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	<title>Die Hundertjährigen &#8211; tell</title>
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	<title>Die Hundertjährigen &#8211; tell</title>
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		<title>Die Wunden eines Psychonauten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 May 2017 09:28:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Erinnerung zur Qual wird? Ernst Jünger stand in zwei Weltkriegen an der Front: Er legt literarisch Zeugnis ab von den Folgen traumatischer Erlebnisse. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;<a href="http://tell-review.de/author/johannes-spengler/">Die Hundertjährigen</a>&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<hr />
<blockquote><p>Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien; wir müssen sie austragen. Sie reicht tief in die Träume hinab.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<h3>Anamnese:<br />
Risikofaktoren in Jugend und Familie</h3>
<div id="attachment_9934" style="width: 185px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-9934" data-attachment-id="9934" data-permalink="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/ernst_juenger_ww1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?fit=189%2C324&amp;ssl=1" data-orig-size="189,324" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Der Schriftsteller Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg&lt;/p&gt;
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<p><span class="dropcap">F</span>ür knapp 3.300 Deutsche herrscht auch im Jahr 2017 Krieg. Als Bundeswehrsoldaten riskieren diese Männer und Frauen im Ausland nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre seelische Unversehrtheit. Allein im Jahr 2015 sind <a href="https://www.angriff-auf-die-seele.de/cms/informationen/aktuelles/420-einsatzbedingte-psychische-erkrankungen-in-der-bundeswehr-im-jahr-2015-ptbs.html">235 Angehörige der Bundeswehr</a> an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) neu erkrankt. Die Dunkelziffer ist hoch, nur 20 Prozent aller Fälle werden erkannt und behandelt. Zu den Symptomen der PTBS gehören unter anderem Panikattacken, Flashbacks, unkontrollierte Wutausbrüche und der Verlust des Glaubens an die Menschlichkeit – die Krankheit macht ein normales Leben unmöglich.</p>
<p>Ob jemand an einer PTBS erkrankt, hängt maßgeblich vom persönlichen Hintergrund ab. Das individuelle Risiko wird durch Faktoren wie Armut oder mangelnde Bildung erhöht. Ernst Jünger, geboren am 29. März 1895, zeigt bereits in der Jugend Merkmale, die ein späteres Trauma begünstigen können. Der Apothekersohn wird früh entwurzelt, die Familie zieht vier Mal um, bevor sie bei Hannover eine Villa beziehen. Auch die schulischen Leistungen Jüngers lassen zu wünschen übrig. Über die Schulzeit schreibt er später:</p>
<blockquote><p>So war ich bereits dazu übergegangen, mich am Unterricht nicht mehr zu beteiligen und mich statt dessen in afrikanische Reisebeschreibungen zu vertiefen, die ich unter dem Pult durchblätterte. [&#8230;] Ich war im Grunde nur als Stellvertreter eines fernen Reisenden anwesend.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>Afrikanische Spiele</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Die Sehnsucht nimmt bedenkliche Formen an: Mehr als zehn Mal muss Jünger die Schule wechseln. Statt mit Freunden zu spielen, sammelt er Käfer, träumt, liest und trinkt viel. Im Winter 1913 schließlich bricht er mit seinem Umfeld: Der 18-Jährige reißt von Zuhause aus und meldet sich zur Fremdenlegion, wo er auf der Stelle gemustert und nach Algerien verschifft wird. Dort will er desertieren und ein freies Leben führen. Nach zwei Monaten endet das Abenteuer – in Deutschland hat sein Vater die Entlassung verfügt.</p>
<p>Die letzten Wochen vor Beginn des Ersten Weltkrieges verbringt Jünger im alten Schultrott. Der Jugendliche wird später als distanziert und kühl, sogar empathielos beschrieben. Zeit seines Lebens sucht er das gesellschaftliche Abseits. Ausgerechnet im Krieg blüht Jünger auf. Endlich gilt es, sich zu beweisen und Abenteuer zu bestehen. Dass er so denkt, überrascht nicht – Zeitgenossen wie Thomas Mann, Hermann Hesse oder Franz Kafka haben sich den Krieg ungefähr so vorgestellt:</p>
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<p>&nbsp;</p>
<h3>Trauma:<br />
Kriegszittern an der Westfront</h3>
<blockquote><p>Die Straße war von großen Blutlachen gerötet; durchlöcherte Helme und Koppeln lagen umher. [&#8230;] Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magneten an diesen Anblick geheftet; gleichzeitig ging eine tiefe Veränderung in mir vor.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Im Sommer 1914 wird der „Kriegsmutwillige“, wie Jünger sich nennt, an die Westfront verlegt. Bis zur Kapitulation im Jahr 1918 wird er 14 Mal verwundet und daraufhin mit dem höchsten Orden des Deutschen Kaiserreichs dekoriert. Für den einfachen Frontsoldaten ist der Krieg ein Karriereschub, Jünger bringt es bis zum Kompanieführer. Trotzdem zweifelt auch er am Sinn des Schlachtens. In seinem Kriegstagebuch heißt es:</p>
<blockquote><p>Lange schon bin ich im Krieg, schon manchen sah ich fallen, der wert war zu leben. Was soll das Morden und immer wieder Morden?</p></blockquote>
<p>Erstmals zeigt sich der Krieg in seiner totalen Form. In vier Jahren sterben 10 Millionen Soldaten, weitere 20 Millionen <a href="http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs">werden verletzt oder verkrüppelt</a>. Und die moderne Psychiatrie wird mit einem neuen Phänomen konfrontiert: der Kriegsneurose. Immer mehr Soldaten kehren seelisch gebrochen von der Front zurück. Weil die Belastungsstörung bei einigen Betroffenen auch zu körperlichen Symptomen führt – einem krampfanfallartigen Schütteln –, nennt man sie Kriegszitterer:</p>
