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	<title>Gefühle &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Gefühle &#8211; tell</title>
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		<title>Die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 09:34:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Biologie]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie ist die Entwicklung der menschlichen Kultur aus biologischer Sicht zu verstehen? Dieser Frage geht der Neurologe Antonio Damasio in seinem Buch „Im Anfang war das Gefühl“ nach.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>er Neurowissenschaftler Antonio Damasio wundert sich über „die seltsame Reihenfolge der Dinge“. Mit diesem einfachen Gedanken beginnt sein Buch über die Entstehung der Gefühle. Drei Milliarden Jahre lang hat sich auf der Erde Leben ohne ein Nervensystem ausgebildet. Dennoch haben sich Verhaltens- und Reaktionsmuster entwickelt, die man als „kulturell“ verstehen kann. Hierzu zählt Damasio etwa die Reaktionen eines Lebewesens auf Umweltveränderungen oder das Zusammenarbeiten einzelner Organismen, bis hin zum Austausch von überlebenswichtigen Informationen, wie es bereits bei Bakterien zu beobachten ist. Neben der Energieaufnahme müssen Stoffkonzentrationen und Temperatur innerhalb der Zelle reguliert sein, es muss ein Fließgleichgewicht zwischen dem inneren und äußeren Milieu herrschen, sonst droht der Zelltod. Dieses Phänomen nennt man Homöostase: „Aufrechterhaltung“.</p>
<h3>Ein biologisches Thermostat</h3>
<p>Man kann die Homöostase als die übergeordnete Regulation des inneren Milieus in einem Lebewesen beschreiben. Um eine Veränderung in diesem Fließgleichgewicht zu registrieren, müssen Lebewesen ein Sensorium entwickeln und zugleich einen Schalter, der auf die registrierten Veränderungen reagiert. Gewissermaßen ein biologisches Thermostat. Obwohl die Verhaltensmuster, die sich auf diese Weise rein biologisch entwickelt haben, uns an Kultur denken lassen, weiß Damasio natürlich:</p>
<blockquote><p>Einzeller betreiben keine Phänomenologie.</p></blockquote>
<p>Zur Ausprägung einer Kultur braucht es dann doch ein zentrales Nervensystem. Allerdings hängt auch die Entwicklung des zentralen Nervensystems aufs engste mit der Notwendigkeit zur Regulierung des Organismus zusammen. Die erste Stufe besteht in einem bloßen Sensorium, das Milieuverschiebungen aufspürt und diese Signale mit Hilfe elektrischer Impulse weiter meldet. Daraus entwickelt sich ein Signalsystem, das über Botenstoffe Einfluss auf das Milieu der Umgebung nimmt. Diese entwicklungsgeschichtlich älteste Form des Nervensystems haben wir immer noch in uns: Das vegetative Nervensystem reguliert unter anderem Herzschlag, Atmung, Hungergefühl und Verdauung. Da es quasi autonom arbeitet und nur schwer willentlich zu beeinflussen ist, nennt man es auch das autonome Nervensystem.</p>
<h3>Wohlbefinden – das Schweigen der Organe</h3>
<p>Dass wir die Signale dieses Systems überhaupt bewusst wahrnehmen können, verdanken wir der nächsten Stufe, dem zentralen Nervensystem. Wir spüren unser Wohlbefinden – oder sein Fehlen. In dieser Phase der Evolution entsteht nun etwas, was man als Gefühl bezeichnen kann. Damasio zufolge sind Gefühle die Homöostase des Bewusstseins. Wenn wir etwas empfinden, beobachten wir unser inneres Sensorium zugleich bei der Arbeit. Das heißt, wir haben nicht nur ein Bild unserer Außenwelt, sondern auch unseres Inneren.</p>
<p>Ist die Homöostase gestört, fühlen wir uns unwohl. Das Gefühl des Unwohlseins wiederum bewirkt, dass wir nach Möglichkeiten der Heilung oder Linderung suchen. Am Beginn unserer Kultur stand das Streben nach dem Wohlbefinden, die Homöostase. Das ist Damasios Kernthese.</p>
