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	<title>Romantik &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Romantik &#8211; tell</title>
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		<title>Ja, wir betreten ein anderes Leben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Peter Urban-Halle]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Jun 2017 08:04:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Autobiografie]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Romantik]]></category>
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					<description><![CDATA[Weltliteratur oder Trivialliteratur? Bei Karl Ove Knausgårds "autobiografischem Projekt" scheiden sich die Geister. Peter Urban-Halle sieht in Knausgård einen Vertreter der Metamoderne, der romantische Sehnsucht mit postmoderner Skepsis verbindet. Eine Bestandsaufnahme.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="margin: 0px; line-height: 115%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 12pt;"><span style="color: #000000;"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Zu Karl Ove Knausgårds <em>Kämpfen </em>gibt es auch einen <a href="http://tell-review.de/page-99-test-karl-ove-knausgard/" target="_blank" rel="noopener">Page-99-Test</a> von Frank Heibert.</div></div></span></span></p>
<p><span class="dropcap">K</span>arl Ove Knausgård bewegt die Gemüter: Seinem autobiographischen Projekt in sechs Bänden nähern sich die einen mit berauschter Begeisterung und hantieren mit nichtssagenden Rezensentenfloskeln wie „Sog“, „Droge“ oder „Sucht“. Die anderen attackieren ihn barsch und sprechen ihm Intellektualität und literarisches Vermögen ab, manche attestieren seinen Lesern sogar fehlende Bildung. Mit solchen Extremen ist weder dem Autor noch der Literatur gedient. Aber Knausgård ist kein <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/" target="_blank" rel="noopener">Trivialautor</a>, er hat es verdient, dass man sich ohne Vorurteile mit ihm beschäftigt.</p>
<p>Der dritte Band <em>Spielen</em> seines Zyklus <em>Min kamp</em> (&#8222;Mein Kampf&#8220; 1-6) fängt an wie ein traditioneller Roman:</p>
<blockquote><p>An einem milden und wolkenverhangenen Tag im August 1969 fuhr auf einer schmalen Straße am äußeren Ende einer südnorwegischen Insel […] ein Bus.</p></blockquote>
<p>Eine kleine Familie steigt aus. Auf dieser südnorwegischen Insel – es ist Tromøy nordöstlich von Kristiansand – tritt der Vater eine Stelle als Grundschullehrer an, hier wird die Mutter als Krankenpflegerin arbeiten. Mit dabei sind die beiden Söhne: Yngve, viereinhalb Jahre, und Karl Ove, acht Monate alt. Der Kleine schlummert, der Große erkundet das Haus.</p>
<p>Derselbe Karl Ove wird sich vierzig Jahre später seinen Traum, Schriftsteller zu werden, erfüllen und die Geschichte seines Lebens erzählen. Zur Ankunft auf der Insel stellt er fest: „An diese Zeit kann ich mich naturgemäß nicht erinnern.“ Doch Erinnerungen müssen nicht unbedingt stimmen. „Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe“, schreibt er, für das Gedächtnis sei die Wahrheit nicht interessant.</p>
<h3>Das Banale und das Tiefe</h3>
<p>Eigentlich stellt sich Knausgård damit einen Freibrief aus. Erstaunlich, denn der Clou seines Projekts besteht ja gerade darin, dass er eben nichts erfunden haben will.</p>
<blockquote><p>Was interessiert mich ein Roman mit Leuten, die es nie gab?</p></blockquote>
<p>So lautet eine Aussage von ihm. So provozierend dieser Satz ist, Knausgård steht damit nicht allein:</p>
<blockquote><p>Ich finde nur jemanden spannend, der über sich selbst schreibt.</p></blockquote>
<p>So der Niederländer J. J. Voskuil 1996 im ersten Band seines autobiographischen Schlüsselromans <em>Das Büro</em> – eines ähnlich megalomanen Projekts von sogar sieben dicken Bänden.</p>
<p>Dass es bei Knausgård nur um ihn selbst geht, ist aber keine Egozentrik, sondern beruht auf der Einsicht, dass wir die andern nie durchschauen können:</p>
<blockquote><p>Wir machen Bilder von der Zeit, nicht von den Menschen in ihr, sie lassen sich nicht einfangen.</p></blockquote>
<p>Er versucht also, vor allem sich selbst zu ergründen, weil die anderen Menschen ohnehin unergründlich sind: Das ist ein Grund seiner (und unserer) Einsamkeit.</p>
<p>Und es ist einer der Gründe, warum wir bei seinem Projekt überhaupt von „Realität“ sprechen können. Denn real ist bei ihm nicht die nachgeahmte Wirklichkeit, sondern lediglich die einzelne Person. Das heißt nicht, dass die Handlungen erfunden werden, um eine höhere Wahrheit zu erschaffen. Vielmehr werden die Handlungen überhaupt nur beschrieben, um ihnen Sinn zu verleihen, sie auf eine höhere Ebene zu heben und sie dadurch real zu machen. Plötzlich werden das Banale und das <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/" target="_blank" rel="noopener">Tiefe</a> gleich wichtig: einerseits Alltägliches wie das Aufräumen des großmütterlichen Hauses nach dem erbärmlichen Tod des Vaters oder der detailliert beschriebene Silvesterabend mit nervenden Feten oder das mittlerweile totzitierte Windelwechseln – andererseits das hingebungsvolle und ernsthafte Nachdenken über das Wesen des Lebens und des Menschen.</p>
<h3>Sinn durch Aufschreiben</h3>
<p>Es ist überraschend, dass alle Kritiker Knausgårds auf die von ihm geschilderten Banalitäten hinweisen, um mit ihnen die Banalität seiner Prosa im Ganzen zu belegen. Dabei gibt es in der Literatur zahlreiche Hinweise für die Notwendigkeit des Registrierens der Dinge. 1909 erkannte Oskar Loerke in seinem Text <em>Die Qualle</em>:</p>
<blockquote><p>Alles ist gleichwertig. Und überall ist der Mittelpunkt der Welt.</p></blockquote>
<p>Aris Fioretos schrieb in <em>37 Thesen über einen griechischen Vater</em>:</p>
<blockquote><p>Ein griechischer Vater feiert das Dasein, indem er die Dinge ernst nimmt.</p></blockquote>
