Dies ist der erste Beitrag der Reihe „Passagen aus der sowjetischen Literaturgeschichte“. Weitere Beiträge:
Das Philosophenschiff
Das Schiff auf dem Weißmeerkanal

Zeit: Um 1920.
Ort: Petrograd – die Stadt, die nicht mehr Sankt Petersburg und noch nicht Leningrad heißt.

1918, im Jahr nach der Revolution, hat Petrograd den Status als Hauptstadt verloren. Die Einwohnerzahl ist stark geschrumpft, infolge des russischen Bürgerkriegs herrschen Hunger und Not. Nach einer Kürzung der Brotrationen im Januar 1921 kommt es zu Protesten und Streiks. Im März erheben sich Matrosen der russischen Kriegsmarine auf der Festung Kronstadt gegen die bolschewistische Regierung. Alle Macht den Räten – Keine Macht der Partei! – unter diesem Motto fordern sie die Abhaltung freier und geheimer Wahlen, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, die Amnestie der politischen Gefangenen und die freie Verfügung der Bauern über ihr Land. Nach drei Wochen wird der Aufstand von der Roten Armee blutig niedergeschlagen.

Wie allen anderen hungern in Petrograd auch die Schriftsteller, Intellektuellen und Künstler. Für sie hat die Stadtverwaltung Häuser eingerichtet, die nicht nur für Veranstaltungen und zur beruflichen Organisation dienen, sondern auch Unterkunft und Verpflegung bieten.

Chicherin_House_1900
Der bekannteste dieser Orte ist das Haus der Künste, das 1919 auf Initiative von Maxim Gorki und dem Kinderbuchautor und Übersetzer Kornei Tschukowski gegründet wird. Es befindet sich am Newski Prospekt 15, in einem großen Stadtpalais, das am Ufer des Flüsschens Mojka liegt und vor der Revolution Wohnsitz der Kaufmannsfamilie Jelissejew war. Viele bekannte Literaten und Wissenschaftler leben dort zeitweise zusammen – eine Wohngemeinschaft von Exzentrikern. Deshalb heißt es schon bald das „Narrenschiff“.

Ossip Mandelstam erinnert sich 1922 in seinem Prosatext Der Pelz:

Wir lebten in der ärmlichen Pracht des Hauses der Künste, im Jelissejew-Haus, das auf die Morskaja, den Newskij und die Mojka geht. Wir – das waren Dichter, Maler, Wissenschaftler, eine seltsame Familie, ganz verrückt nach den Lebensmittelrationen, verwildert und verschlafen. Der Staat wusste nicht, wofür er uns ernähren sollte, und wir taten nichts.

Neben Mandelstam sind im Haus der Künste auch Anna Achmatowa und ihr Mann Nikolaj Gumiljow untergekommen. Mandelstam, Achmatowa und Gumiljow sind eng miteinander verbunden und haben zehn Jahre zuvor den Begriff Akmeismus für ihre Art der Dichtung gefunden. Zu ihren Zimmernachbarn gehören unter anderem der Schriftsteller und Literaturtheoretiker Viktor Schklowski, der Lyriker Wladislaw Chodassewitsch und Jewgeni Samjatin, der ein Jahr zuvor den dystopischen Roman Wir fertiggestellt hat.

Ein weiterer Mitbewohner, der Zeichner Nikolai Radlow, hat das Narrenschiff und einige seiner Passagiere in einer allegorischen Tuschzeichnung festgehalten:

radlov1

Das Schiff treibt durch den Sturm; das Wappen auf dem löchrigen Segel steht vermutlich für Jelissejew – den Namen der vorrevolutionären Eigentümer. An Bord befinden sich (von links nach rechts): Anna Achmatowa, Nikolaj Gumiljow, Wladislaw Chodassewitsch, Wjatscheslaw Schischkow oder Alexander Grin (?), Viktor Schklowski, Michail Slonimski, Ossip Mandelstam und Akim Wolynski.

* * *

Die Reisenden wissen nicht, wohin es sie treibt. Sie leben miteinander, leiden aneinander, verlieben sich ineinander. Und natürlich tun sie durchaus nicht nichts. Schklowski widmet sich zusammen mit Juri Tynjanow und Boris Eichenbaum in der Vereinigung OPOJAZ der Erforschung der poetischen Sprache. Er nimmt auch an den Sitzungen der Serapionsbrüder teil. Viele Mitglieder dieser literarischen Gruppe, die am 1. Februar 1921 gegründet wird, leben im Haus der Künste oder gehen dort ein und aus, unter anderem Weniamin Kawerin, Wsewolod Iwanow und Michail Soschtschenko.

Kornei Tschukowski bildet junge Übersetzer aus, und Gumiljow fördert mit großem Ernst den lyrischen Nachwuchs: „Er verbot seinen Schülern, über den Frühling zu schreiben – diese Jahreszeit gebe es nicht. [Er] machte aus schlechten Dichtern nichtschlechte“, so erinnert sich Viktor Schklowski. Nach den Sitzungen spielen die Lyriker Blindekuh. Auch so lassen sich Hunger und Kälte vertreiben.