<p>Dementsprechend ist die Medizin für ihn „eine unserer wichtigsten kulturellen Errungenschaften“:</p>
<blockquote><p>Die Medizin begann keineswegs als intellektueller Zeitvertreib, mit dem man die eigene Klugheit an einem diagnostischen Rätsel oder einem physiologischen Mysterium trainieren wollte. Sie erwuchs vielmehr als Konsequenz aus ganz bestimmten Gefühlen der Patienten und Gefühlen der ersten Ärzte, nicht zuletzt aus dem Mitgefühl, das aus Empathie geboren wird.</p></blockquote>
<p>Damasio betrachtet also das Streben nach dem „Schweigen der Organe“ (so Novalis‘ Definition des Wohlbefindens), nach der eigenen und der fremden Homöostase, als Wiege der Kultur. Radikal weitergedacht, könnte man das Bewusstsein sogar als Nebenprodukt des homöostaseregulierenden Nervensystems ansehen.</p>
<p>Das Nervensystem wäre demnach nur der Diener der Homöostase, und das zentrale Nervensystem als Hervorbringer der Kultur wäre lediglich zufälliges Beiwerk. So weit allerdings geht Damasio nicht. Vielmehr erteilt er einem anderen ebenso radikalen Bild eine klare Absage: der Vorstellung vom zentralen Nervensystem als algorithmengenerierender Maschine, wie sie etwa im Silicon Valley populär ist. In diesem Bild komme die Homöostase und somit die innere und äußere Abbildung der Welt nicht vor, so seine Kritik.</p>
<h3>Von der Biologie zur Gesellschaft</h3>
<p>Die Homöostaseregulierung erscheint als entscheidende Verbindung von Leib und Seele, zugleich führt Damasio sie als Argument gegen die Gleichsetzung von Computern mit menschlichen Gehirnen ins Feld. Das ist ein anregender Gedanke, doch leider wird er nicht systematisch entwickelt. Das Buch schneidet Themen an und verlässt sie wieder, es springt ständig hin und her. Das Herausfiltern der Gedanken beim Lesen ist Schwerarbeit. Dies liegt auch an der Redundanz: Der Stoff ließe sich in einem 50 bis 60-seitigen Wissenschaftsessay darstellen, doch wir sind schon auf Seite 200, und es geht noch einmal 120 Seiten weiter.</p>
<p>Hier wendet Damasio sich den derzeit diskutierten gesellschaftlichen Vorgängen zu, vom Populismus über die Digitalisierung bis hin zur Migration. Dieser letzte Teil hat mit der vorhergehenden Argumentation kaum etwas zu tun, er wirkt wie angeklebt – einmal abgesehen davon, dass, wer gesellschaftliche Konflikte mit biologischen Metaphern beschreibt, sich <a href="http://tell-review.de/vergesst-die-gene-vergesst-die-umwelt/" target="_blank" rel="noopener">auf heikles Terrain</a> begibt. Immerhin erkennt Damasio, dass eine solche Übertragung von der Biologie auf die Gesellschaft nicht unproblematisch ist:</p>
<blockquote><p>Überlässt man die kulturellen Organismen sich selbst […], scheinen sie nicht zusammenzufinden.</p></blockquote>
<p>Zwischen gesellschaftlichen Gruppen pegelt sich also nicht automatisch eine Homöostase ein. Warum das so ist, darüber erfährt man bei Damasio allerdings nichts. <a href="http://tell-review.de/wir-gegen-sie-gibt-es-eine-biologie-der-ausgrenzung/" target="_blank" rel="noopener">Robert Sapolsky</a> hat sich genau darüber in seinem jüngsten Buch Gedanken gemacht: Wo berühren sich die Biologie des Verhaltens und die Gewalt? Damasio möchte dies mit „seiner“ Homöostase erklären – und wird dabei inkonsistent. Die Welt kann eben doch nicht nur aus einem einzigen Phänomen heraus erklärt werden.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Antonio Damasio<br />
<strong>Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur</strong><br />
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel<br />
Siedler Verlag 2017 · 320 Seiten · 26 Euro<br />