<p>Der Vater macht also aus der Begegnung mit dem Alltäglichen ein Fest.</p>
<p>Und schon Goethe mahnte in seiner Rezension einer Autobiographie:</p>
<blockquote><p>Wir sind verpflichtet, […] auch das Einzelne unnachläßlich zu überliefern.</p></blockquote>
<p>Goethe selbst wollte in seinem autobiographischen Roman <em>Dichtung und Wahrheit</em> mehr, als nur seine Erlebnisse nacherzählen. Der Germanist Richard M. Meyer schrieb, dass bei Goethe „die &#8218;Dichtung&#8216; als die höhere und die &#8218;Wahrheit&#8216; als die einfachere Wirklichkeit seines Lebens zu einem organischen Ganzen sich zusammenfinden sollen.[…] Der Gesamtverlauf des wirklichen Lebens ist nur die Grundlage, auf der diese höhere Existenz, das Autorleben, sich aufbaut.“</p>
<p>Erst durch das Aufschreiben erhalten die Dinge ihren Sinn. Das Leben ist weniger banal, wenn darüber geschrieben wird. Rolf Vollmann stellte einmal die Frage:</p>
<blockquote><p>Ist nicht aufgeschrieben erst alles wahr?</p></blockquote>
<p>Bei Knausgård müsste sie lauten:</p>
<blockquote><p>Ist nicht aufgeschrieben erst alles sinnvoll?</p></blockquote>
<h3>Das Banale ins Kunstwerk einbeziehen</h3>
<p>Autobiographische Romane haben viele Facetten und gerade deshalb nur ein gemeinsames Merkmal: Offenheit. Sie können reflexive und kritische, beschreibende und berichtende Passagen enthalten und werden so zu einem potentiell offenen Kunstwerk, und zwar im gleichen Maße wie der Autor selbst ins Offene strebt. Ohne ihn zu nennen, paraphrasiert Knausgård gleich im ersten Band <em>Sterben</em> Hölderlin: „Ich wollte hinaus, hinaus ins Offene, Große.“ Erstes Gesetz von Friedrich Schlegels <em>Universalpoesie</em> ist, „daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide“. Offen heißt nicht nur, verschiedene Gattungen im Kunstwerk zuzulassen, sondern auch das Banale ins Kunstwerk einzubeziehen.</p>
<p>Natürlich ist das ein romantisches Element. Ob Knausgård beim Schreiben romantisch gedacht oder an die Romantik gedacht hat, sei dahingestellt, aber wenn wir ihn lesen, müssen wir an Novalis&#8216; berühmte Sätze aus den <em>Logologischen Fragmenten</em> denken:</p>
<blockquote><p>Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. […] Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.</p></blockquote>
<p>Doch Knausgård ist nicht nur romantisch, er kennt auch die Skepsis. Sein Werk gehört zur Metamoderne, welche die ironische und „smarte“ Postmoderne längst abgelöst hat. Die beiden holländischen Kulturtheoretiker Robin van den Akker und Timotheus Vermeulen schreiben in ihren <em>Anmerkungen zur Metamoderne</em> (dt. 2015):</p>
<blockquote><p>Die Metamoderne besteht in der Spannung, nein, der Zwickmühle zwischen dem modernen Wunsch nach Sinn und dem postmodernen Zweifel am Sinn überhaupt.</p></blockquote>
<p>Der heutigen Generation bescheinigen sie eine Haltung des „pragmatischen Idealismus“. Im fünften Band <em>Träumen</em> sagt Knausgård, dass er sich für die Widersprüche im Leben und im Menschen interessiere, für Dinge, die „hässlich <em>und</em> schön, edel <em>und</em> gemein“ sind. Damit wird er zu einem Helden unserer „metamodernen“ Zeit, der die romantische Sehnsucht wiederentdeckt und die postmoderne Skepsis bewahrt, der zwischen Zuversicht und Wehmut, Begeisterung und Ironie pendelt. Dass die Postmoderne für Knausgård keine Rolle mehr spielt, wird schon dadurch klar, dass er nicht nur am Sinn festhält, sondern auch an der Wahrheit: Er glaubt an die Wahrheit und strebt Wahrhaftigkeit an. Im Abschlussband <em>Kämpfen</em> spricht er von der „eigenen, besonderen Schrift, die das Wahre und Eigentliche sucht“, an anderer Stelle heißt es: „Wollte ich darüber schreiben, müsste ich wahrhaftig sein.“</p>
<h3>Aufs Ganze gehen</h3>
<p>Die „metamoderne Oszillation“, die Mischung aus banal scheinenden Passagen und existentiellen, philosophischen oder künstlerischen Reflexionen, macht Knausgårds Autobiographie so einzigartig. Seine Reflexionen sind in der Regel ausführlich und bestehen keineswegs nur aus „ein paar reflektierenden Sätzen“, wie ein ignoranter Rezensent behauptete. Die Kraft dieser Prosa besteht darin, dass wir immer auch mit großen Fragen konfrontiert sind: Was ist Tod? Erinnerung? Arbeit? Liebe? Stille? Kunst? Er versteht das Leben als Ganzheit, mit allem Drum und Dran, jedes Detail, auch das banale, helfe beim Aufbau der Wirklichkeit, so Knausgård im Gespräch. Alle Elemente haben ihre Rolle und können nicht mehr voneinander getrennt werden; plötzlich sind sie nicht mehr ephemer und irrelevant, sondern reale Bausteine des realen Lebens. Daraus ergibt sich die Einsicht, dass „alles mit allem zusammenhängt“ &#8211; sinngemäß sagt Knausgård das an mehreren Stellen seines Projekts.</p>
<p>Nein, es geschieht nichts Weltbewegendes bei Knausgård, aber wir lesen ja seine Bücher nicht, weil wir wissen wollen, wie es weitergeht. Warum sind wir trotzdem gebannt? Das Geheimnis seines Erfolgs liegt unter anderem darin, dass er immer mit Emphase schreibt, mit großer Leidenschaft. Er ist immer von einem Gedanken ergriffen – selbst wenn es darum geht, seine Depression, seine Komplexe, seine Niederlagen, Schwächen, sein Versagen zu schildern. Sein Duktus ist draufgängerisch, nie zögerlich – auch nicht, wenn er seine zögerliche Haltung in bestimmten Situationen beschreibt. Er geht immer aufs Ganze. Das meint wohl auch Angelika Klüssendorf, wenn sie in der <em>Zeit</em> von seinem „rüden Stil“ spricht. Sie wirft ihm auch „grammatikalischen Irrsinn“ vor. Dieser Vorwurf, wenn er überhaupt stimmt, müsste übrigens an den Übersetzer gerichtet werden. Wenn die Autorin ihrem Kollegen allerdings eine „Flucht in aggressives Nicht-Erkennen und Nicht-Denken“ ankreidet, fragt man sich, ob sie je eine Seite gelesen hat. Denn Knausgård tut fast nichts anderes, als zu erkennen und zu denken, die ganze Zeit, von Anfang bis Ende!</p>
