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	<title>Sprache &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Sprache &#8211; tell</title>
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		<title>Gendern – Sprache im Zielkonflikt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Krohs]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Sep 2021 06:04:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gendern]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[Gendern ist keine Lösung, nicht gendern auch nicht. Es braucht viel Wohlwollen der Sprache gegenüber, um sinnvoll und zugleich gerecht schreiben und sprechen zu können.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Jeder, der schreibt – halt. Wäre nicht besser: Jeder, <em>der oder die schreibt</em>? Oder sogar<em> jede und jeder</em>? Oder doch <em>alle, die</em>? Ständig dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Gendern und Nicht-Gendern! Wie man&#8217;s auch macht, man macht es irgendwie nicht gut.</p>



<p>Trotzdem wird seit Jahren in unzähligen Artikeln, Interviews und Talkshow-Beiträgen erklärt, entweder das eine oder das andere sei <em>die Lösung</em>. <ins></ins></p>



<ul class="wp-block-list"><li>Gendert, denn es ist moralisch geboten! Es ist zeitgemäß, modern und grammatisch richtig!</li></ul>



<ul class="wp-block-list"><li>Gendert nicht! Denn es fügt sich nicht in die Sprachstruktur, ist eine flüchtige Mode (wahlweise: eine zweifelhafte Ideologie), und es hat sowieso keine moralische Relevanz.</li></ul>



<p>Was für ein Hickhack! Und es führt nirgendwo hin. Einiges spricht fürs Gendern. Fürs Nicht-Gendern ebenfalls. In beiden Fällen gewinnt man etwas und verliert etwas anderes. Man muss sich nur darüber klar sein, was.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gerechtigkeit</h2>



<p>Was man durchs Gendern gewinnt, ist geschlechtliche Bezeichnungsgerechtigkeit. Die „geschlechtergerechte Sprache“ sollte richtiger <em>bezeichnungsgerechte Sprache </em>heißen. Denn Geschlechtergerechtigkeiten kann es in der Sprache unterschiedliche geben.</p>



<p>Das Sprachgeschehen kann zum Beispiel auch gerechter werden durch eine ausgleichende Balance von Geschlechter-Unvollkommenheiten. Und es ist auch nicht jedes Reden von Menschen eine Bezeichnung oder ein Verweis auf jemand Bestimmtes. Wenn ich sage: <em>Im Durchschnitt schläft ein Mensch sieben Stunden pro Tag, </em>dann referiere ich auf niemanden. Wenn ich aber sage: <em>Nach sieben Stunden Schlaf fühlte sich Karl wie ein neuer Mensch</em>, dann referiere ich auf Karl.<em> </em>Und da bei diesem unmittelbaren Bezeichnen auch das Geschlecht relevant wird, stellt sich die Frage, ob jeder oder jede sprachlich so behandelt wird, wie es seinem oder ihrem Geschlecht entspricht.</p>



<p>Beim Gendern soll ein <em>gerechtes Bezeichnen </em>erreicht werden, indem man alle geschlechtsartigen Merkmale der Sprache konsequent am Geschlecht/Gender der bezeichneten Person ausrichtet. Paula ist <em>Ärztin</em>, Karl ist <em>Bäcker</em>. Denn Paula ist eben – bezeichnungsgerecht gedacht – nicht <em>Arzt</em> und Karl nicht <em>Bäckerin</em>. Und wenn von gemischtgeschlechtlichen Personengruppen die Rede ist, dann soll das ebenfalls kenntlich werden (wobei das eigentliche Referieren dann schon deutlich in den Hintergrund tritt). Etwa: Jeden Morgen treffen sich die <em>Journalistinnen und Journalisten</em> zur Redaktionskonferenz. Oder: Wer <em>seinen oder ihren</em> Stift vergessen hat – es liegen welche auf dem Tisch. Oder: <em>Lehrerinnen und Lehrer </em>haben es oft nicht leicht im Unterricht. Oder: Während der Wind die dunklen Wolken ins Tal hineintrieb und sich das Gewitter über den Gipfeln entlud, saßen die <em>Wanderer und Wanderinnen</em> in der Hütte und diskutierten: War Francine nun die hurtigste Kletterin unter ihnen? Oder nicht doch der hurtigste Kletterer? Denn schließlich durchstieg sie die Felspassagen nicht nur schneller als Barbara, Sonja und Helene, sondern auch schneller als Uwe, Tammo, Vitalij, Ronny und Max.</p>



<p>Bezeichnungsgerechtigkeit ist ein legitimes und lohnendes Ziel. Teils lässt sie sich problemlos realisieren, teils bringt sie ihre Tücken mit sich. Wenn ich Francine in geschlechtlich korrekter Referenz als <em>Kletterin</em> bezeichne, dann kann ich sie nicht mehr mit allen anderen <em>Kletterern </em>vergleichen, denn <em>Kletterer</em> sind dann ja nur die Männer. Behaupte ich aber, dass man doch sowieso alle Gruppenmitglieder in einem allgemeinen Sinne <em>Kletterer </em>nennen kann, dann ist auch Francine ein Kletterer – aber leider geschlechtlich falsch bezeichnet.</p>



<p>Der Anspruch, sich auf Personen stets und immer bezeichnungsgerecht zu beziehen, kollidiert hier mit einem anderen fundamentalen Sprachziel, nämlich mit dem der logischen Konsistenz. Je „geschlechtlicher“ ich die Endungen <em>-er</em> und <em>-in</em> verstehe, desto unmöglicher wird der geschlechtsneutrale Gebrauch von <em>Kletterer</em>, desto weniger taugt <em>Kletterer</em> als Überbegriff und desto unfairer wird die Lage der <em>Kletterin</em> Francine gegenüber. Nicht in sprachlicher, wohl aber in sportlicher Hinsicht. Und solche Fälle gibt es gar nicht selten. Soll, wer als <em>beste Strafverteidigerin des Jahres </em>ausgezeichnet wird, das als Kompliment betrachten oder als gönnerhafte Schmähung?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Geschmeidigkeit</h2>



<p>Dass die deutsche Sprache ein Geschlechterproblem hat, liegt auf der Hand. Es zeigt sich an den verallgemeinernden Indefinitpronomina, die deutlich maskulinistisch eingefärbt sind (<em>jeder, keiner, man, jemand, wer etc.</em>); es zeigt sich an der – höchst strittig gewordenen – Doppelfunktion des Maskulinums, einerseits männliche Personen zu bezeichnen, andererseits aber auch eine geschlechtsübergreifende, generische Lesart zuzulassen. Diese maskulinistische Schlagseite stammt aus unserer androzentrischen Kulturgeschichte her und bringt wohl auch heute noch kognitive Auswirkungen mit sich. Da könnte es in der Tat korrigierend wirken, mehr auf Bezeichnungsgerechtigkeit zu achten.</p>



