329%2C1905&amp;ssl=1" data-orig-size="1329,1905" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;1996-98 AccuSoft Inc., All right&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="FB Gotha Chart-B-2203-10_007" data-image-description="&lt;p&gt;Der Science-Fiction-Autor Kurd Laßwitz&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Mit dem Roman &amp;#8222;Auf zwei Planeten&amp;#8220; revolutioniert Kurd Laßwitz das Science-Fiction-Genre.&lt;/p&gt;
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<p>Über die Kindheit von Kurd Laßwitz ist nur wenig bekannt. Sein Breslauer Jugendfreund Max Kalbeck erinnert sich später, dass der 1848 geborene Laßwitz ein echter Rabauke gewesen sei, Himbeer- und Nussblätter in der Pfeife geraucht sowie Birnen aus fremden Gärten geklaut habe (in <em>Über Kurd Laßwitz</em>). Ein durchschaubarer Versuch der Ehrenrettung. Denn bleiche, mathematisch begabte Jünglinge wie Laßwitz, die obendrein eine eigene Sternwarte besitzen, haben auf dem Schulhof in der Regel nichts zu lachen. Streber dürften damals genauso beliebt gewesen sein wie heute.</p>
<p>Knapp zwei Jahrzehnte später wird Laßwitz seine Vision einer perfekten Schule beschreiben, die an Huxleys <em>Schöne neue Welt</em> oder <em>Matrix</em> erinnert. Lehrer, Klassenkameraden oder Noten sind in dieser Utopie abgeschafft, Wissen wird stattdessen direkt ins Gehirn heruntergeladen. In seiner Erzählung <em>Gegen das Weltgesetz</em>, die im Jahr 3877 spielt, heißt es:</p>
<blockquote><p>Wie einfach ist die Sache jetzt! Hier ein Zug am Großhirnlappen, ein dauernder Strom durch den Fuß des Hirnschenkels, eine kräftigende Behandlung des Linsenkerns – und nach zwei Jahren ist der fünfjährige Mensch bereit, unbehindert seiner Körperentwicklung in die großen Probleme der Wissenschaft und des Daseins eingeführt zu werden.</p></blockquote>
<p>Laßwitz selbst dürfte noch ganz andere Unterrichtsmethoden kennengelernt haben: Stockschläge und Daumenschrauben. Wahrscheinlich atmet er auf, als er sich im Jahr 1866 für ein Mathematikstudium an der Universität Breslau (später auch in Berlin) einschreibt. Zu seinen Nebenfächern gehören außerdem Physik und Philosophie. Laßwitz beschäftigt sich mit der Kapillarität nach Laplace und Gauß und schreibt seine Abschlussarbeit über <em>Tropfen, welche an festen Körpern hängen und der Schwerkraft unterworfen sind</em>. Die Promotion besteht er mit <em>Magna cum laude</em>.</p>
<h4><strong>Sternzeit: 1871 – Die Zukunft als Zerrbild der Gegenwart</strong></h4>
<p>Als Schriftsteller kann Kurd Laßwitz später auf einen reichen Wissensschatz bauen. Seine physikalischen und philosophischen Beobachtungen nutzt er geschickt, um die Technologie der Zukunft zu imaginieren. Dem jungen Studenten fehlt allerdings noch die Lebenserfahrung. Während des Deutsch-Französischen Krieges lässt er sich vom Patriotismus anstecken und meldet sich 1871 freiwillig zum Militärdienst. Eine ernüchternde Erfahrung. Sein späteres Werk widmet Laßwitz dem Protest gegen Militarismus, Imperialismus und Kadavergehorsam – kurz: die Grundwerte Bismarck-Deutschlands.</p>
<div id="attachment_3865" style="width: 810px" class="wp-caption alignnone"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3865" data-attachment-id="3865" data-permalink="https://tell-review.de/die-erfindung-des-nerds-kurd-lasswitz-und-die-deutsche-science-fiction/wasserspaziergang-damals/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?fit=800%2C505&amp;ssl=1" data-orig-size="800,505" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Sammlung Peter Weiss/Hildebrand&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Eisenbahn, Fahrr\u00e4der, Luftschiffe, Automobile und Fesselballons - all das gab es schon. W\u00fcrde der Mensch bald auch \u00fcber das Wasser gehen k\u00f6nnen? Vielleicht auf Korkschuhen und von einem Gasballon gehalten? Immer neue Fortbewegungsmittel und immer neue Geschwindigkeitsrekorde werden am Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Was kommt noch?&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Sammlung Peter Weiss/Hildebrand&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;Wasserspaziergang damals&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Wasserschuhe" data-image-description="&lt;p&gt;Postkarte, Kurd Laßwitz, Science Fiction, Literatur, Wasserschuhe&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Postkarte aus dem Jahre 1900: Um die Jahrhundertwende lagen der berühmten Hildebrand-Schokolade Postkarten bei, deren Motive auf Geschichten von Kurd Laßwitz anspielen. In diesem Fall: Die Wasserschuhe aus der Erzählung &amp;#8222;Apoikis&amp;#8220;.&lt;/p&gt;
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<p>Pazifistische Ideen prägen das gesamte Werk von Kurd Laßwitz. In seinem Opus Magnum, dem utopischen Roman <em>Auf zwei Planeten</em>, findet er ein satirisches Bild, um den waffenstarrenden Stolz des Deutschen Reichs ins Lächerliche zu ziehen. Die Geschichte handelt vom ersten Kontakt zwischen Marsianern und Menschen. Als schließlich ein interplanetarer Konflikt zwischen den Rassen ausbricht, entwaffnen die überlegenen Aliens das Deutsche Heer ruckzuck mit einem Magneten:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Vergeblich umklammerten die Soldaten mit beiden Händen ihre Gewehre, eine unwiderstehliche Kraft zerrte sie in die Höhe und mancher, der nicht nachgeben wollte, wurde ein Stück in die Luft geschleudert, um dann schwer zu Boden zu stürzen. In wenigen Minuten war das 1. Garderegiment entwaffnet. [&#8230;] Binnen kurzem musste so selbst die stärkste Armee kampfunfähig gemacht sein. Auch die Geschütze der Artillerie wurden fortgerissen.</p>
</blockquote>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Der Humor ist durchaus gewollt. Laßwitz ist ein Erfinder und Träumer, gleichzeitig aber auch ein genauer Beobachter der Gegenwart. Bereits in seinem Debüt, der Zukunftsnovelle <em>Bis zum Nullpunkt des Seins</em>, entwirft er eine Utopie, die weniger Zukunftsvision als ironisches Zerrbild der Gegenwart ist. Er entfaltet ein Gesellschaftspanorama des Jahres 2371, indem er die Sitten des 19. Jahrhunderts satirisch überspitzt und mit Einfällen wie dem Geruchsklavier oder einem Flugfahrrad vermischt.</p>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Bereits das Frühwerk offenbart allerdings auch jene Schwächen, an denen Laßwitz später scheitern wird. Als Denker ist er genial und originell  – als Schriftsteller leider nur ein mittelmäßiger Stilist. Die Form ist streng, sogar penibel, der Ton belehrend und der nerdtypsiche Witz überstrapaziert, wie in den Mathematik-Gedichten, die Laßwitz schon als Student für die <em>Mathematische Gesellschaft Breslau</em> schreibt. Im Rhythmus zeitgenössischer Schlagermelodien behandeln diese Gedichte kniffelige Rechenaufgaben wie den Kegelschnitt:</p>
<blockquote><p>Es waren einmal zwei Kegel,<br />
die liebten sich brüderlich,<br />
sie saßen auf gleicher Achse<br />
und küssten am Scheitel sich.<br />
Da kam eine Ebne geflogen,<br />
so glatt wie Ebenen sind;<br />
es zog sie in seine Seite<br />
der eine Kegel geschwind.</p></blockquote>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Wer das ganze Gedicht lesen will, <a href="http://gutenberg.spiegel.de/buch/kurd-lasswitz-gedichte-3127/1">findet es hier</a>. Einen guten Eindruck davon, wie die Mathematik-Gedichte klingen, wenn man sie vertont, vermittelt dieses Video:</p>
<a href="https://tell-review.de/die-erfindung-des-nerds-kurd-lasswitz-und-die-deutsche-science-fiction/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FtRblwTsX6hQ%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Das Philosophenschiff</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Jul 2016 08:40:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Passagen der sowjetischen Literaturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Passagen aus der sowjetischen Literaturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophenschiff]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[1922 werden dreißig Intellektuelle und Wissenschaftler aus dem jungen Sowjetrussland ausgewiesen. Trotzki spricht von einem Akt der "vorausschauenden Humanität" - später hätte man die unabhängigen Geister möglicherweise "nach dem Kriegsrecht erschießen müssen". In den Erinnerungen des Schriftstellers Michail Ossorgin, der zu den Ausgewiesenen gehört, werden wir Zeuge einer Übergangszeit, in der viele noch nicht ahnten, welche Diktatur ihnen bevorstand.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Dies ist der zweite Beitrag der Reihe „Passagen aus der sowjetischen Literaturgeschichte“. Weitere Beiträge:<br />
<a href="http://tell-review.de/das-narrenschiff/" target="_blank">Das Narrenschiff</a><br />
<a href="http://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/" target="_blank">Das Schiff auf dem Weißmeerkanal</a></div></div>
<p><span class="dropcap">A</span>m Morgen des 29. September 1922 legt am Nikolaus-Ufer in Petrograd ein Fahrgastschiff mit dem gravitätischen Namen „Oberbürgermeister Haken“ ab und nimmt Kurs auf die deutsche Hafenstadt Stettin. An Bord befinden sich dreißig russische Intellektuelle, Ärzte und Wissenschaftler mit ihren Familien. Sie sind auf Anordnung der Regierung aus Russland ausgewiesen worden, und Deutschland hat sich bereit erklärt, sie vorerst aufzunehmen. Vor dem Betreten des Schiffs hat die sowjetische Geheimpolizei GPU alle Personen einzeln durchsucht, denn sie dürfen keine Juwelen und Wertgegenstände außer Landes bringen.</p>
<div id="attachment_3422" style="width: 710px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3422" data-attachment-id="3422" data-permalink="https://tell-review.de/das-philosophenschiff/oberburgermeister_haken/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Oberburgermeister_Haken-e1469224582517.jpg?fit=700%2C322&amp;ssl=1" data-orig-size="700,322" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Oberburgermeister_Haken" data-image-description="&lt;p&gt;Das Fahrgastschiff „Oberbürgermeister Haken“&lt;br /&gt;
Oberburgermeister Haken.jpg&lt;br /&gt;
Public domain, &lt;a href=&quot;https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOberburgermeister_Haken.jpg&quot;&gt;via Wikimedia Commons&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Das Fahrgastschiff &amp;#8222;Oberbürgermeister Haken&amp;#8220;&lt;/p&gt;
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<p>Am Kai steht eine Handvoll Menschen, die gekommen sind, um Abschied zu nehmen. Sie dürfen das Schiff nicht betreten und können von außen die Passagiere in den Kajüten nicht sehen. Zu den Wartenden am Ufer gehört der Schriftsteller Jewgeni Samjatin. Er hat ein Jahr zuvor in der Zeitschrift des <a href="/das-narrenschiff/" target="_blank">Hauses der Künste</a> einen Essay mit dem Titel „Ich fürchte“ veröffentlicht. Darin kritisiert er, dass die sowjetische Regierung aus der Zarenzeit ausgerechnet die Einrichtung der Hofpoeten übernommen habe; so würden vor allem die „flinken“, wendigen Autoren begünstigt. Er warnt vor einem „neuen Katholizismus“ der, genau wie der alte, Angst habe vor jedem häretischen Wort. Samjatin ruft dazu auf, das Volk in Russland – den „Demos“ – nicht wie ein Kind zu betrachten, dessen Unschuld geschützt werden muss. Und er verteidigt die Unabhängigkeit der Literatur:</p>
<blockquote><p>Die Hauptsache ist, daß wahre Literatur nur dort leben kann, wo sie nicht von zuverlässigen Vollzugsbeamten gemacht wird, sondern von Wahnwitzigen, Abtrünnigen, Ketzern, Träumern, Aufständigen, Skeptikern.</p></blockquote>
<p>Im Herbst 1922, als Samjatin dem Dampfschiff nachsieht, steht auch er auf einer Liste der „aktiven antisowjetischen Intelligenz“ und ist, wie die meisten Passagiere an Bord des Schiffs, vorübergehend verhaftet und verhört worden. Seine Ausweisung wird jedoch „auf Anordnung der Kommission des Genossen Dserschinski“ vorerst ausgesetzt. Samjatin wird erst zehn Jahre später auf eigenen Wunsch aus der Sowjetunion emigrieren.</p>
<div id="attachment_3421" style="width: 772px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3421" data-attachment-id="3421" data-permalink="https://tell-review.de/das-philosophenschiff/liste-der-antisowjetischen-intelligenz/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Liste-der-antisowjetischen-Intelligenz-e1469223574336.jpg?fit=762%2C492&amp;ssl=1" data-orig-size="762,492" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Liste der antisowjetischen Intelligenz" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Die &amp;#8222;Liste der antisowjetischen Intelligenz der Stadt Petrograd&amp;#8220; (Ausschnitt). Samjatin ist als Nr. 9 aufgeführt.&lt;/p&gt;
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<p style="text-align: center;">* * *</p>
<p>In den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution ist noch vieles offen. Die Bolschewiki müssen ihre Macht nach innen konsolidieren und sie nach außen gegen Freiwilligenarmeen und Kampfverbände verteidigen. Zur Festigung der inneren Macht wird die „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution“, abgekürzt Tscheka, gegründet. Leiter ist der polnischstämmige Kommunist Felix Dserschinski. Zur Verteidigung nach außen baut Leo Trotzki die Rote Armee auf.</p>
<div id="attachment_3432" style="width: 250px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3432" data-attachment-id="3432" data-permalink="https://tell-review.de/das-philosophenschiff/osorgin_m_a/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?fit=629%2C882&amp;ssl=1" data-orig-size="629,882" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Osorgin_M_A" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?fit=214%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?fit=629%2C882&amp;ssl=1" class="wp-image-3432" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?resize=240%2C337" alt="Michail Ossorgin" width="240" height="337" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?w=629&amp;ssl=1 629w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?resize=57%2C80&amp;ssl=1 57w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?resize=214%2C300&amp;ssl=1 214w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Osorgin_M_A.jpg?resize=300%2C421&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px" /><p id="caption-attachment-3432" class="wp-caption-text">Michail Ossorgin</p></div>