<a href="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FfE-CLofucRI%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
<p>Die Behandlung der Kriegsneurotiker ist ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte der Psychiatrie. Sigmund Freud, der sich von den Methoden seiner Kollegen distanziert, berichtet von Elektroschocks, mit denen die Betroffenen gequält werden, um, so wörtlich, &#8222;das Kranksein noch unleidlicher als den Dienst [zu machen]&#8220;. Wer die Behandlung überlebt, darf zurück an die Front. (Aus: <em>Sigmund Freud, Gutachten über die elektrische Behandlung der Kriegsneurotiker</em>)</p>
<p>Ob auch Ernst Jünger im Krieg traumatisiert wurde, kann heute nicht abschließend geklärt werden. Manche seiner Biografen entdecken deutliche Hinweise für eine seelische Verwundung im Leben des Schriftstellers. Er selbst hat sich nicht öffentlich dazu geäußert. In seinem Werk findet Jünger jedoch eindringliche Bilder für die Todesangst, der ein Soldat ausgeliefert ist:</p>
<blockquote><p>Man stelle sich vor, ganz fest an einen Pfahl gebunden und dabei von einem Kerl, der einen schweren Hammer schwingt, ständig bedroht zu sein. Bald ist der Hammer zum Schwung zurückgezogen, bald saust er vor, dass er fast den Schädel berührt, dann wieder trifft er den Pfahl, dass die Splitter fliegen – genau dieser Lage entspricht das, was man deckungslos inmitten einer schweren Beschießung erlebt.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
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		<title>Hans Henny Jahnn – oder wie man eine Sekte gründet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Mar 2017 09:07:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[Investieren Sie jetzt in den krisenfesten Glaubensmarkt und werden Sie Erlösungsdienstleister! Wo Angst herrscht, sind Religionen nicht weit. Davon können auch Sie profitieren!]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;<a href="http://tell-review.de/author/johannes-spengler/">Die Hundertjährigen</a>&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<h4>Einen neuen Gott erfinden</h4>
<div id="attachment_6850" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6850" data-attachment-id="6850" data-permalink="https://tell-review.de/hans-henny-jahnn-oder-wie-man-eine-sekte-gruendet/jahnn-ugrino-tracht/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Jahnn-Ugrino-Tracht.jpg?fit=212%2C300&amp;ssl=1" data-orig-size="212,300" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Jahnn Ugrino-Tracht" data-image-description="&lt;p&gt;Schriftsteller Hans Henny Jahnn, Ugrino, Tracht&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Kultfigur: Der Schriftsteller und Sekten-Gründer Hans Henny Jahnn in der typischen Ugrino-Tracht.&lt;/p&gt;
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<p>Glückwunsch, Sie haben sich dazu entschieden, eine Religion zu gründen! Um sich erfolgreich auf dem Glaubensmarkt zu etablieren, brauchen Sie eine Marke mit hohem Wiedererkennungswert. Mit anderen Worten: einen Gott. Um Ihr Produkt von bereits existierenden Marken abzugrenzen, müssen Sie die Unique Selling Points deutlich hervorheben. Wie das Beispiel des Schriftstellers Hans Henny Jahnn zeigt, kann dies ein langer Prozess sein – doch es lohnt sich!</p>
<p>Hans Henny Jahnn, am 17. Dezember 1894 in Hamburg geboren, gründet bereits zu Schulzeiten eine Glaubensgemeinschaft. Doch das Start-up ist zum Scheitern verurteilt, zu eng ist das Produkt ans Christentum angelehnt. So versucht Jahnn etwa gegenüber seinen Eltern, Lehrern und Mitschülern, immer die Wahrheit zu sagen und niemals zu lügen. Viele Anhänger gewinnt er damit nicht. Stattdessen droht sein Vater mit einer Zwangseinweisung in die Irrenanstalt – Jahnn bricht das Experiment ab. Durch den Fehlschlag erkennt er, dass seine radikale Bibelauslegung potenzielle Anhänger verschreckt. Um sich neu zu orientieren, wendet er sich vom Christentum ab. Als Jugendlicher schreibt Jahnn:</p>
<blockquote><p>Jeder muss sich seine Religion selbst bauen, jeder muss sich mit seinem Gott aussöhnen. Doch nach dem Tode gibt es kein Glauben und Hoffen mehr, nur Leben. Das Menschlich <strong>[sic!]</strong> Leben liegt vor dir, es wird dich erziehen. Nur den Rat möchte ich dir geben, suche die Gottheit nicht in fernen Welten.<br />
(Aus: <em>Der Tod ist das ewige Leben</em>)</p></blockquote>
<h4>Schwächen in Stärken umwandeln</h4>
<p>Jahnns neue Strategie besteht aus der vollständigen Ablehnung des Christentums sowie der wilhelminischen Gesellschaftsmoral. Um sinnsuchende Altersgenossen anzusprechen, entwickelt er ab 1915 – Jahnn ist damals 21 Jahre alt – eine freigeistige Marke mit dem Namen Ugrino. Die Weltanschauung der Sekte wird in dem Romanfragment <em>Ugrino und Ingrabanien</em> ausführlich beschrieben. Programmatisch heißt es:</p>
<blockquote><p>»Im Anfang war das Wort –« Lüge, Lüge! – Im Anfang war der Leib, die Liebe, Gott, Brunft, Hochzeit, Bildhauer, Marmor, Bronze.</p></blockquote>
<p>Der Grundgedanke von Ugrino besteht darin, das christliche Prinzip der Trennung von Körper und Seele aufzuheben. Jahnns Kunstreligion feiert den Körper, das sinnliche Erleben und die sexuelle Freiheit. Jahnn will mit Ugrino eine liberale Gesellschaft erschaffen, die Außenseiter vorurteilslos begrüßt. Seine Motivation dafür ist verständlich: Aufgrund der lebenslangen Liebe zu seinem Schulkameraden Gottfried Harms – 1913 heiraten die beiden inoffiziell – wird Jahnn früh aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen. In seinem Tagebuch notiert er 1915 verzweifelt:</p>
