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	<title>Holocaust &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Holocaust &#8211; tell</title>
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		<title>Vom Geheimnis gehütet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Jun 2017 06:40:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[NS-Verbrechen]]></category>
		<category><![CDATA[Triest]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Risiera di San Sabba in Triest war schon einmal Schauplatz eines Romans: In Thomas Harlans "Heldenfriedhof" (2006) geht es um die NS-Täter der "Aktion Reinhardt" und das Schweigen über ihre Taten.   ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Dieser Lektüretipp steht thematisch im Zusammenhang mit Claudio Magris&#8216; Roman <em>Verfahren eingestellt. </em>Weitere Beiträge zu Magris:</p>
<ul>
<li><a href="http://tell-review.de/gegen-das-vergessen-des-vergessens/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Gegen das Vergessen des Vergessens&#8220;</a>: Rezension von <a href="http://tell-review.de/author/frank-hahn/" target="_blank" rel="noopener">Frank Hahn</a></li>
<li><a href="http://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Triest – Spiegel der Weltgeschichte&#8220;</a>: Essay von <a href="http://tell-review.de/author/agnese-franceschini/" target="_blank" rel="noopener">Agnese Franceschini</a><br />
</div></div></li>
</ul>
<p><a href="https://www.amazon.de/dp/3499256894/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="10578" data-permalink="https://tell-review.de/vom-geheimnis-gehuetet/cover-heldenfriedhof/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-Heldenfriedhof.jpg?fit=303%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="303,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover Heldenfriedhof" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-Heldenfriedhof.jpg?fit=303%2C499&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-10578 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-Heldenfriedhof-182x300.jpg?resize=182%2C300" alt="" width="182" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-Heldenfriedhof.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-Heldenfriedhof.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-Heldenfriedhof.jpg?resize=300%2C494&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-Heldenfriedhof.jpg?w=303&amp;ssl=1 303w" sizes="(max-width: 182px) 100vw, 182px" /></a><span class="dropcap">F</span>ür Thomas Harlan war der „Mord an den Juden“, wie er den Holocaust in <em>Heldenfriedhof </em>nennt, ein Lebensthema. Als Sohn von Veit Harlan, dem Regisseur von <em>Jud Süß</em>, habe er Gründe genug gehabt, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen.</p>
<p>In Thomas Harlans Werk geht es nicht um Auschwitz, denn über Auschwitz hätte er nur Dinge berichten können, die er von anderen wusste, so der Autor in einem Interview. Die Verbrechen der Aktion Reinhardt dagegen hatte Harlan selbst recherchiert, als er in den 1960er-Jahren in polnischen Archiven nach Beweisen für die Anschuldigungen gegen NS-Täter suchte, die er anlässlich der Aufführung seines Theaterstücks <em>Ich selbst und kein Engel</em> 1959 in Berlin verlesen hatte. Später setzte er seine Recherchen in Triest fort.</p>
<h3>Die unbekannten NS-Verbrecher</h3>
<p>Denn zu den Mordstätten der Aktion Reinhardt, deren Mitglieder in den Vernichtungslagern Bełżec, Treblinka und Sobibór mehr als zwei Millionen Menschen vergasten, gehörte auch die Risiera di San Sabba in Triest. Nachdem das Vernichtungswerk in Polen im Herbst 1943 abgeschlossen war, die Lager und somit alle Beweise vernichtet, wurden die verbliebenen Beteiligten der Aktion Reinhardt nach Triest beordert. Dort errichteten sie ein letztes Konzentrationslager.</p>
<blockquote><p>Die achtundsiebzig überlebenden Pfleger und Brenner des ‚Reinhard‘-Stabs der <em>Zweiundneunzig</em> hatten nach Bewältigung einer nahezu menschenunmöglichen, zwei Jahre ihres Lebens und zahllose Leben aufzehrenden Aufgabe im Zustande völliger Ermüdung ihre Verlegung von Lublin nach Triest im Landmarsch mit Automobilen bewerkstelligt, dessen Kolonne von siebenundzwanzig Kübelwagen und Privatfahrzeugen sowie zwei Autobussen der Reichspost nach einem Halt und Umtrunk im Pferdestall der Kärntner Gauleitervilla von Pörtschach am Wörthersee mit dem Hausherrn und persönlich mit dem Herrn in Personalunion Reichsstatthalter Adriatisches Küstenland, Rainer, Friedrich, am 23. Oktober 1943 das Lager ‚Risiera di San Sabba‘ erreichte, eine ehemalige, aus sieben, teils sechsstöckigen Fabrikteilen bestehende Reismühle, die ein Schornstein überragte.</p></blockquote>
<p>Ein Satz, der so lang und kräftezehrend ist wie der Landmarsch, den er beschreibt. Thomas Harlan treibt die Sprache in seinen Sätzen bis an die Grenzen des Möglichen. Die Lektüre ist so lohnend wie anspruchsvoll, schon das Inventar der Figuren und Schauplätzen ist kaum zu überblicken, zumal wir hier den unbekannten NS-Verbrechern begegnen. Zum Beispiel Christian Wirth, dem Inspekteur der Vernichtungslager der Aktion Reinhardt. Wir werden Zeuge, wie er in der Risiera seine Mannen sammelt. Es ist eine der wenigen kinematografischen Szenen des Romans:</p>
<blockquote><p>Draußen unter neuer Sonne stand der Haufen, trat schon der Haufen heraus, als das Eisentor aufgerissen wurde, Hunde anschlugen, Hunde zurückgepfiffen wurden, das Schilderhaus strammstand, Kradfahrer in den Hof brausten, Seitenwagen fast kippten, bremsten, als die Staubmäntel hochflogen, der Staub sich schon legte, die Schutzbrillen schon abgenommen waren, die Hacken schon knallten, als, wer weiß, ob er es schon war, als jeder wußte, Christian kommt, als Christian kam, aufrecht in seinem Geländemercedes stehend, die Hand am Fernstecher, und stoppte, ausstieg, vor den Haufen trat, grüßte, anschiß, „Penner“ sagte, und dann das Kroppzeug abschritt, erst das deutsche, dann das erdbraune fremdvölkische, mal stehenblieb, mal in die sogenannten Gesichter blickte, Koppel im Geist polierte, gerne Litzen abgerissen hätte, und sich dann plötzlich in der Hofmitte aufbaute, im stumpfen Winkel zu seinen beiden ‚Reinhard‘-Einheiten, und verfügte: R-2 kommt nach Fiume, los, R-3 nach Udine, R-1, ihr Schlappsäcke, bleibt hier im Bau, spurt euch.</p></blockquote>
<h3>Verwandtschaft der Täter mit den Opfern</h3>
<p>Der Protagonist Enrico Cosulich macht sich auf die Suche nach seiner gemütskranken Mutter Maria. Ihre Spuren verlieren sich in der Risiera, und Enrico muss, nach einer weitverzweigten Forschungsreise durch Zeiten und Weltgegenden, erkennen, dass es eine letzte Nähe zu den Mördern gibt: Er wird dereinst in der gleichen Erde ruhen wie sie.</p>
<p>Die Verwandtschaft der Täter mit den Opfern ist ein Leitmotiv des Romans. Oft ist dieses Motiv versteckt, beispielsweise in dieser Unterhaltung in der Risiera (eine Fortführung der obigen Szene):</p>
<blockquote><p>R-3 wollte „Decken“ für Udine, „da is schon Winter“; R-3-Chef Reichleitner (Franz) war eine „blöde Bemerkung herausgerutscht“ (so erklärte er sich alles später im Bau), er hatte „einfach nur mal so“ gesagt, daß „ohne Degge do obe, könne die sich jo de Doot hole“. Die Antwort Christians saß: „Dozu sin die doch do.“</p></blockquote>
<p>Dieser Wortwechsel geht auf eine Passage im Gerstein-Bericht zurück. Der Chemiker Kurt Gerstein wurde als SS-Obersturmführer und Hygienefachmann 1942 in Bełżec Augenzeuge der Vergasung. In dem Bericht, der bei den Nürnberger Prozessen als Beweismaterial verwendet wurde, bezieht sich die Bemerkung, &#8222;dazu sind sie doch da&#8220;, auf die Opfer, die nackt im Freien vor der Gaskammer warten mussten <span style="margin: 0px; line-height: 115%; font-family: 'Calibri',sans-serif; font-size: 12pt;"><span style="color: #000000;">– </span></span> auch im Winter, wie ein Wachmann Gerstein auf Anfrage bestätigt. In der Risiera sind die Täter nin selbst in Gefahr, Opfer zu werden. Der Tod droht ihnen nicht nur von den italienischen und jugoslawischen Partisanen, sondern auch von den eigenen Leuten. Denn die Täter der Aktion Reinhardt wissen zu viel.</p>
<h3>Das Geheimnis mit ins Grab nehmen</h3>
