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	<title>Schweizer Literatur &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Schweizer Literatur &#8211; tell</title>
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		<title>Der Zitronenfalter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernhard Echte]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2026 07:31:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Gerturd Leutenegger]]></category>
		<category><![CDATA[Laudatio]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizer Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Jahr 2021 erhielt Gertrud Leutenegger den Zolliker Kunstpreis. Zum ihrem ersten Todestag veröffentlichen wir die Laudatio von Bernhard Echte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk:</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8211; 20.6.2026: <a href="https://tell-review.de/page-99-test-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Page-99-Test Gertrud Leutenegger</a> von Sieglinde Geisel<br>&#8211; 22.6.2026: Der Zitronenfalter. Laudatio von Bernhard Echte<br>&#8211; 22.6.2026: <a href="https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Eine Geschichte von Gertrud Leutenegger</a>. Auszug aus Gertrud Leuteneggers Roman <em>Späte Gäste</em></p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Sehr geehrte Damen und Herren</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, nach dieser in jeder Hinsicht wundervollen <a href="https://tell-review.de/eine-geschichte-von-gertrud-leutenegger/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geschichte</a> zu Ihnen zu sprechen, denn ich habe den Eindruck, damit etwas wegzunehmen von ihr. Ich meine zu spüren, dass diese Geschichte in Ihnen noch nachklingt, nachklingen will und darin nicht gestört werden sollte. Es ist etwas zutiefst Berührendes in ihr, eine Melancholie, die uns wie ein schönes trauriges Märchen anweht, eine Sehnsucht, ein Ahnen, ein Glücksversprechen – ohne Aussicht und Erfüllung, und vielleicht gerade darum so rein. Leute wie ich haben von Berufs wegen die törichte Angewohnheit, immer nach dem Woher und Warum einer Wirkung zu fragen, dabei zeigt gerade diese Geschichte, dass die einzig wirkliche Antwort auf solche Fragen nicht in irgendwelchen gelehrten Sätzen liegt, sondern in ihrem Verschwinden und Verstummen, da sich alle weiteren Auslassungen hier erübrigen. Ich sollte also eigentlich den Mund halten und schweigen, denn das tiefe Glück, das uns diese Geschichte trotz ihrer Traurigkeit schenkt, ist ein Geheimnis, das sich nicht erklären lässt, sondern dessen wir nur inne werden können und im Zuhören soeben inne geworden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bitte denken Sie jetzt nicht, dass ich es mir hier einfach machen will. Ich glaube vielmehr, dass letztlich alle tiefen Fragen des Lebens nur die Antwort des Verschwindens kennen, ja, dass wir die tiefen Fragen sogar genau daran erkennen können. Nehmen Sie beispielsweise das geheimnisvolle Phänomen der Gesundheit. Wie ist es mit ihr. Weiß die Medizin etwas von ihr, oder ist sie nicht eigentlich nur die Wissenschaft von der Krankheit, während sich alle Fragen erübrigen und verschwinden, wenn wir gesund sind, ja, dass Gesundheit gerade an dieser Fraglosigkeit von Kraft, an diesem selbstverständlichen Zuhause in uns selbst erkennbar ist. Haben nicht auch Sie schon – um ein banales Beispiel zu nennen – die merkwürdige Erfahrung gemacht, unter andauernden Rückenschmerzen gelitten zu haben, die sich gegen alle ärztlichen oder physiotherapeutischen Manipulationen behaupteten, die dann aber eines Morgens wundersam verschwunden waren – sogar ohne, dass es Ihnen auffiel? Es war geschehen und nicht zu erklären. Und ist es nicht mit dem Glück genauso? Mit dem Erlebnis der Schönheit? Mit dem Ergriffenwerden durch Dichtkunst? Mit dem Gefühl von Geborgenheit? Mit der Frage, wer wir sind?