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	<title>Tiefe &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Tiefe &#8211; tell</title>
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		<title>Die Tiefen des Geisterreichs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tomas Bächli]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Apr 2017 08:56:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Mozart]]></category>
		<category><![CDATA[Tiefe]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Musik weist die Erfahrung von Tiefe nicht nur nach unten. Das Innere der Komposition ist ein Echoraum, in dem sich unser Empfinden in alle Richtungen hin ausdehnt, selbst bei einer Gelegenheitskomposition wie Mozarts Kanon "Bona Nox".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Dieser Essay ist eine Reaktion auf den Satz-für-Satz-Beitrag zum Thema <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/" target="_blank">Tiefe </a>von <a href="http://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank">Sieglinde Geisel</a>.</div></div>
<p><span class="dropcap">W</span>as in die Höhe ragt wie eine Bergspitze, ist von weitem zu sehen. Es erregt unsere Aufmerksamkeit – doch können wir auch wegsehen. Der Tiefe dagegen können wir uns nicht entziehen. Oft erkennen wir nicht genau, was sich dort unten abspielt, denn die Spiegelung des Wassers hindert uns daran zu sehen, was sich unter der Oberfläche verbirgt. Und doch zieht uns eine magische Kraft dorthin. Wir sind ihr ausgesetzt wie der Erdanziehung.</p>
<p>Die deutsche Sprache sucht die Erkenntnis in der Tiefe. Das Wort <em>Grund</em> bezeichnet sowohl das französische <em>fond</em> (Boden) als auch <em>raison</em> (Erklärung). In der Begegnung mit einem Kunstwerk erlebt man die physische Bedeutung dieses Worts. Gedichte und Sinfonien durchdringen Körper und Geist von unten nach oben, wie die Vibrationen in einem Rockkonzert.</p>
<h3>Echoraum in der Musik</h3>
<p>So aufregend die Erfahrung der Tiefe sein kann – als Musiker sehe ich auch andere Möglichkeiten, einem Kunstwerk zu begegnen. Denn ein Kunstwerk wirkt nicht nur von unten nach oben, es kann sich in alle Dimensionen ausdehnen und auch wieder zusammenziehen. Die Richtung kann dabei wechseln: Beim Anhören von Musik erfahren wir immer wieder, dass die klangliche Oberfläche nicht in Konkurrenz steht zum Echoraum im Innern der Komposition. Im Gegenteil. Sie bedingen sich wechselseitig.</p>
<p>Die Fixierung auf die Tiefe in der Kunst kann zu ästhetischen Fehlschlüssen führen. Mozart hat sich kaum je zu seiner Musik geäußert. Gerade deshalb hat es seinen Reiz, in seinem Werk nach einer verborgenen Tiefe zu suchen.</p>
<blockquote><p>In die Tiefen des Geisterreichs führt uns Mozart. Furcht umfängt uns, aber ohne Marter ist sie mehr Ahnung des Unendlichen.</p></blockquote>
<p>So beschreibt es E.T.A. Hoffmann.</p>
<p>Wir müssen aufpassen, dass wir dabei nicht in Klischees verfallen. Mozart komponiert nur selten in Moll, doch wenn er es tut, wird das sofort als tiefgründig empfunden. Die <em>g-moll Sinfonie</em> gilt infolgedessen als der wahre, tiefe Mozart, <em>Die kleine Nachtmusik</em> dagegen gehört dann lediglich zur gehobenen, im Prinzip jedoch seichten Unterhaltungsmusik. Hanns Eisler bemängelt, dass man bei solchen Werken „das Geklapper des Teegeschirrs“ höre. Diese Wertung jedoch verkennt Mozarts Genie, das in beiden Kompositionen zum Ausdruck kommt.</p>
<h3>Polyphonie der Wahrnehmung</h3>
<p>Ist bei einem Kunstwerk von Tiefe die Rede, denke ich an einen Sog, der mich in eine bestimmte Richtung zieht. Bei Mozarts Musik dagegen erlebe ich eine Wirkung, die mir Räume eröffnet. Die Polyphonie der Wahrnehmung erlaubt es uns, Mozarts Werke in verschiedenen Schichten zu hören. Es ist wie bei einer Landschaft, in der sich die Differenz von Vorder- und Hintergrund durch die Schattierung der Farbe ausdrückt. Bei Mozart gilt das gleichermaßen für seine gewichtigen wie für seine leichten Werke.</p>
<p>In seinem berühmten Gute-Nacht-Kanon <em>Bona Nox</em> können wir miterleben, wie diese Wirkung entsteht.</p>