<p>Thomas Harlans <em>Heldenfriedhof</em> ist eine Mischung aus Fakten und Fiktion, ebenso wie Claudio Magris‘ Roman-Essay <a href="http://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/" target="_blank" rel="noopener"><em>Verfahren eingestellt</em></a>. In <em>Heldenfriedhof</em> begegnen wir 16 verbliebenen Tätern der Aktion Reinhardt im Jahr 1962, sie sammeln sich ein letztes Mal, um sich umzubringen, und zwar auf dem titelgebenden &#8222;Cimitero degli Heroi&#8220; in Aquilea. Es ist die Zeit, in der die Justiz die Verfolgung der NS-Verbrechen aufnimmt, und die Täter wollen ihr Schweigegelübde halten, indem sie ihre Verbrechen mit ins Grab nehmen. Dieser fiktive Massenselbstmord ist in <em>Heldenfriedhof</em> ein Symbol für das Schweigen im Nachkriegsdeutschland.</p>
<p><em>Heldenfriedhof</em> sei ein Klagegesang, sagte Thomas Harlan. Es ist auch ein Mahnmal für das von Magris benannte „Vergessen des Vergessens“: Wem sind heute beispielsweise die Daten bewusst, die die systematische Vernichtung von Menschenleben einrahmen? Am 7. Dezember 1941  begannen die Morde im Gaswagen im noch improvisierten Vernichtungslager Kulmhof, und am 5. November wurden in der „Aktion Erntefest“ die noch verbliebenen Zwangsarbeiter der deutschen Lager im besetzten Polen erschossen.</p>
<p>Thomas Harlan hat diesen beiden Daten ein Denkmal gesetzt, mit einem kühnen, auf Anhieb kaum lesbaren und bis zum Bersten aufgeladenen Satz. Mit dem „sie“ im Subjekt sind die &#8222;namentlich genannten und auch die nicht genannten Figuren&#8220; von Enricos Erzählung gemeint, ebenso ihr Erzeuger; sie alle waren Kranke, &#8222;wie es jene wurden, die darin lasen&#8220;. Ihre Krankheit hat zu tun mit einem Geheimnis, &#8222;das sie mit niemandem teilen konnten, weil sie eins mit ihm waren&#8220;.</p>
<blockquote><p>Ungewöhnlich an diesem Geheimnis nur war, daß nicht sie es waren, die es hüteten;  sie waren es, die von ihm gehütet wurden, riesige, ihren Hund vor sich selbst schützende Herden, die, ohne sich je dessen bewußt geworden zu sein, mit ihrem Wächter zusammengewachsen sein mußten und sich wiederum dadurch auszeichneten, daß, obschon sie davon so gut wie nichts wußten, ihre Zeit am 7. Dezember 1941 (ohne zu verstehen, was es mit diesem Tage auf sich hatte) abgelaufen war, auch dann, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren waren, und daß die Zeit, die folgte, wenn es überhaupt Zeit war und nicht etwas, das noch keinen Namen hatte, obschon es dauerte und das dauernde Etwas bis zum 5. November 1943 um Mitternacht andauerte – daß die Zeit also, die folgte, nicht zählte, auch dann nicht, wenn sie aus Gewohnheit oder aus noch schlechteren Gründen die Tage weitergezählt und nicht bemerkt hatten, daß ihr Lebenslauf von einem anderen Lebenslauf begleitet wurde, der zum Stillstand gekommen war und den sie nun hinter sich ließen, einen Stillstand, den sie mit anderen Stillständen teilten, gelassenen Leben, die, nicht mehr geführt, verkamen und im Wirrwarr jener Fäden, bald miteinander verknotet, fast Filz, dickfellig jenes Winterfett bildeten, Flomen und Liesen, den Schmerfluß der vor jeglicher Erinnerung sich hütenden Relikte des Gewissens, von dessen nagender Sucht und Berührung mit dem Unseligen das überfütterte Gewebe sie nun verschonen würde.</p></blockquote>
<p>Der Satz gibt in seiner Struktur den Wirrwarr jener Fäden wieder, die sich verfilzen. Er verweigert sich dem Verstehen in ähnlicher Weise, wie die Täter und ihre Nachgeborenen sich der Erinnerung verweigern.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
Thomas Harlan<br />
<strong>Heldenfriedhof</strong><br />
Roman<br />
Rowohlt Taschenbuch 2011 · 720 Seiten · 10,99 Euro<br />
ISBN: 978-3499256899<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3499256894/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783499256899" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" class="gslidryzysiwbykaoaqa" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: Risiera di san Sabba.<br />
(<span class="mw-mmv-title">Fabrikgebäude mit Gedenkstätte an der Stelle des gesprengten Krematoriums</span>)<br />
Bearbeitet von Sieglinde Geisel<br />
Von <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Zapping" target="_blank" rel="noopener">Zapping</a>, 2005<br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/" target="_blank" rel="noopener">CC BY 2.5<br />
</a>Buchcover: Verlag</h6>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Triest – Spiegel der Weltgeschichte</title>
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					<comments>https://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Jun 2017 08:19:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>
		<category><![CDATA[Kakanien]]></category>
		<category><![CDATA[Triest]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit seinem Roman-Essay "Verfahren eingestellt" wendet sich Claudio Magris gegen das Vergessen des Vergessens. Die Stadt Triest spielt für die Aufarbeitung des Faschismus in Italien eine besondere Rolle. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Weitere Beiträge zu Claudio Magris&#8216;  Roman<em>Verfahren eingestellt</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://tell-review.de/gegen-das-vergessen-des-vergessens/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Gegen das Vergessen des Vergessens&#8220;</a>: Rezension von <a href="http://tell-review.de/author/frank-hahn/" target="_blank" rel="noopener">Frank Hahn</a></li>
<li><a href="http://tell-review.de/vom-geheimnis-gehuetet/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Vom Geheimnis gehütet&#8220;</a>: Lektüretipp von <a href="http://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank" rel="noopener">Sieglinde Geisel </a>zu Thomas Harlans <em>Heldenfriedhof</em><br />
</div></div></li>
</ul>
<blockquote><p>Die Schriftsteller – das behaupteten schon die Griechen – erzählen viele Lügen, das heißt, sie erfinden etwas. Aber die Etymologie suggeriert, dass &#8222;erfinden&#8220; eng verbunden ist mit &#8222;finden&#8220;, etwas – eine Geschichte, eine Figur, ein Detail – Wirkliches, Wahres finden.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">S</span>o schreibt Claudio Magris am Ende von <em>Verfahren eingestellt</em>. In diesem Spagat zwischen Erfinden und Finden spielt der ganze Roman. Erzählt wird die Geschichte eines &#8222;Kriegsmuseums zum Zwecke des Friedens&#8220;. Dieses Museum existiert tatsächlich in Triest. Sein Gründer war ein exzentrischer Professor namens Diego de Henriquez. Er sammelte Waffen aus aller Welt und kam 1974 bei einem mysteriösen Brand ums Leben, der auch seine Sammlung teilweise vernichtete.</p>
<h3 style="text-align: left;">Ein Kriegsmuseum für den Frieden</h3>
<p>Diesem Museum und seinem Gründer hatte Claudio Magris 2009 bereits seine <a href="http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2009%20Friedenspreis%20Reden.pdf">Dankesrede</a> zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gewidmet. Magris gestand, „seit langem mit dem Schatten dieses Mannes“ zu leben, „den die Flammen seines Scheiterhaufens auch in mein Gehirn projiziert haben – und auf das Papier, auf das ich zu schreiben versuche“. Da der Brand möglicherweise vorsätzlich gelegt wurde, kam es zu einem Prozess, der jedoch eingestellt wurde.</p>
<p>Wer hatte ein Interesse am Tod des Professors? Offenbar hatte Diego de Henriquez Wandkritzeleien der öffentlichen Latrinen bei der Risiera di san Sabba abgeschrieben, dem einzigen Konzentrationslager, das die Nationalsozialisten in Italien betrieben hatten.</p>
<blockquote><p>In diesen Inschriften sollen einige Personen der damaligen oberen Triester Gesellschaft von den Opfern bezichtigt worden sein, kollaboriert und Juden denunziert zu haben, die später vergast wurden.</p></blockquote>
<p>Schon damals wurde Claudio Magris aufgrund seiner Rede von italienischen Zeitungen als Nestbeschmutzer angegriffen. Der Germanist und Schriftsteller recherchierte weiter für seinen Roman <em>Verfahren eingestellt</em>, der in Italien 2016 erschienen ist.</p>
<h3 style="text-align: left;">Verdrängung auf Italienisch</h3>