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die offene Tür zur Erinnerung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dies führt mich unmittelbar zu den Personen, die Sie in Gertrud Leuteneggers Büchern kennenlernen können, und ich spreche hier ganz bewusst von Personen, nicht von Figuren. Diese Menschen, denen Sie dort begegnen, haben fast alle – oder eigentlich: alle – keine einfache Existenz; vielmehr ist ihr Leben von Schicksalsschlägen geprägt: vom frühen Verlust der Eltern, von scheiternder Liebe, von materieller Knappheit und harter Arbeit, von körperlicher Entstellung und sozialer Marginalisierung, wobei auffällt, dass Aus- und Einwanderer in Gertrud Leuteneggers Büchern fast omnipräsent sind. Doch ungeachtet der Härte ihres Schicksals, trotz der teilweise krassen Gemeinheiten des Lebens, denen sie ausgesetzt sind, fühlen oder verstehen sich all diese Menschen nicht als Opfer (selbst wenn Gertrud Leutenegger sehr wohl zu erkennen gibt, dass die Verletzten von Brand- und Bombenanschlägen, von willkürlicher Gewalt und Krieg sehr wohl Opfer sind). Aber nie werden sie als Benachteiligte dargestellt, die sich dazu berechtigt fühlen, dem Schicksal den Schmollmund oder die harte Anklägermiene zu zeigen, oder an denen demonstriert werden soll, wie schlecht diese Welt ist bzw. wie sie – ex negativo – eigentlich auszusehen hätte. Nein, Gertrud Leuteneggers Bücher lassen das Sein in allen Aspekten gelten und werten es nicht zugunsten eines moralischen Sollens ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu gehört, dass all diese Menschen ihrer ganzen Natur nach gesund (oder innerlich „geheilt“) sind; sie besitzen eine ebenso natürliche wie wundersame Würde und Stärke – die nur einer Versicherung bedarf: der Erinnerung und Erzählung. All diese Personen kennen einen Fonds des Unentweihten in sich – wissen aber auch um schmerzhafteste Erlebnisse, die sie als etwas „Versiegeltes“ mit sich tragen, wie dies im vorletzten Roman „Panischer Frühling“ genannt wird. Dieses Unentweihte liegt – ebenso wie das „Versiegelte“ – meist in ihrer Kindheit oder genauer: in der Geschichte, die sie erinnern. Man denke dabei bitte nicht Psycho-Muster wie Idealisierung und Verdrängung, das würde die Sache komplett verfehlen, ja, in ihr Gegenteil verkehren. Denn es gehört gerade zum Charakteristischen all dieser Personen, dass sie die Tür zur Erinnerung immer offen lassen, dass sie die Erinnerungen ohne Scheu kommen und gehen lassen und in ihnen das unsichtbare Zentrum ihres Lebens verspüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Als Kind durfte ich an den langen Nachmittagen mit meiner Mutter schlafen, ganz den Biegungen ihres Rückens angekuschelt, ganz geschützt in ihrer Wärme und ihrem regelmäßigen Atem“, heißt es zu einer dieser Erinnerungen, die bereits in Gertrud Leuteneggers erstem Buch <em>Vorabend</em> erzählt wird. Allerdings darf dabei der Kontext nicht übersehen werden: Dass diese Erinnerung auftaucht, als die Ich-Erzählerin gedankenlos eine abblätternde und von Rissen durchzogene Zimmerdecke betrachtet, die ebenso sehr etwas Sinnbildhaftes hat wie die Erinnerung, die sie hervorruft. Diese Erinnerung an den Nachmittagsschlaf mit der Mutter während der Sommerferien auf dem Pfarrhof des Onkels wird Gertrud Leutenegger fast 40 Jahre später im erwähnten Roman <em>Panischer Frühling</em> nochmals intensiv heraufbeschwören. Doch wie gesagt, die emportauchenden Bilder der Erinnerung und der Versuch, darin eine eigene Geschichte zu finden, prägen schon ihren ersten Roman. Geschichte ist dabei im übrigen nicht rückwärtsgewandt gedacht, sondern als das einzige, was lebendige Entwicklung ermöglicht: „Was nicht gewachsen ist, was keine Geschichte hat, kann uns nicht verändern“, heißt es in <em>Vorabend</em>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Rebellische Vitalität</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich an dieser Stelle eine kleine persönliche Reminiszenz einflechten darf: Von diesem Buch <em>Vorabend</em> erfuhr ich das erste Mal im Jahr 1982 hier in Zollikon. Und das kam so: Als blutjungem Mann hatte mir der damals hier lebende Rechtsanwalt Dr. Elio Fröhlich auf zweifache Weise unversehens den Himmel geöffnet. Einerseits hatte er mich beauftragt, zusammen mit Werner Morlang den Versuch zu unternehmen, Robert Walsers rätselhafte „Mikrogramm“-Manuskripte zu entziffern. Andererseits sagte er mir, ich solle in das Haus der verstorbenen Verlegerinnen Lilly und Selma Steinberg an der Schwendenhaustrasse 19 oben an der Rehalp einziehen und dessen Renovation koordinieren, damit es anschließend