<p>Allerdings muss man sich über alle Konsequenzen im Klaren sein, auch über die unerwünschten.</p>



<p>Denn das systematische Verfolgen von Bezeichnungsgerechtigkeit erzeugt nicht nur, wie im Fall der Kletterin Francine, neue Probleme sprachlogischer Natur, es wirkt sich auch massiv auf eine andere Qualitätsdimension der Sprache aus, nennen wir sie: Geschmeidigkeit. Das soll in unserem Zusammenhang hier mehr bedeuten als nur den flotten eleganten Redefluss – obwohl auch der nicht zu verachten ist und all die <em>-innen</em>, Sternchen und gendernden Formulierungsverrenkungen ihn sicherlich nicht fördern.</p>



<p>Überhaupt: Wie weit lassen sich Rhythmus und Sinn voneinander trennen? In einem rein informativen Text mag das möglich sein, aber wie sieht es in einem literarischen aus? Wie bei Lyrik? Und welche Funktionalität ist für die Sprache (und fürs Menschsein) wichtiger – die informative oder die poetische? Poetik heißt ja nicht, „schön“ zu schreiben. Der Sprachtheoretiker, Übersetzer und Lyriker Henri Meschonnic sieht das Poetische überhaupt als <em>Voraussetzung</em><em> allen Sprechens</em>, der Begriff <em>Poetizität</em> spielt bei ihm bis ins Politische, ja bis ins Ethische hinüber. Wenn er damit auf der richtigen Spur ist –&nbsp;was ich für plausibel halte –, dann hat nicht nur die Bezeichnungsgerechtigkeit, sondern auch die Geschmeidigkeit einen moralischen Wert. Und dann darf man sie nicht leichtfertig opfern.</p>



<p>Geschmeidigkeit also, in diesem Sinne, meint eine formbare, flexible, sich der jeweiligen sprachlichen Aufgabe anpassende Rhythmizität nicht nur der Prosodie und der Metrik, sondern vor allem auch der Semantik und des Sinns. Denn auch der Sinn muss beim Sprechen fließen können. Was wiederum eine spezifische Art von Freiheit voraussetzt: Sprache geschmeidig zu halten, heißt, selbst entscheiden zu können, was in den Fokus gerückt werden soll und was nicht. Hält man sich aber strikt an das Ideal der Bezeichnungsgerechtigkeit, verliert man diesen Freiheitsgrad. Denn das Gendern gibt einen Fokus vor: den aufs Geschlecht. Und mindert damit die Geschmeidigkeit.</p>



<p>Wenn ich von <em>Lehrerinnen und Lehrern</em> rede, ja sogar wenn ich das Sternchen verwende (<em>Lehrer*innen</em>), betone ich die Geschlechtlichkeit der erwähnten Personen, ob ich das möchte oder nicht. Hören wir einmal einem solchen Satz zu, er stammt aus einem (übrigens sehr interessanten) <a href="https://vergleichen.hypotheses.org/610" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Blogeintrag</a>&nbsp;einer Forschungsgruppe, die sich mit dem Erkenntniswert von Metaphern, Metonymien und anderen Vergleichsfiguren beschäftigt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Im Umgang mit dem neuartigen Virus SARS-CoV-2 greifen Politiker*innen wie Journalist*innen, Wissenschaftler*innen wie Verschwörungsideolog*innen auf eines zurück: auf Vergleiche.</p></blockquote>



<p>Ja, wir haben verstanden. Es sind in allen vier Gruppen jeweils Männer wie Frauen anzutreffen. Muss man das der Leser*innenschaft derart unter die Nase reiben? Man kann natürlich sagen: Muss man. Denn schließlich ist das Stereotyp des männlichen Politikers, Wissenschaftlers etc. auch in unserer Zeit noch immer weit verbreitet, und es wird möglicherweise durch die generische Verwendung des grammatischen Maskulinums zusätzlich bestätigt. Probieren wir es aus, „entgendern“ wir den Satz:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Politiker wie Journalisten, Wissenschaftler wie Verschwörungsideologen greifen auf eines zurück: auf Vergleiche.</p></blockquote>



<p>Entsteht ein anderer Eindruck? Ich denke schon. Die zweite Version wirkt – je nachdem, wer sie liest und mit welcher Verstehenshaltung er oder sie sie liest – eine Spur „ungerechter“. Und die erste Version wirkt eine Spur „unfließender“ – oder mehr als nur eine Spur? Auf jeden Fall wirkt sie deutlich geschlechtlicher, weil sie den Geschlechtsfokus zwangsweise setzt. Und beides geht auf Kosten der Geschmeidigkeit.</p>



<p>Auch Partizipialformen wie <em>Forschende</em> bewahren einen nicht davor, in die Falle der zwangsexponierten Zweigeschlechtlichkeit zu tappen. Denn sie sind ‘unechte Generika‘, sie funktionieren nicht im Singular: <em>ein Forschender </em>ist doch wieder ein Mann. Und nicht-persönliche Kollektiva – <em>die Lehrerschaft</em> – schleppen weiter ihren maskulinen <em>Lehrer</em> mit sich herum. Zudem gehen alle derartigen Vermeidungsstrategien auch wieder auf Kosten von Sprachfluss<em> </em>und Rhythmus.</p>



<p>Man kann es drehen und wenden, wie man will: Immer wieder steht Bezeichnungsgerechtigkeit gegen Geschmeidigkeit. Beides zusammen kann man offenbar nicht haben.</p>



<p>Oder vielleicht doch? Es gibt ja Leute, die meinen, man könne Gendern und Nicht-Gendern mischen, um das Beste aus zwei Welten miteinander zu verbinden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Koexistenz?</h2>



<p>An dieser Stelle einmal eine ganz grundsätzliche Frage. Wie funktioniert es, dass Wörter <em>überhaupt</em> etwas bedeuten? Was <em>ist</em> die Bedeutung eines Wortes? Sicher nicht das, was man im Inneren findet, wenn man ein Wort aufknackt wie ein Überraschungsei. Denn da ist normalerweise nichts. Was ein Wort bedeutet, hängt überhaupt weniger von ihm selbst ab als davon, <em>wie wir dieses Wort verstehen</em> – die Bedeutung eines Wortes ist seine Verstehensweise. Und das gilt nicht nur für das Grundlexem des Wortes, sondern auch für dessen Modifikationen durch Endungen für Kasus, Tempus, Numerus oder eben auch Genus.</p>



