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	<title>Verriss &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Verriss &#8211; tell</title>
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		<title>Ein Qualitätstest für die Literatur – und die Kritik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Heibert]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Aug 2020 08:38:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Verriss]]></category>
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					<description><![CDATA[Verrisse können zur Selbstreinigung der Kritik taugen – allerdings nur dann, wenn sie ihre Maßstäbe offenlegen und den betreffenden Text an seinen eigenen Maßstäben messen. Eine Entgegnung auf Sieglinde Geisel.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Wie immer, wenn Sieglinde Geisel über die Kunst der Kritik schreibt, freue ich mich: über das Thema, die Gedankenschärfe, das Engagement dahinter. Und über die Einladung, mitzudiskutieren. Kritisieren heißt per definitionem, dass man etwas auch schlecht finden und das aussprechen darf. Daher geht es nicht um die Frage, ob die Kritik verreißen darf, sondern darum, wie und wozu das geschehen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/der-verriss-eine-selbstreinigungsmassnahme-der-literaturkritik/" target="_blank">Essay</a> macht Sieglinde Geisel deutlich, dass Kritik automatisch mit den bewussten oder unterbewussten Ansprüchen zu tun hat, die die Kritikerin an Literatur stellt. Auch die benannte Aufgabe der Qualitätssicherung der Literatur, welche die Kritik zu leisten hat, &nbsp;finde ich schlüssig. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Virginia Woolf-Zitat: „(…) jedes Buch mit den Größten seiner Art vergleichen“ sagt jedoch mehr als das. In der Wendung „mit den Größten <em>seiner Art</em>“ steckt der Hinweis darauf, dass es verschiedene Kategorien gibt – „Elefanten“ vs. „Flöhe“, mit Orwell. </p>