<p>Der Herrschaft der Bolschewiki begegnen viele Intellektuelle und Akademiker mit Skepsis. Zu ihnen gehören der Schriftsteller Michail Ossorgin und sein Freund, der Philosoph Nikolai Berdjajew. Beide machen ihre kritische Haltung von Anfang an öffentlich deutlich. Und beide bekommen es deshalb schon bald mit der Tscheka zu tun. Ossorgin wird 1919 kurz verhaftet. Berdjajew wird 1920 festgenommen, von Dserschinski persönlich verhört und danach wieder freigelassen.</p>
<p>Für Ossorgin und Berdjajew ist das zunächst nichts Neues. Beide waren als Gegner der zaristischen Regierung bereits vor der Revolution verfolgt und verbannt worden. Sie betrachten die Verhöre und Verhaftungen als Übergangserscheinungen, die durch den Bürgerkrieg bedingt sind. Und sie sehen sich grundsätzlich auf Seiten der Revolution, auch wenn sie dabei eher an die Februar- als an die Oktoberrevolution denken. In Zukunft wird es besser werden, davon sind sie überzeugt:</p>
<blockquote><p>Und da war noch etwas – etwas, das jemandem, der diese Tage nicht in Russland durchlebt hat, nur schwer zu erklären ist. Sowohl die Triumphierenden als auch diejenigen, die unter ihrem Triumph litten, glaubten, dass all diese Leiden, Entbehrungen, die ganze elende Hast des Lebens, bloß vorläufig seien, bloß ein schrecklicher Übergang vom Vergangenen zum Künftigen. Wer unter der Revolution zu leiden hatte, verwünschte sie nicht und beschwerte sich nicht; nur wenige träumten von einer Rückkehr der alten Verhältnisse. […] Man schaute nach vorn und glaubte – oder wollte glauben –, dass sich das alles einrenken würde, deshalb sehnte man sich so sehr nach dem Ende des Bürgerkriegs, der verhinderte, dass Ruhe einkehrte und der den Terror nährte.</p></blockquote>
<p>So beschreibt Ossorgin in seinem autobiografischen Bericht <em>Vremena</em> (<em>Zeiten</em>) die Stimmung in den ersten Jahren nach der Revolution. Es gibt durchaus Gründe für diesen Zukunftsoptimismus. Freie Debatten sind in dieser Zeit noch möglich. Intellektuelle genießen sogar gewisse Privilegien, ohne dass sie Linientreue beweisen müssen. Berdjajew wird zwar verhaftet und verhört, doch gleichzeitig zählt er zu den „Zwölf Unsterblichen“ – zwölf handverlesene Intellektuelle, die während der Lebensmittelrationierung Sonderzuteilungen erhalten. Anders als viele andere Vertreter des Bürgertums darf er seine Wohnung und seine Bibliothek behalten. Er gründet 1919 die „Moskauer Freie Akademie für Geisteskultur“ und wird 1920 an die Moskauer Universität berufen. Berdjajew und Ossorgin sind zudem in der Leitung des unabhängigen Schriftstellerverbands tätig und verhandeln in dieser Eigenschaft mit den Bolschewiki, um Kollegen zu helfen, die aus politischen Gründen verhaftet worden sind.</p>
<p id="pomgol" style="text-align: center;">* * *</p>
<p>Im Juni 1921 engagiert sich Ossorgin mit anderen Vertretern der unabhängigen Intelligenz im „Allrussischen Hilfskomitee für die Hungernden“. Dieses auf Vermittlung von Maxim Gorki gegründete Komitee soll Unterstützung für die Wolgagebiete organisieren, die infolge der Bürgerkriegswirren von einer Hungerkatastrophe betroffen sind.</p>
<p>Doch inzwischen haben sich die Zeiten gewandelt. Nach der blutigen Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands im März 1921 sind die Bolschewiki darangegangen, ihre Macht in allen gesellschaftlichen Bereichen zu festigen. Dabei sehen sie die Vertreter der kritischen Intelligenz zunehmend als existenzielle Bedrohung. Am 16. Juni wird Wladimir Taganzew, Geograf und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, als angeblicher Rädelsführer einer antisowjetischen Verschwörung verhaftet. In der Folge kommt es zu mehr als 800 Festnahmen. 96 Personen sterben in der Haft oder werden erschossen, darunter der Dichter <a href="/das-narrenschiff#gumiljow" target="_blank">Nikolai Gumiljow</a>.</p>
<p>Im August 1921 wird auch das erst drei Monate zuvor gegründete „Allrussische Hilfskomitee für die Hungernden“ zerschlagen. In Lenins Augen ist eine solche gesellschaftliche Initiative per se gegen die Regierung gerichtet, weil sie unterstellt, dass diese die Hungersnot nicht allein in den Griff kriege. Dass das Komitee von Lew Kamenew geleitet wird, Mitglied des ZK und des Politbüros der Partei, kann die gewaltsame Auflösung nicht verhindern. Ossorgin erinnert sich:</p>
<blockquote><p>Im Haus an der Sobatschaja Ploschtschadka findet die reguläre Komiteesitzung statt, aber der Vorsitzende, Volkskommissar Kamenew, sonst immer pünktlich, ist nicht erschienen. Ich sitze neben Wera Figner, der berühmten alten Revolutionärin, die zwanzig Jahre Einzelhaft auf der Festung Schlüsselburg überlebt hat – eine strenge, ernsthafte Frau, die sich den Glauben an die Revolution bewahrt hat. Ich sage zu ihr: ‚Gleich kommen die Tschekisten und ich muss Sie untergehakt ins Gefängnis begleiten.‘ […]
An der Einfahrt heulen Motoren auf, und schwarze Gestalten stürmen in den Saal, allen voran eine Frau in einer Lederjacke, einen Revolver am Gürtel. Die Greisin Figner wird verschont, wir anderen in schicken Autos abtransportiert.</p></blockquote>
<p>Maxim Gorki ist weltweit zu bekannt, um angetastet zu werden. Lenin legt ihm nahe, sich zur Behandlung seiner Lungentuberkulose ins Ausland zu begeben. Ossorgin wird an einen Ort in der Nähe von Kasan verbannt, 800 Kilometer östlich von Moskau. Erst später erfährt er, dass man ihn und viele andere Mitglieder des Komitees zum Tode verurteilt hatte. Auf Intervention von Fridtjof Nansen, Hochkommissar für Flüchtlingsfragen beim Völkerbund, wurden die Todesurteile umgewandelt und die betroffenen Personen ins Exil oder in die Verbannung geschickt.</p>
<p>Die erneute Verbannung ist für Ossorgin, der nach der Revolution von 1905 zehn Jahre im italienischen Exil verbracht hat, ein tiefer biografischer Einschnitt:</p>
<blockquote><p>Ich hatte davon geträumt, in Russland zu leben und zu arbeiten, war aus der Emigration zurückgekehrt, hatte an die Revolution geglaubt und zu vieles an ihr gerechtfertigt. Und nun war ich ein ‚Volksfeind‘, ein Konterrevolutionär; wieder Gefängnis, wieder Verbannung, alles was ich schon unter dem Zarenregime erlebt hatte, in derselben Abfolge, mit denselben bekannten Einzelheiten.</p></blockquote>
<p>Es gelingt ihm, bereits nach einem halben Jahr „aus medizinischen Gründen“ die Erlaubnis zur Rückkehr nach Moskau zu erwirken. Die Stadt hat sich verändert:</p>
<blockquote><p>Die Neue Ökonomische Politik liegt in der Luft. Unterwegs sehe ich Läden mit sorgfältig geputzten Glasscheiben, die an Vitrinen erinnern; private Geschäfte! Aber die Leute sind immer noch ‚Beuteltiere‘: mit Säcken auf dem Rücken, andere schieben einen Kinderwagen vor sich her, offenkundig zum Transport von Lebensmitteln. Die Straße, in der ich wohne, ist umbenannt worden. Die Klingel funktioniert nicht – ich klopfe. Ich bin daheim.</p></blockquote>
<p>Während sich die wirtschaftliche Situation im Land infolge der von Lenin eingeführten Neuen Ökonomischen Politik zu verbessern beginnt, wird der Spielraum für geistige Freiheit zunehmend eingeengt. Im Winter 1921/1922 treten Hunderte von Professoren der Staatlichen Moskauer Universität und anderer Hochschulen in den Ausstand, um sich gegen Eingriffe in die Hochschulautonomie zu wehren. Der gesundheitlich angeschlagene Lenin spielt in einem Brief an Stalin und Kamenew mit dem Gedanken, zwanzig bis vierzig der streikenden Hochschullehrer zu entlassen. Als im Frühjahr auf Fachkongressen von Wissenschaftlern und Ärzten die Sozial- und Wirtschaftspolitik der Regierung kritisiert wird, handelt er. Am 19. Mai 1922 erhält Dserschinski die Order, Vorkehrungen zu treffen, um „Schriftsteller und Professoren, die der Konterrevolution helfen“, außer Landes zu schaffen. Sechs Tage später erleidet Lenin einen Schlaganfall.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<div id="attachment_3433" style="width: 245px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3433" data-attachment-id="3433" data-permalink="https://tell-review.de/das-philosophenschiff/%d0%bd%d0%b8%d0%ba%d0%be%d0%bb%d0%b0%d0%b9_%d0%b1%d0%b5%d1%80%d0%b4%d1%8f%d0%b5%d0%b2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/%D0%9D%D0%B8%D0%BA%D0%BE%D0%BB%D0%B0%D0%B9_%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%B4%D1%8F%D0%B5%D0%B2.jpg?fit=440%2C729&amp;ssl=1" data-orig-size="440,729" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Nikolai Berdjajew" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Nikolai Berdjajew (1912)&lt;/p&gt;
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<p>Ossorgin und Berdjajew verbringen den Sommer 1922 in einer Hütte auf dem Land. Ossorgin genießt die Natur, entspannt sich, sammelt Beeren, fängt Fische, schläft oder schreibt. Berdjajew sitzt tagsüber akkurat gekleidet mit Krawatte am Schreibtisch und bricht abends mit einem kleinen Handköfferchen zum Spaziergang auf, um Tannenzapfen zum Anheizen des Feuers zu sammeln.</p>
<p>Eines Tages fährt Berdjajew nach Moskau, um einige Angelegenheiten zu regeln und kehrt nicht wieder zurück. Von Urlaubern aus der Hauptstadt erfährt Ossorgin, dass dort Schriftsteller und Gelehrte verhaftet werden – warum, weiß niemand genau, die Hintergründe sind unklar. Trotzdem begreift Ossorgin sofort, dass auch er betroffen ist und beginnt, Vorkehrungen zu treffen. Er versteckt sich vorerst bei Bekannten in einem Nachbardorf – in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem Dserschinski, Kamenew und Trotzki ihren Sommerurlaub verbringen.</p>
<blockquote><p>Am dritten Tag erfuhr ich, dass ein Teil der Festgenommenen noch im Gefängnis saß und ein Teil mit der Auflage freigelassen worden war, sich auf die Ausweisung ins Ausland vorzubereiten. Es gab weder Begründungen noch Anklagen; es waren Leute verhaftet worden, die mit Politik nichts zu tun hatten, ‚Religionsphilosophen‘, ein Universitätsrektor, ein Finanzwissenschaftler, ein Astronom, ein Ingenieur, ein Agronom, ein paar Schriftsteller, ein Literaturkritiker – es gab keinerlei Zusammenhang zwischen ihnen, eine zufällige, amateurhafte Auswahl.</p></blockquote>
<p>Ossorgin fährt nach Moskau. Er weiß inzwischen, welcher Ermittler für seinen „Fall“ zuständig ist und ruft in der Lubjanka an – der Zentrale der Geheimpolizei GPU, der Nachfolgeorganisation der Tscheka. Er kündigt an, sich zu stellen und fragt, ob er ein Kopfkissen und Bettwäsche zum Wechseln mitbringen solle. Das sei nicht nötig, sagt man ihm.</p>
<p>Vor der Ljubjanka kann er die Wächter nur mit Mühe dazu bringen, ihn hineinzulassen. Im Gebäude selbst kommt es, wie er in seinen Erinnerungen schildert, zu folgendem Wortwechsel:</p>
<blockquote><p>– „In welcher Sache?“<br />
– „In der Sache meiner Verhaftung.“<br />
– „Aber Sie sind nicht verhaftet.“<br />
– „Ich bin dazu hergekommen.“<br />
– „Ohne Haftbefehl geht das nicht.“<br />
– „Was soll ich denn machen?“<br />
– „Dafür sind wir nicht zuständig, gehen Sie heim.“</p></blockquote>
<p>Ossorgin redet lange auf den Wächter ein: Aus dem Gefängnis dürfe man zwar niemanden herauslassen, aber was spreche denn dagegen, jemanden hineinzulassen? Er droht, sich zu beschweren. Schließlich wird er durchgewinkt und kann seinen Ermittler aufsuchen. Der legt ihm drei Papiere zur Unterzeichnung vor: Mit der ersten Unterschrift soll Ossorgin bestätigen, dass er über seine Verhaftung in Kenntnis gesetzt wurde. Mit der zweiten bestätigt er, dass er über seine Freilassung in Kenntnis gesetzt wurde – unter der Auflage, die Russische Föderative Sowjetrepublik innerhalb einer Woche zu verlassen und nicht ohne Erlaubnis der Regierung zurückzukehren, bei Androhung der Todesstrafe. Das dritte Dokument schließlich ist ein Formular mit der Frage: „Was ist Ihre Einstellung zur Sowjetmacht?“ Ossorgin schreibt „Verwunderung“, unterzeichnet und erhält den Entlassungsschein.</p>
<p>Bis zur Ausreise vergeht dann doch mehr als eine Woche. Das liegt auch daran, dass sich die deutsche Botschaft weigert, auf Antrag der sowjetischen Geheimpolizei pauschal Einreisevisa für die Dutzende von Intellektuellen und Akademikern auszustellen, die in diesen Tagen vorgeladen, verhaftet und ausgewiesen worden sind. Sie müssen sich jeweils einzeln und persönlich auf dem offiziellen Weg um ihr Visum bemühen. So bleibt etwas Zeit, um Habseligkeiten zu verkaufen und sich von Freunden und Verwandten zu verabschieden.</p>
<p>Während Ossorgin seine Angelegenheiten regelt, äußert sich Leo Trotzki in einem Interview mit der Zeitung “Iswestija” zu der Aktion:</p>
<blockquote><p>Die Elemente, die wir ausweisen oder ausweisen werden, sind als solche politisch bedeutungslos. Aber sie sind potenzielle Waffen in den Händen unserer möglichen Feinde. Falls es erneut zu militärischen Komplikationen kommt, werden all diese unversöhnlichen und unbelehrbaren Elemente sich als militärisch-politische Agenten des Feindes erweisen. Und wir werden gezwungen sein, sie nach dem Kriegsrecht zu erschießen. Deshalb ziehen wir es vor, sie jetzt, in einer ruhigen Phase, beizeiten auszuweisen. Und ich hoffe, dass Sie bereit sein werden, unsere vorausschauende Humanität anzuerkennen und sie gegenüber der öffentlichen Meinung zu verteidigen.</p></blockquote>
<div id="attachment_3420" style="width: 316px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3420" data-attachment-id="3420" data-permalink="https://tell-review.de/das-philosophenschiff/iljin-und-trubetzkoj-an-bord-des-philosophenschiffs/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Iljin-und-Trubetzkoj-an-Bord-des-Philosophenschiffs.jpg?fit=622%2C804&amp;ssl=1" data-orig-size="622,804" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Iljin und Trubetzkoj an Bord des Philosophenschiffs" data-image-description="&lt;p&gt;Die Philosophen Iwan Iljin und Sergej Trubetzkoj an Bord der &amp;#8222;Oberbürgermeister Haken&amp;#8220;. Zeichnung von I.A Matussewitsch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:%D0%98%D0%BB%D1%8C%D0%B8%D0%BD_%D0%B8_%D0%A2%D1%80%D1%83%D0%B1%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%BE%D0%B9_%D0%BD%D0%B0_%D0%B1%D0%BE%D1%80%D1%82%D1%83_%D1%84%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D1%81%D0%BE%D1%84%D1%81%D0%BA%D0%BE%D0%B3%D0%BE_%D0%BF%D0%B0%D1%80%D0%BE%D1%85%D0%BE%D0%B4%D0%B0.jpg&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Die Philosophen Iwan Iljin und Sergej Trubetzkoj an Bord der &amp;#8222;Oberbürgermeister Haken&amp;#8220;.&lt;/p&gt;
