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	Kommentare zu: Wo stößt der Page-99-Test an seine Grenzen?	</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Fri, 19 Jul 2019 14:02:41 +0000</lastBuildDate>
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		<title>
		Von: Alexandra Trencséni		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-427</link>

		<dc:creator><![CDATA[Alexandra Trencséni]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Sep 2016 10:26:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[P.S. Ich vergaß zu ergänzen, dass es natürlich neben der menschlichen &quot;Binnenkomplexität&quot; noch die rein literarische gibt, in der Abstufungen der Identifikationsangebote an die LeserIn nicht Fehler sind, sondern Absicht:).
:)), A.T.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>P.S. Ich vergaß zu ergänzen, dass es natürlich neben der menschlichen &#8222;Binnenkomplexität&#8220; noch die rein literarische gibt, in der Abstufungen der Identifikationsangebote an die LeserIn nicht Fehler sind, sondern Absicht:).<br />
:)), A.T.</p>
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		<title>
		Von: Alexandra Trencséni		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-426</link>

		<dc:creator><![CDATA[Alexandra Trencséni]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Sep 2016 10:18:56 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=4276#comment-426</guid>

					<description><![CDATA[Hallo zusammen,

neu in der Runde und (sehr:) erfreut über Frank Heiberts Überlegungen, wie auch das gesamte kollektive Überlegen, möchte ich anmerken, dass &quot;bemerken&quot; auch für eine (vermeintlich?) &quot;reine&quot; Innenperpspektive angemessen sein kann - etwa dann, wenn die Figur zu sich selbst in Distanzierung fällt - sei es als grundsätzliche Eigenart, sei es ausgelöst durch die Exponiertheit vor Ort -  sei sie also immer gegeben, oder situativ bedingt; etwa, wenn sich Unbefangenheit verliert, in einer ohnehin heiklen Situation, die zur (gleichsam unfreiwilligen) Selbstbeobachtung einlädt..
Ohne Krachts neuere Texte genauer zu kennen, bin ich mir recht sicher, dass seine eigentümliche Verbindung von Innenerleben und Selbstdistanzierung kein Zufall ist. Eher ein Anliegen. ( Wodruch auch immer motiviert). Die Nunancierung oder Akzentuierung solcher Mehrbödigkeit ließe sich im weiteren Lesen vielleicht genauer erfassen..
Innenerleben literaturpsychologisch mit einer Art Selbst-Distanzlosigkeit gleich zu setzen, würde menschliche Komplexität so verfehlen wie literarische Möglichkeiten, sie auszudrücken..

Beste Grüße, 
Alexandra Trencséni 


&quot; Im Verb „bemerken“ schwingt eine Wertung von außen mit, es spiegelt eine Beobachterposition. Doch hier geht es um einen Vorgang innerhalb der Figur, weshalb ich „bemerken“ an dieser Stelle nicht für das beste Verb halte. Eine Nuance, aber beim Erzielen von Wirkung geht es um Nuancen.&quot;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hallo zusammen,</p>
<p>neu in der Runde und (sehr:) erfreut über Frank Heiberts Überlegungen, wie auch das gesamte kollektive Überlegen, möchte ich anmerken, dass &#8222;bemerken&#8220; auch für eine (vermeintlich?) &#8222;reine&#8220; Innenperpspektive angemessen sein kann &#8211; etwa dann, wenn die Figur zu sich selbst in Distanzierung fällt &#8211; sei es als grundsätzliche Eigenart, sei es ausgelöst durch die Exponiertheit vor Ort &#8211;  sei sie also immer gegeben, oder situativ bedingt; etwa, wenn sich Unbefangenheit verliert, in einer ohnehin heiklen Situation, die zur (gleichsam unfreiwilligen) Selbstbeobachtung einlädt..<br />
Ohne Krachts neuere Texte genauer zu kennen, bin ich mir recht sicher, dass seine eigentümliche Verbindung von Innenerleben und Selbstdistanzierung kein Zufall ist. Eher ein Anliegen. ( Wodruch auch immer motiviert). Die Nunancierung oder Akzentuierung solcher Mehrbödigkeit ließe sich im weiteren Lesen vielleicht genauer erfassen..<br />
Innenerleben literaturpsychologisch mit einer Art Selbst-Distanzlosigkeit gleich zu setzen, würde menschliche Komplexität so verfehlen wie literarische Möglichkeiten, sie auszudrücken..</p>
<p>Beste Grüße,<br />
Alexandra Trencséni </p>
<p>&#8220; Im Verb „bemerken“ schwingt eine Wertung von außen mit, es spiegelt eine Beobachterposition. Doch hier geht es um einen Vorgang innerhalb der Figur, weshalb ich „bemerken“ an dieser Stelle nicht für das beste Verb halte. Eine Nuance, aber beim Erzielen von Wirkung geht es um Nuancen.&#8220;</p>
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		<title>
		Von: Sieglinde Geisel		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-423</link>

		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Sep 2016 08:46:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-421&quot;&gt;Claus Heck&lt;/a&gt;.

Du hast in Deinem Verriss meines angeblichen Verrisses eine Prämisse unterschlagen, die in dieser Debatte schon mehrfach erwähnt wurde. Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension, er ist ein Experiment, und zwar eins in genauem Lesen, sprich: im Erkunden dessen, was beim Lesevorgang im Leser vorgeht. Das Lesen ist eine subjektive Tätigkeit, ergo handelt es sich um radikal subjektive Aussagen, die niemand mit mir teilen muss. Doch weder habe ich den Text „ansatzweise überflogen“, noch habe ich meine Analyse „schnell zusammengeschrieben“ – pauschale Kritikerschelte weise ich zurück, sie liegt nicht auf dem Niveau, auf dem wir hier debattieren. 

Mit geht es nicht um richtige oder falsche Urteile, sondern um Transparenz. Ich kann meine Lesart dieses einen Satzes (der so viel Aufmerksamkeit gar nicht verdient hat), durchaus begründen. Der Kürze halber beschränke ich mich auf zwei der von Dir inkriminierten Beispiele:

&lt;strong&gt;1) bemerken/sagen: &lt;/strong&gt;
Es geht um den Kontext, nämlich das „bemerken &lt;em&gt;wollen&lt;/em&gt;“. Im Verb „bemerken“ schwingt eine Wertung von außen mit, es spiegelt eine Beobachterposition. Doch hier geht es um einen Vorgang innerhalb der Figur, weshalb ich „bemerken“ an dieser Stelle nicht für das beste Verb halte. Eine Nuance, aber beim Erzielen von Wirkung geht es um Nuancen.

