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	<title>Gewissen &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Gewissen &#8211; tell</title>
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		<title>„Dieser Mann ist mir fremd“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jun 2019 08:56:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
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		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Hermann Kurzkes Vater war nicht in der NSDAP, leistete als Physiker aber kriegswichtige Forschung. In „Was mein Vater nicht erzählte“ setzt sich der Sohn mit einem Vater auseinander, der als Mitläufer gelten wollte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">
Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen 
Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen 
und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar 
machen oder soll man die Finger von ihm lassen? Und was bedeutet er 
überhaupt? Wir erkunden diese und weitere Fragen zum Phänomen des 
Faschismus in einer Reihe von Essays und Rezensionen.

</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Beiträge:</p>



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<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Hermann Kurzke ist mir seit Jahrzehnten als profunder Thomas Mann-Forscher und -Kenner ein Begriff. Sein Buch <em>Was mein Vater nicht erzählte</em> ist laut Untertitel die <em>Geschichte eines „Mitläufers“</em>, sie handelt vom Leben seines Vaters im sogenannten Dritten Reich. Mit den Anführungszeichen beim Wort „Mitläufer“ zweifelt der Sohn das offizielle Urteil der Spruchkammer nach dem Krieg an. Sein Vater Herbert Kurzke war als Physiker in einem Rüstungsunternehmen tätig, er forschte an Raketen- und Granatenzündern, an Kleinst-U-Booten und an Raketen, die sich selbst ins Ziel steuern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein fatales
Erbe, das zu Lebzeiten des Vaters nie ein Thema war zwischen Vater und Sohn. In
fiktiven Gesprächen mit einem sich rechtfertigenden Vater arbeitet der Sohn
dieses Erbe auf, sie sind in den ansonsten sachlich gehaltenen Lebensbericht
eingestreut.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vernunft ohne Ethik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte eigentlich erwartet, dass Hermann Kurzke seinen Vater aus dem Geist Thomas Manns kritisieren würde, mit Bezügen zu Manns großen Essays, von den „Gedanken zum Krieg“ und den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ über &nbsp;„Appell an die Vernunft“ aus dem Jahr 1930 bis zu „Deutschland und die Deutschen“ aus dem Jahr 1945, schließlich ist Hermann Kurzke Mitherausgeber der neuen kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber genau das macht Kurzke nicht. Er begibt sich vielmehr auf die Suche nach dem Wesen der rein instrumentellen Vernunft, der Vernunft ohne Ethik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass der Vater nie Mitglied der NSDAP gewesen war, entlastet ihn nur vermeintlich, zumal unklar bleibt, ob Hermann Kurzkes Vater nicht in die Partei eintreten wollte oder nicht durfte, wegen des Aufnahmestopps nach dem 19. April 1933. Seine Nichtmitgliedschaft wird durch zahlreiche Aktivitäten in nationalsozialistischen Organisationen zumindest relativiert. Schockierend für Hermann Kurzke war die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse an seinen Vater, signiert von Adolf Hitler. Man bekam es für kriegsentscheidende Leistungen an der Heimatfront. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Dem Teufel den Hintern geküsst</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie kommt man dazu, eine Urkunde von Hitler verliehen zu bekommen? Solchen Fragen nähert sich der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke nicht nur im Bericht über das Leben seines Vaters und den fiktiven Gesprächen, sondern auch über die Literatur. Im Mittelpunkt steht die Walpurgisnacht-Szene aus Goethes <em>Faust</em>. Dort heißt es: „Herr Urian sitzt oben auf!“ Und genau dorthin streben alle: nach oben, koste es, was es wolle. Kurzke zitiert Goethe: „Der ganze Strudel strebt nach oben / Du glaubst zu schieben und wirst geschoben.“  Indem er in einem  Rüstungsforschungsinstitut Karriere machte, hat sein Vater schließlich, wie Hermann Kurzke schreibt, „dem Teufel doch den Hintern geküsst“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu diesem Kuss verführte ihn  zunächst ein deutschnationaler Revanchegedanke, wie er im Bürgertum  nach 1918 mehrheitlich zu anzutreffen war. Darüber hinaus war in der  damaligen bürgerlichen Welt Widerstand gegen den Staat, gegen die  gesellschaftlichen Instanzen, einfach nicht vorgesehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem  fiktiven Gespräch lässt der Sohn seinen Vater sagen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich hatte loyal zu sein.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Sabotage, gar
