Dieser Lektüretipp steht thematisch im Zusammenhang mit Claudio Magris‘ Roman Verfahren eingestellt. Weitere Beiträge zu Magris:

Für Thomas Harlan war der „Mord an den Juden“, wie er den Holocaust in Heldenfriedhof nennt, ein Lebensthema. Als Sohn von Veit Harlan, dem Regisseur von Jud Süß, habe er Gründe genug gehabt, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

In Thomas Harlans Werk geht es nicht um Auschwitz, denn über Auschwitz hätte er nur Dinge berichten können, die er von anderen wusste, so der Autor in einem Interview. Die Verbrechen der Aktion Reinhardt dagegen hatte Harlan selbst recherchiert, als er in den 1960er-Jahren in polnischen Archiven nach Beweisen für die Anschuldigungen gegen NS-Täter suchte, die er anlässlich der Aufführung seines Theaterstücks Ich selbst und kein Engel 1959 in Berlin verlesen hatte. Später setzte er seine Recherchen in Triest fort.

Die unbekannten NS-Verbrecher

Denn zu den Mordstätten der Aktion Reinhardt, deren Mitglieder in den Vernichtungslagern Bełżec, Treblinka und Sobibór mehr als zwei Millionen Menschen vergasten, gehörte auch die Risiera di San Sabba in Triest. Nachdem das Vernichtungswerk in Polen im Herbst 1943 abgeschlossen war, die Lager und somit alle Beweise vernichtet, wurden die verbliebenen Beteiligten der Aktion Reinhardt nach Triest beordert. Dort errichteten sie ein letztes Konzentrationslager.

Die achtundsiebzig überlebenden Pfleger und Brenner des ‚Reinhard‘-Stabs der Zweiundneunzig hatten nach Bewältigung einer nahezu menschenunmöglichen, zwei Jahre ihres Lebens und zahllose Leben aufzehrenden Aufgabe im Zustande völliger Ermüdung ihre Verlegung von Lublin nach Triest im Landmarsch mit Automobilen bewerkstelligt, dessen Kolonne von siebenundzwanzig Kübelwagen und Privatfahrzeugen sowie zwei Autobussen der Reichspost nach einem Halt und Umtrunk im Pferdestall der Kärntner Gauleitervilla von Pörtschach am Wörthersee mit dem Hausherrn und persönlich mit dem Herrn in Personalunion Reichsstatthalter Adriatisches Küstenland, Rainer, Friedrich, am 23. Oktober 1943 das Lager ‚Risiera di San Sabba‘ erreichte, eine ehemalige, aus sieben, teils sechsstöckigen Fabrikteilen bestehende Reismühle, die ein Schornstein überragte.

Ein Satz, der so lang und kräftezehrend ist wie der Landmarsch, den er beschreibt. Thomas Harlan treibt die Sprache in seinen Sätzen bis an die Grenzen des Möglichen. Die Lektüre ist so lohnend wie anspruchsvoll, schon das Inventar der Figuren und Schauplätzen ist kaum zu überblicken, zumal wir hier den unbekannten NS-Verbrechern begegnen. Zum Beispiel Christian Wirth, dem Inspekteur der Vernichtungslager der Aktion Reinhardt. Wir werden Zeuge, wie er in der Risiera seine Mannen sammelt. Es ist eine der wenigen kinematografischen Szenen des Romans:

Draußen unter neuer Sonne stand der Haufen, trat schon der Haufen heraus, als das Eisentor aufgerissen wurde, Hunde anschlugen, Hunde zurückgepfiffen wurden, das Schilderhaus strammstand, Kradfahrer in den Hof brausten, Seitenwagen fast kippten, bremsten, als die Staubmäntel hochflogen, der Staub sich schon legte, die Schutzbrillen schon abgenommen waren, die Hacken schon knallten, als, wer weiß, ob er es schon war, als jeder wußte, Christian kommt, als Christian kam, aufrecht in seinem Geländemercedes stehend, die Hand am Fernstecher, und stoppte, ausstieg, vor den Haufen trat, grüßte, anschiß, „Penner“ sagte, und dann das Kroppzeug abschritt, erst das deutsche, dann das erdbraune fremdvölkische, mal stehenblieb, mal in die sogenannten Gesichter blickte, Koppel im Geist polierte, gerne Litzen abgerissen hätte, und sich dann plötzlich in der Hofmitte aufbaute, im stumpfen Winkel zu seinen beiden ‚Reinhard‘-Einheiten, und verfügte: R-2 kommt nach Fiume, los, R-3 nach Udine, R-1, ihr Schlappsäcke, bleibt hier im Bau, spurt euch.

Verwandtschaft der Täter mit den Opfern

Der Protagonist Enrico Cosulich macht sich auf die Suche nach seiner gemütskranken Mutter Maria. Ihre Spuren verlieren sich in der Risiera, und Enrico muss, nach einer weitverzweigten Forschungsreise durch Zeiten und Weltgegenden, erkennen, dass es eine letzte Nähe zu den Mördern gibt: Er wird dereinst in der gleichen Erde ruhen wie sie.

