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	<title>Debattenkritik &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Debattenkritik &#8211; tell</title>
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		<title>Heiliger Algorithmus, bitt´ für uns!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michael Braun]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 May 2018 09:56:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Einbahnstraße]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Debattenkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Digitale Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Was kommt dabei heraus, wenn Algorithmen Bücher schreiben? Ein Kommentar zum Werk von Hannes Bajohr.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#343E47;">In seiner Aphorismensammlung <em>Einbahnstraße</em> (1928) bezeichnet Walter Benjamin den Kritiker als &#8222;Strategen im Literaturkampf&#8220;. In der Rubrik &#8222;Einbahnstraße&#8220; beschäftigen wir uns mit den Literaturkämpfen und Scharmützeln der Gegenwart.</div></div>
<p><span class="dropcap">F</span>ür uns Gestrige soll es wohl eine Art Weckruf sein. In der Wunderkammer der digitalen Medientechniken, so die Fama, ist unlängst eine neue Weltformel für die Literatur gefunden worden. Sie lautet: <a href="http://0x0a.li/de/" target="_blank" rel="noopener">0x0a.li</a>, und wer sie im Internet ansteuert, lernt auch den Propheten der schönen neuen Literaturwelt kennen, den Philosophen und Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr.</p>
<p>Auf 0x0a.li wird uns die frohe Botschaft verkündet, dass wir endgültig entlastet sind vom Gedanken an das Originalgenie und vom Mythos, dass der Schöpfungsprozess eines Autors nötig wäre, um ein Werk zu produzieren. Gewiss, bereits die französischen Meisterdenker Michel Foucault und Roland Barthes haben den „Tod des Autors“ prognostiziert. Vollzogen wird die Liquidierung des „Autors“ als eigenständigem Schöpfer aber erst von den Avantgardisten des Digitalen.</p>
<h3>Der Code generiert Literatur</h3>
<p>In diversen Veröffentlichungen zelebriert Hannes Bajohr die Pulverisierung des „Werk“-Begriffs. Weil uns das Internet mit einer unendlichen Menge von Texten, Bildern und Tönen beglücke, sei es letztlich nicht mehr der Autor selbst, sondern nur noch der von ihm konstruierte Code, der Literatur hervorbringt:</p>
<blockquote><p>Wo alles Text ist, gibt es kein Werk mehr, nur noch &lt;Halbzeug&gt;, jenes Übergangsprodukt zwischen Rohstoff und Fertigfabrikat, das weder ganz unbehauen noch endgültig abgeschlossen ist.</p></blockquote>
<p>Es genüge, wenn die Maschinen sprechen und wir mithilfe eines Algorithmus‘ Textstoff generieren.</p>
<p>Als <em>dernier cri </em>der postdigitalen Literatur darf der konzeptuelle Roman <em>Durchschnitt</em> gelten. Hier versucht Bajohr, die größten und anerkanntesten Romane der deutschen Literatur auf einen statistischen Mittelwert und auf handliche 260 Seiten zu bringen. Ausgangspunkt dafür sind die zwanzig Romane von Marcel Reich-Ranickis <em>Kanon</em> der deutschen Literatur. Mit einem Programmiercode hat der „Verfasser“ die durchschnittliche Satzlänge all dieser Romane bestimmt, nämlich genau 18 Wörter. Alle Sätze anderer Länge werden aussortiert, die Sätze mit jeweils 18 Wörtern werden alphabetisch sortiert – und fertig ist der Roman <em>Durchschnitt</em>.</p>
<h3>Simple Collagetechniken</h3>
<p>Längst sind solche absurden Experimente auf dem Höhenkamm der modernen Literaturdebatte angelangt. In einem Sonderdruck der „edition suhrkamp“ hat Bajohr gerade sein digitales Schatzkästlein mit <em>Halbzeug</em> geöffnet. Was finden wir darin? Das Eröffnungsgedicht des Bandes ist mit „20 Opfer“ betitelt und collagiert zwanzig Stellen aus Werken Kafkas, in denen das Wort „Opfer“ vorkommt.  In „Über mich selbst“ werden 7000 Profile männlicher heterosexueller Nutzer der Dating-Plattform Parship ausgewertet und alle Sätze, die mit „ich bin“ beginnen, zu einem litaneiartigen Text verknüpft. An einer anderen Stelle werden Elemente aus Hölderlins <em>Hyperion</em> mit einem „Zeit“-Artikel Josef Joffes kurzgeschlossen.</p>