<p>Wenn nun in einem gegenderten Text personenbezogene Maskulin-Endungen auftauchen, so sollen diese, gemäß dem referenzialistischen Programm der Bezeichnungsgerechtigkeit, nur und ausschließlich als männlich verstanden werden. Die zuvor existierenden alternativen zwei Lesarten dieser Formen – die männliche versus die generische – sollen auf eine einzige Option verkürzt, die generische Lesart also unmöglich gemacht werden. Das war von Anfang an das Programm der kritischen feministischen Linguistik. Kann Francine der beste Kletterer sein? Nein, nur die beste Kletterin.</p>



<p>Natürlich ist das Verunmöglichen der generischen Lesart legitim – es zielt darauf, den Sprachwandel in eine konkrete Richtung zu lenken. Es hat aber auch Nebenwirkungen: Nicht gegenderte Texte werden von Lesern, die die Verstehensmuster des Genderns verinnerlicht haben, falsch verstanden. Und umgekehrt.</p>



<p>Wer gendert, liest <em>Journalisten</em> oder <em>Wissenschaftler</em> als ausschließlich männlich, auch wenn es, gemäß der generischen Option des Maskulinums, geschlechtsneutral gedacht und geschrieben war; wer nicht gendert, liest <em>Journalisten und Journalistinnen </em>als linkisch, pedantisch und bevormundend („dass es weibliche Journalisten gibt, weiß ich auch so!“), auch wenn es einfach nur bezeichnungsgerecht sein sollte. Im Ergebnis sabotieren Gendern und Nicht-Gendern einander gegenseitig. Das sind keine guten Voraussetzungen für eine friedliche Koexistenz.</p>



<p>Andererseits funktioniert es ja trotzdem mit dem Mischen – so halbwegs jedenfalls. „Flexibles Gendern“ wird das gelegentlich genannt. Wie gut es gelingt, hängt vom Geschick des Schreibenden oder Sprechenden ab – aber auch von der Bereitschaft der anderen Sprachteilnehmer, ihn nicht argwöhnisch misszuverstehen. In jedem Fall aber erfordert das Mischen die Bereitschaft und die Fähigkeit der Rezipienten, immer neu anhand von Kontext und Gegenstand zu erschließen, nach welchem der beiden Paradigmen der Texte gerade vorgeht und warum. Das ist anspruchsvoll. Zum Beispiel für fremdsprachige Deutschlerner, die auf klare Gebrauchsregeln für das sowieso tückische deutsche Genus hoffen, aber noch mehr für Menschen, die auf leichte Sprache angewiesen sind. So dass auch hier gilt: Alles hat seinen Preis, auch das Mischen gegenderter und nicht-gegenderter Formen. Und das eigentliche Grundproblem löst es sowieso nicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Neutrale Rollen</h2>



<p>Denn dafür brauchte es vor allem eins: neutrale Begriffe für Personenrollen. Und zwar solche, die sich im Plural wie im Singular verwenden lassen und dabei weder ein männliches noch ein weibliches außersprachliches Geschlecht anzeigen. Solche neutralen Rollenbezeichnungen sind in der deutschen Sprache rar. Es gibt <em>der Spitzel, die Person, der Mensch, die Waise</em> und noch eine Handvoll mehr. Wir bilden zu ihnen weder eine <em>Spitzelin</em> noch einen <em>Waiserich, </em>entsprechend funktionieren sie als echte Generika. Überall dort aber, wo das gegengeschlechtliche Pendant leicht gebildet werden kann oder sowieso Teil des Wortschatzes ist – bei <em>Lehrer / Lehrerin, Kämpfer / Kämpferin</em> usw. – schlittert man unausweichlich in die leidige Geschlechterklemme hinein.</p>



<p>Die vorgeschlagenen Strategien, um dem zu entkommen, sind meist drastisch. Lann Hornscheidt etwa, ehemals ProfessX an der HU Berlin, propagiert ans Klingonische gemahnende Sprachschöpfungen wie einen neutralen Artikel <em>ens,</em> der das Paar <em>ein / eine</em> ersetzen soll. Der Wiener Unterhaltungskünstler Hermes Phettberg, inzwischen unterstützt vom Linguisten Thomas Kronschläger, schreibt eine wöchentliche Kolumne an seine <em>Lesys</em> – wäre es ein Podcast, hätte er <em>Hörys</em>. Spätestens bei <em>Terroristys</em> und <em>Diktatorys</em> hört der Spaß wohl aber auf. Denn dafür, dass einem das Neutrum die Geschlechtlichkeit erspart, bezahlt man mit Zwangsverniedlichungen. Sagte ich es schon? Alles hat in der Sprache seinen Preis.</p>



<p>Die womöglich günstigste Version von Rollen-Neutralität hat übrigens kürzlich mein Nachbar Ebbi ins Spiel gebracht. Ebbi, eigentlich Eberhard, ist Rinderzüchter, genauer: Milchbauer. Wir stehen an der Weide, einige Fahrminuten von seinem Hof entfernt, da klingelt sein Telefon. „Gut Elke, ich komm hoch“, spricht Ebbi ins Gerät und geht zum Traktor. „Da kommt se doch wieder nicht in den Kühlraum rein, ich muss mal aufschließen fahren.“ – „Elke? Das ist die Verkäuferin vom Hofladen, oder?“, frage ich. – „Nee, Elke-die-Melke. Kennste nich? Halb sechs, Zeit fürs Abendmelken, mein Lieber, höchste Zeit!“</p>



<p>Elke-die-Melke. Und Tine die Tippse oder was? Und Paula die Putze. Geht&#8217;s noch? Aber gut, ich bin von Ebbi das eine oder andere gewöhnt. Und andererseits, bei Licht betrachtet: Die Ableitung nach diesem Schema – nennen wir sie die E-Derivation<em>, </em>weil an den Verbstamm zur Substantivierung ein „e“ angehängt wird – hat im Deutschen ja eine durchaus respektable Geschichte. Aus <em>helfen</em> bildet man <em>die Hilfe</em>, aus <em>wachen </em>wird<em> die Wache</em>, sicher gibt es noch mehr, und das Schönste: das Ergebnis ist immer geschlechtsneutral. Die <em>Hilfe</em> des Gärtners kann ebenso gut ein Mann sein wie eine Frau, die <em>Wache</em> vor dem Tore ist meist sowieso ein Mann, der femininen Grammatik zum Trotz. Wäre ich dann <em>eine</em> <em>Sprachphilosophe</em>? Bitte, gern. Wie eine weibliche Kollegin ebenfalls <em>eine Philosophe wäre</em>, und im Plural ist es eh ganz einfach: Alle bleiben weiter <em>Philosophen</em>. Nur manch einer eben eine männliche und manche andere eine weibliche.</p>