&lt;strong&gt;2) „völlig entsetzt“: &lt;/strong&gt;
Intensifikatoren (wie „völlig“, „ein wenig“, „sehr“ etc.) können dem Wort, das sie begleiten, Energie entziehen, paradoxerweise auch dann, wenn sie dieses Wort auf der semantischen Ebene verstärken. Sie seien wie Egel, die ihren Wörtern das Blut aussaugen, heißt es in „Elements of style“ („&lt;em&gt;Rather, very, little, pretty&lt;/em&gt; – these are the leeches that infest the pond of prose, sucking the blood of words.“) Dieser Mechanismus dürfte damit zu tun haben, dass sich die Lese-Energie auf mehr Wörter verteilt und folglich jedes einzelne Wort weniger Energie abkriegt. Daher ist die knappere Wendung „die entsetzten Mienen der anwesenden Japaner” in der Wirkung stärker (zumindest auf mich) als „die völlig entsetzten Mienen der anwesenden Japaner“. Wobei ich jetzt gerade merke, dass auch „anwesenden“ redundant ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-421">Claus Heck</a>.</p>
<p>Du hast in Deinem Verriss meines angeblichen Verrisses eine Prämisse unterschlagen, die in dieser Debatte schon mehrfach erwähnt wurde. Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension, er ist ein Experiment, und zwar eins in genauem Lesen, sprich: im Erkunden dessen, was beim Lesevorgang im Leser vorgeht. Das Lesen ist eine subjektive Tätigkeit, ergo handelt es sich um radikal subjektive Aussagen, die niemand mit mir teilen muss. Doch weder habe ich den Text „ansatzweise überflogen“, noch habe ich meine Analyse „schnell zusammengeschrieben“ – pauschale Kritikerschelte weise ich zurück, sie liegt nicht auf dem Niveau, auf dem wir hier debattieren. </p>
<p>Mit geht es nicht um richtige oder falsche Urteile, sondern um Transparenz. Ich kann meine Lesart dieses einen Satzes (der so viel Aufmerksamkeit gar nicht verdient hat), durchaus begründen. Der Kürze halber beschränke ich mich auf zwei der von Dir inkriminierten Beispiele:</p>
<p><strong>1) bemerken/sagen: </strong><br />
Es geht um den Kontext, nämlich das „bemerken <em>wollen</em>“. Im Verb „bemerken“ schwingt eine Wertung von außen mit, es spiegelt eine Beobachterposition. Doch hier geht es um einen Vorgang innerhalb der Figur, weshalb ich „bemerken“ an dieser Stelle nicht für das beste Verb halte. Eine Nuance, aber beim Erzielen von Wirkung geht es um Nuancen.</p>
<p><strong>2) „völlig entsetzt“: </strong><br />
Intensifikatoren (wie „völlig“, „ein wenig“, „sehr“ etc.) können dem Wort, das sie begleiten, Energie entziehen, paradoxerweise auch dann, wenn sie dieses Wort auf der semantischen Ebene verstärken. Sie seien wie Egel, die ihren Wörtern das Blut aussaugen, heißt es in „Elements of style“ („<em>Rather, very, little, pretty</em> – these are the leeches that infest the pond of prose, sucking the blood of words.“) Dieser Mechanismus dürfte damit zu tun haben, dass sich die Lese-Energie auf mehr Wörter verteilt und folglich jedes einzelne Wort weniger Energie abkriegt. Daher ist die knappere Wendung „die entsetzten Mienen der anwesenden Japaner” in der Wirkung stärker (zumindest auf mich) als „die völlig entsetzten Mienen der anwesenden Japaner“. Wobei ich jetzt gerade merke, dass auch „anwesenden“ redundant ist.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Claus Heck		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-421</link>

		<dc:creator><![CDATA[Claus Heck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Sep 2016 10:06:59 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=4276#comment-421</guid>

					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-417&quot;&gt;Sieglinde Geisel&lt;/a&gt;.

Ich bin ebenfalls kein Anhänger der Literatur von Christian Kracht, im Gegenteil. Außerdem finde ich die Art und Weise abstoßend, wie es Kracht und seiner Entourage bei jedem seiner Bücher aufs Neue gelingt, sich ins Rampenlicht der Aufmerksamkeit zu katapultieren. Allerdings bin ich im Fall dieser inkriminierten Passage nicht Sieglindes Auffassung, in keinster Weise! Und wie ich Senthuran Varatharajah gegen illegitime Angriffe verteidigt habe, tue ich es auch hier bei Kracht. Ich tue das, weil ich selbst Autor bin und mich die Anmaßung mancher sogenannter Kritiker stört, im ansatzweise überflogenen Text bereits erkennen zu können, ob er etwas taugt. 

Es handelt sich nicht um einen Test der Seite 99, sondern lediglich um einen einzelnen Satz. Sieglinde findet den Satz gedrechselt. Ich gar nicht. Aber was heißt eigentlich gedrechselt? Laut Wikipedia ist etwas gedrechselt, wenn es sich „in der horizontalen Ebene zentrisch um seine Achse dreht und das Werkzeug die zu erzeugende Kontur abfährt“ Es handelt sich hier, so meine Auffassung, um einen schön durchgearbeiteten Satz, ausgesprochen stimmig, und, wie ich finde, ein wunderbares Beispiel für etwas, das „zentrisch um die eigene Achse gedreht“ wird. 