<h3>Zügellosigkeit des Denkens</h3>
<p>Knausgårds Mammutprojekt ist als autobiographischer Roman nicht neu, großartig aber ist die Zügellosigkeit seines Denkens, eine regelrechte (oder eher regellose) Gedankenflut. Unerschrocken, radikal und rücksichtslos, auch gegen sich selbst, schildert er die Bandbreite seines Lebens. Das hat so noch keiner getan. Inspiriert ist er sicher von einem seiner Lieblingsautoren, Jack Kerouac. Im Anhang von <em>Unterwegs</em> listet Kerouac 30 „unentbehrliche Hilfsmittel“ für eine „moderne Prosa“ auf (bereits 1955!), von denen Knausgård einige übernommen hat.</p>
<blockquote><p>Komponiere wild, undiszipliniert, rein! Schreibe, was aus den Tiefen deines Innern aufsteigt! Je verrückter, desto besser!</p>
<p>Mach es wie Proust: Gehe mit dem Schatz deiner Erfahrungen und Erinnerungen hausieren.</p></blockquote>
<p>Das tut Knausgård, doch mit den Erinnerungen hat es eine besondere Bewandtnis. Er betont nämlich unentwegt, er habe ein schlechtes Gedächtnis, was ihn auch mit Proust verbindet. Proust kramt die Vergangenheit nicht einfach hervor, sondern sieht sie neu; er schöpft seine Welt aus einer „tiefen, dem Willen unzugänglichen Quelle“ (Dieter Wellershoff). Diese unwillkürliche Erinnerung hat eine Voraussetzung: das Vergessen. Durch das Vergessen wird das Gedächtnis zu einem Instrument der Entdeckung.</p>
<p>Zu Knausgårds Radikalität gehört auch die Aversion gegen jegliche Denkverbote. In <em>Kämpfen</em> gibt es einen Text-Solitär mit dem Titel „Der Name und die Zahl“, in dem er sich mit der Bedeutung von Namen, mit Paul Celans Gedichten und mit dem „einzigen absoluten Tabu in der Literatur“ beschäftigt: Adolf Hitlers <em>Mein Kampf</em>. Um das Buch zu verstehen, schildert er Hitlers Jugend und berührt dabei eine zentrale Problematik der Geschichtsschreibung. Er versucht nämlich, Hitler ausschließlich in seiner Zeit zu verstehen, d.h. er sieht die Vergangenheit mit ihren eigenen Prämissen. Er geht also nicht retrospektiv vor, sondern sozusagen prospektiv. Dieser Essay im Roman wäre einen eigenen Beitrag wert, so ungewöhnlich ist Knausgårds Betrachtung eines Problems, das für uns ausdiskutiert schien.</p>
<h3>Dramaturgische Komposition</h3>
<p>Dass seine Reflexionen verzwickt sein oder stilistisch unbeholfen wirken können, liegt an der absoluten Freiheit, die er seinen Gedanken lässt. Im Vergleich dazu sind die Naturbeschreibungen gekonnt. Die Natur – als das nichtmenschliche Weibliche – spielt eine gewichtige Rolle. Die Intensität, mit der sie durchgehend geschildert wird, ist umso auffälliger, je banaler er Alltäglichkeiten zu beschreiben scheint. Als er im vierten Band <em>Leben</em> als kommender Aushilfslehrer ins Örtchen Haafjord im hohen Norden reist, geht es unter tiefblauem Himmel durch eine majestätische Landschaft, bis sich ihm ein grandioser Blick auf den sommerhellen Fjord mit den riesigen Bergen eröffnet. Knausgård hat ein spannendes und gespanntes Verhältnis zur Natur, die er an einer Stelle als nichtexistent, als „Klischee“ bezeichnet. Da straft er sich selber Lügen, denn es wird uns zunehmend bewusst, dass er die Natur als Herrscherin anerkennt, sie ist schön, mächtig, farbig, aber auch unbegreiflich und überwältigend. Ja, es scheint sogar, als wäre nur sie es wert, poetisch beschrieben zu werden.</p>
<p>Der weitgehenden Kunstlosigkeit der Sprache steht eine wohldurchdachte dramaturgische Komposition gegenüber, die Reihenfolge und der Stil seiner Geschichten und einzelnen Passagen sind nicht beliebig. Knausgård beginnt den ersten Band <em>Sterben</em> mit dem Tod und mit den Prozessen, die das Sterben im menschlichen Körper auslöst (wissenschaftlich-phantastischer las man das höchstens in Peter Adolphsens <em>Herz des Urpferds</em>, 2008), und beendet ihn mit dem konkreten Tod eines Menschen: seines Vaters. Ohne den Tod dieses Vaters wäre das Projekt nie zustande gekommen.</p>
<p>Allein schon durch den Anfang des ersten Bandes, der das Ich zunächst ausschaltet, weil er allgemeingültige Verfallsprozesse im toten Körper beschreibt, kann man Knausgårds Erfolg nicht bloß mit flachem Voyeurismus des Publikums erklären. Ja, wir betreten ein anderes Leben – aber weder wie einen heiligen Raum noch wie ein Bordell, sondern eher wie Räume in einem Museum, in denen wir Bilder sehen und wirklich sehen, neu sehen, von denen wir uns beeindrucken lassen, deren Seele wir spüren, deren Stimmung, so dass sie uns unmittelbar ansprechen. Ob wir da nun etwas von uns selbst sehen und wiedererkennen oder aber etwas Fremdes entdecken, ist einerlei. Sein Roman ist der Ort, an dem Karl Ove Knausgård ganz er selber ist und trotzdem universell.</p>
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		<title>Vers für Vers 4: Von der Ästhetik zur Barbarei?</title>
		<link>https://tell-review.de/vers-fuer-vers-4-von-der-aesthetik-zur-barbarei/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Jan 2017 10:45:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Vers für Vers]]></category>
		<category><![CDATA[Ästhetizismus]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Romantik]]></category>
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					<description><![CDATA[War Friedrich Nietzsche ein Vordenker des Faschismus? Anhand des Gedichts „Vereinsamt“ und dessen zweitem Teil „Antwort“ lotet Hartmut Finkeldey die Ambivalenzen von Nietzsches politischer Moral aus.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p><strong>I. Vereinsamt</strong></p>
<p>Die Krähen schreiʼn<br />
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:<br />
bald wird es schnei’n. –<br />
wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!</p>
<p>Nun stehst du starr,<br />
schaust rückwärts, ach! wie lange schon!<br />
Was bist Du Narr<br />
vor Winters in die Welt entflohn?</p>