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<p>Ossorgin und Berdjajew sowie ihre Angehörigen gehen Ende September in Petersburg an Bord der „Oberbürgermeister Haken“. Mit ihnen reisen weitere bedeutende russische Philosophen wie Sergej Trubezkoj, Simon Frank und Iwan Iljin. Andere folgen später nach.</p>
<p>In diesem Jahr verliert Russland eine ganze Generation unabhängiger Intellektueller und Wissenschaftler. Die Betroffenen verlieren ihre Heimat. Gleichwohl wird Trotzki mit seiner zynischen Rede von der „vorausschauenden Humanität“ auf paradoxe Weise Recht behalten. Er selbst wird sechs Jahre später nach verlorenem Machtkampf mit Stalin aus Sowjetrussland ausgewiesen und 1940 im mexikanischen Exil von einem sowjetischen Agenten ermordet. Die wenigen unabhängigen Intellektuellen, die im Land verblieben sind, werden verfolgt, verhaftet und hingerichtet, so die Philosophen Pawel Florenski und Gustav Speth. Diejenigen, die 1922 außer Landes geschickt wurden, bleiben vor diesem Schicksal bewahrt.</p>
<hr />
<h4><span style="font-size: 75%;">Quellen:</span></h4>
<p>&nbsp;</p>
<ul>
<li>Annenkov, Jurij Pavlovič: Dnevnik moich vstreč. Cikl tragediij. Leningrad, Verlag Isskusstvo 1991. ISBN 5-210-02156-4.</li>
<li>Berdjaev, Nikolaj Aleksandrovič: Samopoznanie. (Opyt filosofskoj avtobiografii) Moskva, Verlag Meždunarodnye otnošenija 1991. ISBN 5-85207-006-8.</li>
<li>Osorgin, Michail Andreevič: Vremena. Avtobiografičeskoe povestvovanie. Moskva, Verlag Sovremennik 1989. <span class="citation">ISBN 5-270-00813-0. (<em>Passagen für diesen Beitrag übersetzt von Anselm Bühling</em>)</span></li>
<li>&#8222;Očistim Rossiju nadolgo: K 90-letiju vysilki intelligencii is Sovetskoj Rossii.&#8220; http://allin777.livejournal.com/164379.html 2012</li>
<li>Šentalinskij, Vitalij: Filosofskij parochod. http://www.vehi.net/berdyaev/vshental.html Biblioteka &#8222;vechi&#8220; 2000.</li>
<li>Zamjatin, Jevgenij: Ich fürchte. Zwei Essays. Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Vorwort von Peter Urban. Berlin, Friedenauer Presse 2011. ISBN 978-3-932109-67-6</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
<em>Fahrgastschiff &#8222;Oberbürgermeister Haken&#8220;: Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOberburgermeister_Haken.jpg">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Liste der antisowjetischen Intelligenz: via <a href="http://lingvostranovedcheskiy.academic.ru" target="_blank">http://lingvostranovedcheskiy.academic.ru</a></em><br />
<em> Iljin und Trubetzkoj and Bord des Philosophenschiffs. Zeichnung von I.A. Matusevič: via</em><br />
<em> <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:%D0%98%D0%BB%D1%8C%D0%B8%D0%BD_%D0%B8_%D0%A2%D1%80%D1%83%D0%B1%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%BE%D0%B9_%D0%BD%D0%B0_%D0%B1%D0%BE%D1%80%D1%82%D1%83_%D1%84%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D1%81%D0%BE%D1%84%D1%81%D0%BA%D0%BE%D0%B3%D0%BE_%D0%BF%D0%B0%D1%80%D0%BE%D1%85%D0%BE%D0%B4%D0%B0.jpg" target="_blank">Wikipedia</a></em><br />
<em> Michail Ossorgin: Autor unbekannt, via <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:Osorgin_M_A.jpg#filelinks" target="_blank">Wikipedia<br />
</a></em><em>Nikolai Berdjajew: Gemeinfrei <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A%D0%9D%D0%B8%D0%BA%D0%BE%D0%BB%D0%B0%D0%B9_%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%B4%D1%8F%D0%B5%D0%B2.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>#Ruhm</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Elke Heinemann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Jul 2016 10:53:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Fiktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
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					<description><![CDATA[Ruhm sei "das größte der Güter der Erde", sagte Kleist. Hat Thomas R. Pynchon 1963 in Berlin Kleist gelesen? Um diese und andere Fragen geht es in einer "true story" von James F. Kirkup, die auf verschlungenen Wegen zu tell gelangt ist.  ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Sieglinde Geisel,</p>
<p>es freut mich, dass Ihnen mein kürzlich in Ihrem Online-Magazin <em>tell</em> erschienener Aufsatz über „<a href="http://tell-review.de/ueber-die-allmaehliche-verfaelschung-der-schriften-beim-redigieren/" target="_blank">Kleists Briefwechsel mit einer Dame</a>“ gefallen hat, jenes Manuskriptkonvolut, dessen Echtheit derzeit geprüft werden dürfte.</p>
<p>Da Sie an ungehobenen literarischen Schätzen interessiert sind, möchte ich Ihnen nun von einer weiteren Entdeckung berichten. Wie Sie wissen, ziehe ich nicht, wie die Kolporteure früherer Jahrhunderte, erfundene Geschichten aus meinem Bauchladen; vielmehr belege ich im einzelnen die Recherchen zu dem Fall, über den ich Ihnen schreibe.</p>
<div id="attachment_3310" style="width: 1214px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3310" data-attachment-id="3310" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/stabi_nachlass_magazinkaesten_sw/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?fit=1204%2C799&amp;ssl=1" data-orig-size="1204,799" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Stabi_Nachlass_Magazinkästen_SW" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?fit=300%2C199&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?fit=900%2C598&amp;ssl=1" class="wp-image-3310 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?resize=900%2C597" alt="Stabi_Nachlass_Magazinkästen_SW" width="900" height="597" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?w=1204&amp;ssl=1 1204w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?resize=300%2C199&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?resize=768%2C510&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?resize=1030%2C684&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?resize=1200%2C796&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Magazink%C3%A4sten_SW.png?resize=375%2C250&amp;ssl=1 375w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-3310" class="wp-caption-text">Staatsbibliothek, Handschriftenarchiv</p></div>
<p>Die Bibliothek, um die es dabei geht, ist Wissensspeicher und Fiktionsreservoir zugleich: Der Bestand der größten Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum, der Staatsbibliothek zu Berlin<sup><a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></sup>, umfasst rund zehn Millionen Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, mehr als zwei Millionen Mikroformen sowie Inkunabeln, Drucke, Karten, Bilder und Autografen in großer Zahl, darunter den in 42 Kisten archivierten handschriftlichen Nachlass des so produktiven wie erfolgreichen Dichters, Schriftstellers, Übersetzers und Herausgebers Johann Ludwig Tieck<sup><a href="#_ftn1" name="_ftnref2">[2]</a></sup>, der Jugendschriften enthält, Briefe, Essays, Bearbeitungen, Übersetzungen, ein unvollendetes Buchmanuskript über Shakespeare, ein 455 Blätter umfassendes englisches Wortregister zu dessen Werk sowie diverse Kryptonachlässe anderer Autoren, zu denen Heinrich von Kleist gehört.</p>
<div id="attachment_3311" style="width: 1104px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3311" data-attachment-id="3311" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/stabi_nachlass_tieck_sw/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?fit=1094%2C735&amp;ssl=1" data-orig-size="1094,735" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Stabi_Nachlass_Tieck_SW" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?fit=300%2C202&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?fit=900%2C605&amp;ssl=1" class="wp-image-3311 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?resize=900%2C605" alt="Stabi_Nachlass_Tieck_SW" width="900" height="605" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?w=1094&amp;ssl=1 1094w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?resize=80%2C54&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?resize=300%2C202&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?resize=768%2C516&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Tieck_SW-e1467930402255.png?resize=1030%2C692&amp;ssl=1 1030w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-3311" class="wp-caption-text">Staatsbibliothek, Handschriftenarchiv</p></div>
<p>Anders als seinem Nachlassverwalter war Kleist, wie Ihnen bekannt sein dürfte, trotz oder wegen der Ambition, „der größte Dichter seiner Nation zu werden“<sup><a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a></sup>, prae mortem kein bemerkenswerter literarischer Erfolg beschieden.</p>
<p>Sein kurzes Leben gibt aufgrund der kümmerlichen Quellenlage immer wieder Anlass zu Spekulationen – so die mysteriöse, im Jahr 1800 unternommene Reise nach Würzburg, die im Zeichen eines Spionageauftrags, einer Phimose-Operation oder eines gewitzten Spiels „mit Formen der Geheimhaltung“<sup><a href="#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a></sup> gestanden haben mag.</p>
<p>Zeigen zahlreiche Gemälde, Zeichnungen, Reliefs und Scherenschnitte den Erfolgsschriftsteller Tieck in verschiedenen Lebensstadien, so gibt es nur ein offizielles, von Peter Friedel geschaffenes Porträt des jungen, fast kindlich wirkenden Kleist, der sich das Bildnis „ehrlicher“ gewünscht hätte, so dass sich nicht mit Bestimmtheit sagen lässt, wie er wirklich ausgesehen hat.<sup><a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a></sup></p>
<p>Aber, liebe Frau Geisel, nicht nur Kleists Leben ist in Teilen geheimnisvoll: Ich habe seit kurzem vielmehr Anlass zu vermuten, dass sein Berliner Kryptonachlass mit einem Geheimnis verbunden ist, das den Literaturbetrieb unserer Tage umtreibt.</p>
<p>Erhielt ich doch vor wenigen Wochen die E-Mail eines Anonymus, aus der hervorgeht, dass sich unter den zahlreichen, im letzten Herbst auf Amazon verlagsfrei publizierten Kindle-E-Books, die aus rechtlichen Gründen nach wenigen Tagen gelöscht werden mussten<sup><a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a></sup>, die Erzählung <em>Under Cover</em> des britischen Dichters, Schriftstellers und Übersetzers James Kirkup<sup><a href="#_ftn7" name="_ftnref7">[7]</a></sup> befunden haben soll. Laut Anonymus handelt es sich bei dem von unbekannter Hand eingestellten Text um eine autobiografisch inspirierte Erzählung, im Kern also, wie es angeblich in Kirkups Vorwort heißt, um eine „true story“ aus dem Sommer des Jahres 1963, in dem US-Präsident John F. Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg mehrfach bekundete, er wäre ein Berliner.</p>
<div id="attachment_3309" style="width: 306px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3309" data-attachment-id="3309" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/stabi_nachlass_kleist_sw/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?fit=749%2C1488&amp;ssl=1" data-orig-size="749,1488" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Stabi_Nachlass_Kleist_SW" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?fit=151%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?fit=518%2C1030&amp;ssl=1" class="wp-image-3309" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?resize=296%2C588" alt="Stabi_Nachlass_Kleist_SW" width="296" height="588" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?w=749&amp;ssl=1 749w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?resize=40%2C80&amp;ssl=1 40w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?resize=151%2C300&amp;ssl=1 151w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?resize=518%2C1030&amp;ssl=1 518w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Stabi_Nachlass_Kleist_SW.png?resize=300%2C596&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 296px) 100vw, 296px" /><p id="caption-attachment-3309" class="wp-caption-text">Staatsbibliothek, Handschriftenarchiv</p></div>
<p>Wenige Monate zuvor, im Januar 1963, hatte Peter Brook das Dürrenmatt-Drama <em>Die Physiker</em> in Kirkups englischer Fassung mit Erfolg am Londoner Aldwych Theatre uraufgeführt. Auf diese Weise ermutigt, soll Kirkup beschlossen haben, ein weiteres Theaterstück aus dem Deutschen zu übertragen. Ein Reisestipendium der „Royal Society of Literature“ hat es dem 45-Jährigen wohl ermöglicht, in der Berliner Staatsbibliothek das Lustspiel <em>Der zerbrochene Krug</em> in der Originalhandschrift zu studieren, die sich im Kleistschen Kryptonachlass befindet. Zugleich will Kirkup nach Anonymus die rund zwanzig Seiten umfassende Short Story <em>Under Cover</em> geschrieben haben, deren Erzähler, ein britischer Autor mit dem Namenskürzel K., sich ebenfalls täglich in der „Staatsbibliothek zu Berlin“ ausgiebigen Kleist-Studien widmet. Anonymus gibt den Inhalt von <em>Under Cover</em> in seiner E-Mail ungefähr folgendermaßen wieder:</p>
<p><span class="pull-left">Erregt ruft er, auch Kafka habe nicht geplottet, und entnimmt dem Kühlschrank mehrere Flaschen „Mythos“ auf einmal.</span>Nach Bibliotheksschluss hält sich K. regelmäßig bis spät nachts in dem skurrilen, auf Science Fiction spezialisierten Kreuzberger Antiquariat „Another Country“ auf, das Buchladen, Leihbibliothek und Club zugleich ist. Neben englischsprachiger Literatur wird griechisches „Mythos“-Bier angeboten, das man auf durchgesessenen Sofas und Sesseln zu sich nehmen kann. K. lernt eines Abends zwei angetrunkene Amerikaner kennen, einen ehemaligen GI und einen 26-Jährigen Schriftsteller, die, maskiert als Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald, über „evil books“ diskutieren. Der junge Autor aus den Staaten prahlt, er habe bereits “a Tom Wolfe period, a Scott Fitzgerald period, a Byron period, a Henry James period, a Nelson Algren period, a Faulkner period” hinter sich und wolle nun an einem Libretto arbeiten, das auf Science Fiction wie Ray Bradburys <em>Martian Chronicles</em> basieren könne. Zugleich recherchiere er in der Staatsbibliothek für seinen zweiten Roman, nachdem sein Debüt kürzlich für den National Book Award nominiert worden sei. Trotz mehrerer Versuche gelingt es ihm nicht, die verworrene Handlung seines Buches wiederzugeben, das dem Weltbild der Chaostheorie geschuldet zu sein scheint. Erregt ruft er, auch Kafka habe nicht geplottet, und entnimmt dem Kühlschrank mehrere Flaschen „Mythos“ auf einmal.</p>