Im Einzelnen zu Sieglindes Auseinandersetzung: 
- Selbstverständlich kann man nicht nur etwas sagen, sondern auch etwas „bemerken“. Ich jedenfalls sage hier nichts, sondern bemerke es. 
- Hier wird behauptet, „völlig entsetzt“ sei redundant. Ist es nicht. Ich sähe mich in der Lage, mindestens sieben Eskalationsstufen des Entsetzens zu beschreiben (das werde ich auch tun), auf der das „völlige Entsetzen“ einen lediglich mittleren Rang einnimmt. Selbst wenn es redundant wäre, was tut das zur Sache? Es ist eine Steigerung, die meines Erachtens genau das tut, was sie tun soll: eine Intensivierung beschreiben. 
- Bloß weil jemand die Hände vors Gesicht reißt, glaubt „man“, es komme ein Messer geflogen? Man? Die Autorin glaubt es, vielmehr: denkt es, und möchte, indem sie es zur allgemein gültigen Reaktion emporhebt – „man“ – , sich durch die vermeintliche Reaktion aller anderen den Rücken stärken lassen. Ich glaube es nicht. Ich erwarte da kein Messer, ich warte vielmehr einfach den Rest des Satzes ab. 
- Völlig aus der Luft gegriffen ist die Annahme, es gehe, wenn jemand die Hände vors Gesicht reißt, um Leben und Tod. 
- Natürlich kann sich etwas aus den Gesichtszügen einer Person lösen und sich dann, diese Loslösung steigernd, zu einem Wirbelsturm entwickeln, der vor allem im asiatisch-pazifischen Raum meist als Taifun bezeichnet wird. Nasensekrete, werden wir informiert, sind in asiatischen Ländern so tabuisiert „wie in den westlichen Gesellschaften die übrigen Körperflüssigkeiten“. Genauso also! Das wusste die Autorin. Aber wusste sie auch, dass die Japaner über Taifune sagen, dass sie ‚Gesichter‘ haben? Wusste sie nicht! Ich weiß es auch nicht. Aber vielleicht weiß es Kracht. Vielleicht ist das hier eine Metapher? Dass Winde blasen können, ist leicht zu erkennen, wenn man sich Zeichnungen für Kinder anschaut, auf denen diese Winde Gesichter haben: Gesichter, die die Backen aufblähen, um dann den Wind herauszublasen. Im „Blasen“ der Winde vermählt sich hier auf das allerschönste der kindlich-naive mit dem bedrohlich-gefährlichen Aspekt dieser Stürme. 
- Darüber hinaus niest kein Mensch nur mit seiner Nase, sondern mit den gesamten Gesichtszügen, manche Menschen sogar mit dem ganzen Körper. Manche niesen wie ein laues Lüftchen, andere wie eine Naturkatastrophe. 
- Dann wird behauptet, Kracht beschreibe „genüsslich“. Woran erkennt die Autorin das? Und wenn es tatsächlich so sein sollte: Wäre das nicht wunderbar, wenn Autoren es genießen, Worte und Sätze zu „drechseln“? Ich als Leser jedenfalls genieße es. Und ich möchte mir auch kein genussbereinigtes, puritanisches Lesen und Schreiben als das einzig Wahre vorgaukeln lassen. Warum also wird das hier als genüsslich empfunden? Und was folgt daraus, dass Kracht genüsslich formuliert? Darüber gibt die Autorin keine Auskunft. 
- Selbstverständlich kann sich in einem Tropfen die ganze Welt spiegeln. Wir haben es hier mit Literatur zu tun. Absurd, hier die Maßstäbe der realen Welt anzulegen oder zu fordern. Wer das tut, müsste auch fordern, dass die erzählte Zeit mit der Erzählzeit übereinstimmt. Dass es hier nicht um Größenverhältnisse geht und man hunderttausend Jahre in einem Satz erzählen kann und eine Sekunde in einem Roman entfalten, ist auf den ersten Blick klar. Ich kann Ereignisse in jede Richtung zeitlich und räumlich vergrößern und verkleinern. Zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass hier die Welt des Films beschrieben wird und filmische Mittel eingesetzt werden. So gesehen müsste dieser Satz die höchste Anerkennung eines versierten Stilkritikers bekommen! Und darüber hinaus: Vielleicht wird hier auf Jeff Koons verwiesen, in dessen, allerdings kitschigen Werken häufig Spiegelungen zu sehen sind; nicht die der Außenwelt, also keine natürlichen, sondern künstliche Speigelungen, die spiegeln, was tatsächlich gar nicht präsent ist. Kitsch, aber mit einem Schuss Genialität. Vielleicht macht das Kracht hier ebenso: der hält dem Leser einen Spiegel vor, in dem er, nicht wie Sieglinde glaubt, Kracht den Autor Kracht zu sehen bekommt, sondern sich selbst. Leser und Kritiker sehen in ihren ‚Verständnis‘ oder ihrer ‚Interpretation‘ oder ‚Stilkritik‘ nicht uns Autoren, sondern sich selbst.
- Und abschließend: wieso soll dieser Satz ein Fake sein? Eine Fälschung also. Fälschung von was? Was ist das Echte, wenn dies hier das Falsche ist? Und wieso soll das stilistisch verlogen sein? Wie kommt man dazu, hier eine Wahrheit zu postulieren, die die Leserin dieser Passage offenbar kennt oder zu kennen vorgibt. Die Lüge nicht vielmehr Kennzeichen literarischer Texte, Fiktionalität genannt, und deswegen müsste man sagen: je verlogener, desto kunstfertiger? Oder ist es so, dass hier immer noch ein Wahrheitsbegriff wirksam ist, dass wir also in der Literatur belogen und betrogen werden wollen, aber so, dass wir glauben können, es handele sich um die Wahrheit? Wir kaufen die Lüge, aber wir kaufen sie nur, wenn sie uns als Wahrheit präsentiert wird. Anders ausgedrückt wir wollen vom Text „Authentizität“, „Stimmigkeit“ oder „Glaubwürdigkeit“. Und eigentlich fordern wir das alles sogar vom Autor. Letztlich, so mein Verdacht, interessieren wir uns heute mehr für die Urheber als für ihre Werke. Weil diese gegenüber ihren Werken einen unschlagbaren Vorteil haben: Man muss nichts lesen, um sie zu verstehen. 

Sieglinde: Du sprichst von der Erwartung, die Kracht schürt. Woher weißt du, da es doch deine Erwartung ist, dass Kracht sie zu schüren beabsichtigte? Hat er dir erzählt, was er mit dieser Passage wollte? Es ist nicht Kracht, es sind deine eigenen Erwartungen, die dich täuschen. Wie kannst du annehmen, dass er genau dieses eine, was du empfindest, schürte, wo ein anderer, ich beispielsweise, doch bei jedem seiner Worte etwas vollkommen anderes liest und empfindet? Soll ich jetzt von meinen Empfindungen ebenfalls annehmen, dass Kracht sie schürte, er also mit denselben Worten bei dir das eine und bei mir das andere schürt? Und so wie du bei dem Wort „Machwerk“ an etwas ganz anders gedacht hast, als eine Kommentatorin, so denkt vielleicht auch Kracht an ganz andere Dinge als du. Aber anders als du hier, kann Kracht das jetzt nicht mehr geraderücken. Und noch viel wichtiger: Von welcher Absicht Krachts sprichst du hier eigentlich? Du glaubst ernstlich, Kracht wolle dir „zeigen, was er kann“? 

Wie kommt der Leser, und der Kritiker ist ein Leser – häufig sogar ein sehr schlechter, weil er unter großem Zeitdruck ein Ergebnis zuwege bringen muss; hinterher behauptet er allerdings gerne, das schnell Zusammengeschriebene sei das Beste –, auf den aberwitzigen Gedanken, er sei gemeint? Er und seine Emotionen, seien mit dem Text gemeint oder gar intendiert? Es ist nicht der Autor, der den Leser meint. Es ist der Leser, der sich als gemeint imaginiert und damit ins Zentrum des Textes rückt. Aber wir Autoren meinen nicht euch, wenn wir unsere Texte schreiben! Wir Autoren arbeiten auch nicht mit rhetorischen Mitteln! Es sind die Kritiker, die diese Mittel brauchen, um sich im Text zu orientieren. Ich weiß auch gar nicht, wie Kritiker auf den absurden Gedanken verfallen konnten, wir Autoren schürten etwas. Wir schüren nichts. Wir verarbeiten auch nichts. Wir drechseln lediglich, so kunstvoll wie möglich: Worte. Idealerweise „zentrisch um die eigene Achse gedreht“, wobei das Werkzeug, die Sprache, „die zu erzeugende Kontur“, die Geschichte nämlich, „abfährt“. 