für Aufenthaltsstipendien von Schriftstellern genutzt werden könne. Auf Grund dieser märchenhaften Wendung meines Lebens betätigte ich mich in der Folge einerseits als versponnener Mikrogramm-Entzifferer, andererseits als tatkräftiger Haussanierer, bis dann im Herbst 1982 die erste Stipendiatin einzog. Es war dies die 2017 leider verstorbene Autorin Margrit Baur, die es im übrigen auch verdient gehabt hätte, mit Ihrem Kunstpreis ausgezeichnet zu werden, doch beim zweiten Stipendiaten Reto Hänny ist Ihnen dieses Versäumnis ja dann nicht mehr unterlaufen. Da ich in dem Haus noch eine Weile als Pedell oder „Gehülfe“ fungierte, lernte ich rasch auch Margrit Baurs literarische Vorlieben kennen, und schon in den ersten Wochen erzählte sie mir, dass es nur einen Erstling in der Literatur gebe, der sie wirklich <em>neidisch</em> gemacht habe: Gertrud Leuteneggers <em>Vorabend</em>. Es klingt mir noch heute im Ohr, wie glaubhaft sie das Wort „neidisch“ damals aussprach; die Intonation war trotz aller Selbstironie wahrhaft grell gelb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es verstand sich von selbst, dass ich meine Gehülfen-Ehre darin erblickte, dieses Buch dann ebenfalls zu lesen, wobei mich die Frage begleitete, was darin wohl Margrit Baurs Neid erweckt habe. Sie hatte 1981 das Buch <em>Überleben. Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage</em> publiziert – ein protokollartiger Text über die zähen Bemühungen, sich gegenüber der niederdrückenden Monotonie des Büroalltags und der privaten Vereinsamung in der anonymen Vorstadt zu behaupten. Dieses Buch hat gewiss auch heute noch Bestand, ja sogar unverminderte Aktualität, doch eines fehlte ihm: die rebellische Vitalität von Gertrud Leuteneggers <em>Vorabend</em> – wobei es bekanntlich immer das schmerzhaft Entbehrte ist, was einen neidisch macht. Im <em>Vorabend</em> gibt es zum Beispiel diesen Satz: „Ich lebe nicht gerne, wo man sich nicht austoben und wo man nicht ganz unsichtbar sein kann.“ Und es gibt eine ganze Reihe von Passagen, die den Paradigmen der Psychiatrie temperamentvoll und unerschrocken widersprechen. Wenn Margrit Baur den Begriff „Depression“ zwar nicht benutzte, sich daran aber abgearbeitet hatte, so liess Gertrud Leutenegger das medizinisch-psychiatrische Denkmuster und seine Institutionen grundsätzlich nicht gelten. „Diese hygienische Distanzierung. Diese feige Hygiene“, heißt es dazu nur knapp. Man könnte dies als billigen Verbalismus, als bloß rhetorische Radikalität abtun, aber nein: die Erzählerin macht die praktische Probe aufs Gesagte und geht in der gescholtenen Psychiatrie arbeiten. Zu ihren Erfahrungen schreibt sie: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nachts, wenn du in einem Irrenhaus bist, zerfällt dir seine Totalität, wandern diese Risse des Daseins gesondert auf dich zu, gräbt sich dir das aufgehäufte Leiden in einzelnen Stichen zwischen die Gedanken. Ein Irrenhaus. Psychiatrische Klinik heißt es heute. Warum sagt man nicht mehr: ins Irrenhaus gehen. Im Narrenhaus verschwinden. In dem Wort lag noch etwas wie ein Triumph, eine königliche Schnoddrigkeit der Gesellschaft gegenüber. Und die Verrückten, denen man wie großen Verbrechern insgeheim eine bewundernde Scheu entgegenbrachte, man betrachtete sie, als gingen sie mit heiligen Visionen schwanger. </p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, da ist Leiden. Ja, da ist auch Scheitern und Unglück. Ja, da mag auch Wahn sein. Aber auch Selbstbehauptung und Stolz. Krankheit dagegen wohl eher nicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Freiheit des Verrückten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Verrückte und Irrsinnige treten in fast allen Büchern von Gertrud Leutenegger auf, und zwar nicht als Fehlfarben der Entwicklungspsychologie oder als Mängelexemplare genetischer Reproduktion, sondern als Menschen mit rätselhaftem Schicksal, einer gewaltigen irrlichternden Energie und – nicht zuletzt – einem eigenartig treffsicheren Instinkt. Wenn Sie z.B. den Roman <em>Pomona</em> aus dem Jahr 2004 lesen, werden Sie nie mehr jenen Sirio aus dem sogenannten Kartoffelzimmer vergessen, der immer dann, wenn im Dorf etwas Feierliches oder gar Salbungsvolles vor sich ging, den allgemeinen Gefühlsgleichklang