<div id="attachment_3312" style="width: 1098px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3312" data-attachment-id="3312" data-permalink="https://tell-review.de/mythos_bier_sw/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?fit=1088%2C884&amp;ssl=1" data-orig-size="1088,884" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Mythos_Bier_SW" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?fit=300%2C244&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?fit=900%2C731&amp;ssl=1" class="wp-image-3312 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?resize=900%2C731" width="900" height="731" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?w=1088&amp;ssl=1 1088w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?resize=80%2C65&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?resize=300%2C244&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?resize=768%2C624&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Mythos_Bier_SW.png?resize=1030%2C837&amp;ssl=1 1030w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-3312" class="wp-caption-text">Mythos-Bier, Flaschen</p></div>
<p>Was er von Kleist halte, fragt K. nach einem Moment des Schweigens. Der andere bringt sofort einen Toast aus und offenbart, dass er in der Staatsbibliothek nicht nur Soldatenmagazine wie „Stars and Stripes“ lese, sondern auch das Kleistsche Werk. Eines der großen Themen Kleists, „the fundamental deceivability of man“, so der Erzähler K. in <em>Under Cover</em>, nehme der junge Amerikaner für sich selbst in Anspruch. Auch behaupte er, Kleist im Streben nach Anerkennung nahe zu sein. „Ruhm ist das größte der Güter der Erde“ zitiert der junge Schriftsteller aus den USA die Kleist-Sentenz in akzentfreiem Deutsch. Allerdings sei Kleist bekanntlich erst post mortem die ersehnte Ehre zu Teil geworden. Und so denke er darüber nach, ob sich Ruhm nicht auch erlangen ließe, indem man „the death of the author“ prae mortem inszeniere, was in etwa hieße, mit der eigenen medialen Absenz zu spielen, durch den Literaturbetrieb zu gespenstern, hier und da Spuren hinterlassend, die in die Irre führen und Spekulationen auslösen: Ist der Autor identisch mit einem anderen Autor, ist er ein Autorenkollektiv etc.</p>
<p>„Let me be unambiguous: I prefer not to be photographed“, gesteht er K. Vielmehr wolle er ein ruhiges, von der Presse unbehelligtes Leben führen, eine Frau heiraten, im besten Fall eine Literaturagentin, einen Sohn zeugen, dem zuliebe er in einem Zeichentrickfilm mit einer Papiertüte über dem Kopf auftreten könnte, sich bei Preisverleihungen von Komikern vertreten lassen und andere Schriftsteller treffen, die seine Abneigung gegenüber Reportern teilen, ohne Einsiedler zu sein. „My belief is that &#8218;recluse&#8216; is a code word generated by journalists – meaning, &#8218;doesn&#8217;t like to talk to reporters&#8217;“, sagt er schließlich, „so like please, please help me stay under cover.“</p>
<p>Laut Anonymus behauptet K. am Ende der Erzählung, nach der durchzechten Nacht nicht recht zu gewusst zu haben, ob das Ganze nur ein Traum gewesen sei. Den amerikanischen Autor habe er jedenfalls nie wieder getroffen, weder in der Berliner Staatsbibliothek noch in „Another Country“.</p>
<p>Nun, liebe Frau Geisel, habe ich mich nach der Lektüre dieser E-Mail dazu entschlossen, den faktischen Hintergrund der Erzählung <em>Under Cover</em> zu recherchieren: Hat doch Anonymus zahlreiche, eindeutig dem amerikanischen Autor Thomas Pynchon zuzuschreibende Zitate wiedergegeben, die mehrfach durch die Presse gingen und mir seit langer Zeit bekannt sind. Daher glaube ich ausschließen zu können, dass Anonymus einer jener begabten Hobby-Fälscher ist, die sich dem literarischen <em>fake</em> aus Freude an der Sache widmen – so wie manche Schriftsteller Romane schreiben ohne jede Gewissheit auf eine Publikation.</p>
<div id="attachment_3333" style="width: 365px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3333" data-attachment-id="3333" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/ac_fiction/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_fiction-e1468007178651.jpg?fit=355%2C215&amp;ssl=1" data-orig-size="355,215" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;2.5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D40&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1292334682&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;30&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;400&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.04&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="AC_fiction" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_fiction-e1468007178651.jpg?fit=300%2C182&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_fiction-e1468007178651.jpg?fit=355%2C215&amp;ssl=1" class="wp-image-3333 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_fiction-e1468007178651.jpg?resize=355%2C215" alt="AC_fiction" width="355" height="215" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_fiction-e1468007178651.jpg?w=355&amp;ssl=1 355w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_fiction-e1468007178651.jpg?resize=80%2C48&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_fiction-e1468007178651.jpg?resize=300%2C182&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 355px) 100vw, 355px" /><p id="caption-attachment-3333" class="wp-caption-text">Another Country, Antiquariat</p></div>
<p>Meine ersten Recherchen haben zu folgenden Ergebnissen geführt:</p>
<p>1.a</p>
<div id="attachment_3334" style="width: 349px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3334" data-attachment-id="3334" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/ac_ladenschild/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?fit=808%2C816&amp;ssl=1" data-orig-size="808,816" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="AC_Ladenschild" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?fit=297%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?fit=808%2C816&amp;ssl=1" class="wp-image-3334" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?resize=339%2C342" alt="AC_Ladenschild" width="339" height="342" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?w=808&amp;ssl=1 808w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?resize=80%2C80&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?resize=297%2C300&amp;ssl=1 297w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?resize=768%2C776&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?resize=65%2C65&amp;ssl=1 65w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?resize=50%2C50&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Ladenschild-e1468006763638.jpg?resize=300%2C303&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 339px) 100vw, 339px" /><p id="caption-attachment-3334" class="wp-caption-text">Another Country, Antiquariat</p></div>
<p>Das Antiquariat „Another Country“ wurde erst 1998 in Berlin eröffnet. Tatsächlich gibt es dort ein Regal mit der Aufschrift „evil books“, tatsächlich findet man im Souterrain einen großen Science Fiction-Bestand, tatsächlich wird neben Literatur Bier verkauft. Buchladen, Leihbücherei und Club in einem, bietet „Another Country“ ein Programm mit Filmnächten, Dinner-Abenden und Lesezirkeln an.<sup><a href="#_ftn8" name="_ftnref8">[8]</a></sup> Laut BBC Travel und Lonely Planet gehört das Antiquariat zu den zehn besten Buchläden der Welt.<sup><a href="#_ftn9" name="_ftnref9">[9]</a></sup> Möglicherweise ist es nach James Baldwins Roman <em>Another Country</em> aus dem Jahr 1962 benannt, der wohl nur aufgrund der zahlreichen erotischen Szenen zum Bestseller wurde.<sup><a href="#_ftn10" name="_ftnref10">[10]</a></sup></p>
<p>1.b</p>
<p>Historisches Vorbild des Antiquariats in Kirkups Erzählung  könnte die „Bücherstube Marga Schoeller“ sein, die mit ihrem großen englischsprachigen Literaturangebot bis 1974 am Kurfürstendamm Treffpunkt in- und ausländischer Autoren war. Ob in den damaligen Geschäftsräumen Bier konsumiert wurde und falls ja, wie oft, wann und wieviel, konnte nicht ermittelt werden.<sup><a href="#_ftn11" name="_ftnref11">[11]</a></sup></p>
<p>1.c</p>
<p>Das Lagerbier „Mythos“ wurde erst 1997 von der „Northern Greece Brewery Ltd.“ auf den internationalen Markt gebracht. Heute gehört das Unternehmen, das mittlerweile „Mythos Brewery Ltd.“ heißt, zur dänischen „Carlsberg-Gruppe“.<sup><a href="#_ftn12" name="_ftnref12">[12]</a></sup></p>
<p>2.a</p>
<div id="attachment_3336" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3336" data-attachment-id="3336" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/ac_beer/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?fit=3024%2C4031&amp;ssl=1" data-orig-size="3024,4031" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="AC_Beer" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?fit=225%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?fit=773%2C1030&amp;ssl=1" class="wp-image-3336 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387-225x300.jpg?resize=225%2C300" alt="AC_Beer" width="225" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?resize=768%2C1024&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?resize=773%2C1030&amp;ssl=1 773w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?resize=1200%2C1600&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?resize=1300%2C1733&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Beer-e1468007389387.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-3336" class="wp-caption-text">Another Country, Antiquariat</p></div>
<p>Der britische Dichter, Schriftsteller und Übersetzer James Falconer Kirkup, geboren am 23. April 1918, gestorben am 10. Mai 2009, hat über dreißig Bücher veröffentlicht, aber keine Erzählung mit dem Titel <em>Under Cover</em>.<sup><a href="#_ftn13" name="_ftnref13">[13]</a></sup> Seine englische Fassung des Kleist-Dramas <em>Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin</em> erschien 1959 im Druck und wurde 1977 am New Yorker Chelsea Theater Center uraufgeführt.<sup><a href="#_ftn14" name="_ftnref14">[14]</a></sup> Liegt der <em>Homburg</em> nur in einer Abschrift von unbekannter Hand vor – der „Heidelberger Handschrift“<sup><a href="#_ftn15" name="_ftnref15">[15]</a></sup>, die Tieck 1821 und 1826 als Druckvorlage für die ersten Kleist-Ausgaben verwendet hat –, so wird <em>Der zerbrochene Krug</em> als Autograf in der Berliner Staatsbibliothek archiviert.<sup><a href="#_ftn16" name="_ftnref16">[16]</a></sup> Allerdings ist keine Übertragung dieses Lustspiels durch Kirkup bekannt, der nach 1963 vielmehr zwei weitere Dürrenmatt-Stücke – <em>Der Meteor</em> und <em>Play Strindberg</em> – ins Englische übersetzt hat sowie andere deutschsprachige Texte, darunter Erzählungen von E. T. A. Hoffmann und Erich Kästners Kinderbuch <em>Der kleine Mann</em>.<sup><a href="#_ftn17" name="_ftnref17">[17]</a></sup> <em>The Physicists</em> nach Dürrenmatt aus dem Jahr 1963 gilt als Kirkups bedeutendste Übersetzung; sie war Grundlage der erfolgreichen Londoner Inszenierung von Peter Brook.<sup><a href="#_ftn18" name="_ftnref18">[18]</a></sup></p>
<p>2.b</p>
<p>Kirkup wurde 1962 zum Mitglied der „Royal Society of Literature“ gewählt und erhielt für sein literarisches Werk mehrere Auszeichnungen, jedoch kein Stipendium für einen Aufenthalt in West-Berlin.<sup><a href="#_ftn19" name="_ftnref19">[19]</a></sup></p>
<p>2.c</p>
<p>Kirkup erwähnt in seiner fünfbändigen Autobiografie weder Kleist-Studien in der Berliner Staatsbibliothek noch durchzechte Nächte in einem Kreuzberger Antiquariat.<sup><a href="#_ftn20" name="_ftnref20">[20]</a></sup> Ein Protagonist mit dem Namenskürzel K., der zum einen Kafkas <em>Process</em> geschuldet wäre, zum andern der Manier postmoderner Autoren, sich selbst als Romanfiguren darzustellen, ist in Kirkups vielfältigem Werk nicht auszumachen.</p>
<div id="attachment_3329" style="width: 185px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3329" data-attachment-id="3329" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/ac_room/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?fit=1572%2C2701&amp;ssl=1" data-orig-size="1572,2701" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="AC_Room" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?fit=175%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?fit=599%2C1030&amp;ssl=1" class="wp-image-3329 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175-175x300.jpg?resize=175%2C300" alt="AC_Room" width="175" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?resize=175%2C300&amp;ssl=1 175w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?resize=47%2C80&amp;ssl=1 47w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?resize=768%2C1320&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?resize=599%2C1030&amp;ssl=1 599w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?resize=1200%2C2062&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?resize=1300%2C2234&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?resize=300%2C515&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Room-e1468008371175.jpg?w=1572&amp;ssl=1 1572w" sizes="auto, (max-width: 175px) 100vw, 175px" /><p id="caption-attachment-3329" class="wp-caption-text">Another Country, Antiquariat</p></div>
<p>3.a</p>
<p>Es ist möglich, dass sich der amerikanische Schriftsteller Thomas Ruggels Pynchon Jr., um den es in Kirkups Erzählung <em>Under Cover</em> offensichtlich geht, 1963 in Berlin aufgehalten hat, um für den Roman <em>Gravity‘s Rainbow</em> zu recherchieren. Michael Naumann, ehemals Pynchons deutscher Verleger bei Rowohlt, hat zwar 1999 im Verlauf einer Podiumsdiskussion behauptet, der Autor habe ausschließlich den Bibliotheksbestand der University Of California genutzt, um in seinem Roman die Reise eines ehemaligen GIs durch das Nachkriegsdeutschland schildern zu können.<sup><a href="#_ftn21" name="_ftnref21">[21]</a></sup> Aber laut Hans Georg Heepe, dem verantwortlichen Rowohlt-Lektor der deutschen Romanfassung unter dem Titel <em>Die Enden der Parabel</em>, hat sich Pynchon „in einer Berliner Bibliothek“ zwei Wochen lang mit „Stars and Stripes“ befasst, der Zeitschrift für die amerikanischen Besatzungssoldaten, in der sich wohl alles finden ließ, was er über das Kriegsende in Berlin erfahren wollte.<sup><a href="#_ftn22" name="_ftnref22">[22]</a></sup> In der Tat wird „Stars and Stripes“ in der Zeitungsabteilung der Berliner Staatsbibliothek archiviert.<sup><a href="#_ftn23" name="_ftnref23">[23]</a></sup></p>
<p>3.b</p>