<p>Im Mittelpunkt von <em>Verfahren eingestellt</em> stehen die Stadt Triest und das Konzentrationslager in der Risiera di San Sabba, eine ehemalige Reismühle im Stadtteil San Sabba. In der Risiera wurde gefoltert und ermordet, es gab eine Gaskammer und ein Krematorium, doch niemand wollte den Rauch wahrnehmen, und auch nach dem Krieg wurde die Risiera vergessen. Der Titel <em>Verfahren eingestellt</em> bezieht sich nicht nur auf die gescheiterten Prozesse gegen die SS-Männer der Risiera und ihre italienischen Komplizen, sondern auch auf das „Abschaben des Bewusstseins“, wie Magris die Verdrängung der faschistischen Vergangenheit im Roman bezeichnet. Das Land der Partisanen, das sich von den Nationalsozialisten und Faschisten befreit hatte, wollte sich seine Mittäterschaft bei der Vernichtung von Juden nicht eingestehen. Dem Mythos der „italiani brava gente“ – die Italiener als anständige Leute – sollte nicht widersprochen werden.</p>
<p>Doch auch unter den Italienern gab es Mittäter und Profiteure der deutschen Besatzung:</p>
<blockquote><p>Die Geschichte, die Gesellschaft, die Gesellschaften sind Lehrmeisterinnen der Neurochirurgie und machen rapide Fortschritte. Auch in unserer Stadt, die jede Anekdote über Kaiser Franz Joseph im Gedächtnis hat und sich an jedes Detail von der Ankunft der Bersaglieri erinnert, aber wenig weiß über die Risiera, über den, der sich im stinkenden Rauch des Krematoriumsofens aufgelöst hat, über meine in diesem Rauch verschwundene Großmutter und über die Tatsache als solche, dass überhaupt jemand in diesem Rauch verschwunden ist – ungefähr fünftausend, scheint es, nach den nüchternsten Einschätzungen.</p></blockquote>
<p>Wer hier spricht, ist Luisa, die Tochter einer Jüdin und eines afroamerikanischen Leutnants. Anders als der Waffensammler ist sie eine rein literarische Figur. Ihre Großmutter mütterlicherseits hatte, als Jüdin, andere Juden verraten, bevor sie selbst in der Risiera ermordet wurde. Die Schuld der Großmutter Deborah trieb Luisas Mutter in den Selbstmord. Luisas Familie vereint die Tragödie zweier Völker.</p>
<blockquote><p>Die Juden sind die Neger der Welt, und die Neger in Amerika sind die Juden in Ägypten, die der Pharao verfolgt, weil er sie fürchtet? Vielleicht sind sie ein und dasselbe, das auserwählte Volk, weil es verfolgt wird?</p></blockquote>
<h3 style="text-align: left;">Kakanien an der Adria</h3>
<p>Triest ist nicht zufällig Luisas Geburtsort. Die Stadt trägt sämtliche Widersprüche Mitteleuropas in sich. Durch diese und andere Geschichten wird Triest in dem Roman zum Zentrum der Welt. In einem gewissen Sinn ist Triest die eigentliche Protagonistin des Romans. Als die Stadt der K.-u.-k-Monarchie angehörte, war sie der wichtigste Hafen Kakaniens, und mit 250 000 Einwohnern nach Wien die zweitgrößte Stadt Österreichs. In dem Roman wird das Schloss Miramare beschrieben, wo am 20. April 1945 Nationalsozialisten und ihre italienischen Komplizen zum letzten Mal den Geburtstag Adolf Hitlers feierten. Das Schloss wurde im Auftrag von Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich errichtet und gibt dem Autor Gelegenheit, die Geschichte dieses unglücklichen Bruders von Kaiser Franz Joseph I. zu erzählen: die Geschichte des Erzherzogs Maximilian, der in eben diesem Schloss 1864 von einigen mexikanischen Delegierten zum Kaiser von Mexiko ernannt worden war. Ein Königreich, das ihm zum Verhängnis werden sollte: Drei Jahre später wurde Maximilian von den Mexikanern hingerichtet.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="10456" data-permalink="https://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/trieste_miramare1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Trieste_miramare1.jpg?fit=768%2C536&amp;ssl=1" data-orig-size="768,536" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;6.9&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;PENTAX Optio 330GS&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1056904130&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;11.5&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.004&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Trieste_miramare1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Trieste_miramare1.jpg?fit=768%2C536&amp;ssl=1" class=" wp-image-10456 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Trieste_miramare1-300x209.jpg?resize=428%2C298" alt="" width="428" height="298" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Trieste_miramare1.jpg?resize=300%2C209&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Trieste_miramare1.jpg?resize=80%2C56&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Trieste_miramare1.jpg?w=768&amp;ssl=1 768w" sizes="(max-width: 428px) 100vw, 428px" /></p>
<h3 style="text-align: left;">&#8222;Italianissima Trieste&#8220;</h3>
<p>Der Roman verfolgt viele solcher kuriosen Anekdoten aus der Geschichte Triests. Und viele davon haben einen internationalen Hintergrund. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Triest, bis dahin eine multikulturelle und multikonfessionelle Stadt, in der Italiener, Slawen, Deutsche, Katholiken, Orthodoxe und Juden zusammenlebten, zur „italianissima Trieste“. Nach mehr als 500 Jahren Habsburgerherrschaft und Zugehörigkeit zu einem Vielvölkerstaat war die Stadt nun eine Hochburg der italienischen Faschisten. Kroaten und Slowenen wurden vertrieben oder zur Assimilation gezwungen, Juden verfolgt:</p>
<blockquote><p>So wie Salem, der Beste seiner Bürgermeister, dem man immer noch nachtrauerte, weil er die Stadt so sauber gehalten hatte; nachgetrauert wurde ihm auch von vielen, die ihn 1938 mit den vom Duce ausgerechnet in Triest proklamierten Rassengesetzen vergessen mussten oder wenigsten so tun, als hätten sie ihn vergessen.</p></blockquote>
<p>Während den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wird Triest zum Schauplatz eines Kampfes zwischen deutschen Nationalsozialisten, italienischen Faschisten, italienischen, kroatischen und slawischen Partisanen und alliierten Soldaten aus Neuseeland. In Magris‘ Beschreibung dieser schicksalhaften Tage symbolisiert Triest die Unsinnigkeit des Krieges.</p>
<blockquote><p>Im deutschen Kommando betrachtet man die Wirklichkeit mit den starren und geweiteten Augen des Achats, der wesentlich tausendjähriger ist als das Tausendjährige Reich, und alles tobt mit Überschallgeschwindigkeit darum herum; dem Auge, dessen Etappen dabei sind aufzuhören, gelingt es nicht, den Dingen zu folgen, die sich so konfus und schwindelerregend verändern. Aber auch für die anderen ist es schwierig, den Dingen zu folgen und sie einzuordnen. Schritt zu halten mit ihrer Beschleunigung. Die Befreiung dauert eine Sekunde und ist bereits Okkupation, der Sieg bereits Niederlage.</p></blockquote>
<h3 style="text-align: left;">Der Spiegel der Welt</h3>
<p>Nach dem Zweiten Weltkkrieg erweist sich Triest als Knotenpunkt der Konflikte des kalten Kriegs. 1947 wird das Freie Territorium Triest gegründet, eine konstitutionelle Republik, weder italienisch noch jugoslawisch. Der Stadtstaat hat sogar eine eigene Flagge und wird von den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und Jugoslawien militärisch besetzt und verwaltet. Wie Berlin wird Triest zu einer geteilten Stadt: Die Zone A ist von britischen und US-amerikanischen Soldaten besetzt und die Zone B von jugoslawischen. Bis 1954 ist die Stadt in Italien ein Symbol für den Kalten Krieg, danach verkommt sie zu einer Grenzstadt.</p>
<p>In Claudio Magris&#8216; Roman wird Triest zum Spiegel der Weltgeschichte.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Claudio Magris<br />
<strong>Verfahren eingestellt</strong><br />
Roman · Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend<br />
Verlag Carl Hanser 2017 · 400 Seiten · 25 Euro<br />
ISBN: 978-3446254664<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3446254668/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783446254664" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="gcjocxzthncbplynkodb zohmqqkwjwkzkucoovys" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10524" data-permalink="https://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/magris_25466_mr-indd/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?fit=1600%2C2451&amp;ssl=1" data-orig-size="1600,2451" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;Magris_25466_MR.indd&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Magris_25466_MR.indd" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?fit=672%2C1030&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-10524" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1-196x300.jpg?resize=196%2C300" alt="" width="196" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=768%2C1176&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=672%2C1030&amp;ssl=1 672w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=1300%2C1991&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=300%2C460&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?w=1600&amp;ssl=1 1600w" sizes="auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: Risiera di san Sabba.<br />