nach Kräften sabotierte. Zugleich aber scheint er sehr genau zu verstehen, was Orion, jenen kühnen, aber notorisch scheiternden Architekten und Hobby-Astronomen, an dem oberhalb des Dorfes gelegenen Pestkirchlein anzog. Orion ist der Lebenspartner der Erzählerin, dessen Requiem Gertrud Leutenegger 15 Jahre später in ihrem bislang letzten Roman <em>Späte Gäste</em> geschrieben hat, d.h. jenem Buch, aus dem Sie vorhin die wunderbare Geschichte aus Modica gehört haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Orion, Sirio – welch himmlische Namen, mag einem dabei auffallen. Auch eine Serafina kommt hier ja vor. Ich glaube, über diese Namen sollte man nicht einfach nur arglos hinweglesen. Namen üben eine merkwürdig prägende Kraft auf uns aus, denn sie sind keineswegs so individuell, wie wir vielleicht meinen könnten. In ihnen haben sich vielmehr zahllose vorrangegangene Leben sedimentiert und verdichtet, sie enthalten ein uns immer schon vorauslaufendes Programm, ob sich die Namensgeber darüber nun Rechenschaft abgelegt haben oder nicht. Eine Autorin wie Gertrud Leutenegger aber hat dies in jedem Fall getan, sie weiß sehr genau um die überindividuelle Dimension von Namen, und sie gelten ihr als Indiz, dass wir generell viel mehr sind als nur Individuen mit einer sogenannten Identität. Unsere Epoche ist allerdings von einem Identitätswahn und einer gleichzeitigen Allegorienblindheit geschlagen wie kaum eine zuvor, weswegen wir fast kein Sensorium mehr dafür haben, dass das Individuelle nur eine kleine Zwischenzone bildet zwischen den tiefen geschichtlichen Sinnbildern, zu denen sich Namen und Allegorien verdichtet haben, und andererseits der identitätssprengenden Freiheit des Alogischen und „Verrückten“, eine Freiheit, wie wir „Normalen“ sie nur unversehens unter Masken erlangen. Wenn sie die Bücher von Gertrud Leutenegger lesen, wird Ihnen auffallen, dass in sehr vielen von ihnen die Fastnacht eine ganz besondere Rolle spielt: das Narrentum und dieses wunderbare Gegenwartsgefühl, wenn man Unsinn macht, wenn alle miteinander Unsinn machen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Nekrophilie der Maschine</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischen diesen Polen der alten Namens-, Stern- und Sinnbilder auf der einen Seite – und der großen Entgrenzung der Fastnacht auf der anderen versuchen sich die Personen in Gertrud Leuteneggers Büchern ihrer selbst und ihrer Geschichte inne zu werden. Sie tun dies mit zarter Bestimmtheit und Sorgsamkeit, denn sie wissen, dass es auf die Nuancen ankommt, auf Präzision im Detail – in der inneren wie der äußeren Wahrnehmung. „Es geht um unsere eigene Substanz“, heißt es dazu an einer Stelle, „um unsere Lebenswurzel“. Das sind natürlich unsichtbare Dinge, doch sie sind da, ja, sie machen den Urgrund unseres Lebens aus. Gertrud Leutenegger hat sich dazu, soviel ich sehe, nur ein einziges Mal programmatisch und expressis verbis geäußert&nbsp;– in dem frühen Text „Der Tod kommt in die Welt“ von 1977. Der Tod, den sie darin beschreibt, ist nicht der natürliche, der Teil jedes einzelnen Lebens ist, sondern es ist die besinnungslose Nekrophilie der Maschine, die zerstörerische Unterwerfung der Natur und die Blindheit gegenüber jenem Unsichtbaren, wie wir es zum Beispiel im Gesicht der Kindheitslandschaft vergegenwärtigen können. „Wir wissen nicht mehr, dass die Erde lebt, dass die Seen atmen und die Berge hellwach in der Nacht stehen. […] Die Naturmissachtung ist nur der Anfang der Missachtung der menschlichen Seele. […] Eine Zerstörung ruft nach der anderen, rechtfertigt sie, stumpft uns ab. Wir sind“ – so die Quintessenz – „wir sind verwahrlost.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen diese Verwahrlosung, die sich nicht ins eigene Gesicht zu sehen wagt, hat Gertrud Leutenegger von Beginn weg angeschrieben – nicht indem sie angeklagt, entlarvt oder verurteilt hätte. Im Gegenteil. Von Anfang an wusste sie auch: „Die Köche des Fanatismus haben die Geschichte verdorben.“ Bei ihr hingegen geht es um Bewahren und Wiederfinden, um Gewissenhaftigkeit im Umgang mit uns selbst, um das Erkennen der feinen Verbindungsfäden unserer Erinnerung, um das Weben eines Zusammenhangs.