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	<title>Serbien &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Vorgetäuschter Tiefsinn</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Dec 2019 09:47:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Nobelpreis]]></category>
		<category><![CDATA[Serbien]]></category>
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					<description><![CDATA[Viel wurde in den letzten Wochen über den politischen Sündenfall von Peter Handke gestritten. Was für Rückschlüsse erlaubt die Literatur eines Autors auf seine politische Haltung? Und: Lassen sich Ästhetik und Ethik überhaupt trennen? ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p>In den Debatten um Peter Handke geht es kaum je um seine Prosa. Wir  nehmen seine jüngsten Werke unter die Lupe und suchen nach Kriterien. </p>



<p>Die bisherigen Texte in chronologischer Reihenfolge: </p>



<ul class="wp-block-list"><li><a href="https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/">Page-99-Test zu <em>Die Obstdiebin</em></a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/ob-der-kaiser-nackt-ist/" target="_blank">Ob der Kaiser nackt ist&#8230;</a></li><li><a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/hundert-seiten-handke-ein-p-s-zum-page-99-test/?preview_id=96014&amp;preview_nonce=b5f44d4b4f&amp;preview=true&amp;_thumbnail_id=96020" target="_blank">Hundert Seiten Handke:Ein P. S. zum Page-99-Test</a></li><li><a href="https://tell-review.de/grundanders-anfangen/">Grundanders anfangen</a></li><li><a href="https://tell-review.de/nur-keine-hast-auf-den-zwischenstrecken/">„Nur keine Hast auf den Zwischenstrecken&#8230;“</a></li><li><a href="https://tell-review.de/schleife-um-schleife-mit-riesenumwegen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label=" (opens in a new tab)">„Schleife um Schleife, mit Riesenumwegen&#8230;“</a>   </li></ul>





<p class="has-drop-cap">Es lohnt sich, anlässlich der Nobelpreisverleihung an ein paar ältere Texte zu erinnern, die versuchen, sich auf Peter Handke einen Reim zu machen. </p>



<p>Marcel Reich-Ranicki hat 1976 einen Verriss von <em>Die linkshändige Frau</em> geschrieben (den Hinweis darauf verdanke ich den tell-Lesern Luisa und Ulrich Umlauf). „[E]in erstaunlich harmloses Prosastück, das schon von einigen Rezensenten mit Andacht analysiert wurde“, findet MRR. Er identifziert diesen Text, in dem eine Frau namens Marianne ihrem Ehemann den Rücken kehrt, als „eine typische, eine fast schon klassische Emanzipationsgeschichte“. Die Emanzipation werde „seit geraumer Zeit von jeder Generation als ein besonders dankbares und reizvolles Thema entdeckt“. Zum Ziel allerdings sei es noch weit. „Nichts also gegen Handkes Thema. Zu fragen wäre lediglich, was er im einzelnen erzählt und wie er das macht.“ </p>



<p>Genüsslich zitiert Reich-Ranicki den Stuss, den Handke Mariannes Ehemann Bruno sagen lässt, um dann festzustellen: „Wie man sieht, liebt dieser Verkaufsleiter nicht nur seine Frau, sondern auch die feierliche Rede.“ Die Noch-Eheleute beschließen, in einem Restaurant zu essen. „Fragt er etwa: ‚Gehen wir zu Fuß?‘ Nein, bei Handke spricht ein Verkaufsleiter anders: ‚Hast du auch Lust auf einen Fußweg wie ich?‘“</p>



<p>Es komme darauf an, ob ein Dichter Formulierungen finde, „die uns zwingen, ihm zu folgen“. An diesem Kriterium scheitert Handke:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wo die Sprache versagt, verlieren die undefinierbaren Ahnungen augenblicklich den Reiz des Dunklen: Was bleibt, ist dann nur noch unverbindliches Gerede. </p></blockquote>



<p>Reich-Ranicki wirft Handke nachlässiges, also schlechtes Formulieren vor. Dabei entstehe </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>jener Mumpitz, der Tiefsinn vortäuscht und in Deutschland immer beliebt war und ist. </p></blockquote>



<p>Reich-Ranicki belegt dies mit Zitaten wie diesem: „Gerade hatte ich das Gefühl, jede Minute allein entgehe einem etwas, das nicht mehr nachholbar ist. Sie wissen, der Tod.“ So spricht in der Erzählung ein Trivialliteratur-Verleger zu Marianne.</p>