<p>Der Vergnügungswert dieser simplen Collagetechniken ist denkbar gering. In dieser tristen neuen Welt der digitalen Literatur ist die Phantasie überflüssig geworden. Wenn diese algorithmengestützte Literatur mit ihren mauen Wörterlisten und blassen Collagen Schule macht, dürfen wir uns auf ein Zeitalter der Ödnis einstellen.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Hannes Bajohr<br />
<strong>Durchschnitt</strong><br />
Frohmann Verlag 2016 · 260 Seiten · 14 Euro<br />
Kindle Edition · 2,99 Euro<br />
ISBN:978-3944195506<br />
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</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="12919" data-permalink="https://tell-review.de/heiliger-algorithmus-bitt-fuer-uns/cover-durchschnitt/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?fit=352%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="352,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover Durchschnitt" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?fit=352%2C499&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-12919" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=212%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="212" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=212%2C300&amp;ssl=1 212w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=56%2C80&amp;ssl=1 56w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=300%2C425&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?w=352&amp;ssl=1 352w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></div></div></div>
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Hannes Bajohr<br />
<strong>Halbzeug</strong><br />
Textverarbeitung<br />
edition suhrkamp 2018 · 109 Seiten · 16 Euro<br />
ISBN: 978-3518073582<br />
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</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="12916" data-permalink="https://tell-review.de/heiliger-algorithmus-bitt-fuer-uns/buchcover-bajohr/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="314,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover Bajohr" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-12916" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=189%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="189" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=300%2C477&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?w=314&amp;ssl=1 314w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Von <a href="https://pixabay.com/de/users/geralt-9301/" target="_blank" rel="noopener">Gerd Altmann</a><br />
Via <a href="https://pixabay.com/de/bin%C3%A4r-digitalisierung-buch-2007353/" target="_blank" rel="noopener">Pixabay</a><br />
Lizenz: CC0 Creative Commons</h6>
<hr />
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		<title>Einen Schlussstrich ziehen</title>
		<link>https://tell-review.de/einen-schlussstrich-ziehen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Michael Braun]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Mar 2018 09:14:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Einbahnstraße]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Debattenkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Indifferenz des Literaturbetriebs kann Autoren zur Verzweiflung treiben. Statt um jeden Preis weiterzumachen, wählen einige eine Exitstrategie. Eine debattenkritische Betrachtung zu Wolfgang Hildesheimer, Reinhard Jirgl und Lothar Baier.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#343E47;">In seiner Aphorismensammlung <em>Einbahnstraße</em> (1928) bezeichnet Walter Benjamin den Kritiker als &#8222;Strategen im Literaturkampf&#8220;. In der Rubrik &#8222;Einbahnstraße&#8220; beschäftigen wir uns mit den Literaturkämpfen und Scharmützeln der Gegenwart.</div></div>