in der Rüstungsindustrie, kam für den Vater Kurzke nicht in Frage.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich machte gute Arbeit, ohne an den Staat zu denken.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Neben
Staatsloyalität und der Sekundärtugend Fleiß zeigt sich in Herbert Kurzkes
beruflicher Laufbahn auch die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Karriere, nach
beruflicher Anerkennung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wes Brot ich ess&#8216;, des Lied ich sing“ ist ein Kapitel überschrieben: das Hohelied des Opportunismus. Hermann Kurzke zitiert die Physikerin Lise Meitner, eine Berufskollegin seines Vaters, mit der Klage, dass im damaligen Deutschland „keinerlei Protest“ zu verzeichnen gewesen sei. Der Sohn stellt fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ja, so war es, auch Vater hat sich so verhalten. Diensteifrig.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Versagen des Gewissens</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die
bürgerliche Angst vor einem beruflichen Scheitern hat Hitler möglicherweise
mehr geholfen, als alles andere, so Kurzkes Schlussfolgerung. „Der ganze
Strudel schiebt nach oben“, heißt es im <em>Faust</em>. Doch wo bleibt das
Gewissen bei dieser Höllenfahrt des Opportunisten? Wieder findet Kurzke die
Antwort in der Literatur: „Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich
quält“, schreibt Georg Büchner in <em>Dantons Tod</em>. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ob das Gewissen eine unabhängige Instanz ist oder ob es eben nur genauso funktioniert, wie es programmiert ist? Das ist umstritten, die Gewichte neigen sich aber eher zur zweiten These.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Möglichkeit, ein Gewissen auszubilden und demnach einen Gewissenskonflikt in sich zu spüren, wäre demnach abhängig von den Koordinaten, in die man hineingeboren wird. Herbert Kurzke war Katholik. Der Begriff des Gewissens hatte für ihn also wahrscheinlich eine Bedeutung. Aber sein Gewissen blieb das persönlich verhaftete Gewissen des Katholiken, das sich durch Zeitläufte nicht beunruhigen ließ. Wer lebt schon ohne Schuld? </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sein Gewissen war der Komplexität der Situation, in die er geraten war, nicht gewachsen. [&#8230;] Sein Theoriewerkzeug war die christliche Ethik. Die aber war dominant individuell orientiert, schien lediglich an privaten Sünden interessiert zu sein und war der kollektiven Politik des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gewachsen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Vater
habe aus Überforderung nicht über seine Rolle im Dritten Reich gesprochen,
vermutet der Sohn.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er schwieg aus Scham. Er hatte seine Pflicht getan, aber die Pflicht hatte ins Elend geführt. Er hatte keine Sprache dafür.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Worüber man nicht sprechen kann</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Neben einem abgespaltenen Gewissen sieht Hermann Kurzke bei seinem Vater auch ein Erkenntnisproblem. Das Erkennen des Verbrecherischen, das nicht im Individuum, sondern in der Zeit und der Gesellschaft selbst wirkte, das war Herbert Kurzke nicht möglich. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Vater
„hatte keine Sprache“, so Hermann Kurzkes Fazit, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>und wer keine Sprache hat, kann die Welt und die eigenen Verstrickungen in ihr nicht verstehen.&nbsp; </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">
Kurzkes Urteil über seinen Vater ist ebenso furchtbar wie lapidar:

</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dieser Mann ist mir sehr fremd.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende
seines Vaterbuchs setzt Herman Kurzke das Versagen seines Vaters noch einmal in
Beziehung zur Weltliteratur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er verstand die Physik, aber nicht die Welt – so wie der Apotheker Homais in Flauberts <em>Madame Bovary</em> die Medizin versteht, aber nicht die Welt, und ganz modern, aber hilflos, Chlor verwendet, wo dem Pfarrer Weihwasser zur Verfügung steht. Altmodisch, aber viel richtiger.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ist dem
Germanisten Hermann Kurzke der technisch begabte Vater genau deswegen fremd?