<p>Mag sein, dass dieses Schema nicht immer so reibungslos funktioniert, darüber könnte eine Forsche aus der Sprachwissenschaft sicher mehr sagen. Aber wer weiß – vielleicht ist Ebbi wirklich ganz unvermutet auf etwas gestoßen, das wir alle gut gebrauchen können, auf das noch fehlende Stück zum konsequenten, dauerhaften Genderglück?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wohlwollen und Nachsicht</h2>



<p>Solange die deutsche Sprache noch nicht durch eine mächtige Zauberformel von ihrer Genus-Asymmetrie und ihrem geschlechtlichen Neutralitätsdefizit geheilt ist, werden wir uns wohl weiter irgendwie durchwurschteln müssen. <em>Die</em> Patentlösung für das sprachliche Geschlechterproblem gibt es nicht. Systematisches und unterschiedsloses ‚Durchgendern‘ führt zu Textmonstern und wirkt haarspalterisch und kleinlich: Was progressiv gemeint war, kippt um in sprachliche Spießigkeit. Auch nicht viel besser ist es, stocksteif auf dem generischen Maskulinum zu beharren, denn die Genus-Asymmetrie des Deutschen verlangt nach Abhilfe. Eine goldene Mitte gibt es wohl auch nicht – siehe die Probleme, die das ‚Mischen‘ aufwirft.</p>



<p>Und so muss derzeit wohl jeder (und jede) Einzelne, scheint es, im Umgang mit der Genderfrage seine (und ihre) eigene Sprachpraxis finden. Abschließend drei persönliche Faustregeln, ohne Anspruch auf allgemeine Geltung:</p>



<p>1. Sprich <em>sinnvoll gerecht</em>. Bezeichnungsgerechtigkeit ist eine wichtige Anforderung ans Sprachhandeln, aber nicht die einzige. Sie darf je nach Mitteilungsabsicht und Zusammenhang hinter anderen Sprachzielen zurücktreten. Es zählt das textliche Gesamtergebnis.</p>



<p>2. Nutze als <em>Standardmodell</em> weiterhin die generische Lesart der ‚maskulinoiden‘ Formen: <em>der Kunde ist König, die Leser werden es dir danken</em>. Bei geschlechtsspezifischen Appellationen und Prädikationen –&nbsp;<em>Sehr geehrte Damen und Herren </em>oder <em>Paula ist Ärztin</em> – kann man das Genus sowieso meist gut am außersprachlichen Geschlecht ausrichten und sollte das auch tun. In Konfliktfällen –&nbsp;wie bei der besten Kletterin Francine – müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Dort, wo das Standardmodell Gefahr läuft, falsch interpretiert zu werden, sind als Mittel der Fokussetzung und zum Aufbrechen von Stereotypen Beidnennungen sinnvoll: <em>Die müden Kämpfer und Kämpferinnen erholten sich schnell </em>oder<em> Kosmetikerinnen und Kosmetiker! Wir haben die Produkte, die ihr braucht!</em> Sternchen und Lücken mag nutzen wer will (ich nicht). Die Sprache ist kein Formelwerk. </p>



<p>3. Übe <em>Nachsicht und Wohlwollen</em> gegenüber der Sprache. Sie vermag nicht alles zu leisten, was du von ihr wünschen würdest. Sie ist ein knorriges Gewächs und hat an ihrem eigenen Schicksal zu knapsen. Und sei nachsichtig nicht nur beim Schreiben und Sprechen, sondern auch beim Lesen und Zuhören. Wer nicht gendert, ist nicht zwangsläufig ein Konservativer, sondern will vielleicht nur spezifische sprachliche Funktionsoptionen nutzen. Und wer gendert, ist nicht zwangsläufig ein*e Ideolog*in, sondern gewährt vielleicht einfach der Bezeichnungsgerechtigkeit eine hohe Priorität. Oft sind nicht wir Sprachteilnehmer schuld an dem, was uns da stört und ärgert, sondern der Fehler liegt in der Sprache selbst. <br>Also vergib ihr, sei großzügig mit ihr, liebe sie und versuche mit ihr gemeinsam, das Beste aus der Situation zu machen. Vielleicht springt sie dann sogar irgendwann über ihren eigenen Schatten und erfindet Lösungen, von denen wir derzeit noch gar nichts ahnen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Many Gender Sign, via <a href="https://openclipart.org/detail/262971/Many-gender-sign" target="_blank" rel="noopener noreferrer">openclipart.org</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Sprache und Herrschaft</title>
		<link>https://tell-review.de/sprache-und-herrschaft/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Jun 2019 09:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[Victor Klemperer beschreibt in „LTI“ (1947) die ideologische Instrumentalisierung von Sprache durch die Nationalsozialisten - eine aufschlussreiche Lektüre im Hinblick auf die Gegenwart. Die Geschichte des Buchs ist eng mit der Biografie des Autors verbunden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.</p>



<p>Weitere Beiträge:</p>



<ul class="wp-block-list"><li><a href="https://tell-review.de/der-faschismus-billiger-schneller-effizienter/">Der Faschismus – billiger, schneller, effizienter</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/terror-von-unten/" target="_blank">Terror von unten</a></li><li><a href="https://tell-review.de/dieser-mann-ist-mir-fremd/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="&quot;Dieser Mann ist mir fremd&quot; (opens in a new tab)">&#8222;Dieser Mann ist mir fremd&#8220;</a></li></ul>