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<p>Eine Stimme wird auf die andere getürmt, wie es in einem Zirkelkanon üblich ist. Was beim Motiv „Bona Nox“ oder „liebe Lotte“ noch eine fragmentarische Geste ist, verdichtet sich durch die Überlagerung der Stimmen zu einem konstanten Puls. Bei der Zeile „schlaf fei gsund – und reck‘ den Arsch zum Mund“ steigt die Melodie hinunter, „Mund“ ist noch einen Ton tiefer als „Arsch“. Nun entstehen vollständige Dreiklänge. Die Harmonien schwingen in einer regelmäßigen Bewegung, ohne dass die Feinheiten der Einzelstimmen übertönt werden. Es sind sanfte harmonische Wechsel, denn die Akkorde, die aufeinander folgen, haben jeweils eine oder zwei gemeinsame Tonhöhen.</p>
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<p>Bewegung und Ruhe sind kein Widerspruch.</p>
<p>Eine kleine Imitation innerhalb der Melodie, die dann von den anderen Stimmen im Kanon imitiert wird, sorgt für Aufmerksamkeit: die ersten drei Töne von der „Bona-notte“ -Zeile werden bei „Good Night“ wiederholt.<br />
<a href="https://tell-review.de/die-tiefen-des-geisterreichs/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2F6-_NcHw8RWc%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
<p>Ein winziges Detail, das aber neue musikalische Beziehungen schafft, die sich ausbreiten wie ein Tropfen Milch, den man einer Tasse Tee zufügt. Das Gefühl von Weite, das ich dabei empfinde, ist meinem Gefühl von Glück verwandt.</p>
<p>Wenn die letzte Stimme eingesetzt hat, ist die Komposition zu Ende und der Kanon dreht sich im Kreis. Es könnte immer so weitergehen.</p>
<blockquote><p>Wenn jemand schläfrig ist, soll er schlafen.</p></blockquote>
<p>So formuliert es John Cage zwei Jahrhunderte später in <em>Vortrag über Nichts</em>.</p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Lila Schwindel, von Nadja Varga, via <a href="https://www.flickr.com/photos/74339172@N04/6751570521/in/photostream/" target="_blank">Flickr</a><br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank">CC BY-SA 2.0</a></h6>
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		<title>Satz für Satz 9: Tiefe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Feb 2017 09:38:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Satz für Satz]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Tiefe]]></category>
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					<description><![CDATA[Wir haben kein Problem damit, ein Buch als seicht zu bezeichnen, doch mit dem Kriterium der Tiefe tun sich viele schwer. Denn Tiefe rührt an Dinge, die uns unheimlich sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">T</span>iefe entsteht in der Literatur durch die Formulierung. Tiefe Sätze sind Sätze mit Hallraum. Jeder versteht sie, und doch kommt man mit ihnen nicht an ein Ende. Sie drücken etwas Komplexes in elementarer Klarheit aus. Um mit <a href="http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/stil.htm" target="_blank" rel="noopener">Schopenhauer</a> zu reden: Sie sagen ungewöhnliche Dinge mit gewöhnlichen Worten.</p>
<p>Die Bibel ist voll von solchen Sätzen.</p>
<blockquote><p>Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.</p>
<p>Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht.</p>
<p>Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.</p></blockquote>
<p>Wenn von Tiefe die Rede ist, benutzen wir meistens Metaphern des Wassers. „Tiefgang“ ist ein Wort aus der Schifffahrtssprache, es bezeichnet den Abstand zwischen dem Kiel eines Schiffs und der Wasseroberfläche. Der Kulturphilosoph George Steiner beschreibt in seiner poetologischen Autobiografie <a href="https://www.amazon.de/Errata-Bilanz-Lebens-George-Steiner/dp/3423308559/ref=tmm_pap_swatch_0?_encoding=UTF8&amp;qid=1487414368&amp;sr=8-1" target="_blank" rel="noopener"><em>Errata</em> </a>die Tiefe mit einem anderen Bild.</p>
<blockquote><p>Es ist, als ziehe das Gedicht, das Gemälde, die Sonate rings um sich einen letzten Kreis, einen Raum für unverletzte Autonomie. Ich definiere den Klassiker als das, um welches herum dieser Raum beständig fruchtbar ist.</p></blockquote>