Weil er bei aller technischen Intelligenz eben doch ein Technokrat blieb,
jemand, dem nicht die Sprache des Verstehens gegeben war? Und der deswegen
formal tatsächlich nicht mehr als ein „Mitläufer“ war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist Herman Kurzkes erschreckende Wahrheit über seinen Vater und über eine ganze Generation: Ein Mitläufer ist jemand, dessen Sprache nicht reicht, um Verbrechen zu verstehen, die über das individuelle Maß hinausgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist
möglicherweise die wichtigste Aufgabe der Literatur: Den Menschen eine Sprache
zu geben, die sie befähigt, nicht nur sich selbst, sondern die Welt zu
verstehen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Wernher von Braun 1960<br>NASA/Marshall Space Flight Center [Public domain]<br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wernher_von_Braun_1960.jpg">via Wikimedia Commons</a>  (Ausschnitt)<br>Buchcover: Verlag</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Hermann Kurzke <br><strong>Was mein Vater nicht erzählte</strong> <br>Geschichte eines Mitläufers <br>C.H. Beck 2019 · 239 Seiten · 24,95 Euro <br>ISBN:  978-3-406-73139-6</p>



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		<title>Die Frage nach dem Gewissen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Apr 2018 09:15:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissen]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Vergangenheitsbewältigung]]></category>
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					<description><![CDATA[Demokratiefeindlichkeit, Opfergehabe, Anti-Amerikanismus: Das alles findet sich bereits in Ernst von Salomons Erinnerungsbuch  „Der Fragebogen“ von 1951. Eine unbehagliche Lektüre.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>as Erinnerungsbuch <em>Der Fragebogen</em> von Ernst von Salomon war 1951 einer der ersten Bestseller der gerade gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Nimmt man die Ursachen dieses Erfolgs unter die Lupe, erkennt man Muster, die heute wieder vorhanden sind und möglicherweise nie ganz verschwunden waren.</p>
<p>Der Buchtitel bezieht sich auf den Fragebogen, den die amerikanische Besatzungsmacht 1945 in ihrem Zuständigkeitsbereich als Verfahren der Entnazifizierung etablierte. Alle Deutschen, die im Verdacht standen, am nationalsozialistischen System mitgewirkt zu haben, mussten 134 Fragen beantworten. Neben juristisch zu fassender Schuld und historisch zu klärender Verantwortung spielte dabei auch die Frage des persönlichen Gewissens hinein – an diesem allumfassenden Anspruch konnte ein institutionalisiertes Verfahren nur scheitern.</p>
<p>Von diesem Scheitern erzählt Ernst von Salomon. Er tut es zugleich hämisch und unterhaltsam, indem er die Fragen ausführlich beantwortet und so zugleich dem Leser und sich selbst sein Leben erzählt.</p>
<h3>Das Gewissen in der Politik</h3>
<p>Ganz zu Beginn fokussiert von Salomon auf die Schwachstelle des Fragebogens, die Frage nach dem Gewissen. Er tut dies anhand eines Hamletzitates aus dem berühmten Monolog im dritten Akt. Nach der Schlegel/Tieck-Übersetzung heißt es dort:</p>
<blockquote><p>So macht Gewissen Feige aus uns allen.</p></blockquote>
<p><em> </em>Von Salomon schließt daraus,</p>
<blockquote><p>[&#8230;] dass es stets die Macht ist, die so eifrig mit dem Gewissen operiert.</p></blockquote>
<p>Gewissen macht feige? Folgt daraus, dass ein Leben ohne Gewissen vorzuziehen wäre? Oder will von Salomon das Gewissen aus der politischen Diskussion heraushalten? Ahnt er, dass eine Gewissensbefragung der Deutschen zu keinem günstigen Ergebnis für sein Volk führen würde? Schon hier kündigt sich an, dass es ihm letztlich um den historischen Freispruch des deutschen Volkes geht.</p>