<p><span class="dropcap">W</span>as am Ende eines Schriftstellerlebens bleibt, sind „letzte Zettel“, unleserliche Aufzeichnungen und – bestenfalls – das Ausweichen ins Bildkünstlerische. 1984 veröffentlichte der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) ein Buch mit Collagen, dem er den Titel <em>Endlich allein</em> gab. Im Vorwort zu diesem Buch notiert er:</p>
<blockquote><p>Wer sagt, dass ich aus der Realität ausgestiegen bin, hat recht.</p></blockquote>
<p>Es war ein lange vorbereiteter Abschied von der Literatur. Bereits in Hildesheimers Roman <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518379674/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Masante</em> </a>(1973) hatten sich die beiden Protagonisten Alain und Maxine, „zwei gescheiterte Existenzen“, in einer finalen Lage eingerichtet, am Rand einer Wüste, im Lokal „La dernière chance“, in dem sich das Leben „in einem stationären Stadium des Erlöschens zu bewegen“ scheint. Und in <em>Masante</em> finden sich auch schon die Formeln für jenes fatalistische Weltgefühl, für das Hildesheimer berühmt geworden ist:</p>
<blockquote><p>Meine Welt ist erkannt und ausgebeutet. Sie gibt keinen guten Satz mehr her. Den Punkt setzen, den Schlussstrich ziehen, meine Zeit ist vorbei.</p></blockquote>
<p>Den Schlussstrich zog Hildesheimer dann ein paar Jahre später. Angesichts der ökologischen Verwüstung und Ausplünderung der Erde, erklärte er 1984 in einem Interview, sei es an der Zeit, Abschied zu nehmen: „Ich glaube, dass in wenigen Generationen der Mensch die Erde verlassen wird“, da sei „der faktische Evidenzverlust der Literatur“ mit Händen zu greifen. Danach produzierte er nur noch Collagen, Schattenbilder vom eigenen Verstummen.</p>
<p>Einen Schlussstrich hat kürzlich auch der Schriftsteller Reinhard Jirgl gezogen. Auch das hat mit der Einsicht in den faktischen Evidenzverlust der Literatur zu tun, von dem Hildesheimer spricht. Der mittlerweile 65jährige Jirgl hatte erkannt, dass die Bereitschaft, sich mit seiner bis ins einzelne Satzzeichen eigensinnigen Literatur auseinanderzusetzen, auf beschämende Weise geschwunden ist. Niemand kann mehr zuhören, angesichts der digitalen Überinformiertheit schwindet die Lust an genauer Lektüre – angesichts dessen bleibt offenbar nur noch der Rückzug. „Mit Beginn des Jahres 2017“, so die lapidare Mitteilung auf der Homepage des <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/reinhard-jirgl/" target="_blank" rel="noopener">Hanser Verlags</a>, „hat Reinhard Jirgl sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er verzichtet auf Lesungen sowie andere Auftritte, desgleichen auf jede Publikation seiner auch weiterhin entstehenden Manuskripte. Alle neu geschriebenen Texte verbleiben in Privatbesitz.“ Jirgls Verleger Jo Lendle zeigte sich fassungslos. Ansonsten währte die Irritation über den Ausstieg des Büchnerpreisträgers von 2010 aber nur kurz, man geht zur literarischen Tagesordnung über. Doch deren Agenda wirft immer weniger Reizwerte ab.</p>
<p>Der Ekel vor den Mechanismen eines indifferenten Literaturbetriebs hatte um die Jahrtausendwende auch den Literaturkritiker Lothar Baier erfasst. Er, bis dahin einer der substanziellsten Publizisten Deutschlands, verließ das Land und zog nach Kanada in die Nähe von Montreal. Nach und nach verlor er seine Arbeitgeber in Deutschland, und der Verdruss über die Geschichtsblindheit seiner Kollegen nahm zu. Hinzu kam das Desaster einer gescheiterten Liebe. Seine Freundin hatte ihn gewalttätiger Übergriffe bezichtigt, und die kanadische Polizei hatte ihn vorübergehend inhaftiert. Erst nach einem zeitraubenden und kostspieligen Prozess konnte er, rehabilitiert, das Gefängnis verlassen.</p>