(<span class="mw-mmv-title">Fabrikgebäude mit Gedenkstätte an der Stelle des gesprengten Krematoriums</span>)<br />
Bearbeitet von Sieglinde Geisel<br />
Von <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Zapping" target="_blank" rel="noopener">Zapping</a>, 2005<br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/" target="_blank" rel="noopener">CC by 2.5<br />
</a>Buchcover: Verlag</h6>
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		<item>
		<title>Gegen das Vergessen des Vergessens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jun 2017 12:41:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[NS-Verbrechen]]></category>
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					<description><![CDATA[In seinem Roman-Essay "Verfahren eingestellt" legt Claudio Magris Zeugnis ab über den Völkermord. Im Fokus seiner poetischen Prosa steht das KZ in der Risiera di San Sabba in Triest. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Weitere Beiträge zu Claudio Magris&#8216;  Roman<em>Verfahren eingestellt</em>:</p>
<ul>
<li><a href="http://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Triest –  Spiegel der Weltgeschichte&#8220;</a>: Essay von <a href="http://tell-review.de/author/agnese-franceschini/" target="_blank" rel="noopener">Agnese Franceschini</a></li>
<li><a href="http://tell-review.de/vom-geheimnis-gehuetet/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Vom Geheimnis gehütet&#8220;</a>: Lektüretipp von <a href="http://tell-review.de/author/sieglinde-geisel/" target="_blank" rel="noopener">Sieglinde Geisel </a>zu Thomas Harlans <em>Heldenfriedhof</em><br />
</div></div></li>
</ul>
<p><span class="dropcap">C</span>laudio Magris wurde 1939 in Triest geboren und lebt bis heute in der Stadt. Hier gab es das einzige KZ auf italienischem Boden: die Risiera di San Sabba, eine ehemalige Reismühle, in der ab dem Herbst 1943 Tausende von Menschen vergast wurden. Vor diesem Hintergrund war es Claudio Magris ein besonderes Anliegen, ein Buch gegen das Vergessen zu schreiben, besser noch „gegen das Vergessen des Vergessens“. Dieses Ansinnen verbindet den Autor mit seinem namenlosen Protagonisten, einem skurrilen Sammler, der in Triest ein Kriegsmuseum errichten will, das dem Frieden dienen soll. Laut Magris ist diese Figur frei erfunden, allerdings weist er in einer Anmerkung darauf hin, dass „erfinden“ von „finden“ komme. In diesem Fall handele es sich um den Professor Diego de Henriquez, „einem genialen und unbeugsamen Triester von großer Bildung und verbissener Leidenschaft“.</p>
<h3>Universalgeschichte der Gewalt</h3>
<p>Zum Thema Vergessen heißt es im Notizbuch des erfunden-gefundenen Protagonisten:</p>
<blockquote><p>Der Krematoriumsofen ist eine ausgezeichnete Chirurgie des Vergessens…der rasch sich verflüchtigende Rauch ist nicht da, man sieht nicht, dass er nicht da ist. Der zu Rauch gewordene Mensch fehlt nicht…wer bemerkt den unsichtbaren Rauch, der weiterschweift? Es ist dieser Rauch, nach dem ich suche, nach diesen zu Asche gewordenen Namen. In Triest sehe ich in jeder Straße den Rauch, den man nicht sehen wollte.</p></blockquote>
<p>Der Bau des Kriegsmuseums – die äußere Rahmenhandlung des Romans – verfolgt das gleiche Anliegen wie der Text selbst: ein Bau gegen das Vergessen; das Museumsprojekt als Text im Text oder der Roman als Begleittext zum Bau des Museums.</p>
<blockquote><p>Wenn alle Waffen der Welt in dieses Museum aufgenommen werden, dann können sie keinen mehr töten</p></blockquote>
<p>heißt es im Notizbuch des Museumsgründers. So also könnte ein Kriegsmuseum ganz praktisch dem Frieden dienen. Oder doch eher mit seiner bizarren Sammlung von Waffen aller Art? Von einem U-Boot, einem Kanonenrohr bis hin zu Indianerbeilen, Peitschen, Messern und giftigen Kakteen – mit diesen Exponaten führt das Museum den Krieg als Groteske und Irrsinn vor, in der Hoffnung auf eine immunisierende Wirkung.</p>
<p>Die teilweise grotesken Erzählungen von Vernichtung, Krieg und Ausbeutung – als „eigentlicher“ Text des Romans und Begleittext für den künftigen Museumsbesucher – fügen sich zu einer Universalgeschichte der Gewalt und des Leidens. Dabei gelingt es Magris, eine Dimension von Menschlichkeit durchschimmern zu lassen, die stärker ist als das Leiden. Sein Roman weckt im Leser ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit denen, die bereits dem Vergessen anheimgefallen waren. Der Wunsch nach Frieden wird beim Lesen überwältigend – in diesem Sinn verwirklicht der Text selbst das Programm des Museums.</p>
<h3>Der Leser als Mitautor</h3>
<p>Hinter all den Einzelschicksalen und manchen Kuriositäten gibt Magris im letzten Teil des Buches seine poetische Methode preis:</p>
<blockquote><p>Jede Geschichte, jeder Text, jedes Leben [….] ist ein Palimpsest, abgeriebenes Papier, um noch einmal darauf zu schreiben, immer dieselbe Geschichte, aber über eine vorherige gelegt, eine Schrift, die andere bedeckt mit schwer lesbaren Korrekturen, aber die sie nicht auslöscht, denn auch sie ist dazu bestimmt, überarbeitet und neu beschrieben zu werden, aber nicht annulliert, von Mund zu Mund gehend und von Blatt zu Blatt. Gott hat ein Wort gesagt, ich habe zwei gehört, so steht es geschrieben.</p></blockquote>
<p>Der Leser wird so zum Mitautor dieser von Mund zu Mund fortlaufenden, sich selbst immer wieder überschreibenden Erzählung. Das Gefühl, das dabei aufkommt, könnte man eine erhabene Demut oder demütige Erhabenheit nennen – im Angesicht unseres Nicht-Wissens, der endlosen Fortdauer der Gewalt und ihrer gleichzeitigen immer wieder neuen Überwindung. Die Geschichten der Gefolterten, Gedemütigten, Ermordeten sind jedenfalls noch nicht zu Ende geschrieben.</p>
<p>Wie sind unsere eigenen Geschichten damit verbunden? Spüren wir die Wunden der Anderen in uns? Kündigt sich darin, im Trauern und Mitleiden, etwas an, was den Tod überwindet? Der Museumsgründer nennt den Tod „einen Richtungswender, […] eine Maschine, die einfach das Leben umstülpt wie einen Handschuh“, und dann genüge es, „die Zeit rückwärts laufen zu lassen, und man bekommt alles wieder. Wiedergefundene Zeit.“</p>
<p>Ist es dieses an Proust anknüpfende Wiederfinden der Zeit, das den Leser das starke Gefühl von Verbundenheit und Versöhnung spüren lässt, oder ist es die Erfahrung des Todes als Richtungswender? Darüber hinaus erscheint das Thema „Liebe und Tod“ als immer präsenter Subtext, wie es das wiederholte Zitieren des Hohelieds deutlich macht: Die Liebe ist stark wie der Tod. Im Italienischen gelingt dann noch ein Wortspiel: La Morte kann man auch L’Amor-te schreiben (die Liebe-dich).</p>
<h3>Holocaust und Sklaverei</h3>
<p>Die Verbundenheit des Einzelnen mit der Geschichte der Menschheit, das aufeinander-Verweisen von Liebe und Tod: All dies kristallisiert sich in der Geschichte der jungen Luisa, die sich der Aufgabe verschrieben hat, das Kriegsmuseum des inzwischen verstorbenen Gründers nach seinen Vorstellungen einzurichten.</p>
<p>Luisa ist die Tochter einer jüdischen Mutter und eines afro-amerikanischen Vaters. Als Tochter der zwei am meisten verfolgten Völker der Weltgeschichte betrachtet Luisa schon ihre Zeugung als „ihren persönlichen Eintritt in die Weltgeschichte“. Ihre Geschichte wird in acht Kapiteln erzählt – unterbrochen von der Schilderung der Museumsobjekte und von Episoden der Weltgeschichte. Oder ist es andersherum und Luisas Geschichte unterbricht die Weltgeschichte? Luisas Großmutter wurde in der Risiera ermordet, die Mutter jedoch hat als einzige der Familie den Holocaust überlebt, und Luisas Vater kam als US-Soldat am Ende des Krieges nach Italien.</p>
<p>Am Beispiel der Geschichte Luisas entwickelt der Autor eine Erzählung von Holocaust und Sklavenhandel, von Pogromen in Galizien und Lynchjustiz in Alabama, von Exil, Flucht und Verschleppung:</p>
<blockquote><p>In Ketten betraten sie das Land Kanaan, die Kinder Abrahams, ganz gleich, ob sie von Hagar oder Sara stammten, zahlreich waren sie wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner in der Wüste, die Vorväter meines Vaters, noch zahlreicher als die meiner Mutter, ebenfalls unsterblich, auch wenn sie zu Millionen massakriert wurden.</p></blockquote>