<p>Pynchon wird in der Erzählung anscheinend wörtlich korrekt zitiert.<sup><a href="#_ftn24" name="_ftnref24">[24]</a></sup> Allerdings ist das indirekte Zitat über Kafka nicht belegt.<sup><a href="#_ftn25" name="_ftnref25">[25]</a></sup> Und das poststrukturalistische Konzept vom „Tod des Autors“, das sich gegen die Tradition der psychologisierenden, an den Biografien der Dichter orientierten Literaturinterpretation wendet, stammt bekanntlich nicht von Pynchon sondern von Roland Barthes.<sup><a href="#_ftn26" name="_ftnref26">[26]</a></sup> Ein einziges Pynchon-Zitat kann dem Jahr 1963 zugeordnet werden: Nach dem Erfolg seines Debütromans <em>V.</em> soll der Autor seine damalige Vermieterin in einem Brief gebeten haben, der Presse seinen Aufenthaltsort nicht zu verraten.<sup><a href="#_ftn27" name="_ftnref27">[27]</a></sup> Unklar ist, wann und warum Kirkup zeitlich später einzuordnende Zitate in seine Erzählung aufgenommen hat. War es künstlerische Freiheit, war es mangelndes Erinnerungsvermögen, war es der Wunsch, Pynchon nachträglich zu verklären? Wirkt Pynchon doch in der Erzählung wie ein Visionär: Seit 1990 ist er mit einer Literaturagentin verheiratet, seit 1991 hat er einen Sohn mit ihr<sup><a href="#_ftn28" name="_ftnref28">[28]</a></sup>, dem zuliebe er 2004 wiederholt in der TV-Serie <em>The Simpsons</em> als Zeichentrickfigur mit einer Papiertüte über dem Kopf auftrat.<sup><a href="#_ftn29" name="_ftnref29">[29]</a></sup> Auch ließ er sich bei der Verleihung des National Book Award im Jahr 1974 von dem Komiker Irwin Corey vertreten.<sup><a href="#_ftn30" name="_ftnref30">[30]</a></sup> Und angeblich trifft er sich in Manhattan regelmäßig mit anderen Schriftstellern, die ebenfalls als pressescheu gelten.<sup><a href="#_ftn31" name="_ftnref31">[31]</a></sup> Nicht 1963 sondern 1959, nicht in Berlin sondern in New York, nicht in einem Antiquariat sondern auf einem Maskenball soll Pynchon als Scott Fitzgerald aufgetreten sein, während sein bester Freund, der früh verstorbene Beat-Autor Richard Fariña, als Ernest Hemingway verkleidet war.<sup><a href="#_ftn32" name="_ftnref32">[32]</a></sup></p>
<div id="attachment_3332" style="width: 910px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3332" data-attachment-id="3332" data-permalink="https://tell-review.de/ruhm/ac_evil_books/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?fit=4032%2C1350&amp;ssl=1" data-orig-size="4032,1350" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;1.7&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;SM-G930F&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1467980060&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.2&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;160&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.04&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="AC_Evil_Books" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?fit=300%2C100&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?fit=900%2C301&amp;ssl=1" class="wp-image-3332 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611-1030x345.jpg?resize=900%2C301" alt="AC_Evil_Books" width="900" height="301" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?resize=1030%2C345&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?resize=80%2C27&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?resize=300%2C100&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?resize=768%2C257&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?resize=1200%2C402&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?resize=1300%2C435&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/AC_Evil_Books-e1468008035611.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-3332" class="wp-caption-text">Another Country, Antiquariat</p></div>
<p>3.c</p>
<p>Es gibt keinen Beleg dafür, dass Pynchon sich mit Kleist beschäftigt hat. Gleichwohl könnte Kleist, folgt man dem Literaturwissenschaftler und Amerikanisten Helmut Müller-Sievers, zu Pynchons Vorbildern zählen.<sup><a href="#_ftn33" name="_ftnref33">[33]</a></sup> Auch gibt es von Pynchon – wie von Kleist – nur ein einziges vermeintlich authentisches Jugendbild, das der Autor jedoch nie zur Veröffentlichung freigegeben hat.<sup><a href="#_ftn34" name="_ftnref34">[34]</a></sup></p>
<p>Liebe, liebe Frau Geisel: Ich komme nach meinen ersten Recherchen zu James Kirkups Erzählung <em>Under Cover</em> zu folgendem vorläufigen Fazit:</p>
<p>Kirkup, der soziale Begegnungen wohl zeitlebens schwierig fand<sup><a href="#_ftn35" name="_ftnref35">[35]</a></sup> und nach seinem Tod rasch in Vergessenheit geriet, könnte nun in den Fokus jener Literaturwissenschaftler gelangen, die sich möglicherweise generationenübergreifend mit Pynchon beschäftigen werden.<sup><a href="#_ftn36" name="_ftnref36">[36]</a></sup> Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass Kirkup Pynchon 1963 in Berlin begegnet ist und dessen Wunsch, under cover zu bleiben, respektiert hat. Wird doch der Name des jungen amerikanischen Schriftstellers, der in <em>Under Cover </em>auftritt, nicht genannt. Zudem hat Kirkup den Text nie veröffentlicht. Vorstellbar ist, dass sich die beiden Autoren in der Berliner Staatsbibliothek mit Kleist befasst haben; wahrscheinlich ist in diesem Fall, dass sie sich über ihre Lektüre austauschten. Zu fragen bleibt: Ist es nur ein Bild der Fantasie, dass Pynchon damals den Plan gefasst hat, weltweit als Autor berühmt zu werden, indem prae mortem über ihn im Einzelnen nicht mehr bekannt sein sollte als post mortem über Kleist?</p>
<p>In der Hoffnung, Sie neugierig gemacht zu haben, grüßt Sie herzlich</p>
<p>Ihre</p>
<p>Elke Heinemann</p>
<p>P.S.: Selbstverständlich haben Sie freie Hand, diesen Brief auf <em>tell</em> zu veröffentlichen, da wir so weitere Hinweise auf James Kirkups Erzählung <em>Under Cover</em> erhalten könnten.</p>
<hr />
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> <a href="http://staatsbibliothek-berlin.de/">http://staatsbibliothek-berlin.de/</a>. Nicht Jorge Luis Borges‘ utopische „Bibliothek von Babel“, die alle vorstellbaren, aber dem Menschen unverständlichen Bücher enthält, ist hier Ort der Handlung, sondern eine Mega-Bibliothek der realen Welt. Vgl. Jorges Luis Borges, Die Bibliothek von Babel, in: Fiktionen, übersetzt von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs; herausgegeben von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1994</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> <a href="http://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/handschriften/nachlaesse-autographen/nachlaesse-a-z/tieck/">http://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/handschriften/nachlaesse-autographen/nachlaesse-a-z/tieck/</a>; Tieck publizierte unter seinem Klarnamen sowie unter den Pseudonymen Peter Lebrecht und Gottlieb Färber. Anonym veröffentlichte er 1796 zusammen mit seinem kongenialen Freund Wackenroder die kunsttheoretische, als „Manifest der deutschen Frühromantik“ gerühmte Aufsatzsammlung „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“. Vgl. Nachwort von Richard Benz in: Martin Bollacher (Hrsg.): Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, Stuttgart 1955, S. 179. 1999 wurde der Asteroid 8056 nach Tieck benannt. Vgl. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%288056%29_Tieck">https://de.wikipedia.org/wiki/%288056%29_Tieck</a>. Tieck war als Erfolgsschriftsteller mit anderen Erfolgsschriftstellern seiner Zeit bekannt, mit den Brüdern Schlegel sowie mit Novalis, Brentano, Fichte, Schelling. Auch Goethe stand mit Tieck in Verbindung, kritisierte aber sowohl die kunsttheoretischen Ansichten als auch die Prosa des Jüngeren: „Zuviel Morgensonne. Erntefest. Sentimentalität.“, zit. nach WA I, Bd. 47, S. 280. Goethe übersandte Schiller Tiecks Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ mit einer abfälligen Bemerkung: „… unglaublich, wie leer das artige Gefäß ist“, zit. aus dem Brief vom 5.9.1798, WA IV, Bd. 13, S.267</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Tieck bescheinigte Kleist eine „tiefe Disharmonie“, die bei dem Kulturmagnaten Goethe „Schauder und Abscheu“ hervorgerufen haben soll, vgl. <a href="http://www.textkritik.de/bka/dokumente/dok_t/tieck03.htm">http://www.textkritik.de/bka/dokumente/dok_t/tieck03.htm</a>; zit. n. Günter Blamberger: <a href="http://www.heinrich-von-kleist.org/index.php?id=421">http://www.heinrich-von-kleist.org/index.php?id=421</a>: „Es mag eine Künstlerlegende sein, dass Kleist, einer Erinnerung seines Freundes Pfuel zufolge, nur ,das eine Ziel’ gehabt habe, ,der größte Dichter seiner Nation zu werden’, er folglich Goethes ,Vorrang gehaßt’ habe und ihm ,den Kranz von der Stirn reißen’ wollte.“</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie, Frankfurt am Main 2011. S. 118</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Kleist schreibt in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, der das Porträt zugeeignet war: “Mögest Du es ähnlicher finden als ich… ich wollte er hätte mich ehrlicher gemalt.“ Zit. n. Paul Ridder, der weitere Laienporträts des Dichters untersucht, in: Ein Bildnis des unbekannten Heinrich v. Kleist, http://bilddetek.hypotheses.org/498; vgl. auch Eberhard Siebert: Heinrich von Kleist. Eine Bildbiografie, Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn 2009</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a> <a href="http://goodereader.com/blog/e-book-news/amazon-removes-thousands-of-self-published-e-books">http://goodereader.com/blog/e-book-news/amazon-removes-thousands-of-self-published-e-books</a>. Im Internet finden sich bekanntlich dicht gestreut Informationen, Falschmeldungen und Publikationen, die seriös sein mögen oder nicht.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a> www.amazon.com/Undercover-English-ebook/dp/B00J3NPYNU/ref=sr_1_sc_1?s=digital-text/</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a> <a href="http://www.anothercountry.de/">http://www.anothercountry.de/</a></p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref9" name="_ftn9">[9]</a> vgl. http://www.bbc.com/travel/story/20101118-the-worlds-greatest-bookshops</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref10" name="_ftn10">[10]</a> Baldwin, James: Another Country (1962), New York, 2001</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref11" name="_ftn11">[11]</a> <a href="https://web.archive.org/web/20110904200214/http://www.berlinerzimmer.de/berlinerliteratur/margaschoeller.htm">http://www.berlinerzimmer.de/berlinerliteratur/margaschoeller.htm</a>. Im derzeitigen Ladenlokal in der Knesebeckstraße gibt es eine <span class="su-lightbox" data-mfp-src="http://tell-review.de/wp-content/uploads/2016/07/Marga-Schoeller-Kinderecke.jpg" data-mfp-type="image" data-mobile="yes"><span style="text-decoration: underline;">Kinderecke</span></span>.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref12" name="_ftn12">[12]</a> https://de.wikipedia.org/wiki/Mythos_Brewery</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref13" name="_ftn13">[13]</a> <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup">https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup</a>. Unter den Publikationen befinden sich Gedichtbände, Romane, Theaterstücke, Reiseschriften und eine fünfbändige Autobiografie. Selbst wenn es die Erzählung „Under Cover“ geben sollte, ist nicht bekannt, ob und, falls ja, von wem sie im vergangenen Herbst bei Amazon eingestellt worden ist. Kirkups Rechteinhaber scheinen über keine diesbezüglichen Informationen zu verfügen.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref14" name="_ftn14">[14]</a> http://www.kleist.org/index.php/kleist-im-ausland/70-usa/149-the-prince-of-homburg-1977</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref15" name="_ftn15">[15]</a> vgl. Helmut Sembdners Aufsatz in der FAZ vom 6.6.1964 über: Heinrich von Kleist: Prinz Friedrich von Homburg. Nach der Heidelberger Handschrift herausgegeben von Richard Samuel unter Mitwirkung von Dorothea Coverlid, Berlin 1984</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref16" name="_ftn16">[16]</a> s. http://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/handschriften/nachlaesse-autographen/nachlaesse-a-z/tieck/</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref17" name="_ftn17">[17]</a> vgl. <a href="https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&amp;query=118865463">https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&amp;query=118865463</a> (Katalog der Deutschen Nationalbibliothek)</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref18" name="_ftn18">[18]</a> Gerhard P. Knapp: Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker, Frankfurt am Main 1997, S. 41</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref19" name="_ftn19">[19]</a> https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref20" name="_ftn20">[20]</a> <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup#cite_note-5">https://en.wikipedia.org/wiki/James_Kirkup#cite_note-5</a>. Die autobiographischen Bücher (z.B. „The Only Child“, 1957, „Sorrows, Passions and Alarms“, 1959, „A Poet Could Not But Be Gay“, 1991) sind in verschiedenen Verlagen erschienen, darunter Weidenfeld &amp; Nicolson, Collins, Peter Owen Ltd.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref21" name="_ftn21">[21]</a> s. <a href="http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2000/03/20/a0187">http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2000/03/20/a0187</a>: Naumann: „Pynchon hat mir einmal gesagt, wie er für ‚Die Enden der Parabel‘ recherchiert hat. Er hat sich alle Bücher aus der Bibliothek der University Of California ausgeliehen, die mit Bildern aus Deutschland illustriert waren.“</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref22" name="_ftn22">[22]</a> Hans Georg Heepe in Sven Ahnerts Radio-Feature „Warum Hunde Henry James lesen. Zum 70. Geburtstag von Thomas Pynchon“, DeutschlandRadio Kultur 2007: „Ich habe ihn damals bei ‘Gravity‘s Rainbow‘ gefragt. Woher wissen Sie das alles? Das kann man doch nicht alles wissen? Da hat er gesagt: Ich habe mich einmal 14 Tage in Berlin in eine Bibliothek gesetzt und mir die täglichen Nummern von ‚Stars and Stripes‘, der Zeitschrift für die amerikanischen Besatzungssoldaten, durchgelesen, und da wusste ich alles, was ich über das Ende von 1945 in Berlin wissen wollte.