ISBN: 978-3827500458<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3827500451/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783827500458" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="12387" data-permalink="https://tell-review.de/die-aufrechterhaltung-des-gleichgewichts/51ukkgybrql-_sx311_bo1204203200_/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/02/51UkkGYbRqL._SX311_BO1204203200_.jpg?fit=313%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="313,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="51UkkGYbRqL._SX311_BO1,204,203,200_" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/02/51UkkGYbRqL._SX311_BO1204203200_.jpg?fit=313%2C499&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-12387" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/02/51UkkGYbRqL._SX311_BO1204203200_-188x300.jpg?resize=188%2C300" alt="" width="188" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/02/51UkkGYbRqL._SX311_BO1204203200_.jpg?resize=188%2C300&amp;ssl=1 188w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/02/51UkkGYbRqL._SX311_BO1204203200_.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/02/51UkkGYbRqL._SX311_BO1204203200_.jpg?resize=300%2C478&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/02/51UkkGYbRqL._SX311_BO1204203200_.jpg?w=313&amp;ssl=1 313w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
Einzeller<br />
Lizenz: CC Public Domain<br />
via <a href="https://pxhere.com/de/photo/241219" target="_blank" rel="noopener">pxhere </a></h6>
<hr />
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		<title>&#8222;Wir gegen Sie&#8220; &#8211; gibt es eine Biologie der Ausgrenzung?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jan 2018 10:37:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Biologie]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
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		<category><![CDATA[Hirnforschung]]></category>
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					<description><![CDATA[Robert Sapolsky ist ein politischer Naturwissenschaftler. In seinem Buch "Gewalt und Mitgefühl – die Biologie des menschlichen Verhaltens" untersucht die biologischen Voraussetzungen von Fremdenhass und Angst, von Gehorsam und Widerstand.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Am Ende der Rezension finden Sie ein <a href="#limbisch">Glossar</a>, das die medizinischen Fachbegriffe erklärt.</div></div>
<span class="dropcap">M</span>it seinem Buch <em>Gewalt und Mitgefühl – die Biologie des menschlichen Verhaltens</em> legt der Biologe Robert Sapolsky eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme vor. Er beginnt mit einer Warnung:</p>
<blockquote><p>Es wird kompliziert!</p></blockquote>
<p id="back">Das Buch hält, was sein Autor verspricht. Auf mehr als tausend Seiten analysiert Sapolsky das menschliche Verhalten: von der Gewalt über die Indifferenz bis zum Mitgefühl und zur Liebe, bisweilen fast auf Fachbuchniveau, verteilt auf die Disziplinen der Anthropologie, der Neuro-Biologie, der Psychologie und der Kulturwissenschaft.</p>
<h3>Die Evolution einer Handlung</h3>
<p>Sapolskys Vorgehensweise ist episch-chronologisch. Er erzählt eine menschliche Handlung – ein Schlag ins Gesicht etwa oder die zärtliche Berührung eines Arms – wie einen Roman. In immer neuen Schleifen und Redundanzen baut er alle Ursachen dieses Verhaltens ein. Im ersten Teil seines Buchs lässt Sapolsky dabei die biologischen und entwicklungspsychologischen Voraussetzungen einer menschlichen Handlung Revue passieren, im zweiten Teil interpretiert er diese Fakten dann subjektiv auf ihre politische Bedeutung hin.<br />