<p class="wp-block-paragraph">So weit, so gut, bis hierhin zustimmendes Nicken beim Lesen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Auf dem hohem Ross</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber nun beginnt das leise Unwohlsein, das mich zu meiner Entgegnung bewegt. „Man muss Elefanten und Flöhe auseinanderhalten können“, schreibt Geisel, und wieder wird jede/r nicken. Aber wer sagt denn, was Elefanten, Zombie-Elefanten oder Flöhe sind? Wir erinnern uns an die <a href="https://tell-review.de/?s=Peter+Handke&amp;category_name=&amp;submit=Suche">Peter-Handke-Debatte</a> hier auf <em>tell</em>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hohe Ross des Bescheidwissens, das hier in die Tiermetaphernmanege hereingaloppiert kommt, bereitet mir Unbehagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum darf der Kritiker auf dem Ross sitzen? Weil er zufällig gerade eine Rezension schreibt? Sind damit seine mehr oder weniger subjektiven Reaktionen und Meinungen automatisch legitimiert? Ist eine Kritik ein Frontalvortrag, oder ist sie eine Einladung zum Dialog, verläuft die Kommunikation hierarchisch oder auf Augenhöhe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu zwei Vorschläge, zwei Ansätze.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Ansprüche des Texts</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen verstehe ich Woolfs „mit den Größten seiner Art“ als Hinweis darauf, dass jeder Text dadurch, wie er gemacht ist, auch zeigt, was er sein will – also welchen Ansprüchen er genügen will: Unterhaltung (sei es kommerzielle oder solche, ‚für die man sich nicht schämen muss‘), Kunst, Sprachspiel, Ausdruck hoher Subjektivität, Vertiefung eines bestimmten Themas u.v.a. – oder auch ein Mix aus solchen Beschreibungskriterien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An diesen, an seinen eigenen Ansprüchen, sollte der Text gemessen werden. Ist das Sprachspiel gut gemacht oder bemüht, animierend oder steril, erhellend oder akademisch oder hermetisch? Erst im Weiteren kann der Kritiker gern hinzufügen, wie er persönlich das bewertet: als vergnüglich oder ermüdend usw. Desgleichen bei Unterhaltungsliteratur nach Schema&nbsp;F, bei Autofiktion, beim ‚Roman zum Thema der Saison‘ usw. Ich wünsche mir also erst einmal als Haupteinordnungskriterium eine Einschätzung, wie der Text offenbar sein will und wie überzeugend er seine eigenen Ansprüche umsetzt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist natürlich eine interpretierende Einschätzung, schon hier verlassen wir das Gebiet des Rechthabenkönnens.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Maßstäbe der Kritik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zum anderen finde ich die Frage der inneren Haltung des Kritikers wichtig. Wer sich auf das hohe Ross des Richters setzt, muss sich dieses Recht meiner Meinung nach erwerben (und sich dessen auch bewusst bleiben): erstens, indem er seine Maßstäbe offenlegt, zweitens, indem er sich bemüht, argumentativ zu überzeugen, und drittens durch die Demut der Erkenntnis, dass andere Meinungen möglich sind und mit einem Verriss nicht gleich mitverrissen werden dürfen. Oft beschränkt sich ein Verriss ex cathedra auf die Verkündung eines Urteils und verlässt sich dabei mehr auf Prominenz und Polemikgeschick des Kritikers als auf eine transparente Argumentation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn also beispielsweise über Daniel Kehlmanns <em>Tyll</em> zu schreiben wäre, würde ich als erstes etwas darüber erwarten, dass dieser Roman offenkundig literarisch unterhalten will, und dies mit einem geschickt gewählten Stoffmaterial (historisch: Dreißigjähriger Krieg; anekdotisch: der „Winterkönig“ Friedrich&nbsp;V.; mythisch: Till Eulenspiegel). Sowohl den Unterhaltungswillen als auch den literarischen Anspruch könnte man an Komposition und gepflegt-flüssiger Sprache festmachen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie eine Kritikerin den Roman, genauer: die Einlösung seiner erkennbaren Ziele bewertet, wird auch davon abhängen, ob er ihrem Verständnis, ja Bedürfnis nach Literatur entspricht oder darunter liegt – zum Beispiel, weil er sprachlich eher konventionell bleibt oder weil er zwar viele kaum bekannte historische Informationen, aber wenig neue Erkenntnisse über die Welt und die Menschen bietet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es würde mir nicht reichen, wenn sie lediglich sagte: „Das ist nichts weiter als süffige Unterhaltung.“ Ich würde gern erfahren, woran sich dieses Urteil misst (an Thomas Mann? James Joyce? Peter Handke? Paulo Coelho?), und auch, wo im Text sie Belege dafür gefunden hat. Beschreiben – Argumentieren – Belegen – Urteilen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Transparenz erlaubt es dem Leser, die Dinge anders zu sehen: Er könnte etwa ausführen, warum die zitierte Passage genau das leistet, wozu Literatur seiner Meinung nach da ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Eitelkeit einhegen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wünsche mir also Kritiken, denen es vor allem um ihren Gegenstand, den literarischen Text geht (das mag nach einer Selbstverständlichkeit klingen, ist aber keine). Solche Kritiken zeigen, was sich in einem Text an Positivem oder Negativem entdecken und wie er sich, daraus folgend, beurteilen lässt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur dann nehme ich sie wirklich ernst. Und erst dann kann ich das Gewürz der rhetorischen Brillanz und Polemik richtig genießen, als <em>innocent pleasure</em>, im Vergleich zu gekonnter, aber unfairer Häme. So wäre auch das Risiko der Eitelkeit eingehegt, die der Show zuliebe zu Selbstgerechtigkeit und Ungerechtigkeit verführt. „Never mind“?, liebe Sieglinde Geisel – Einspruch!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich sorgen engagierte und fundierte Kritiken nicht nur für die Qualitätssicherung der Literatur, sondern auch des eigenen Genres. Eitle, gönnerhafte, bescheidwisserische, argumentationsfaule Kritiken schaden dem Ruf der Kritik mindestens so sehr wie langweilig nacherzählende, lauwarme, billiglobende Buchkauftipps. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Selbstreinigung, wie Sieglinde Geisels Essay belegt, taugen Verrisse durchaus – allerdings nur, wenn sie so gut gemacht sind, wie sie es auch von ihrem Gegenstand erwarten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis: Montage aus: George Hodan <a href="https://www.publicdomainpictures.net/pictures/40000/velka/the-human-impact-on-nature.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lizenz: CC0 Public Domain</a><br>Internet Archive Book Images:<br>Abbildung aus dem Buch &#8222;Forest and Stream&#8220; (1873)<br>via <a href="https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14782056615/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">flickr</a> (gemeinfrei)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Der Verriss – eine Selbstreinigungsmaßnahme der Literaturkritik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Jul 2020 15:14:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Verriss]]></category>
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					<description><![CDATA[Darf man Bücher verreißen? Welche Bücher haben einen Verriss verdient? Und warum wäre die Literaturkritik ohne Verrisse tot? Plädoyer für ein missverstandenes Genre.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[


<p class="wp-block-paragraph">Dieser Essay ist die Grundlage eines Online-Vortrags auf Zoom, den Sieglinde Geisel für das <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.einsteinforum.de/veranstaltungen/ein-verriss-ist-immer-ein-beziehungsdelikt-oder-was-darf-literaturkritik/" target="_blank">Einsteinforum</a> gehalten hat. Im Gespräch stellt Rüdiger Zill Sieglinde Geisel kritische Fragen zu ihren Thesen.</p>