Mir drängt sich hier der Verdacht auf, dass hier ein Verriss gewollt wurde. Weil Verrisse mehr Aufmerksamkeit erzeugen, also Lobhudeleien. Und weil Literatur immer auch Politik ist und es gerade politisch opportun ist, Kracht herunterzumachen. So wie es ebenfalls politisch opportun ist, sich überhaupt mit Kracht auseinanderzusetzen. Einfach nur schlechte Literatur, und darum handelt es sich ja deiner Analyse nach, müsste man lediglich ignorieren. Aber Bücher, gelesen oder nicht, davon gehört oder nicht, die erste oder die 99 Seite überflogen: sie eigenen sich immer gleichermaßen wunderbar, sich im Literaturbetrieb zu positionieren. 

Ich kann auch nicht erkennen, dass es sich um eine Stilkritik handelt, hier wird keinerlei stilistisches Vokabular bemüht. Es ist lediglich ein Abwatschen. Du sagst selbst, du folgst deinen „Launen“. Ich hingegen schätze eine aufwändige Sprachgestaltung und einen hohen Stil, große Teile unserer so genannten Hochliteratur sind so geschrieben. Darüber hinaus: Ich sehe keinen Grund, warum ein stilistischer Mehr-Aufwand – mehr als was, eigentlich? –  nur von der Sache her gerechtfertigt sein soll. Warum soll ein Autor nicht hochartifiziell schreiben dürfen? Diese Artifizialität ist Kennzeichen einer schriftlichen, nämlich strukturierten und durchgearbeiteten Sprache. Dürfen wir Autoren das nicht mehr, weil in den Zeiten von Knausgård unsere Leser nicht mehr in der Lage sind, das adäquat aufzunehmen. Auch Thomas Manns Sprache war nicht stilistische Selbstbefriedigung. Er hat es verstanden, die Sache, um die es ihm geht, in diese und in keine anderen Worte zu kleiden. Und dieses Recht nimmt sich Kracht auch heraus. Dabei empfinde ich diesen Satz nicht als manieriert, auch nicht als artifiziell oder süffisant. Das ist ein schöner, in keiner Weise überzogener Satz, der genau das tut, was literarische Sprache können muss: die Fäden des Verstehens in alle Richtungen offenzuhalten. Nicht offen ist allerdings diese eine Richtung: das gewollte Missverständnis. 

