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	Kommentare zu: Von der Naivität und ihrem Verlust	</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 04 Oct 2023 09:25:42 +0000</lastBuildDate>
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		<title>
		Von: Birgit Dahlke		</title>
		<link>https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-28169</link>

		<dc:creator><![CDATA[Birgit Dahlke]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Oct 2023 09:25:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Habt Dank für diese gründliche Lektüre, die Essay-Autorin CW ist unterschätzt, denke ich. Der Satz mit der &quot;gesellschaftlichen Moral&quot; ergibt sehr wohl einen Sinn: was hier als gesellschaftliche Moral verstanden wird, ist ja eben gerade der verinnerlichte Druck, sich den (behaupteten, unterstellten) Interessen der Gemeinschaft unterzuordnen. Man denke an Hermlins Beschreibung seiner jahrzehntelang völlig ins Gegenteil verkehrten Erinnerung an ein Marx-Zitat: &quot;&#039;An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung aller die Bedingung für die freie Entwicklung eines jeden ist.&#039;  Ich weiß nicht, wann ich begonnen hatte, den Satz so zu lesen wie er hier steht. Ich las ihn so, er lautete für mich so, weil er meinem damaligen Weltverständnis auf diese Weise entsprach. Wie groß war mein Erstaunen, ja mein Entsetzen, als ich nach vielen Jahren fand, daß der Satz in Wirklichkeit gerade das Gegenteil besagt: &#039; ... worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.&#039;&quot; (&quot;Abendlicht&quot;, 1979) Wolf verweist darauf, dass Literatur nur dann als Reflexionsorgan der Gesellschaft fungieren kann, wenn ....]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Habt Dank für diese gründliche Lektüre, die Essay-Autorin CW ist unterschätzt, denke ich. Der Satz mit der &#8222;gesellschaftlichen Moral&#8220; ergibt sehr wohl einen Sinn: was hier als gesellschaftliche Moral verstanden wird, ist ja eben gerade der verinnerlichte Druck, sich den (behaupteten, unterstellten) Interessen der Gemeinschaft unterzuordnen. Man denke an Hermlins Beschreibung seiner jahrzehntelang völlig ins Gegenteil verkehrten Erinnerung an ein Marx-Zitat: &#8222;&#8218;An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung aller die Bedingung für die freie Entwicklung eines jeden ist.&#8216;  Ich weiß nicht, wann ich begonnen hatte, den Satz so zu lesen wie er hier steht. Ich las ihn so, er lautete für mich so, weil er meinem damaligen Weltverständnis auf diese Weise entsprach. Wie groß war mein Erstaunen, ja mein Entsetzen, als ich nach vielen Jahren fand, daß der Satz in Wirklichkeit gerade das Gegenteil besagt: &#8218; &#8230; worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.'&#8220; (&#8222;Abendlicht&#8220;, 1979) Wolf verweist darauf, dass Literatur nur dann als Reflexionsorgan der Gesellschaft fungieren kann, wenn &#8230;.</p>
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		<title>
		Von: damals		</title>
		<link>https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-27016</link>

		<dc:creator><![CDATA[damals]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jul 2023 13:46:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-26927&quot;&gt;Laubeiter&lt;/a&gt;.