<p>Die Liebe zwischen der überlebenden Jüdin und dem schwarzen Befreier als großes Dennoch der Weltgeschichte? Magris schreibt keine Romantik – er schreibt einfach fließend, immer im Fluss, alles mit allem verbindend, so auch an dieser markanten Stelle, in der exemplarisch der Autor-Erzähler spricht:</p>
<blockquote><p>Deep river, der Jordan ist breit und tief, noch ein Fluss zum Überqueren, das Gelobte Land immer auf der anderen Seite. Die gleichen Lieder, Lieder von verlorenen Stämmen, zehn aus Israel, zahllose aus Afrika; es gibt keinen Platz, um sich diesseits oder jenseits des Flusses oder des Meeres zu verbergen, unter der grausamen Sonne, die dem Jäger die Beute offenbart. Lauf, Neger, lauf, auch ich brenne, Durchquerung der Wüste, der gepanzerte Wagen fährt nach Treblinka, der Gestank der zusammengepferchten Körper und der stagnierenden Wolke ihres Atems ist bereits jener beißende Geruch, den sie gleich wahrnehmen werden, ehe sie einen Augenblick später für immer aufhören zu riechen…</p></blockquote>
<h3>Vergessen, Liebe, Tod</h3>
<p>Claudio Magris ist ein Künstler der Grenzüberschreitung. Seine Sprache unterläuft und verwischt Grenzen, wie die zwischen dem Stofflich-Sinnlichen und dem Metaphysischen, zwischen Leben und Tod, Krieg und Frieden, Gewalt und Liebe. Scheinbare Gegensätze vibrieren in einem Miteinander.</p>
<p>Am Ende verknüpft Magris in seiner sinnlich gesättigten Sprache noch einmal die Themen Vergessen, Liebe und Tod. Mit behutsam-zarter Ironie und einer Prise liebevoller Weisheit wird ganz am Ende etwas aus Luisas Liebesleben erzählt. Von der süßen und zärtlichen Gewalt der Liebe ist die Rede, vom gemeinsamen Einschlafen, während die Körper noch miteinander verbunden sind – und dann beobachtet der Autor eine „verlegen machende Mischung aus Fremdheit und Nähe“ bei der körperlichen Vereinigung, woraus er ein dichtes Panorama aufblättert von Grenzfällen der Liebe, die sich als Grenzfälle zwischen Lieben und Sterben erweisen: die Liebe zum ehemaligen Geliebten, der zum Freund wird, nachdem die Leidenschaft erloschen ist. Die Liebe selbst zum Sterbenden, der Geliebter war, und noch nicht Freund geworden ist – und immer wieder fallen Luisa diese Verse ein:</p>
<blockquote><p>Und wenn wir vergehen, werden wir uns lieben.</p></blockquote>
<p>Auch das Sterben des Museumsgründers ist ein „Vergehen“; in seinem Sarg-Bett liegend, fällt er einem Brand zum Opfer. Was mit ihm zusammen verbrennt, sind seine Notizbücher: Akribisch hatte er alle Namen von Tätern oder Denunzianten notiert, welche die Gefangenen an die Wände der Risiera gekritzelt hatten. Die Stadt wollte verhindern, dass diese Enthüllungen an die Öffentlichkeit kamen, und doch gierten viele zugleich danach – nun werden sie zu Asche, und das Verfahren wird eingestellt.</p>
<p>Doch der Museumsgründer, erlebt – wie im Fieberwahn – sein eigenes Sterben in den Flammen seines Zimmers als einen Weg zurück. Die Zeit läuft rückwärts: Die Deutschen ergeben sich ihm, dem Museumsgründer, nachträglich. Und der Kamin der Risiera samt den Krematoriumsöfen fliegt, von Explosionen erschüttert, in die Luft. Das schriftliche Zeugnis seiner Notizen wird zwar zu Asche, er aber legt über seinen Tod hinaus Zeugnis ab.</p>
<p>Bewahrt sein Zeugnis vor dem Vergessen? Magris schreibt große poetische Prosa zum Thema Völkermord. Er löst den Bann der Vergangenheit, indem er über das Geschehene hinaus Dimensionen des Unnennbaren eröffnet. Das Gewesene wird neu erzählt und so aus der Verkürzung des Faktischen befreit – auf eine offene Zukunft hin.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Claudio Magris<br />
<strong>Verfahren eingestellt</strong><br />
Roman · Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend<br />
Verlag Carl Hanser 2017 · 400 Seiten · 25 Euro<br />
ISBN: 978-3446254664<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3446254668/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783446254664" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="gcjocxzthncbplynkodb zohmqqkwjwkzkucoovys" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10524" data-permalink="https://tell-review.de/triest-spiegel-der-weltgeschichte/magris_25466_mr-indd/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?fit=1600%2C2451&amp;ssl=1" data-orig-size="1600,2451" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;Magris_25466_MR.indd&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Magris_25466_MR.indd" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?fit=672%2C1030&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-10524" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1-196x300.jpg?resize=196%2C300" alt="" width="196" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=768%2C1176&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=672%2C1030&amp;ssl=1 672w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=1300%2C1991&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?resize=300%2C460&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-1.jpg?w=1600&amp;ssl=1 1600w" sizes="auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: Risiera di san Sabba.<br />
(<span class="mw-mmv-title">Fabrikgebäude mit Gedenkstätte an der Stelle des gesprengten Krematoriums</span>)<br />
Von <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Zapping" target="_blank" rel="noopener">Zapping</a>, 2005<br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/" target="_blank" rel="noopener">CC by 2.5<br />
</a>Buchcover: Verlag</h6>
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		<title>An die Ungeborenen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Apr 2017 12:01:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
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					<description><![CDATA[Pünktlich zum 30. Todestag von Primo Levi sind in Deutschland zwei Bücher erschienen, die den Auschwitz-Überlebenden und Schriftsteller in einem anderen Licht zeigen: als Menschen, der auf sein Leben zurückblickt und als wissenschaftlichen Zeugen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">P</span>rimo Levi war von Beruf Chemiker, und bis zur Pensionierung im Jahr 1977 hat er seine Tätigkeit als Schriftsteller neben seiner Arbeit in einer Chemiefabrik ausgeübt.</p>
<blockquote><p><strong>Primo Levi:</strong> Wie ich nur die Energie gefunden habe, um all diese Dinge zu tun, frage ich mich, es ist mir ein Rätsel.<br />
<strong>Giovanni Tesio:</strong> Mir auch.<br />
<strong>Primo Levi:</strong> Und doch habe ich den gesamten Roman <em>Die Atempause</em> zwischen 1961 und 1962 geschrieben.<br />
<strong>Giovanni Tesio: </strong>Schriebst du auch in der Fabrik, in den Pausen?<br />
<strong>Primo Levi:</strong> Ich schrieb immer zu Hause, ich schrieb nach dem Abendessen, ich fand die Lust und die Kraft dafür.</p></blockquote>
<p>Die Gespräche mit seinem Freund Giovanni Tesio sind nun unter dem Titel <em>Ich, der ich zu Euch spreche</em> (Secession-Verlag) als Buch erschienen. Am Heiligabend 1986 hatte Tesio Primo Levi besucht und „so etwas wie einen Riss in seinem Innern wahrgenommen“, deswegen wollte er seinen Freund mit einem Projekt aufmuntern. Es handelt sich um sehr persönliche Gespräche, die den Stoff für eine „autorisierte Biografie“ Levis liefern sollten und in den letzten Monaten vor seinem Tod stattfanden. Nach Angaben des deutschen Verlags war die Veröffentlichung der Gespräche von seiner Witwe verhindert worden.</p>
<h3 style="text-align: left;">Ein Wissenschaftler im KZ</h3>
<p>Der Band<em> So war Auschwitz. Zeugnisse 1945 &#8211; 1986</em> (Hanser-Verlag) besteht aus einer Sammlung von Berichten, Artikeln, Reden und Zeugenaussagen, die Levi von 1945 bis 1986 geschrieben hat.</p>
<p>In diesen Dokumenten entdecken wir eine andere Seite seines Schreibens. Primo Levi fasste das Monströse nicht nur in literarische Worte, er beschrieb es auch in wissenschaftlichen Berichten, in denen es nicht darum ging, die Moral durch die Ästhetik zu nähren. Primo Levi legte mit Zahlen und Fakten Zeugnis ab, mit detaillierten Beschreibungen der Lebensbedingungen und der Todesarten im KZ.</p>