Die Verwandtschaft der Täter mit den Opfern ist ein Leitmotiv des Romans. Oft ist dieses Motiv versteckt, beispielsweise in dieser Unterhaltung in der Risiera (eine Fortführung der obigen Szene):

R-3 wollte „Decken“ für Udine, „da is schon Winter“; R-3-Chef Reichleitner (Franz) war eine „blöde Bemerkung herausgerutscht“ (so erklärte er sich alles später im Bau), er hatte „einfach nur mal so“ gesagt, daß „ohne Degge do obe, könne die sich jo de Doot hole“. Die Antwort Christians saß: „Dozu sin die doch do.“

Dieser Wortwechsel geht auf eine Passage im Gerstein-Bericht zurück. Der Chemiker Kurt Gerstein wurde als SS-Obersturmführer und Hygienefachmann 1942 in Bełżec Augenzeuge der Vergasung. In dem Bericht, der bei den Nürnberger Prozessen als Beweismaterial verwendet wurde, bezieht sich die Bemerkung, „dazu sind sie doch da“, auf die Opfer, die nackt im Freien vor der Gaskammer warten mussten  auch im Winter, wie ein Wachmann Gerstein auf Anfrage bestätigt. In der Risiera sind die Täter nin selbst in Gefahr, Opfer zu werden. Der Tod droht ihnen nicht nur von den italienischen und jugoslawischen Partisanen, sondern auch von den eigenen Leuten. Denn die Täter der Aktion Reinhardt wissen zu viel.

Das Geheimnis mit ins Grab nehmen

Thomas Harlans Heldenfriedhof ist eine Mischung aus Fakten und Fiktion, ebenso wie Claudio Magris‘ Roman-Essay Verfahren eingestellt. In Heldenfriedhof begegnen wir 16 verbliebenen Tätern der Aktion Reinhardt im Jahr 1962, sie sammeln sich ein letztes Mal, um sich umzubringen, und zwar auf dem titelgebenden „Cimitero degli Heroi“ in Aquilea. Es ist die Zeit, in der die Justiz die Verfolgung der NS-Verbrechen aufnimmt, und die Täter wollen ihr Schweigegelübde halten, indem sie ihre Verbrechen mit ins Grab nehmen. Dieser fiktive Massenselbstmord ist in Heldenfriedhof ein Symbol für das Schweigen im Nachkriegsdeutschland.

Heldenfriedhof sei ein Klagegesang, sagte Thomas Harlan. Es ist auch ein Mahnmal für das von Magris benannte „Vergessen des Vergessens“: Wem sind heute beispielsweise die Daten bewusst, die die systematische Vernichtung von Menschenleben einrahmen? Am 7. Dezember 1941  begannen die Morde im Gaswagen im noch improvisierten Vernichtungslager Kulmhof, und am 5. November wurden in der „Aktion Erntefest“ die noch verbliebenen Zwangsarbeiter der deutschen Lager im besetzten Polen erschossen.

Thomas Harlan hat diesen beiden Daten ein Denkmal gesetzt, mit einem kühnen, auf Anhieb kaum lesbaren und bis zum Bersten aufgeladenen Satz. Mit dem „sie“ im Subjekt sind die „namentlich genannten und auch die nicht genannten Figuren“ von Enricos Erzählung gemeint, ebenso ihr Erzeuger; sie alle waren Kranke, „wie es jene wurden, die darin lasen“. Ihre Krankheit hat zu tun mit einem Geheimnis, „das sie mit niemandem teilen konnten, weil sie eins mit ihm waren“.

Ungewöhnlich an diesem Geheimnis nur war, daß nicht sie es waren, die es hüteten;  sie waren es, die von ihm gehütet wurden, riesige, ihren Hund vor sich selbst schützende Herden, die, ohne sich je dessen bewußt geworden zu sein, mit ihrem Wächter zusammengewachsen sein mußten und sich wiederum dadurch auszeichneten, daß, obschon sie davon so gut wie nichts wußten, ihre Zeit am 7. Dezember 1941 (ohne zu verstehen, was es mit diesem Tage auf sich hatte) abgelaufen war, auch dann, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren waren, und daß die Zeit, die folgte, wenn es überhaupt Zeit war und nicht etwas, das noch keinen Namen hatte, obschon es dauerte und das dauernde Etwas bis zum 5. November 1943 um Mitternacht andauerte – daß die Zeit also, die folgte, nicht zählte, auch dann nicht, wenn sie aus Gewohnheit oder aus noch schlechteren Gründen die Tage weitergezählt und nicht bemerkt hatten, daß ihr Lebenslauf von einem anderen Lebenslauf begleitet wurde, der zum Stillstand gekommen war und den sie nun hinter sich ließen, einen Stillstand, den sie mit anderen Stillständen teilten, gelassenen Leben, die, nicht mehr geführt, verkamen und im Wirrwarr jener Fäden, bald miteinander verknotet, fast Filz, dickfellig jenes Winterfett bildeten, Flomen und Liesen, den Schmerfluß der vor jeglicher Erinnerung sich hütenden Relikte des Gewissens, von dessen nagender Sucht und Berührung mit dem Unseligen das überfütterte Gewebe sie nun verschonen würde.

Der Satz gibt in seiner Struktur den Wirrwarr jener Fäden wieder, die sich verfilzen. Er verweigert sich dem Verstehen in ähnlicher Weise, wie die Täter und ihre Nachgeborenen sich der Erinnerung verweigern.

Angaben zum Buch
Thomas Harlan
Heldenfriedhof
Roman
Rowohlt Taschenbuch 2011 · 720 Seiten · 10,99 Euro
ISBN: 978-3499256899
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis
Beitragsbild: Risiera di san Sabba.
(Fabrikgebäude mit Gedenkstätte an der Stelle des gesprengten Krematoriums)
Bearbeitet von Sieglinde Geisel
Von Zapping, 2005
Lizenz: CC BY 2.5
Buchcover: Verlag

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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