<blockquote><p>Wie, und meint Ihr, es gibt nur Hochzeit zwischen Mann und Frau? [&#8230;] Warum habt Ihr Euch darauf gelegt, das Norm zu nennen, wenn ein Mann sein Glied in den Schoß einer Frau einführt? Die Norm gibt es nicht. Es sind Qual und Not und Lust und Liebe zu einem Strick zusammengeflochten, aber die Lösungen, die glutenden Erlösungen, [&#8230;] sie sind von Gott gefügt.</p></blockquote>
<p>Die ersten Mitglieder von Ugrino rekrutieren sich aus dem Freundeskreis von Jahnn und Harms. Hauptsächlich besteht die Gruppe aus jungen Männern wie dem Bildhauer Franz Buse oder dem Mäzen Lorenz Jürgensen. Zusammen verfolgen sie unterschiedliche Ziele: Jahnn will den Orgelbau reformieren, gleichzeitig gründet die Sekte einen Musikverlag, um vergessene Komponisten wie Dietrich Buxtehude zu kanonisieren. In der Öffentlichkeit gibt sich die Sekte unterdessen so freizügig und wild wie möglich – um die Scheinmoral ihrer Zeit zu entlarven.</p>
<p>Ob Sie mit Ihrer eigenen Sekte den Körper, die Seele, Bäume oder das Fliegende Spaghettimonster zu Gott erklären, steht Ihnen frei – Hauptsache es verkauft sich! Plausibilität spielt keine Rolle. Religion beruht auf einer engen Beziehung zum Nichtwissen, sie beantwortet Fragen, auf die es naturgemäß keine Antworten gibt. Scientologen etwa geben all ihr Geld für dieses Produkt aus:</p>
<a href="https://tell-review.de/hans-henny-jahnn-oder-wie-man-eine-sekte-gruendet/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FSHoMxP4K1to%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Die Reise, die niemals endet – Malcolm Lowry und 10 Tipps für unterwegs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Sep 2016 09:54:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Malcolm Lowry]]></category>
		<category><![CDATA[Reiseliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Schriftsteller Malcolm Lowry war Matrose, Weltenbummler, Trinker und Autor des modernen Klassikers "Unter dem Vulkan". Das Reisen und die Fremde - darum drehte sich Malcom Lowrys Leben und seine Literatur. Ein Trip in zehn Etappen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;Die Hundertjährigen&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<p><span class="dropcap">M</span>alcolm Lowry ist der Backpacker der Weltliteratur. Den Großteil seines Lebens verbringt der gebürtige Engländer im Ausland, nur zum Sterben kommt er in die Heimat zurück. Geblieben sind Lowrys Romane und Briefe, voll mit praktischen Tipps fürs Ausland, die nicht im <em>Lonely Planet</em> stehen.</p>
<h4 id="unterwegs"><strong>1. [Unterwegs]: </strong>Hör auf anzukommen!</h4>
<blockquote><p>Und so sehe ich mich zuweilen als einen großen Forscher, der ein außerordentliches Land entdeckt hat, aus dem er niemals zurückkehren kann, um der Welt davon zu berichten; aber der Name dieses Landes ist Hölle.<br />
(Aus: <em>Unter dem Vulkan</em>)</p></blockquote>
<div id="attachment_4821" style="width: 252px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4821" data-attachment-id="4821" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170713821_0002/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170713821_0002.jpg?fit=813%2C1009&amp;ssl=1" data-orig-size="813,1009" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Malcolm und Margerie Lowry" data-image-description="&lt;p&gt;Malcolm Lowry und Margerie Lowry bei Vancouver, Kanada.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Malcolm Lowry mit seiner Ehefrau Margerie in der Nähe von Vancouver, Kanada.&lt;/p&gt;
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<p>Reisen ist eine gefährliche Angelegenheit – hat dich einmal das Fernweh gepackt, gibt es kein Zurück. Malcolm Lowry macht diese Erfahrung bereits in der Jugend. Am 28. Juli 1909 wird der Dauertourist als Kind reicher <strong>[→<a href="#geld">Geld]</a></strong>, aber engstirniger Eltern in der Nähe von Liverpool geboren. Um dem Elternhaus zu entfliehen, heuert er im Alter von 17 Jahren als Schiffsjunge auf der <em>Pyrrhus</em> an. Für sein Studium wird er noch einmal nach England zurückkehren. Da hat ihn das Fernweh jedoch bereits gepackt. Kaum hat er den Abschluss in der Tasche, kann die Odyssee beginnen.</p>
<p>Mit kurzen Unterbrechungen ist Lowry lebenslang unterwegs. Er verbringt elternfinanzierte Auslandssemester in Frankreich, Italien und Mexiko, bereist exotische Orte wie Shanghai, Bonn oder den siebten Höllenkreis <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong> und wandert schließlich nach Kanada aus. Knapp 14 Jahre lang wohnt der Aussteiger in einer ärmlichen Fischerhütte in der Nähe von Vancouver. Nach England kehrt er erst im Jahr 1955 zurück – zwei Jahre später stirbt er.</p>
<h4 id="gepäck"><strong>2. [Gepäck]: </strong>Vergiss dein Gepäck!</h4>
<blockquote><p>Ich bin mir darüber kein bisschen im Klaren, aber in einem mexikanischen Gefängnis muss man manchmal aus einem Pisspott trinken. (Besonders, wenn man keinen Ausweis hat.)<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Unerfahrene Backpacker erkennst du am großen Rucksack. Echte Profis reisen nur mit wenig oder ganz ohne Gepäck. Lowry stellt das bereits an Bord der <em>Pyrrhus</em> fest, wo er komplett ausgeraubt wird. Danach reist er so leicht wie möglich: Als er im Jahr 1933 seinen <strong>→<a href="#partner">Partner</a> </strong>Conrad Aiken in den USA besucht, hat er nur das Manuskript seines ersten Romans <em>Ultramarin</em> sowie ein paar Socken und seine Ukulele dabei.</p>
