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	<title>Stil &#8211; tell</title>
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	<title>Stil &#8211; tell</title>
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		<title>Page-99-Test: Jane Austen und ihre Übersetzer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jul 2017 09:34:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzen]]></category>
		<category><![CDATA[Stil]]></category>
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					<description><![CDATA[Worin besteht das Geheimnis von Jane Austens Stil? Die Analyse eines einzigen Satzes der Seite 99 von "Mansfield Park" offenbart, wie raffiniert Jane Austen ihre Sätze baut – und mit welchen Schwierigkeiten sich die Übersetzer konfrontiert sehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">A</span>uf der Seite 99 der Neu-Übersetzung von <em>Mansfield Park</em> von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié befinden wir uns auf einer Landpartie. Fanny sitzt in der Kutsche neben Miss Crawford, mit der sie nichts weiter teilt als die Wertschätzung für Edmund, der offenbar in einer Kutsche hinter ihnen fährt. Für Fanny geht die Fahrt durch unbekanntes Gelände. Sie ist froh darüber, dass die Mitreisenden sie nicht ins Gespräch einbeziehen. Denn:</p>
<blockquote><p>Her own thoughts and reflections were habitually her best companions; and in observing the appearance of the country, the bearings of the roads, the difference of soil, the state of the harvest, the cottages, the cattle, the children, she found entertainment that could only have been heightened by having Edmund to speak to of what she felt.</p></blockquote>
<blockquote><p>Ihre eigenen Gedanken und Überlegungen waren stets ihre besten Gefährten; sie betrachtete die Landschaft, folgte dem Verlauf der Straßen, vermerkte die Unterschiede in der Beschaffenheit des Bodens, den Stand der Ernte, sah die Hütten, das Vieh, die Kinder und fand darin ein Vergnügen, das sich nur dann noch hätte steigern lassen, wenn sie Edmund an ihrer Seite gehabt und mit ihm über ihre Empfindungen hätte sprechen können.</p></blockquote>
<p>Die Landschaft, die Fanny beobachtet, wird sprachlich in zwei Schritten entfaltet. Zuerst haben wir im englischen Original <strong>vier Genitivkonstruktionen:</strong></p>
<ul>
<li>the appearance of the country</li>
<li>the bearings of the roads</li>
<li>the difference of soil</li>
<li>the state of the harvest</li>
</ul>
<p>Dann folgen <strong>drei Substantive</strong>:</p>
<ul>
<li>the cottages</li>
<li>the cattle</li>
<li>the children</li>
</ul>
<p>Alles, was Fanny sieht, hängt an dem Verb &#8222;observing&#8220;, einem Partizip, das weiterführt: &#8222;in observing (&#8230;) she found entertainment&#8220;. Auch mit dem Wort &#8222;entertainment&#8220; sind wir noch nicht am Ende des Gedankens angekommen. Denn es gibt etwas, was Fannys Vergnügen noch hätte steigern können, und das ist Edmund. Er ist in Fannys Geist noch gegenwärtiger als das sinnliche Vergnügen des Betrachtens. Auf ihm liegt denn auch der Schwerpunkt des ganzen Satzes, der erst auf dem &#8222;what she felt&#8220; zum Stehen kommt.</p>
<p>Die Komposition ist vielschichtig angelegt. Zum einen wird die unmittelbare Wahrnehmung der Landschaft durch Tempowechsel belebt. Die Vierer-Reihe wird zur Dreier-Reihe verkürzt, überdies beschleunigt der Wegfall des Genitivs den Satz. Zum anderen bauen die Verben einen übergeordneten Spannungsbogen auf, von &#8222;observing&#8220; bis zu &#8222;felt&#8220;.</p>
<p>Das alles erkennt man beim Lesen kaum, und doch nimmt man es wahr. Jane Austen schleicht sich mit diesen musikalischen Kompositionsprinzipien in unser Unbewusstes. Wir sehen und fühlen, was Fanny sieht und fühlt, zugleich entsteht durch Jane Austens stilistische Pirouetten eine Distanz: Wir sehen, was erzählt wird, und wir genießen die Form.</p>