<p class="has-drop-cap">LTI steht für <em>Lingua Tertii Imperii</em>, die Sprache des Dritten Reichs. Das gleichnamige Buch von Victor Klemperer ist erstmals 1947 erschienen, gut zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist lebendig geblieben, und leider auch aktuell. Schlagwörter wie „Flüchtlingsinvasion“ und „Bevölkerungsaustausch“ funktionieren nach einem ganz ähnlichen Muster, wie Klemperer es beschreibt: Sie sind agitatorisch – sie stellen eine Gruppe von Menschen als fremd, feindlich und potenzielle Angreifer dar. Und sie sind eingängig: Sie werden leicht übernommen, und wer sie gebraucht, muss sich nicht darum kümmern, was sie transportieren. Manchmal greift die extreme Rechte direkt auf die Sprache der Nationalsozialisten zurück – etwa, wenn der Begriff „völkisch“ wiederbelebt werden soll, wenn von „Altparteien“ und „Systemmedien“ die Rede ist oder wenn der <a rel="noreferrer noopener" aria-label="AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen (opens in a new tab)" href="https://www.giessener-allgemeine.de/giessen/afd-chef-meuthen-giessen-wir-brauchen-festung-europa-12275406.html" target="_blank">AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen</a> eine <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/meuthen-salvini-und-co-gemeinsam-wollen-die-nationalisten-europa-zur-festung-machen/24196654.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="„Festung Europa“ (opens in a new tab)">„Festung Europa“</a> fordert – ein Ausdruck, den Klemperer als „lexikalisch und begrifflich entscheidend für die LTI“ bezeichnet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>So oft der Name Europa während der letzten Jahre in der Presse oder in Reden auftaucht – und je schlechter es um Deutschland steht, um so öfter und beschwörender geschieht das – immer ist dies sein alleiniger Inhalt: Deutschland, die „Ordnungsmacht“, verteidigt die „Festung Europa“. </p></blockquote>



<p>Victor Klemperer ist nicht der Einzige, der sich nach dem Krieg mit der Sprache des Nationalsozialismus befasst. Von 1945 an erscheinen in der Monatszeitschrift <em>Die Wandlung</em> Artikel zu einzelnen Ausdrücken aus der Zeit des Dritten Reichs. Die Autoren Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind stammen aus dem Umfeld der <em>Frankfurter Zeitung</em>, die sich bis zu ihrem Verbot 1943 eine gewisse Distanz zum NS-Regime hatte bewahren können. Einige der Wörter, über die sie schreiben – wie  „fanatisch“,  „charakterlich“ oder  „organisieren“ – kommen auch in Klemperers <em>LTI </em>vor. Sternberger, Storz und Süskind veröffentlichten ihre Texte 1957 in überarbeiteter und ergänzter Fassung unter dem Titel <em>Aus dem Wörterbuch des Unmenschen</em>. </p>



<p>Anders als diese Autoren bleibt Klemperer nicht bei der Untersuchung einzelner Begriffe stehen. Er beschreibt Wirkungsmechanismen, die heute unter dem Schlagwort „Framing“ gehandelt werden, und einige seiner Beobachtungen berühren Fragestellungen der Totalitarismusanalyse oder der pragmatischen Linguistik – Forschungsansätze, die erst im Entstehen sind, als er das Buch schreibt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Tagebuch als Balancierstange</h3>



<p>Zugleich ist <em>LTI</em> ein sehr persönliches Buch und nicht von der Biografie des Autors zu trennen. Der 1881 geborene Victor Klemperer ist Professor für Romanische Philologie. Als Wissenschaftler jüdischer Herkunft verliert er unter den Nazis zuerst seinen Lehrstuhl an der TU Dresden, dann sein Haus und seinen Besitz und schließlich die elementarsten Rechte. Selbst die private wissenschaftliche Betätigung wird ihm unmöglich gemacht: Erst darf er den Lesesaal der Universitätsbibliothek nicht mehr benutzen, später auch keine anderen Bibliotheken mehr. Während des Krieges wird er mit seiner Frau Eva in einem „Judenhaus“ interniert. Hier leben die beiden in einem einzigen Zimmer; der Deportation entgeht Klemperer nur, weil seine Frau, die als „Arierin“ gilt, an seiner Seite bleibt. Nun ist es ihm sogar verboten, Bücher nichtjüdischer Autoren zu besitzen oder bei sich aufzubewahren.&nbsp;</p>



<p>In dieser Situation existenzieller Bedrohung wird die
langjährige Gewohnheit des Tagebuchschreibens zur „Balancierstange“, die ihm
Halt gibt – auch wenn er damit sich selbst und andere einem hohen Risiko
aussetzt. Das Kürzel <em>LTI</em> taucht zuerst
im Tagebuch auf. Es kennzeichnet die Beobachtungen zur „Sprache des Dritten
Reichs“ und parodiert zugleich die Abkürzungen der Nazis – von BdM und HJ über
SA und SS bis zu KdF und KZ.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Abgründige Leichtigkeit</h3>



<p>Indem Klemperer die Verhältnisse beschreibt, wird er vom
Opfer zum Zeugen und Chronisten; indem er sich mit der Sprache des Dritten
Reichs befasst, unterläuft er das Berufsverbot: Er macht die Mittel, mit denen
er und unzählige andere unterdrückt werden, zum Gegenstand seiner Forschung.
Seine Aufzeichnungen zur LTI betrachtet er ursprünglich als Materialsammlung
für eine wissenschaftliche Arbeit. Aber nach dem Krieg wird ihm rasch klar,
dass er angesichts zerstörter Bibliotheken und Forschungseinrichtungen sowie seiner
begrenzten Kräfte nicht in der Lage sein würde, ein Grundsatzwerk zu diesem
Thema zu schreiben. Stattdessen beginnt er schon im Sommer 1945 in Dresden, kurz
nach der Rückkehr in sein Haus, mit der Arbeit an einem Buch. Zwei Jahre später
erscheint <em>LTI – Notizbuch eines Philologen</em> beim neu gegründeten Berliner
Aufbau Verlag.</p>



<p>Es besteht aus 36 kurzen Kapiteln – jedes davon ein
kleiner, in sich abgeschlossener Essay, der persönlich Erlebtes mit Gelesenem
und Berichtetem verbindet. Die Erinnerung ist noch frisch, und die
Tagebuchaufzeichnungen fließen direkt in den Text ein. Vor seiner
Universitätslaufbahn war Klemperer Publizist und Kulturjournalist. Sein Stil
ist elegant und von einer Leichtigkeit, die abgründig wirkt, wenn man sich
vergegenwärtigt, was der Autor durchgemacht hat und in welcher Situation er das
Buch schreibt: Er ist erst wenige Wochen zuvor erschöpft und ausgehungert nach
Dresden zurückgekehrt, die Stadt ist zerstört, die Versorgungslage katastrophal.
Das ganze Grauen der Vernichtungslager wird nach und nach bekannt, und die
ehemaligen Nazis und Mitläufer beginnen sich in der Nachkriegssituation
einzurichten – einige fliehen in den Westen, andere arrangieren sich mit der
sowjetischen Besatzungsmacht. Tag für Tag wird Klemperer von früheren
NSDAP-Mitgliedern aufgesucht, die ihn um ein Entlastungsschreiben bitten. <em>Die
Mörder sind unter uns</em> – so fasst es der Titel des Films von Wolfgang
Staudte zusammen, der 1946 in die Kinos kommt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Herrschaft durch Einförmigkeit</h3>