<p>In <em>Die linkshändige Frau</em> dominieren das Ungefähre und das Triviale, jedenfalls findet Marcel Reich-Ranicki sich hier nicht in der Welt von Tolstoi-Homer-Cervantes wieder. In der Restaurantszene zitiert er den Satz:  „Der Ober stand still im Hintergrund&#8230;“ </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Und dicht neben ihm, ließe sich hinzufügen, Hedwig Courths-Mahler.</p></blockquote>



<p>Schon 1976 finden sich in Reich-Ranickis Text Anspielungen auf die quasi-religiösen Handke-Verehrer, die „das Dürftige und Nichtssagende der Darstellung zu Handkes Gunsten“ auslegten, „etwa als Zurückhaltung und Diskretion, als radikale Beschränkung auf das Wesentliche“. </p>



<p>„Wissen Sie, ich rede nur so dahin, ohne Bedeutung“, zitiert Reich-Ranicki den von seiner Frau verlassenen Bruno. Er fragt sich, ob das vielleicht auch für den Autor gelte. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Adorno als Handke-Kritiker?</h2>



<p>Peter von Matt verweist in seinem Aufsatz „Ist die Literatur ein Spiegel der Welt?“ (1994) auf Adornos Aufsatz „Standort des Erzählers im modernen Roman“ von 1954. Dort findet sich das Diktum: „Es läßt sich nicht mehr erzählen.“ Peter von Matt erwägt, ob sich bei Adorno „eine Kritik an Handke zum voraus“ ausmachen lasse. Er zitiert Adorno mit den Worten: &#8222;Wer heute noch, wie Stifter etwa, ins Gegenständliche sich versenkte und Wirkung zöge aus der Fülle und Plastik des demütig hingenommenen Angeschauten, wäre gezwungen zum Gestus kunstgewerblicher Imitation. Er machte der Lügen sich schuldig [&#8230;].“ </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Als Adorno dies schrieb, trat Handke eben als Zwölfjähriger ins Gymnasium ein. Die Meinungen aber, ob Adorno damals schon gegen den späteren Handke recht gehabt habe oder aber von diesem eines Tages widerlegt worden sei, dürften bis heute geteilt sein.</p></blockquote>



<p>Ich glaube, dass Peter von Matt Recht hat, wenn er das Adorno-Zitat vorausschauend auf Handke münzt. Auch mir hatte sich in meinem <a rel="noreferrer noopener" aria-label=" (opens in a new tab)" href="https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/" target="_blank">Page-99-Test</a> der Begriff „Kunstgewerbe“ aufgedrängt.</p>



<p>Reich-Ranicki spricht 1976 in seinem Verriss eines Prosatexts von „unverbindlichem Gerede“. Eine „ganz private Schwätzerei“ nennt Dževad Karahasan zwanzig Jahre später Handkes <em>Winterliche Reise zu den Flüssen</em> <em>Save,</em> <em>Donau, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien</em> in einem Essay in der <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.zeit.de/1996/08/Buerger_Handke_Serbenvolk/komplettansicht" target="_blank">Zeit</a>.</p>



<p>Alles, was in Handkes Text existiert, sei</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>lediglich Kulisse und Anlaß für Wasserfälle von Bekenntnissen des Erzählers, der nicht willens ist, etwas außerhalb seines Subjekts wirklich wahrzunehmen. <br>Handkes Text ist eine ganz private Schwätzerei, in der es nichts gibt außer dem sprechenden Subjekt. Und selbst wenn sich etwas anderes außer dem Subjekt zeigt – dann wird es nur erwähnt (nicht beschrieben, nicht präsentiert, nicht mit Dasein beschenkt – nur erwähnt), um eine momentane Assoziation des sprechenden Subjekts zu illustrieren.</p></blockquote>



<p>Genau das ist es, was auch mich an Handke politisch abstößt: ein ausbeuterischer Narzissmus, der die monströse Realität des Leids der anderen benutzt für seine poetisch verbrämte Versenkung ins Hier und Jetzt. Der Poet feiert sich und seine Wahrnehmung, unbekümmert um die Toten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Dichter-Priester</h2>