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Immer leichter werden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf diese Weise sind all die 17 Bücher, die Gertrud Leutenegger bis heute veröffentlicht hat, in vielen Details hintergründig miteinander verbunden und verwoben. Ein Beispiel zum Abschluss: In jenem kleinen Taschenbuch, das vom eben erwähnten Text „Der Tod kommt in die Welt“ eröffnet wird, finden Sie am Ende den Text „Reise durch die Miniatur“. Darin geht es um erste Eindrücke von der Übersiedlung in ein Dorf am Fuße des Monte Generoso. Die Erzählerin tritt in ein verlassenes Steinhaus, aus dem sie die Kälte von Jahrhunderten anweht. Das Treppenhaus hat einen Freskenhimmel, mit einer kleinen Darstellung, die ihr wie „längst erstarrt“ erscheint. Dreißig Jahre später – in dem schmalen Prosaband <em>Das Klavier auf dem Schillerstein</em>, den unser Verlag herausbringen durfte – kommt Gertrud Leutenegger nochmals auf dieses Treppenhaus zu sprechen und erweckt das „längst erstarrte“ Fresko wieder zum Leben. Die Erzählerin ist unterdessen zurück in die Großstadt gezogen; sie hat aus ihrer Zeit in jenem Tessiner Dorf aber noch die Gartengeräte aufgehoben, die nun nutzlos im Keller stehen – wie ein Sinnbild des Älterwerdens, des Abschiednehmen-Müssens. Und sie stellt fest: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nichts Äußeres mehr, weder Treppenhaus, noch Garten, drückt meine Lebensart aus. Alles wird weniger. Aber die geliebten Menschen sind da, ein Seezipfel, der aufleuchtet, die Blutbuche vor den Fenstern, der Herzschlag der Katze unter dem schwarzen Fell. Wie fordert das Leben uns heraus, immer leichter zu werden. Im Innern nimmt das einst Sichtbare Zuflucht, erwacht zu fernem Klang, steht als ungreifbare Architektur wieder auf, wird Rhythmus, Glanz. Beinahe vergass ich: Es gab doch etwas im Treppenhaus von Cabbio. Weit oben, im nur schwach erkennbaren Freskenhimmel, noch transparenter als die Wolken gemalt, schwebte ein winziges, flirrendes Wesen, das ich nie jemandem zeigte. Mehr noch, ich verheimlichte es. Es schien, in seiner geisterhaften Grazie, auf der Flucht zu sein. Oder schon am Verschwinden? Es war ein Zitronenfalter.</p>
</blockquote>



<h6 class="wp-block-heading has-text-align-right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: privat</h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die ganze Tragödie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Britta Caspers]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Sep 2021 07:03:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizer Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Roman „Krumholz“ beruht auf einem historischen Mordfall im Kanton Luzern zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Flavio Steimann erzählt die Geschichte zweier Außenseiter in einer kraftvollen, von Helvetismen durchsetzten Sprache.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Vier Prosaarbeiten und einige Texte für das Theater hat der aus Luzern stammende Schriftsteller Flavio Steimann (*1945) in den letzten 35 Jahren vorgelegt. Das jüngste Werk, der Roman <em>Krumholz</em>, ist für seine Verhältnisse mit knapp 200 Seiten schon fast ein Schwergewicht. Und der Roman folgt vergleichsweise rasch auf das dritte Werk: Nach dem Roman <em>Passgang</em> (1986) und der Erzählung <em>Aperwind</em> (1987) hatte Steimann mehr als ein Vierteljahrhundert an dem Roman <em>Bajass </em>gearbeitet, der 2014 erschienen ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Taubstumm geboren</h3>



<p class="wp-block-paragraph">An das Setting dieses Romans knüpft der Autor nun an: Wiederum erkundet Steimann die ländliche Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg mit ihrer Bigotterie, ihrem Aberglauben, der bitteren Armut der Bauern und ihrem täglichen Kampf ums Überleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste Teil des Romans ist dem Leben Agathas gewidmet. Sie kommt taubstumm zur Welt, die Mutter stirbt bei ihrer Geburt. „Auch das Kind werde nicht lange leben“, so prophezeit der junge Dorfarzt in jenen dunklen Morgenstunden im Mai. Der Vater, ein schweigsamer und fortan von seiner Trauer niedergedrückter Bauer, zündet in einer Winternacht den Hof an und erhängt sich im Stall. Agatha ist da noch sehr klein, unberührt