@Laubeiter: Genau so ist es. Ich finde den Satz geradezu genial, weil man sich fragt, ob es eben ein Freudscher Versprecher ist (indem sich ungewollt die Wahrheit ausdrückt) oder ob Wolf hier nicht gezielt das Aussprechen der grausamen Wahrheit als Freudschen Versprecher tarnt. 
Mir blieb jedenfalls beim Lesen des Satzes der Mund offen stehen: Wie es einem gelingen kann, die Perversität des öffentlichen Schreibens unter Diktaturverhältnissen so unverblümt auszusprechen, ohne dass es einer merkt! Und dann auch noch die Selbstzensur offen und sogar die echte Zensur nur von ein paar Floskeln über den Vietnamkrieg bemäntelt anzusprechen!
Offenbar war Wolf auch in ihrer Selbstzensur derart perfekt, dass sie (nach der braven &quot;Moskauer Novelle&quot; als unvermeidlicher Eintittskarte) von Buch zu Buch immer kritischer und freier sprach, ohne je ernsthaft mit Höpcke und Co. in Konflikt zu geraten. Eben immer an der &quot;Grenze des Sagbaren&quot;, nie über die Grenze hinaus, aber eben auch nie einen Millimeter angepasster als unbedingt nötig. Das ist, scheint, niemandem so gut gelungen wie ihr.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-26927">Laubeiter</a>.</p>
<p>@Laubeiter: Genau so ist es. Ich finde den Satz geradezu genial, weil man sich fragt, ob es eben ein Freudscher Versprecher ist (indem sich ungewollt die Wahrheit ausdrückt) oder ob Wolf hier nicht gezielt das Aussprechen der grausamen Wahrheit als Freudschen Versprecher tarnt.<br />
Mir blieb jedenfalls beim Lesen des Satzes der Mund offen stehen: Wie es einem gelingen kann, die Perversität des öffentlichen Schreibens unter Diktaturverhältnissen so unverblümt auszusprechen, ohne dass es einer merkt! Und dann auch noch die Selbstzensur offen und sogar die echte Zensur nur von ein paar Floskeln über den Vietnamkrieg bemäntelt anzusprechen!<br />
Offenbar war Wolf auch in ihrer Selbstzensur derart perfekt, dass sie (nach der braven &#8222;Moskauer Novelle&#8220; als unvermeidlicher Eintittskarte) von Buch zu Buch immer kritischer und freier sprach, ohne je ernsthaft mit Höpcke und Co. in Konflikt zu geraten. Eben immer an der &#8222;Grenze des Sagbaren&#8220;, nie über die Grenze hinaus, aber eben auch nie einen Millimeter angepasster als unbedingt nötig. Das ist, scheint, niemandem so gut gelungen wie ihr.</p>
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		<title>
		Von: Laubeiter		</title>
		<link>https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-26927</link>

		<dc:creator><![CDATA[Laubeiter]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Jul 2023 09:46:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Geniale Sache, das Lesen eines Essays heute, in dem die Autorin Wolf sich 1974 Gedanken machte über ein eigenes Buch von 1961, Danke! Ich habe bei der Frage, was Wolf gemeint haben könnte, wenn sie schreibt „nur sollte die gesellschaftliche Moral eines Autors sich nicht darin erschöpfen, daß er seiner Gesellschaft möglichst vorenthält, was er von ihr weiß“ die Idee, dass es sowohl Freud&#039;scher Lapsus als auch Kritik am soz. Realismus sein könnte. Freud&#039;scher Lapsus daher, weil Wolf wohl gewußt haben dürfte von den Privilegien der Nomenklatura und vermutlich als Partei-Intellektuelle selbst welche genoss, und weil Wolf Berichte über die Existenz und Auswirkung dieser Privilegienwirtschaft den LeserInnen ihrer Bücher wohl vorenthalten musste, um weder von der Partei noch von den LeserInnen angegeriffen zu werden. Kritik am soz. Realismus, weil, zumindest verstehe ich den soz. Realismus so, der soz. Realismus ja gerade keinen Realismus zulassen wollte, sondern eine Retusche, in der die in der Gesellschaft virulente Unzufriedenheit übergangen wurde mit dem Versprechen, die Zukunft werde für alle besser.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Geniale Sache, das Lesen eines Essays heute, in dem die Autorin Wolf sich 1974 Gedanken machte über ein eigenes Buch von 1961, Danke! Ich habe bei der Frage, was Wolf gemeint haben könnte, wenn sie schreibt „nur sollte die gesellschaftliche Moral eines Autors sich nicht darin erschöpfen, daß er seiner Gesellschaft möglichst vorenthält, was er von ihr weiß“ die Idee, dass es sowohl Freud&#8217;scher Lapsus als auch Kritik am soz. Realismus sein könnte. Freud&#8217;scher Lapsus daher, weil Wolf wohl gewußt haben dürfte von den Privilegien der Nomenklatura und vermutlich als Partei-Intellektuelle selbst welche genoss, und weil Wolf Berichte über die Existenz und Auswirkung dieser Privilegienwirtschaft den LeserInnen ihrer Bücher wohl vorenthalten musste, um weder von der Partei noch von den LeserInnen angegeriffen zu werden. Kritik am soz. Realismus, weil, zumindest verstehe ich den soz. Realismus so, der soz. Realismus ja gerade keinen Realismus zulassen wollte, sondern eine Retusche, in der die in der Gesellschaft virulente Unzufriedenheit übergangen wurde mit dem Versprechen, die Zukunft werde für alle besser.</p>
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		<title>
		Von: Sieglinde Geisel		</title>
		<link>https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-26719</link>

		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Jul 2023 08:48:54 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=116871#comment-26719</guid>

					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-26707&quot;&gt;Anselm Bühling&lt;/a&gt;.