<p>Mit bestechender Detailschärfe  <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2019/12/fr-handke-kritik-zur-winterlichen-reise.pdf" target="_blank">entlarvte</a> Wolfram Schütte damals in der Frankfurter Rundschau die Poetenpose, mit der Handke sich vom Journalismus abgrenzt und sich zugleich eine politische Narrenfreiheit erschleicht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er selbst sieht sich als „Dichter“, d. h.: als eine allem „Schrieb“, „Geschreibsel“ und Journalismus per se überlegene, weisheits- &amp; weihevolle Wahrnehmungs-Instanz, die ihre schöne „Kunst der Ablenkung &#8211; die Kunst als die wesentliche Ablenkung“ versteht. […] Händler-Manipulatoren versus Dichter-Priester; Uneigentliche, konterkariert vom Eigentlichen; Gucker, die ein Seher überschaut.</p></blockquote>



<p>Zur narzisstischen Poetik dieser Texte – die „ganz private Schwätzerei“ in Karahasans Worten – schreibt Schütte: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das gleichermaßen Faszinierende wie Deprimierende des Handke-Textes ist seine vollkommene Transparenz im Hinblick auf den Autor als empirische Person. Deren Streit- &amp; Winkelzüge treten einem unverhüllt als Motivationen, Strategien und Rhetoriken eines entlastungssüchtigen Subjekts entgegen.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Pseudopolitische Prosa</h2>



<p>„Die Ästhetik ist die Mutter der Ethik“, sagte Joseph Brodsky 1987 in seiner Nobelpreisrede. Bei Peter Handkes Serbien-Texten geht es letztlich nicht um politische Aussagen, daher lautet die Frage auch nicht, ob Handke das schreiben darf. Die Frage lautet: Was ist es wert? </p>



<p>Selbst Dževad Karahasan, der als bosnischer Autor aus dem belagerten Sarajevo geflohen war und genug Grund für eine moralische Verurteilung gehabt hätte, landet schließlich bei einer ästhetischen Verurteilung dieser pseudopolitischen Texte: Kunst, die keinen Aspekt des objektiven Daseins artikuliert und damit nicht der Erkenntnis dient, ist Kitsch. Auch der Literaturwissenschaftler Jürgen Brokoff stellte 2010 in der <a rel="noreferrer noopener" aria-label=" (opens in a new tab)" href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/peter-handke-als-serbischer-nationalist-ich-sehe-was-was-ihr-nicht-fasst-1597025.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2" target="_blank">FAZ</a> fest: „Es ist eine Verharmlosung, Handke für seine vermeintlich naiven politischen Stellungnahmen zu kritisieren. Der eigentliche Sündenfall dieses Autors ereignet sich nicht auf dem Feld des Politischen, sondern auf dem Feld des Literarischen.“ </p>



<p>Der Sündenfall auf dem Feld des Literarischen besteht in der poetisch verklärten Selbstbezogenheit. Diesen Zug der Handkeschen Prosa beschreibt auch Christine Lötscher, und zwar in einem aktuellen Text in der <a rel="noreferrer noopener" aria-label=" (opens in a new tab)" href="https://www.republik.ch/2019/12/09/die-politik-der-pilze" target="_blank">Republik</a>. In ihrer Analyse von <em>Versuch über den Pilznarren</em> kommt sie zu dem Schluss:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p> […] Handkes Erzähler ist es darum zu tun, die Welt in ein Reich der Poesie zu verwandeln, zu dem er allein Zugang hat&nbsp;– und dessen Bedeutung nur er der Leserin verkünden kann.</p></blockquote>



<p>Dass der Erzähler in <em>Versuch über den Pilznarren</em> nicht nur Pilze sucht, sondern in seinem Brotberuf als Anwalt auch Kriegsverbrecher vertritt, und zwar erfolgreich, ist in dieser Feld-, Wald- und Wiesenprosa offenbar nur eine Fußnote. Es geht nicht um die politisch-gesellschaftliche Welt, in der wir alle leben, sondern allein um den Dichter und seine Poesie.  </p>



<p>Das scheint mir, sowohl ethisch als auch ästhetisch, nun ja, sagen wir mal: fragwürdig. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Das Geburtshaus von Hedwig Courths-Mahler in Nebra. Von Jwaller [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NebraCourthsmahler.JPG">via Wikimedia Commons</a></h6>



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