vom Lärm und dem Trubel der Feuerwehrleute schläft sie in der Nacht des Unglücks „in dem kleinen Chaisenwagen“, den der Vater als ihr sicheres Versteck erkoren hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Verhängnisvolle Begegnung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als einziges Kind wächst Agatha in der „Allgemeinen Armen- und Idioten-Anstalt St. Ottilien zum Fang“ auf, unter der strengen Obhut der Schwestern und umgeben von den seltsamsten Gestalten. Mit sechzehn Jahren verlässt sie das Heim und findet Arbeit und Unterkunft in einer Fabrik zur Herstellung von Seidenwaren. Sie erkrankt an Tuberkulose und wird zur Erholung auf einen Bauernhof geschickt. Damit beginnt – so könnte man glauben – eine glückliche Epoche für die junge Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dann geschieht etwas Unfassbares: In einer verhängnisvollen Begegnung trifft Agatha auf Innozenz Hilar Torecht, einen jungen Mann, der in den Wäldern haust. Auch ihm hat das Leben übel mitgespielt, so erfahren wir im zweiten Teil des Romans; schon in jungen Jahren auf sich selbst gestellt, vagabundierend, versucht er dennoch, dem Leben Gutes abzugewinnen. Die Begegnung zwischen Agatha und Torecht (der sich selbst Zenz nennt) bleibt die leere Stelle der Erzählung. Was wir erfahren ist, dass Agatha von Torecht in einem unergründlichen Akt des Kontrollverlusts missbraucht und getötet wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wunsch nach Unabhängigkeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte basiert auf einem Mordfall, der sich 1914 im Kanton Luzern ereignet hat, und ihre besondere Tragik liegt darin, dass zwei junge Menschen aufeinandertreffen, die beide gleichermaßen von der Gesellschaft wie Ausgestoßene behandelt werden. In ihrer verhängnisvollen Begegnung manifestiert sich die Unausweichlichkeit einer Entwicklung, die auf der unausgesetzten Erfahrung individuellen Leidens basiert. Torecht agiert das Gefühl der eigenen Ohnmacht aus: Wie Agatha ist auch er seit seiner Kindheit das Opfer struktureller Gewalt und sexueller Übergriffe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Agatha im Roman – anders als es die Gerichtsakten tun – nicht nur als Objekt einer Straftat betrachtet, sondern dem Leser vom Moment ihrer Geburt an in ihrem ganzen traurigen Lebensweg nahegebracht wird, lässt diese grauenvolle Tat zwar einerseits noch schockierender erscheinen. Andererseits jedoch nehmen wir teil an einer Entwicklung, die Agatha zu innerer Stärke und Selbstvertrauen führt, die einen Lebenswillen erkennen lässt und den Wunsch nach Unabhängigkeit, den die junge Frau trotz oder gerade aufgrund der hartherzigen Obhut der Schwestern ausgebildet hat. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu Agatha bleibt Torecht ein „Irrlicht“, wie der Autor es in einem Gespräch formuliert. Torecht versucht sich gegen jeden Widerstand seinen Teil vom Leben zu erstreiten, unstet und unwillig zum Sesshaftsein, immer wieder ausgebeutet und fallengelassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Literarisches Tafelbild</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Flavio Steimann beschreibt seinen Roman als ein „literarisches Diptychon“ ; in der Tat gleicht <em>Krumholz</em> einem Tafelbild aus zwei Elementen, die durch ein Scharnier verbunden sind. Dies erfordert einen formal strengen Aufbau: In der Mitte endet der erste Teil des Textes, welcher der Lebensgeschichte Agathas gewidmet ist. Die raum-zeitliche Konstellation der Lichtung bildet das Scharnier, das das Leben der beiden Hauptfiguren miteinander verbindet: Dort ereignet sich das tragische Geschehen, in dessen Folge Agatha ums Leben kommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Formal betrachtet, ist das Scharnier eine Leerstelle im Text, ein drastischer Schnitt, mit dem die Perspektive des Erzählens umschwenkt auf den Landstreicher Torecht. Das Schreckliche, das kommt, sehen wir nun nicht mehr durch Agathas Augen. Nahezu unmerklich entschwindet sie aus dem Text, was dem Leser erst im Nachhinein bewusst wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die letzten Sätze, die ihr gewidmet sind, zeigen sie nicht mehr als das Subjekt der Wahrnehmung, sondern zuerst als Objekt der Suche, die einsetzt, als sie nicht pünktlich zum Essen ins Bauernhaus zurückgekehrt ist, und schließlich als Objekt der polizeilichen und gerichtlichen Untersuchung. Die Lichtung als Bild für seelische Vorgänge ist ambivalent: Verborgenes kommt ans Licht, wird damit manifest und zeigt sich in seiner determinierenden Kraft. Die Lichtung, vielleicht auch ein Bild für den neuen und besseren Lebensabschnitt, der für Agatha unmittelbar zuvor begonnen hatte, wird zum Ort ihres Verhängnisses.