<p>Der erste Text, den Primo Levi zusammen mit einem anderen Überlebenden verfasst hat, dem Arzt Leonardo De Benedetti, wurde noch im KZ geschrieben, „auf Bitten des russischen Kommandos“. Der „Bericht über die hygienisch-medizinische Organisation des Konzentrationslagers für Juden in Monowitz (Auschwitz-Oberschlesien)“ war eine Keimzelle von <em>Ist das ein Mensch?</em>. In dem Bericht beschreiben die beiden Autoren, was sie „im Zeitraum eines Jahres“ gesehen und erlebt haben: von der Abreise vom Konzentrationslager Fossoli di Carpi (Modena) bis zur Befreiung aus Auschwitz durch die Rote Armee. Der Bericht sollte „ausschließlich die Funktionsweise der medizinischen Einrichtungen im Lager“ behandeln. Unter anderem erfassen Levi und De Benedetti eine Liste der Krankheiten, die bei den Gefangenen auftraten; minutiös schildern sie ihren Verlauf.</p>
<blockquote><p>Nach dem bisher Gesagten würde es logisch erscheinen, dass Syndrome von Vitaminmangel – Mangel vor allem an Vitamin C und B – häufig gewesen wären. Hingegen sind uns keine Fälle von Skorbut oder Polyneuritis bekannt, wenigstens nicht in ihrer typischen und voll entwickelten Form. Das steht, so glauben wir, in Zusammenhang mit der Tatsache, dass die mittlere Lebensdauer der Häftlinge zu kurz war, als dass der Organismus klare klinische Symptome hätte entwickeln können, die einen Mangel an diesen Vitaminen anzeigen.</p></blockquote>
<p>Die durchschnittliche Lebensdauer im KZ habe drei Monate betragen, schreibt Primo Levi in einem anderen Bericht.</p>
<h3>In den Abgrund blicken</h3>
<p>Zeugnis abzulegen bedeutete auch, die Grausamkeit der Vernichtungslager zu recherchieren, um darüber in Prozessen aussagen zu können. In einem Bericht für den Prozess gegen den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß schreibt Levi 1946:</p>
<blockquote><p>Als Ergebnis meiner persönlichen Recherchen, die ich nach der Befreiung natürlich angestellt habe, bin ich in der Lage zu behaupten, dass die Schlächter des Lagerzentrums Auschwitz auch bei der Wahl der Vernichtungsart eine vorsätzliche und unfassliche Grausamkeit an den Tag gelegt haben. Das Gift, das sie in den Gaskammern einsetzten, war ein Produkt namens ‚Zyklon B’. Das Mittel wurde nicht für diese Zwecke hergestellt; es wurde als Schädlingsbekämpfungs- und Desinfektionsmittel verwendet, insbesondere um Lagerräume und Schiffsrümpfe von Ratten zu befreien. Es bestand aus Blausäure, versetzt mit Reizstoffen und Tränengas. Folglich ist zu vermuten, dass die Agonie der unglücklichen zum Tode Verurteilten unglaublich schmerzhaft gewesen sein muss.</p></blockquote>
<p>Levi schreckte nicht vor der Wahrheit zurück, und in seinem Bericht für den Prozess gegen Adolf Eichmann, zu dem er dann allerdings  nicht eingeladen wurde, nennt er nicht nur die Namen der deutschen Firmen, die an den KZ verdienten, sondern er verweist auch auf die seelischen Abgründe:</p>
<blockquote><p>Wir dürfen nicht der Rhetorik verfallen, wenn wir wirklich vor der Ansteckung gefeit sein wollen. Die Lager waren, außer Orte der Vernichtung und des Todes, Orte des Verderbens. Nie wurde das menschliche Gewissen so sehr vergewaltigt, gedemütigt und verzerrt wie in den Lagern. An keinem anderen Ort war diese Vorführung (…) so eklatant, der Beweis, wie anfällig jedes Gewissen ist, wie leicht es zu zerrütten und zugrunde zu richten ist. Es verwundert nicht, dass ein Philosoph, Karl Jaspers, und ein Dichter, Thomas Mann, darauf verzichteten, die Herrschaft Hitlers rational erklären zu wollen und wörtlich von ‚dämonischen Mächten’ sprachen.</p></blockquote>
<h3>Keine Heldenrhetorik</h3>
<p>Zehn Jahre nach der Befreiung aus Auschwitz wiederholt Primo Levi im Artikel „Jahrestag“ seine Kritik an der hochtönenden Rhetorik.</p>
<blockquote><p>Es ist eitel, den Tod der zahllosen Opfer in den Vernichtungslagern ruhmreich zu nennen. Er war nicht ruhmreich: Es war ein wehrloser und nackter Tod, würdelos und schmutzig. Sklaverei ist nicht ehrenhaft.</p></blockquote>
<p>Ende 1959 wird in Turin die „Ausstellung über die Deportation“ eröffnet, es ist die vorletzte Etappe einer Wanderausstellung, die 1955 im norditalienischen Carpi begonnen hatte. Wegen des Besucherandrangs wurde die Ausstellung statt eine Woche fast einen Monat lang gezeigt. An den beiden Gesprächsabenden, die im Rahmen der Ausstellung veranstaltet wurden, nahmen jeweils mehr als tausend Zuhörer teil. Primo Levi sprach an beiden Abenden. Vermutlich war es sein erster öffentlicher Auftritt. Fünfzehn Jahre nach der Befreiung von Auschwitz fragt sich Primo Levi in einem Zeitungsartikel:</p>
<blockquote><p>Haben da nicht auch wir Fehler gemacht? Wahrscheinlich ja, wir haben Fehler gemacht. Wir haben gefehlt durch Auslassung (<em>omissione</em>) und Delegierung (<em>commissione</em>). Indem wir schwiegen, haben wir gefehlt, durch Faulheit und mangelndes Vertrauen in die Macht des Wortes.</p></blockquote>
<p>Aus Anlass der Ausstellung entstand ein öffentlicher Briefwechsel zwischen Primo Levi und der zwölfjährigen Tochter eines Anhängers von Mussolini. Die Schülerin hatte die Ausstellung mit ihrer Klasse besucht. Manche ihrer Mitschüler glaubten den Fotografien nicht, und das Mädchen wollte die Wahrheit wissen.</p>
<blockquote><p>Ich, Tochter eines Faschisten, bin erschrocken vor dem, was, was ich gesehen habe, und ich habe zu Gott gebetet, dass mein Vater an diesem Massenmord unschuldig ist.</p></blockquote>
<p>Primo Levi dankt der Schülerin – „denn ihr […] Brief ist das, was wir uns erhofften“ –, und er betont die Wahrheit der Bilder: „Nein Signorina, an der Wahrheit dieser Bilder kann es keinen Zweifel geben.“ Er tröstet die Signorina: „Auch ich hoffe, dass der Vater der Leserin unschuldig ist, und es ist recht wahrscheinlich, dass es so ist, weil sich in Italien die Dinge anders abgespielt haben“, und erklärt er am Ende des Briefs:</p>
<blockquote><p>Aber die Ausstellung war nicht an die Väter gerichtet, sondern an die Kinder und Kindeskinder, um zu zeigen, welche Reserven an Grausamkeit auf dem Grund der menschlichen Seele liegen und welche Gefahren unsere Zivilisation bedrohen, heute wie gestern.</p></blockquote>
<p>26 Jahre später wiederholt Primo Levi dieses existenzielle Gebot. Die Rede „Unserer Generation&#8230;“ hielt er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 12. November 1986:</p>
<blockquote><p>Solange wir am Leben sind, ist es unsere Aufgabe zu sprechen, aber zu den anderen, zu denen, die noch nicht geboren waren, damit sie wissen, wie weit man gehen kann.</p></blockquote>
<p>Primo Levi hat 42 Jahre lang den Abgrund der menschlichen Seele beschrieben, mit Gewissenhaftigkeit und Präzision. Am 11. April 1987 stürzte er im Treppenschacht seines Turiner Hauses unter ungeklärten Umständen in den Tod.</p>
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Primo Levi<br />
<strong>So war Auschwitz</strong><br />
<em>Zeugnisse 1945 &#8211; 1986</em><br />
Mit Leonardo De Benedetti<br />
Aus dem italienischen von Barbara Kleiner<br />
Carl Hanser Verlag 2017 · 304 Seiten · 24 Euro<br />
ISBN: 978-3446254497<br />
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Primo Levi<br />
<strong>Ich, der ich zu Euch spreche</strong><br />
Ein Gespräch mit Giovanni Tesio<br />
Aus dem Italienischen von Monika Lustig<br />
Secession Verlag 2017 · 176 Seiten · 20 Euro<br />
ISBN: 978-3906910062<br />
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</div></div>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Von W. Chichersky (US Army), gemeinfrei <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABones_of_anti-Nazi_German_women_still_are_in_the_crematoriums_in_the_German_concentration_camp_at_Weimar%2C_Germany.jpg">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Buchcover: <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/so-war-auschwitz/978-3-446-25449-7/" target="_blank">Carl Hanser Verlag</a>, <a href="http://www.secession-verlag.com/content/ich-der-ich-zu-euch-spreche" target="_blank">Secession Verlag</a></em></h6>
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		<item>
		<title>&#8222;After the camps, nothing is strange&#8220;</title>
		<link>https://tell-review.de/after-the-camps-nothing-is-strange/</link>
					<comments>https://tell-review.de/after-the-camps-nothing-is-strange/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jun 2016 09:27:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Fundstücke]]></category>