<p>Die Welt – ein Tor<br />
zu tausend Wüsten stumm und kalt!<br />
Wer das verlor,<br />
was du verlorst, macht nirgends Halt.</p>
<p>Nun stehst du bleich,<br />
zur Winter-Wanderschaft verflucht,<br />
dem Rauche gleich,<br />
der stets nach kältern Himmeln sucht.</p>
<p>Flieg, Vogel, schnarr<br />
dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –<br />
Versteck, du Narr,<br />
dein blutend Herz in Eis und Hohn!</p>
<p>Die Krähen schreiʼn<br />
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:<br />
bald wird es schneiʼn. –<br />
weh dem, der keine Heimat hat!</p>
<p><strong>II. Antwort</strong></p>
<p>Daß Gott erbarm!<br />
Der meint, ich sehnte mich zurück<br />
ins deutsche Warm,<br />
ins dumpfe deutsche Stuben-Glück!</p>
<p>Mein Freund, was hier<br />
mich hemmt und hält ist dein Verstand,<br />
Mitleid mit dir!<br />
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!</p></blockquote>
<hr />
<p><span class="dropcap">Ü</span>ber Nietzsches Philosophie gibt es einen Mythos: Nietzsche sei ein rationaler Philosoph, sein Perspektivismus, sein Plädoyer für multiple Welten und infolgedessen multiple Identitäten mache ihn zum Protagonisten der fröhlichen Postmoderne, des ästhetisch begründeten Verhältnisses zu Selbst und Welt. Erst der philologisch verantwortungslose Umgang mit seinem Nachlass habe aus ihm einen Vordenker faschistischer Ideologie gemacht. Speziell das Kompendium aus dem Nachlass mit dem Titel <em>Der Wille zur Macht</em>, verbrochen von Peter Gast und Elisabeth Förster-Nietzsche, zeige eine Willens- und Machtmetaphysik, die Nietzsche so nie intendiert habe.</p>
<p>Dem entgegen steht eine andere Deutung, die wesentlich auf Georg Lukács zurückgeht: Nietzsche sei sehr wohl als Vorläufer des europäischen Faschismus anzusehen.</p>
<h4>Auflösung der Romantik</h4>
<p>Das Gedicht liefert Belege für beide Deutungen. Als es 1894 veröffentlicht wurde – Nietzsche war bereits seit fünf Jahren krank und nicht mehr ansprechbar –, wurde lediglich der erste, längere Teil publiziert, unter dem Titel „Vereinsamt“. Und so ist es in die Anthologien eingegangen, als eines der großen Herbstgedichte deutscher Sprache.</p>
<p>Formal variiert das Gedicht auf brillante Weise Strophenformen der Romantik. Auch die Bildlichkeit orientiert sich am romantischen Naturerleben, doch sie nähert sich bereits dem reinen Symbol. Sowohl formal wie bildlich betreibt der Dichter die Auflösung der Romantik mit ihren eigenen Mitteln.</p>
<p>Im Sinn der Romantik wäre etwa dies:</p>
<blockquote><p>Ich hör‘ die Krähen nochmals schreien<br />
sie ziehen vor mir her zur Stadt<br />
Bald wird es immer tiefer schneien<br />
Ob jeder jetzt noch Heimat hat</p></blockquote>
<p>Die Romantik antwortete auf den Abgrund, der sich seit 1789 auftat und den sie sehr wohl wahrnahm, von dem her sie sich überhaupt erst etablierte, mit poetischer Aufladung:</p>
<blockquote><p>Romantisieren heißt, dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein geben.</p></blockquote>
<h5 style="text-align: right;">(Novalis)</h5>
<p>Wenn wir Romantik ganz konventionell als Sehnsucht nach der Blauen Blume charakterisieren, also als Sehnsucht nach Heimat, nach Versöhnung, dann verweist diese Sehnsucht, erstens, auf einen Mangel, dem, zweitens, nur noch virtuell abgeholfen werden kann. Die romantische Sehnsucht, den Riss von Ich und Welt noch einmal zu versöhnen (wenn auch nur als bewusster „Schein“), wird von Nietzsche zerstört. Jetzt gilt es, erst einmal diesen Riss auszuhalten.</p>
<h4>Wüste als Befreiung</h4>
<p>Und wie viele doppelte Böden sich unter diesem Riss auftun! Der Winter, die Stadt, das, was Heimat ist, gilt dem Sprecher gerade nicht als „Welt“. Und auch mit dem Begriffspaar warm/kalt spielt Nietzsche ein faszinierendes Spiel. Eine ‚normale‘ Metaphernfolge wäre in etwa so organisiert: Der Einsame verlässt die warme Stube (das sichere, bürgerliche Leben) und begibt sich todesmutig in eisige Höhen (geistige Abenteuer).</p>
<p>Aber so ist es hier gerade nicht. Die Kälte (von der aber gesichert ist, dass sie qua Abfolge der Jahreszeiten auch wieder endet) und die bürgerliche Wärme sind aufeinander bezogen und ergeben erst in der Summe jene Schein-Welt bürgerlicher Solidität, von welcher der Sprechende sich abwendet. Diesem quasi bürgerlichen Winter „entflieht“ der Sprechende nicht in die warme Stadt (im Gegensatz zu den Todesvögeln), sondern in „die Welt“ – die sich als Tor zu tausend Wüsten entpuppt. Der Wanderer, der Freigeist, der Selbstbefreier, er gleicht dem Rauch, der „stets nach kältern Himmeln sucht“ – eine fantastisch kühne, paradoxe Metapher, vielleicht die erste moderne Chiffre, ein starkes Bild für Auflösung, für das Schmelzen alles fest Gefügten. Die Wüstenerfahrung hat etwas Befreiendes.</p>
<p>So könnte man „I. Vereinsamt“, tatsächlich rein ästhetizistisch lesen: als Ausdruck einer Befreiung zu stil- und lustvoll ausgelebtem selbstwidersprüchlichem Perspektivismus, zu multiplen „Ichs“ im Plural bis zur Auflösung, mithin zu dem, was wir heute unter „Postmoderne“ verschlagworten.</p>
<p>Nun ist diese postmoderne Deutung nicht falsch. Sie übersieht allerdings, dass das Gedicht zwei Teile hat. Literarisch fällt der zweite Teil stark ab – Polemik statt Lyrik –, doch er ist zentral. Der Sprecher in „II. Antwort“ ist identisch mit dem in „I. Vereinsamt“: „II. Antwort“ ist eine Antwort auf Einwände, die nicht zur Sprache kommen, die wir aber erschließen können. Der abwesende Gesprächspartner, dem im zweiten Teil des Gedichts geantwortet wird, ist der Romantiker par excellence. Der Freigeist würde sich noch nach seinem Wüstenritt in die Stuben zurückwünschen. Nietzsche jedoch will nicht zurück ins deutsche Stubenglück, um Himmels Willen nicht („Daß Gott erbarm“). Im Gegenteil: Nietzsche will die Stube auf Vordermann bringen!</p>