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Reduzierte Wahrnehmung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was die Darstellung der Lebenswege von Agatha und Torecht miteinander verbindet, ist die Reduktion ihrer Wahrnehmung auf bestimmte Sinneskanäle. Im Falle der taubstummen Agatha ist es das Sehen, Riechen und Fühlen, über das sie die Welt wahrnimmt und deutet. Paradoxerweise lernt sie mit dem Gesichtssinn auch, sich der Welt und ihrer Grausamkeiten zu erwehren, denn das Auge ist nicht nur Rezeptor, sondern als Blick ebenso Ausdruck. Was Agatha also bleibt, ist das intensive Erleben von Bildern und der Schönheit kleiner Dinge, darüber entwickelt sie auch einen Sinn für das Ästhetische, ja Poetische. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Torecht hingegen, bald nach seiner Tat gefasst und in einer Gefängniszelle isoliert, bleibt im Wesentlichen das intensive Wahrnehmen von Geräuschen außerhalb und innerhalb seiner Zelle:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das Kratzen des blindgescheuerten Löffels auf dem Boden der Gamelle ist ihm verhasst geworden, die Geräusche, wenn er sich beim Essen zuhört, das Knacken und Mahlen machen ihn lächerlich und widern ihn an; sein Gluckern, wenn er mit halbvollem Mund vom schalen Wasser schluckt, geht nicht selten über in ein irres Lachen und Prusten, so dass er Hose und Boden verdreckt.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Entlegene Helvetismen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Zitat mag es bereits veranschaulichen: Was die Lektüre – insbesondere für Nicht-Schweizer – zu einer Reise ins Unbekannte macht und nicht selten auch eine Herausforderung darstellt, sind die zahlreichen, oftmals schon lange nicht mehr gebräuchlichen Worte und Wendungen, die detailreichen und kunstvollen Beschreibungen und die Helvetismen, die in eine geschichtliche Vergangenheit verweisen, die dem Leser heutigen Tags nicht immer leicht greifbar ist. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der „Gamelle“ ist von der „Krimmermütze“ die Rede, vom „Ziger“, der „geliderten Haut“, dem „Scheckenbalg“, der „Gant“ und dem letzten „Schottisch“, die Felder „verganden“, etc. Diese fremdartigen Worte sind keineswegs bloße Zierde, sie neigen dazu, die Gedanken und Assoziationen des Lesers mit sich fortzunehmen. Überlässt man sich ihrem Sog, dann entfalten sie ihre ganze Kraft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sprachfluss</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Steimanns Sprache ist eine der Verknappung, der lyrischen Verdichtung. Insbesondere Alliterationen fallen auf, sie geben den oftmals langen, dahinfließenden Sätzen eine Binnenstruktur, regen zum Innehalten und Nachhören an. Bilder, die zeitlos erscheinen, bleiben im Gedächtnis, so etwa das Bild der vierjährigen Agatha am Tag ihrer Ankunft verlassen auf den Stufen der Anstalt. Plastische Figurenzeichnungen und sprechende Namen lassen die Charaktere deutlich hervortreten, so beispielsweise den Priester Helferich, dessen Zeichnung bisweilen ins Groteske kippt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auffallend ist auch der häufige Gebrauch indirekter Rede. Sie erzeugt einen Sprachfluss, einen Rhythmus, der bisweilen, bei aller Verschiedenheit, an die Texte der Schweizer Autorin Dorothee Elmiger erinnert. Die indirekte Rede schafft Distanz zum Geschehen und macht die Vielfalt der Perspektiven und Wahrnehmungsweisen bewusst. Sie wirkt entlarvend, legt kollektive Bilder und Ängste frei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dass es [das Kind: Agatha] sich links bekreuzige und darum von den Wespen nicht gestochen werde, sei das untrügliche Zeichen dafür, dass es vom bösen Geist besessen sei – besser für alle wäre es gewesen, es wäre an Mutters statt gestorben und läge ungetauft, wie es solch einem notgeborenen Wesen bestimmt sei, für immer unter der Schwelle des unglückseligen Hofs begraben.