		<category><![CDATA[Aharon Appelfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Primo Levi]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Harlan]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=2766</guid>

					<description><![CDATA[Aharon Appelfeld spricht über das Schreiben, das Leben nach dem Lager und über die Unzulänglichkeit der Sprache. Sein Interview, gefunden in der Paris Review 2014, ist eine Einladung zum Mit- und Weiterdenken.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Schreiben sei etwas Sinnliches, wie jede Kunst, sagt der israelische Autor Aharon Appelfeld in seinem <a href="http://www.theparisreview.org/interviews/6324/the-art-of-fiction-no-224-aharon-appelfeld" target="_blank">Interview </a>in der <a href="http://www.theparisreview.org/interviews" target="_blank">Paris Review</a> – &#8222;you have to touch it, you have to feel it&#8220;. Deshalb schreibt er nicht mit dem Computer.</p>
<p>Die Hingabe ans Schreiben sei seine Religion:</p>
<p><em>&#8222;Meine Religion hat auch noch andere Facetten, aber im Wesentlichen geht es darum, mit mir allein zu sein, stundenlang.&#8220; </em></p>
<p>Aharon Appelfeld spricht hier vom spirituellen Leben und von der Kreativität. Er benennt, was diese beiden Seinsweisen des Menschen miteinander verbindet: das Alleinsein mit sich selbst. Bei sich zu sein, das scheint die Voraussetzung sowohl für die Religion, die den Menschen transzendiert, als auch für sein Schaffen, das ihn in sein eigenes Inneres führt. Allein sein mit sich selbst, zur Ruhe kommen, Schwerkraft im Inneren finden – die große Sehnsucht unserer Zeit mit ihren Zentrifugalkräften. Mit unseren Geräten haben wir die unerträgliche Leichtigkeit des Seins neu erfunden. Jederzeit können wir uns selbst entkommen, ohne Anstrengung, durch  Tippen, Klicken, Wischen. Wir entfernen uns damit von dem, was Appelfeld „das Heilige“ im Menschen nennt.</p>
<p><em>&#8222;Man muss behutsam sein, wenn man mit jemandem spricht, denn der Mensch, der vor einem steht, hat etwas Heiliges in sich.&#8220;</em></p>
<p>Die Haltung gegenüber den anderen spiegelt die Haltung, die jemand gegenüber sich selbst hat. Weil Aharon Appelfeld die Zeit, die er mit sich allein verbringt, als etwas Heiliges erlebt, sieht er diese Transzendenz auch in den anderen.</p>
<h4><strong>Ein Tier werden</strong></h4>
<p>Fast unmerklich fasst Aharon Appelfeld den Schrecken in seiner Prosa in Worte. Er ist darin <a href="http://tell-review.de/was-wird-aus-mir-ohne-mich/" target="_blank">Imre Kertész</a> verwandt, der den Schrecken des KZs ebenfalls als sehr junger Mensch erlebt hat. Die Sätze des Gesprächs, in denen Appelfeld den Tod seiner Mutter schildert, sind von elementarer Einfachheit. Sie öffnen einen Abgrund, sich nicht wieder schließt.</p>
<p><em>&#8222;Wir waren bei meiner Großmutter auf dem Bauernhof. Die Rumänen und die Deutschen kamen, und sie erschossen meine Mutter und meine Großmutter. Das war im Sommer 41. Ich war neuneinhalb Jahre alt. Sie war 32. Ich bin jetzt 82. Meine Mutter wird immer jung bleiben und ich werde sehr alt. Sie war eine schöne Frau.&#8220;</em></p>
<p>Aufgewachsen ist Aharon Appelfeld in Czernowitz; damals hieß er noch Erwin, ein urdeutscher Name.</p>
<p><em>&#8222;Wenn man nach Israel kam, wurde einem ein anderer Name gegeben. Ich erhielt den Namen Aharon. Mein richtiger Name ist Erwin. Es ist sehr schmerzhaft, den eigenen Namen aufzugeben.&#8220;</em></p>
<p>Der Namenswechsel mit dem Eintritt ins neue Land. Wer hat sich das ausgedacht, und was war das für eine Erfahrung? Ein neuer Name bedeutet: Ich bin nicht mehr, wer ich war. Ein äußeres Zeichen eines inneren Wandels. Ich kenne Yogalehrer, die sich einen indischen Namen geben, und ich kenne jemanden, der einen neuen Namen wählte, weil er seiner Kindheit entkommen war und der alte Name nicht mehr auf ihn zutraf. Bedeutet ein Namenswechsel den Verlust der Kindheit?</p>
<p>Mit neuneinhalb Jahren wurde Erwin zusammen mit seinem Vater in ein Zwangsarbeiterlager im östlichen Rumänien verschleppt und dort von ihm getrennt. Erwin gelang es, aus dem Lager zu entkommen, damals war er zehn. Danach überlebte er zwei Jahre in den Wäldern, übernahm Dienste für Prostiuierte und Diebe, bis er sich 1944 als Küchenjunge der sowjetischen Armee anschloss.</p>
<p>Die Flucht sei eine Transformation gewesen.</p>
<p><em>&#8222;Ich wurde zu einem kleinen Tier. Es war der Wunsch nach Leben, der Wunsch zu überleben.“</em></p>
<p>Ein Tier kann nicht sprechen.</p>
<p><em>&#8222;Mein Leben war blind, es konnte keine Wörter haben. Aber als ich begann, über meine Kindheit zu schreiben – und ich habe viel geschrieben – kam es zum Vorschein.&#8220;</em></p>
<h4><strong>Die Dummheit der Wörter</strong></h4>
<p>Es war ein Schreiben an der Grenze der Sprache, denn die existenzielle Erschütterung hebt die Wirkung der Wörter auf. Die Sprache ist dieser Wirklichkeit nicht gewachsen.</p>
<p><em>&#8222;Nach einer Katastrophe verliert man die Wörter. Jedes Wort ist dumm, sobald man es gebraucht.&#8220;</em></p>
<p>Diese Beobachtung findet man auch in Primo Levis &#8222;Ist das ein Mensch?&#8220;. Es sei nicht möglich, einem freien Menschen zu erklären, was Auschwitz war:</p>
<blockquote><p>Wir sagen &lt;Hunger&gt;, wir sagen &lt;Müdigkeit&gt;, &lt;Angst&gt; und &lt;Schmerz&gt;, wir sagen &lt;Winter&gt;, und das sind andere Dinge. Es sind freie Wörter, geschaffen und benutzt von freien Menschen, die Freud und Leid in ihrem Zuhause erlebten. Hätten die Lager bestanden, wäre eine neue, harte Sprache entstanden.</p></blockquote>
<p>Schon im Titel von Levis Aufzeichnungen steckt diese Inkongruenz: Die Frage „Ist das ein Mensch?“ benennt den Zweifel daran, dass das Wort Mensch auf die Wesen in dieser Zone noch zutrifft: Sowohl die Opfer als auch die Täter verlieren im Lager ihre Menschlichkeit, wenn auch in unterschiedlichem Sinn.</p>
<p>In Israel hat Aharon Appelfeld nicht nur einen neuen Namen bekommen, sondern auch eine neue Sprache. Das Hebräische sei seine „angenommene Muttersprache“ geworden. Sie habe ihm das Schreiben ermöglicht:</p>
<p><em>&#8222;Mit dem Hebräischen wurde ich sehr frei, vielleicht, weil es nicht meine Sprache ist.&#8220;</em></p>
<p>Vielleicht konnte er seine Vergangenheit im Hebräischen neu erfinden. Die neue Sprache erlaubte es ihm, sich zu erinnern, weil sie keine „dummen“ Wörter hatte.</p>
<h4><strong>Thomas Harlan &#8211; Ein Täterkind verbannt seine Sprache</strong></h4>
<p>Es gibt dazu eine interessante Parallele in der Biografie von <a href="http://www.thomasharlan.com/" target="_blank">Thomas Harlan</a>, der als Sohn eines Täters nach dem Krieg ebenfalls seine Sprache verlassen hatte, allerdings aus freien Stücken.</p>
<blockquote><p>„Ich habe mit siebzehn meine eigene Sprache verbannt, bin nach Frankreich gegangen und wollte kein Deutsch mehr hören.“</p></blockquote>
<p>Auf Französisch habe er sich nicht mehr an seine Eltern erinnern müssen, sagt Thomas Harlan im Gesprächsband <a href="http://www.thomasharlan.com/buecher/hitler-war-meine-mitgift/" target="_blank"><em>Hitler war meine Mitgift</em></a>. Als Sohn des NS-Starregisseurs Veit Harlan hatte Thomas Harlan eine privilegierte und glückliche Kindheit. Bei Kriegsende war er 16 Jahre alt, erst nach und nach begriff er, dass er in einer „Verbrecherbande“ aufgewachsen war. Dies hat ihm seine Kindheit nicht beschädigt: „Ich bin immer noch ein glückliches Kind“, sagt er in einem <a href="http://www.thomasharlan.com/buecher/hitler-war-meine-mitgift/" target="_blank">Interview</a>. Aber es hat ihn auf eine Weise wachgerüttelt, wie es im Nachkriegsdeutschland kaum jemandem widerfuhr. Im Bewusstsein der Menschen sei der Massenmord an den Juden nicht geschehen, „weil es dafür keine Worte gibt“, so Harlan.</p>
<p>Es gibt keine Worte, die dem Geschehen angemessen waren – wie es auch keine Strafe gibt, die dem Verbrechen angemessen gewesen wäre.</p>
<p>Nach fünfzig Jahren kehrte Thomas Harlan in die Sprache seiner Kindheit zurück und begann zu schreiben. „Ich hatte den Vorteil, dass ich mit ganz frischer Ware anfing. Meine Worte hatten noch nichts auf dem Gewissen.&#8220; Er hätte es sonst mit der Dummheit der Worte zu tun bekommen, von der Appelfeld spricht.</p>
<h4></h4>
<h4><strong>Leben nach dem Lager</strong></h4>
<p>Für Aharon Appelfeld gibt zwei Arten von Autoren: Solche, die über das zivile Leben schreiben und solche, die über Katastrophen schreiben.</p>