<a href="https://tell-review.de/der-verriss-eine-selbstreinigungsmassnahme-der-literaturkritik/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2Ff2IyjGil1ZM%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br />



<p class="wp-block-paragraph"><br>Eine Woche danach gab es zu dem Vortrag ein Online-Seminar mit Zuschauer-Fragen: </p>


<figure class="wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio"><a href="https://tell-review.de/der-verriss-eine-selbstreinigungsmassnahme-der-literaturkritik/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2F2PNRhYDNTJA%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /><figcaption></figcaption></figure>




<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Der Verriss hat einen schlechten Ruf – &nbsp;aus besseren Gründen und aus schlechteren. Zu den besseren Gründen gehört die Menschlichkeit. „Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Kann man es freundlich sagen?“ Diese drei Fragen soll man sich stellen, bevor man Kritik übt, so empfiehlt es der Buddhismus. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Fehlgelenkte Aufmerksamkeit </h3>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur gegen dieses Prinzip verstößt der Verriss, er verstößt auch gegen die guten Sitten unserer eigenen Kultur. Denn wenn ich einen Autor verreiße, sage ich ihm <em>coram publico</em>, dass sein Werk nichts taugt. Wenn überhaupt, dann sagt man so etwas unter vier Augen, ermahnt mich ein befreundeter Lektor, und ich muss ihm recht geben. Wenn Kritik konstruktiv sein soll, muss sie im Wohlwollen geäußert werden, und auch dagegen lässt sich nichts sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der zweite gute Grund dafür, keine Bücher zu verreißen, ist die fehlgelenkte Aufmerksamkeit. Ein Verriss erregt Aufsehen. Das führt dazu, dass die geballte öffentliche Aufmerksamkeit Büchern zukommt, die es <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/stella-eine-erbauliche-geschichte/" target="_blank">nicht verdient </a>haben. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das einzig sinnvolle Vorgehen besteht für einen Kritiker darin, zu schweigen über Werke, die er für schlecht hält und sich leidenschaftlich für jene Werke einzusetzen, die er für gut hält, insbesondere wenn sie vernachlässigt oder vom Publikum unterschätzt werden.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So W. H. Auden in seinem Essay „Reading“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Literaturkritik der Empfehlungen?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Blogosphäre gehört diese Einstellung zum guten Ton: &#8222;Literaturblogger wollen gar keine Kritiker sein&#8220;, so die Bloggerin Caterina Kirsten 2015 in einem vielbeachteten <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.boersenblatt.net/archiv/961989.html" target="_blank">Kommentar</a>. Die Laien-Kritiker lesen aus Begeisterung: Es geht nicht um Kritik, sondern um einen subjektiven Austausch über Bücher. Einander auf gute Bücher aufmerksam zu machen, sei sinnvoller, als sich über schlechte Bücher aufzuregen, so ein breiter Konsens. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Welt wäre, wie sie sein sollte, bestünde die Literaturkritik nur aus Empfehlungen. Doch wer würde in dieser besseren Welt leben wollen? Und wer würde sich dann überhaupt noch für Literaturkritik interessieren? Genau. Es gibt für das literarische Leben etwas, was noch schlimmer ist, als Verrisse. Nämlich keine Verrisse. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sehe drei gute Gründe für den Verriss.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erstens: Es gibt mehr schlechte Bücher als gute</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ninety percent of anything is crap.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So lautet die gängige Version von <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.oed.com/view/Entry/246938" target="_blank">Sturgeon’s Law</a>. Der Science-Fiction Autor Theodore Sturgeon hatte dieses Gesetz propagiert, um sein eigenes Genre gegen Verrisse zu verteidigen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Original lautet das Zitat so: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ninety percent of [science fiction] is crud, but then, ninety percent of <em>everything</em> is crud.</p></blockquote>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Gegen das Mittelmaß</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Klage über schlechte Literatur ist nichts Neues. Schon Gotthold Ephraim Lessing forderte von der Kritik </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>die billige [d.&nbsp;h. angemessene] Verachtung und Wegräumung des Mittelmäßigen oder des Elenden.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur Kritiker beklagen das Mittelmäßige oder Elende in der zeitgenössischen Literatur. Theodor Fontane regte sich über Kollegen auf, die sich über Verrisse aufregen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es ist furchtbar billig und bequem, immer von den Anstandsverpflichtungen der Kritik zu sprechen, zum Himmelwetter, erfüllt selber erst durch eure Leistungen diese Verpflichtungen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Kritik, die den Namen verdient, folgt daher der Aufforderung von Virginia Woolf (in ihrem Essay „Wie man ein Buch lesen sollte“):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Vergleichen wir jedes Buch mit den größten seiner Art.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ein paar Sätze weiter heißt es, in bester Wolf-im-Schafspelz-Rhetorik:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Selbst der neuste und geringste Roman hat das Recht, an den besten gemessen zu werden.