Du hast in deinem ersten von drei Einträgen zu einem Buch, dass du nicht gelesen hast, zu Recht gesagt, vielmehr bemerkt, dass es egal ist, wann das Buch erscheint. Vielleicht ist es aber noch schlimmer: es ist offenbar sogar egal, was drin steht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-417">Sieglinde Geisel</a>.</p>
<p>Ich bin ebenfalls kein Anhänger der Literatur von Christian Kracht, im Gegenteil. Außerdem finde ich die Art und Weise abstoßend, wie es Kracht und seiner Entourage bei jedem seiner Bücher aufs Neue gelingt, sich ins Rampenlicht der Aufmerksamkeit zu katapultieren. Allerdings bin ich im Fall dieser inkriminierten Passage nicht Sieglindes Auffassung, in keinster Weise! Und wie ich Senthuran Varatharajah gegen illegitime Angriffe verteidigt habe, tue ich es auch hier bei Kracht. Ich tue das, weil ich selbst Autor bin und mich die Anmaßung mancher sogenannter Kritiker stört, im ansatzweise überflogenen Text bereits erkennen zu können, ob er etwas taugt. </p>
<p>Es handelt sich nicht um einen Test der Seite 99, sondern lediglich um einen einzelnen Satz. Sieglinde findet den Satz gedrechselt. Ich gar nicht. Aber was heißt eigentlich gedrechselt? Laut Wikipedia ist etwas gedrechselt, wenn es sich „in der horizontalen Ebene zentrisch um seine Achse dreht und das Werkzeug die zu erzeugende Kontur abfährt“ Es handelt sich hier, so meine Auffassung, um einen schön durchgearbeiteten Satz, ausgesprochen stimmig, und, wie ich finde, ein wunderbares Beispiel für etwas, das „zentrisch um die eigene Achse gedreht“ wird. </p>
<p>Im Einzelnen zu Sieglindes Auseinandersetzung:<br />
&#8211; Selbstverständlich kann man nicht nur etwas sagen, sondern auch etwas „bemerken“. Ich jedenfalls sage hier nichts, sondern bemerke es.<br />
&#8211; Hier wird behauptet, „völlig entsetzt“ sei redundant. Ist es nicht. Ich sähe mich in der Lage, mindestens sieben Eskalationsstufen des Entsetzens zu beschreiben (das werde ich auch tun), auf der das „völlige Entsetzen“ einen lediglich mittleren Rang einnimmt. Selbst wenn es redundant wäre, was tut das zur Sache? Es ist eine Steigerung, die meines Erachtens genau das tut, was sie tun soll: eine Intensivierung beschreiben.<br />
&#8211; Bloß weil jemand die Hände vors Gesicht reißt, glaubt „man“, es komme ein Messer geflogen? Man? Die Autorin glaubt es, vielmehr: denkt es, und möchte, indem sie es zur allgemein gültigen Reaktion emporhebt – „man“ – , sich durch die vermeintliche Reaktion aller anderen den Rücken stärken lassen. Ich glaube es nicht. Ich erwarte da kein Messer, ich warte vielmehr einfach den Rest des Satzes ab.<br />
&#8211; Völlig aus der Luft gegriffen ist die Annahme, es gehe, wenn jemand die Hände vors Gesicht reißt, um Leben und Tod.<br />
&#8211; Natürlich kann sich etwas aus den Gesichtszügen einer Person lösen und sich dann, diese Loslösung steigernd, zu einem Wirbelsturm entwickeln, der vor allem im asiatisch-pazifischen Raum meist als Taifun bezeichnet wird. Nasensekrete, werden wir informiert, sind in asiatischen Ländern so tabuisiert „wie in den westlichen Gesellschaften die übrigen Körperflüssigkeiten“. Genauso also! Das wusste die Autorin. Aber wusste sie auch, dass die Japaner über Taifune sagen, dass sie ‚Gesichter‘ haben? Wusste sie nicht! Ich weiß es auch nicht. Aber vielleicht weiß es Kracht. Vielleicht ist das hier eine Metapher? Dass Winde blasen können, ist leicht zu erkennen, wenn man sich Zeichnungen für Kinder anschaut, auf denen diese Winde Gesichter haben: Gesichter, die die Backen aufblähen, um dann den Wind herauszublasen. Im „Blasen“ der Winde vermählt sich hier auf das allerschönste der kindlich-naive mit dem bedrohlich-gefährlichen Aspekt dieser Stürme.<br />
&#8211; Darüber hinaus niest kein Mensch nur mit seiner Nase, sondern mit den gesamten Gesichtszügen, manche Menschen sogar mit dem ganzen Körper. Manche niesen wie ein laues Lüftchen, andere wie eine Naturkatastrophe.<br />
&#8211; Dann wird behauptet, Kracht beschreibe „genüsslich“. Woran erkennt die Autorin das? Und wenn es tatsächlich so sein sollte: Wäre das nicht wunderbar, wenn Autoren es genießen, Worte und Sätze zu „drechseln“? Ich als Leser jedenfalls genieße es. Und ich möchte mir auch kein genussbereinigtes, puritanisches Lesen und Schreiben als das einzig Wahre vorgaukeln lassen. Warum also wird das hier als genüsslich empfunden? Und was folgt daraus, dass Kracht genüsslich formuliert? Darüber gibt die Autorin keine Auskunft.<br />
&#8211; Selbstverständlich kann sich in einem Tropfen die ganze Welt spiegeln. Wir haben es hier mit Literatur zu tun. Absurd, hier die Maßstäbe der realen Welt anzulegen oder zu fordern. Wer das tut, müsste auch fordern, dass die erzählte Zeit mit der Erzählzeit übereinstimmt. Dass es hier nicht um Größenverhältnisse geht und man hunderttausend Jahre in einem Satz erzählen kann und eine Sekunde in einem Roman entfalten, ist auf den ersten Blick klar. Ich kann Ereignisse in jede Richtung zeitlich und räumlich vergrößern und verkleinern. Zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass hier die Welt des Films beschrieben wird und filmische Mittel eingesetzt werden. So gesehen müsste dieser Satz die höchste Anerkennung eines versierten Stilkritikers bekommen! Und darüber hinaus: Vielleicht wird hier auf Jeff Koons verwiesen, in dessen, allerdings kitschigen Werken häufig Spiegelungen zu sehen sind; nicht die der Außenwelt, also keine natürlichen, sondern künstliche Speigelungen, die spiegeln, was tatsächlich gar nicht präsent ist. Kitsch, aber mit einem Schuss Genialität. Vielleicht macht das Kracht hier ebenso: der hält dem Leser einen Spiegel vor, in dem er, nicht wie Sieglinde glaubt, Kracht den Autor Kracht zu sehen bekommt, sondern sich selbst. Leser und Kritiker sehen in ihren ‚Verständnis‘ oder ihrer ‚Interpretation‘ oder ‚Stilkritik‘ nicht uns Autoren, sondern sich selbst.<br />
&#8211; Und abschließend: wieso soll dieser Satz ein Fake sein? Eine Fälschung also. Fälschung von was? Was ist das Echte, wenn dies hier das Falsche ist? Und wieso soll das stilistisch verlogen sein? Wie kommt man dazu, hier eine Wahrheit zu postulieren, die die Leserin dieser Passage offenbar kennt oder zu kennen vorgibt. Die Lüge nicht vielmehr Kennzeichen literarischer Texte, Fiktionalität genannt, und deswegen müsste man sagen: je verlogener, desto kunstfertiger? Oder ist es so, dass hier immer noch ein Wahrheitsbegriff wirksam ist, dass wir also in der Literatur belogen und betrogen werden wollen, aber so, dass wir glauben können, es handele sich um die Wahrheit? Wir kaufen die Lüge, aber wir kaufen sie nur, wenn sie uns als Wahrheit präsentiert wird. Anders ausgedrückt wir wollen vom Text „Authentizität“, „Stimmigkeit“ oder „Glaubwürdigkeit“. Und eigentlich fordern wir das alles sogar vom Autor. Letztlich, so mein Verdacht, interessieren wir uns heute mehr für die Urheber als für ihre Werke. Weil diese gegenüber ihren Werken einen unschlagbaren Vorteil haben: Man muss nichts lesen, um sie zu verstehen. </p>
<p>Sieglinde: Du sprichst von der Erwartung, die Kracht schürt. Woher weißt du, da es doch deine Erwartung ist, dass Kracht sie zu schüren beabsichtigte? Hat er dir erzählt, was er mit dieser Passage wollte? Es ist nicht Kracht, es sind deine eigenen Erwartungen, die dich täuschen. Wie kannst du annehmen, dass er genau dieses eine, was du empfindest, schürte, wo ein anderer, ich beispielsweise, doch bei jedem seiner Worte etwas vollkommen anderes liest und empfindet? Soll ich jetzt von meinen Empfindungen ebenfalls annehmen, dass Kracht sie schürte, er also mit denselben Worten bei dir das eine und bei mir das andere schürt? Und so wie du bei dem Wort „Machwerk“ an etwas ganz anders gedacht hast, als eine Kommentatorin, so denkt vielleicht auch Kracht an ganz andere Dinge als du. Aber anders als du hier, kann Kracht das jetzt nicht mehr geraderücken. Und noch viel wichtiger: Von welcher Absicht Krachts sprichst du hier eigentlich? Du glaubst ernstlich, Kracht wolle dir „zeigen, was er kann“? </p>
<p>Wie kommt der Leser, und der Kritiker ist ein Leser – häufig sogar ein sehr schlechter, weil er unter großem Zeitdruck ein Ergebnis zuwege bringen muss; hinterher behauptet er allerdings gerne, das schnell Zusammengeschriebene sei das Beste –, auf den aberwitzigen Gedanken, er sei gemeint? Er und seine Emotionen, seien mit dem Text gemeint oder gar intendiert? Es ist nicht der Autor, der den Leser meint. Es ist der Leser, der sich als gemeint imaginiert und damit ins Zentrum des Textes rückt. Aber wir Autoren meinen nicht euch, wenn wir unsere Texte schreiben! Wir Autoren arbeiten auch nicht mit rhetorischen Mitteln! Es sind die Kritiker, die diese Mittel brauchen, um sich im Text zu orientieren. Ich weiß auch gar nicht, wie Kritiker auf den absurden Gedanken verfallen konnten, wir Autoren schürten etwas. Wir schüren nichts. Wir verarbeiten auch nichts. Wir drechseln lediglich, so kunstvoll wie möglich: Worte. Idealerweise „zentrisch um die eigene Achse gedreht“, wobei das Werkzeug, die Sprache, „die zu erzeugende Kontur“, die Geschichte nämlich, „abfährt“. </p>
<p>Mir drängt sich hier der Verdacht auf, dass hier ein Verriss gewollt wurde. Weil Verrisse mehr Aufmerksamkeit erzeugen, also Lobhudeleien. Und weil Literatur immer auch Politik ist und es gerade politisch opportun ist, Kracht herunterzumachen. So wie es ebenfalls politisch opportun ist, sich überhaupt mit Kracht auseinanderzusetzen. Einfach nur schlechte Literatur, und darum handelt es sich ja deiner Analyse nach, müsste man lediglich ignorieren. Aber Bücher, gelesen oder nicht, davon gehört oder nicht, die erste oder die 99 Seite überflogen: sie eigenen sich immer gleichermaßen wunderbar, sich im Literaturbetrieb zu positionieren. </p>
<p>Ich kann auch nicht erkennen, dass es sich um eine Stilkritik handelt, hier wird keinerlei stilistisches Vokabular bemüht. Es ist lediglich ein Abwatschen. Du sagst selbst, du folgst deinen „Launen“. Ich hingegen schätze eine aufwändige Sprachgestaltung und einen hohen Stil, große Teile unserer so genannten Hochliteratur sind so geschrieben. Darüber hinaus: Ich sehe keinen Grund, warum ein stilistischer Mehr-Aufwand – mehr als was, eigentlich? –  nur von der Sache her gerechtfertigt sein soll. Warum soll ein Autor nicht hochartifiziell schreiben dürfen? Diese Artifizialität ist Kennzeichen einer schriftlichen, nämlich strukturierten und durchgearbeiteten Sprache. Dürfen wir Autoren das nicht mehr, weil in den Zeiten von Knausgård unsere Leser nicht mehr in der Lage sind, das adäquat aufzunehmen. Auch Thomas Manns Sprache war nicht stilistische Selbstbefriedigung. Er hat es verstanden, die Sache, um die es ihm geht, in diese und in keine anderen Worte zu kleiden. Und dieses Recht nimmt sich Kracht auch heraus. Dabei empfinde ich diesen Satz nicht als manieriert, auch nicht als artifiziell oder süffisant. Das ist ein schöner, in keiner Weise überzogener Satz, der genau das tut, was literarische Sprache können muss: die Fäden des Verstehens in alle Richtungen offenzuhalten. Nicht offen ist allerdings diese eine Richtung: das gewollte Missverständnis. </p>
<p>Du hast in deinem ersten von drei Einträgen zu einem Buch, dass du nicht gelesen hast, zu Recht gesagt, vielmehr bemerkt, dass es egal ist, wann das Buch erscheint. Vielleicht ist es aber noch schlimmer: es ist offenbar sogar egal, was drin steht.</p>
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			</item>
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		<title>
		Von: SätzeundSchätze		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-420</link>