Wow, danke für die Zitate von Biermann und aus Wolfs Rede auf Hans Mayer. Hier ist wieder diese ungeheure Präzision, eine Klarsicht auch ohne Rücksicht auf die eigene Person. Christa Wolf hat eine ganz eigene intellektuelle Redlichkeit, ich muss dabei wieder an Hartmut Finkeldeys Begriff von der &quot;protestantischen Überfairness&quot; denken. 
Dazu noch ein Zitat von Christa Wolf aus dem Essay &quot;Einiges über meine Arbeit als Schriftsteller&quot; (1965): &quot;Seit wir gelernt haben, uns frei und sicher in dieser Gesellschaft zu bewegen, eins mit ihr und zugleich kritisch.&quot; Das ist das Dilemma: &quot;eins mit ihr und zugleich kritisch&quot;, d.h. sie versagt sich die Distanz, den Blick von außen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-26707">Anselm Bühling</a>.</p>
<p>Wow, danke für die Zitate von Biermann und aus Wolfs Rede auf Hans Mayer. Hier ist wieder diese ungeheure Präzision, eine Klarsicht auch ohne Rücksicht auf die eigene Person. Christa Wolf hat eine ganz eigene intellektuelle Redlichkeit, ich muss dabei wieder an Hartmut Finkeldeys Begriff von der &#8222;protestantischen Überfairness&#8220; denken.<br />
Dazu noch ein Zitat von Christa Wolf aus dem Essay &#8222;Einiges über meine Arbeit als Schriftsteller&#8220; (1965): &#8222;Seit wir gelernt haben, uns frei und sicher in dieser Gesellschaft zu bewegen, eins mit ihr und zugleich kritisch.&#8220; Das ist das Dilemma: &#8222;eins mit ihr und zugleich kritisch&#8220;, d.h. sie versagt sich die Distanz, den Blick von außen.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Anselm Bühling		</title>
		<link>https://tell-review.de/von-der-naivitaet-und-ihrem-verlust/#comment-26707</link>

		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Jul 2023 21:08:28 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=116871#comment-26707</guid>

					<description><![CDATA[Auf Hartmut Finkeldeys präzise &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/die-sprache-der-fragilen/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noreferrer noopener ugc&quot;&gt;Verteidigung&lt;/a&gt; Christa Wolfs gegen die Eilfertigen unter ihren Kritikern folgt hier eine ebenso präzise Analyse von Christa Wolfs Selbstkritik, die eben gerade nicht eilfertig ist. Sie legt die Widersprüche in Wolfs Selbstkritik offen und bleibt dabei auf der Reflexionshöhe des Textes.

Ich möchte dazu nur einen Punkt ergänzen, der mir wichtig scheint. Gerade ist im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung über Wolf Biermann eröffnet worden. DLF Kultur hat aus diesem Anlass ein &lt;a href=&quot;https://www.deutschlandfunkkultur.de/etwas-zu-frueh-wolf-biermann-im-deutschen-historischen-museum-in-berlin-dlf-kultur-b21da83b-100.html&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noreferrer noopener nofollow ugc&quot;&gt;Kurzinterview&lt;/a&gt; mit Biermann geführt. Darin sagt er (etwa ab Minute 02:00):

„Ich geriet in diese Rolle, weil ich durch Zufall der Geburt aus einer Kommunisten- und Judenfamilie kam, während ja die meisten jungen Leute meiner Generation, in Ost wie auch im Westen, Nazikinder waren. Und das macht einen enorm wichtigen Unterschied. Denn die waren ja auch nicht dümmer als ich und dachten in vielen Dingen sehr ähnlich wie ich. Aber wenn sie die Verhältnisse in der DDR-Diktatur kritisierten, dann taten sie das immer im Tone der extremen Bescheidenheit. Sie schämten sich für ihre Eltern und wollten beweisen, dass sie jedenfalls keine Nazis mehr sind. Und das führte dazu, dass sie schon den Schwanz einzogen, schon den Kopf duckten, bevor der Streit überhaupt richtig losging.“

Die Herkunft aus einer Nazi- oder Mitläuferfamilie war in der Tat das, was Christa Wolf oder Franz Fühmann von Biermann unterschied – und auch von Wolfs Lehrer Hans Mayer. Ohne diesen Subtext und Kontext ist das Gewundene, Indirekte ihrer Kritik kaum zu verstehen. An einigen Stellen drängt er sich geradezu auf, etwa bei der folgenden Passage ihrer Rede zu Mayers 80. Geburtstag 1987:

„Je wichtiger gerade dieses radikalste Ihrer Bücher [„Außenseiter“] mir wurde, um so mehr tat es mir leid, daß mein neuestes Buch kurze Zeit später Sie nicht für sich einnehmen konnte – die Wahrheit, die Sie damals mir abverlangten, war nicht meine Wahrheit, was Sie erwarteten, konnte ich nicht wollen. Das war kein Mißverständnis, das waren verschiedene Sichtweisen aufgrund unterschiedlicher Entscheidungen. Auf ‚Unaufrichtigkeit‘ ließen sich die Mängel meines Buches nicht zurückführen, der auch für mich zentrale Konfliktstoff, den Sie unter anderem vermißten die Deformierung der kommunistischen Bewegung in der Stalinzeit und ihre Folgen für jeden, der ihr angehörte –, konnte in meiner Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus nur am Rand erscheinen, und die Problematik des Landes, an dessen Veränderung ich immer noch mitzuwirken hoffte, mußte ich anders akzentuieren als Sie, dem die Möglichkeit einzugreifen entzogen worden war.“ („Sämtliche Essays und Reden“, Band 2, S.393 f.)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf Hartmut Finkeldeys präzise <a href="https://tell-review.de/die-sprache-der-fragilen/" target="_blank" rel="noreferrer noopener ugc">Verteidigung</a> Christa Wolfs gegen die Eilfertigen unter ihren Kritikern folgt hier eine ebenso präzise Analyse von Christa Wolfs Selbstkritik, die eben gerade nicht eilfertig ist. Sie legt die Widersprüche in Wolfs Selbstkritik offen und bleibt dabei auf der Reflexionshöhe des Textes.</p>
<p>Ich möchte dazu nur einen Punkt ergänzen, der mir wichtig scheint. Gerade ist im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung über Wolf Biermann eröffnet worden. DLF Kultur hat aus diesem Anlass ein <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/etwas-zu-frueh-wolf-biermann-im-deutschen-historischen-museum-in-berlin-dlf-kultur-b21da83b-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener nofollow ugc">Kurzinterview</a> mit Biermann geführt. Darin sagt er (etwa ab Minute 02:00):</p>
<p>„Ich geriet in diese Rolle, weil ich durch Zufall der Geburt aus einer Kommunisten- und Judenfamilie kam, während ja die meisten jungen Leute meiner Generation, in Ost wie auch im Westen, Nazikinder waren. Und das macht einen enorm wichtigen Unterschied. Denn die waren ja auch nicht dümmer als ich und dachten in vielen Dingen sehr ähnlich wie ich. Aber wenn sie die Verhältnisse in der DDR-Diktatur kritisierten, dann taten sie das immer im Tone der extremen Bescheidenheit. Sie schämten sich für ihre Eltern und wollten beweisen, dass sie jedenfalls keine Nazis mehr sind. Und das führte dazu, dass sie schon den Schwanz einzogen, schon den Kopf duckten, bevor der Streit überhaupt richtig losging.“</p>
<p>Die Herkunft aus einer Nazi- oder Mitläuferfamilie war in der Tat das, was Christa Wolf oder Franz Fühmann von Biermann unterschied – und auch von Wolfs Lehrer Hans Mayer. Ohne diesen Subtext und Kontext ist das Gewundene, Indirekte ihrer Kritik kaum zu verstehen. An einigen Stellen drängt er sich geradezu auf, etwa bei der folgenden Passage ihrer Rede zu Mayers 80. Geburtstag 1987:</p>
<p>„Je wichtiger gerade dieses radikalste Ihrer Bücher [„Außenseiter“] mir wurde, um so mehr tat es mir leid, daß mein neuestes Buch kurze Zeit später Sie nicht für sich einnehmen konnte – die Wahrheit, die Sie damals mir abverlangten, war nicht meine Wahrheit, was Sie erwarteten, konnte ich nicht wollen. Das war kein Mißverständnis, das waren verschiedene Sichtweisen aufgrund unterschiedlicher Entscheidungen. Auf ‚Unaufrichtigkeit‘ ließen sich die Mängel meines Buches nicht zurückführen, der auch für mich zentrale Konfliktstoff, den Sie unter anderem vermißten die Deformierung der kommunistischen Bewegung in der Stalinzeit und ihre Folgen für jeden, der ihr angehörte –, konnte in meiner Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus nur am Rand erscheinen, und die Problematik des Landes, an dessen Veränderung ich immer noch mitzuwirken hoffte, mußte ich anders akzentuieren als Sie, dem die Möglichkeit einzugreifen entzogen worden war.“ („Sämtliche Essays und Reden“, Band 2, S.393 f.)</p>
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