<p>William H. Gass&#8216; unterscheidet in seinem Essay &#8222;The Nature of Narrative&#8220; zwischen &#8222;story&#8220; und &#8222;fiction&#8220; (in: <a href="https://www.amazon.de/Tests-Time-William-H-Gass/dp/0226284069/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&amp;ie=UTF8&amp;qid=1500280819&amp;sr=1-1&amp;keywords=Gass+Tests+of+Time" target="_blank" rel="noopener"><em>Tests of Time</em></a>):</p>
<blockquote><p>Story is eager to reach its climax, fiction is all foreplay.<br />
(Die Geschichte strebt zum Höhepunkt, die Fiktion widmet sich ganz dem Vorspiel.)</p></blockquote>
<p>Dass man die Gesetzmäßigkeiten dieses scheinbar unscheinbaren Satzes auf der Seite 99 beim gewöhnlichen Lesen nicht erkennt, trägt zu seiner Wirkung bei. &#8222;Stil ist, wenn man&#8217;s nicht merkt&#8220;, sagt Felicitas Hoppe.</p>
<p>Ich bin selbst erst durch den Vergleich von zwei Übersetzungen auf diese Finessen aufmerksam geworden, und zwar ex negativo. Denn sowohl die Neu-Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié als auch die ältere Übersetzung von Christian und Ursula Grawe weichen auf interessante Weise von Jane Austens Komposition ab.</p>
<div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Allié/Kempf-Allié</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Grawe</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Allié/Kempf-Allié"><div class="su-row">
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> Her own thoughts and reflections were habitually her best companions; and in observing the appearance of the country, the bearings of the roads, the difference of soil, the state of the harvest, the cottages, the cattle, the children, she found entertainment that could only have been heightened by having Edmund to speak to of what she felt. </div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> Ihre eigenen Gedanken und Überlegungen waren stets ihre besten Gefährten; sie betrachtete die Landschaft, folgte dem Verlauf der Straßen, vermerkte die Unterschiede in der Beschaffenheit des Bodens, den Stand der Ernte, sah die Hütten, das Vieh, die Kinder und fand darin ein Vergnügen, das sich nur dann noch hätte steigern lassen, wenn sie Edmund an ihrer Seite gehabt und mit ihm über ihre Empfindungen hätte sprechen können.<br />
</div></div>
</div></div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Grawe"><div class="su-row">
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> Her own thoughts and reflections were habitually her best companions; and in observing the appearance of the country, the bearings of the roads, the difference of soil, the state of the harvest, the cottages, the cattle, the children, she found entertainment that could only have been heightened by having Edmund to speak to of what she felt. </div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> Wie immer waren ihre eigenen Gedanken und Überlegungen ihre besten Gefährten, und ihr Vergnügen, das Landschaftsbild, den Verlauf der Straßen, die Verschiedenheit des Bodens, den Stand der Ernte, der Häuser, des Viehs, der Kinder zu beobachten, wäre nur noch dadurch zu steigern gewesen, dass sie Edmund von ihren Empfindungen hätte berichten können.<br />
</div></div>
</div></div></div></div>
<p>Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié verändern die Struktur des zweiten Genitivs:  &#8222;sie betrachtete die Landschaft, folgte dem Verlauf der Straßen, vermerkte <strong>die Unterschiede in der Beschaffenheit</strong> des Bodens, den Stand der Ernte&#8220;. Christian und Ursula Grawe wiederum vermeiden den Wegfall des Genitivs, indem sie den letzten Genitiv <span style="margin: 0px; line-height: 115%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 12pt;"><span style="color: #000000;">–</span></span> sinnwidrig! <span style="margin: 0px; line-height: 115%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 12pt;"><span style="color: #000000;">– </span></span>auf die nächsten drei Begriffe ausweiten: der &#8222;Stand der Ernte&#8220; setzt sich demnach fort in den Stand der Häuser, des Viehs, der Kinder.</p>