<p><em>&#8222;Ich beschäftige mich mit Katastrophen, sie verändern, wie man fühlt und denkt. In welcher Weise? Es gibt keine Sicherheit mehr. Alles steht unter dieser Katastrophe. Man blickt auf alles durch diese Katastrophe hindurch. Man frühstückt zwar jeden Morgen, aber man vergisst die Katastrophe nie.&#8220;</em></p>
<p>Anders ausgedrückt:</p>
<p><em>&#8222;After the camps, nothing is strange.&#8220;</em></p>
<p>Einfacher kann man das Ungeheuerliche nicht sagen: Nach der Erfahrung der Lager ist man auf alles gefasst. Man hat gesehen, wozu der Mensch in der Lage ist, jenseits des Menschlichen, vielleicht unter Preisgabe des Heiligen. Dieses Wissen ist die Grundlage für das weitere Leben.</p>
<p>Aharon Appelfeld möchte nicht, dass diese Wunden heilen. Seine Alpträume seien reich an Gefühlen und Empfindungen, reich an menschlichem Verhalten.</p>
<p><em>&#8222;Ich ernähre mich von diesen Nächten.&#8220;</em></p>
<p>Ein ungeheurer Satz. Ohne es auszusprechen, ist er ein Zeugnis von Heilung und von dem Weg, der dabei zurückgelegt wird. Ein Trauma ist eine Verletzung, bei der sich das Opfer mit seiner Verletzung identifiziert, die keinen Raum lässt zwischen dem Selbst und der Erfahrung. „Ich wurde zu einem kleinen Tier“, sagt Appelfeld, zu einem Wesen also, das nur erlebt, nicht reflektiert. Ein Mensch kann in diesem Zustand nicht verharren, wenn er leben will, das Selbst muss sich von der lebensbedrohlichen Erfahrung trennen, Distanz gewinnen. Die Psychologie kennt das Phänomen der Abspaltung: Das Unerträgliche wird aus dem Bewusstsein verbannt und existiert weiter im Unbewussten (im schamanischen Denken heißt es gar, ein Teil der Seele ziehe sich in die Unterwelt zurück). Thomas Harlans Feststellung, der Mord an den Juden habe in unserem Bewusstsein nicht stattgefunden, bezieht sich auf die kollektive Abspaltung des Verbrechens. Auch die Täter sind traumatisiert durch ihre Tat.</p>
<p>Der Prozess der Heilung beginnt damit, dass die Sprache das Erlittene ins Bewusstsein holt. Wenn Aharon Appelfeld sein Schreiben als eine Art von Religion bezeichnet, können wir daraus schließen, dass es sich um einen Akt der Transzendenz handelt, um einen spirituellen Vorgang, jenseits der rein psychischen Verarbeitung desTraumas.</p>
<p>Das Trauma sprengt das Maß des Menschlichen. Deshalb muss das Schreiben dieses Maß ebenfalls überschreiten, sprich transzendieren.</p>
<blockquote><p>I write books. They should have meaning.</p></blockquote>
<p>Das ist die die einfachste und zugleich anspruchsvollste Definition dessen, was ein Schriftsteller tut. Wie übersetzt man den zweiten Satz?</p>
<p><em>Ich schreibe Bücher.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>In denen sollte etwas drinstehen. </em><br />
<em> Sie sollten einen Sinn haben. </em><br />
<em> Sie sollten etwas bedeuten. </em><br />
<em> …<br />
</em></p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Übersetzung der Zitate aus dem Englischen: Sieglinde Geisel<br />
</em></h6>
<h6 style="padding-left: 30px; text-align: right;"><em>Bild:<br />
Aharon Appelfeld, Mai 2014<br />
Von jwh via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Jwh" target="_blank">Wikimedia</a><br />
License: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/lu/deed.en" target="_blank">CC</a></em></h6>
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		<title>&#8222;Was wird aus mir ohne mich?&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Mar 2016 16:11:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Imre Kertesz]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum Tod von Imre Kertész. 
Imre Kertész wurde durch eine Erschütterung zum Autor. Die Größe von "Roman eines Schicksallosen" besteht im Verzicht auf den großen Stil: In der Sprache des Kindes, das die unfassbare Realität akzeptiert, werden wir Leser ihrer Unfassbarkeit gewahr.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">O</span>hne Auschwitz hätte ich nichts begriffen“, sagte Imre Kertész in dem <a href="http://tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Kertesz-Interview.pdf" target="_blank">Interview</a>, das ich im Herbst 2013 mit ihm in Budapest geführt habe. Es war eine Begegnung mit einem Mann, der die Krankheit überwinden wollte durch Geist, Konzentration und Wachheit. Erst bei meinem zweiten Besuch, tags darauf, gelang es ihm. In seinen Tagebüchern protokolliert er den körperlichen Verfall, ironisch und verzweifelt. Ob er jetzt denn gar nicht mehr sterben könne?, fragt er den Arzt, nachdem ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt wurde. Der Körper, der ihn am Leben erhalte, werde ihn dereinst umbringen.</p>
<blockquote><p>Jeder bezahlt dafür, dass er gewagt hat, geboren zu werden.</p>
<p>Ich fürchte, wenn ich noch lange warte und älter werde, werde ich keine Kraft mehr zum Sterben haben.</p></blockquote>
<p>Dieser Eintrag in <em>Letzte Einkehr</em> stammt aus dem Jahr 2002.</p>
<p>Imre Kertész wurde durch eine Erschütterung zum Autor: durch die Erfahrung, aus der Menschheit verbannt zu sein. Der Eintritt in die Verbannung beginnt an dem Bahnhof, „an dem ich einst, beziehungsweise genau vor dreieinhalb Tagen ausgestiegen war“, heißt es in <em>Roman eines Schicksallosen</em>. Im Wörtchen „einst“ steckt der Riss, der seither durch die Welt geht, auch wenn wir ihn kaum je wahrnehmen.</p>
<p>Sein Stil habe für die Erkenntnis nicht ausgereicht, die er ausdrücken wollte, sagte er in unserem Interview. Doch die Größe von <em>Roman eines Schicksallosen </em>besteht gerade im Verzicht auf den „großen Stil“, den hohen Ton. Vom Ungeheuerlichen erzählt Kertész mit den bescheidensten Mitteln: der Sprache eines Kindes, das mit der Realität einverstanden ist, weil es noch nichts anderes kennt. In <em>Dossier K.</em> beschreibt Kertész die Atmosphäre seines Romans:</p>
<blockquote><p>Schon von den ersten Sätzen an kannst du spüren, dass du in eine sonderbare, souveräne Welt eintrittst, in der alles Mögliche passieren kann. Und während die Geschichte fortschreitet, verstärkt sich dieses Verlorenheitsgefühl beim Leser immer mehr, spürt er mehr und mehr, wie ihm der Boden unter den Füßen wegrutscht&#8230;</p></blockquote>
<p>Schriftsteller erfinden Gefühle, sagt <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/vom-ausschlagen-der-wuenschelrute-1.18391502" target="_blank">Hans Magnus Enzensberger</a>. Imre Kertész verdanken wir das Gefühl der Absurdität, der traumwandlerischen Fassungslosigkeit. Der Schicksallose in Kertész&#8216; Roman ist eine metaphorische Figur, ein Verwandter Josef K.s. Als befände er sich in einem Traum, begreift der Junge nicht, wie ihm im Lager geschieht – auf dass wir es umso besser begreifen.</p>
<blockquote><p>Irgendwie wird es schon werden, denn es ist noch nie vorgekommen, dass es nicht irgendwie doch geworden wäre.</p>
<p>Auf jeden Fall verging die Zeit auch hier.</p>
<p><em>Nach der Befreiung:</em><br />
Das Leben, fügte er hinzu, müsse weitergehen, und, ja, wirklich, etwas anderes konnte es nicht tun, das sah ich ein, nachdem die Dinge nun einmal so standen, dass es überhaupt etwas tun konnte, versteht sich.</p></blockquote>
<p>„versteht sich“, „das sah ich ein“, &#8222;wirklich&#8220; (und immer wieder: „natürlich“) – Stilmittel des Selbstverständlichen. Sie transportieren die Realität des Lagers: Die Unfassbarkeit dieser Realität besteht darin, dass das Unfassbare normal geworden ist.</p>
<p>In <em>Roman eines Schicksallosen</em> wird nichts erklärt. Alles, was es zu sagen gibt, verlagert sich in den Kopf des Lesers, der zum Zeugen wird. Und daraus bezieht der Roman seine mysteriöse, mystische Kraft.</p>
<blockquote><p>Schau, allein die Toten sind unbeschmutzt von der Schande des Holocaust. Dagegen ist es eine bittere Sache, den Stempel des Überlebens zu tragen.<br />
(<em>Dossier K</em>.)</p></blockquote>
<p>Weil Imre Kertész ein Überlebender ist, durchzieht das Mysterium des Todes sein gesamtes Werk, in Verbindung mit der Liebe zum Paradox. „Was wird mit Magda ohne mich?“, fragt Kertész in <em>Letzte Einkehr</em>.</p>
<blockquote><p>Was wird mit mir ohne mich?</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">Bild:<br />
By<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html" target="_blank"> Csaba Segesvári</a>. Licsense: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank">CC-BY-SA-3.0</a>, via Wikimedia Commons</h6>
<hr />
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