Bei der biologischen Analyse spannt er den Bogen, soweit es geht: von den Millisekunden kurz vor der Handlung bis zurück zu den Jahrmillionen alten evolutionären Verhaltensgrundlagen. Unmittelbar vor einer aggressiven Tat kann zum Beispiel eine Stimulation der Amygdala stehen: Sie ist Teil des <a href="#limbisch">limbischen Systems</a>. Ängste reizen sie zur aggressiven Abwehr des Stimulus. Das dopaminerge Belohnungssystem wiederum ist wichtig für das Suchtverhalten oder die Anerkennung in der eigenen Gruppe.</p>
<h3>Das Phänomen der Angstlust</h3>
<p>Wie Sapolsky zeigt, ist das menschliche Gehirn so gebaut, dass die Vorfreude stärker wirkt als die Freude. „All das ist nicht neu für die Amateurpsychologen, die Las Vegas managen,“ schreibt Sapolsky. Auch das dopaminerge System ist Teil des limbischen Systems und mit der Amygdala verschaltet. Damit lässt sich wiederum das Phänomen der Angstlust erklären. All diese Verhaltensschleifen werden vom präfrontalen Kortex reguliert, dem Stirnhirn, das erst etwa mit 25 Jahren voll entwickelt ist und sich daher als Hebelansatz für eine Verhaltensänderung eignet.</p>
<blockquote><p>Da der frontale Kortex zuletzt reift, ist er definitionsgemäß die Hirnregion, die am wenigsten durch Gene und am meisten durch Erfahrung geprägt wird.</p></blockquote>
<p>Sodann widerlegt Sapolsky die immer wieder behauptete Legende, dass die Hormone Testosteron und Oxytocin aggressiv-männliches resp. sanftmütig-mütterliches Verhalten verursachen würden. Hormone verstärken lediglich Tendenzen, wobei das „mütterliche“ Oxytocin durchaus aggressionsfördernd wirken kann, indem es Schutzinstinkte triggert. Die große propagandistische Wirksamkeit von Kindsraubgeschichten könnte hier ihr neurobiologisches Korrelat haben.</p>
<h3>Das Überwinden von Vorurteilen</h3>
<p>Kulturelle und gesellschaftliche Einflussgrößen sind unbedingt hinzuzudenken, wenn es um das Verhalten geht. Hirnscan-Untersuchungen haben ergeben, dass das bewusste Wegdenken der eigenen Kultur ein kognitiver Willensakt ist, der Anstrengung erfordert. Ist jemand also kulturell auf die Ablehnung einer Fremdgruppe geprägt, ist das Überwinden dieser Vorurteile ein bewusster Prozess, er kann nicht automatisch erfolgen.</p>
<blockquote><p>Die Kultur legt also buchstäblich fest, wo und wie wir die Welt betrachten.</p></blockquote>
<p>Würde ein Kulturwissenschaftler das sagen, wäre es eine Plattitüde. Dass ein Biologe dies sagt, ist bemerkenswert.</p>
<p>Man sieht, leicht macht Robert Sapolsky es uns nicht. Die Faktoren, die unser Verhalten beeinflussen, sind kaum überschaubar: Amygdala, Dopaminsystem, präfrontaler Kortex, Hormonspiegel, umweltbedingte epigenetische Prägungen, kultureller Fundus, Verhaltensevolution, Gene. Diese Einflussgrößen sind ineinander verdrillt und in ständiger Wechselwirkung. Sapolsky sieht sie überdies als gleichberechtigt an: Gene sind nicht wichtiger als die Umwelt, und beide sind wiederum nicht wichtiger als Kultur, Hormone, Neurotransmitter oder andere Faktoren. Die Absage an ein Ranking hat weitreichende Implikationen. Sapolsky lehnt jede Form des Essenzialismus ab: Biologisches Geschehen ist multifaktoriell und diese vielen Faktoren sind gleichwertig. Würde man einen Faktor als wesentlich setzen, so würde man essenzialistisch denken und diese eine gesetzte Grundannahme als wesentlichsten Grund des menschlichen Daseins sehen.</p>
<p>In einer launigen Anekdote über seine Mutter verdeutlicht Sapolsky, was er unter Essenzialismus versteht und indirekt auch, was er von diesem Konzept hält:</p>