<blockquote><p>Die deutsche Unlust am Leben ist wesentlich Wintersiechtum,</p></blockquote>
<p>heißt es in <em>Die Fröhliche Wissenschaft</em>.</p>
<p>Wohin will er dann, der Sprecher, den wir hier getrost mit Nietzsche identifizieren dürfen? Das Gedicht sagt es uns nicht. Aber Nietzsches Werk sagt es uns in verstörender Eindeutigkeit.</p>
<h4>Priester und Krieger</h4>
<p>Die Wüste spielt in Nietzsches Bilder- und Gedankenwelt eine wesentliche Rolle. Seit Herodot ist die Wüste für Europa nicht Teil der Welt, sondern Symbol für das Andere, Fremde, Bedrohliche. Bei Nietzsche ist sie ein „Hunger, der nach Leichen scharrt“ (Nachlass der 1880er Jahre), also ein lebensfeindliches Prinzip. Der Priester lernt in der Wüste die Entsagung, die er fortan predigt. Ganz anders aber verändert sich der Freigeist in ihr: In den berühmten drei Verwandlungen in <em>Zarathustra</em> geht das Kamel beladen in die Einsamkeit der Wüste, um dort seine Lasten abzulegen und sich in einen Löwen zu verwandeln. Der Löwe schafft keine neuen Werte – er nimmt aber den Kampf mit der „Sklaven-Moral“ auf. Dem „du sollst“ setzt er sein „ich will“ entgegen. Erst danach wird er zu einem Kind, das in aller Unschuld neue Werte etabliert. Die Wüste spielt also eine wesentliche Rolle bei der Selbstfindung der beiden Kasten, die Nietzsche als Träger der Geschichte sieht: die Priester und die Krieger.</p>
<p>Den Krieger hat die Wüste zum Gesetzgeber gemacht. Es gilt, neue Regeln zu finden gegen alle „Sklaven-Moral“, also gegen den (für Nietzsche erniedrigenden) Gedanken, alle Menschen hätten identische Rechte: Die schwachen Sklaven würden per Gleichheitsbegriff Macht ausüben wollen – dies ist ein nietzscheanischer, sozialdarwinistischer und heute wiederkehrender Topos. Nietzsche votiert für die Differenz von Herr und Sklave, für das Vorrecht zur Gewalt, für den Renaissance-Menschen, den Nietzsche gegen alle „Entartung“ der Moderne rehabilitieren wollte. Die „großen Affekte“ der Kriegerkaste – „Wille zur Macht, Wille zum Genuß, Wille und Vermögen zu kommandieren“ (Nachlass der 80er Jahre / <em>Der Wille zur Macht</em>) – das ist es, was der Krieger auf seinem Wüstenritt erfährt und wozu er sich enthemmt. Und genau so hat ihn die völkische deutsche Rechte immer wieder gelesen – von den ‚Meisterdenkern und -dichtern‘ der konservativen Revolution (Niekisch, Spengler, George, Jünger, zeitweilig Benn) bis hin zu Goebbels, der Nietzsche in Leitartikeln gerne zitierte, und Rosenberg, der erklärte, Nietzsche stünde heute „an unserer [der Nazis] Seite“; „wir [die Nazis] grüßen ihn als nahen Verwandten“. Auch heute beruft sich die intellektuelle deutsche Rechte häufig auf Nietzsche. Sie liegt damit nicht falsch, wenn sie den Philosophen meint, der den Krieger preist und die Moral [heute: „Gutmenschentum“] als Hemmnis allen besseren Lebens ansieht – eine „Sklaven-Moral“, die „Mißrathene“ erzeuge und nach der „Europa zu stinken beginnt“ (in <em>Genealogie der Moral</em>).</p>
<h4>Ein postmoderner Rassist?</h4>
<p>Nietzsches Apologeten (ziemlich unkritisch: Michael Tanner, kritischer: <a href="https://youtu.be/BBEaVSDRrm8?t=1496" target="_blank">Volker Gerhardt</a>) argumentieren, Nietzsche habe sich wiederholt gegen stumpfes völkisches Gerede gewandt. In der Tat wollte Nietzsche von Bärenhäuter-Germanismus nichts wissen, über biologistische Rassereinheitsgedanken hat er wiederholt seinen Spott ausgeschüttet. Die Apologeten übersehen aber, was nicht zu übersehen ist: dass Nietzsche sehr wohl von einer „Reinheit der Rasse“ (in <em>Morgenröte</em>) träumte, wobei er, wie man heute sagen würde, einen kulturalistischen Begriff von „Rasse“ im Sinn hatte, keinen biologischen. Die Reinheit der höheren Rasse war ein Projekt. So verstanden, war bereits Nietzsche ein postmoderner Rassist, oder gar ein kulturalistischer Postrassist, also das, was heute bei den Rechtsintellektuellen en vogue ist.</p>
<p>Es ist unredlich, wenn man von Nietzsche allein die fröhlich-postmoderne Seite sieht, sozusagen nur „I. Vereinsamt“ – und die Augen verschließt vor „II. Antwort“. Die Erfahrung lehrt: Irgendwann ist der Riss in der Welt dann doch nicht mehr auszuhalten. Irgendwann will dieser Riss gewaltsam gekittet sein. Irgendwann überschreitet einer die Grenze von der Welt, die nur ästhetisch erfahren werden kann, hin zu jener ungeheuren „Energie der Größe“, die man gewinnen müsse, „um, durch Züchtung und andererseits durch Vernichtung Millionen Mißrathener, den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zu Grunde zu gehen an dem Leid, das man schafft“ (Nachlaß der 80er Jahre, ganz ähnlich u.a. <em>Genealogie der Moral</em>).</p>
<p>Die Probleme dieser Welt gewaltsam zu lösen, indem man den neuen Menschen schafft (oder „züchtet“, wie Nietzsche es nennt) – das war im 20. Jahrhundert die große Verführung für Intellektuelle und Künstler. Der Schritt von der „Artisten-Metaphysik“ zur Rechtfertigung der Barbarei ist klein. Nietzsches Werk hat ihn ausgemessen.</p>
<hr />
<h5><span style="text-decoration: underline;"><strong>Literatur:</strong></span></h5>
<p><strong>Nietzsche, Friedrich:</strong></p>
<p>KStA (Colli/Montinari), 1967-77, 2te 1988ff<br />
Nietzsche, Friedrich, Der Wille zur Macht, (Förster-Nietzsche, Elisabeth / Gast,Peter, Hg.) Stuttgart, 1964 u.ö.</p>
<p><strong>Gerhardt, Volker:</strong> Pathos und Distanz, Studien zur Philosophie Friedrich Nietzsches, Stuttgart 1988</p>
<p><strong>Rorty, Richard:</strong> Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt/Main 1989</p>
<p><strong>Schönert, Jörg:</strong> Friedrich Nietzsche: „Der Freigeist“, in: Schönert, Jörg, u.a., Lyrik und Narratologie Text-Analysen zu deutschsprachigen Gedichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Berlin – New York 2007</p>
<p><strong>Tanner, Michael:</strong> Nietzsche, Freiburg/Basel/Wien o.J.</p>