<h3>Republikfeindliche Gesinnung</h3>
<p>Ernst von Salomon musste nicht nur den Fragebogen ausfüllen, er wurde auch als mutmaßlicher Kriegsverbrecher interniert. In den Fokus der Amerikaner geriet er, weil er 1922 als Mitglied des republikfeindlichen rechten Netzwerkes „Organisation Consul“ an der Ermordung Walter Rathenaus beteiligt gewesen war. Diese Gruppierung war 1920 nach dem gescheiterten Kapp-Putsch gegründet worden und hatte einen Umsturz in Richtung Ständestaat zum Ziel. Das politische Attentat war für sie eine Destabilisierungsmethode, ein „Konzept“, das mit der entschiedenen Reaktion des Staates auf das Rathenau-Attentat hinfällig geworden war.</p>
<p>Von Salomon wurde nach dem Attentat gefasst und kam in Haft. In <em>Fragebogen</em> schildert er den Gefängnisaufenthalt als Märtyrergang. Auch nach der Entlassung blieb er republikfeindlich gesonnen und tat alles, um die fragile Republik zu unterminieren. Er wurde Redakteur einer rechtsextremen Zeitung, die die militante Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein unterstützte und auf der ersten Seite auch schon mal eine Bastelanleitung für eine Zeitzünderbombe abdruckte. Das alles beschreibt er in dem Buch ohne irgendeine Regung von Reue.</p>
<h3>Für das Volk</h3>
<p>Und er kennt sie alle, die Republikgegner von rechts: Erwin Kern und Hermann Fischer von der „Organisation Consul“, Ernst Jünger, den er bewundert, Arnolt Bronnen und den SA-Führer Ernst Röhm. 1922 läuft ihm in München auch Adolf Hitler über den Weg, der aus dem Scheitern der „Organisation Consul“ den Schluss zieht, dass ein Umsturz nur über eine Massenbewegung erfolgen kann. Diesen Weg lehnt von Salomon allerdings rigoros ab, wie er in <em>Der Fragebogen</em> darlegt:</p>
<blockquote><p>Vom Staate her muss immer für das Volk gedacht werden, niemals durch das Volk. Es durfte da, so empfand ich dunkel, keinen Kompromiß geben [&#8230;]</p></blockquote>
<p>Diese Ablehnung des „Volkskonzeptes“, einer Massenerhebung von rechts, wird von Salomon später davon abhalten, im Nationalsozialismus Karriere zu machen. Sein Geld verdient er als Drehbuchautor der UFA und er ist in den Dreißigerjahren bei den Lippoldsberger Dichtertagen eingeladen, einem völkisch-nationalistischen Dichtertreffen, das von Hans Grimm organisiert wurde, dem Autor des Romans <em>Volk ohne Raum</em>.</p>
<p>Mit einigen seiner Handlungen tritt von Salomon sogar in aktive Opposition zum NS-Regime. So schützt er seine jüdische Lebensgefährtin Ille Gotthelft, indem er sie zehn Jahre lang als seine Ehefrau ausgibt, und im Rowohlt-Verlag tritt er als Strohmann für einen jüdischen Lektor ein, so dass dieser bis zu seiner Emigration weiter im Verlag tätig sein kann.</p>
<h3>Die „Obergruppe Imming“</h3>
<p>Der militante Feind der Weimarer Republik, der auch vor politischem Mord nicht zurückschreckt, wird nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten zum rechten Hitler-Gegner. Er trifft in den 40er Jahren Arved und Mildred Harnack und kennt Offiziere, die an der Vorbereitung des 20. Juli beteiligt waren. Allerdings bleibt Ernst von Salomon auch nach dem Krieg seinem völkischen Weltbild treu und verbittet sich dementsprechend „Gesinnungsschnüffeleien“ von Fremden, vor allem von den Amerikanern. In <em>Fragebogen</em> nutzt er den Entnazifizierungsfragebogen, um seine Haltung deutlich zu machen – dies dürfte bei den damaligen Lesern auf große Resonanz gestoßen sein. Auf die Frage Nr. 110 des Fragebogens nach einer Widerstandstätigkeit antwortet er etwa, er sei Mitglied der „Obergruppe Imming“ gewesen. Diese fiktive Gruppe benennt er nach seiner Putzfrau, die die Aktivitäten der Nazis lebensklug kommentierte und dabei ihre ablehnende Haltung unmissverständlich zum Ausdruck brachte. Sie kam bei einem Bombenangriff auf Berlin ums Leben. Von Salomon würdigt sie und das deutsche Volk mit den Worten:</p>