<p>Diese produktive Zone erlaubt es den Lesern, sich das Werk bei jeder Lektüre erneut zu eigen zu machen. Zu den phönixhaften Werken, die sich im Bewusstsein ihrer Leser ständig selbst erneuern, gehören die Texte von Franz Kafka. Seine Erzählung <em>Die Verwandlung</em> ist im Deutschunterricht so beliebt, weil man an ihr das Handwerk der Interpretation so schön üben kann. Doch auch wenn man die ganze Klaviatur daran abarbeitet – psychologisch, soziologisch, semiotisch, allegorisch –, nie sieht man bis auf den Grund dieser Geschichte. Sie erzählt jeder Leser-Generation aufs Neue, was geschieht, wenn einem Menschen das Menschsein abgesprochen wird.</p>
<h4><strong>Die Wiederverzauberung der Welt</strong></h4>
<blockquote><p>Künstler geben uns Bilder, die uns helfen zu leben.</p></blockquote>
<p id="mythos">So umschreibt der Mythologe <a href="https://www.amazon.de/JOSEPH-CAMPBELL-COMPANION-REFLECTIONS-Paperback/dp/B0059EEMUQ/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1487415307&amp;sr=1-1&amp;keywords=Joseph+Campbell+Companion" target="_blank" rel="noopener">Joseph Campbell</a> das Phänomen der Tiefe. Früher, so Campbell, hätten die Mythen und Religionen diese Bilder geschaffen. Die Kunst wäre demnach die Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln. Die Tiefe in der Literatur liegt jenseits der psychologischen oder soziologischen Analyse, ebenso jedoch jenseits der reinen Spielerei des l’art pour l’art. Es geht um die Wiederverzauberung der Welt – und um die Wiedergewinnung der Transzendenz.</p>
<p>Die östliche Spiritualität unterscheidet zwischen Ego und Selbst. Das Ego ist ständig in Gefahr, sich vom Selbst zu entfremden, denn es lässt sich von flüchtigen Emotionen hinreißen und durch Irrtümer blenden. Das Selbst dagegen ist unvergänglich, und es birgt, was alle Menschen gemeinsam haben: das Wissen um die Sterblichkeit, den Wunsch nach Sinn, die Fähigkeit zur Liebe. Literatur, so könnte man demgemäß sagen, gewinnt Tiefe, wenn sie nicht auf der Ebene des Ego verharrt, sondern die Konflikte zwischen Ego und Selbst darstellt und dabei die menschliche Existenz auslotet, bis in ihre Abgründe und ihre Ekstasen. Wo dies gelingt, erkennen sich die Leser in einem Werk wieder, auch Jahrhunderte später.</p>
<p>Literatur beginnt oft, wo die Absicht aufhört. „Hast du gemerkt, dass es schon im ersten Kapitel einen Namenswechsel gibt?“, sagte <a href="http://tell-review.de/ich-habe-einfach-auf-meinen-rhythmus-gehoert/" target="_blank" rel="noopener">Katja Petrowskaja</a> in einer unserer <a href="http://www.sieglindegeisel.ch/auftragsarbeiten/lektorat/" target="_blank" rel="noopener">Lektoratssitzungen</a> zu <em><a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518465961/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Vielleicht Esther</a></em>. In der Familie, von der das Buch handelt, sind die Namenswechsel ein historisches Leitmotiv: Aus Heller/Geller wurde Krzewin, aus Semjon Stern Semjon Petrowskij, aus Iwan Petrowskij dann, zwei Generationen später, Yohanan Petrovsky-Shtern. „I’m a Jew from Teheran, sagte der alte Mann, als wir noch am Bahnsteig standen, Samuel ist mein neuer Name“, so heißt es im ersten Kapitel. Dieser Namenswechsel war nicht geplant, er war der Autorin beim Schreiben nicht einmal bewusst. Er ist ein Geschenk des Texts an die Autorin.</p>
<h4><strong>Kontrollverlust</strong></h4>
<p>Ein Text, der Tiefe entwickelt, lässt sich nie bis ins Letzte fassen, das gilt nicht nur für die Lektüre, sondern bereits für den Prozess des Schreibens.</p>
<blockquote><p>Ich glaube, dass das Unbewusste weitaus komplexere Strukturen hervorbringen kann als der Verstand.</p></blockquote>
<p>So die Komponistin Charlotte Seither. Weiß ein Autor zu genau, was er tut, kappt er die Verbindung zum Unbewussten und kann nur etwas Endliches zustande bringen, wenn auch vielleicht mit höchstem technischen Können. Denn wenn alles aufgeht, ist die Lektüre erschöpfend, egal wie raffiniert und komplex das Konstrukt.</p>