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Panoptikum</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Anstalt, in der Agatha ihre Kindheit verbringt, bezeichnet Flavio Steimann in einem Interview als ein „Panoptikum“. Dies macht in zweierlei Hinsicht Sinn: Zum einen trifft der Leser hier auf ein Kuriositätenkabinett seltsamer Käuze, unter denen das Kind in einem Kokon aus Einsamkeit aufwächst. Zum anderen gemahnt das „Panoptikum“ an die auf Jeremy Bentham zurückgehende Bauform von Gefängnissen und ähnlichen Anstalten, welche die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzigen Überwacher ermöglicht.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>All den Augen im Anstaltshaus kann das Kind nicht entkommen. Sie schauen – riesenhaft vergrößert – von früh bis spät missbilligend durch butzendicke Brillengläser, sie folgen seinen Schritten versteckt unter buschigen Brauen. Es spürt ihr Starren von überall her durch Ritzen und Risse – ein Drohen, ein Rollen, ein Blitzen – und weiß nicht, wie ihnen entfliehen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So verbindet die beiden Hauptfiguren im Wesentlichen die Erfahrung, durch den Blick anderer zum Objekt degradiert, bewusst in ihrer Außenseiterposition gehalten zu werden: im übertragenen Sinne durch das Urteil der anderen, ihre moralisch-juristische Verurteilung. Und so dichtet auch Torecht – der vom Gericht mehr für das verurteilt wird, was er <em>ist</em> als für das, was er getan hat – Agatha den ‚bösen Blick‘ an; ein Zeichen dafür, dass er sich letztlich auch ihr unterlegen, auch von ihr zurückgewiesen gefühlt hat. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Täter als Opfer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar wird Torecht für den Mord an Agatha bestraft, ‚Gerechtigkeit‘ aber erfährt sie nicht. Die Gesellschaft stiehlt sich aus ihrer Verantwortung gegenüber dem Einzelnen, hier gegenüber Torecht, dem von Anfang an jede Möglichkeit der Teilhabe, der Zugehörigkeit versagt geblieben ist. Letztlich wird er verurteilt für einen Lebensweg, für ein Schicksal, das ihm aufgezwungen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so ist Torechts Ende, das mit dem Gerichtsurteil besiegelt wird, nicht weniger ergreifend als das Agathas; Opfer sind sie beide. Der Erzähler ist keineswegs ohne Sympathie gegenüber Torecht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wie auch immer. Der Zenz ist nicht der einzige gewesen, der die Erde hat verlassen müssen, ohne zu verstehen, warum die Dinge in der Ferne kleiner erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Dass es ohne Dumme auf dieser Welt keine Reichen gäbe, hat er indessen sehr wohl gewusst […].</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Was von ihrer beider ausgelöschtem Leben bleibt, wird festgehalten in wenigen, aber umso eindringlicheren Bildern. Und schließlich werden wir doch noch einmal Zeuge einer berührenden Geste, eines Aktes des Angedenkens. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das versöhnt nicht, tröstet aber dennoch.</p>



<h6 style="text-align: right">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Sascha Kohlmann, <a href="https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Flive.staticflickr.com%2F3696%2F8845660092_0caf5a8d45_b.jpg&amp;imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.flickr.com%2Fphotos%2Fskohlmann%2F8845660092&amp;tbnid=Gguu82oB1ggJ8M&amp;vet=12ahUKEwir2I-A59vyAhUPohoKHbMiDS4QMygDegUIARCFAg..i&amp;docid=yCR-FrNi78nrmM&amp;w=1024&amp;h=692&amp;q=Lichtung&amp;hl=de&amp;client=firefox-b-d&amp;ved=2ahUKEwir2I-A59vyAhUPohoKHbMiDS4QMygDegUIARCFAg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lichtung</a> Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC BY-SA 2.0</a><br></h6>



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<p class="wp-block-paragraph">Flavio Steimann<br><strong>Krumholz</strong><br>Roman<br>Edition Nautilus 2021 · 200 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: ‎ 978-3960542476</p>



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