<blockquote><p>Der Obergruppe Imming gehörten etwa achtzig Prozent des deutschen Volkes an.</p></blockquote>
<p>Damit spricht er seinen Lesern aus der Seele: Wer wollte nach Kriegsende kein Widerstandskämpfer gewesen sein?</p>
<h3>Demokratie = Diktatur</h3>
<p>Zudem wirft von Salomon den Amerikanern vor, dass sie ihn während seiner Verhaftung gefoltert hätten. Die amerikanische Spionageabwehr CIC rückt er gar in die Nähe der Gestapo:</p>
<blockquote><p>Ein Jeep brachte uns zum CIC, von dem ich nun erfahren hatte, daß es eine Art Gestapo-Stelle sei [&#8230;].</p></blockquote>
<p>Für die Demokratie bringt von Salomon auch nach dem Krieg kein Verständnis auf:</p>
<blockquote><p>Ich habe das Wort &#8222;Demokratie&#8220; immer nur sehr selten und sehr ungern benützt. Ich weiß nicht, was das ist, und habe auch noch niemanden gefunden, der es mir einleuchtend zu erklären wusste […] Ich fürchte ferner, die Gegenbehauptung, das von Hitler erstrebte System der Totalität sei nicht demokratisch, ich fürchte, diese Gegenbehauptung wird schwer zu beweisen sein.</p></blockquote>
<p>Für ihn ist die Demokratie eine Diktatur, und umgekehrt ist der totalitäre Staat eine Demokratie. Punktum. Da die Amerikaner nach dem Krieg die Demokratie in das besiegte Deutschland bringen, ist klar, wen von Salomon als die neuen Nazis ansieht. Im Buch legt er ausgerechnet der Jüdin Ille Gotthelft diesen Gedanken in den Mund.  Das Leben unter den Besatzungs-Verhältnissen mit seinen neuen Verordnungen und Geboten sei „wie bei den Nazis“.</p>
<h3>Der Weg in die Opferrolle</h3>
<p>Ille Gotthelft wurde in der Internierungshaft von einer Gruppe von US-Soldaten vergewaltigt. Dass sie den Nationalsozialismus nur dank von Salomon überlebt hat, fällt bei dieser Gleichsetzung unter den Tisch, und die Frage, was mit ihren jüdischen Verwandten geschehen ist, wird im gesamten Buch mit keinem Wort erwähnt. Dafür schildert er aus dem Internierungslager folgenden Dialog. Nachdem er sich über die Amerikaner beklagt, sagt Ille Gotthelft:</p>
<blockquote><p>Du kannst doch wirklich nicht ein ganzes Volk für die Schweinereien verantwortlich machen, die von ein paar Knülchen verübt werden –, Knülche gibt es überall!</p></blockquote>
<p>Von Salomon antwortet:</p>
<blockquote><p>Das ist es ja eben. […] Uns machen sie für unsere Knülche verantwortlich, – und wen schicken sie uns? Ihre Knülche!</p></blockquote>
<p>So verschwindet der moralische Unterschied zwischen den Nazis und den Amerikanern. Von dieser Logik zur Darstellung der eigenen Rolle als verfolgtes Opfer ist der Weg nicht weit.</p>
<blockquote><p>Schließlich, völlig außerstande zu erfahren, welchem Status wir nun eigentlich zugeordnet seien, begnügten wir uns notgedrungen mit der Erkenntnis, daß wir uns nur als eines betrachten konnten: als Opfer einer hübschen und ausgewachsenen Heuchelei.</p></blockquote>
<h3>Das Gewissen eines Täters</h3>