<blockquote><p>Der Text ist klüger als sein Autor.</p></blockquote>
<p>Dieser Satz von Heiner Müller gilt nur für Texte, die das Bewusstsein ihres Autors transzendieren.</p>
<blockquote><p>Der Text schreibt sich selbst.<br />
Der Stoff hat mich gefunden.<br />
Die Figuren entwickeln  ein Eigenleben.</p></blockquote>
<p>So beschreiben Autoren den geheimnisvollen Vorgang des Kontrollverlusts in der Kreativität. Die Erfahrung ist so allgegenwärtig, dass die Aussagen zum Klischee geronnen sind. Franz Kafka beschreibt das Spiel dieser Energien in seinem Tagebuch mit einem ungewöhnlichen Bild:</p>
<blockquote><p>Ich habe über Dickens gelesen. Ist es so schwer und kann es ein Außenstehender begreifen, daß man eine Geschichte von ihrem Anfang in sich erlebt, vom fernen Punkt bis zu der heranfahrenden Lokomotive aus Stahl, Kohle und Dampf, sie aber auch jetzt noch nicht verläßt, sondern von ihr gejagt sein will und Zeit dazu hat, also von ihr gejagt wird und aus eigenem Schwung von ihr läuft, wohin sie nur stößt und wohin man sie lockt.</p>
<h6 style="text-align: right;">20. August 1911</h6>
</blockquote>
<p>Tiefe entsteht durch die Art und Weise, wie etwas erzählt wird. Denn die Suche nach dem richtigen Wort, nach der <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/" target="_blank" rel="noopener">Genauigkeit</a> führt in die Tiefe des eigenen Bewusstseins – und oft auch in die Tiefe der Sprache selbst, denn „die Wurzel der Worte reicht in das Herz der Dinge“ (George Steiner).</p>
<p>Das Schreiben sei für ihn „ein Schöpfen aus Gefäßen“, sagt <a href="http://www.thomasharlan.com/" target="_blank" rel="noopener">Thomas Harlan</a> in einem <a href="https://www.thomasharlan.com/wp-content/uploads/2015/03/Interview-Thomas-Harlan-Sinn-und-Form.pdf" target="_blank" rel="noopener">Interview</a>.</p>
<blockquote><p>Ich greife dem einzelnen Satz nicht voraus, ich muss den Worten nicht hinterherlaufen. Es ist ein Strudel, und ich bohre mich rein. An den Wörtern, die dann auf dem Papier stehen, kann nichts Zufälliges sein. Wenn ich merke, daß ich noch nicht ins Genaue hineinstoße, bewege ich mich wie eine Libelle. Ich zittere über dem Satz, bis ich hineinstoße. Ich finde das richtige Wort durch Libellenzittern, schnelle Bewegungen über der Fundstelle. Irgendwann ist es da, und es gibt nur dieses eine Wort.</p></blockquote>
<p>In seinem letzten Lebensjahr habe ich mit Thomas Harlan an Korrekturen zu seinem Roman <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3499256894/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Heldenfriedhof</em></a> gearbeitet. Dass zynische Täterbegriffe wie „Euthanasie“ und „Endlösung“ nicht im Buch vorkommen durften, verstand sich von selbst. In der Erstausgabe von <em>Heldenfriedhof</em> hatte Thomas Harlan diese Worte in einer wichtigen Passage weggelassen, dadurch waren Leerstellen entstanden, die den Text unzugänglich machten. Wir überlegten: Gibt es ein Wort für Euthanasie, das in der Zeit des Geschehens möglich gewesen wäre und das Verbrechen nicht verharmlost? Der Mord an den geistig Behinderten? An den psychisch Kranken? Zu eng. Zu ungenau. „Es gibt das richtige Wort, ich muss es nur finden.“ Auf einmal war es da, entstanden in einem komplexen Wechselspiel zwischen bewusstem und unbewusstem Denken. &#8222;Der Mord an den Unheilbaren.&#8220; Unheilbar sind wir alle, am Ende unseres Lebens, und das war es wohl, was die NS-Verbrecher fürchteten. In der Gestalt der sichtbar Kranken sahen sie ihre eigene Sterblichkeit gespiegelt. Auf einmal sind wir alle im Spiel, dank des einen richtigen Worts.</p>
<h4><strong>Vermintes Gelände</strong></h4>
<p>Tiefe wird uns vor allem dann bewusst, wenn wir sie vermissen. Dann sprechen wir von einem seichten Buch. In einem seichten Gewässer sieht man bis auf den Grund, da gibt es kein Geheimnis, und genau deshalb hat <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-trivialliteratur-ii/" target="_blank" rel="noopener">Trivialliteratur</a> keine Tiefe: weil sie alles benennt. In ein Buch eintauchen kann man nur dann, wenn es nicht seicht ist, und dass ein Werk Tiefe hat, erweist sich wiederum daran, dass man es nicht erschöpfend lesen kann. Mit solchen Büchern wird man nie fertig. Sie arbeiten in uns weiter, ohne dass uns dies bewusst ist.</p>