<blockquote><p>Neben dem physischen gibt es auch das soziale und kulturelle Altwerden und das scheint sich mir gerade in dem Maß zu beschleunigen, in dem ich Anstrengungen unternehme, den Anschluss nicht zu verlieren und neuen Entwicklungen zu folgen.</p></blockquote>
<p>So schreibt Baier in seinem Abschiedsbrief. Im Juli 2004 wurde er erhängt in seiner Wohnung aufgefunden – die Indifferenz des Literaturbetriebs mag, nebst den Depressionen, an denen er während seines ganzen Lebens gelitten hatte, dazu beigetragen haben. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch hat im dritten Teil seines soeben erschienenen autobiografischen Romans an die tragische  Geschichte Lothar Baiers noch einmal erinnert. Der Titel von Buchs Werk <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3627002520/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Stillleben mit Totenkopf</em></a> wirkt wie ein Bild für die Agonie des Literaturbetriebs, die manche Autoren zur Verzweiflung treibt. Sie wählen dann eine Exitstrategie – als Alternative zum Weitermachen um jeden Preis.</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
<em>Von Haeferl (Eigenes Werk) [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABahnhof_Schrambach_-_altes_Ausgang-Schild.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
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		<item>
		<title>Spiegelfechtereien</title>
		<link>https://tell-review.de/spiegelfechtereien/</link>
					<comments>https://tell-review.de/spiegelfechtereien/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Feb 2018 13:18:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Debattenkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit Monaten beherrschen sie die Literaturdebatten: ein Gedicht von Eugen Gomringer und ein Prosa-Essay von Simon Strauß. Wir drehen unsere Pirouetten. Was auf der Strecke bleibt, ist die Literatur.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">A</span>ufmerksamkeit erzeugt man nicht mit Lesen, sondern mit Streiten. Und wenn sich lange genug nichts findet, worüber zu streiten sich lohnt, bricht man sich seine Debatten halt vom Zaun, respektive von der Hauswand.</p>
<p>Als es noch Autoren gab, die alt genug waren für eine geheim gehaltene nationalsozialistische Vergangenheit, wurden Werke auf Spuren faschistischer Gesinnung abgeklopft. Heute erschnüffeln wir im Wettstreit Sexismus und Rechtssein. Unter dieser Prämisse werden seit Monaten zwei Texte zum literarischen Ereignis hochdiskutiert: ein <a href="http://tell-review.de/im-inneren-des-gedichts/">Gedicht</a> und ein literarisches <a href="http://tell-review.de/page-99-test-simon-strauss/">Jungmänner-Experiment</a>.</p>
<p>Das Gedicht<em> ciudad (avenidas)</em> von Eugen Gomringer beschränkt sich, wie es sich für konkrete Lyrik gehört, aufs Benennen, und zwar auf Spanisch. Es benennt Straßen, Blumen, Frauen und den Stein des Anstoßes: einen Bewunderer.<br />
* Wer am raffiniertesten beweist, auf welch raffinierte Weise dieses Mini-Gedicht es schafft, Frauen herabzusetzen, hat gewonnen! *</p>
<p>In <em>Sieben Nächte</em> hat Simon Strauß in sieben Nächten sieben Texte über sieben Todsünden verfasst – ein Selbstversuch spontanen Schreibens.<br />
* Wer die Lunte entdeckt, die über wohlverborgene Irrungen und Wirrungen zum Sprengsatz rechten Gedankenguts führt, hat gewonnen! *</p>
<p>Mit dieser Spiegelfechterei imitiert der Literaturbetrieb, was die Politik uns seit längerem vorturnt: Wir verausgaben uns auf Nebenschauplätzen, während in unserem Rücken klammheimlich die Weltgeschichte weitergeht, während die Erde wärmer wird und das soziale Klima kälter, während private Konzerne dem digitalen Raubrittertum frönen und ringsum rechte Autokraten ihre Macht zementieren.</p>