<p>Auch mit den Verben verfahren die beiden Übersetzungen anders als das Original. Englische Partizipial-Nebensätze sind in der deutschen Wiedergabe oft ein Problem. Beide Übersetzungsteams haben dafür eine Lösung gefunden, allerdings in ganz unterschiedlicher Weise.</p>
<p>Die Alliés wagen einen fundamentalen Eingriff in die Satzstruktur. Sie machen aus dem Partizip &#8222;observing&#8220; vier finite Verben. Fanny &#8222;betrachtete&#8220;, &#8222;folgte&#8220;, &#8222;vermerkte&#8220;. Und sie &#8222;sah&#8220;: von diesem Verb hängen die drei Substantive der zweiten Reihe ab, womit die Beschleunigung teilweise erhalten bleibt. Doch die Aufteilung von &#8222;observing&#8220; in vier Verben macht den Satz schwerfällig. Was bei Austen in der Luft schwebt, wird bodenständig.</p>
<p>Die Grawes sind zurückhaltender. Sie ersetzen die typisch englische Satzstruktur durch eine im Deutschen natürliche Syntax. Aus &#8222;in observing she found entertainment that could only have been heightened&#8220; wird &#8222;ihr Vergnügen zu beobachten, wäre nur zu steigern gewesen&#8220;.</p>
<p>Auch das Ende des Satzes, in dem sich Fannys ganze Sehnsucht sammelt, wird unterschiedlich wiedergegeben.</p>
<div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Allié/Kempf-Allié</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Grawe</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Allié/Kempf-Allié"><div class="su-row">
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> that could only have been heightened by having Edmund to speak to of what she felt. </div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> das sich nur dann noch hätte steigern lassen, wenn sie Edmund an ihrer Seite gehabt und mit ihm über ihre Empfindungen hätte sprechen können.<br />
</div></div>
</div></div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Grawe"><div class="su-row">
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> that could only have been heightened by having Edmund to speak to of what she felt. </div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"> wäre nur noch dadurch zu steigern gewesen, dass sie Edmund von ihren Empfindungen hätte berichten können.<br />
</div></div>
</div></div></div></div>
<p>Die Alliés fügen ein erklärendes &#8222;an ihrer Seite gehabt&#8220; dazu, dies versetzt Fannys allumfassende Sehnsucht nach Edmunds Gegenwart in die konkrete Situation in der Kutsche.</p>
<p>In der Wortwahl sind sich die beiden Übersetzungen ähnlich:</p>
<ul>
<li>mit ihm über ihre Empfindungen sprechen</li>
<li>ihm von ihren Empfindungen berichten</li>
</ul>
<p>Beide Lösungen verwandeln das Verb &#8222;felt&#8220; in das Substantiv &#8222;Empfindungen&#8220;. Dies nimmt der Formulierung etwas von ihrer Unmittelbarkeit: Über das sprechen, was man fühlt, ist näher am Geschehen als ein Gespräch (oder gar Bericht) über Empfindungen. Die Alliés haben überdies eine bremsende Häufung von Präpositionen im Satz: &#8222;an ihrer (&#8230;) mit ihm (&#8230;) über ihre&#8220;.</p>
<p>Stil ist Ökonomie. So verwundert es nicht, dass der Zauber dieses Satzes nebst der Virtuosität in der <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-2-aufladung/" target="_blank" rel="noopener">Aufladung </a>durch äußerste Schlichtheit besteht:</p>
<blockquote><p>to speak to of what she felt.</p></blockquote>
<p>Die Schlusswendung dieses Satzes wird durch zwei Bögen rhythmisiert: &#8222;to speak to&#8220; und &#8222;of what she felt&#8220;, eine Coda aus lauter einsilbigen Wörtern, wie es nur im Englischen möglich ist. Man verliert beim Lesen keine Energie an Vor- und Endsilben, sondern ist direkt im Stoff.</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Jane Austen<br />
<strong>Mansfield Park</strong><br />
Roman • Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié<br />
S. Fischer Verlag 2017 • 576 Seiten • 22 Euro<br />
ISBN: 978-3103972719<br />
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Neu übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié&lt;br /&gt;
