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Claudio Magris wurde 1939 in Triest geboren und lebt bis heute in der Stadt. Hier gab es das einzige KZ auf italienischem Boden: die Risiera di San Sabba, eine ehemalige Reismühle, in der ab dem Herbst 1943 Tausende von Menschen vergast wurden. Vor diesem Hintergrund war es Claudio Magris ein besonderes Anliegen, ein Buch gegen das Vergessen zu schreiben, besser noch „gegen das Vergessen des Vergessens“. Dieses Ansinnen verbindet den Autor mit seinem namenlosen Protagonisten, einem skurrilen Sammler, der in Triest ein Kriegsmuseum errichten will, das dem Frieden dienen soll. Laut Magris ist diese Figur frei erfunden, allerdings weist er in einer Anmerkung darauf hin, dass „erfinden“ von „finden“ komme. In diesem Fall handele es sich um den Professor Diego de Henriquez, „einem genialen und unbeugsamen Triester von großer Bildung und verbissener Leidenschaft“.

Universalgeschichte der Gewalt

Zum Thema Vergessen heißt es im Notizbuch des erfunden-gefundenen Protagonisten:

Der Krematoriumsofen ist eine ausgezeichnete Chirurgie des Vergessens…der rasch sich verflüchtigende Rauch ist nicht da, man sieht nicht, dass er nicht da ist. Der zu Rauch gewordene Mensch fehlt nicht…wer bemerkt den unsichtbaren Rauch, der weiterschweift? Es ist dieser Rauch, nach dem ich suche, nach diesen zu Asche gewordenen Namen. In Triest sehe ich in jeder Straße den Rauch, den man nicht sehen wollte.

Der Bau des Kriegsmuseums – die äußere Rahmenhandlung des Romans – verfolgt das gleiche Anliegen wie der Text selbst: ein Bau gegen das Vergessen; das Museumsprojekt als Text im Text oder der Roman als Begleittext zum Bau des Museums.

Wenn alle Waffen der Welt in dieses Museum aufgenommen werden, dann können sie keinen mehr töten

heißt es im Notizbuch des Museumsgründers. So also könnte ein Kriegsmuseum ganz praktisch dem Frieden dienen. Oder doch eher mit seiner bizarren Sammlung von Waffen aller Art? Von einem U-Boot, einem Kanonenrohr bis hin zu Indianerbeilen, Peitschen, Messern und giftigen Kakteen – mit diesen Exponaten führt das Museum den Krieg als Groteske und Irrsinn vor, in der Hoffnung auf eine immunisierende Wirkung.

Die teilweise grotesken Erzählungen von Vernichtung, Krieg und Ausbeutung – als „eigentlicher“ Text des Romans und Begleittext für den künftigen Museumsbesucher – fügen sich zu einer Universalgeschichte der Gewalt und des Leidens. Dabei gelingt es Magris, eine Dimension von Menschlichkeit durchschimmern zu lassen, die stärker ist als das Leiden. Sein Roman weckt im Leser ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit denen, die bereits dem Vergessen anheimgefallen waren. Der Wunsch nach Frieden wird beim Lesen überwältigend – in diesem Sinn verwirklicht der Text selbst das Programm des Museums.

Der Leser als Mitautor

Hinter all den Einzelschicksalen und manchen Kuriositäten gibt Magris im letzten Teil des Buches seine poetische Methode preis:

Jede Geschichte, jeder Text, jedes Leben [….] ist ein Palimpsest, abgeriebenes Papier, um noch einmal darauf zu schreiben, immer dieselbe Geschichte, aber über eine vorherige gelegt, eine Schrift, die andere bedeckt mit schwer lesbaren Korrekturen, aber die sie nicht auslöscht, denn auch sie ist dazu bestimmt, überarbeitet und neu beschrieben zu werden, aber nicht annulliert, von Mund zu Mund gehend und von Blatt zu Blatt. Gott hat ein Wort gesagt, ich habe zwei gehört, so steht es geschrieben.