<p>Victor Klemperer hat als Romanist zu den französischen
Aufklärern des 18. Jahrhunderts gearbeitet, und das zeigt sich auch in <em>LTI</em>.
Sein Interesse an der Sprache der Nazis ist geradezu enzyklopädisch. Er
unterzieht die Sprache des Nationalsozialismus einer Stilkritik, die nichts
Doktrinäres und nichts Oberflächliches hat. Erst der genaue Blick auf die sprachliche
Ausdrucksform legt den Inhalt frei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c&#8217;est l&#8217;homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.</p></blockquote>



<p>Als einen Grundzug der LTI bezeichnet Klemperer ihre „Armut“: Sie verzichtet auf jegliche Nuancierung oder Variation und kommt mit einem kleinen Bestand an Schlagwörtern und Phrasen aus. Sie kennt ausschließlich den Modus der Agitation: „alles in ihr war Rede, musste Anrede, Aufruf, Aufpeitschung sein. “ Die Einförmigkeit ist für die Sprache des Dritten Reichs kein Mangel, erkennt Klemperer: Erst sie macht die Sprache tauglich zum Herrschaftsinstrument. Durch ständige Wiederholung werden den Menschen die immergleichen Ausdrucksschablonen ins Gedächtnis gestanzt. Irgendwann sind sie so alltäglich, dass selbst Gegner und Opfer der Nazis sie ganz unreflektiert verwenden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein.</p></blockquote>



<p>Auch nach
dem Ende des Dritten Reichs beobachtet Klemperer, wie junge Leute aus der Kriegsgeneration,
auf die er in Diskussionen oder bei seiner Unterrichtstätigkeit am
Abendgymnasium der Dresdner Volkshochschule trifft, immer wieder gedankenlos von
„Heldentum“ oder „heroischem Widerstand“ sprechen. Sein Buch ist nicht zuletzt
die bewusste Intervention eines politisch wachen Zeitgenossen. Klemperer will
zeigen, wie sich der Geist des Nationalsozialismus auch in kleinen,
unauffälligen Wendungen am Leben erhält, und er will dazu beitragen, diesen
Geist den Nachkriegsdeutschen gründlich auszutreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Sprache des Vierten Reichs</h3>



<p>Die weitere
Geschichte des Buches und seines Autors entfaltet sich im Spannungsfeld der
Nachkriegssituation. Klemperer ist noch 1945 in die KPD eingetreten, weil er in
ihr die einzige konsequent antifaschistische Kraft sieht. Zugleich ist
unübersehbar, dass es zwischen der Sprache des Nationalsozialismus und der
Sprache des Stalinismus Berührungspunkte gibt. Klemperer macht sich im Tagebuch
schon bald Notizen &nbsp;zu <em>LQI</em> – der „Sprache des Vierten Reichs“. Im Oktober 1945 notiert er:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man erzählt, wie sehr wir alle Antifaschisten u. Demokraten geworden sind, wie sehr „gesäubert“, umgekehrt, besser gemacht wird. Man predigt gegen jeden Militarismus – u. man schlägt mit alledem genau, ganz haargenau so kraß aller Wahrheit u. Realität ins Gesicht, wie es, andersherum, aber mit gleichen, ganz gleichen Worten LTI=LQI!! ausrichten, kämpferisch, wahre Demokratie etc. etc. wie das die Nazis taten.</p></blockquote>



<p>In <em>LTI</em> versucht Klemperer hingegen, einer Gleichsetzung vorzubeugen: In einem Kapitel mit der Überschrift „Wenn zwei dasselbe tun…“ grenzt er den metaphorischen Gebrauch technischer Wendungen durch die Nationalsozialisten von dem in der Sowjetunion ab: „die deutsche Metapher weist in die Sklaverei, und die russische weist in die Freiheit. “  Trotzdem bemängelt der Rezensent der im sowjetischen Sektor erscheinenden <em>Berliner Zeitung</em> vom 14. Februar 1948, der Autor hätte den „funktionellen Gegensatz zwischen gewissen äußerlich ähnlichen Sprachformen in Deutschland und in der Sowjetunion […] im ganzen klarer herausarbeiten sollen“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die LTI in der DDR</h3>



<p>Gut vier
Jahre später hält Klemperer im Berliner Klub der Kulturschaffenden den Vortrag <em>Zur gegenwärtigen Sprachsituation in
Deutschland</em>. Inzwischen gibt es zwei deutsche Staaten und der Kalte Krieg
ist in vollem Gang. Der Vortragende, jetzt Professor für Romanistik an der
Humboldt-Universität und Abgeordneter der Volkskammer der DDR, lobt Stalins
Auffassung der Sprache. Das Fortbestehen von Elementen der <em>LTI</em> stellt er als rein westdeutsches Phänomen dar:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die nazistische Sprachpest, von der wir uns zu befreien bestrebt sind, und halbwegs befreit haben, blüht drüben wieder auf. Ihre von hier vertriebenen Verbreiter dürfen dort ihr Idiom weiterpflegen, da es der faschistischen Gesinnung und Absicht der Vereinigten Staaten entspricht.</p></blockquote>



<p>Im Juli
1956, als er sich mit seiner zweiten Frau Hadwig zu Studienzwecken in Paris
aufhält, veröffentlicht die französische Presse Chruschtschows Geheimbericht
zum XX. Parteitag der KPdSU, der einige Verbrechen Stalins benennt. „Hadwig
liest ihn genau, ich werfe mit Abscheu Blicke hinein. Es ist ganz gräßlich und
desillusioniert mich vollkommen“, notiert er im Tagebuch.</p>



<p> Offiziell bekennt Klemperer sich bis zu seinem Tod 1960 zur DDR. Gerade das macht es möglich, dass <em>LTI</em> dort immer wieder neu aufgelegt wird – erst im Aufbau Verlag, dann im Leipziger Reclam Verlag. Mehrere Generationen von Lesern entdecken ein Buch, in dem die Auseinandersetzung mit dem Faschismus sich nicht in Parolen und ideologischen Formeln erschöpft – im Gegenteil, es regt dazu an, über diese Art des Sprachgebrauchs nachzudenken. Und damit setzt es einen Maßstab, der die Kluft zwischen dem antifaschistischen Anspruch der DDR und ihrer politischen Wirklichkeit nur zu deutlich werden lässt.</p>