<blockquote><p>Ich hatte auch eine persönliche Erfahrung mit extremem Essenzialismus: 1976/77 wurde New York durch die Mordserie, die später unter der Bezeichnung &#8222;son of sam&#8220; bekannt wurde, in Angst und Schrecken versetzt. […] Im August 1977 endete sie mit der Verhaftung von David Berkovitz. […]
Einen Monat später – ich war wieder im College – läutete das Telefon. Mein Zimmergenosse nahm ab und reichte mir etwas verwirrt den Hörer: „Deine Mutter, sie scheint ziemlich aufgeregt zu sein.“ „Hallo Mom, was gibt’s?“ Euphorisch, erleichtert und triumphierend zugleich schrie sie in den Hörer: „David Berkovitz! Er ist adoptiert! Adoptiert! ER IST KEIN JUDE!“ Auf meine Mutter wartete allerdings noch eine ironische und enttäuschende Wendung. Die biologische Mutter von Berkovitz […] war Jüdin – genauso wie sein biologischer Vater [&#8230;].</p></blockquote>
<h3>Gen und Kontext</h3>
<p>Diese philosophische Grundannahme, den Essenzialismus abzulehnen, taucht in den epischen Schleifen von Sapolskys Wissenschaftserzählung immer wieder auf. Hiermit korrespondiert seine zweite Grundannahme: Handeln ist immer kontextabhängig und kann nur in seinem Zusammenhang bewertet werden.</p>
<blockquote><p>Frag nicht, was ein Gen tut; frag, was es in einem bestimmten Kontext tut.</p></blockquote>
<p>Denn in unterschiedlichen Kontexten kann ein und dasselbe Gen sich unterschiedlich verhalten. Mal ist es Text, mal Kontext, wie übrigens alle anderen Variablen ebenfalls, deshalb kann das Gen laut Sapolsky auch nicht essenziell sein, also keine Vorrangstellung gegenüber anderen Faktoren einnehmen.</p>
<h3>Aggressionen gegen das Fremde</h3>
<p>Im zweiten Teil des Buchs setzt Sapolsky diese biologischen Grundlagen in ein Verhältnis zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Damit wendet sich das Buch von der objektiven Bestandsaufnahme zum subjektiven Resümee. Hier wird die Naturwissenschaft dezidiert politisch: Sapolsky geht es um Wir und Sie, um die Dichotomie der Ausgrenzung und damit um die Aggression gegen Fremde und um den Ekel, den manche beim Anblick von Fremden verspüren. Es geht ihm weiterhin um die automatisch ablaufenden Mechanismen der Unterdrückung und des Gehorsams gegenüber Befehlshabern, den man bei kollektiven Verbrechen so häufig beobachten kann. Immer wieder kehrt Sapolsky zu den Beispielen der Nazizeit zurück. Viele weitere Beobachtungen stammen aus Ruanda, wo er vor dem Völkermord als Forscher tätig war:</p>
<blockquote><p>Ein paar Jahre vor den Ereignissen verbrachte ich einige Zeit im Land, um Berggorillas […] zu beobachten. Natürlich, kläglich, dümmlich, schmerzlich, irgendwas-lich kam ich von dort mit der Überzeugung zurück, die Menschen seien freundlich und großzügig. Ich nehme an, dass fast jeder, dem ich damals begegnet bin, heute tot, ein Mörder und/oder Flüchtling ist.</p></blockquote>
<p>Was war geschehen? Nun, das, was immer geschieht. Mit Hilfe von Metaphern wurde einer Bevölkerungsgruppe, den Tutsi, das Menschsein abgesprochen (Kakerlaken!). Zum einen wurden die kulturell bedingten negativen Bilder mit Reizungen der Amygdala (Angst!) und dem Insellappen (Ekel!) verbunden. Zum anderen gab es unter den Hutu eine kulturelle Tradition des Gehorsams.</p>
<blockquote><p>Entmenschlichung, Pseudospezifikation. Die Werkzeuge der Hasspropagandisten. &#8218;Sie&#8216; sind ekelhaft. &#8218;Sie&#8216; als Nagetiere, als Krebsgeschwür, als vormenschliche Evolutionsstufe, &#8218;Sie&#8216; als stinkende Horde […] &#8218;Sie&#8216; als Kot und Dreck. Bringen Sie die Insellappen Ihrer Anhänger dazu, das Buchstäbliche und das Metaphorische zu verwechseln, und Sie sind zu 99 Prozent dort, wo sie hinwollen.</p></blockquote>
<p>Ein Kapitel trägt die Überschrift: „Metaphern, mit denen wir töten“.</p>