<p>Ganz ohne einen gültigen Pass oder Kleidung zum Wechseln zu reisen, ist allerdings nicht gerade einfach. Ständig sind pingelige Grenzbeamte und <strong>→<a href="#locals">Locals</a></strong> hinter Lowry her. Doch sobald der Weltenbummler aus einem Land hinausgeworfen wird, zieht es ihn ins nächste. Pragmatisch gesinnt, macht Lowry das Beste aus dem Wenigen, das er hat, benutzt seinen Schlips als Gürtel und staubt die letzte Hose ab, bevor er sie für <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a> </strong>verpfändet.</p>
<h4 id="alkohol"><strong>3. [Alkohol]: </strong>Trink so viel du kannst!</h4>
<blockquote><p>Dann sagte Fernando etwas so Schönes, mit einem so traurigen Akzent&#8230;: «Ich bin ein Trinker.»<br />
(Aus: <em>Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt</em>)</p></blockquote>
<div id="attachment_4824" style="width: 247px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4824" data-attachment-id="4824" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170753351_0002/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170753351_0002.jpg?fit=1289%2C1953&amp;ssl=1" data-orig-size="1289,1953" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Malcolm Lowry mit Gin" data-image-description="&lt;p&gt;Malcolm Lowry bei der Arbeit mit einer Flasche Gin.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Malcolm Lowry bei der Arbeit mit einer Flasche Gin.&lt;/p&gt;
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<p>Im Ausland wirst du zuerst eine unangenehme Erfahrung machen, die man als Kulturschock bezeichnet. Plötzlich versagt dir die Sprache, der Alltag, die Sitten, sogar das Essen ist anders. Zum Glück kennt Lowry ein Heilmittel: Alkohol! Du wirst sehen, Alkohol ist die Lösung aller Probleme – lallend überwindest du jede Sprachbarriere und gewinnst schnell neue Freunde, um dich im fremden Land zurecht zu finden. Dank der alkoholbedingten Impotenz bleibt dir außerdem die Peinlichkeit erspart, bei exotischen Frauen abzublitzen <strong>[→</strong><a href="#sex"><strong>Sex</strong></a><strong>]</strong>.</p>
<p>Leider kann Alkohol auch Komplikationen verursachen. Der Quartalssäufer Lowry schlägt im Vollsuff ein Pferd k.o., streichelt einen Hasen zu Tode <strong>[→<a href="#lügen">Lügen</a>]</strong> und landet laut eigener Darstellung in jedem Gefängnis, jedem Krankenhaus und jeder Psychiatrie auf seinem Weg. Doch am nächsten Morgen ist alles vergessen. Noch mehr klassische Lowry-Momente kannst du dir hier anschauen:</p>
<a href="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2F4E7jRLLWJ9Q%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
<p>Alkohol ist für den Dipsomanen Lowry mehr als ein Ausweg, er ist eine Inspiration. Während Lowry sich immer tiefer in den Abgrund säuft, sammelt er Berge von Notizen, im Delirium tremens locker auf Speisekarten, Fahrplänen und Servietten gekritzelt, um seinen Untergang zu dokumentieren. Nach jahrelanger <strong>→ <a href="#arbeit">Arbeit</a></strong> entsteht daraus der Roman <em>Unter dem Vulkan,</em> ein Meisterwerk, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mit <em>Ulysses</em> von James Joyce verglichen wird.</p>
<h4 id="lügen"><strong>4. [Lügen]: </strong>Du sollst lügen!</h4>
<blockquote><p>Aber zu jener Zeit war der arme Konsul kaum noch imstande, die Wahrheit zu sagen, und was er von seinem Leben erzählte, hörte sich wie ein überspannter Roman an.<br />
(Aus: <em>Unter dem Vulkan</em>)</p></blockquote>
<p>Im Ausland musst du dir angewöhnen, die Wahrheit strategisch zu nutzen. Erzähl´ deinen Eltern niemals, dass du gerade durch Rom turnst und dich regelmäßig betrinkst. Merke dir deshalb folgenden Satz: &#8222;Ich bin total damit beschäftigt, die Kultur von [Name des Landes] kennenzulernen.&#8220; Sonst sitzt du schnell auf dem Trockenen. Nimm dir ein Beispiel an Lowry! Seine Briefe sind gespickt mit großen und kleinen Lügen, um vom Verleger mehr Zeit zum Schreiben zu ertricksen und vom Vater mehr <strong>→<a href="#geld">Geld</a></strong>.</p>
<p>Keine Angst vor Skrupeln: Lügen ist einfach – du musst bloß selbst daran glauben. Ein guter Lügner wie Lowry kann irgendwann nicht mehr zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden. Stimmt es etwa, dass Lowry von einer Babysitterin misshandelt wurde? Ist er als Kind wirklich für vier Jahre erblindet? Stammt die gezackte Narbe am Knie von einer Schusswunde oder von einem Fahrradunfall? Und wie war das mit dem Hasen? <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong></p>
<p>Aus heutiger Sicht lassen sich Mythos und Wahrheit nur schwer voneinander trennen. Da Lowrys Romane radikal autobiografisch sind, gehört die Legendenbildung auch zu seiner schriftstellerischen <strong>→<a href="#arbeit">Arbeit</a></strong>. Geradezu planmäßig schmückt er die eigene Vergangenheit aus, um seine Figuren – allesamt kaum verhohlene Alter Egos – mit einer Geschichte auszustaffieren. Welche Anekdoten Lowry erfunden hat, um sie später als Material für seine Romane zu benutzen, ist deshalb nur schwer zu überprüfen.</p>
<h4 id="geld"><strong>5. [Geld]: </strong>Schnorr´ so viel du kannst!</h4>