“ <a href="http://www.deutschlandradiokultur.de/warum-hunde-henry-james-lesen.974.de.html?dram:article_id=150427">http://www.deutschlandradiokultur.de/warum-hunde-henry-james-lesen.974.de.html?dram:article_id=150427</a></p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref23" name="_ftn23">[23]</a> http://zeitungen.staatsbibliothek-berlin.de/</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref24" name="_ftn24">[24]</a> vgl. CNN vom 5.6.97: “Where’s Thomas Pynchon? CNN tracks down literary world’s deliberate enigma”, <a href="http://edition.cnn.com/US/9706/05/pynchon/">http://edition.cnn.com/US/9706/05/pynchon/</a>; vgl. auch Kachka, Boris: On the Thomas Pynchon Trail: From the Long Island of His Boyhood to the ‘Yupper West Side’ of His New Novel, http://www.vulture.com/2013/08/thomas-pynchon-bleeding-edge.html</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref25" name="_ftn25">[25]</a> Andererseits ist Pynchon in Bezug zu Kafka gesetzt worden, vgl. <a href="http://www.pynchon.pomona.edu/bio/influences.html">http://www.pynchon.pomona.edu/bio/influences.html</a>. Der Name des Erzählers K. in „Under Cover“ kann wohl als Kafka-Referenz aufgefasst werden. Siehe dazu Punkt 2.c</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref26" name="_ftn26">[26]</a>  Roland Barthes hat den Aufsatz über den „Tod des Autors“ 1967 zunächst auf Englisch unter dem Titel „The Death of the Author“ im amerikanischen Magazin „Aspen“ publiziert. 1968 erschien der Text unter dem Titel „Le mort de l’auteur“ – eine Anspielung auf Sir Thomas Malorys Artus-Legenden „Le Morte d’Arthur“ aus dem 15. Jahrhundert – im französischen Journal „Manteia“. Vgl. Roland Barthes: „La mort de l’auteur“, in: Roland Barthes: Le bruissement de la langue, Paris 1984. Zur Editionsgeschichte des Aufsatzes vgl. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_des_Autors_%28Roland_Barthes%29#cite_ref-wilson340_1-0">https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_des_Autors_%28Roland_Barthes%29#cite_ref-wilson340_1-0</a>; v Als Parodie des Konzepts kann Woody Allens Film „Deconstructing Harry“ aus dem Jahr 1997 interpretiert werden, in dem der erfolgreiche Autor Harry Block konturlos wird. Vgl. auch Michel Foucaults Replik „Qu’est-ce qu’un auteur?“, in: Bulletin de la société française de philosophie 1969. In den neunziger Jahren wurde der poststrukturalistischen Dekonstruktion des Autors die These von der „Rückkehr des Autors“ entgegengesetzt, und zwar mit Blick auf die Urheberschaft, die personale Instanz vor der Zensur und den Verfassernamen als Garant für die Einheit eines Textkorpus. Vgl. Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez und Simone Winko (Hrsg.): Die Rückkehr des Autors, Tübingen 1999</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref27" name="_ftn27">[27]</a> “So like please, please help me stay under cover.“ Zit. nach Kachka, Boris, a.a.O.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref28" name="_ftn28">[28]</a> ibid.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref29" name="_ftn29">[29]</a> vgl. http://simpsons.wikia.com/wiki/Thomas_Pynchon</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref30" name="_ftn30">[30]</a> vgl.Kachka, Boris, a.a.O.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref31" name="_ftn31">[31]</a> vgl. CNN a.a.O. Der Bericht bezieht sich auch auf die Journalistin Nancy Jo Sales des New York Magazine, die Pynchon im Jahr zuvor in Manhattan aufgespürt haben will.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref32" name="_ftn32">[32]</a> vgl.  http://www.pynchon.pomona.edu/bio/influences.html</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref33" name="_ftn33">[33]</a> vgl. die Rezension des Romans „Against the Day“ unter dem Titel „Drogen ohne Sucht“ von Helmut Müller-Sievers in der Frankfurter Rundschau vom 18.1.07: “Aus Mason &amp; Dixon hat er die hochfrequente, im Deutschen am ehesten an Kleist gemahnende Kommasetzung übernommen…“ http://www.fr-online.de/literatur/thomas-pynchon-drogen-ohne-sucht,1472266,3154046.html</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref34" name="_ftn34">[34]</a> vgl<em>.</em> <a href="http://www.deutschlandradiokultur.de/warum-hunde-henry-james-lesen.974.de.html?dram:article_id=150427">http://www.deutschlandradiokultur.de/warum-hunde-henry-james-lesen.974.de.html?dram:article_id=150427</a>: “Selbst der Rowohlt-Verlag darf das bekannte Matrosen-Foto aus den späten 1950er Jahren nicht publizieren.“; vgl. auch <a href="http://www.vice.com/read/who-is-thomas-pynchon-and-why-did-he-take-off-with-my-life-198">http://www.vice.com/read/who-is-thomas-pynchon-and-why-did-he-take-off-with-my-life-198</a>, David Whelan: “Thomas Pynchon and the Myth of the Reclusive Author”, 9.10.14: “…there are only four known photos of Pynchon (and there&#8217;s no proof that they are even photos of him) …”</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref35" name="_ftn35">[35]</a> s. Nachruf auf James Kirkup von Glyn Pursglove and <a href="http://www.theguardian.com/profile/alan-brownjohn">Alan Brownjoh</a> in The Guardian vom 16.5.09: „…he found social encounters difficult. He described himself as having an ‘inborn sense of deep solitude and apartness’.”</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref36" name="_ftn36">[36]</a> “He’s (i.e. Thomas Pynchon, EH) said he wants to ‘keep scholars busy for several generations,’ but ­Pynchon academics, deprived of any scrap of history, find themselves turned into stalkers.*” Unter * heißt es: *”This article has been corrected to show that Pynchon has said he wants to ‘keep scholars busy for several generations,’ not ‘keep scholars busy for generations.’” Zit. nach Kachka, Boris, a.a.O.</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Montage unter Verwendung der Grafik &#8222;Death finds an author&#8220;: [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0">CC BY 4.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AThe_dance_of_death%3B_Death_finds_an_author_writing_his_life._Wellcome_V0042025.jpg">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Fotos aus dem Archiv der Staatsbibliothek Berlin: Archiv Staatsbibliothek Berlin</em><br />
<em> Foto Mythos-Bier: Sieglinde Geisel</em><br />
<em> Fotos &#8222;Another Country&#8220;: Sieglinde Geisel, Antiquariat &#8222;<a href="http://www.anothercountry.de" target="_blank">Another Country</a>&#8222;</em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Auf eigene Gefahr – Autoren-Selfies (3)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Samuel Hamen]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Jun 2016 07:00:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Bachmann-Wettbewerb]]></category>
		<category><![CDATA[TDDL]]></category>
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					<description><![CDATA[„Und wollen wir uns nicht eigentlich in Literatur verlieren, wie in einem Labyrinth?“ – Teil 3 der „unverschämten Mutmaßungen“ von Samuel Hamen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 id="zwicky">Dieter Zwicky: Dialektale Onkelhaftigkeit</h3>
<div id="attachment_3105" style="width: 568px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3105" data-attachment-id="3105" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/zwicky/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Zwicky.png?fit=558%2C313&amp;ssl=1" data-orig-size="558,313" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Zwicky" data-image-description="&lt;p&gt;Dieter Zwicky &amp;#8211; TDDL 2016 (Video-Still)&lt;/p&gt;
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<p>Was Personenkult angeht, kann letztlich nur <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773168/" target="_blank">Dieter Zwicky</a> (geb. 1957) <a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-2/#sargnagel" target="_blank">Stefanie Sargnagel</a> das Wasser reichen. Sein Porträt beginnt mit einem nervösen Countdown-Zähler, gerade so, als spränge uns im nächsten Augenblick wasserstoffblond H. P. Baxxter entgegen. Stattdessen kriegen wir einen hübsch angegrauten Mann serviert, der bedruckte Papierschnipsel unter einen Wasserstrahl hält und sie abwäscht. Auch gut. Später sitzt Zwicky in seinem Atelier wie ein Grand-Seigneur-Maler vor den eigenen Gemälden und redet, gerahmt von Edelstahlnudelsieb und Tropfbildern, vor allem eins: wirres Zeug. „Und zwar stelle ich mir vor, dass das Chalet als zugespitzte, hölzerne Schweizer Behausungsform eigentlich ausgeschafft werden müsste, möglichst weit weg, und das ist mir im letzten Werk dann tatsächlich passiert, das Chalet wurde zur Blockhütte in den chilenischen Alpen und zur Drehscheibe für adrette Drogenschiebereien.“ Bei so einer dialektalen Onkelhaftigkeit kann man ihn eigentlich nur unterschätzen.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung </span></h4>
<p>Fokussierung auf das Sprachmaterial und Ausspielen des Schweizer Regio-Jokers. Dafür wird er viel Lob einheimsen („fabelhafte Artistik“ u. ä.), das letztlich aber wirkungslos sein wird. Für einen Bachmann-Preisträger ist er dann doch zu sehr Schweizer Dada-Onkel.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="wolf">Julia Wolf: Rätselhafte Zurückhaltung</h3>
<div id="attachment_3104" style="width: 573px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3104" data-attachment-id="3104" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/wolf/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Wolf.png?fit=563%2C311&amp;ssl=1" data-orig-size="563,311" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Wolf" data-image-description="&lt;p&gt;Julia Wolf &amp;#8211; TDDL 2016 (Video-Still)&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 75%;&quot;&gt;&lt;a href=&quot;http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773167/&quot;&gt;ORF&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Wolf.png?fit=300%2C166&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Wolf.png?fit=563%2C311&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-3104" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Wolf.png?resize=563%2C311" alt="ORF" width="563" height="311" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Wolf.png?w=563&amp;ssl=1 563w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Wolf.png?resize=80%2C44&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Wolf.png?resize=300%2C166&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 563px) 100vw, 563px" /><p id="caption-attachment-3104" class="wp-caption-text"><span style="font-size: 75%;"><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773167/">ORF</a></span></p></div>
<p>Dass man nicht weiß, woran man ist – das ist der Clou bei <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773167/" target="_blank">Julia Wolf</a> (geb. 1980). Ihr Porträt bleibt bis zum Ende rätselhaft. Alte Männer in Badehose liegen auf einer blau gekachelten Liegefläche und sprechen theatralisch Worte und Sätze nach. Die Autorin tritt erst ganz am Ende auf, wenn ihr Kopf wie eine PPP-Folie ins Bild gleitet. Was das soll? Keine Ahnung.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Just diese rätselhafte Zurückhaltung wird auch für Wolfs Textarchitektur wichtig sein. Wenn ihr Beitrag seinen epischen Bau nicht allzu plump preisgibt, kann ihr Schreiben durchaus überzeugend wirken. Gefahr droht, wenn – und das wird bestimmt eine(r) aus der Jury anbringen – die Verrätselung als technische Masche offenbar wird.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="otoo">Sharon Dodua Otoo: Stimmdienstleisterin</h3>
<div id="attachment_3100" style="width: 562px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3100" data-attachment-id="3100" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/otoo/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Otoo.png?fit=552%2C313&amp;ssl=1" data-orig-size="552,313" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Otoo" data-image-description="&lt;p&gt;Sharon Dodua Otoo &amp;#8211; TDDL 2016 (Video-Still)&lt;/p&gt;
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<p>Der Clip von <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773160/" target="_blank">Sharon Dodua Otoo</a> (geb. 1972) beginnt mit einem Gespräch zwischen der Autorin und einem jungen Mann, dem sie gerade die Haare macht, und endet mit einer Familien- und Freundesfeier, bei der alle gemeinsam singen. Hier, das wird schnell klar, ist jemand Stimmdienstleister für andere, die sonst nicht zu Wort kommen. Otoo kämmt Haare, hört zu, kocht, fragt nach. Das wird hervorragend ankommen, weil sie mit einem littérature-engagée-Hopser aus dem Sumpf der Selbstbezüglichkeit springt.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Ein im besten Sinne humanistischer Text, dem es weniger um sich oder die Autorin geht, sondern um die Figuren und ihre Schicksale. In der Jury-Diskussion werden die französische Autorin Marie NDiaye und der nigerianisch-amerikanische Autor Teju Cole vorkommen. Auch das Schlagwort „afropolitisch“ darf nicht fehlen. Gefährlich wird es für die Juroren, wenn sie Otoo auf die hochriskante und grundbescheuerte Trias „schwarz, weiblich, jung“ reduzieren wollen.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="schneider">Bastian Schneider: Anlehnung ans Crowdfunding</h3>
<div id="attachment_3118" style="width: 559px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3118" data-attachment-id="3118" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-3/schneider/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schneider.png?fit=549%2C312&amp;ssl=1" data-orig-size="549,312" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Schneider" data-image-description="&lt;p&gt;Bastian Schneider &amp;#8211; TDDL 2016 (Video-Still)&lt;/p&gt;
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<p><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773164/" target="_blank">Bastian Schneider </a>(geb. 1981) bedient sich der Optik von Crowdfunding-Videos, um im Zeitraffer Fotos aneinanderzureihen, auf denen Schneider jeweils Plakate mit Worten vor sich hinhält. Das erinnert an das Video zu „Nur ein Wort“ von <em>Wir sind Helden, </em>leider ohne die Musik und die Lyrics, stattdessen ein wenig Rhetorik à la <em>Die Sendung mit der Maus</em>. Ständig schweift man beim Zuschauen ab und denkt sich: Ach, stimmt, das erinnert mich an etwas. Nur ist dieses Etwas meistens gelungener als Schneiders Anlehnung.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span><em><br />