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<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10847" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-jane-austen-und-ihre-uebersetzer/cover-grawe/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Cover-Grawe.jpg?fit=316%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="316,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover Grawe" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Cover-Grawe.jpg?fit=316%2C499&amp;ssl=1" class=" wp-image-10847 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Cover-Grawe-190x300.jpg?resize=158%2C249" alt="" width="158" height="249" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Cover-Grawe.jpg?resize=190%2C300&amp;ssl=1 190w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Cover-Grawe.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Cover-Grawe.jpg?resize=300%2C474&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Cover-Grawe.jpg?w=316&amp;ssl=1 316w" sizes="auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: Sieglinde Geisel</em><br />
<em> Buchcover: <a href="http://www.fischerverlage.de/buch/mansfield_park/9783103972719" target="_blank" rel="noopener">S. Fischer Verlag</a></em></h6>
<hr />
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		<title>Satz für Satz 10: Wahrhaftigkeit</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-10-wahrhaftigkeit/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 May 2017 09:19:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Satz für Satz]]></category>
		<category><![CDATA[Authentizität]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Stil]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrhaftigkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Wort „authentisch“ wird von Literaturkritikern und Lesern gern verwendet, um zu erklären, warum ein Buch sie überzeugt Aber was heißt es eigentlich, authentisch oder wahrhaftig zu schreiben?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>em Kriterium der Wahrhaftigkeit widmet Eduard Engel in <em>Deutsche Stilkunst</em> gleich zu Anfang ein ganzes Kapitel. Eigentlich gebe es nur zwei Hauptstilarten: den „wahrhaftigen“ und den „unwahrhaftigen“ Stil. Engel hängt die Latte denkbar hoch:</p>
<blockquote><p>Jeden Satz, jedes Wort so lauterwahr zu schreiben, als liege man auf dem Sterbebett, das zwingt den guten, den großen Stil herbei.</p></blockquote>
<p>Eduard Engel hat das im Jahr 1911 geschrieben. Heute würde er vielleicht das Wort „authentisch“ benutzen – oder auch gerade nicht. Das Wort hat durch inflationären und unsachgemäßen Gebrauch gelitten. Ein Blick in die <a href="https://www.dwds.de/wb/authentisch" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etymologie</a> zeigt, wie nützlich der Begriff eigentlich ist. Im griechischen „authentikos“ steckt das Wort „authos“ (selbst). „Authentisch“ bedeutet: „zum Urheber in Beziehung stehend“, also „original, zuverlässig“, später auch „echt“.</p>
<p>Ein Autor ist demnach jemand, der oder die <em>selbst</em> schreibt: in eigener Verantwortung und in Übereinstimmung mit sich selbst. Es geht darum, das zu schreiben, was man denkt und fühlt, ja vielleicht sogar das zu schreiben, was man ist. So einfach es klingt, so schwierig erscheint es in der Ausführung. Oft findet man beim Schreiben erst heraus, was man denkt und fühlt, und umgekehrt merkt man, dass ein Gedanke noch nicht reif ist, ein Gefühl noch nicht plastisch, weil man die richtigen Worte dafür nicht findet. Denn man kann zwar Dinge denken, fühlen und ahnen, die man nicht sagen kann – doch sagen kann man nur, was man denken kann. In der schönen Literatur gibt es Texte, die sich an die Grenzen des Denk- und Sagbaren heranwagen, insbesondere in der Lyrik. Die Sprache ist dann ein Forschungsinstrument: Wer sich der Sprache anvertraue, gerate bisweilen an Orte, wo zuvor noch niemand war, so formuliert es Joseph Brodsky in seiner Nobelpreisrede.</p>
<h3>Arbeit an sich selbst</h3>
<p>Wie entsteht Wahrheit im Schreiben? In ihrem Essay „Wie man ein Buch lesen sollte“ fordert Virginia Woolf die Leser auf, sich die Schwierigkeiten des Schreibens bewusst zu machen:</p>