<p>Was wären echte Literatur-Debatten? Sie müssten sich an den Aufgaben der Literatur messen lassen. Mit der Frage nach der Aufgabe der Literatur macht man sich im Westen lächerlich. In anderen Weltgegenden ist sie selbstverständlich. Alle Literatur, die den Namen verdiene, sei politisch, sagte der Inder <a href="http://tell-review.de/vom-leben-der-anderen-schreiben/">Neel Mukherjee</a> am Berliner Literaturfestival, leicht irritiert über die dumme Frage. Ein Schriftsteller müsse sein Volk bei allem begleiten, was es durchmache, so wurde auf der Frankfurter Messe ein arabischer Autor zitiert.</p>
<p>Was wir gerade durchmachen, wissen wir selbst nicht recht zu sagen. Es ist in mehrfacher Hinsicht paradox: Nach allen statistischen Erhebungen geht es Deutschland besser denn je, und doch fühlen sich alle als Opfer, die Linken wie die Rechten, die Armen wie die Reichen, die im Osten wie die im Westen. Es gibt unter uns Menschen, die tatsächlich Opfer von Gewalt, Armut und Repressionen geworden sind, nur machen wir ausgerechnet sie zum Sündenbock. Schuld sind die Ausländer! Am Pflegenotstand, am Sterben der Dörfer, an den prekären Arbeitsverhältnissen und dem fehlenden Zusammenhalt der Gesellschaft, <em>you name it</em>.</p>
<p>Es ist nicht leicht, diese Widersprüche in Literatur zu verwandeln. Wir befinden uns an einer Epochenschwelle. Niemand weiß, was kommt, und vielleicht ist es das, was uns so zusetzt. In den Debatten, die der Betrieb mit sich selbst führt, geht es in erster Linie darum, die Kollegen zu beeindrucken. Intellektuelle Pirouetten jedoch sind nur in einer ideologisch sauber abgezirkelten Manege möglich. Dort können wir uns festhalten am Geländer der richtigen Gesinnung: Kampf dem Sexismus! Nie wieder Faschismus!, etc. Zu dem jedoch, was wir noch nicht kennen, müssen wir die richtige Haltung erst finden. Das bedeutet Glatteis, Risiko, Unsicherheit.</p>
<p>Da verteidigen wir doch lieber die <a href="https://www.adk.de/de/presse/pressemitteilungen.htm?we_objectID=58119">Freiheit der Kunst</a>! Die Akademie der Künste will die Arbeit von Eugen Gomringer „ehren“, indem sie an ihrer Fassade das Gedicht <em>schweigen</em> anbringt. Damit ist die nächste Eskalationsstufe erreicht. Und wieder bleibt die Literatur auf der Strecke. Wie es sich für ein konkretes Gedicht gehört, zeigt <em>schweigen, </em>wie man mit Worten schweigt, nämlich indem man das Wort „schweigen“ durch Weglassen verschweigt. Diese perfekte Übereinstimmung von Form und Inhalt hat Witz, und es ist schön, dass dieser Witz im öffentlichen Raum präsentiert wird.</p>
<p>Nur stellt, wer dieses Gedicht zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort an die Wand malt, leider nicht den poetischen Einfall des Dichters zur Schau, sondern eine politische Anklage. Auf einmal schreit das Gedicht „Zensur!“</p>
<p>Womit die nächste Runde der Debatte eingeläutet wäre.</p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
<a href="https://pxhere.com/de/photo/1276839" target="_blank" rel="noopener">Spiegelnde Bäume</a><br />
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		<title>Wenn es die Burka nicht gäbe, müsste man sie erfinden!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Aug 2016 09:01:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Burka]]></category>