Der Leser wird so zum Mitautor dieser von Mund zu Mund fortlaufenden, sich selbst immer wieder überschreibenden Erzählung. Das Gefühl, das dabei aufkommt, könnte man eine erhabene Demut oder demütige Erhabenheit nennen – im Angesicht unseres Nicht-Wissens, der endlosen Fortdauer der Gewalt und ihrer gleichzeitigen immer wieder neuen Überwindung. Die Geschichten der Gefolterten, Gedemütigten, Ermordeten sind jedenfalls noch nicht zu Ende geschrieben.

Wie sind unsere eigenen Geschichten damit verbunden? Spüren wir die Wunden der Anderen in uns? Kündigt sich darin, im Trauern und Mitleiden, etwas an, was den Tod überwindet? Der Museumsgründer nennt den Tod „einen Richtungswender, […] eine Maschine, die einfach das Leben umstülpt wie einen Handschuh“, und dann genüge es, „die Zeit rückwärts laufen zu lassen, und man bekommt alles wieder. Wiedergefundene Zeit.“

Ist es dieses an Proust anknüpfende Wiederfinden der Zeit, das den Leser das starke Gefühl von Verbundenheit und Versöhnung spüren lässt, oder ist es die Erfahrung des Todes als Richtungswender? Darüber hinaus erscheint das Thema „Liebe und Tod“ als immer präsenter Subtext, wie es das wiederholte Zitieren des Hohelieds deutlich macht: Die Liebe ist stark wie der Tod. Im Italienischen gelingt dann noch ein Wortspiel: La Morte kann man auch L’Amor-te schreiben (die Liebe-dich).

Holocaust und Sklaverei

Die Verbundenheit des Einzelnen mit der Geschichte der Menschheit, das aufeinander-Verweisen von Liebe und Tod: All dies kristallisiert sich in der Geschichte der jungen Luisa, die sich der Aufgabe verschrieben hat, das Kriegsmuseum des inzwischen verstorbenen Gründers nach seinen Vorstellungen einzurichten.

Luisa ist die Tochter einer jüdischen Mutter und eines afro-amerikanischen Vaters. Als Tochter der zwei am meisten verfolgten Völker der Weltgeschichte betrachtet Luisa schon ihre Zeugung als „ihren persönlichen Eintritt in die Weltgeschichte“. Ihre Geschichte wird in acht Kapiteln erzählt – unterbrochen von der Schilderung der Museumsobjekte und von Episoden der Weltgeschichte. Oder ist es andersherum und Luisas Geschichte unterbricht die Weltgeschichte? Luisas Großmutter wurde in der Risiera ermordet, die Mutter jedoch hat als einzige der Familie den Holocaust überlebt, und Luisas Vater kam als US-Soldat am Ende des Krieges nach Italien.

Am Beispiel der Geschichte Luisas entwickelt der Autor eine Erzählung von Holocaust und Sklavenhandel, von Pogromen in Galizien und Lynchjustiz in Alabama, von Exil, Flucht und Verschleppung:

In Ketten betraten sie das Land Kanaan, die Kinder Abrahams, ganz gleich, ob sie von Hagar oder Sara stammten, zahlreich waren sie wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner in der Wüste, die Vorväter meines Vaters, noch zahlreicher als die meiner Mutter, ebenfalls unsterblich, auch wenn sie zu Millionen massakriert wurden.

Die Liebe zwischen der überlebenden Jüdin und dem schwarzen Befreier als großes Dennoch der Weltgeschichte? Magris schreibt keine Romantik – er schreibt einfach fließend, immer im Fluss, alles mit allem verbindend, so auch an dieser markanten Stelle, in der exemplarisch der Autor-Erzähler spricht:

Deep river, der Jordan ist breit und tief, noch ein Fluss zum Überqueren, das Gelobte Land immer auf der anderen Seite. Die gleichen Lieder, Lieder von verlorenen Stämmen, zehn aus Israel, zahllose aus Afrika; es gibt keinen Platz, um sich diesseits oder jenseits des Flusses oder des Meeres zu verbergen, unter der grausamen Sonne, die dem Jäger die Beute offenbart. Lauf, Neger, lauf, auch ich brenne, Durchquerung der Wüste, der gepanzerte Wagen fährt nach Treblinka, der Gestank der zusammengepferchten Körper und der stagnierenden Wolke ihres Atems ist bereits jener beißende Geruch, den sie gleich wahrnehmen werden, ehe sie einen Augenblick später für immer aufhören zu riechen…

Vergessen, Liebe, Tod

Claudio Magris ist ein Künstler der Grenzüberschreitung. Seine Sprache unterläuft und verwischt Grenzen, wie die zwischen dem Stofflich-Sinnlichen und dem Metaphysischen, zwischen Leben und Tod, Krieg und Frieden, Gewalt und Liebe. Scheinbare Gegensätze vibrieren in einem Miteinander.