<blockquote><p>Ich kann mir nicht vorstellen, wie Du mir helfen könntest; oder irgendein anderer, außer man schickt mir Geld, das unvermeidlich schlecht angewandt werden wird.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<div id="attachment_4823" style="width: 258px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4823" data-attachment-id="4823" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170713821_0001/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170713821_0001.jpg?fit=1285%2C1553&amp;ssl=1" data-orig-size="1285,1553" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Fischerhütte" data-image-description="&lt;p&gt;Die Fischerhütte von Malcolm Lowry in Dollarton, Kanada.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;    Die Fischerhütte in Dollarton, Kanada. Nachdem die erste Hütte abbrennt, baut Malcolm Lowry die zweite Hütte mit eigenen Händen wieder auf.&lt;/p&gt;
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<p>Im Ausland bist du von spendablen Geldgebern abhängig (Erasmus-Amt, Eltern, Oma). Dafür musst du dich nicht schämen. Auch Lowry finanziert seine Reisen <strong>[→<a href="#unterwegs">Unterwegs</a>]</strong> mit dem Geld seiner Eltern, rund 100 Dollar bekommt er im Monat. Erst, als 1947 <em>Unter dem Vulkan</em> veröffentlicht wird – da ist Lowry bereits 38 Jahre alt – hat er ein eigenes Einkommen.</p>
<p>Trotzdem bleibt Lowrys finanzielle Situation desaströs. Ständig wird er von Halsabschneidern und korrupten Beamten abgezockt. Im Scheidungsprozess von seiner ersten Frau Jan Gabrial erklärt das Gericht ihn wegen seiner <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a></strong>-Sucht sogar für unzurechnungsfähig. Seitdem verwaltet Margerie Bonner, seine zweite Frau und lebenslange <strong>→<a href="#partner">Partnerin</a></strong>, das Lowry´sche Vermögen. Er selbst bekommt keinen Cent.</p>
<h4 id="sex"><strong>6. [Sex]: </strong>Keine Angst vor Geschlechtskrankheiten!</h4>
<blockquote><p>«Auf der vorletzten Fahrt, in Moji war´s, hab ich mir´s eingefangen, den schönsten Tripper, den du je gesehen hast; vorletzte Fahrt, auf der Maharajah – sie liegt jetzt hier im Hafen&#8230;»<br />
(Aus: <em>Ultramarin</em>)</p></blockquote>
<p>Im Jahr 2014 verkündet die EU-Bildungskommissarin: Erasmusstudenten haben europaweit eine <a href="http://www.migazin.de/2014/09/24/eine-million-erasmus-babys/">Millionen Babys gezeugt</a>. Reisen ist sexy! Unbekannt ist allerdings, wie viele der Studenten sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben. Natürlich schützt ein Kondom vor Tripper, Aids und Syphilis. Sicherer ist jedoch, du verzichtest ganz auf Sex – schau einfach im anatomischen Museum vorbei. Als Lowry fünf Jahre alt ist, wird er von seinem Vater als Abschreckungsmaßnahme dazu gezwungen, syphilitisch deformierte Geschlechtsteile im anatomischen Museum von Liverpool zu betrachten. Danach ist Lowry vom Sex geheilt. Anfangs mag es dir schwerfallen, auf Sex zu verzichten. Doch zum Glück gibt es ja <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a></strong>!</p>
<h4 id="arbeit"><strong>7. [Arbeit]: </strong>Probier dich aus!</h4>
<blockquote><p>Ich bin jetzt so weit, dass ich jede Nacht fünf Romane im Kopf schreibe, mich auch vollkommen daran erinnere (was auch immer das heißen mag), aber unfähig bin, auch nur ein Wort zu schreiben.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Niemand erwartet von dir, dass du im Ausland<strong> →<a href="#geld">Geld</a></strong> verdienst. Wenn du zwischendurch nüchtern bist, solltest du deshalb eigene unprofitable Projekte anstoßen. Lowry ist ein echter Meister im Ausprobieren. Ständig schreibt er um, arrangiert neu und begreift keines seiner Werke als fertig – nicht einmal die abgeschlossenen. Insgesamt kommen auf jede veröffentlichte Romanseite rund 200 unveröffentlichte Seiten Manuskript. Die Novelle <em>Die letzte Adresse</em> fordert er vom Verleger zurück, obwohl sie bereits angenommen ist.</p>
<p>Deine Projekte sollten außerdem von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Lowry zum Beispiel plant, sein gesamtes Werk durch Querverweise in einem Romanzyklus zusammenzufassen. Arbeitstitel: <em>Die Reise, die niemals endet</em>. Der Zyklus ist an Dantes <em>Göttliche Komödie</em> angelehnt und soll den Aufstieg von der Hölle zum Himmel beschreiben. Ein gewaltiges Projekt, für das Lowry auch <em>Unter dem Vulkan</em> überarbeiten will. Der Roman soll das Inferno <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong> darstellen. Als Paradiso ist das 2000 Seiten starke Manuskript von <em>In Ballast to the White Sea</em> vorgesehen, das 1944 vollständig verbrennt. Das <strong>→<a href="#schicksal">Schicksal</a></strong> hält keinen Himmel für Lowry bereit.</p>
<h4 id="partner"><strong>8. [Partner]: </strong>Reise niemals alleine!</h4>
<blockquote><p>Nichtsdestotrotz müssen meine Pläne für die Zukunft Margerie mit einschließen, wie Du wohl verstehen kannst; denn unsere Zuneigung zueinander ist das einzige, was mich am Leben und bei Gesundheit hält.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Reisen ist mit allerlei lästigen Aufgaben und Pflichten verbunden. Du brauchst deshalb einen Reisepartner, der dein <strong>→<a href="#gepäck">Gepäck</a></strong> schleppt und dich aus dem Gefängnis freikauft. Lowry wurde vor allem von zwei Menschen begleitet: dem Schriftsteller Conrad Aiken und seiner zweiten Frau Margerie Bonner.</p>
<p>Die erste Begegnung zwischen Lowry und Aiken verläuft unglücklich: Als die beiden um einen Toilettensitz ringen, zertrümmert Lowry seinem späteren Ziehvater den Schädel <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong>. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Seitdem fungiert Aiken als literarisches Vorbild, Vormund <em>in loco parentis</em> und Reisekumpan für Lowry. Erst, als abzusehen ist, dass sein genialer Pflegesohn die Trunksucht nicht überleben wird, kündigt Aiken ihm die Freundschaft.</p>