Wenn Sie nicht von 1917 bis 1921 in Russland gewesen sind, haben Sie keine Ahnung davon, wie jämmerlich Körper und Hirn – als Teil des Körpers, nicht als Intellekt – nach Zucker verlangen können,

schreibt Schklowski in seinem Erinnerungsbuch Sentimentale Reise (1924). Er hat sich einen Vorrat an Zucker aus der besser versorgten Ukraine mitgebracht, den er sorgfältig hütet und „wie Brot isst“. Schklowski beschreibt auch Mandelstams „fast hysterische Vorliebe für Süßigkeiten“. Dieser tauscht seine gesamte Lebensmittelration gegen Süßes ein und taucht dann zum Mittag- oder Abendessen bei anderen auf, um sich durchzufuttern:

Ossip Mandelstam weidete wie ein Schaf im ganzen Haus und wanderte wie Homer von einem Zimmer ins andere. Er ist ein außerordentlich kluger Gesprächspartner. […] Trotz schwierigster Lebensverhältnisse – er besaß keine Stiefel, sein Zimmer war nicht geheizt – blieb er ein verwöhntes Kind. Seine fast feminine Nachlässigkeit und sein vogelhafter Leichtsinn hatten eine gewisse Logik. Er war ein echter Künstler, und der Künstler tut alles, um in der einzigen Aufgabe seines Lebens frei zu sein, er lügt sogar. Darin gleicht er dem Affen, der, wie die Inder sagen, nur deshalb nicht spricht, damit er nicht zur Arbeit gezwungen wird.

* * *

Am Dienstag, dem 2. August 1921, hält Nikolaj Gumiljow nach Lyrikwerkstatt und Blindekuhspiel die junge Nachwuchslyrikerin Nina Berberowa zurück. Er zeigt ihr ein schwarzes Heft mit Gedichten und sagt ihr, dass ihm seit gestern unerträglich traurig zumute sei, so traurig wie lange nicht mehr. Er begleitet sie gegen ihren Willen durch die Stadt nach Hause. Sie fühlt sich in seiner Gegenwart unwohl und beklommen.

Er erzählte, dass er Monarchist war, bekreuzigte sich vor Kirchenkuppeln und beteuerte, dass er glücklich sei, sich wie ein Zwölfjähriger zu fühlen. All das war mir so fremd, so sehr „Anti-Ich“, dass es mir unglaubhaft erschien, als ich erfuhr, dass er erst 35 war – ich hatte ihn in meiner Unbedachtheit für einen Fünfzigjährigen gehalten. Sein Gesicht war übrigens alterslos, wie es bei hässlichen Menschen oft der Fall ist.

An der Tür verabschiedet Gumiljow sich von ihr mit dem Satz, er werde jetzt ein Gedicht über sie schreiben. Sie beschließt, ihn nicht mehr zu sehen. Noch in der gleichen Nacht, am Mittwochmorgen, dem 3. August, wird er verhaftet. Man beschuldigt ihn der Teilnahme an einer konterrevolutionären Verschwörung.

Nikolai Gumiljow, Foto aus den Ermittlungsakten

Nikolai Gumiljow, Fotos aus den Ermittlungsakten

Vier Tage später, am 7. August 1921, stirbt der Lyriker Alexander Blok, erschöpft und unterernährt, mit 41 Jahren an einer Herzklappenentzündung. Am 25. August wird Gumiljow erschossen. Diese beiden Tode sind ein Schock; sie markieren im Bewusstsein der Zeitgenossen das Ende einer geistigen Epoche. Alle spüren, dass etwas unwiederbringlich verloren ist. Der Dichter Nikolaj Ozup schreibt:

Nach dem August 1921 bekam man in Petersburg keine Luft mehr, es gab kein Bleiben mehr, die todkranke Stadt starb mit dem letzten Atemzug von Blok und Gumiljow.

Mandelstam erfährt während eines Aufenthalts in Tiflis von der Erschießung seines Freundes Gumiljow. Auch für ihn ist Petersburg nun zu einer „Stadt der Toten“ geworden. Trotzdem bleibt er in der Sowjetunion. Dreizehn Jahre später wird er wegen eines Gedichts auf Stalin verhaftet werden; 1938 stirbt er herzkrank und entkräftet in einem Übergangslager bei Wladiwostok.

Er befand sich in einer historischen Tragödie und konnte – und wollte – das Stück nicht mehr verlassen. Die Idee der Emigration hatte er im grausamen Jahr 1921 […] endgültig verworfen, weil man „seinem Schicksal nicht entgehen kann“. Der Tod war nun klarer geworden, salziger das Elend: „Die Erde wahrer und furchtbarer.“

So schildert es Mandelstams Biograph und Übersetzer Ralph Dutli; er zitiert dabei ein Gedicht, das Mandelstam bei der Nachricht vom Tod Gumiljows schrieb.

Das Haus der Künste, das Narrenschiff, treibt noch bis 1923 durch die Zeit, dann wird in dem Gebäude ein Kino eröffnet. Die Passagiere gehen nach und nach von Bord und suchen sich andere Unterkünfte. Einige verlassen das Land – vorübergehend wie Schklowski, der 1922 nach Finnland flüchtet, um einer Verhaftung zu entgehen, oder endgültig wie Nina Berberowa und Wladislaw Chodassewitsch. Die meisten aber bleiben.

1930 – wenige Jahre und eine ganze Epoche später – erscheint in der Sowjetunion ein Roman, der auf das Haus der Künste und seine Bewohner zurückblickt. Er stammt von der Schriftstellerin Olga Forsch, die selbst zu dieser Zeit dort gewohnt hat, und trägt den Titel Das Narrenschiff.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Das Luftschiff „Krasnaja Swesda“ (Roter Stern) vor einem Hangar in Petrograd 1921 – Gemeinfrei, via Wikimedia Commons (bearbeitet)
Das Haus Newski Prospekt 15 (von 1919-1923 Haus der Künste) um 1900 – Gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Nikolaj Gumiljow, Fotos aus den Ermittlungsakten, August 1921 – Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Von Anselm Bühling

Anselm Bühling ist Übersetzer und Redakteur von tell.

Kommentar verfassen (min. 50 Zeichen / max. 5000 Zeichen)