		<dc:creator><![CDATA[SätzeundSchätze]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Sep 2016 08:16:57 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=4276#comment-420</guid>

					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-419&quot;&gt;Frank Heibert&lt;/a&gt;.

Wertung, so meine ich, beginnt schon bei der Auswahl der Bücher, die ich lese - wenn ich denn nicht beruflich mit Literatur zu tun habe und gezwungenermaßen jede relevante Neuerscheinung lesen muss (aber da beginnt es schon: Wodurch wird eine Neuerscheinung relevant?). Jedenfalls: Nach welchen Kriterien suche ich mir die Literatur aus, mit der ich ja einen nicht unwesentlichen Teil meiner Zeit verbringe? In vielen Fällen, behaupte ich mal, spielen da bei der Buchauswahl literaturästhetische Kriterien zunächst eher eine nachrangige Rolle für den &quot;Freizeit-Leser&quot;, wie ich es auch bin. Man unterliegt vielerlei Einflüssen: Massives Marketing, Fernsehen-Buchverkaufs-Sendungen, Longlistlesen etc. pp.. Sozialisation, eigene Interessen usw. beeinflussen die Lektüre ebenso. Ich habe mir in den vergangenen Tagen, auch angeregt durch diese interessante Diskussion hier, einige Feuilleton-Rezension genauer angesehen: Der Umgang mit Sprache eines Autors wird häufig nur rudimentär untersucht oder wie im Falle Krachts auch mit Etiketten, die wiederholt werden. Umso wichtiger finde ich daher den 99 Page-Test - er regt mich als Leserin an, wie Frank Heibert schreibt, &quot;wacher&quot; zu lesen, genauer hinzuschauen. Und daher finde ich den Vorschlag von Stephanie höchst anregend - vier Augen sehr mehr... Daher bitte weiter so!
Eine andere Variante des Tests habe ich in Sachen Knausgard - den ich komplett nicht gelesen habe noch lesen will, das trifft einfach nicht meine Interessen - dieser Tage in einer Buchhandlung unternommen: Ein kurzer Blick auf diverse 99er Seiten dieser Selbstbespiegelungs-Serie genügt, um die Diagnose von Sieglinde Geisel - https://tell-review.de/satz-fuer-satz-6-glanz-und-elend-des-adjektivs/ - zu untermauern.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-419">Frank Heibert</a>.</p>
<p>Wertung, so meine ich, beginnt schon bei der Auswahl der Bücher, die ich lese &#8211; wenn ich denn nicht beruflich mit Literatur zu tun habe und gezwungenermaßen jede relevante Neuerscheinung lesen muss (aber da beginnt es schon: Wodurch wird eine Neuerscheinung relevant?). Jedenfalls: Nach welchen Kriterien suche ich mir die Literatur aus, mit der ich ja einen nicht unwesentlichen Teil meiner Zeit verbringe? In vielen Fällen, behaupte ich mal, spielen da bei der Buchauswahl literaturästhetische Kriterien zunächst eher eine nachrangige Rolle für den &#8222;Freizeit-Leser&#8220;, wie ich es auch bin. Man unterliegt vielerlei Einflüssen: Massives Marketing, Fernsehen-Buchverkaufs-Sendungen, Longlistlesen etc. pp.. Sozialisation, eigene Interessen usw. beeinflussen die Lektüre ebenso. Ich habe mir in den vergangenen Tagen, auch angeregt durch diese interessante Diskussion hier, einige Feuilleton-Rezension genauer angesehen: Der Umgang mit Sprache eines Autors wird häufig nur rudimentär untersucht oder wie im Falle Krachts auch mit Etiketten, die wiederholt werden. Umso wichtiger finde ich daher den 99 Page-Test &#8211; er regt mich als Leserin an, wie Frank Heibert schreibt, &#8222;wacher&#8220; zu lesen, genauer hinzuschauen. Und daher finde ich den Vorschlag von Stephanie höchst anregend &#8211; vier Augen sehr mehr&#8230; Daher bitte weiter so!<br />
Eine andere Variante des Tests habe ich in Sachen Knausgard &#8211; den ich komplett nicht gelesen habe noch lesen will, das trifft einfach nicht meine Interessen &#8211; dieser Tage in einer Buchhandlung unternommen: Ein kurzer Blick auf diverse 99er Seiten dieser Selbstbespiegelungs-Serie genügt, um die Diagnose von Sieglinde Geisel &#8211; <a href="https://tell-review.de/satz-fuer-satz-6-glanz-und-elend-des-adjektivs/" rel="ugc">https://tell-review.de/satz-fuer-satz-6-glanz-und-elend-des-adjektivs/</a> &#8211; zu untermauern.</p>
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		<item>
		<title>
		Von: Frank Heibert		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-419</link>

		<dc:creator><![CDATA[Frank Heibert]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Sep 2016 17:35:44 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=4276#comment-419</guid>

					<description><![CDATA[Danke, Lars Hartmann. Gute Ergänzung. Wobei: Ich glaube, egal wie sehr wir versuchten, es zu unterlassen, wir &quot;werten&quot; doch beim Lesen immer. Finde ich auch in Ordnung, vor allem, wenn man sich darum bemüht, danke, Sieglinde, &quot;wacher zu lesen&quot;.
Zur Idee von Stephanie Jäckel: Ich wäre dabei, wenn es darum ginge, mehrere Lektüren irgendeiner Page 99 nebeneinander zu stellen, und Freiwillige gesucht würden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Danke, Lars Hartmann. Gute Ergänzung. Wobei: Ich glaube, egal wie sehr wir versuchten, es zu unterlassen, wir &#8222;werten&#8220; doch beim Lesen immer. Finde ich auch in Ordnung, vor allem, wenn man sich darum bemüht, danke, Sieglinde, &#8222;wacher zu lesen&#8220;.<br />
Zur Idee von Stephanie Jäckel: Ich wäre dabei, wenn es darum ginge, mehrere Lektüren irgendeiner Page 99 nebeneinander zu stellen, und Freiwillige gesucht würden.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Anselm Bühling		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-418</link>

		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2016 09:56:45 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=4276#comment-418</guid>

					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-412&quot;&gt;Stephanie Jaeckel&lt;/a&gt;.