<p>Während Aiken die Rolle des Lehrers und Ersatzvaters einnimmt, gelingt es allein Margerie, Lowry so lange nüchtern zu halten, dass er schreiben kann <strong>[→<a href="#arbeit">Arbeit</a>]</strong>. Darüber hinaus ist Margerie kreativ in den Schaffensprozess eingebunden. Während der zehnjährigen Entstehungszeit von <em>Unter dem Vulkan</em> korrigiert sie Manuskripte, verfasst Landschaftsbeschreibungen, gibt dem Plot neue Wendungen und hält die Zigarette für ihren delirierenden Mann. Ohne sie hätte Lowry den Roman niemals vollendet.</p>
<h4 id="locals"><strong>9. [Locals]: </strong>Ignoriere die Einheimischen!</h4>
<blockquote><p>«Diesmal hatten wir´ne Fahrt nach Südamerika – Santos und Paraguay, San Francisco, Florianopolis – Port Allegre. Wir sind um die ganze Welt geschippert. Ach! Aber es ist überall das gleiche – Prosit.»<br />
(Aus: <em>Ultramarin</em>)</p></blockquote>
<p>Als echter Reiseprofi solltest du eine wohlwollende Ignoranz gegenüber der lokalen Kultur und den Einheimischen entwickeln. Wirklich sehenswert sind ohnehin nur die Kneipen. Hier erfährst du alles Wissenswerte über das Land. Hör auf Lowry! Egal, wie viele Kilometer er hinter sich bringt, für ihn steht fest: Auch auf der weitesten Reise werden keine geografischen, sondern seelische Grenzen überwunden <strong>[→<a href="#alkohol">Alkohol</a>]</strong>.</p>
<div id="attachment_4825" style="width: 257px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4825" data-attachment-id="4825" data-permalink="https://tell-review.de/die-reise-die-niemals-endet-malcolm-lowry-und-10-tipps-fuer-unterwegs/20151121170753351_0001/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/20151121170753351_0001.jpg?fit=996%2C1208&amp;ssl=1" data-orig-size="996,1208" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Malcolm Lowry unterwegs" data-image-description="&lt;p&gt;Malcolm Lowry auf der Karibik-Insel Curaçao im Jahr 1947.&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt; Malcolm Lowry auf der Karibik-Insel Curaçao im Jahr 1947.&lt;/p&gt;
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<p>Diese Einstellung könnte allerdings als Respektlosigkeit gegenüber der einheimischen Kultur interpretiert werden. Aufgrund seines unangepassten Lebensstils wird Lowry von Polizisten verfolgt, spanische Kinder hänseln <em>el borracho inglés</em> und der Bürgermeister von Vancouver droht ihm mit einer Zwangsräumung der Fischerhütte. Doch anstatt solchen Scherereien aus dem Weg zu gehen, nutzt Lowry die Konflikte als Material für seine Romane. Das unveröffentlichte Fragment <em>La Mordida</em> etwa handelt von der Korruption in Mexiko, in <em>Oktoberfähre nach Gabriola</em> wird die Vertreibung aus dem eigenen Haus thematisiert. Gelöst werden die Probleme dadurch natürlich nicht. Dafür baut Lowry auf seine weltoffenen <strong>→<a href="#partner">Partner</a></strong>, die ihm regelmäßig aus der Patsche helfen.</p>
<h4 id="schicksal"><strong>10. [Schicksal]: </strong>Sei paranoid!</h4>
<blockquote><p>Ich werde auf Schritt und Tritt verfolgt, und sogar jetzt, während ich schreibe, beobachten mich nicht weniger als fünf Polizisten. Es ist die vollkommene Kafka-Situation; aber du wirst mir verzeihen, dass ich das nicht mehr komisch finde.<br />
(Aus: <em>Briefe</em>)</p></blockquote>
<p>Touristen sind leichte Opfer. Sei auf der Hut vor Taschendieben und Abzockern! Auf Lowrys Reisen geht allerhand <strong>→<a href="#gepäck">Gepäck</a></strong> verloren: 1932 wird das Manuskript von <em>Ultramarin</em> aus dem Auto des Lektors gestohlen (Freunde finden eine Durchschrift), der amerikanische Konsul in Acapulco klaut eine frühe Fassung von <em>Unter dem Vulkan</em> (ein Bekannter klaut es zurück) und bei dem Feuer der Fischerhütte im Jahr 1944 verbrennt das Manuskript von <em>In Ballast to the White Sea</em> komplett. Ohne Lowrys Wissen bewahrt seine erste Frau eine frühe Fassung auf, <a href="http://www.theguardian.com/books/2014/oct/27/malcolm-lowry-novel-published-in-ballast-to-the-white-sea-under-the-volcano">die erst im Jahr 2014 publiziert wird</a><a>.</a></p>
<p>Um Gefahr vorzubeugen, hilft eine vorausschauende Paranoia. Doch Vorsicht, Angst verselbstständigt sich schnell! Nicht lange und du glaubst, deine Gedanken könnten Feuer entfachen. Ist der Typ an der Ecke ein mexikanischer Nazi-Spion? Lowry behauptet schließlich sogar, Margerie habe es nur auf sein <strong>→<a href="#geld">Geld</a></strong> abgesehen und versucht mehrmals im Rausch, sie zu erwürgen. Diese Unannehmlichkeit solltest du jedoch in Kauf nehmen, um sicher zu reisen. Übrigens: Wenn es dir schwerfällt, den Verstand zu verlieren, kann ein bisschen <strong>→<a href="#alkohol">Alkohol</a></strong> sicher nicht schaden.</p>
<p>Am 27. Juni 1957 stirbt Malcolm Lowry unter bis heute ungeklärten Umständen an einer Überdosis Schlaftabletten. Zu Lebzeiten hat er lediglich den Jugendroman <em>Ultramarin</em>, wenige Erzählungen und Gedichte sowie das Meisterwerk <em>Unter dem Vulkan</em> veröffentlicht. Erst posthum erscheinen die Romanfragmente <em>Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt</em> und <em>Oktoberfähre nach Gabriola</em>, die Kurzgeschichtensammlung <em>Hör uns, o Herr, der Du im Himmel wohnst</em>, die Novelle <em>Die letzte Adresse</em> sowie Gedichte und Briefe. In diesen autobiografischen Geschichten lebt Lowry bis heute fort. Die Reise endet niemals <strong>[→<a href="#unterwegs">Unterwegs</a>]</strong>!</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbilder:<br />