<h3>Die egoistischen Wurzeln der Empathie</h3>
<p>Wie kann man den Widerstand gegen diese Entmenschlichung stärken? Reicht unser freier Wille dafür überhaupt aus? Laut Sapolsky ist er <em>„</em>eingeschränkt<em>“</em>. Und, so dürfen wir hinzufügen, wie alles andere im Leben ist auch der freie Wille kontextabhängig. Er wird umso schwächer, je weniger frei die Umgebung ist: Armut, Hunger und eine Kindheit in einer gewaltsamen Umwelt lassen ihn schwinden.</p>
<p>Was ist mit der Empathie? Obwohl es auch für sie biologische Erklärungen gibt, macht uns Sapolsky keine große Hoffnung, denn die Empathie hängt eng mit dem lernenden Einfühlen zusammen und damit, ob wir von den anderen einen Nutzen haben. Auch die Empathie hat also egoistische Wurzeln. Sapolsky drückt es drastisch aus:</p>
<blockquote><p>Kratz an einer altruistischen Ratte, und du siehst eine Heuchlerin bluten.</p></blockquote>
<p>Den „reinen“ Altruismus gibt es nicht. Sapolsky verweist auf das „Münchhausen by-proxy-Syndrom“, bei dem jemand eine Krankheit bei Dritten vortäuscht oder dramatisiert, um eine medizinische Behandlung zu erzwingen. Ein Altruismus sei nur dann verlässlich, wenn er die eigenen Bedürfnisse nicht ausklammere.</p>
<h3>Individuation als Gegengift</h3>
<p>Auch Sapolsky hat kein Patentrezept gegen die aggressiven Impulse des Menschen. Aber er hat zumindest eine Richtung. Der Weg kann nur über das Bewusstsein laufen, biologisch gesprochen: über den präfrontalen Kortex, der sowohl Gefühle als auch Gedanken verarbeitet. Es ist der Weg über das „Ich“, das sich nicht über ein „Wir“ definiert. Für Sapolsky ist Individuation das Gegengift gegen den Essenzialismus, also jener Narrative, die willkürliche Behauptungen als essenziell setzen – etwa ein Volk oder eine Schicht – und Fremdes als dieser Essenz, dem Sein also, entgegengesetzt. Nur wer sich als Ich und nicht ausschließlich als Wir erlebt, kann das Ich im anderen erkennen.</p>
<p>Sapolsky zeigt noch einen zweiten Weg, um der Aggression Widerstand zu leisten: die Ablehnung der Fremddefinition.</p>
<blockquote><p>Eine der wichtigsten Wurzeln des Widerstands ist die Rückeroberung des Narrativs. […] Ein entscheidender Schritt hin zum Widerstand der Opfer besteht darin, dass man die Macht erlangt, sich selbst zu definieren.</p></blockquote>
<p id="limbisch">Robert Sapolsky ist ein dialektischer Biologe. Er hat ein schwieriges, schönes Buch geschrieben, das ein Kultbuch werden könnte – wie seinerzeit <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3608949062/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Gödel, Escher, Bach</em></a>.</p>
<hr />
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<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#010b14;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#343E47;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Das limbische System</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">Das limbische System ist ein Konstrukt der Hirnforschung. Es beschreibt ein verschaltetes System von Nervenkernen, in dem Emotionen und Triebe entstehen und verarbeitet werden. Die frühere Sicht eines abgeschlossenen „Emotionssystems“ mit einigen Ausgängen zum Großhirn ist überholt. Alle Nervenkerne haben In- und Output zu fast allen anderen Bereichen des zentralen Nervensystems.</p>
<p>Die folgenden Strukturen sind Teil des limbischen Systems</p>