<p><strong>Taureck, Bernard:</strong> Nietzsche und der Faschismus, Leipzig 2000 (zuerst Hamburg 1989)</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Radar Transect South Dome</em><br />
<em> via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/97/Radar_transect_south_dome.jpg">Wikimedia Commons</a></em></h6>
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		<title>Die Ironie des menschlichen Treibens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Nov 2016 08:51:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Donald Trump]]></category>
		<category><![CDATA[Fantastische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Romantik]]></category>
		<category><![CDATA[Romantische Ironie]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
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					<description><![CDATA[E.T.A. Hoffmanns Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ erzählt von der Macht der Zuschreibung und ist damit erstaunlich aktuell. Hoffmanns Erzählstil ist ein Balanceakt: Das Erhabene ist immer auch komisch, das Alltägliche zugleich fantastisch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div>
<p><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="5890" data-permalink="https://tell-review.de/die-ironie-des-menschlichen-treibens/buchcover_reclam_klein_zaches/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?fit=830%2C1280&amp;ssl=1" data-orig-size="830,1280" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="buchcover_reclam_klein_zaches" data-image-description="&lt;p&gt;Buchcover Hoffmann: &amp;#8222;Klein Zaches genannt Zinnober&amp;#8220;&lt;br /&gt;
Reclam Verlag, https://www.reclam.de/detail/978-3-15-000306-0/Hoffmann__E__T__A_/Klein_Zaches_genannt_Zinnober&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?fit=668%2C1030&amp;ssl=1" class="aligncenter size-medium wp-image-5890" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches-195x300.jpg?resize=195%2C300" alt="buchcover_reclam_klein_zaches" width="195" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?resize=195%2C300&amp;ssl=1 195w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?resize=768%2C1184&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?resize=668%2C1030&amp;ssl=1 668w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?resize=300%2C463&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Buchcover_Reclam_Klein_Zaches.jpg?w=830&amp;ssl=1 830w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></p>
<p><span class="dropcap">E</span>in kleines, nicht besonders anziehendes Männlein mit schlechtem Benehmen wird plötzlich zur Projektionsfläche für die Gesellschaft. Die Leute sind von seinem Haar fasziniert. Sie finden eigentlich nicht viel an ihm auszusetzen. Sie loben ihn für Verdienste, die nicht seine eigenen sind. Nachdem er sich einen Namen als Entertainer gemacht hat, steht seinem kometenhaften politischen Aufstieg nichts mehr im Weg. Dass er dafür nicht im Mindesten qualifiziert ist, scheint kaum jemanden zu stören. Und sogar diejenigen, deren Leistungen er für sich reklamiert, stehen auf eigenartige Weise in seinem Bann.</p>
<p>Die Geschichte von Klein Zaches ist auch eine Satire auf Gesellschaft und Politik – und sie wirkt nach der US-Wahl im November 2016 verblüffend frisch. Aber sie erschöpft sich nicht im Satirischen. Hoffmann versteht es hervorragend, die Ambivalenz der Wahrnehmung in der Balance zu halten. Alles ist zugleich grenzenlos und beschränkt, fantastisch und alltäglich, erhaben und lächerlich.</p>
<p>Als der verliebte Student Balthasar in der Waldeinsamkeit seinen Gedanken nachhängt, wird daraus eine Urszene der romantischen Ironie:</p>
<blockquote><p>Erst jetzt fühlte er es recht, wie unaussprechlich er die schöne Candida liebe, aber auch zugleich, daß seltsam genug sich die reinste innigste Liebe im äußern Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen Ironie zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. Er mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, daß er sich darüber sehr zu ärgern begann.</p></blockquote>
<p>Und als ein Stiftsfräulein und ein Gelehrter sich zum Nachmittagskaffee treffen, wird im nächsten Augenblick ein Special-Effects-Feuerwerk abgebrannt:</p>
<blockquote>[…] damit breitete sich ihr seidenes Kleid aus, und sie schwebte als der schönste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tüchtiger Hirschkäfer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab und rannte als kleines Mäuschen auf dem Boden umher. Aber der Hirschkäfer sprang miauend und prustend ihm nach als grauer Kater. Das Mäuschen erhob sich wieder als glänzender Kolibri, da erhoben sich allerlei seltsame Stimmen rings um das Landhaus, und allerlei wunderbare Insekten sumseten herbei, mit ihnen seltsames Waldgeflügel, und ein goldenes Netz spann sich um die Fenster. Da stand mit einemmal die Fee Rosabelverde, in aller Pracht und Hoheit strahlend, im glänzenden weißen Gewande, den funkelnden Diamantgürtel umgetan, weiße und rote Rosen durch die dunkeln Locken geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr der Magus im goldgestickten Talar, eine glänzende Krone auf dem Haupt, das Rohr mit dem feuerstrahlenden Knopf in der Hand.</p></blockquote>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
E.T.A. Hoffmann<br />
<strong>Klein Zaches genannt Zinnober</strong><br />
Ein Märchen<br />
Reclam Verlag 1998 • 150 Seiten • 4,40 Euro<br />
ISBN: 978-3150003060<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3150003067/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783150003060" target="_blank">buecher.de</a><img decoding="async" class="tkxdvvcpvjwmmkmzkpex" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --></p>
<p>Digital:<br />
• <a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Klein+Zaches" target="_blank">zeno.org</a><br />