<blockquote><p>Besinnen Sie sich also auf irgendein Ereignis, das einen deutlichen Eindruck in Ihrem Gedächtnis hinterlassen hat – wie an der Straßenecke vielleicht zwei Menschen im Gespräch standen, als Sie vorübergingen. Ein Baum bebte; ein elektrisches Licht tanzte; der Ton des Gesprächs war komisch, aber auch tragisch; eine ganze Vision, eine in sich vollkommene Konzeption schien in jenem Augenblick enthalten.</p>
<p>Doch wenn Sie versuchen, das innere Bild in Worten zu rekonstruieren, werden Sie finden, daß es in tausend widerstreitende Impressionen zerfällt. Manche müssen gedämpft, andere betont werden; währenddessen wird wahrscheinlich die Grundempfindung Ihrem Zugriff entgleiten.</p></blockquote>
<p>Wenn schon die Wiedergabe einer Alltagsszene mit Worten so komplex ist – um wie viel schwieriger erscheint dann die Übersetzung innerer Zustände in Sprache. Wahrhaftiges Schreiben bedingt die Erforschung der eigenen Wahrnehmung. Die Suche nach dem richtigen Wort ist daher nicht nur Arbeit am Text, sondern auch Arbeit an sich selbst: Zur <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/">Genauigkeit</a> gelangt nur, wer sich in seine <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/">Tiefe</a> vorwagt, wer also die (eigenen und fremden) Erwartungen, alle Absichten beiseite schiebt und sich ins Unbewusste begibt – wer „das unter dem Herzen Eingeweckte“ (Thomas Harlan) birgt und damit die „ungeheuren Emotionen&#8220; freisetzt, &#8222;die in Kunstwerken gebunden sind“ (Ossip Mandelstam).</p>
<h3>Präzision des Ausdrucks</h3>
<p>Deshalb hat das wahrhaftige Schreiben auch eine therapeutische Wirkung: Beim Schreiben findet man heraus, wer man ist. Das gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch im Alltag.</p>
<blockquote><p>Ich halte es – jetzt und in Zukunft – für ein lohnendes Ziel, seine Sprache präzise zu gebrauchen. (&#8230;) Das soll uns in die Lage versetzen, uns so umfassend und präzise wie möglich auszudrücken. (&#8230;) Denn die Häufung von nicht klar Dargelegtem, nicht richtig Ausgedrücktem kann zur Neurose führen.</p></blockquote>
<p>Diesen Ratschlag gibt Joseph Brodsky in seiner Rede „Speech at the Stadium“ (1988) den Universitätsabsolventen von Ann Arbor mit auf ihren Lebensweg. Man solle sein Vokabular so sorgfältig pflegen wie sein Bankkonto: Die Sprache als Ausdrucksmittel („articulation“) dürfe gegenüber den Erfahrungen nicht im Minus bleiben, denn dieses Defizit schade der Seele.</p>
<p>Ohne das innere Selbstgespräch der Seelenforschung findet man nicht heraus, was man wirklich denkt, fühlt, sieht, sich vorstellt. Wenn man hinschreibt, was einem gerade einfällt, erwischt man oft nur das Naheliegende, und das ist meistens gerade nicht das Eigene, sondern Floskeln, also Dinge, die schon andere gedacht und gesagt haben.</p>
<h3>Vom Erlebten zum Erschriebenen</h3>
<p>Der Wunsch nach Wahrhaftigkeit, nach Unverfälschtem, ist eine Reaktion auf Verunsicherung, so erklärt sich die derzeitige Konjunktur des Begriffs Authentizität. Viele Leser wünschen sich Bücher, in denen Erlebtes – in der Regel Erlittenes – möglichst direkt zu Papier kommt, ungefiltert und roh. Doch das ist ein Missverständnis, denn die Wahrhaftigkeit entsteht erst durch den Stil, auf dem Weg, den das Erlebte zum Erschriebenen zurücklegt. Wahrheit ist etwas anderes als Wirklichkeit: Märchen und Wundergeschichten sind wahr, auch wenn sie nicht stattgefunden haben, und umgekehrt entsteht oft keine Wahrheit, wenn Wirklichkeit 1:1 wiedergegeben wird. Um es grob zu sagen: Ist es nur hingekotzt (offenbar ein Leitmotiv in der <a href="http://tell-review.de/page-99-test-karl-ove-knausgard/">Selbstbeschreibungsprosa </a>des Karl-Ove Knausgård) oder ist es gestaltet? Hat sich der Autor die Erschütterungen wahrhaftig zu eigen gemacht, sie verwandelt und transzendiert – und ist er oder sie damit durch den Akt des Schreibens zum Autor des eigenen Lebens geworden? Virginia Woolf hat sogar ihre Tagebücher in dieser Haltung geschrieben, denn im Stil sind ihre <em>Diaries</em> keineswegs privat. Sie sind für andere – und damit Kunst.</p>