<p>Im Internierungslager trifft von Salomon auf tatsächliche NS-Täter, allen voran den slowakischen Reichsstatthalter Hanns Ludin, der für die Deportation der slowakischen Juden in die Vernichtungslager verantwortlich war. Für Ludin zeigt von Salomon Sympathien wie für einen Bruder. Sie gestalten gemeinsam das Lagerleben und organisieren Theateraufführungen. Den Werdegang Ludins, der aus einer humanistisch geprägten Familie stammte und zum Nazitäter wurde, erklärt von Salomon mit einer angeblich aus dem Geist des Humanismus kommenden rigiden Erziehung, deren Wirkung er als „Druck“ beschreibt. Alles Bändigende, dem zügellosen Wüten Entgegenstehende ist somit nicht Folge dieses Wütens, sondern seine Ursache. Das Muster der Verkehrung von Ursache und Wirkung, von Täter und Opfer, lässt sich durch das gesamte Buch hindurch verfolgen.</p>
<p>Zum Schluss lässt von Salomon Hanns Ludin in einer pathetischen Abschiedssequenz sagen:</p>
<blockquote><p>Ich habe immer nach meinem Gewissen gehandelt!</p></blockquote>
<p>Damit wären wir wieder am Ausgangspunkt angelangt: dem Gewissen. Nachdem von Salomon 800 Seiten lang durch institutionelles Befragen vergeblich nach dem Gewissen gesucht hat, findet er es bei einem Täter. Hanns Ludins letzte Worte vor seiner Hinrichtung in Preßburg/Bratislava beschließen als Zitat das ganze Buch:</p>
<blockquote><p>Es lebe Deutschland!</p></blockquote>
<p>In <em>Der Fragebogen, </em>dem Buch eines konservativen Nazigegners, sind bereits alle Facetten der historischen deutschen Entlastungsoffensive nach 1945 vorhanden, was seinen Erfolg unmittelbar nach dem Krieg erklärt. Liest man das Buch heute, macht man die unbehagliche Entdeckung, dass diese Entlastungsmuster im Selbstverständnis der Neuen Rechten wiederkehren. Björn Höckes Dresdner Rede haut in diese Kerbe, Alice Weidel beschreibt in einer privaten Email die Bundesregierung als „Schweine“, die nichts anderes seien, „als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“ und die die Aufgabe hätten, „das dt. Volk klein zu halten“. Die Behauptung des Opferstatus, die Gleichsetzung von Demokratie und Diktatur, der Antiamerikanismus, der ständige Hinweis auf die Verfehlungen anderer, die Geringschätzung des Humanismus und das Verhöhnen des Gewissens – all das mündet in den Versuch, den Deutschen das schlechte Gewissen auszureden, das sie angeblich wegen „jener 12 Jahre“ beherrsche. Wie <em>Der Fragebogen</em> zeigt, reicht dieser Diskurs in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">Ernst von Salomon<br />
<strong>Der Fragebogen</strong><br />
Rowohlt 1961 · 1056 Seiten Seiten · 14,99 Euro<br />
ISBN: 978-3-499-10419-0<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3499104199/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783499104190" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel</div></div><div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12833" data-permalink="https://tell-review.de/die-frage-nach-dem-gewissen/cover_fragebogen_978-3-499-10419-0/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/Cover_Fragebogen_978-3-499-10419-0.jpg?fit=192%2C292&amp;ssl=1" data-orig-size="192,292" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Fragebogen_978-3-499-10419-0" data-image-description="&lt;p&gt;Ernst von Salomon, &amp;#8222;Der Fragebogen&amp;#8220;&lt;br /&gt;
Rowohlt&lt;br /&gt;
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<p>Bildnachweis:<br />
Beitragsbild: von S. Kasten [<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html">GFDL</a>, <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC-BY-SA-3.0</a> oder <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5">CC BY-SA 2.5</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adler,_Robert-Piloty-Geb%C3%A4ude,_TU_Darmstadt.jpg">vom Wikimedia Commons</a><br />
Buchcover: <a href="https://www.rowohlt.de/taschenbuch/ernst-von-salomon-der-fragebogen.html" target="_blank" rel="noopener">Rowohlt Verlag</a></p>
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