Der Vorschlag ist sehr gut. Allerdings sollte man das nicht bei jedem Page-99-Test machen. Aber es wäre sicher spannend, bei vieldiskutierten Büchern gelegentlich auch mal zwei Perspektiven zu bringen, und in Ausnahmefällen drei.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-412">Stephanie Jaeckel</a>.</p>
<p>Der Vorschlag ist sehr gut. Allerdings sollte man das nicht bei jedem Page-99-Test machen. Aber es wäre sicher spannend, bei vieldiskutierten Büchern gelegentlich auch mal zwei Perspektiven zu bringen, und in Ausnahmefällen drei.</p>
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		<title>
		Von: Sieglinde Geisel		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-417</link>

		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2016 09:56:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-415&quot;&gt;Lars Hartmann&lt;/a&gt;.

@Frank Heibert und @Lars Hartmann. Sehr erhellend! Was wir hier machen ist ja, den Prozess des kritischen Lesens unter die Lupe zu nehmen im Unterschied zum Page-99-Test, der die Literatur unter die Lupe nimmt. Jede Lektüre verändert das Gehirn (so eine Erkenntnis der Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf in &quot;Das lesende Gehirn&quot;), erweitert die Wahrnehmungsmöglichkeiten gegenüber einem Text. Also liest jeder Kopf anders. Es geht nicht so sehr um objektiv und subjektiv, sondern um die Frage, ob man sich seines eigenen Lesens bewusst ist. Man kann nie alles merken, was sich bei dem hochkomplexen Akt des Lesens abspielt, aber man kann wacher oder weniger wach lesen. In diesem Sinn ist der Page-99-Test ja lesen im Labor. Man würde das keine 20 Seiten durchhalten. Es ist für mich eher so ein Fitness-Training (kurz &#038; heftig), das allerdings auf die Spaziergänge einen Einfluss hat, ohne dass ich genau benennen könnte, was sich dadurch in meinem sonstigen Lesen verändert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-415">Lars Hartmann</a>.</p>
<p>@Frank Heibert und @Lars Hartmann. Sehr erhellend! Was wir hier machen ist ja, den Prozess des kritischen Lesens unter die Lupe zu nehmen im Unterschied zum Page-99-Test, der die Literatur unter die Lupe nimmt. Jede Lektüre verändert das Gehirn (so eine Erkenntnis der Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf in &#8222;Das lesende Gehirn&#8220;), erweitert die Wahrnehmungsmöglichkeiten gegenüber einem Text. Also liest jeder Kopf anders. Es geht nicht so sehr um objektiv und subjektiv, sondern um die Frage, ob man sich seines eigenen Lesens bewusst ist. Man kann nie alles merken, was sich bei dem hochkomplexen Akt des Lesens abspielt, aber man kann wacher oder weniger wach lesen. In diesem Sinn ist der Page-99-Test ja lesen im Labor. Man würde das keine 20 Seiten durchhalten. Es ist für mich eher so ein Fitness-Training (kurz &amp; heftig), das allerdings auf die Spaziergänge einen Einfluss hat, ohne dass ich genau benennen könnte, was sich dadurch in meinem sonstigen Lesen verändert.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Sieglinde Geisel		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-416</link>

		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2016 09:51:00 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=4276#comment-416</guid>

					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-412&quot;&gt;Stephanie Jaeckel&lt;/a&gt;.

Toller Vorschlag! Dann müsste man das etwas langfristiger planen (ich folge bei den Page-99-Tests meinen Launen, das ist sehr spontan) und herausfinden, wie viele Perspektiven man überblicken kann. Schon ein dialogischer Page-99-Test wäre eine grundsätzliche Erweiterung, ob man das mit drei oder vier Leserstimmen noch unter einen gedanklichen Hut bringt, müsste man ausprobieren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-412">Stephanie Jaeckel</a>.</p>
<p>Toller Vorschlag! Dann müsste man das etwas langfristiger planen (ich folge bei den Page-99-Tests meinen Launen, das ist sehr spontan) und herausfinden, wie viele Perspektiven man überblicken kann. Schon ein dialogischer Page-99-Test wäre eine grundsätzliche Erweiterung, ob man das mit drei oder vier Leserstimmen noch unter einen gedanklichen Hut bringt, müsste man ausprobieren.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Lars Hartmann		</title>
		<link>https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/#comment-415</link>

		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2016 09:38:05 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=4276#comment-415</guid>

					<description><![CDATA[Kurz nur zu einem Aspekt aus der Vielzahl an feinen Bezügen, die Frank Heibert uns nannte:

&lt;i&gt;„Wäre es nicht gerade spannend, eine Kategorie zu haben, mit der, noch bevor wir zu werten beginnen, ebenso Danella wie Dante, Pilcher wie Proust in ihrer jeweiligen Strahlkraft betrachtet werden könnten?“&lt;/i&gt;

Zum einen habe ich mit dem Begriff „werten“ ein Problem, zum anderen mit einem Begriff wie „objektiver Wahrheit“, die Frank Heibert weiter unten (in kritischer Absicht) anspricht. Ein ästhetisches Urteil ist eine komplexe Sache. Es verschränken sich darin jene genannten Idiosynkrasien, ein Moment von Geschmack sowie ästhetisches Bewußtsein und Kunstwissen, Wahrheits- und Geltungsansprüche – zumindest in einem relationalen Rahmen –, es artikuliert sich darin eine Erfahrung, die wir mit dem Kunstwerk machen und ebenso der Blick in das Werk selbst, das Gemachtsein eines Textes: Was es ist, dies zu sein, so wie es ist. Was genau ist es, das in einem Text gelingt? Insofern scheint mir der Page-99-Test zumindest eine Basis zu liefern für eine textimmanente Lektüre – manchmal eben mit einem Augenzwinkern vorgetragen und unter der Perspektive, daß nicht das komplette Werk gesichtet werden kann.