<div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack su-tabs-vertical" data-active="1" data-scroll-offset="0" data-anchor-in-url="no"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Amygdala (Mandelkern)</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Hippocampus</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Thalamus</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Präfortaler Kortex</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Amygdala (Mandelkern)"> In der Amygdala kommen angstauslösende Reize an und werden weitergeleitet. Offenbar spielt dieser Hirnbereich auch eine Rolle bei lustbetonten Empfindungen. Wer die Amygdala reizt und diesen Reiz mit dem Erkennen des vermeintlich Bösen in einer Fremdgruppe verbinden kann, hat den ersten Schritt in Richtung Ressentiment getan, weil man das Ressentiment auch als eine Lustbefriedigung sehen kann. Die Lustbefriedigung läuft dann über die Aggression gegen das Fremde, das wiederum Angst auslöste.</div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Hippocampus"> Im Hippocampus wird Wahrgenommenes verschaltet, in die Großhirnrinde weitergeleitet und im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Eine doppelseitige Hippocampusschädigung macht es unmöglich, Neues im Langzeitgedächtnis zu speichern, es folgt eine anterograde, also in die Zukunft gerichtete, Amnesie. </div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Thalamus"> Der Thalamus ist ein Konglomerat aus Nervenkernen, das anatomisch im Zwischenhirn angesiedelt ist. Er ist gewissermaßen der Wächter, den jede Wahrnehmung überwinden muss, um ins Bewusstsein zu gelangen. Dieser Wächter wiederum ist mit allen Teilen des Gehirns verschaltet, erhält also seine Maßgaben von überall her. </div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Präfortaler Kortex"> Der präfrontale Kortex ist offenbar Sitz unserer moralischen Werte, unserer Selbstkontrolle, unserer Handlungsplanung und auch unseres Gedächtnisses. Schädigungen des präfrontalen Kortex können zu Soziopathie, Gedächtnisstörungen und Empathieunfähigkeit führen.</div></div></div>
</div></div>
<hr />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Robert Sapolsky<br />
<strong>Gewalt und Mitgefühl</strong><br />
Die Biologie des menschlichen Verhaltens<br />
Aus dem Englischen von Hainer Kober und Antoinette Gittinger<br />
Hanser 2017 · 1024 Seiten · 38 Euro<br />
ISBN: 978-3446256729<br />
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</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="11970" data-permalink="https://tell-review.de/wir-gegen-sie-gibt-es-eine-biologie-der-ausgrenzung/cover-5/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?fit=1600%2C2451&amp;ssl=1" data-orig-size="1600,2451" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?fit=672%2C1030&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-11970" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover-196x300.jpg?resize=196%2C300" alt="" width="196" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?resize=768%2C1176&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?resize=672%2C1030&amp;ssl=1 672w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?resize=1300%2C1991&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?resize=300%2C460&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover.jpg?w=1600&amp;ssl=1 1600w" sizes="auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: Medialansicht eines halbierten menschlichen Gehirns, lateinisch beschriftet<br />
via <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neuroanatomie#/media/File:Gehirn,_medial_-_beschriftet_lat.svg" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia</a><br />
<a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC by SA 3.0 </a></h6>
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<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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