• <a href="http://gutenberg.spiegel.de/buch/klein-zaches-3089/1" target="_blank">Projekt Gutenberg</a><br />
• Gratis herunterladbares E-Book (Projekt Gutenberg, verschiedene Formate)<br />
</div></div>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Giuseppe Arcimboldo, Der Frühling. Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AGiuseppe_Arcimboldi_001.jpg">via Wikimedia Commons</a></em> (bearbeitet)<br />
<em> Buchcover: <a href="https://www.reclam.de/detail/978-3-15-000306-0/Hoffmann__E__T__A_/Klein_Zaches_genannt_Zinnober" target="_blank">Reclam Verlag</a></em></h6>
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		<title>Vers für Vers 3: Totgeborene Träume</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Oct 2016 08:33:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Vers für Vers]]></category>
		<category><![CDATA[Herbst]]></category>
		<category><![CDATA[Romantik]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein gescheitertes Leben, vergeudete Jugend, versäumte Liebe: Nikolaus Lenaus Gedicht „Herbst“ feiert nicht die Reife und zyklische Vollendung. Es zieht eine Bilanz, die zur Katastrophe treibt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Nikolaus Lenau</em></p>
<h4>Herbst</h4>
<p>(1833)</p>
<p>Nun ist es Herbst, die Blätter fallen,<br />
Den Wald durchbraust des Scheidens Weh;<br />
Den Lenz und seine Nachtigallen<br />
versäumt&#8216; ich auf der hohen See.</p>
<p>Der Himmel schien so mild, so helle,<br />
Verloren ging sein warmes Licht;<br />
Es blühte nicht die Meereswelle,<br />
Die rohen Winde sangen nicht.</p>
<p>Und mir verging die Jugend traurig,<br />
Des Frühlings Wonne blieb versäumt,<br />
Der Herbst durchweht mich trennungsschaurig,<br />
Der schon dem Tod entgegenträumt.</p>
<p style="text-align: left;"><span style="font-size: 80%;">(Ab der dritten Auflage 1837 lautet die Schlusszeile: <em>Mein Herz dem Tod entgegenträumt</em>. Da man lange Zeit dem Editionsprinzip der „Ausgabe letzter Hand“ huldigte, ist das Gedicht mit dieser Schlusszeile in die Anthologien eingegangen.)</span></p>
<hr />
<p><span class="dropcap">B</span>estimmte Gedichte und bestimmte Dichter haben ihre Konjunktur. Nikolaus Lenau (1802-1850) ist ein gutes Beispiel. Über einhundert Jahre lang war seine Lyrik in jeder guten Gedichtanthologie vertreten. In dem ansonsten gelungenen Band <em>Geschichte der deutschen Lyrik</em><sup><a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></sup> allerdings taucht sein Name nicht einmal im Register auf. Wohl aber findet sich der Name Lenau im literarischen kollektiven Gedächtnis Österreichs.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h4>Mein Herz dem Tod entgegenträumt</h4>
<p>In seinem Roman <em>Der Schüler Gerber</em><sup><a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a></sup> von 1930 schildert Friedrich Torberg die Maturaprüfung eines jungen Mannes namens Kurt Gerber. In seinem letzten Schuljahr hat Gerber unter einem Mathematiklehrer mit dem Übernamen „Gott Kupfer“ zu leiden gehabt, sowie unter dem Sterben seines Vaters und dem erwachenden Eros. Nach einer desaströsen Mathematik- und einer akzeptablen Lateinprüfung kommt Deutsch an die Reihe. In der Klausur ist Lenaus <em>Herbst</em> zu interpretieren.</p>
<blockquote><p>Kurt war froh, daß er Lenau besprechen konnte, er liebte ihn, auch das Gedicht hier war ihm bekannt. Er wollte gut darauf achten, daß er es mit entsprechender Reserve vortrug. Nur keine warme, hingegebene Stimme, das gehört nicht hierher – aber als er die letzte Strophe las: Mein Herz dem Tod entgegenträumt, da merkte er plötzlich mit heißem Schreck, daß seine Stimme leicht zitterte. Etwas Hohes durchwogte ihn, etwas bisher noch nie Gefühltes: es war nicht eigentlich ungut, nein, nur ein wenig unbehaglich, etwas Unnahbares, Gewaltiges – was es in ihm auslöste, hätte er nicht zu sagen vermocht.</p></blockquote>
<p>Gerber wird von diesem Gedicht so sehr überwältigt, dass er gar nicht merkt, wie gut seine Interpretation ist – so gut, dass es keine Nachfragen der Prüfer gibt. Nach der Prüfung ist er sich selbst fremd. Ist es Angst vor dem Versagen, Angst vor dem Leben? Ist es Lenaus Gedicht, das den Schüler zum finalen taedium vitae führt und verführt? Friedrich Torberg, der diesen Roman mit zwanzig Jahren geschrieben hat, war selbst einmal durch die Matura gefallen – er lässt diese Frage offen. Kurt Gerber begeht Suizid, indem er aus dem Fenster des Schulgebäudes springt. Hinterher erfahren die Leser, dass er die Matura bestanden hat.</p>
<p>Tatsächlich ist Lenaus <em>Herbst</em> verführerisch, fast eine exakt gereimte Aufforderung zum Bilanz-Selbstmord. Es geht um ein gescheitertes Leben, um vergeudete Jugend, versäumte Liebe. Das Verb „versäumen“ kommt als einziges zwei Mal vor! Eine Bilanz, die zur Katastrophe treibt.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h4>Den Wald durchbraust des Scheidens Weh</h4>
<p>In der ersten Zeile geschieht nichts Interessantes, der Herbst gehört zum Lebenslauf; die Erfahrung „Herbst“ macht jeder viele Male in seinem Leben. Dann aber legt Lenau los:</p>
<blockquote><p>Den Wald umbraust des Scheidens Weh.</p></blockquote>
<p>Den Wind gibt es immer, aber erst im Herbst hat er Macht. Dass er die Blätter jedes Jahr aufs Neue vor sich her treibt, ist eine Binse, dass man ihn als „des Scheidens Weh“ begreift, ist es nicht. Stilistisch wird der Wind personifiziert, eine Spezialform der Metapher, jedoch liegt in meinen Augen keine &#8218;Vermenschlichung&#8216; vor (wie etwa bei &#8218;Meeresbusen&#8216;). Dieses nicht näher bestimmte &#8218;Weh des Scheidens&#8216; ist kalt, unpersönlich, objektiv. Es <em>um</em>braust den Wald, umzingelt ihn also regelrecht und greift ihn – den Wald und also den Dichter – siegessicher an. <span class="pull-left">Eine kühne, moderne, schon nicht mehr romantische Bildlichkeit.</span>Immer wieder finden wir in Lenaus Werk Naturmetaphern, in denen er Phänomene der unbelebten Natur mit denen des menschlichen Lebens kontrastiert – und immer behält die unbelebte, amorphe Natur die Oberhand. In <em>An den Wind</em> entreißt ein „rauher, kalter Windeshauch“ dem Sänger noch die letzten Liebesgrüße. In <em>Niagara</em> heißt es: „Die Stromschnellen stürzen, schießen, / Donnern fort im wilden Drang, / Wie von Sehnsucht hingerissen, / nach dem großen Untergang.“</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h4>Der Himmel schien so mild, so helle</h4>