<p>Das Kürzel <em>LTI</em> verführt dazu, es beiläufig in Diskussionen fallen zu lassen, als sei damit alles gesagt. Dabei will das Buch gar nicht das letzte Wort haben. Es regt dazu an, über das Verhältnis von Sprache und Gewalt nachzudenken. Es hilft zu erkennen, wo sprachliche Klischees bewusst als Machttechnik eingesetzt werden, wie sie sich ausbreiten und welche Ideologien sie transportieren.</p>





<p>Victor Klemperer  <br><strong>LTI – Notizbuch eines Philologen </strong> <br>Hg. von Elke Fröhlich  <br>Reclam 2010 · 416 Seiten · 24,95 Euro <br>ISBN:  978-3-15-010743-0</p>



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<figure class="wp-block-image is-resized"><a href="https://www.amazon.de/dp/3379007595/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="36111" data-permalink="https://tell-review.de/978-3-15-010743-0/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/06/978-3-15-010743-0.jpg?fit=528%2C840&amp;ssl=1" data-orig-size="528,840" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="978-3-15-010743-0" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Victor Klemperer: LTI&lt;br /&gt;
Reclam 2010&lt;br /&gt;
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<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Plakatwand mit Durchhalteparolen im II. Weltkrieg<br>Bundesarchiv, Bild 101I-244-2316-34A / Waidelich / CC-BY-SA 3.0 [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">CC BY-SA 3.0 de</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-244-2316-34A,_Rum%C3%A4nien,_Plakatwand_mit_Durchhalteparolen_retouched.jpg">via Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Angst erzählen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Samuel Hamen]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 May 2017 07:57:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[In "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" schreibt Roman Ehrlich über Angst. Sein Roman zeigt, wie wichtig dieses Thema heute ist – und wie schwierig es sein kann, davon zu erzählen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"></p>
<h5><strong>Weitere Beiträge zu Roman Ehrlichs <em>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens</em>:</strong></h5>
<ul>
<li><a href="http://tell-review.de/page-99-test-roman-ehrlich/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Page-99-Test: Roman Ehrlich</a> (Sieglinde Geisel)</li>
<li>Page-99-Test: <a href="http://tell-review.de/ps-zu-roman-ehrlich/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">PS zu Roman Ehrlich</a> (Sieglinde Geisel)</li>
<li>Debatte: <a href="http://tell-review.de/der-weisse-elefant-der-literaturkritik/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Der weiße Elefant der Literaturkritik</a> (Jürgen Kiel, Louisa Chandra Esser)</div></div></li>
</ul>
<p><span class="dropcap">I</span>n seiner Schrift <em>Arbeit am Mythos</em> (1979) weist der Philosoph Hans Blumenberg dem Erzählen zwei Aufgaben zu. „Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben. Im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Fall: die Zeit. Sonst und schwerwiegender: die Furcht.“</p>
<p>Bei dem Diskursgeschnatter unserer angstbesessenen Zeit verwundert es nicht, dass sich auch die jüngste Literatur mit der Angst auseinandersetzt. In seinem Roman <em>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens </em>wagt sich der Autor Roman Ehrlich an die große Frage unserer Zeit: Wie sollen wir mit der Angst leben? Und wie kann man davon erzählen?</p>
<h3>Die produktive Kraft der Angst</h3>
<p>Auf Einladung seines ehemaligen Studienfreundes Christoph beteiligt sich die Hauptfigur Moritz an dessen Filmprojekt „Das schreckliche Grauen“. Gleich zu Beginn verkündet Christoph, welches Anliegen er damit verfolgt:</p>
<blockquote><p>Ich erwarte nichts weniger, als dass wir dadurch gemeinsam die produktive Kraft der Angst für uns nutzbar machen und sie als das begreifen, was sie im besten Fall eben auch ist: die Schwelle zum Anderen als dem wirklich Neuen.</p></blockquote>
<p>Solche messianischen Reden wird Christoph immer wieder halten, um die Gruppe auf sich und das Horrorfilmprojekt einzuschwören. Er erinnert darin an den so begeisterungsfähigen wie gnadenlosen Christoph Schlingensief, dem man durchaus ein ähnliches Projekt hätte zutrauen können.</p>
<p>Für „Das schreckliche Grauen“ sind zwei Projektphasen vorgesehen: Zuerst werden im Café Porsche in Ulm sogenannte Angstsitzungen abgehalten, bei denen die Teilnehmer von ihren Krisen und Traumata erzählen. Auf der Bühne des Cafés ist die Rede von erzwungenen Blutsbruderschaften, überforderten Jungvätern und grässlichen Urlauben in der schwedischen Pampa. Von diesen Schreckenszeugnissen und von den zahlreichen Filmen, die sich die Gruppe zur weiteren Vorbereitung anschaut, fertigt Moritz ausufernde Protokolle an. Aufgrund eines frustrierenden Jobs bei einer Medienagentur und einer zerrütteten Liebesbeziehung ist er nur zu gern bereit, sich dem lebensreformerischen Kunstprojekt hinzugeben. Sein größter Wunsch?</p>
<blockquote><p>Einen aufwendig animierten, grausamen Tod zu sterben.</p></blockquote>
<p>Das vierte Prosawerk des 1983 geborenen Ehrlich ist weniger ein Roman über die Angst als ein Romantraktat darüber, wie wir Angst durch Erzählungen beschwören und bannen. Dem Autor schwant Großes: In mosaikartig arrangierten Mini- und Metaerzählungen will er sich der Angst als einem Wahrnehmungsfilter annähern, der unser gegenwärtiges Zusammenleben bestimmt. Die Angst erlegt uns auf, was wir wem wie erzählen – und ist dementsprechend auch für literarische Schreibverfahren von Bedeutung. Dabei liegt einem Stephen Kings Warnung in den Ohren: „Die Ursache schlecht geschriebener Texte ist meistens Angst, davon bin ich überzeugt.“</p>
<h3>Inszenierung und Wirklichkeit</h3>
<p>In der Kunstprojektgruppe, die sich um Christoph schart, finden sich lauter labile und manipulative Personen, die ihr Leben, ganz wie Moritz, von einer rettenden Veränderung erfasst sehen wollen. In der zweiten Phase sollen sie von Ulm nach Berlin wandern. Während der folgenden Wochen werden einzelne Szenen gedreht, ein Drehbuch zeichnet sich jedoch nicht ab. Scheunen werden niedergebrannt, Eingeweide in Briefkästen gestopft und Kübel voller Blut von Autobahnbrücken geschüttet, ohne dass Moritz sich dafür interessiert, ob es sich um künstliches, tierisches oder menschliches handelt. Als drei Crew-Mitglieder eine Frau, die sich tretend und schreiend wehrt, in einen Keller zerren, geht er nicht dazwischen. Wer weiß, er könnte ja durch sein Eingreifen eine Szene vermasseln. So verwischen sich mit der Zeit für den zunehmend verwirrten Moritz die Grenzen zwischen Inszenierung und Wirklichkeit:</p>