<p>So leicht uns die Feststellung fällt, dass ein Werk seicht sei, so schwer tun wir uns mit der Tiefe. Mit diesem Kriterium verlassen wir den sicheren Boden des Rationalen und begeben uns auf vermintes Gelände. Die Tiefe steht unter Verdacht von Kitsch und Pathos, es droht das „Raunen“, ein denunziatorischer Begriff in der Literaturkritik – und ein Abwehrreflex. Weil die westliche Moderne den Kontakt zur Spiritualität verloren hat, ist uns alles Spirituelle unheimlich. Tiefe Wasser sind unergründlich. Ein Werk, das Tiefe hat, will etwas von uns. Es versetzt seine Leser in einen anderen Zustand, das ist nicht immer angenehm, es kann uns verstören. Tiefe ist in der Literaturkritik auch deshalb unbeliebt, weil sie sich nicht „beweisen“ lässt. Im Gegensatz zu seichten Werken spricht Tiefe zu jedem Menschen anders – und beim Wiederlesen jedes Mal neu.</p>
<blockquote><p>Türen öffnen sich, wo zuvor keine waren, und sie öffnen sich für niemand anders.</p></blockquote>
<p>Joseph Campbell spricht in diesem Satz vom selbstbestimmten Leben, doch sein Bild gilt auch für das Lesen.</p>
<p>Die Sprache spiegelt unsere Schwierigkeiten mit dem Begriff der Tiefe: Die einschlägigen Wörter sind nicht mehr heil. „Tiefgang“, „Tiefsinn“, „tiefgründig“ – das kann man fast nur noch ironisch verwenden. Tiefe wird mit Gewichtigem assoziiert, mit Gedankenschwere oder gar einer Tragik, der wir nicht über den Weg trauen.</p>
<p>Dem muss nicht so sein.</p>
<blockquote><p><strong>Das Fräulein</strong></p>
<p>Das Fräulein stand am Meere<br />
Und seufzte lang und bang,<br />
Es rührte sie so sehre<br />
Der Sonnenuntergang.</p>
<p>Mein Fräulein! sein Sie munter,<br />
Das ist ein altes Stück;<br />
Hier vorne geht sie unter<br />
Und kehrt von hinten zurück.</p></blockquote>
<p>Die Romantik hat sich durch Ironie mit ihren Abgründen arrangiert, und Heinrich Heine war ein Meister der ironischen Tiefe. Nur weil der Sonnenuntergang in dem Fräulein Rührung freisetzt, kann der Dichter sich über sie lustig machen. Sein Scherz ist nicht seicht, denn Heine berührt in dem Gedicht das Geheimnis des Universums: Das Staunen darüber, dass dieses alte Stück jeden Tag aufs Neue gegeben wird, verleiht seinen Versen ihre Poesie und, ja, Tiefe.</p>
<p>Die Romantik hat die Kunst als Gegengift zur Entzauberung der Welt durch die Aufklärung entdeckt. Keiner hat es schöner gesagt als Novalis:</p>
<blockquote><p>Es ist seltsam, dass in einer guten Erzählung allemal etwas Heimliches ist &#8211; etwas Unbegreifliches. Die Geschichte scheint noch uneröffnete Augen in uns zu berühren &#8211; und wir stehn in einer ganz anderen Welt, wenn wir aus ihrem Gebiete zurückkommen.</p></blockquote>
<p>Ein Lesefund aus dem neuem Buch <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3446254625/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur</em></a> von Peter von Matt, dort ist das Zitat &#8222;statt eines Vorworts&#8220; abgedruckt.</p>
<p>Tiefe Texte haben eine spirituelle Dimension. Verlasse ich mit diesem Satz das Territorium der Literaturkritik? Ich spüre einen Tabubruch. Doch Hand aufs Herz: Warum lesen wir überhaupt Bücher und führen tiefgründige Gespräche?</p>
<p>Damit wir mit den letzten Fragen nicht allein bleiben.</p>
<h6 style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;">Beitragsbild:</span><br />
Im Tunnel in der Eigernordwand<br />
Von Nahpets via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A100_Jahre_Jungfraubahn_-_Im_Tunnel_in_der_Eigernordwand%2C_Berner_Oberland.JPG" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia Commons</a><br />
Lizenz:  <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" target="_blank" rel="noopener">CC BY-SA 3.0</a></h6>
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