Ich denke jedoch, daß wir eine solche Kategorie, wie in dem obigen Zitat von Frank Heibert nicht haben können, weil kein Text schlicht für sich steht, sondern bereits in ein System von Bezügen gebunden ist. Selbst dann, wenn man den Autorennamen einmal fortließe und nur die Sätze als solche prüfte. Ich denke, schnell würde sich erweisen, daß Danella mit Sprachmarken und -klischees arbeitet und es bleibt wenig von der Strahlkraft übrig. Was nicht ausschließt, daß es in ihrem Text einzelne Sätze geben mag, die gut sind. Aber wie es bei Kunstwerken ist: Teil und Ganzes, Allgemeines und Einzelnes, Form und Inhalt stehen sich nicht starr gegenüber.

Zudem denke ich, daß es im ästhetischen Urteil insofern nicht ums Werten geht (oder gehen sollte), weil sich im Urteil eben Momente ästhetischer Erfahrung wie auch Aussagen über das Werk als solches vermischen. Solche Urteile beinhalten komplexe Prozesse, so z.B. wie sich einer mit einem Werk auseinandersetzt – jenseits vom bloßen Geschmacksurteil eines „Gefällt mir“, gegen das man mit Argumenten nicht viel sagen kann. Wer Kutteln mag, dem wird man es nicht ausreden wollen.

Worauf es vielleicht ankomm, ist, von der subjektiven Bewertung, von den eigenen Vorlieben oder Abneigungen her zu einer umfassenden Perspektive zu gelangen, die womöglich auch den eigenen Referenzrahmen, der sich gerne bestätigt sieht, hinter sich läßt.

Was man Glaubwürdigkeit nennt, ließ sich mit dem Begriff der ästhetischen Konstruktion gut beschreiben, zu dem auch der der Stimmigkeit paßt. (Die bei Kracht leider nur bedingt funktioniert. Ich habe das in meiner Besprechung auf „Aisthesis“ gezeigt.) Wie einzelne Sätze gebaut sind, wie das Gefüge konstruiert ist, was da eigentlich erzählt wird. Das ergibt ein Bündel von Bezügen und die muß ein Kritiker in den Blick gekommen - was ein Page-99-Test nie leisten kann und vermutlich auch nicht will. Ich beschließe diesen Kommentar mit einem Zitat von Adorno, das eine zentrale Bestimmung von Ästhetik und Kritik nennt. Adorno schrieb im Zusammenhang seiner Valéry-Lektüre:

„Die Fähigkeit, Kunstwerke von innen, in der Logik ihres Produziertseins zu sehen - eine Einheit von Vollzug und Reflexion, die sich weder hinter Naivetät verschanzt, noch ihre konkreten Bestimmungen eilfertig in den allgemeinen Begriff verflüchtigt, ist wohl die allein mögliche Gestalt von Ästhetik heute.“]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kurz nur zu einem Aspekt aus der Vielzahl an feinen Bezügen, die Frank Heibert uns nannte:</p>
<p><i>„Wäre es nicht gerade spannend, eine Kategorie zu haben, mit der, noch bevor wir zu werten beginnen, ebenso Danella wie Dante, Pilcher wie Proust in ihrer jeweiligen Strahlkraft betrachtet werden könnten?“</i></p>
<p>Zum einen habe ich mit dem Begriff „werten“ ein Problem, zum anderen mit einem Begriff wie „objektiver Wahrheit“, die Frank Heibert weiter unten (in kritischer Absicht) anspricht. Ein ästhetisches Urteil ist eine komplexe Sache. Es verschränken sich darin jene genannten Idiosynkrasien, ein Moment von Geschmack sowie ästhetisches Bewußtsein und Kunstwissen, Wahrheits- und Geltungsansprüche – zumindest in einem relationalen Rahmen –, es artikuliert sich darin eine Erfahrung, die wir mit dem Kunstwerk machen und ebenso der Blick in das Werk selbst, das Gemachtsein eines Textes: Was es ist, dies zu sein, so wie es ist. Was genau ist es, das in einem Text gelingt? Insofern scheint mir der Page-99-Test zumindest eine Basis zu liefern für eine textimmanente Lektüre – manchmal eben mit einem Augenzwinkern vorgetragen und unter der Perspektive, daß nicht das komplette Werk gesichtet werden kann.</p>
<p>Ich denke jedoch, daß wir eine solche Kategorie, wie in dem obigen Zitat von Frank Heibert nicht haben können, weil kein Text schlicht für sich steht, sondern bereits in ein System von Bezügen gebunden ist. Selbst dann, wenn man den Autorennamen einmal fortließe und nur die Sätze als solche prüfte. Ich denke, schnell würde sich erweisen, daß Danella mit Sprachmarken und -klischees arbeitet und es bleibt wenig von der Strahlkraft übrig. Was nicht ausschließt, daß es in ihrem Text einzelne Sätze geben mag, die gut sind. Aber wie es bei Kunstwerken ist: Teil und Ganzes, Allgemeines und Einzelnes, Form und Inhalt stehen sich nicht starr gegenüber.</p>
<p>Zudem denke ich, daß es im ästhetischen Urteil insofern nicht ums Werten geht (oder gehen sollte), weil sich im Urteil eben Momente ästhetischer Erfahrung wie auch Aussagen über das Werk als solches vermischen. Solche Urteile beinhalten komplexe Prozesse, so z.B. wie sich einer mit einem Werk auseinandersetzt – jenseits vom bloßen Geschmacksurteil eines „Gefällt mir“, gegen das man mit Argumenten nicht viel sagen kann. Wer Kutteln mag, dem wird man es nicht ausreden wollen.</p>
<p>Worauf es vielleicht ankomm, ist, von der subjektiven Bewertung, von den eigenen Vorlieben oder Abneigungen her zu einer umfassenden Perspektive zu gelangen, die womöglich auch den eigenen Referenzrahmen, der sich gerne bestätigt sieht, hinter sich läßt.</p>
<p>Was man Glaubwürdigkeit nennt, ließ sich mit dem Begriff der ästhetischen Konstruktion gut beschreiben, zu dem auch der der Stimmigkeit paßt. (Die bei Kracht leider nur bedingt funktioniert. Ich habe das in meiner Besprechung auf „Aisthesis“ gezeigt.) Wie einzelne Sätze gebaut sind, wie das Gefüge konstruiert ist, was da eigentlich erzählt wird. Das ergibt ein Bündel von Bezügen und die muß ein Kritiker in den Blick gekommen &#8211; was ein Page-99-Test nie leisten kann und vermutlich auch nicht will. Ich beschließe diesen Kommentar mit einem Zitat von Adorno, das eine zentrale Bestimmung von Ästhetik und Kritik nennt. Adorno schrieb im Zusammenhang seiner Valéry-Lektüre:</p>
<p>„Die Fähigkeit, Kunstwerke von innen, in der Logik ihres Produziertseins zu sehen &#8211; eine Einheit von Vollzug und Reflexion, die sich weder hinter Naivetät verschanzt, noch ihre konkreten Bestimmungen eilfertig in den allgemeinen Begriff verflüchtigt, ist wohl die allein mögliche Gestalt von Ästhetik heute.“</p>
]]></content:encoded>
		
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