		<category><![CDATA[Debattenkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Debatte über die Burka geht es weder um die Frauen unter der Burka noch um die frauenfeindliche Kultur, die ihnen die Verschleierung zumutet. Es geht um uns. Ginge es um die Rechte der Frauen, würden wir uns über [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">I</span>n der Debatte über die Burka geht es weder um die Frauen unter der Burka noch um die frauenfeindliche Kultur, die ihnen die Verschleierung zumutet. Es geht um uns. Ginge es um die Rechte der Frauen, würden wir uns über die Burka nicht erst aufregen, seit man auch in unseren Straßen vollverschleierten Frauen begegnen kann. Denn nicht bei uns ist die Burka ein Problem, sondern in den Ländern, in denen sie üblich ist. Doch in diesen Ländern könnten wir selbst dann nichts ausrichten, wenn wir es wollten: Emanzipation von kulturellen Zwängen muss von innen kommen.</p>
<p>Wir lehnen die Vollverschleierung ab – darin sind wir uns einig, über alle Parteien und Geschlechter hinweg. Doch in einem Rechtsstaat wie Deutschland kann man nicht einfach alles verbieten, was die Mehrheit ablehnt. Eine Frau, die eine Burka tragen möchte, sollte in einem freiheitlichen Staat eine Burka tragen dürfen. Verbieten müsste man dagegen, dass sie gezwungen wird, eine Burka zu tragen. Doch das ist juristisch bereits geregelt und entspricht dem Delikt der Nötigung – was allerdings nicht heißt, dass dieses Recht auch durchgesetzt werden könnte. Wir werden wohl nie erfahren, wie viele der wenigen Frauen, die in Deutschland eine Burka tragen (unter ihnen übrigens nicht wenige deutsche <a href="http://www.bento.de/politik/burkaverbot-wir-haben-musliminnen-gefragt-warum-sie-sich-verschleiern-798540/#refsponi">Konvertitinnen</a>), diese auch tragen wollen. Dazu müssten wir mit ihnen reden, und wir müssten Einrichtungen schaffen, die den Frauen Schutz bieten, wenn sie das Recht in Anspruch nehmen sollten. Womit allerdings kaum zu rechnen ist, schlicht weil sie wiederum von dieser Möglichkeit kaum wissen dürften.</p>
<h4><strong>Unsichtbar und unhörbar</strong></h4>
<p>Wollen Frauen, die aus einer Kultur kommen, in der man es nicht anders kennt, von der Burka befreit werden? Was heißt es, als erwachsener Mensch sein Gesicht nur im intimsten Kreis zu zeigen? Und was würde es heißen, sich auf einmal ohne Schleier in der Öffentlichkeit zu zeigen? Die Frauen unter der Burka sind nicht nur unsichtbar, sie haben in unserer Öffentlichkeit auch keine Stimme. Da uns Berichte fehlen, sind wir auf die Vorstellungskraft angewiesen, eine zweifelhafte Instanz, wenn es darum geht, der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Wenn ich als Journalistin ein Interview führe, mache ich fast immer die Erfahrung, dass mein Gesprächspartner keineswegs so denkt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vielleicht träumen tatsächlich alle Frauen unter der Burka von einem freien Leben, wie es uns selbstverständlich ist. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sie sich unsicher fühlen würden, auf einmal den Blicken von Männern ausgesetzt zu sein, vor denen sie sich bisher so sorgsam verstecken mussten.</p>
<h4><strong>Gespensterdebatte</strong></h4>
<p>Dass niemand auch nur ein Bedürfnis danach verspürt, <em>mit</em> den Frauen zu sprechen, in deren Interesse ein Verbot angeblich wäre, ist ein Zeichen für die Verlogenheit der Debatte. Wenn man <em>über</em> die Menschen redet, um die es geht, kommt man nicht der Wirklichkeit näher, sondern bestenfalls sich selbst: Man benutzt ein Phänomen als Vehikel, um die eigenen Positionen durchzudeklinieren.</p>
<p>Die Burka-Debatte ist eine Gespenster-Debatte. Sie dient dazu, die Rechtgläubigen in der Demokratie zu einen. Die Burka ist dafür ein idealer Platzhalter, gerade weil wir uns in der Sache so schön einig sind, denn die Burka lehnen ja auch diejenigen ab, die sie nicht verbieten wollen. Gäbe es die Burka nicht, man müsste sie erfinden!</p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Von <a href="https://pixabay.com/de/users/jusch-17627/" target="_blank">Jürgen Scheffler</a><br />
License: CC (Public Domain)</h6>
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