Quelle: Douglas Day &#8222;Malcolm Lowry &#8211; A Biogaphy&#8220;</h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Die Erfindung des Nerds – Kurd Laßwitz und die deutsche Science-Fiction</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Aug 2016 08:07:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Science fiction]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor über hundert Jahren ist Kurd Laßwitz‘ utopischer Roman "Auf zwei Planeten" erschienen. Er hat Generationen von Wissenschaftlern und Schriftstellern fasziniert. Wir erinnern an den einflussreichsten Unbekannten der Science-Fiction-Literatur.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;Die Hundertjährigen&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div>
<p><span class="dropcap">M</span>itte des 19. Jahrhunderts stand der Nerd noch in den Sternen. Dass irgendwann coole Sportstudenten T-Shirts mit Marvel-Superhelden-Aufdruck tragen würden, konnte damals niemand ahnen. Inzwischen haben Nerds nach der Macht gegriffen – und nach dem Plastik-Laserschwert von Toys &#8222;R&#8220; Us. <em>The Big Bang Theory</em>, Mark Zuckerberg und Hornbrillen – all das wäre undenkbar ohne Kurd Laßwitz, den Stammvater der deutschen Science-Fiction.</p>
<h4><strong>Sternzeit: 1848 bis 1871 – Die Schule der Zukunft</strong></h4>
<div id="attachment_3857" style="width: 219px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3857" data-attachment-id="3857" data-permalink="https://tell-review.de/die-erfindung-des-nerds-kurd-lasswitz-und-die-deutsche-science-fiction/fb-gotha-chart-b-2203-10_007/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?fit=1329%2C1905&amp;ssl=1" data-orig-size="1329,1905" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;1996-98 AccuSoft Inc., All right&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="FB Gotha Chart-B-2203-10_007" data-image-description="&lt;p&gt;Der Science-Fiction-Autor Kurd Laßwitz&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Mit dem Roman &amp;#8222;Auf zwei Planeten&amp;#8220; revolutioniert Kurd Laßwitz das Science-Fiction-Genre.&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?fit=719%2C1030&amp;ssl=1" class="wp-image-3857 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007-209x300.jpg?resize=209%2C300" alt="Der Science-Fiction-Autor Kurd Laßwitz" width="209" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?resize=209%2C300&amp;ssl=1 209w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?resize=56%2C80&amp;ssl=1 56w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?resize=768%2C1101&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?resize=719%2C1030&amp;ssl=1 719w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?resize=1200%2C1720&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?resize=1300%2C1863&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?resize=300%2C430&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/FB-Gotha-Chart-B-2203-10_007.jpg?w=1329&amp;ssl=1 1329w" sizes="auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px" /><p id="caption-attachment-3857" class="wp-caption-text">Mit dem Roman &#8222;Auf zwei Planeten&#8220; revolutioniert Kurd Laßwitz die Science-Fiction-Literatur.</p></div>
<p>Über die Kindheit von Kurd Laßwitz ist nur wenig bekannt. Sein Breslauer Jugendfreund Max Kalbeck erinnert sich später, dass der 1848 geborene Laßwitz ein echter Rabauke gewesen sei, Himbeer- und Nussblätter in der Pfeife geraucht sowie Birnen aus fremden Gärten geklaut habe (in <em>Über Kurd Laßwitz</em>). Ein durchschaubarer Versuch der Ehrenrettung. Denn bleiche, mathematisch begabte Jünglinge wie Laßwitz, die obendrein eine eigene Sternwarte besitzen, haben auf dem Schulhof in der Regel nichts zu lachen. Streber dürften damals genauso beliebt gewesen sein wie heute.</p>
<p>Knapp zwei Jahrzehnte später wird Laßwitz seine Vision einer perfekten Schule beschreiben, die an Huxleys <em>Schöne neue Welt</em> oder <em>Matrix</em> erinnert. Lehrer, Klassenkameraden oder Noten sind in dieser Utopie abgeschafft, Wissen wird stattdessen direkt ins Gehirn heruntergeladen. In seiner Erzählung <em>Gegen das Weltgesetz</em>, die im Jahr 3877 spielt, heißt es:</p>
<blockquote><p>Wie einfach ist die Sache jetzt! Hier ein Zug am Großhirnlappen, ein dauernder Strom durch den Fuß des Hirnschenkels, eine kräftigende Behandlung des Linsenkerns – und nach zwei Jahren ist der fünfjährige Mensch bereit, unbehindert seiner Körperentwicklung in die großen Probleme der Wissenschaft und des Daseins eingeführt zu werden.</p></blockquote>
<p>Laßwitz selbst dürfte noch ganz andere Unterrichtsmethoden kennengelernt haben: Stockschläge und Daumenschrauben. Wahrscheinlich atmet er auf, als er sich im Jahr 1866 für ein Mathematikstudium an der Universität Breslau (später auch in Berlin) einschreibt. Zu seinen Nebenfächern gehören außerdem Physik und Philosophie. Laßwitz beschäftigt sich mit der Kapillarität nach Laplace und Gauß und schreibt seine Abschlussarbeit über <em>Tropfen, welche an festen Körpern hängen und der Schwerkraft unterworfen sind</em>. Die Promotion besteht er mit <em>Magna cum laude</em>.</p>
<h4><strong>Sternzeit: 1871 – Die Zukunft als Zerrbild der Gegenwart</strong></h4>
<p>Als Schriftsteller kann Kurd Laßwitz später auf einen reichen Wissensschatz bauen. Seine physikalischen und philosophischen Beobachtungen nutzt er geschickt, um die Technologie der Zukunft zu imaginieren. Dem jungen Studenten fehlt allerdings noch die Lebenserfahrung. Während des Deutsch-Französischen Krieges lässt er sich vom Patriotismus anstecken und meldet sich 1871 freiwillig zum Militärdienst. Eine ernüchternde Erfahrung. Sein späteres Werk widmet Laßwitz dem Protest gegen Militarismus, Imperialismus und Kadavergehorsam – kurz: die Grundwerte Bismarck-Deutschlands.</p>