<p>Nach dem Herbstwind, dem Wald, dem Frühling, der Nachtigall und der See bringt Lenau jetzt den Himmel ins Spiel – und zwar offenbar als weiteres retardierendes Moment: Er „schien“ (natürlich doppeldeutig zu lesen!) so mild, so helle. Dieser Gegenentwurf zum Wüsten, zum Weh, wird jedoch sofort widerlegt: Sein warmes Licht ging „verloren“. Offenkundig ist der Himmel über dem Meer gemeint: Denn die Meereswelle „blühte nicht“, spiegelte also das Milde, Helle des Himmels nicht wider, und demzufolge können auch die rohen Winde nicht singen. Eine kühne, moderne, schon nicht mehr romantische Bildlichkeit. Denn Sache des Dichters wäre es eigentlich zu singen, doch der Dichter verliert sich hier abermals, er löst sich abermals auf im Wind. Ist „Himmel“ christlich zu lesen? Sicher auch. Lenau war stark christlich geprägt, legte aber gegenüber der Orthodoxie eine deutliche Verachtung an den Tag, wie so viele Intellektuelle und Künstler seit dem 18. Jahrhundert. Und so besteht das Gedicht denn in einer Absage an den Himmel als sinn- und ordnungsstiftendes Prinzip. Der Himmel hilft nicht mehr, er scheint bloß noch auf.</p>
<p>Man achte auf die Eröffnungszeile der letzten Strophe:</p>
<blockquote><p>Und <strong>mir</strong> / ver<strong>ging</strong> / die / <strong>Ju</strong>gend / <strong>trau</strong>rig,</p></blockquote>
<p>mit „/ die /“ als Zwischentakt: Die Zeile öffnet jambisch, endet aber nach dem Zwischentakt trochäisch. Sie steigt – und fällt dann. Die Jugend, Zeit der Hoffnung, des Erwachens, birgt hier bereits den Absturz in sich, denn der Dichter macht nichts, die Jugend passiert ihm: „mir“, nicht „ich“. Hier spricht schon kein &#8218;lyrisches Ich&#8216; mehr, eher ein &#8218;lyrisches Mir&#8216;.</p>
<p style="text-align: center;">* * *</p>
<h4>Der Herbst durchzieht mich trennungsschaurig</h4>
<p>Der Herbst ist ein altes literarisches Symbol. Lenau evoziert damit, wenig originell, Vergänglichkeit, Dahinscheiden, Alter, Verlust – aber durchaus auch Herbstfarben, Weinlese, Erfüllung, Reife, den notwendigen Rückzug für die Wiederkehr als Teil des Lebenskreislaufs. <span class="pull-right">Lenaus Herbstgedicht ist formvollendete Ausweglosigkeit.</span>Der Widerpart des Herbsts ist der Frühling – das beginnende Leben, die Jugend, die erste Liebe. Jedes Herbst-Gedicht bezieht seine Spannung daraus, dass es das zur Neige gehende Jahr mit den Hoffnungen des Frühlings kontrastiert. So etwa bei Eichendorff, wenn ihn die Glocken im Herbst an &#8222;stille Kinderzeit&#8220; erinnern – „was mich liebt, ist weit“ (aber eben existent). So bei Shelley in seiner <em>Ode an den Westwind</em>.</p>
<p>In diesem Sinne ist Lenaus <em>Herbst</em> kein gewöhnliches Herbstgedicht. Keine Erfüllung, keine Weinlese, kein Ausblick auf einen neuen Frühling – der Frühling ist Vergangenheit und wird es bleiben, bzw. er existierte gar nicht, wurde versäumt. Keine versöhnenden Eichendorffschen Kinderstimmen, keine Shelleysche „trumpet of a prophecy“, die den Frühling wenigstens andeutet. Sondern formvollendete Ausweglosigkeit. Allein die Tatsache, dass Lenau dieses technisch brillante Gedicht notiert hat, mag man als Protest deuten: Werther bringt sich um, nicht Goethe. Kurt Gerber springt in den Tod, nicht der 20-jährige Friedrich Torberg. Das lyrische Ich träumt sich in den Tod, nicht Lenau, der seine wichtigsten Werke noch vor sich hat.</p>
<p>Nikolaus Lenau wurde 1802 in Tschadat (heute Lenauheim, Rumänien, damals Königreich Ungarn) geboren und starb 1850 nahe Wien; übrigens nicht an gebrochenem Herzen, oder woran sonst ein melancholischer Spätromantiker so zu sterben hat, sondern an den Folgen eines Schlaganfalls. Das Gedicht <em>Herbst</em> entstand 1833; Lenau war 31 Jahre alt, nach damaligem Verständnis also beileibe nicht mehr jung. <span class="pull-left">Die Träume sind tot geboren. Melancholischer geht es nicht</span>1832-33 war er unterwegs, er überquerte, als einer der ersten deutschsprachigen Literaten, den Atlantik, um in der &#8217;neuen Welt&#8216; Perspektiven zu finden, die ihm das alte Europa offenbar nicht mehr bot. Nach einem halben Jahr kehrte er zurück, entgeistert von der frühkapitalistischen Geldmacherei: „Diese Amerikaner sind himmelanstinkende Krämerseelen“, schreibt er 1833 in einem Brief.</p>
<p><em>Herbst</em> darf somit auch als autobiografisches Statement gedeutet werden. Die Hoffnung auf Besserung „versäumt ich auf der hohen See“. Das war bei Lenau, der dezidierte Vormärzgedichte schrieb, auch politisch gemeint, allerdings war bei ihm das Politische vor allem privat, wie bei allen politisierenden Romantikern. Die Träume sind tot geboren. Melancholischer geht es nicht. Dass der junge Intellektuelle und Schriftsteller Friedrich Torberg Ende der 1920er in Wien sich und seinesgleichen in diesem Gedicht wiederfand – wen wundert‘s?</p>
<hr />
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Geschichte der deutschen Lyrik. Herausgegeben von Holznagel / Kemper / Korte u.a. Stuttgart: Reclam 2004.</p>
<p style="font-size: 75%;"><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Ursprünglicher Titel: <em>Der Schüler Gerber hat absolviert</em></p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild © Lars Hartmann</em></h6>
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