</em></h4>
<p>Wenn sein Prosastück ähnlich gestaltet ist, wird man sich am Ende des Lesetages fragen, wer nochmal dieser Schneider war – und wieso dieser Typ so ein merkwürdiges Crowdfunding-Projekt vorstellen musste.</p>
<p>* * *</p>
<h3 id="sozio">Astrid Sozio: Aus dem Nähkästchen</h3>
<div id="attachment_3103" style="width: 567px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3103" data-attachment-id="3103" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/sozio/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sozio.png?fit=557%2C313&amp;ssl=1" data-orig-size="557,313" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Sozio" data-image-description="&lt;p&gt;Astrid Sozio &amp;#8211; TDDL 2016 (Video-Still)&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 75%;&quot;&gt;&lt;a href=&quot;http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773166/&quot;&gt;ORF&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sozio.png?fit=300%2C169&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sozio.png?fit=557%2C313&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-3103" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sozio.png?resize=557%2C313" alt="ORF" width="557" height="313" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sozio.png?w=557&amp;ssl=1 557w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sozio.png?resize=80%2C45&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sozio.png?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 557px) 100vw, 557px" /><p id="caption-attachment-3103" class="wp-caption-text"><span style="font-size: 75%;"><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773166/">ORF</a></span></p></div>
<p>Auch <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773166/" target="_blank">Astrid Sozio</a> (geb. 1979) zeigt sich fotoaffin. Sie tritt zusammen mit ihrem Zettelkasten auf, in dem sie allerlei Snapshots aufbewahrt. Ihr Porträt ist angenehm amateurhaft: Bei den Takes, in denen sie von sich erzählt, sitzt die Kamera schief, und die reincollagierten Shots von Nordlichtern, schmelzenden Eisbergen und Schwarzweiß-Aufnahmen zertrümmerter Städte ergeben nicht wirklich Sinn. Dennoch hören wir Sozio und ihrem nähkastenartigen Gerede gerne zu. Ihr Auftritt ist auf sympathische Weise nahbar und gut gelaunt. Ob eine ähnlich organisierte Textpassage der spitzzüngigen Jury gefallen wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span><em><br />
</em></h4>
<p>Gut möglich, dass sie laut Jury „nicht genug Biss“ besitzt, dass ihre Erzählung zwar „unverstellt zugänglich“ ist, „wir uns aber in ihrem Innern nicht verlieren können“. Und dann wird dieselbe Jurorin raunend hinzufügen: „Und wollen wir uns nicht eigentlich in Literatur verlieren, wie in einem Labyrinth?“</p>
<p><a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/" target="_blank"><em>Auf eigene Gefahr – Autoren-Selfies (1)</em></a></p>
<p><a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-2/" target="_blank"><em>Auf eigene Gefahr </em><em>– Autoren-Selfies (2)</em></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em>Beitragsbild-Montage unter Verwendung von: </em><br />
<em>Blaue Kacheln: Vera Kratochvil, Public Domain via <a href="http://www.PublicDomainPictures.net" target="_blank">PublicDomainPictures.net</a></em><br />
<em>Selfie Icon von Claire Jones (http://thenounproject.com/term/selfie/28250/) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0">CC BY 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASelfie_icon.svg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Video-Stills: <a href="http://bachmannpreis.orf.at/tags/autoren2016/" target="_blank">ORF</a></em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Auf eigene Gefahr – Autoren-Selfies (2)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Samuel Hamen]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Jun 2016 07:07:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Bachmann-Wettbewerb]]></category>
		<category><![CDATA[TDDL]]></category>
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					<description><![CDATA[Was die TDDL-Autorenclips über die Prosa der Porträtierten verraten. Teil 2 der „unverschämten Mutmaßungen“ von Samuel Hamen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 id="gardi">Tomer Gardi: Lachsfarbenes Leinenhemd floral</h3>
<div id="attachment_3138" style="width: 569px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3138" data-attachment-id="3138" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-2/gardi-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Gardi-1.png?fit=559%2C310&amp;ssl=1" data-orig-size="559,310" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Gardi" data-image-description="&lt;p&gt;Video-Still Tomer Gardi &amp;#8211; TDDL 2016&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 75%;&quot;&gt;&lt;a href=&quot;http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773156/&quot;&gt;ORF&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Gardi-1.png?fit=300%2C166&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Gardi-1.png?fit=559%2C310&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-3138" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Gardi-1.png?resize=559%2C310" alt="ORF" width="559" height="310" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Gardi-1.png?w=559&amp;ssl=1 559w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Gardi-1.png?resize=80%2C44&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Gardi-1.png?resize=300%2C166&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 559px) 100vw, 559px" /><p id="caption-attachment-3138" class="wp-caption-text"><span style="font-size: 75%;"><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773156/">ORF</a></span></p></div>
<p>In ihrer <em>tristesse forestière </em>hätte sich die gestern vorgestellte <a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1#dorian" target="_blank">Ada Dorian</a> auch an ihren israelischen Kollegen <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773156/" target="_blank">Tomer Gardi</a> (geb. 1974) wenden können. Er hätte ihr gezeigt, wie man das mit den floralen Stoffen noch einmal anders macht. Sein gänzlich ton- und sprachloses Porträt besteht nämlich einzig und allein in der allmählichen Ablichtung seines gut gekleideten und stark behaarten Schriftstellerkörpers. Im Zentrum dieser dröhnend oberflächlichen Schau steht Gardis lachsfarbenes Leinenhemd mit Blumenmotiven sowie, unübersehbar, sein beeindruckend dichtes Brusthaar. Wenn wir schon bei <em>VOX </em>sind (siehe <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773155/" target="_blank">Ada Dorian</a>): Guido Maria Kretschmer von <em>Shopping Queen </em>würde von einer „wirklich ganz tollen, tollen Kombination aus Zuhälter, Maxim Biller und Magnum“ schwärmen. Gardis Trick: wenig preisgeben und den Leuten als Erst-Eindruck nur das Image des schelmisch-derben jüdischen Dichters präsentieren. <em>More to follow. </em></p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>In der Jurydiskussion obligater Vergleich mit Maxim Biller sowie Verweis auf eine jüdische Erzähltradition, von der wenige tatsächlich Ahnung haben, die aber gerne herbeizitiert wird. Amos Oz und so.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="macht">Sascha Macht: Überrumpelnde Täuschung</h3>
<div id="attachment_3140" style="width: 566px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3140" data-attachment-id="3140" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-2/macht-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Macht-1.jpg?fit=556%2C308&amp;ssl=1" data-orig-size="556,308" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Macht" data-image-description="&lt;p&gt;Video-Still Sascha Macht &amp;#8211; TDDL 2016&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 75%;&quot;&gt;&lt;a href=&quot;http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773158/&quot;&gt;ORF&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Macht-1.jpg?fit=300%2C166&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Macht-1.jpg?fit=556%2C308&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-3140" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Macht-1.jpg?resize=556%2C308" alt="ORF" width="556" height="308" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Macht-1.jpg?w=556&amp;ssl=1 556w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Macht-1.jpg?resize=80%2C44&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Macht-1.jpg?resize=300%2C166&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 556px) 100vw, 556px" /><p id="caption-attachment-3140" class="wp-caption-text"><span style="font-size: 75%;"><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773158/">ORF</a></span></p></div>
<p>Nach der Stille bei Gardi fällt das Porträt von <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773158/" target="_blank">Sascha Macht</a> (geb. 1986) umso mehr auf. Gleich zu Beginn die Frage: Ist das die Stimme des Autors? Rascher Abgleich mit einer <a href="https://www.youtube.com/watch?v=vRlNXTCKsZY" target="_blank">Lesung</a>: leider nein. Das wird in Klagenfurt natürlich schwierig. Erst kriegen Jury und Publikum diese sonorig-geile Stimme zu hören, und dann kommt Macht mit einer gängigen „voice of Germany“ daher. Überhaupt scheint überrumpelnde Täuschung Machts Metier zu sein, was ja erstmal nicht schlecht ist für einen Schriftsteller. Das Video spielt zum Teil in Köln, fernab von den bösen Schreibschulen in <a href="http://literaturinstitut-hildesheim.de/" target="_blank">Hildesheim</a>, Berlin oder <a href="http://www.deutsches-literaturinstitut.de/" target="_blank">Leipzig</a>. Nun hat Macht aber am Leipziger Literaturinstitut studiert. Zudem collagiert der Clip verwackelte und farbübersättigte 70er-Jahre-Aufnahmen von verkleideten Kindern sowie fingierte Filmszenen und südamerikanische Posen. Bei Machts Beitrag erwartet uns das, worüber Frank Witzel und Philipp Felsch im Gesprächsband <a href="http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/brd-noir.html" target="_blank"><em>BRD Noir</em> </a>so ausgiebig geredet haben: die ästhetische Historisierung der alten BRD, fernab von Idylle und Gewöhnlichkeit.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Angereichert mit etwas magischem Narco-Realismus aus Südamerika, wird uns in Machts Prosa das Unheimliche und Abgründige einer BRD präsentiert werden, deren Passé-Sein wir dieser Tage erst allmählich zu spüren beginnen.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="lehn">Isabelle Lehn: Nah, menschlich, sympathisch</h3>
<div id="attachment_3139" style="width: 564px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3139" data-attachment-id="3139" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-2/lehn-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Lehn-1.png?fit=554%2C310&amp;ssl=1" data-orig-size="554,310" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Lehn" data-image-description="&lt;p&gt;Video-Still Isabelle Lehn &amp;#8211; TDDL 2016&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 75%;&quot;&gt;&lt;a href=&quot;http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773157/&quot;&gt;ORF&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
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<p><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773157/" target="_blank">Isabelle Lehn</a> (geb. 1979) kommt ebenfalls von der Leipziger Schreibschule, ihr Clip ist bodenständiger als der von Macht. Bei ihr gibt es weder ein großangelegtes Inszenierungsmanöver, noch werden wir mit suggestiven Überblendungen überschüttet. Stattdessen: idyllisches Menschentreiben in Leipzig. Sogar Sascha Macht streunt intertextuell durch den Clip, in seinem Cameo-Auftritt sitzt er mampfend auf dem Platz. Eine städtische Luftbrise hier, ein wenig Grünfläche dort, ein paar Graffiti, eine Bulldogge und türkische Kids, die Fußball spielen – was braucht das Autorenauge mehr? Als zufriedene Stadtplatzschreiberin hockt Lehn zwischen alledem und schreibt ihre Beobachtungen per Hand in ihr Heft.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Nah, menschlich, sympathisch – so wird auch ihr Textbeitrag sein. Isabelle Lehn widmet sich, so das potentielle Lob der Jury, dem „Bravourösen im Alltäglichen“ und läuft damit womöglich Gefahr, in braver und einfühlsamer Kontemplation zu stagnieren.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="sargnagel">Stefanie Sargnagel: Elendsbiografie</h3>
<div id="attachment_3141" style="width: 564px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3141" data-attachment-id="3141" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-2/sargnagel-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Sargnagel-1.png?fit=554%2C310&amp;ssl=1" data-orig-size="554,310" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Sargnagel" data-image-description="&lt;p&gt;Video-Still Stefanie Sargnagel &amp;#8211; TDDL 2016&lt;/p&gt;
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<p>Sich des Braven und Vorhersehbaren zu erwehren, ist wiederum die selbstauferlegte Aufgabe von <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773162/" target="_blank">Stefanie Sargnagel</a> (geb. 1986). Bisher hat die Österreicherin erfolgreich daran gearbeitet, sich als Marke zu etablieren. Der Name, die Mütze, die derb-aphoristischen <em>facebook</em>-Posts – alles Werbemaßnahmen für das Label „Sargnagel“<em>. </em>Ihr Videoporträt, in Windows-Paint-Optik gehalten, folgt derselben Logik. Oben links prangt eine mies gezeichnete traurige Sonne, der Rest ist einfallslos erzählte Elendsbiografie. Wir hören Sätze wie „Meine Lieblingsfarbe ist intensives Grau“ und ahnen: Mehr wird auch in ihrem Prosastück nicht kommen. Gerade darauf freuen wir uns. Keine ausgetüftelte Zeitstruktur in der Erzählung, keine adjektivisch hochgerüsteten Figuren, einfach bloß eine Portion Wiener Banlieu-Slang, den Sargnagel uns Hochkulturellen und Schreibschulmüden zugänglich macht. Danke!</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung: </span></h4>
<p>Bei den <em>TDDL </em>wird ihr das von-Rönne-Problem begegnen. Dermaßen zugeschüttet mit Vorwegnahmen bezüglich ihrer Person wird von ihr nichts übrig bleiben als das Label<em>, </em>das sie eh schon hat: kultiviert grobschlächtig und verweigernd derb.</p>