<div id="attachment_3865" style="width: 810px" class="wp-caption alignnone"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3865" data-attachment-id="3865" data-permalink="https://tell-review.de/die-erfindung-des-nerds-kurd-lasswitz-und-die-deutsche-science-fiction/wasserspaziergang-damals/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?fit=800%2C505&amp;ssl=1" data-orig-size="800,505" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Sammlung Peter Weiss/Hildebrand&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Eisenbahn, Fahrr\u00e4der, Luftschiffe, Automobile und Fesselballons - all das gab es schon. W\u00fcrde der Mensch bald auch \u00fcber das Wasser gehen k\u00f6nnen? Vielleicht auf Korkschuhen und von einem Gasballon gehalten? Immer neue Fortbewegungsmittel und immer neue Geschwindigkeitsrekorde werden am Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Was kommt noch?&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Sammlung Peter Weiss/Hildebrand&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;Wasserspaziergang damals&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Wasserschuhe" data-image-description="&lt;p&gt;Postkarte, Kurd Laßwitz, Science Fiction, Literatur, Wasserschuhe&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Postkarte aus dem Jahre 1900: Um die Jahrhundertwende lagen der berühmten Hildebrand-Schokolade Postkarten bei, deren Motive auf Geschichten von Kurd Laßwitz anspielen. In diesem Fall: Die Wasserschuhe aus der Erzählung &amp;#8222;Apoikis&amp;#8220;.&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?fit=800%2C505&amp;ssl=1" class="wp-image-3865 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?resize=800%2C505" alt="Postkarte mit Motiven aus Science-Ficiton-Erzählungen von Kurd Laßwitzmotiven" width="800" height="505" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?w=800&amp;ssl=1 800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?resize=80%2C51&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?resize=300%2C189&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/Wasserspaziergang-Kurd-La%C3%9Fwitz.jpg?resize=768%2C485&amp;ssl=1 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><p id="caption-attachment-3865" class="wp-caption-text">Postkarte aus dem Jahre 1900: Um die Jahrhundertwende lagen der berühmten Hildebrand-Schokolade Postkarten bei, deren Motive auf Geschichten von Kurd Laßwitz anspielen. In diesem Fall: Die Wasserschuhe aus der Erzählung &#8222;Apoikis&#8220;.</p></div>
<p>Pazifistische Ideen prägen das gesamte Werk von Kurd Laßwitz. In seinem Opus Magnum, dem utopischen Roman <em>Auf zwei Planeten</em>, findet er ein satirisches Bild, um den waffenstarrenden Stolz des Deutschen Reichs ins Lächerliche zu ziehen. Die Geschichte handelt vom ersten Kontakt zwischen Marsianern und Menschen. Als schließlich ein interplanetarer Konflikt zwischen den Rassen ausbricht, entwaffnen die überlegenen Aliens das Deutsche Heer ruckzuck mit einem Magneten:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Vergeblich umklammerten die Soldaten mit beiden Händen ihre Gewehre, eine unwiderstehliche Kraft zerrte sie in die Höhe und mancher, der nicht nachgeben wollte, wurde ein Stück in die Luft geschleudert, um dann schwer zu Boden zu stürzen. In wenigen Minuten war das 1. Garderegiment entwaffnet. [&#8230;] Binnen kurzem musste so selbst die stärkste Armee kampfunfähig gemacht sein. Auch die Geschütze der Artillerie wurden fortgerissen.</p>
</blockquote>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Der Humor ist durchaus gewollt. Laßwitz ist ein Erfinder und Träumer, gleichzeitig aber auch ein genauer Beobachter der Gegenwart. Bereits in seinem Debüt, der Zukunftsnovelle <em>Bis zum Nullpunkt des Seins</em>, entwirft er eine Utopie, die weniger Zukunftsvision als ironisches Zerrbild der Gegenwart ist. Er entfaltet ein Gesellschaftspanorama des Jahres 2371, indem er die Sitten des 19. Jahrhunderts satirisch überspitzt und mit Einfällen wie dem Geruchsklavier oder einem Flugfahrrad vermischt.</p>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Bereits das Frühwerk offenbart allerdings auch jene Schwächen, an denen Laßwitz später scheitern wird. Als Denker ist er genial und originell  – als Schriftsteller leider nur ein mittelmäßiger Stilist. Die Form ist streng, sogar penibel, der Ton belehrend und der nerdtypsiche Witz überstrapaziert, wie in den Mathematik-Gedichten, die Laßwitz schon als Student für die <em>Mathematische Gesellschaft Breslau</em> schreibt. Im Rhythmus zeitgenössischer Schlagermelodien behandeln diese Gedichte kniffelige Rechenaufgaben wie den Kegelschnitt:</p>
<blockquote><p>Es waren einmal zwei Kegel,<br />
die liebten sich brüderlich,<br />
sie saßen auf gleicher Achse<br />
und küssten am Scheitel sich.<br />
Da kam eine Ebne geflogen,<br />
so glatt wie Ebenen sind;<br />
es zog sie in seine Seite<br />
der eine Kegel geschwind.</p></blockquote>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Wer das ganze Gedicht lesen will, <a href="http://gutenberg.spiegel.de/buch/kurd-lasswitz-gedichte-3127/1">findet es hier</a>. Einen guten Eindruck davon, wie die Mathematik-Gedichte klingen, wenn man sie vertont, vermittelt dieses Video:</p>
<a href="https://tell-review.de/die-erfindung-des-nerds-kurd-lasswitz-und-die-deutsche-science-fiction/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FtRblwTsX6hQ%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
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