</p></blockquote>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Gegen den Hype</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Einerseits stimme ich Virginia Woolf zu, wenn sie gleiches Recht für alle Bücher fordert. Andererseits gilt für den Verriss, was für jeden Angriff gilt: Man soll sich einen würdigen Gegner suchen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">W. H. Auden: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>to be worth attacking a book must be worth reading.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So gehört es sich zum Beispiel nicht, Debüts zu verreißen. Es sei denn, ein neustes und geringstes Buch werde gehypt. Doch in einem solchen Fall wird nicht die Autorin verrissen, sondern die Kritikerinnen, die sich an ihrem selbst erzeugten Hype besaufen. Wer allerdings das neuste <em>cool kid on the block</em> verreißt, macht sich unbeliebt bei den Kollegen: Unversehens ist man ein <em>party pooper</em>. Wenn es sich bei den Kollegen um Redakteurinnen handelt, auf deren Aufträge man als freischaffender Kritiker angewiesen ist, kann das durchaus Folgen haben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Was erklärt, warum auch bei den dümmsten Hypes niemand die Notbremse zieht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zweitens: Kritiker müssen Farbe bekennen, wenn sie einen Verriss schreiben</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einer wohlwollenden Kritik bin ich als Rezensentin immer auf der sicheren Seite, „your old faithful: the eternally favorable review“, so nannte es die amerikanische Kritikerin <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/das-drama-der-meinungen/" target="_blank">Elizabeth Hardwick</a> in ihrem Essay „On the Decline of Book Reviewing&#8220; von 1956. Wenn mir zu einem ordentlich geschriebenen Roman nichts einfällt, erzähle ich die Handlung nach, füge ein paar Hintergrundinfos zum Autor hinzu und stemple meine <em>favorable review </em>mit dem bewährten Ausruf „Ein Meisterwerk!“, und alles ist gut.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Begreifen, was uns langweilt</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Wer dagegen ein Werk verreißt, ist Rechenschaft schuldig. Emil Staigers Maxime: „Begreifen, was uns ergreift“ gilt erst recht dann, wenn uns ein Buch nicht ergreift, wenn es uns langweilt, ärgert, auf die Nerven geht und was der Sünden gegen die legitimen Bedürfnisse der Leser mehr sind. Mit einem schlichten: „Mir hat’s nicht gefallen“ kommt man nicht durch, jedenfalls nicht jenseits von Amazon-Reviews und Blogs.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das heißt: Wenn ich ein Werk verreiße, muss ich meine Kriterien überprüfen. Das setzt voraus, dass ich sie mir erst einmal bewusst mache. Deshalb gehört der Verriss zum Kerngeschäft der Literaturkritik: Er ist sozusagen eine Selbstreinigungsmaßnahme. Ohne gelegentliche Verrisse wird die Kritik schlampig, ihre Werkzeuge stumpf, ihr Blick verschwommen. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was die Schärfe angeht, bin ich der Meinung, daß in der geistigen Welt durch Schwammigkeit mehr Unheil entstand als durch Härte.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Gottfried Benn. </p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Flöhe und Elefanten</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Angesichts der Mittelmäßigkeit der Gegenwartsliteratur seien Kritiker dazu gezwungen, ihre Maßstäbe preiszugeben, sagt George Orwell in seinem Essay „In Defence of the Novel“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>An das Gros der Romane einen vernünftigen Standard anzulegen, ist, als wollte man einen Floh mit einer Waage für Elefanten wiegen. Eine solche Waage würde Flöhe gar nicht anzeigen. Man müsste stattdessen eine neue Waage konstruieren, die den Unterschied zwischen großen und kleinen Flöhen misst.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und genau diese Unterscheidung ist die Achillesferse der Kritik. Verrisse haben nur Sinn in der Elefantenkategorie, doch dazu muss man Elefanten und Flöhe auseinanderhalten können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Drittens: Wir lesen gern Verrisse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In <em>Der doppelte Boden</em>, seinem Gespräch mit Peter von Matt, spricht Marcel Reich-Ranicki von der Freude der Leser am Verriss. Dies sei nicht seine Schuld, so MRR, sondern es liege an der Schlechtigkeit der Menschen: Wir sind nun einmal schadenfreudige Wesen, die sich am Leid der anderen ergötzen. </p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Gegen die Scheinlebendigen</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Literaturgeschichte beginnt mit Mord und Totschlag, mit Krieg, Verrat und Heldentum. Mit der Kritik verhält es sich ebenso: Sie lebt vom Konflikt, und auch hier geht es zumindest metaphorisch um Mord und Totschlag.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Kritik ist die Kunst, die Scheinlebendigen in der Literatur zu töten.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Schlegel. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Walter Benjamin: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nur wer vernichten kann, kann kritisieren.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In seinen „Techniken des Kritikers in 13 Thesen“ hat er die grausigste Metapher für den Verriss geprägt: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Echte Polemik nimmt sich ein Buch so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.</p></blockquote>