<blockquote><p>Ich stieg in einen Trog, der voll fauligem Wasser war, auf dem kleine Insekten lebten, und saß dort wie ein Irrer, der ein Bad nahm. Oder als ein Irrer, der ein Bad nahm.</p></blockquote>
<p>Roman Ehrlich hätte in <em>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens</em> im erzählenden Dauervollzug Sitzung an Sitzung, Wandertag an Wandertag und Angststory an Angststory reihen können, bis ans Ende aller Seiten. Schließlich betreibt der Ich-Erzähler den ganzen Aufwand nur aus einem einzigen Grund: um jene wuchernde und gefährliche Stille zu verhindern, die nach dem Ende der Parabeln Einzug halten würde in seinen von Angst und Ahnung blankgescheuerten Kopf.</p>
<p>Der überraschende Schluss zeigt denn auch, was passiert, wenn unser erzählerisches Stabilitätsprogramm nicht mehr greift. Doch bis dahin gilt die Regel: lieber zu viele und zu brutale Worte wechseln als zu wenige. Eine Mikro-Erzählung über ein <a href="http://tell-review.de/ps-zu-roman-ehrlich/">Massaker in einer Pornovilla</a> auf Ibiza kann da nie ungelegen kommen. Wohl oder übel kleben wir also an den Lippen des lethargischen Ich-Erzählers, der noch auf Seite 557, als das Filmprojekt mehr und mehr aus dem Ruder läuft, die enervierende Muße hat, Belangloses festzustellen, etwa dass</p>
<blockquote><p>der Himmel ganz hell blau war und alle Menschen Sonnenbrillen trugen.</p></blockquote>
<h3>Verängstigte Sprache</h3>
<p>Aber das ist nun mal der Wortschaum, die Sprachsprühmasse, mit der der Protagonist sich und seine Umwelt (also auch seine Leserschaft) bedeckt, um weicher zu sehen, zu denken, zu fallen. Roman Ehrlich weiß durchaus, was er uns zumutet, er lässt Katja – eine schillernde Figur, in die sich Moritz verliebt – nach mehr als sechshundert Seiten sagen:</p>
<blockquote><p>Ich habe einfach keine Lust mehr auf die epischen Ängste.</p></blockquote>
<p>So leidet der Roman stolz an dem, was er zugleich als Leistung hervorbringt: Er stellt eine Erzähltheorie der Furcht auf, die nicht nur ein ängstliches Personal und angstbesetzte Szenerien entwirft, sondern darüber hinaus die Sprache selbst verängstigt. Sie wird plapperig:</p>
<blockquote><p>Ich war zu dieser Zeit auch deshalb sehr offen für jede Art Angebot von außen, was ich mit mir, meiner Zeit und meinem Leben anstellen könnte, weil ich erstens sehr unzufrieden war mit meiner Arbeit in einer noch jungen Agentur in Schwabing, die Postproduktion, Marketing, Coaching- und Managementaufgaben für die deutschen Dependancen multinationaler Musik und Filmlabels wie Universal, Sony oder Warner übernahm, und zweitens gerade erst aus einer Trennung hervorgegangen war, mit der unverbrüchlichen Gewissheit, ein unbrauchbarer Loser zu sein, dem vor einiger Zeit noch einiges Potential hätte bescheinigt werden können, von dem mittlerweile aber gesagt werden musste, dass es ihm vorne und hinten an allem fehlte, was ein Mensch brauchte, um sich selbst in der Welt zu verwirklichen.</p></blockquote>
<p>In einem Reigen an Zitaten und Paraphrasen listet <em>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens</em> zugleich auf, wie andere Künstler in ihren Kunstwerken dasselbe Thema bearbeiten, etwa David Lynch in <em>Mulholland Drive</em> oder Wim Wenders in <em>Der Stand der Dinge</em>. Als konzeptueller Ansatz ist das kühn und zeitkritisch, in (über)langer Romanform aber nicht lesenswert.</p>
<p>Insbesondere im zweiten Kapitel wünschte ich mir, dass Moritz in eins der kaffigen Einfamilienhäuser eingekehrt wäre, die die Crew im Laufe ihrer Dreh- und Wandertage passiert. Nahtlos hätte ich dann diese ausufernden Tage des fürchterlichen Grauens einem Ende entgegengehen lassen können, um <em>Das kalte Jahr</em> erneut einzuläuten. Roman Ehrlichs Debüt von 2013 beschreibt verwegen, wie ein junger Mann sein Leben in der Stadt hinter sich lässt, um ins allegorisch eingeschneite Elternhaus zurückzukehren. Für die eisklare Sprache wurde <em>Das kalte Jahr </em>zu Recht gefeiert. Seinem neuen Roman hat der Autor diese Sprache verwehrt, zugunsten eines erzähltheoretischen Projekts, das an seinen Ambitionen scheitert.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Roman Ehrlich<br />
<strong>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens</strong><br />
Roman<br />
Verlag S. Fischer 2017 · 640 Seiten · 24 Euro<br />
ISBN: 978-3100025319<br />
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</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="9725" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-roman-ehrlich/cover_roman-ehrlich/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Cover_Roman-Ehrlich.jpg?fit=308%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="308,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Roman Ehrlich" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Cover_Roman-Ehrlich.jpg?fit=308%2C499&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-9725" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Cover_Roman-Ehrlich-185x300.jpg?resize=185%2C300" alt="" width="185" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Cover_Roman-Ehrlich.jpg?resize=185%2C300&amp;ssl=1 185w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Cover_Roman-Ehrlich.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Cover_Roman-Ehrlich.jpg?resize=300%2C486&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Cover_Roman-Ehrlich.jpg?w=308&amp;ssl=1 308w" sizes="auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: <a class="extiw" title="de:User:Reuschp" href="https://de.wikipedia.org/wiki/User:Reuschp">Reuschp</a> aus der <a class="extiw" title="de:" href="https://de.wikipedia.org/wiki/">deutschsprachigen Wikipedia</a> [<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html">GFDL</a> oder <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC-BY-SA-3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AGlass_Floor_of_the_CN_Tower.JPG">via Wikimedia Commons</a></em> (bearbeitet)</h6>
]]></content:encoded>
					
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