Am Ende verknüpft Magris in seiner sinnlich gesättigten Sprache noch einmal die Themen Vergessen, Liebe und Tod. Mit behutsam-zarter Ironie und einer Prise liebevoller Weisheit wird ganz am Ende etwas aus Luisas Liebesleben erzählt. Von der süßen und zärtlichen Gewalt der Liebe ist die Rede, vom gemeinsamen Einschlafen, während die Körper noch miteinander verbunden sind – und dann beobachtet der Autor eine „verlegen machende Mischung aus Fremdheit und Nähe“ bei der körperlichen Vereinigung, woraus er ein dichtes Panorama aufblättert von Grenzfällen der Liebe, die sich als Grenzfälle zwischen Lieben und Sterben erweisen: die Liebe zum ehemaligen Geliebten, der zum Freund wird, nachdem die Leidenschaft erloschen ist. Die Liebe selbst zum Sterbenden, der Geliebter war, und noch nicht Freund geworden ist – und immer wieder fallen Luisa diese Verse ein:

Und wenn wir vergehen, werden wir uns lieben.

Auch das Sterben des Museumsgründers ist ein „Vergehen“; in seinem Sarg-Bett liegend, fällt er einem Brand zum Opfer. Was mit ihm zusammen verbrennt, sind seine Notizbücher: Akribisch hatte er alle Namen von Tätern oder Denunzianten notiert, welche die Gefangenen an die Wände der Risiera gekritzelt hatten. Die Stadt wollte verhindern, dass diese Enthüllungen an die Öffentlichkeit kamen, und doch gierten viele zugleich danach – nun werden sie zu Asche, und das Verfahren wird eingestellt.

Doch der Museumsgründer, erlebt – wie im Fieberwahn – sein eigenes Sterben in den Flammen seines Zimmers als einen Weg zurück. Die Zeit läuft rückwärts: Die Deutschen ergeben sich ihm, dem Museumsgründer, nachträglich. Und der Kamin der Risiera samt den Krematoriumsöfen fliegt, von Explosionen erschüttert, in die Luft. Das schriftliche Zeugnis seiner Notizen wird zwar zu Asche, er aber legt über seinen Tod hinaus Zeugnis ab.

Bewahrt sein Zeugnis vor dem Vergessen? Magris schreibt große poetische Prosa zum Thema Völkermord. Er löst den Bann der Vergangenheit, indem er über das Geschehene hinaus Dimensionen des Unnennbaren eröffnet. Das Gewesene wird neu erzählt und so aus der Verkürzung des Faktischen befreit – auf eine offene Zukunft hin.

Angaben zum Buch
Claudio Magris
Verfahren eingestellt
Roman · Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
Verlag Carl Hanser 2017 · 400 Seiten · 25 Euro
ISBN: 978-3446254664
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis
Beitragsbild: Risiera di san Sabba.
(Fabrikgebäude mit Gedenkstätte an der Stelle des gesprengten Krematoriums)
Von Zapping, 2005
Lizenz: CC by 2.5
Buchcover: Verlag

Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

Ein Kommentar

  1. Die bislang beste und fundierteste Besprechung des Buches von Claudio Magris „Verfahren eingestellt“. Ich gestehe, bei der Lektüre mehrmals ins ‚Stolpern‘ geraten zu sein, weil mir die zur Lektüre des Buches unbedingt notwendige Konzentration gefehlt hat. Mit dieser Besprechung aber hoffe ich, den Faden wieder zu finden.Vielleicht bieten die sommerlichen Tage ja eine gute Gelegenheit, weiter in der Lektüre fortzuschreiten, ohne dabei ständig ‚zu stolpern‘. Ein Lob für den Rezensenten, ein Lob für das Magazin ‚Tell‘

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