<h4 class="wp-block-heading">Die Kritikerin als Star</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Dass wir Verrisse gern lesen, liegt allerdings nicht nur an unserer Schadenfreude, sondern auch daran, dass sie oft brillant geschrieben sind. Man spürt die Lust, mit der sich der eine Schreiber über den anderen hermacht, und dass es sich dabei um eine geächtete Lust handelt, steigert nur den Reiz. </p>



<p class="wp-block-paragraph">W. H. Auden fand, Verrisse seien schlecht für den Charatker: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>One cannot review a bad book without showing off.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Kritikerin ein Buch verreißt, hat sie die Bühne für sich, sie ist der Star. Sie genießt ihren Auftritt – und die Leser mit ihr. Vielleicht ist sie ungerecht mit ihrem galoppierenden Verriss und erliegt der Versuchung, die lobenswerten Seiten des zerzausten Werks der Show zu opfern? Never mind.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>Gegen „die Schreiber falscher Bücher“</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Doch haben die <em>ninety percent crap</em> überhaupt etwas Besseres verdient?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sind es nicht Verbrecher, die Bücher, die uns Zeit und Mitgefühl gestohlen haben;<a> </a>sind sie nicht die heimtückischsten Feinde der Gesellschaft, Verderber, Schänder, die Schreiber falscher Bücher, schwindelhafter Bücher, Bücher, die die Luft mit Krankheit und Verwesung erfüllen?</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Sagt die Wölfin Virginia Woolf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre die Literaturkritik, wie sie sein sollte, meint Arthur Schopenhauer,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>so würde jedem schlechten Schriftsteller, jedem geistlosen Kompilator, jedem Abschreiber aus fremden Büchern, jedem hohlen, unfähigen, anstellungshungrigen Philosophaster, jedem verblasenen, ekeln Poetaster, die Aussicht auf den Pranger, an welchem sein Machwerk nun bald und unfehlbar zu stehn hätte, die juckenden Schreibefinger lahmen, zum wahren Heil der Litteratur, als in welcher das Schlechte nicht etwan bloß unnütz, sondern positiv verderblich ist. </p><p></p></blockquote>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>„Unverschämte Eindringlinge“</strong></h4>



<p class="wp-block-paragraph">Schopenhauer ist der Erfinder des <em>rant</em>, ein Meister des Verreißens von Elefanten wie Hegel, Schelling &amp; Co. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Angesichts der Tatsache, dass schlechte Literatur Lebenszeit vernichtet, gebe ich ihm Recht, wenn er sagt:  </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es ist durchaus falsch, die Toleranz, welche man gegen stumpfe, hirnlose Menschen, in der Gesellschaft, die überall von ihnen wimmelt, nothwendig haben muß, auch auf die Litteratur übertragen zu wollen. Denn hier sind sie unverschämte Eindringlinge, und hier das Schlechte herabzusetzen ist Pflicht gegen das Gute: denn wem nichts für schlecht gilt, dem gilt auch nichts für gut.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nur wer verreißen kann, kann auch loben. Deshalb schadet der Verzicht auf den Verriss ausgerechnet jenen zehn Prozent der Bücher, die kein <em>crap </em>sind. Die empörte, pointierte, entschiedene Kritik tut das, worin der Wortbedeutung nach die Aufgabe der Kritik besteht: Sie unterscheidet zwischen dem, was die Lektüre lohnt und dem, was Lebenszeit vernichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Literaturkritik sich den Verriss verbietet, arbeitet sie an der Abschaffung ihrer selbst.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild von George Hodan <a href="https://www.publicdomainpictures.net/pictures/40000/velka/the-human-impact-on-nature.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lizenz: CC0 Public Domain</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



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