<p><em>Fortsetzung folgt</em></p>
<p><a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/" target="_blank"><em>Erster Teil</em></a></p>
<p><a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-3/" target="_blank"><em>Dritter Teil</em></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em>Beitragsbild-Montage unter Verwendung von: </em><br />
<em>Hofer-Supermarkt in Österreich, von High Contrast (Eigenes Werk) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/deed.en">CC BY 3.0 de</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHOFER_supermarket_in_Austria.jpg">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em>Selfie Icon von Claire Jones (http://thenounproject.com/term/selfie/28250/) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0">CC BY 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASelfie_icon.svg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Video-Stills: <a href="http://bachmannpreis.orf.at/tags/autoren2016/" target="_blank">ORF</a></em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Auf eigene Gefahr – Autoren-Selfies (1)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Samuel Hamen]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jun 2016 19:54:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Bachmann-Wettbewerb]]></category>
		<category><![CDATA[TDDL]]></category>
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					<description><![CDATA[Was die TDDL-Autorenclips über die Prosa der Porträtierten verraten. Unverschämte Mutmaßungen von Samuel Hamen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">V</span>ierzehn Autorinnen und Autoren tragen ab Donnerstag bei den 40. <a href="http://bachmannpreis.orf.at/" target="_blank"><em>Tagen der deutschsprachigen Literatur</em></a> in Klagenfurt ihre Texte vor. Ihre Videoporträts sind bereits Wochen im Voraus im Netz zu sehen. Die zwei- bis dreiminütigen Clips, mit denen sich die Autorinnen und Autoren selbst vorstellen, lassen sich als Cover für die Texte betrachten, die ja noch kein Buch sind.</p>
<p>Sind diese Film-Selfies vielleicht sogar die bessere Methode des <em>Primings</em>? Sie stimmen das Publikum auf das Kommende ein, sie sind Lenkung und Ablenkung zugleich, sie informieren und disziplinieren Dabei lassen die Porträtclips eine gestalterische Haltung erkennen. Die künstlerische Geste, die man ihnen entnehmen kann, dürfte sich im darauffolgenden Prosatext anders und doch ähnlich manifestieren.</p>
<p>Warum also im Rahmen der kommenden <em>TDDL </em>kein Schau-Experiment anstellen? Sich die Videoporträts in unverschämter Unkenntnis der Texte anschauen und unangemessene Mutmaßungen über die Verfasstheit der Texte anstellen, ihre Stärken und Schwächen also dreist im Voraus benennen?</p>
<p>Nach einer ersten Durchschau der Clips fällt schnell ins Auge: Nicht nur im Sachbuch erfreut sich der Wald größter Beliebtheit. Gleich drei AutorInnen streunen durch zumeist regnerisches Forstgebiet. Woher diese Vorliebe? Denken Sie sich Wendungen wie „borkige Birkenrinden“ oder „kompostige Moospolster“ – das klingt so bestürzend poetisch, dass Autor und Wald ganz einfach zusammen gehören. Die auktorialen Spaziergänge können etwas Urig-Romantisches, Eremitenhaftes und, nicht zu unterschätzen, gefahrlos Deutsches vermitteln.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="dinic">Marko Dinić: Waldeinsamkeit</h3>
<div id="attachment_3095" style="width: 566px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3095" data-attachment-id="3095" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/dinic/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dinic.png?fit=556%2C309&amp;ssl=1" data-orig-size="556,309" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Dinic" data-image-description="&lt;p&gt;Marco Dinic, TDDL 2016 – Still aus Autorenvideo&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dinic.png?fit=300%2C167&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dinic.png?fit=556%2C309&amp;ssl=1" class="wp-image-3095 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dinic.png?resize=556%2C309" alt="Dinic" width="556" height="309" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dinic.png?w=556&amp;ssl=1 556w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dinic.png?resize=80%2C44&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dinic.png?resize=300%2C167&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 556px) 100vw, 556px" /><p id="caption-attachment-3095" class="wp-caption-text"><span style="font-size: 75%;"><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773152/">ORF</a></span></p></div>
<p><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773152/" target="_blank">Marko Dinić</a> (geb. 1988) steht etwas verwirrt zwischen Busch und Strauch und sieht aus, als versuche er angestrengt, sich als verdutzte Eiche zu tarnen. Das gelingt ihm kaum, und deswegen flieht er in die Stadt, um mit einem Festnetztelefon mit Schnur (!) zu telefonieren. Wo macht man so etwas heutzutage noch? Seine Wanderschaft hat einerseits etwas merkwürdig Vormodernes, als wolle er sich den letzten technologischen und zeitgeistigen Schüben verweigern. Andererseits ist seine Waldeinsamkeit aus der jüngsten Geschichte heraus motiviert. Sein Porträt beginnt mit einer Alarmsirene und Amateuraufnahmen von Bombardements in Serbien.</p>
<blockquote><p>Die Irrlichter sind Bomben oder winzige Schrapnellstücke, die wir als Kinder gesammelt haben.</p></blockquote>
<p>So lautet der erste gesprochene Satz. Wohin, wenn nicht in den Wald, soll ein Kind oder Autor unter derlei Umständen fliehen? Der gesamte Sprechtext im Clip kehrt Dinićs Bemühen hervor, sich von jenen Kollegen abzusetzen, die sich ihrem brachliegenden Selbst in öden Ironietexten widmen.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Eine ernste, etwas kratzbürstig erzählte osteuropäische Kriegsjugend mit Folklore-Elementen. Perfekt für eine Jury, die dieses Jahr auf Internationalität und <em>otherness </em>setzt. Wertung der Jury: „Eine auf herbe Weise erfrischende Mischung aus Clemens J. Setz und Saša Stanišić.“</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="özdogan">Selim Özdogan: Schwerer Seegang</h3>
<div id="attachment_3101" style="width: 567px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3101" data-attachment-id="3101" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/oezdogan/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/%C3%96zdogan.png?fit=557%2C310&amp;ssl=1" data-orig-size="557,310" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Özdogan" data-image-description="&lt;p&gt;Selim Özdogan &amp;#8211; TDDL 2016, Video-Still&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/%C3%96zdogan.png?fit=300%2C167&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/%C3%96zdogan.png?fit=557%2C310&amp;ssl=1" class="wp-image-3101 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/%C3%96zdogan.png?resize=557%2C310" alt="Özdogan" width="557" height="310" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/%C3%96zdogan.png?w=557&amp;ssl=1 557w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/%C3%96zdogan.png?resize=80%2C45&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/%C3%96zdogan.png?resize=300%2C167&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 557px) 100vw, 557px" /><p id="caption-attachment-3101" class="wp-caption-text"><span style="font-size: 75%;"><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773159/">ORF</a></span></p></div>
<p>Eine elementare Entgegnung hierauf findet sich im Porträt von <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773159/" target="_blank">Selim Özdogan</a> (geb. 1971). Sein in maritimen Farben gehaltener Clip verwirft diese ganze Wurzel- und Knollenromantik. „Wenn wir versuchen, das Leben zu beschreiben, verwenden wir oft Metaphern. Gerne etwas mit Keimen, Wurzeln, Bäumen. Dinge, an denen man Halt sucht. Ich finde Wassermetaphern treffender.“ Also mehr Freddy Quinn, Nautik und Captain Nemo. Vor einer blauschattigen Wand fuchtelt tentakelartig ein Tänzer herum. Das Video bietet wenig mehr<em>, </em>Özdogan setzt darauf, die Meer-Allegorie auszubuchstabieren.</p>
<ul>
<li>„Keine Angst unterzugehen“ – check.</li>
<li>„Kielwasser“ – check.</li>
<li>„Schwerer Seegang, Sturm, Unwetter, Kentern“ – check.</li>
<li>„Ozean zuschütten“ – check.</li>
</ul>
<p>Selbst das Aufschreiben strengt an. Hoffentlich wird sein Prosatext variantenreicher.</p>
<ul>
<li>„Nach Inseln Ausschau halten“ – check.</li>
<li>„In Tinte schwimmen“ – check.</li>
</ul>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Özdogans Prosabeitrag enthält eine einzige, großzügig auslöffelbare Idee. Wenn die bei der Jury nicht gut ankommt, bleibt nichts übrig.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="schenk">Sylvie Schenk: Grenzüberschreitende Streifzüge</h3>
<div id="attachment_3119" style="width: 634px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3119" data-attachment-id="3119" data-permalink="https://tell-review.de/schenk-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schenk-1.jpg?fit=624%2C300&amp;ssl=1" data-orig-size="624,300" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Schenk" data-image-description="&lt;p&gt;Sylvie Schenk &amp;#8211; TDDL 2016, Video-Still&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schenk-1.jpg?fit=300%2C144&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schenk-1.jpg?fit=624%2C300&amp;ssl=1" class="wp-image-3119 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schenk-1.jpg?resize=624%2C300" width="624" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schenk-1.jpg?w=624&amp;ssl=1 624w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schenk-1.jpg?resize=80%2C38&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Schenk-1.jpg?resize=300%2C144&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px" /><p id="caption-attachment-3119" class="wp-caption-text"><span style="font-size: 75%;"><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773163/">ORF</a></span></p></div>
<p>Die zweite Waldgängerin, <a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773163/" target="_blank">Sylvie Schenk</a> (geb. 1944), passt verdächtig gut in das internationale Programm der Jury. Der erste Take ihres Porträts zoomt auf ihre Wanderschuhe. Damit ist alles klar: Diese Frau ist Expertin für grenzüberschreitende Streifzüge. Ausgerüstet mit Jack-Wolfskin-Jacke, blütensamenverziertem Regenschirm und einem transnationalen Bewusstsein macht sie sich auf ihren Weg, der auch der unsere werden soll. Sie hat sogar zwei Wohnsitze (in Deutschland und in Frankreich), beide grenznah. Wenn dann noch der französische Akzent in ihrem Deutsch herauszuhören ist, spürt man zwar kein erotisches Zwicken wie ehedem bei der <em>Schöfferhofer</em>-Werbung, aber irgendwie fühlt man sich auf angenehm europäische Weise gewürdigt.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Die Wertung der Jury könnte lauten: „Eine klare Erzählerin, die den langen Atem einer Sprachwandrerin besitzt.“ Schlimmstenfalls wird eine(r) aus der Jury raushauen: „Aufregend unaufregend.“</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h3 id="dorian">Ada Dorian: Dekadenzeffekte</h3>
<div id="attachment_3096" style="width: 568px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3096" data-attachment-id="3096" data-permalink="https://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/dorian/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/06/Dorian.png?fit=558%2C313&amp;ssl=1" data-orig-size="558,313" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Dorian" data-image-description="&lt;p&gt;AdaDorian &amp;#8211; TDDL 2016, Video-Still&lt;/p&gt;
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<p><a href="http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773155/" target="_blank">Ada Dorian</a> (geb. 1981) ist die dritte Forstliebhaberin. Nach dem unverzichtbaren Rumgestehe im Wald, bei dem sie wie eine ergraute Jungbirke aussieht, betritt sie eine Hausruine, mit blinden Fenstern, schiefen Türrahmen, Staub und Moder – das übliche, ästhetisch legitimierte Kaputte halt. Das einzig Blühende im Clip, ein wenig überkeck gezeigt, sind ihre mit Floralmuster verzierten Schuhe. Ein wenig erinnert ihr Waldhausbesuch an die Hoteltester aus der <em>VOX-</em>Serie <em>Mein himmlisches Hotel</em>. Auch Dorian streift prüfend mit dem Finger über das Mobiliar, als gelte es, Dreck zu finden – nur empört sich die Autorin nicht über abblätternden Lack und das verstaubte Klavier. Sie ist auf derlei Dekadenzeffekte angewiesen, um sich atmosphärisch zu inszenieren. Im Clip sind Waldsounds in Szenen einmontiert, in denen Dorian durchs Haus streunt. Ihr geht es um Effekte und gemachte Stimmung, um Aura und abgewracktes Glimmern.</p>
<h4><span style="text-decoration: underline;">Mutmaßung</span></h4>
<p>Ihr Beitrag wird einem Teil der Jury gefallen, weil er bei einer Live-Lesung sehr schön und effizient wirken kann. Bei genauerer Prüfung aber mag sich herausstellen, dass ihr Text zwar „wie eine gräuliche Sonne schimmert“, sie als Autorin aber „schlechterdings nichts Essenzielles zu erzählen hat“. So etwas könnte beispielsweise Hubert Winkels von sich geben.</p>
<p><em><a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-1/" target="_blank">Zweiter Teil</a><br />
</em></p>
<p><a href="http://tell-review.de/auf-eigene-gefahr-autoren-selfies-3/" target="_blank"><em>Dritter Teil</em></a></p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em>Beitragsbild-Montage unter Verwendung von: </em><br />
<em>Podlaskie &#8211; Czarna Białostocka &#8211; Puszcza Knyszyńska &#8211; Góry Czumażowskie &#8211; E &#8211; v-NW.JPG<br />
By Krzysztof Kundzicz (Own work) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3APodlaskie_-_Czarna_Bia%C5%82ostocka_-_Puszcza_Knyszy%C5%84ska_-_G%C3%B3ry_Czuma%C5%BCowskie_-_E_-_v-NW.JPG">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em>Selfie Icon von Claire Jones (http://thenounproject.com/term/selfie/28250/) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0">CC BY 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASelfie_icon.svg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<p><em>Video-Stills: <a href="http://bachmannpreis.orf.at/tags/autoren2016/" target="_blank">ORF</a></em></p>
<hr />
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