<h3>Kill your darlings</h3>
<p>Was verhindert Wahrhaftigkeit beim Schreiben? Man könnte sagen: Alles, was den Schreibenden von sich selbst entfernt. Eduard Engel nennt die Eitelkeit, die Pose als größten Feind der Wahrhaftigkeit. Die Eitelkeit schaut auf die Außenwirkung, nicht ins Innere, deshalb trennt die Eitelkeit den Schreibenden von sich selbst. In dem Kapitel über die Wahrheit stellt Engel in seiner Stilkunde einen Katalog der „Schwindelkünste des unredlichen Stils“ auf:</p>
<blockquote><p>Der geckenhaft gesuchte Ausdruck, die geistreichelnde Bilderei, das überflüssige Lesefrüchteln, das Prunken mit eilig zusammengerafftem Papierwissen, das eitle Auskramen von Brocken aus allen möglichen fremden Sprachen, die verstiegene Fremdwörtelei, die ‚preziöse‘, sich kostbar machende Vornehmtuerei, die Unnatur des Schwulstes.</p></blockquote>
<p>Wer sich der Vornehmtuerei, der Fremdwörtelei und dem Schwulst hingibt, bemäntelt mit den stilistischen Arabesken oft eine innere Leere: Er bietet ein Feuerwerk der Form, gibt sich jedoch in seinem wahren Selbst nicht zu erkennen. Auch bei Texten, die nicht vornehm tun wollen, ist die Eitelkeit eine Gefahr. Der Spruch „Kill your darlings!“ ist nicht von ungefähr ein Klassiker der Schreibratgeber. Wer kennt das nicht: Man ist stolz auf die brillante Idee, sonnt sich in seinem Satz – und weiß doch insgeheim, dass er besser klingt, als er ist. Gute Lektoren achten nicht nur darauf, dass im Text das steht, was der Autor ausdrücken wollte, sie nehmen auch keine Rücksicht auf dessen allfällige Selbstverliebtheiten. Das ist oft ein Drahtseilakt, denn nicht alle Autoren sind so pragmatisch wie Stephen King, der seine Bücher von seiner Frau Tabby gegenlesen lässt:</p>
<blockquote><p>Gott sei Dank habe ich jemanden, der mir sagt, dass mein Hosenstall offensteht, bevor ich damit raus an die Öffentlichkeit gehe.</p></blockquote>
<h3>Schreiben braucht Mut</h3>
<p>Das Zweite, was dem wahrhaftigen Schreiben im Weg steht, ist die Angst.</p>
<blockquote><p>Angst, davon bin ich überzeugt, ist meistens die Ursache schlecht geschriebener Texte.</p>
<p style="text-align: right;"><span style="font-size: 80%;">Stephen King</span></p>
</blockquote>
<p>Schreiben braucht Mut: zuerst den Mut herauszufinden, was zum Vorschein kommt, wenn man die ganzen Konventionen und Selbsttäuschungen einmal zur Seite räumt, und dann den Mut, sich zu dem, was man ausgegraben hat, auch zu bekennen.</p>
<p>Wahrhaftige Literatur sagt auf immer wieder neue Art:</p>
<blockquote><p>Ich ist ein anderer.</p>
<p style="text-align: right;"><span style="font-size: 80%;">Arthur Rimbaud</span></p>
</blockquote>
<h5><span style="text-decoration: underline;"><strong>Verwendete Literatur:</strong></span></h5>
<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Eduard Engel: Deutsche Stilkunst</strong><br />
Die Andere Bibliothek 2016 · 976 Seiten · 78 Euro<br />
ISBN: 978-3847703792<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Stephen King: Das Leben und das Schreiben</strong><br />
Heyne Verlag 2011 · 384 Seiten · 10,99 Euro<br />
ISBN: 978-3453435742<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Virginia Woolf: Der ungewöhnliche Leser. Band 2</strong><br />
Aus dem Englischen von Hannelore Faden<br />
S. Fischer 1990 · 324 Seiten · 17 Euro<br />
ISBN: 978-3100925725<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Joseph Brodsky: Der sterbliche Dichter</strong><br />
Essays<br />
Aus dem Englischen von Sylvia List<br />
S. Fischer 2000 · 320 Seiten · 12,90 Euro<br />
ISBN: 978-3596145973<br />
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<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: Prudentia. Die Klugheit<br />
Illustration zu Johann Amos Comenius: Orbis sensualium pictus — Kapitel CX.<br />
Künstler vermutl. Paul Creutzberger.<br />
Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOrbis-pictus-224.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
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